4. Die ersten Jahre in Leipzig.

Es ist Henriette Goldschmidt immer bedeutungsvoll erschienen, daß sie

gerade im Schillerjahr 1859 nach Deutschland zurückkehren konnte. Freilich

in einem wirklich freien Lande lag Leipzig, in das die Familie gerade im

Trubel der weltberühmten Messe einzog, auch nicht. Aber befreit fühlten

sich die Gatten mit ihren drei Söhnen doch, es war das ein andres Atmen;

Henriette Goldschmidt schrieb darüber: „Zwar ein Land der Freiheit konnte

man Deutschland am wenigsten in den fünfziger Jahren nennen, denn dem

Jahre 48 folgte die Zeit der Reaktion auf dem Fuße. Jede freie Regung

wurde unterdrückt, die besten Männer wurden als Verbrecher ins Gefängnis

gesetzt oder sie entzogen sich dem durch die Flucht ins Ausland. Doch

nicht schlaff und feige ließ man die Machthaber gewähren; der Kampfplatz,

den das Jahr 1848 geschaffen hatte, blieb nicht ohne Kämpfer. Nur die

Waffe wurde gewechselt, mit der Waffe, die das Volk von ‚Gottes Gnaden‘

erhalten, mit den Worten seiner Denker und Propheten führte es den Kampf.“

1859 rüstete sich ganz Deutschland, Großstädte und Kleinstädte, ja selbst

einsame Landgemeinden zur Jubelfeier von Schillers hundertstem Geburtstag.

Und wenn es auch da und dort etwas wie in Raabes Dräumling damit aussah,

echte, aus dem Herzen quellende Begeisterung war es doch überall.

Henriette Goldschmidt hat den Jubel des Jahres tief innerlich empfunden;

sie konnte wohl später mit heiterem Lachen von dem Jüngling erzählen, der

bei einer Feier pathetisch ausgerufen hatte: „Wir winden ihm einen

Lorbeerkranz aus Veilchen und Rosen,“ und von dichterischen Entgleisungen

wie dem Vers:

„Schillers Glocke, Schillers Locke,

Schillers Faust und Schillers Tell“ –

Aber doch war ihr Herz, ihr ganzes Sein erfüllt von dem Erleben dieses

Jahres, sie tauchte hinein wie in eine Kraftquelle nach der trüben äußeren

Gebundenheit ihrer Warschauer Tage. „Wer damals jung und doch alt genug

war“, schreibt sie, „um die Zeichen der Zeit zu verstehen, der mußte am

10. November 1859 den Nachklang des 18. März vernehmen. Es war der

deutsche Volksgeist, dem eine Begeisterung für Völkerfreiheit,

Menschenliebe, für alles Ideale entströmte, die jeder Beschreibung

spottet.

Dem Dichter des hohen Liedes ‚An die Freude‘ galt das Fest – ihm, der

selbst freudetrunken in dem Glauben an die Verwirklichung seiner Ideale

uns alle mit diesem Zaubertranke berauschte. Es war ein Rausch in dem

Sinne, daß er zeigte, was der Trunkene fühlt und denkt. Viele der Männer,

die 49 im ersten deutschen Parlament gesessen, waren Festredner bei den

öffentlichen Versammlungen. Jakob Grimm und neben ihm die ‚wahrhaft Edlen‘

der Nation gaben Zeugnis von dem Zusammenhang des Volksgeistes mit seinem

dichterischen Genius. Man hörte weniger Literarisches, man fühlte nur den

Verkünder, den Propheten, den Erlöser, der dem von der Reaktion

zurückgedrängten Streben nach Freiheit Worte verliehen hatte.

Als ich in mitternächtiger Stunde des 9. November auf dem Marktplatz in

Leipzig mit nur wenigen Bekannten stand und die Hülle von dem

hochaufgerichteten Standbild Schillers fiel, da war es mir, als hörte ich

die Worte des jetzt längst vergessenen Dichters Karl Beck:

