4. Das Koptische, die Sprache der christlichen Ägypter.

Das Demotische knüpft unmittelbar an das Altägyptische an. Das

Koptische zeigt zwar grosse lautliche Veränderungen durch den Einfluss

des Griechischen, gewährt aber generaliter die beste Hilfe für die

Entzifferung des Altägyptischen, denn die ersten drei Sprachen wurden

ohne Vokale geschrieben.

Hinsichtlich der Schrift sind 4 Epochen zu konstatieren.

1. Die Periode der Hieroglyphen, welche von 4000 v. Chr. bis 250

n. Chr. reicht, obwohl in den letzten 1000 Jahren nur noch zu

dekorativen Zwecken, wie Tempelinschriften und feierlichen Urkunden.

2. Die Periode der hieratischen Schrift, welche die Periode der

Hieroglyphen von 2500, von der XI. Dynastie an, begleitet bis zu

Psammetich. Sie hat sich aus Abkürzung der Hieroglyphen entwickelt.

Sie ist die Geschäftssprache und Schrift und aus ihr entwickelt sich:

3. Die demotische Sprache und Schrift, welche dann aber, als nach

Diokletian die ägyptische Religion dem Christentum erlag, durch

4. die koptische Schrift verdrängt wurde, die griechisch ist, bis auf

einige Zeichen, die demotisch blieben, weil sie Laute bezeichnen,

die das Griechische nicht hat. Das Koptische ist eine tote Sprache,

es erlag dem Arabischen. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts, genauer

noch 1673 starb der nachweislich letzte Mann der Koptisch sprach, der

80jährige Muallim Athanasios. Nur noch im koptischen Kultus hat es

sich als Sprache der koptischen Bibel gehalten, wie etwa das Latein

in der katholischen Kirchensprache.

Ägyptische Kultur.

Meine Herren! Mit der Schätzung der ägyptischen Kultur ist es seltsam

gegangen. Im ganzen Kulturgebiet des Mittelmeeres stand ägyptische

Weisheit seit der Zeit der Hellenen bis in die Mitte des 19.

Jahrhunderts im höchsten Ansehen, während ihre Kunst als seltsam und

barbarisch gering geschätzt wurde. Die geheimnisvolle Weisheit der

Priester, die vielen Inschriften in der wunderbaren Bilderschrift der

Hieroglyphen -- vielleicht ein griechisches Wort, das Einmeisselung in

den heiligen Stätten bedeutet --, die unentzifferbaren Papyrosrollen,

der einzig dastehende Totenkult, alles das trug dazu bei, den Gedanken

an tief verborgene geheimnisvolle Weisheit zu erwecken. Welchen

Eindruck Ägypten auf die Hellenen gemacht, erfahren wir aus Herodot,

der ersten und der besten alten Quelle. Er, der Ägypten etwa um die

Mitte des 5. Jahrhunderts bereiste, schreibt: Wie der Himmel bei ihnen

von sonderlicher Art, wie ihr Strom eine andere Natur hat, als die

übrigen Flüsse, so sind auch fast alle Sitten und Gebräuche der Ägypter

entgegengesetzt der Weise der anderen Menschen. Bei ihnen sitzen die

Weiber auf dem Markt und handeln, die Männer bleiben zu Hause. Lasten

tragen die Männer auf dem Kopf, die Frauen auf den Schultern. Ihre

Notdurft verrichten sie in den Häusern, die Speisen aber nehmen sie auf

der Strasse zu sich und sagen dazu: Im Verborgenen müsse man tun, was

unziemlich sei, aber notwendig, öffentlich aber, was nicht unziemlich

sei etc.

