D. h. also s^2 ± x; s^2 ± y; s^2 ± z; s^2 ± u sollen Quadrate sein.

Ich gebe die Lösung dieser wahrlich nicht leichten Aufgabe, die sich

zu stellen schon Mut erfordert, nach Wertheim 110 ff., sie hat wie der

Zusatz Fermats beweist sein Interesse in hohem Grade erregt und ihn

u. a. zu dem Satz geführt: eine Primzahl von der Form 4n + 1 ist nur

einmal Hypotenuse eines rechtwinkligen Dreiecks, ihr Quadrat ist es

zweimal, ihr Kubus dreimal, ihr Biquadrat viermal usw. in inf. Lösung:

In jedem rechtwinkligen Dreieck bleibt das Quadrat über der Hypotenuse

ein Quadrat, wenn man das doppelte Produkt beider Katheten zu demselben

addiert oder subtrahiert. Daher suche ich zunächst vier rechtwinklige

Dreiecke mit gleichen Hypotenusen; das ist aber dasselbe wie die

Aufgabe: ein beliebiges Quadrat viermal in je 2 Quadrate zu teilen und

wir haben schon (II, 10) gelernt, ein gegebenes Quadrat auf unzählig

viele Arten in zwei Quadrate zu zerlegen.

Wir nehmen also zwei rechtwinklige Dreiecke, deren Seiten in den

kleinsten Zahlen ausgedrückt sind, wie etwa 3, 4, 5 und 5, 12, 13.

Multiplizieren wir jetzt alle Seiten eines jeden mit der Hypotenuse des

andern, so wird das erstere die Seiten 39, 52, 65 haben und das zweite

die Seiten 25, 60, 65, und wir erhalten zwei rechtwinklige Dreiecke mit

gleichen Hypotenusen.

Ihrer Natur nach lässt sich ferner die Zahl 65 in je 2 Quadrate zweimal

zerfällen, nämlich in 16 und 49 sowie in 64 und 1. ¨Dies rührt daher,

dass 65 durch Multiplikation von 13 und 5 entsteht von denen jede sich

in 2 Quadrate zerlegen lässt.¨ [: (a^2 + b^2)(c^2 + d^2) = (ac + bd)^2

+ (ad - bc)^2 = (ad + bc)^2 + (ac - bd)^2, diese Formel aus der

Theorie der quadratischen Formen, das ist die Quelle der Aufgabe]. Ich

nehme nun die Seiten der Quadrate 49 und 16 nämlich 7 und 4 und bilde

vermittelst dieser das rechtwinklige Dreieck, dasselbe hat die Seiten

33, 56, 65 [a^2 - b^2; 2ab; a^2 + b^2]. Ebenso nehme ich die Seiten

der Quadrate 64 und 1 nämlich 8 und 1, das rechtwinklige Dreieck hat

die Seiten 16, 63, 65. Nun habe ich vier rechtwinklige Dreiecke mit

gleichen Hypotenusen.

Indem ich jetzt zu der ursprünglich gestellten Aufgabe schreite,

setze ich die Summe der 4 gesuchten Zahlen gleich 65x, jede einzelne

derselben aber gleich x^2 mit einem Koefficienten, der das Vierfache

der Fläche eines der 4 Dreiecke ist [2ab], also die erste Zahl gleich

4056 x^2, die zweite gleich 3000 x^2, die dritte gleich 3696 x^2, die

vierte gleich 2016 x^2. Es ist dann die Summe der vier Zahlen 12768

x^2 = 65 x, und daraus ergibt sich x = 65/12678. Daher werden die vier

Zahlen Brüche mit dem gemeinschaftlichen Nenner 163021824 sein und zwar

hat die erste Zahl den Zähler 17136600, die zweite 12675000, die dritte

15615600, die vierte 8517600.

Diese Aufgabe gehört mit zu denen, welche es am begreiflichsten

erscheinen lassen, dass ein Mathematiker solchen Ranges von einem

Zeitalter des Verfalles nicht mehr begriffen wurde.

IV, 11. x^3 + y^3 = x + y. Diophant findet durch ein Verfahren, dass

nur zu begreifen ist, wenn man annimmt, dass er die allgemeine Lösung x

= ±(1 - k^2)/((1 + k)^2 - k); y = ±(1 + 2k)/((1 + k)^2 - k) kannte, x =

5/7; y = 8/7, er setzte k = 1/4 in der ersten (+) Lösung und nicht wie

Wertheim S. 129 angibt k = 1/2; (auch k = -3/2 in der zweiten negativen

Lösung ist richtig), merkwürdig ist, dass auch x = 3/7 und y = 8/7

eine richtige Lösung ist, da 4 - 4p + 2r = o ist. V 34, W. 233: Drei

Quadratzahlen zu finden, so dass das Produkt derselben, wenn es um jede

der Zahlen vermehrt wird, ein Quadrat bildet.

Wir setzen u^2v^2w^2 = x^2 und suchen dann drei Quadrate, von denen

jedes, wenn es um 1 vermehrt wird, wieder ein Quadrat gibt. Das kann

vermittels jedes rechtwinkligen Dreiecks geschehen. Ich wähle also drei

rechtwinklige Dreiecke 3, 4, 5; 5, 12, 13; 8, 15, 17; so wird das eine

Quadrat 9/16 x^2, das zweite 25/144 x^2, das dritte 64/225 x^2 sein,

und jedes derselben bleibt ein Quadrat, wenn es um eins vermehrt wird.

Nun soll noch das Produkt der drei Zahlen gleich x^2 sein. Das Produkt

ist aber 14400/518400 x^6. Das soll gleich x^2 sein. Wird alles durch

x^2 dividiert so folgt 14400/518400 x^4 = 1, also 120/720 x^2 = 1.

Nun ist die Einheit eine Quadratzahl. Wenn daher auch 120/720 x^2 ein

Quadrat wäre, so würde die Aufgabe gelöst sein. Dem ist aber nicht so.

Diophant führt die Aufgabe nicht durch, seine Lösung ist 25/4;

256/81; 9/16. Die Aufgabe ist von ¨Fermat¨ wieder hergestellt.

Diophant nimmt drei rechtwinklige Dreiecke a_{1} b_{1} c_{1};

a_{2} b_{2} c_{2}; a_{3} b_{3} c_{3} und setzt u = a_{1}/b_{1}

x; v = a_{2}/b_{2} x; w = a_{3}/b_{3} x. Dann hat man nur noch

zu sorgen, dass (a_{1}a_{2}a_{3})/(b_{1}b_{2}b_{3}) oder auch

a_{1}a_{2}a_{3}b_{1}b_{2}b_{3} gleich a_{1}b_{1}a_{2}b_{2}a_{3}b_{3}

eine Quadratzahl ist, was keine Schwierigkeit macht.

VI 3. Ein rechtwinkliges Dreieck zu finden, so dass die Zahl, welche

den Flächeninhalt ausdrückt, eine Quadratzahl wird, wenn sie um eine

gegebene Zahl vermehrt wird.

Diese recht schwierige Aufgabe ist in Wertheim S. 256 und 257 allgemein

und ihre Erweiterung durch ¨Vieta¨ (Zetetica V, 9) angegeben.