‚Lächle nur, du Mann im Leichenhemde –

Die Freiheit naht – des Frühlings Herrlichkeit –

sie ist dein Zaubermädchen aus der Fremde‘.“

Mit Mann und Söhnen ging Henriette Goldschmidt auf die Leipzig umgebenden

Dörfer, die Feiern des Volkes zu sehen; sie erlebte Großes, Erhebendes,

sah heiter über unfreiwillige Entgleisungen hinweg, und als Rest blieb ihr

doch das große tiefe Erleben. –

Sie feierte Schillers Geburtstag noch bis in ihre hohen Altersjahre

hinein, ihr war der 10. November immer ein Abglanz von 1859, sie erlebte

aber noch wehmütig ein Abebben der großen Begeisterung. Als ihr an einer

dieser Feiern der Urenkel Schillers vorgestellt wurde, kam die Greisin

ganz erschüttert von der großen Ähnlichkeit dieses Nachkommen mit „ihrem

Schiller“ heim. Auch die Freude erlebte sie, daß die deutschen Frauen sich

zusammentaten und zum 100. Todestage Schillers für die Schillerstiftung in

Weimar sammelten und dieser über eine viertel Million zuführten. Sie war

1905 mit in Weimar als Ehrenvorsitzende des Schillerverbandes deutscher

Frauen und saß bei Tisch neben dem – russischen Gesandten. Und wie

Henriette Goldschmidt immer die Zusammenhänge zwischen den Ereignissen zu

suchen pflegte, so erfaßte sie auch gleichsam die Schillerfeier von 1859

symbolisch, sie gibt ihren Eindruck in Beziehung zu ihrem Leben in den

Worten Ausdruck: „Die Hundertjahrfeier von Schillers Geburtstag war für

mich keine Episode, sie war ein Erlebnis. Zum ersten Male war ich als

Bürgerin in einer wirklich deutschen Stadt. Ich hatte den Boden gefunden,

der mir geliebter Nährboden gewesen war von Kindesbeinen an, ich fühlte

den Pulsschlag des Geistes, der mich beseelte.“

Der hohe Aufschwung des Jahres, das sie nach Deutschland zurückgeführt

hatte, hallte in Frau Henriette nach, und sie lebte sich rasch in die

neuen Verhältnisse ein. Leipzig wurde ihr wirklich Heimat, sie wurde die

Stadt ihres Wirkens, die sie nur noch für kurze Reisewochen verlassen hat.

Zwischen dem Leipzig von damals und der etwa zehnmal größeren Stadt von

heute war freilich ein gewaltiger Unterschied; die Greisin aber meinte

oft, es wäre nur ein äußerlicher, ein auf Umfang und Zahl der Bewohner

sich beziehender Unterschied. Von dem Leipzig ihrer ersten Wohnjahre

schreibt sie dankbar: „Leipzig war im Jahre 1859 noch eine recht kleine

Großstadt, aber sie gehörte zu den bekanntesten Städten des In- und

Auslandes. Es war eine Stimmung in ihr für die Lösung politischer,

sozialer und kultureller Fragen. So kamen wir bald über den Kreis unserer

damals kleinen Gemeinde hinaus in Beziehung zu anderen Kreisen. Ich fand

das Wort: ‚Mein Leipzig lob’ ich mir, es bildet seine Leute‘ bestätigt.

Während der ersten Tage unseres Aufenthaltes, in denen die Wohnungsnot so

groß war, daß wir einige Zimmer, die für Meßfremde bestimmt waren,

bewohnen mußten, verlangte die Aufwartefrau eines Tages eine Bürste von

mir und anderes Gerät. Ich war betrübt, daß ich ihr damit noch nicht

dienen konnte und sie sagte, meine Situation begreifend, mir Trost

zusprechend: ‚Es wird Sie schon in unserem Leipzig gefallen, Leipzig ist

die Stadt der Humanität.‘

Ich lief zu meinem Manne und fragte ihn: ‚Wovon wirst du sprechen, wenn

die Scheuerfrau in Leipzig von Humanität spricht?‘ Ein zweites Wort, das

eines Dienstmannes, sei noch erwähnt. Ich übergab ihm eine Anzahl von

Dichter- und Denkerbüsten zur Ausschmückung eines Saales mit der Mahnung,

recht vorsichtig zu sein; da sagte der Mann einigermaßen verletzt zu mir:

‚Ich werde schon vorsichtig sein, denn das sind jetzt unsere Heiligen.‘“

Ja selbst die größere Enge der Stadt war nach Warschau Henriette

Goldschmidt sympathisch. Mann und Söhne – eigene Kinder blieben ihr

versagt – teilten ihre Gefühle, auch sie lernten die Stadt bald als Heimat

lieben.