In jeder Hieroglyphe sah man ein Bild oder Symbol irgend eines tiefen

Gedankens und suchte sie wie einen Rebus zu erraten. So las der

bekannte viel wissende Jesuit ¨Athanasius Kircher¨, der von 1601-1680

lebte und die Laterna magica u. a. erfunden hat, die sieben Zeichen:

[Illustration]

welche in Wahrheit autkrtr heissen und den Titel αυτοκρατως,

Selbstherrscher, bezeichnen, der den Titel Imperator des römischen

Kaisers wiedergibt, in folgender Weise: Osiris ([**symbol] = a) ist

Urheber der Fruchtbarkeit und aller Vegetation, ([**symbol] = u). Seine

Zeugungskraft ([**symbol] = tk) zieht aus dem Himmel ([**symbol] = r)

der heilige Mophta ([**symbol] = tr[*]) in sein Reich, und in einem

andren Falle las Kircher die 17 Buchstaben kasrs Tmitins sbsts d. h.

Kaiser Domitianus Sebastos so: Der wohltätige Vorsteher der Zeugung

der im Himmel vierfach mächtige übergibt durch den wohltätigen Mophta

die luftige Feuchtigkeit an den Amon, der in der Unterwelt mächtig

ist und durch seine Statue und geeignete Zeremonien veranlasst wird,

seine Macht auszuüben. ¨Kircher¨ hat übrigens um die Kenntnis des

Koptischen wirkliche Verdienste. Er hat zuerst das Koptische als die

altägyptische Volkssprache bezeichnet (lingua aegyptiaca restituta

1645). Während Kircher metaphysische und theosophische Spekulationen

in die Hieroglyphen hineinlas, fand der Abbé Pluche meteorologische

Beobachtungen in ihnen und ein Anonymus sogar Davidische Psalmen.

[*] Der Löwe ist ein spätes Zeichen, das eigentlich dazu dient, r und

l, die in alter Zeit das gleiche Zeichen haben, zu unterscheiden.

Meine Herren! Sie können sich denken, dass durch solche Spielereien

die ganze Beschäftigung mit Hieroglyphen in Verruf kam und wir

blieben für die wirkliche Kunde von Ägypten auf die griechischen

Quellen, insbesondere auf Herodot, Eusebios, Horapollo, Plutarch,

Diodor und die jüdischen Erzählungen in der Bibel angewiesen. Das

wurde mit einem Schlage anders, als ¨Napoleon¨ im Jahre 1798 seinen

Zug nach Ägypten unternahm, um von da aus die Engländer in Indien zu

bedrohen. Grossartig wie der Plan und der Mann nahm er einen ganzen

Stab hervorragender Gelehrten unter Vorsitz von ¨Fourier¨ mit, die

mit der Erforschung des Landes beauftragt wurden, für welche Napoleon

durch des Mathematikers ¨Karsten Niebuhrs¨ Reise in Arabien (voyage en

Arabie) 1761-67 angeregt worden war. Sie haben ihre Aufgabe glänzend

gelöst und ihr grosses Material in der description de l'Egypte, dem

Fundament der Ägyptologie, niedergelegt. Statt der wenigen nach Rom und

Byzanz verschleppten Inschriften lag jetzt eine Fülle von Texten vor

und die Entzifferung wäre, wenn auch langsam, gelungen, wie die der

Keilschriften Assyriens gelungen ist, auch ohne den glücklichen Zufall

des Fundes von Rosette.