VI 26. Die letzte Aufgabe Diophants: Ein rechtwinkliges Dreieck von der

Beschaffenheit zu finden, dass die eine seiner Katheten ein Kubus, die

andere die Differenz zwischen einem Kubus und seiner Seite, und die

Hypotenuse die Summe eines Kubus und seiner Seite sei.

Hypotenuse x^3 + x, Kathete x^3 - x, die andere ist dann 2x^2 und soll

gleich einen Kubus sein. Es sei 2x^2 = x^3, so ist x = 2, also ist 6,

8, 10 eine Lösung.

An die Weiterführung dieser Aufgabe durch ¨Bachet¨ hat ¨Fermat¨ eine

Reihe wichtiger zahlentheoretischer Sätze geknüpft, wie z. B. x^4 ± y^4

ist niemals ein Quadrat, und n(n + 1)/2 nur wenn n gleich 2 ist gleich

p^2, welche beide von Euler bewiesen sind. (Werth. S. 294.)

Die Schrift über die Polygonalzahlen, so interessant sie an sich ist,

steht doch an Bedeutung der Arithmetik unvergleichlich nach, so dass

ich auf sie nicht näher eingehe, wertvoller als sie sind ¨Fermats¨

Anmerkungen.

Die Beispiele aus der Arithmetik genügen, um zu zeigen, wie gross

Diophant als Arithmetiker dasteht, dabei ist er, soweit unsre Kenntnis

bis jetzt reicht, fast ohne Vorläufer, von dem einzigen Heron etwa

abgesehen. Nikomachos verschwindet gegen Diophant vollständig, und

sein Ruhm beruht nur darauf, dass sein Verständnis verglichen mit

Diophant nur die geringe Bildung erforderte, welche sich in den Stürmen

der Völkerwanderung mit ihren politischen und religiösen Umwälzungen

erhalten konnte.

[Sidenote: Pappos aus Alexandria.]

Von dem letzten und grössten Arithmetiker der Hellenen gehen wir

zu ihrem letzten grossen Geometer zurück, zu ¨Pappos¨, auch er

Alexandreus. Auch von seinen Lebensverhältnissen wissen wir so gut

wie nichts, doch macht die Äusserung des Proklos ὁι περι Ἡρωνα και

Παππον es wahrscheinlich, dass er als Lehrer in Alexandrien tätig war

und das wird noch mehr als durch diese immerhin der Auslegung fähige

Stelle, durch den Inhalt und Zweck seines Hauptwerkes gesichert,

das ganz und gar in der Absicht geschrieben ist, Studierenden eine

richtige und tüchtige Ausbildung für reine und angewandte Mathematik

zu sichern. Auseinandersetzungen wie die über Analysis und Synthesis,

Kritiken, wie die allerdings nicht ganz gerechtfertigte, über das

Näherungsverfahren zur Lösung des Delischen Problems (III, Anfang),

die Auswahl der Schriften, an die er seine eigenen Lemmata anknüpft,

zeigen hohes pädagogisches Interesse und Erfahrung. ¨Hultsch¨ und

¨Cantor¨ setzen seine Lebenszeit auf das Ende des dritten Jahrhunderts,

gestützt auf eine Notiz, auf welche der bekannte Philologe ¨Usener¨

hingewiesen hat, dass er unter Diokletian gelebt habe. Für diese

Datierung spricht der ganze Inhalt seiner Werke, insbesondere zeigt

das höchst lebhafte Interesse, das er für Sphärik und Astronomie,

speziell für Klaudios Ptolemaios bekundet, dass er nicht mehr als etwa

100 Jahre nach diesem anzusetzen ist. Zur Syntaxis und zwar höchst

wahrscheinlich zur ganzen und nicht nur zu den vier ersten Büchern hat

er einen Kommentar (Scholion) geschrieben, von dem ein Teil, der sich

auf das 5. und 6. Buch bezieht, in der an Schätzen reichen Laurentiana

zu Florenz gefunden und eine Einleitung, welche die Dimensionen der

Erde, Umfang und Inhalt behandelt und eine Definition der Astronomie

gibt im Vaticanus 184. Hultsch macht es im hohen Grade wahrscheinlich,

dass der Ptolemaios-Kommentar des von nur öfter erwähnten ¨Theon¨ von

Alexandrien, etwa 100 Jahre später, wesentlich aus dem des Pappos

geschöpft sei.

¨Pappos¨ hat auch Kommentare zu den Daten und den Elementen des

Euklid geschrieben, von denen Fragmente bei ¨Eutokios¨ und ¨Proklos¨

erhalten sind, und die auch von ¨Marinos¨ aus ¨Neapolis¨ (Sichem in

Palästina), einem Schüler und Nachfolger des Proklos im Rektorat der

Akademie, dem wir die Erhaltung von Euklids Daten verdanken, erwähnt

werden. Ich nenne hier Friedl. S. 249-50 den Beweis der Gleichheit der

Basiswinkel im gleichschenkligen Dreieck, weil der auf die Symmetrie

des gleichschenkligen Dreiecks begründete Beweis meist ¨Bolzano¨

(Betrachtungen etc. p. 17 § 25) zugeschrieben wird, der Quellenangaben

noch nicht für erforderlich hielt. Der Beweis bei Proklos zeigt

allerdings, dass auch ¨Pappos¨ den leitenden Grundsatz des Euklid, die

dritte Dimension in der Planimetrie zu vermeiden, nicht recht erfasst

hat.

[Sidenote: Pappos, Collectiones.]

Erhalten ist uns, obwohl nirgends von den späteren hellenistischen

oder römischen Autoren erwähnt, sein Hauptwerk die Synagoge (συναγωγή,

nicht συναγωγαι) in 8 Büchern, von denen das erste und ein grosser

Teil des zweiten verloren ist. Die Reste des zweiten Buches hat

1688 ¨Wallis¨ herausgegeben. Unter dem Titel: Pappi Alexandrini

mathematicae collectiones hat ¨Federico Commandino¨ 1588 die Bücher

3-8 lateinisch herausgegeben, wie alle Arbeiten dieses Mannes für

ihre Zeit ausgezeichnet. Die einzige Gesamtausgabe Griech. und Lat.

hat ¨Fr. Hultsch¨ 1876-78 geschaffen, sie ist geradezu vorbildlich

geworden, ¨Cantor¨ sagte in der Besprechung des letzten Bandes

(Cantor-Schlömilch 1873): Hultsch hat uns mit einer klassischen

Ausgabe eines klassischen Schriftstellers beschenkt. An dem index

graecitatis, der 125 enggedruckte Seiten umfasst, hat er ein ganzes

Jahr lang gearbeitet, nachdem er viele Jahre auf die Collation der

Codices verwandt hat und im Vaticanus graecus 218 aus dem 12. Jahrh.