Die ersten Jahre in Leipzig waren Lehrjahre für Henriette Goldschmidt;

losgelöst von den östlichen Verhältnissen, begann sie nun in

Mitteldeutschland Wurzel zu fassen und lernte vieles von einem anderen

Gesichtswinkel aus anschauen. Manches, was ihr in Warschau nur eine

Unfreude gewesen war, lernte sie jetzt als Genuß kennen, so Theater- und

Konzertbesuche. Sie ist dann in der intensiven Arbeit ihrer späteren Jahre

oft um diesen Genuß gekommen, brachte ihn ihrem Schaffen als Opfer dar;

aber besonders der Besuch einer Gewandhausprobe blieb ihr noch bis in die

letzten Lebensjahre, auch als sie schon die Neunzig überschritten hatte,

eine tiefe Erbauung.

„Still bewegt“ nannte Henriette Goldschmidt später die Jahre des

Einlebens. Es fand sich bald ein Kreis im demokratischen Geiste

gleichgestimmter Menschen zusammen, dazu gehörten Professor Heinrich

Wuttke und seine geistvolle Frau Emma, geb. Biller, auch Professor

Roßmäßler; die Söhne brachten ihre jungen Freunde mit. Von auswärts kamen

Gäste, deren Namen Klang und Ruf hatten. Adolf Stahr und Fanny Lewald

kamen, Gutzkow war einmal ein etwas schweigsamer Gast, und mit Berthold

Auerbach schloß das Ehepaar Freundschaft, sie verlebten gemeinsam ein paar

schöne Sommermonate in Bad Kösen. Die Tischrunde bei Goldschmidts erfreute

sich allgemeiner Beliebtheit unter den Freunden des Hauses, es ging damals

und später immer noch einfach dabei her. Zu Festlichkeiten buk Frau

Henriette wohl selbst einen Kuchen, und noch als Greisin erzählte sie von

einer sogenannten Linzer Torte, die ihr immer besonders gut geraten sei.

Sie war in diesen ersten Jahren in Leipzig nur Hausfrau und Mutter, war

aber in allem auch die verständnisvolle Kameradin ihres Mannes und war wie

einst seine Schülerin, so nannte sie sich selbst.

Wie sehr die Gatten aneinander Anteil nahmen, beweist eine kurze Notiz in

den hinterlassenen Bruchstücken der Aufzeichnungen: Da heißt es aus den

siebziger Jahren: „Mein Mann hatte die Einladung zur Einweihung des

Lessing-Denkmals in Kamenz erhalten und folgte ihr mit Freuden. Professor

Wuttke hatte die Festrede übernommen und forderte meinen Mann auf, auch

das Wort zu ergreifen. Obgleich unvorbereitet, sprach er, erfüllt von

Verehrung und Dankbarkeit für den Dichter, der unser war von Kindheit an,

in so begeisternder Weise, daß die ganze große Versammlung ihm zujauchzte.

Diesen Moment nicht mit erlebt zu haben, ist mir lange Zeit schmerzlich

gewesen.“ Doch Henriette Goldschmidt war kein Mensch, der sich mit dem

Nurlernen begnügte, sie war im tiefsten Grund eine schöpferische Natur,

war auf das Tun gestellt. Sie war auch zu sehr Eigenmensch, um nur in der

Familie aufzugehen. Obwohl sie immer einen starken Familiensinn besessen

hat, und so sehr sie immer ihre Stiefsöhne und später deren Kinder und

Kindeskinder, ebenso die Kinder ihrer Geschwister als ihr zugehörig

betrachtete, mit wie warmer Liebe sie auch alle umfing und wie glücklich

sie sich auch in dem Leipziger Freundeskreis fühlte, ihre Natur verlangte

die Tat. Das Hausfrauenleben allein erfüllte sie nicht, in ihr

schlummerten Kräfte, die nach einer anderen Betätigung suchten, und in

dieser Zeit des inneren Vorwärtsdrängens, des seelischen Unausgefülltseins

lernte sie Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt kennen. Sie begann über

die Stellung der Frau im Leben tiefer nachzudenken, und nicht viel später

las sie die Schriften Friedrich Fröbels, lernte aus seinen Erziehungsideen

und beides floß ihr zusammen, wurde ihr eine Einheit, sie fand den Weg

dazu kraft ihres immer die gerade Linie suchenden Wesens, und so

verschmolzen sich ihr in den kommenden Jahrzehnten anscheinend getrennte

Ziele zu ihrem einen großen Lebensziel.

Henriette Goldschmidt: Ihr Leben und ihr Schaffen · 第 8 / 20 题