»Im August 1799, als die Lage des französischen Heeres schon recht

misslich war, fand man beim Ausheben von Schanzen im Port St. Julien

(Raschêd), 7,5 km N. W. von ¨Rosette¨ in der Nähe der westlichen

Nilmündung eine schwarze Granittafel, deren Vorderseite mit drei

Inschriften bedeckt war. Die oberste in Hieroglyphen, die mittlere in

der ägyptischen Volksschrift zur Zeit der Ptolemäer, dem Demotischen,

und die unterste in griechischer Schrift und Sprache. Im griechischen

Text stand: Man solle dieses Dekret der Priester von Memphis zu

Ehren des Königs (Ptolemäus Epiphanes, 196) in heiliger Schrift,

in Volksschrift und in griechischer schreiben. Es war also kein

Zweifel, dass die beiden ägyptischen Texte des Steines von Rosette die

Übersetzung des Griechischen enthielten. In dem Dekret war mehrfach

von König Ptolemäus die Rede, es war unwahrscheinlich, dass für diesen

fremden Namen die Hieroglyphen als Symbolik dienen sollten. Die

Vermutung lag nahe, dass die Hieroglyphen eine Lautschrift seien.«

Sie wurde 1816 von dem grossen englischen Physiker ¨Thomas Young¨

ausgesprochen, welcher an der durch die Kapitulation von Alexandria

1801 nach England gesandten Tafel i, n, p, t, f entzifferte und

unabhängig von ihm kam der junge französische Gelehrte ¨Jean François

Champollion-le Jeune¨ auf den gleichen Gedanken. Champollion muss

als der eigentliche Entzifferer der Hieroglyphen angesehen werden.

Wer sich genau für ihn und seine Taten interessiert, findet alles

denkbare Material in dem höchst fesselnden Werke von ¨H. Hartleben¨:

Champollion, sein Leben und sein Werk 1906, in dem mit der ganzen

liebevollen Sorgfalt, deren nur eine Frau fähig ist, und mit

glänzendem Erfolg in vieljähriger unermüdlicher Arbeit alle überhaupt

beschaffbaren Urkunden verwertet sind. Dass Young und Champollion

Vorläufer hatten, ist selbstverständlich, so erwiesen sich z. B. die

Angaben des Kirchenvaters ¨Clemens Alexandrinus¨ über das altägyptische

Schriftsystem bedeutend zuverlässiger als die des Herodot und Diodor.

Ganz bedeutend muss der Däne ¨Georg Zoëga¨ hervorgehoben werden, der

sich von 1783 an mit Hieroglyphik beschäftigte. Zoëga, geschulter

Philologe, -- er war der Lieblingsschüler des berühmten Göttinger

Philologen ¨Ch. G. Heyne¨ --, hat den Lautcharakter der Hieroglyphen

erkannt. Er hat vermutet, dass der Ring: [**symbol], die alphabetisch

geschriebenen Namen des Königs und der Königin umschlösse und was

die Hauptsache war, er hat die ägyptische Kunst richtig beurteilt.

¨Winckelmann¨ hatte die ägyptische Kunst als völlig stabil hingestellt.

Demgegenüber zeigte Zoëga, dass es in ihr Entwicklung, Blüte und

Verfall gibt, kurz Bewegung. Heute wissen wir, dass das alte Reich

eine Zeit der Entwicklung durchmachte von kühner, aber technisch

unvollkommener Nachahmung der Natur aufsteigend bis zu Meisterwerken

wie: »der Dorfschulze, der Schreiber«, und der gewaltigen Sphinx',

das Abbild der vollen Majestät des Königs (siehe Abbild.). Auf diese

Zeit folgte ein Beharren und ein Stabilwerden im mittleren Reich,

ein Verfall in der Hyksosperiode, bis dann im neuen Reiche die neue

grossartige Kunstepoche herbeigeführt wurde dadurch, dass die aus dem

Verkehr mit Syrien und Babylonien gewonnenen neuen Motive der Eigenart

des ägyptischen Volkes gemäss entwickelt wurden. In dem Werke von

H. Hartleben finden Sie, meine Herren, wie Champollion von frühester

Jugend an die Entzifferung des ägyptischen Geheimnisses als sein

Lebensziel erkannte und wie unentwegt er diesem Ziel trotz Krankheit

und Not nachgestrebt. Von besonderem Einfluss ist das Interesse, das

¨Fourier¨, der Verfasser der Théorie de la Chaleur, dem genialen Knaben

entgegenbrachte, der 12jährig im Herbst 1802 dem Präfekten von Grenoble

durch den älteren Bruder, den ebenfalls bedeutenden Gelehrten Jacques

vorgestellt wurde. Aber wir sehen aus dem Buche auch, wie gross die

Arbeit, wie mannigfaltig die Schwankungen und Irrtümer waren, bis es

1822 Champollion gelang, die grundlegenden Sätze auszusprechen:

1. Die drei altägyptischen Schriftformen, Hieroglyphen,

Hieratisch, Demotisch, stellen im Grunde dasselbe einheitliche

System dar.