den Archetyp sämtlicher anderen festgestellt hatte. Rudio nennt den

Index geradezu ein Lehrbuch der griechischen mathematisch-technischen

Sprache. Die Verdienste des am 6. April 1906 verstorbenen Philologen

um die Geschichte der Mathematik hat ¨F. Rudio¨, Eneström Ser. III,

Bd. VIII meisterlich geschildert, und in diesem Nachruf findet sich

auch eine Analyse der Synagoge (= Sammlung), welche an Klarheit nichts

zu wünschen übrig lässt, und die einfach abzuschreiben vielleicht

das zweckmässigste wäre. Trotz dessen halte ich es angezeigt, was

ich 1903 gesagt, hier zu wiederholen. Die Sammlung des ¨Pappos¨

ist für uns die Hauptquelle der griechischen Geometrie, sie zeigt,

dass Pappos einerseits im höchsten Grade literarisch gebildet war

und vielleicht noch vor oder zur Zeit ¨Caracallas¨ anzusetzen wäre,

andererseits aber selbst ein produktiver Geometer von hohem Range

war, wie z. B. seine Quadrierung des von der sphärischen Spirale

abgeschnittenen Stück der Halbkugel (Hultsch S. 682) und seine Lösung

der Proprosition 43 des IV. Buches zeigen. Insbesondere ist schon so

ziemlich die ganze ¨Steinersche¨ Geometrie, die Arbeiten Steiners über

Isoperimetrie eingeschlossen, in nuce bei Pappos zu finden, vor allem

der grundlegende Satz von der Constanz des anharmonischen Verhältnisses

und die vollständige Theorie der Involution. Die im Altertum so viel

umworbene Lehre von den Proportionen id est die Auflösung der Gleichung

ersten Grades hat er unter einem einzigen einfachen Gesichtspunkt

dargestellt. Er gibt den Inhalt fast aller bedeutenden mathematischen

Werke bis auf seine Zeit mit grosser Gewissenhaftigkeit und unter

Angabe der Namen und hat uns so, wie wir ja gesehen haben, in Stand

gesetzt, eine ganze Anzahl verlorener Werke der Heroen entweder ganz

oder teilweise zu rekonstruieren. Ich nenne nur die Porismata und die

Topoi pros Epiphaneian des Euklid, das 8. Buch der Konika und das

Taktionsproblem des Apollonios, die Schrift des Zenodoros über die

Isoperimetrischen Figuren, die Archimedischen halbregulären Körper

etc. Höchst wichtig ist auch, dass wir durch ihn in Stand gesetzt

sind, die Arabischen Quellen auf ihre Zuverlässigkeit zu prüfen, wobei

sich die ersten islamitischen Jahrhunderte als durchaus zuverlässig

erwiesen haben, z. B. für die Mechanik des Heron, die Wahlsätze des

Archimedes. Dabei begleitet er diese Schriften überall mit wertvollen

eigenen Bereicherungen. Im VI. Buch sehen wir, wie tief die Griechen

auch in die Theorie der krummen Flächen eingedrungen waren, bei der

stereometrischen Erzeugung der Quadratrix, die an ¨Archytas¨ erinnert

aber weit über ihn hinausgeht. Buch IV, Prop. 30 Hultsch p. 264 findet

sich die Quadrierung der Spiralfläche, worauf ich schon in einem

Frankfurter Vortrag hingewiesen habe.

[Sidenote: Kugelspirale.]

Wie man einsieht, dass in der Ebene eine Spirale erzeugt (γινομένη

ist durch existere nicht sinngemäss wiedergegeben) wird wenn ein

Punkt sich auf einem, einen Kreis beschreibenden Strahl bewegt und

in der Stereometrie [z. B. auf den Cylinder- oder Kegelflächen ist

unnötige Konjektur von H.] wenn ein Punkt sich auf einer die Oberfläche

beschreibenden Kante bewegt, so lässt sich auch eine auf der Kugel sich

ergebende Spirale begreifen, beschrieben auf folgende Weise.

Auf einer Kugel gehöre zum Pol Θ der grösste Kreis ΚΛΜ und von Θ aus

soll der Viertelkreis eines Hauptkreises ΘΝΚ beschrieben worden sein

und der Kreis ΘΝΚ, um den ruhenden [Punkt] Θ auf der Oberfläche [der

Kugel] gedreht, möge in sich selbst wieder zurückversetzt worden sein

und irgend ein Punkt auf demselben von Θ aus in Bewegung gesetzt, möge

nach Κ gelangt sein; er beschreibt nun auf der Oberfläche eine gewisse

Schneckenlinie wie es ΘΟΙΚ ist, und welchen Umfang eines grössten

Kreises man auch von Θ aus beschreiben möge, so hat er zum Bogen ΚΔ

das Verhältnis, welches ΘΔ [siehe Figur] zu ΘΟ hat. Ich behaupte nun,

dass wenn ausserhalb [nämlich als Nebenfigur] der Quadrant ΔΒΓ eines

Hauptkreises auf der Kugel gelegt wird um das Zentrum Δ und [die

Sehne] ΓΔ gezogen wird, so geht daraus hervor [der Satz]: wie die

Halbkugel [sich] zu [dem] zwischen der Spirale ΘΟΙΚ und dem Bogen ΚΝΘ

abgeschnittenen [Stück der Kugel]fläche [verhält], so der Sektor ΑΒΓΔ

zu dem Segment ΑΒΓ.

[Illustration]

[Illustration]

[Sidenote: Pappos'sche Aufgabe.]

Der Beweis, dass die Fläche (2π - 4)r^2 ist, kann mit Integralrechnung

ohne weiteres geführt werden, aber der Beweis des Pappos, obwohl

an Archimedes gebildet, ist doch ein beredtes Zeugnis für seine

Veranlagung. Das IV. Buch und die im VII. Buch gegebene »¨Guldin¨sche«

Regel: das Volumen des Rotationskörpers ist gleich dem Produkt der

Meridianfläche in den Weg ihres Schwerpunktes zeigt uns, dass die

Griechen in der Theorie der krummen Oberfläche ungefähr so weit

gekommen sind, wie wir durch Euler und Gauss; vermutlich infolge

verlorener Werke insbesondere von Archimedes und Apollonios (περι

κοχλιου). Ebenfalls im VII. Buch, dem bedeutsamsten für die Wertung

des Pappos als Geometer, löst er die sogen. ¨Castillon¨sche Aufgabe,

ein Dreieck zu konstruieren, dessen Seiten durch je einen festen Punkt

gehen und das einem gegebenen Kreise einbeschrieben ist, die später von

¨Giordano da Ottajano¨ auf ein beliebiges n-Eck erweitert wurde, in

dem speziellen Falle, dass die drei Punkte auf einer Geraden liegen.

Hier im VII. Buch kommt er bei Besprechung des Ortes zu drei und vier

Geraden (Apollonios) auf die noch heute nach ¨Pappos¨ benannte Aufgabe:

wenn eine Anzahl Geraden gegeben sind, den Ort des Punktes zu bestimmen

der so beschaffen ist, dass die von ihm nach den Geraden unter

gegebenen Winkeln gezogenen Strecken in zwei Gruppen eingeteilt werden

können, so dass die Produkte der Gruppen ev. mit Wiederholung oder mit

gegebenen Hilfsfaktoren, zu einander ein bestimmtes Verhältnis haben.

Dabei ist die Bemerkung wesentlich, dass wenn die Zahl der Linien 6

übersteigt, eins oder beide Produkte keinen geometrischen Sinn haben,

aber »οι βραχύ προ ημών«, die kurz vor ihm lebenden Mathematiker,

interpretierten ihn. Die Aufgabe wird dann für beliebig viele Geraden

von Pappos völlig als geometrisch klare aufgestellt. Und nun fügt er

hinzu: weil er sich (der ungenauen Arbeiten) seiner Vorgänger schäme

und selbst sehr viel Wertvolleres und Nützliches bewiesen habe, und

um zu zeigen, dass wenn er dieses von sich »ausposaune« (φθεγξάμενος)

er kein leerer Prahler sei, gibt er die »¨Guldin¨sche Regel«. Die

Buchstabenrechnung im Rest des zweiten Buches ist schon bei Apollonios

erwähnt; wir können den Eindruck der Synagoge des ¨Pappos¨ dahin

zusammenfassen, dass wir jedenfalls in der Geometrie nicht wesentlich

über die Griechen hinausgelangt sind, selbst die Konstruktionen mit

¨einer¨ Zirkelöffnung, die sogen. ¨Mascheroni¨-Konstruktionen finden

sich bei Pappos.