2. Das System besteht aus einem Gemisch von etwa 19 teils

»figurativer«, teils »symbolischer« Zeichen.

Champollion ging wie Young vom Stein von Rosette aus. Dort kam an der

Stelle, wo der griechische Text von Ptolemäus spricht, derselbe Ring

vor, den man von den Bildern der Tempel neben dem Haupt des durch

die Doppelkrone bezeichneten Königs her kannte und in diesem Ring

[**symbol] finden sich die Zeichen:

[Illustration]

[Illustration]

Champollion hatte bemerkt, dass auf einem Obelisken aus Philä, der

wichtigen Grenzstadt in Unterägypten, neben demselben Königsring ein

anderer stand, der 5 von den Zeichen des ersten Ringes enthielt. Aus

der griechischen Inschrift an der Basis des Obelisken liess sich

entnehmen, dass es der Name Kleopatra sei und er musste es sein, denn

von den drei in der Königsfamilie üblichen Frauennamen: Arsinoe,

Berenike, Kleopatra enthält nur der letzte 5 Buchstaben, die auch in

Ptolemäus vorkommen. So wurden die Zeichen für die Laute a, e, l, m, o,

p, r, s, t gefunden und bald fand Champollion Bestätigungen, die ihn

weiter führten, so an dem Königsnamen Aleksentros, id est Alexander.

Dazu kam dann bald als der schlagendste Beweis, dass, wenn man nach

dieser Deutung Worte las, die phonetisch geschrieben, hinter denen

aber, was sehr häufig ist, ein Deutungszeichen stand, wie z. B.

[**symbols] Eh und: [**symbols]

erp, man auf wohl bekannte koptische Worte ehe der Ochse und erp, der

Wein stiess.

Diese Determinative oder Deutungszeichen waren unentbehrlich und

wurden immer zahlreicher. Dieselben beiden Zeichen [**symbols]

konnten noch bedeuten: Weinen, dann war ein tränendes Auge dahinter

[**symbol]; Feld, dann war ein Markstein dahinter, wenn es Strick

bedeutete [**symbol]. Wenn es Loben, Preisen, Rufen, kurz einen Ausruf

bedeutete, ein sitzender Mann, wenn es Bedrohen, Bedrängen bedeutet,

ein bewaffneter Arm: [**symbol], der überall vorkommt, wo Energie

ihren Ausdruck findet. Es sind diese Determinative Überreste der

ältesten Zeit, wo die Hieroglyphen wirklich Bilderschrift war, wie es

die chinesische Schrift noch heute ist. -- Ich nehme als Beispiel die

Hieroglyphe [**symbol] per das Haus, der rohe Grundriss eines Hauses,

wie es noch heute der ägyptische Bauer bewohnt. Aber das Zeichen für

Haus der ältesten Zeit wurde im Laufe der Zeit zum ¨Zeichen¨ der

Silbe per. Dies kann dann sehr verschiedenes bedeuten: [**symbols]

hinausgehen, [**symbols] hineingehen.

Als Champollion 1832 schon 10 Jahre nach seiner Entdeckung starb,

war es ihm gelungen, das ganze Schriftsystem der Hieroglyphen zu

entziffern. Dieser eine Mann hatte in einem Jahrzehnt das grosse Rätsel

gelöst und ein ganzes Volk wieder in die Weltgeschichte eingeführt.