[Sidenote: Niedergang der Hellenischen Kultur.]

Mit Pappos und Diophant endet die Entwicklung der Hellenischen

Mathematik jäh und in den folgenden Jahrhunderten sind es nur einige

wenige Kommentatoren, deren ich schon im Laufe der Vorlesung wiederholt

gedacht habe, welche noch ein Verständnis für die Leistungen der

Vorfahren besassen und übermittelten. Da war aus dem 4. Jahrh.

¨Theon¨ von ¨Alexandrien¨ und seine Tochter ¨Hypatia¨ zu nennen, aus

dem fünften ¨Proklos¨, dessen produktive Befähigung nach dem Beweis

des Parallelenaxioms und der wirren Kosmologie in keinem günstigen

Lichte erscheint. Im 6. Jahrh. sammelte sich um den Baumeister der

Sophienkirche in Konstantinopel ¨Isidoros von Milet¨ eine Schar

eifriger Freunde der Mathematik, aus der ¨Eutokios¨ von ¨Askalon¨,

der Kommentator des Archimedes und Apollonios auch als Mathematiker

hervorragt. Ebenfalls im 6. Jahrh. lebte ¨Simplikios¨, der wichtigste

Kommentator des Aristoteles, dessen wir bei den Lunulae Hippocratis

gedachten. Er gehörte zu den Lehrern der Akademie Athen, welche mit

dem Rektor ¨Damaskios¨ nach Persien zu Kosroë wanderten und Euklid

zu den Persern und damit zu den Arabern brachten. Nicht unbedeutende

Spuren einer Eukliderklärung des Simplikios hat uns ¨Al-Neirizi¨

aufbewahrt. Von da ab sank das Hellenentum rapide; hatten schon vom 4.

Jahrhundert ab Christentum, Völkerwanderung, das im Gegensatz zu dem

auf freie Individualität der Gebildeten gegründeten Hellenismus, mit

einen starken Tropfen demokratischen Öles gesalbte Cäsarentum höchst

ungünstig eingewirkt, so wurden von nun ab die Hellenen in Asien

geistig von den Moslimen und in Europa geistig und körperlich von den

Slaven aufgerieben. Aber meine Aufgabe ist es nicht den Untergang der

Götter Griechenlands zu schildern.

[Sidenote: Römer.]

Ich müsste mich nun zu den Römern wenden, aber Rom hat eine Kultur im

hellenischen Sinne nie besessen. Ihre Verdienste um die praktischen

Wissenschaften, um das bürgerliche Recht und das Verwaltungsrecht,

sind gewiss nicht zu unterschätzen. Ist doch das Napoleonische Préfet

und Souspréfet noch heute nichts anderes als der römische Prätor und

Proprätor. Als Wegebauer haben die Römer ihresgleichen nicht gehabt,

und gross stehen sie in Kriegs-Kunst und -Wissenschaft da. Aber auf

geistigem Gebiet besteht ihr Verdienst darin den konzentrierten

griechischen Geistesextrakt so verwässert zu haben, dass Germanen und

Kelten ihn in dieser Form vertragen und assimilieren konnten, und so in

jener grossen Epoche, die wir ¨Renaissance¨ nennen, für das wirkliche

Hellenentum empfänglich wurden.

Das einzige Gebiet der Mathematik, auf dem die Römer eine gewisse, wenn

auch stark von Ägypten beeinflusste Selbständigkeit zeigten, war die

Feldmesskunst, aber die römischen Agrimensoren oder wie sie nach ihrem

ziemlich rohen Massinstrument hiessen, ¨die Gromatiker¨ hat ¨M. Cantor¨

in seinen Agrimensoren und daraus in seinen Vorlesungen erschöpfend

behandelt.

[Sidenote: Schluss.]

Ich ziehe es vor, hier am Schluss noch einmal auszusprechen, dass über

die Hellenen hinaus nur der eine ¨Galilei¨ einen wahrhaft weittragenden

neuen Gedanken in die mathematische und philosophische Erkenntnis

der Natur hineingetragen hat, als er durch schärfere Erfassung des

Kontinuitätsproblems zur Geschwindigkeit die Beschleunigung, zur Statik

die Dynamik hinzufügte.

Zur Stütze meiner Ansicht zitiere ich aus dem Briefe ¨R. Baltzers¨ an

¨F. Hultsch¨ (Hultsch Pap. p. 1231-32) die Stelle: »Sie werden staunen

über diese Leistung der Griechen: ich bin auch nicht wenig erstaunt,

als ich diese Wahrnehmung machte, um so mehr als dies wirkliche

»analytische« Geometrie ist. Aber die Griechen dürfen dieselbe

doch nicht gehabt haben, sonst hätte Descartes die Erfindung der

analytischen Geometrie nicht machen können!«

(Heute nach Auffindung des Ephodion kann man diesen Satz noch einmal

hinschreiben, und statt »analytische Geometrie« Differentialrechnung

setzen und für »Descartes« Newton oder wen man sonst will.)

Und damit m. H. glaube ich meine Aufgabe gelöst zu haben.

Nachwort.

Um die starke Betonung der Hellenischen Philosophie zu motivieren,

möchte ich hier nachträglich noch den folgenden Eröffnungsvortrag

hinzufügen.

Meine Herren! Wenn ich Hellenische Philosophie und Mathematik

gewissermassen in ¨einen¨ Begriff zusammengezogen habe, analog

dem Mittelalterlichen Musica et Arithmetica, so rechtfertigt

sich dies dadurch, dass gerade in der schöpferischen Periode der

griechischen Philosophie und Mathematik, von Thales an bis Aristoteles

eingeschlossen, die beiden Wissenschaften nicht getrennt werden

können und grade für die Elementare Mathematik, -- ich möchte sie die

¨bildende¨ Mathematik nennen -- meines Erachtens nach bis auf den

heutigen Tag nicht getrennt werden dürfen.

Wenn ich nun systematischer Philosoph wäre, so müsste ich damit

beginnen Ihnen des längeren und breiteren auseinanderzusetzen,

was Philosophie ist, aber m. H., in Scheffels Ekkehard sagt der

Hunnenführer auf die Frage was Philosophie sei: es ist auf hunnisch

schwer zu erklären. So will auch ich mich kurz fassen und nur sagen,

dass ich in der Philosophie die Methode sehe die Welt der äusseren

und inneren Erfahrung in ihrer ¨Notwendigkeit¨ zu begreifen, oder wie

Spinoza sagt, diese Welt zu erfassen sub specie aeterni. ¨H. Cohen¨

bezeichnet in seiner grossartigen Ethik des reinen Willens von 1901,

welche in 5 Jahren die zweite Auflage erlebt hat, die Aufgabe der

Philosophie dahin: die Wissenschaft selbst und die Kultur überhaupt

zum Verständnis ihrer Voraussetzung zu bringen. Dabei ist unter Kultur

allerdings etwas anderes zu verstehen als die »Bezwingung der rohen

Energie der Natur für die Nutzbarmachung unserer Kräfte«. Kultur ist

viel mehr; alle drahtlose Telegraphie, Röntgenstrahlen und Luftballons,

geben noch keine Gesittung, welche im wesentlichen in der Freimachung

der ethischen Werte besteht, darin, dass im einzelnen, und gerade

über je mehr Kräfte er verfügt um so stärker, das Bewusstsein seiner

Verantwortlichkeit der Allgemeinheit gegenüber, gegenüber dem Staate

und der Menschheit geweckt und ausgebildet wird.

Der von mir betonte Gesichtspunkt der Notwendigkeit, das Streben

nach zwingender Folgerichtigkeit, ist es gerade was Mathematik und

Philosophie verbindet, und von Anfang bis Ende die Mathematik zum

Hauptgegenstand philosophischer Betrachtung gemacht hat, wenigstens

soweit es sich um den ältesten ihrer Hauptzweige, die Erkenntnistheorie

handelt. Erst viel später hat sich die Methode, das heisst die

Zusammenfassung grosser Gruppen von Erkenntnissen unter einen

Gesichtspunkt, den Trieben und Gesetzen des menschlichen Handelns

zugewandt, es musste erst die Theorie der Unsittlichkeit, wie sie

von den Sophisten ausgebildet war, praktisch in dem Regiment der 30

Tyrannen und theoretisch durch Sokrates zerstört werden, es musste und

zwar zumeist bei den Römern eine juristische Wissenschaft erwachsen,

ehe eine systematische Philosophische Ethik, insbesondere bei den

Stoikern möglich wurde. Freilich findet sich eine wissenschaftliche

Behandlung der Ethik, die sich aber nur auf einzelne Fragen, wie

Tugend, Gerechtigkeit, Freundschaft bezieht, schon bei Platon und

nicht minder bei Aristoteles und vor beiden schon bei Demokrit. Was

uns von den sogenannten 7 Weisen -- es sind ihrer beiläufig gesagt,

wenn man nachzählt 22 -- überliefert ist, sind meistens sprichwörtliche

oder besser »geflügelte« Worte, welche sich auf vernunftgemässes

praktisches Handeln beziehen, wie das bekannte des Chilon oder Solon

»μηδέν άγαν, Alles mit Mass«; und »Ηρεμια χρω, Nutze die Zeit;« das

Delphische »γνωθι σαυτον, Erkenne dich selbst.« »Mit der Notwendigkeit

kämpfen auch die Götter vergebens.« (Schiller hat die Anagke durch die

»Dummheit« ersetzt, die ja auch Zwangsvorstellungen liefert). Periander

und Hesiod haben beide den Spruch geliefert: das Halbe ist mehr als das

Ganze, was besonders für Festreden zu beherzigen wäre. Aber auch die

grossen Dichter der Hellenen wie Homer und besonders Hesiod erkannten

es an, dass der Mensch zum Unterschied vom Tier sittlichen Gesetzen

untertan sei. Ich zitiere nach der Übersetzung von ¨F. Blass¨ aus

Hesiod die Stelle:

Also hat ja den Menschen bestimmt der Kronide die Satzung: Zwar den

Fischen und Tieren des Felds und geflügelten Vögeln Setzt er einander

zu fressen, denn Recht ist nicht unter ihnen. Aber den Menschen

verlieh er das Recht.

Der dritte Zweig der Philosophie ist ganz modern, die Philosophie

der Kunst, welche die allgemeinen und notwendigen Gesetze des

Ästhetisch-Wirksamen aufzustellen hat. Die Poëtik des Aristoteles

ist eigentlich mehr eine Technologie für den Dichter, der Laokoon

Lessings legt praktisch den Unterschied zwischen der bildenden und

beschreibenden Kunst fest. Erst bei Kant, Schiller, der gerade hier

seine selbständige Stellung als Philosoph, Vischer und vor allem bei

Schopenhauer haben wir eine reine Ästhetik.

Hängen Mathematik und Philosophie in und durch den Trieb ihren

Gegenstand unter dem Gesichtspunkt der Notwendigkeit zu fassen, also

so recht in der Wurzel zusammen, so sehen wir beide in ihren Anfängen

mit der Theologie auf das innigste verwachsen. Bei den Indern ist wie

im europäischen Mittelalter, die Philosophie aus dieser Verbindung

eigentlich nie gelöst worden, so tiefsinnig auch die philosophischen

Gedanken gerade der indischen Theologen sind, da man den Buddhismus in

seiner reinen Form eigentlich geradezu als ein philosophisches System

bezeichnen könnte. Der Druck, den das Unendliche auf das Endliche

ausübt, die Übermacht der kosmischen Erscheinungen, denen der Mensch

hilflos, machtlos, gefesselt, religatus gegenübersteht, erzeugen

das religere, die ehrfurchtsvolle Achtung, die Religion, und die

Welt bevölkert sich mit Personifikationen der Naturkräfte, wie denn

Zeus, der Nationalgott der Hellenen, wie ursprünglich aller Arier,

die Personifikation des Tageslichtes ist. Bei den rohen Naturvölkern

wie z. B. auch ursprünglich bei den Ägyptern entwickelt sich der

Fetischdienst, dann bei den begabteren eine Mythologie und im Laufe

der Zeit eine Theologie, welche nichts anders ist als eine untrennbare

Verbindung der Religion mit der Philosophie. Ich wage zu sagen, dass

die Religion bis auf den heutigen Tag die einzige Form ist, in der die

ethischen Errungenschaften der Philosophie dem Volke nutzbar gemacht

werden können, von den 10 Geboten der Israeliten, dem tat twam asi,

dieses [Andere] bist du, der Inder, bis zu dem »Liebe deinen Nächsten

wie dich selbst« des Christentums. Und auch für die Mathematik, die

angewandte wie die reine, ist der mit der Ausbildung der Theologie

sich entwickelnde Gottesdienst von höchster Bedeutung gewesen, Kultus

und Kultur sind nicht nur wortverwandt. Der Dienst der die Welt

regierenden Gottheit, die Formen in denen der Mensch seine Unterwerfung

unter die Götter zum Ausdruck bringt, ihre Gunst zu erringen, ihren

Zorn abzuwenden sucht, Opfer und Gebet, sind hervorgerufen durch

die unbewusste Erkenntnis, dass der einzelne und wäre er der König

der Allheit untersteht, und in eben dieser Erkenntnis sahen wir das

Wesen des Sittlichen. Der Tempel der Gottheit muss orientiert werden,

das Eigentum das sie schützt, wenn es im Schweisse des Angesichts

erworben (Gesetze des Manu), muss abgegrenzt, vermessen werden. Die

Astronomie der Babylonier steht in engster Beziehung zur religiösen

Verehrung der Gestirne, die wichtigen Probleme der Flächenmessung und

Vervielfältigung und der Würfelverdoppelung knüpfen bei Indern und

Griechen unmittelbar an das Opfer an, ebenso wie das arithmetische

Problem der Zahlenzerlegung in Quadrate ein uralt chaldäisches ist,

das mit der Zahlenmystik, selbst ein Ausfluss astrologischen Kultus,

gesetzt ist.