Nach den Hieroglyphen wurde die hieratische Schrift entziffert, die

Priesterschrift, in der die meisten Papyri geschrieben sind, und

die aus Zusammenziehung der Hieroglyphen, sogenannten Ligaturen,

entstanden, sich zu jener verhält, wie unsere Schreibschrift zur

Druckschrift und nach dieser von Brugsch das Demotische. Es konnte

eine ägyptische Grammatik geschrieben werden, ägyptische Literatur

gelesen werden und eine glänzende Bestätigung erhielten die Arbeiten

der Ägyptologen als ¨Lepsius¨, der 1842 die berühmte, so erfolgreiche,

sogenannte preussische Expedition geleitet hatte und die Gräber des

alten Reiches aufgedeckt hatte, 1867 auf dem Trümmerfelde der alten

Stadt Tanis eine andere Trilingue fand, von sehr bedeutender Länge und

ganz vollkommen erhalten: Das Dekret von Canopus, das sich auf eine

Kalenderverbesserung bezog.

Aber als nun die ägyptische Literatur entziffert war, machte sich

zunächst eine grosse Enttäuschung geltend. An Stelle der erwarteten

tiefsinnigen Weisheit fand man eine wirre Mythologie, aus der nur die

schon durch Plutarch, de Iside, bekannten Gestalten des Osiris, der

Isis, des Seth oder Typhon, und des Horus oder besser Hor deutlicher

sich abhoben. Man lese Erman S. 365 ff. Daneben Haarspaltereien,

wie etwa die rabbinischen Untersuchungen über die Jakobsleiter,

Zaubersprüche und eine tolle Dämonologie. Die Papyri entpuppten sich

meist als Schülerhefte oder als Briefe, die zum Unterricht geschrieben

waren und etwas mehr Inhalt boten eigentlich nur die Totenbücher,

buchstäblich Reisehandbücher für den Ka, die Seele des Verstorbenen,

auf seiner Reise in das Reich des Osiris, in die Totenwelt.

Die Medizin, die Herodot solchen Respekt einflösste, lernten wir

aus dem grossen Papyrus Ebers kennen, eine ausserordentliche,

reiche Sammlung von Rezepten, deren vornehmster Bestandteil Kot der

verschiedenartigsten Tiere, überhaupt die ekelerregendsten Elemente

sind. Beiläufig gesagt ist auch für die mathematische Tradition die

Bemerkung nicht unwichtig, dass ein Teil dieser Rezepte noch heute

unverändert einen Bestandteil der Volksapotheke in Europa bildet. --

So schlug denn die Ehrfurcht in ihr Gegenteil um. Man unterschätzte

die ägyptische Wissenschaft, wie man sie überschätzt hatte. Aber etwa

seit 1880 trat eine Wandlung ein, die genaue Detailforschung, gefundene

Briefe, Rechnungen, Steuerquittungen, Prozessakten zeigten, dass man

es mit einer seit 4000 v. Chr. grossartig organisierten Verwaltung

und mit einem ausserordentlich klaren und verständigen Volke zu tun

hatte. In die Geschichte, in die Mythologie kam Licht, Lyrik, ein

reicher Märchenschatz, wie ihn noch heute die Fellah lieben; auch die

Kunst zeigte sich zum Teil auf erstaunlicher Höhe. Vergl. die kurze

Kunstgeschichte von ¨W. Spiegelberg¨. Man denke an die Statuen des

Pepi und Ramses II., die herrlichen Statuen von Gizeh im Louvre etc.