Eine weitere Verbindung zwischen Philosophie, Mathematik und Theologie

besteht in ihrer gemeinsamen Beziehung zu Poesie und Kunst. Die älteste

Poesie ist die religiöse, die Veden, die Edda, die Hymnen Homers, die

Psalmen der Hebräer. Andrerseits haben Homer und Hesiod den Griechen

zwar nicht ihre Götter aber doch ihren Olymp gegeben. Und an die

religiösen Gedichte knüpfen die Lehrgedichte der Philosophen an, die

schwungvolle Einleitung des Parmenideischen Lehrgedichts ist die

Quelle von Goethes Zueignung. Ein grosser Dichter ist ohne eine grosse

einheitliche Weltanschauung überhaupt nicht denkbar, und wie es Dichter

gab welche Philosophen waren, ich nenne Schiller und Shakespeare, hat

es auch Philosophen gegeben, welche Dichter waren, wie Platon und

Schopenhauer.

Ihrerseits steht auch die Mathematik, die reine wie die angewandte,

in ganz direkter Beziehung zur dichterischen Phantasie und zur

ästhetischen Schönheit. Ich sehe ganz von der grossen Bedeutung ab,

welche Symmetrie und Eleganz für die Gebilde der Algebra und Geometrie

haben, sondern verweise auf die Rolle, welche die schöpferische

Phantasie für die Produktion der grossen Mathematiker gehabt und

bemerke dass Perspektive und darstellende Geometrie von Künstlern

wie ¨Alberti¨, ¨Leonardo¨, ¨Dürer¨, für die Kunst geschaffen sind.

Ich erinnere auch an ¨Schiaparellis¨ Ausspruch: Das Grundprinzip

aller Astronomischen Systeme von Pythagoras bis Kopernikus ist die

Überzeugung von der Schönheit und Einfachheit des Kosmos gewesen.

Und in der einzig dastehenden Befähigung für das Schöne liegt der

Grund, warum gerade die Hellenische Philosophie und Mathematik der

Träger der Bildung gewesen ist und sein wird. Wie die Hellenen

politisch besiegt, das Barbarentum der Römer niedergezwungen, so

hat in der Renaissance das erneute Hervorsprudeln der hellenischen

Quellen das Mittelalter hinweggespült, und drei Jahrhunderte später ist

es wieder das Hellenentum gewesen, welches verbunden mit dem tiefen

sittlichen Ernst der Germanen im Neuhumanismus die seichte Periode,

welche wir Aufklärungszeit nennen, überwunden hat, und ohne dass

Kant und Goethe nicht zu verstehen sind. Denn auch die Schönheit der

Wahrheit ist weder vorher noch nachher, je so tief empfunden worden,

wie von dem Volke, für das das καλον καγαθον καλεθες, das Schöne,

Gute, Wahre, ein einziger Begriff gewesen. Gerade in der Jetztzeit,

in der die sich häufenden Entdeckungen auf physikalischem und

chemischem Gebiete die Macht des Menschen und sein Selbstbewusstsein

ins Ungemessene steigernd, eine rohe Anbetung des materiellen Genusses

grossgezogen haben, da hat sich wieder der Hellenische Geist mächtig

erhoben, der mit Platon, Aristoteles, Lessing das Streben nach der

Wahrheit um der Wahrheit willen als das höchste als das befriedigendste

Gut empfindet.

M. H.! Das Gesetz der Kontinuität, wie es nicht nur die griechische

sondern jede Wissenschaft beherrscht, gilt auch für die Hellenische

Kultur. Von Anfang an durch die grosse Küstenentwicklung und die vielen

Häfen ihres Landes auf das völkerverbindende Meer hingewiesen, haben

sie regsamsten Geistes von den Ägyptern und durch Vermittlung der

Phönizier von den Babyloniern gelernt und den Einfluss des Orients

auf allen Gebieten des Wissens und der Kunst erlitten, aber ebenso

sicher ist es, dass sie diese Einflüsse von Anfang an selbständig

verarbeiteten, »dass sie,« um mit Ostwald zu reden, »diese fremden

Kulturen nicht kopierten«, wohl aber verwerteten. Insbesondere gilt

diese Selbständigkeit für die Hellenische Philosophie und Mathematik.

Die Philosophie anfänglich auf Naturerklärung gerichtet, nimmt

schon mit ¨Anaximander¨ scharf den Weg zur Naturerkenntnis, die bei

¨Demokrit¨ ihren Höhepunkt erreicht, um mit ¨Platon¨ und ¨Aristoteles¨

die Erkenntnistheorie und Wissenschaftslehre überhaupt zu bemeistern.

Aus Ägypten und Babylonien haben wir bisher keine Spur davon gefunden,

dass der Menschengeist selbständig der Natur gegenübergetreten, die

Semiten begnügen sich ihrer eminent religiösen Veranlagung nach mit der

Tatsache: »Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.« In Betracht könnten

nur die Inder kommen, besonders die Vaisesikaphilosophie; aber m. E.

liegt die Sache gerade umgekehrt, und sowohl der Atomismus derselben

als z. B. die Einführung des Äther als fünftes Element, das die

Schallwellen fortlenkt, sind Hellenischem Einfluss zuzuschreiben.

Die wichtigste Quelle für die Geschichte der Hellenischen

Philosophie ist das erste Buch der Metaphysik des Aristoteles und

für Mathematik der Kommentar des Proklos, besonders das sogenannte

Mathematikerverzeichnis. Beide beginnen mit Thales dem Milesier, so

beginnt denn die Geschichte der Philosophie wie der Mathematik mit

Thales dem Jonier.

Ergänzung zur Lehre der Pythagoreer.

Da mir bis vor kurzen die gründliche Dissertation von ¨W. Bauer¨,

der ältere Pythagoreismus, Bern 1897, entgangen war, so sehe ich

mich veranlasst, den Abschnitt über die Pythagoreer zu ergänzen. Zu

diesem Zwecke muss ich etwas näher auf ¨Anaximander¨ den Jonischen

»Physiologen« eingehen, sowie auf die ¨Orphiker¨. Anaximander hat

sicher eine Schrift peri physeos geschrieben, welche noch dem

Theophrast vorlag. Ob er sein Apeiron als Stoff oder als Kraft

gedacht hat oder was das wahrscheinlichste, als beides zugleich,

ist zweifelhaft. In der sehr merkwürdigen Stelle Aristoteles

Phys. 14. 203^b 6 (Diels Frag. S. 14) werden fünf Quellen seines

Unendlichkeitsbegriffs angegeben: die Zeit, die Auflösung des

Continuums, der Fortgang in der Begrenzung des Begrenzten (die

Compositio continui), die Zahl, der Raum (»das ausserhalb des

Himmels«). Nicht minder interessant ist die Stelle bei Simplicius

(Diels 13 oben): Anaximander nennt das Unendliche ¨Prinzip und

Element¨ der Dinge. Nicht das Wasser oder ein anderes der sogenannten

(vier) Elemente, sondern ein anderes Wesen, das Apeiron, sei das

Prinzip, aus dem alles entstanden sei, die ¨Welten¨ und ihre

¨Ordnungen¨. Woraus aber den Dingen die Entstehung stammt, eben

dahin geht auch ihr Untergang nach Notwendigkeit; ¨denn sie zahlen

einander Strafe und Busse¨ der Zeitfolge gemäss. In diesem Satz ist

a) die Unveränderlichkeit des Unendlichen dem Endlichen gegenüber

ausgesprochen, b) in dem Nebeneinanderstellen von Prinzip und Element,

arche und stoicheion, wird gesagt, dass etwas vom Unendlichen

Bestandteil der Dinge sei und c) in dem letzten Satz, der bei Diels

gesperrt gedruckt ist, liegt eine Ahnung von dem Gesetz der Erhaltung

der Energie. Jedes Entstehende entsteht auf Kosten anderer und büsst

dafür durch seinen Untergang.

Wie aus dem Urstoff, dem Unendlichen, die vier Elemente hervorgegangen,

darüber fehlen bestimmte Angaben. Nach Aristoteles und Theophrast

scheint das Apeiron qualitätslos gedacht und die Elemente sind durch

Bewegung ausgeschieden. Zuerst trennten sich das Warme und Kalte, wie

etwa Glas- und Harz-Elektrizität durch Reibung. Zum Unterschiede von

Thales hat Anaximander den ernsthaften Versuch gemacht den Kosmos und

die Naturerscheinungen wissenschaftlich zu erklären, dabei bekunden

die Angaben, dass er die Schiefe der Ekliptik gekannt habe und die

Gestirne als Götter betrachtet, Babylonischen Einfluss. -- Die Erde

selbst dachte er sich in Form eines Cylinders, dessen Höhe 1/3 des

Durchmessers, im Mittelpunkte des Kosmos ruhend, vermutlich infolge

einer Ahnung der sich gegenseitig aufhebenden Wirkungen, denn der

Kosmos ist bei ihm vielleicht zuerst als Kugel gedacht. Geworden ist

die Erde infolge der fortgesetzten Austrocknung durch das umgebende

Feuer, insbesondere die Sonne, weshalb auch die Meere allmählich

austrocknen. (Aristoteles Meteorol. II, 1, 353^b 6). Aus dem Urschlamm

sind dann durch die belebende Wirkung der Sonne die Organismen

entstanden, und hier ist also diese Wandlung der Sonnenenergie zuerst

verwertet. Mit das interessanteste ist, dass, wie ¨Zeller¨ zuerst

hervorgehoben, Anaximander als Vorläufer Darwins angesehen werden kann.

Er wies darauf hin, dass ein so hilfloses Wesen wie das Menschenkind

sofort hätte zugrunde gehen müssen und so meinte er, dass die Menschen

sich aus alligatorähnlichen Tieren entwickelt hätten (was ja so manchen

Zug in der Menschennatur erklären würde) bis ihre Entwicklung soweit

gediehen, dass sie ihre Panzer abwerfen und am Lande leben konnten.

Aristoteles erwähnt in der historischen Übersicht in der Metaphysik den

grössten der Physiologen nicht, sein Apeiron passt eben in keine der

vier Archai des Kapitel III, obwohl das Wort von ihm herrührt, aber

der ausserordentliche Fortschritt gegen Thales ist dem Aristoteles

nicht entgangen. Die grossen Probleme der Materie und der Substanz sind

hier in voller Deutlichkeit erfasst, um nie wieder aus der Philosophie

zu verschwinden, und in seinem Apeiron ist noch vor den Pythagoreern

der Versuch gemacht vom unmittelbar gegebenen Stoff zu abstrahieren

und ihn durch eine gedankliche Hypothese zu ersetzen. Das Apeiron des

Anaximander ist eine der Quellen der Pythagoreischen Kosmogonie. Nicht

minder wichtig ist die eigentümliche theologisch-poetische Bewegung

welche man als ¨Orphische¨ bezeichnet, für deren Verständnis ich

¨Erwin Rohdes¨ klassischer »Psyche« (1894) den meisten Dank schulde.

Das Jahrhundert von 620 etwa bis 520 kann man als die griechische

Sturm- und Drangperiode bezeichnen. Neben jonischen Denkern ein

nicht minder stürmischer Drang nach religiöser Vertiefung. Die

eleusynischen Mysterien, deren Inhalt der Unsterblichkeitsgedanke oder

richtiger das Fortleben der Seele nach dem Tode bildete, gewannen

zahlreiche Teilnehmer aus dem ganzen Hellas und es entwickelte

sich eine philosophisch-theologische Spekulation welche zu einem

abgeschlosseneren systematischeren Kultus führte, als ihn die vielfach

lokalisierte Volksreligion darbot, eben die Orphik.

Die ¨Orphiker¨, nach dem durch die Sage von Orpheus in der Unterwelt

bekannten Thrakischen Sänger benannt, verehrten auch Thrakiens Gott

den Bakchos oder Dionysos. Das älteste Zeugnis über sie gibt Herodot

(2, 81) der die Übereinstimmung ägyptischer Priester-Vorschriften mit

den »orphischen und bakchischen« Geheimdiensten hervorhebt, die in

Wahrheit ägyptisch und pythagoreisch seien, d. h. nach ägyptischem

Vorbilde von Pythagoras eingeführt seien, etwa um die Mitte des 6.

Jahrhunderts. Orphische Gemeinden bildeten sich in Griechenland

und Gross-Griechenland (Unteritalien) mit ganz festen heiligen

Schriften und festem Kult. ¨Rohde¨ sagt: »Die Verbindung von Religion

und einer halbphilosophischen Spekulation war eine kennzeichnende

Eigentümlichkeit der Orphiker und ihrer Schriftsteller,« von denen ich

als den wichtigsten ¨Pherekydes¨ von der Insel Syros erwähne, bekannt

durch seine Theologia, einem Seitenstück zu der ¨Hesiod¨ Theogonie. Die

ganze Lehre trägt einen allegorischen Charakter, ich erwähne nur den

Abschluss.

Am Ende der sich in Geschlechterfolge entwickelnden Götterreihe steht

der Sohn des Zeus und der Persephone, Dionysos, der als Unterweltgott

Zagreus genannt ist. Der Name bedeutet »starker Jäger«, -- das ζα

ist eine Nebenform von δια welches in der Komposition gleich dem

lateinischen per die Bedeutung des Simplex tunlichst verstärkt --

und bezieht sich auf den Tod, den Hades. Dem Zagreus hat Zeus (Zas)

schon als Kind die Herrschaft über die Welt anvertraut, ihn überfallen

die Feinde des Zeus und der sittlichen Ordnung, die Titanen und

nach heftigen Kampfe wird er zerrissen. Nur das Herz rettet Athene,

überbringt es dem Zeus, der es verschlingt. Aus ihm entspringt der neue

Dionysos, des Zeus und der Semele Sohn, in dem Zagreus wieder auflebt.

Die Titanen stellen die Urkraft der Bösen dar, sie zerrissen den Einen

in viele Teile, durch ¨Frevel¨ breitet sich das Eine, die Gottheit,

in die Vielheit der Dinge dieser Welt aus (Anaximander!). Aber die

Gottheit entsteht wieder als Einheit im Dionysos. Zeus zerschmettert

die Titanen durch seinen Blitzstrahl, aus ihrer Asche entsteht das

Geschlecht der Menschen, die also ihrem Ursprung nach eine Spottgeburt

von Dreck und Feuer sind, von Gutem aus Zagreus, von Bösem aus dem

Titanischen Elemente. Damit ist dem Menschen sein Weg vorgezeichnet,

er soll sich von dem titanischen Elemente befreien und zurückkehren

zu Gott von dem ein Teil in ihm lebendig ist. Oder was dasselbe, der

Mensch soll sich frei machen von den Banden des Körpers in dem die

Seele gefesselt ist wie in einem Kerker. Aber der Weg ist lang, der

Tod trennt zwar Seele und Körper, aber die Seele, die beim Austritt

aus ihrem Leibe frei in der Luft schwebt, wird in einen neuen Körper

eingeatmet und so durchwandelt sie den weiten Kreis der Notwendigkeit.