Ferner an Architekturwerke, Meisterwerke, wie die Tempel von Karnak

und Luxor. Papyri, wie die älteren, auf Leder geschriebenen, z. B.

der Papyrus Prisse, zeigten wirklich hohe Weisheit auf ethischem

Gebiet 2500 v. Chr. Ausserordentlich früh war das Barbarentum, wie

Menschenopfer, Tötung der Frauen und Sklaven, die es bei den Griechen

noch im Homerischen Zeitalter gab, abgeschafft. Auch die Stellung der

Frau zeigt die ethische Reife, sie war weit höher als bei irgend einem

orientalischen Volke, vielleicht die Hebräer ausgenommen, selbst der

Adel der Herkunft richtet sich nach der Mutter. Wir haben Kunde von

der bedeutenden Rolle, welche z. B. Tye, die Mutter des Chinatôn,

spielte, deren wundervoller Goldschmuck vor kurzem gefunden wurde, wir

wissen von der zwanzigjährigen kraftvollen Regierung der Hatschepsowet,

der Mutter des grossen Thutmosis III., welche u. a. eine grosse

und erfolgreiche Expedition nach Punt sandte und dort ihre Statue

aufstellen liess. Die Ehe war sehr früh im wesentlichen monogamisch,

und das Familienleben ausserordentlich innig. Vielleicht hat die

Schwesterehe der Ägypter zu dieser Wertung der Frau beigetragen.

Anfänglich Sitte der Vornehmsten, wohl um Erbteilungen zu vermeiden,

verbreitete sie sich rasch über das ganze Land, und die Ägypter haben

für Schwester und Geliebte das gleiche Wort. -- Die Rechtspflege war

sehr früh geordnet, Richter von Fach führten die Untersuchung, die

Strafen bestimmte der König, sie waren nicht grausamer, als sie bei uns

bis ins 19. Jahrhundert hinein gebräuchlich waren.

Ägyptische Mathematik.

Was nun die Mathematik der alten Ägypter betrifft, so waren wir bis

1868 auf sehr dürftige Quellen angewiesen. Dass die Ägypter schon

früh im Besitze nicht geringer mathematischer Kenntnisse gewesen,

geht schon aus den gewaltigen Bauten hervor. Die Gräber der Grossen

waren genau orientiert. Stets stand die Statue des Toten, die dem Ka,

der Seele, Gelegenheit geben sollte in seinen Leib zurückzukehren,

so dass sie genau nach Westen schaute. Die grossen Pyramiden waren

auf das Genaueste orientiert, so dass die wunderbarsten Vermutungen,

und zwar vor noch nicht langer Zeit, über ihre eigentliche Bedeutung

gemacht wurden. Ich nenne nur die des Ingenieurs Price Smith über die

Pyramide des Cheops. Im allgemeinen standen die Tempel im Meridian.

Diese Orientierung war Aufgabe einer besonderen Priestergruppe, der

Harpedonapten id est der Seilspanner. Der König selbst beteiligte sich

dabei. Man vergleiche die von dem früheren Strassburger Ägyptologen

¨Dümichen¨ veröffentlichte Baugeschichte des Tempels von Denderah;

der Tempel wird genau nach dem Eintritt der Plejaden in den Meridian

orientiert. Dort ist der König abgebildet an einem Pflock stehend, und

diesem gegenüber steht Să̇fchet, die Göttin der Wissenschaft und der

Bibliotheken; beide schlagen gleichlange Pflöcke mit einer Keule in

den Erdgrund und halten gemeinsam ein Seil. Die Inschrift sagt: Ich

habe gefasst die Holzpflöcke und den Stiel des Schlegels, ich halte

das Seil gemeinsam mit der Göttin Să̇fchet. Mein Blick folgt dem Gange

der Gestirne; wenn mein Auge an dem Sternbilde des Siebengestirns

angekommen ist und erfüllt ist der mir bestimmte Abschnitt der Zahl

der Uhr, stelle ich die Pflöcke auf die Eckpunkte deines Gotteshauses.