Ja sie kann sogar wie ein periodischer Dezimalbruch immer dieselben

Zustände in derselben Reihenfolge durchlaufen. Nur eine Hilfe gibt es,

die Askese in der gänzlichen Versenkung in die Gottheit.

Wie man sieht sind zeitlich und inhaltlich die indischen buddhistischen

Einflüsse unverkennbar. ¨Pythagoras¨ nun trat, Rohde zufolge, dem

ich völlig beipflichte, in die orphische Gemeinde von Kroton, die er

reformierte. Und zwar ist der Modus der stets befolgte und einzig

Erfolg verheissende, die Sitten, Gebräuche, den Kult liess er

unangetastet, die Dogmatik änderte er; Askese, Seelenwanderung, ja

Musik und Heilkunst übernahm er von den Orphikern.

Die ursprüngliche Lehre selbst zu erkennen, wird dadurch erschwert,

dass wir den Pythagoreismus zuerst in der verhältnismässig späten

Darstellung des ¨Philolaos¨ besitzen. Philolaos aber zeigt nicht nur

den Einfluss des ¨Anaximander¨ und zwar positiv im Apeiron und negativ

in der Betonung der Einzigheit des Kosmos, sondern auch den des

Heraklit für die Rolle die das Feuer im Kosmos, einem pythagoreischen

Ausdruck, spielt. Dass Heraklit in Unteritalien schon kurz nach

500 bekannt war, ist ja erwiesen. Aber auch die vier Elemente des

¨Empedokles¨ und Momente aus der Weltschöpfung des ¨Anaxagoras¨ nahm

Philolaos auf. Ob das formgebende Prinzip oder der ordnende Nous von

einem Zentralpunkt dynamisch wirken, ist dasselbe. Allerdings lagen

dem ¨Aristoteles¨ vermutlich auch noch ältere Quellen als Philolaos

vor. Was nun die sehr dankenswerte Dissertation von ¨W. Bauer¨

(1897) betrifft, so scheint mir die Argumentation etwas durch die

vorgefasste Meinung des Verfassers beeinflusst, der die Quellen je

nach dieser wertet, um z. B. gegen Zeller einen eignen pythagoreischen

Gott zu konstruieren, der dann von dem Nous des Anaxagoras nicht

wesentlich verschieden wäre. Von Aristoteles nimmt er weg, Syrion

und Stobaios legt er zu, das umfassende Feuer ist keineswegs als ein

zusammenfassendes gekennzeichnet, periecho ist nicht synecho, und die

»Lauterkeit der Elemente« selbst bezieht sich nicht auf Materie und

Form sondern auf die vier Elemente selbst. Das umgebende Feuer erklärt

sich einerseits durch die Auszeichnung die Anfang und Ende besitzen und

»Anfang und Ende reichen einander die Hände«. Das von der zentralen

Hestia zur Erhaltung des Kosmos verbrauchte Feuer wird von da aus

ersetzt, durch den »Atemzug des Weltalls«.

Darin pflichte ich Herrn Bauer bei, dass die Betonung der Gegensätze,

die orphisch ist, vielleicht das ursprüngliche ist. Man muss aber

unterscheiden zwischen dem Apeiron, dem Peras und dem Perainon, d. h.

zwischen Stoff und Form und Formgebung und das formgebende Prinzip, die

Seele wie des Menschen so der Welt, ist, wenn man das Wort brauchen

will, der eigentliche »Gott« der Pythagoreer, nämlich die ¨Harmonie¨,

welche die Gegensätze zur Vereinigung zwang und darin erhält. Auch für

sie lagen orphische vielleicht auch Heraklitische Anregungen vor.

Von der Harmonie zur ¨Zahlenlehre¨ der Aristotelischen Darstellung

ist aber nur ein kleiner Sprung, denn wenn die Ordinalzahl, wie ich

an anderer Stelle gesagt habe, der major domus der Zeit ist, so ist

es die relative, die Verhältniszahl, für die Harmonie, die eben nur

in Verhältniszahlen zum Ausdruck kommt. Die Erfindung des Monochords

ist von diesem Prinzip geleitet worden; jedes Kind, das an einer Saite

klimpert, weiss, dass die kürzere den helleren Ton gibt, aber nur wer

den Gedanken erfasst hat, dass die Harmonie in Zahlenverhältnissen

ihre Objektivierung finden muss, wird versuchen messend einfache

Verhältnisse herzustellen. So sind es die Pythagoreer, die sicher noch

vor ¨Platon¨ die Bedeutung der relativen Zahl erkannt haben, und hier

liegt vielleicht ihr grösstes Verdienst um die Mathematik. Hiermit

hängt auch die ihnen eigentümliche Auffassung der Einheit zusammen, die

keine Zahl ist, wie wir das ja noch in den Rechenbüchern des 18. Jahrh.

nach Chr. lesen können, sondern eine Grösse, und ich weise hier auf den

Zusammenhang mit ¨Galilei¨ hin und auf die Stelle Aristoteles Metaph.

XIII 6, 1080, 6, 16.

Zum Schluss noch ein paar Worte über das »Kenon,« das Leere, der

Pythagoreer, denn hier liegt die Grundlage für den wichtigen Begriff

des »μή ὄν« des Nichtseienden, das schliesslich bei Demokrit und Platon

geradezu positiven oder besser konstruktiven Inhalt empfängt.

Dieses Leere scheint mir nichts anderes zu sein als eine Vermischung

von Zeit und Raum, die im »Kenon« zwar noch ungeschieden, aber doch

schon als Sonderungsprinzipien (principia individuationis nach

Schopenhauer) erkannt sind. Sie werden aus dem Apeiron jenseits

der zehnten Sphäre, der des umgebenden Feuers, eingesogen um die

im Kosmos zur ordnungsgemässen Trennung und Bewegung der Sphären

verbrauchte Zeit und Raum zu ersetzen. Die Polemik des ¨Parmenides¨

gegen das Nichtseiende ist also noch mehr gegen die Pythagoreer

als gegen Heraklit gerichtet, denn sie ist gegen Zeit und Raum

und Bewegung gerichtet. Aber dieses Kenon, dieses me on ist dann

von ¨Demokrit¨ aufgenommen, der in dem Leeren der Pythagoreer,

den Poren des ¨Empedokles¨ und den unzählig vielen unendlich

kleinen Elementen des ¨Anaxagoras¨ die Bausteine fand, aus denen er

mittelst der Differentiale der Masse, des Raumes und der Bewegung,

die unerschütterlichen Grundlagen der physikalisch-chemischen oder

richtiger der mathematischen Naturbeschreibung geschaffen hat.

Geschichte der Mathematik im Altertum in Verbindung mit antiker Kulturgeschichte · 第 47 / 49 题