Die Stelle: wenn mein Auge usw. wird dadurch verständlich, dass die

Himmelskarte so angelegt wurde, dass unter der Mitte des Himmels ein

Mensch aufrecht sitzt und nun wird der Gang der Sterne angegeben. Uns

sind mehrere solcher Listen erhalten. Da heisst es z. B.: Am 16. Phaopi

steht in der 8. Stunde die Fingerspitze des Sternbildes Sa'h id est

Orion über dem linken Auge etc. Ich will hier nur kurz bemerken, dass

auch unser Kalender im wesentlichen auf die Ägypter bezw. Babylonier

zurückgeht.

An Werkzeugen war ihnen schon in ältester Zeit der rechte Winkel, das

Richtscheit, bekannt, das man u. a. in einer Tischlerwerkstatt gefunden

hat; die Orientierung im Felde geschah durch das Spannen des Seiles mit

den Knoten 3, 7, 12. Dass danach das pythagoreische Dreieck mit den

Seiten 3, 4, 5 den Ägyptern bekannt war, steht unzweifelhaft fest. Auch

Zirkel verschiedener Art können nicht gefehlt haben. Ein eigentümliches

Instrument zum Ebenmachen, unserem Hobel entsprechend, ist ebenfalls

gefunden worden. An Massstäben etc. hat es auch nicht gefehlt. Das

Richtscheit kommt des öfteren auf Bildern in der Hand des Königs vor,

wie etwa der Pflug in der des Kaisers von China. In der Ornamentik

findet sich eine Reihe geometrischer Figuren, ihre Wagenräder

verlangen die Kreisteilung, anfangs sind sie viergeteilt, später nach

Zusammenstoss mit den Chaldäern oder Babyloniern sind sie sechsgeteilt.

In der grossen Schenkungsurkunde des Tempels von Edfu haben wir eine

ganze Reihe von Flächenberechnungen; einzelne Rechenexempel finden sich

in den Papyri, aber im grossen und ganzen waren wir auf sehr dürftige

Nachrichten der Klassiker, in erster Linie auf Proklus angewiesen.

Fest steht, dass ¨Thales¨, der Milesier, etwa um 600 einige Kenntnisse,

die ihm ägyptische Priester vielleicht wegen ihrer Geringfügigkeit

mitgeteilt hatten, nach Jonien brachte, darunter den Satz von den

Basiswinkeln im gleichschenkligen Dreieck, den 2. Kongruenzsatz

und die Konstruktion des gleichseitigen Dreiecks. Weit länger und

fruchtbarer scheint der Aufenthalt des ¨Pythagoras¨, dem es allem

Anscheine nach gelang in die schwierige Sprache und in das noch

schwierigere Vertrauen der ägyptischen Priester einzudringen, gewesen

zu sein. Pythagoras brachte vermutlich auch die Form, in welche die

Ägypter Sätze und Aufgaben kleideten, nach Europa, die sich bei

Euklid und Heron erhalten hat. Sicher bezeugt ist der Aufenthalt des

Mathophilosophen ¨Eudoxos¨ und der des Oinopides, der die Konstruktion

des Lotes aus Ägypten importierte. Wahrscheinlich der des Platon

von Sizilien aus, sicher wiederum der des Eudemos, wahrscheinlich

der des ¨Demokrit¨, der sich rühmte, dass ihn im Konstruieren nicht

einmal die Ägypter überträfen. Die ägyptische Reisskunst hatte den

höchsten Ruf. Ägyptische Feldmesser und Baumeister waren in der

ganzen Welt des Mittelmeeres bis tief in die römische Kaiserzeit die

gesuchtesten. Einen hohen Ruf hatten ihre astronomischen Kenntnisse

und Beobachtungen, die sehr lange fortgesetzt waren. Man muss freilich

sagen, dass die eigentümlichen, ganz neuerdings von ¨L. Borchardt¨

erklärten Instrumente mit unseren astronomischen Präzisionsinstrumenten

keinen Vergleich zulassen, ja nicht einmal mit denen der Babylonier.

Eine direkte altägyptische Urkunde sprach zum ersten Male zu uns im

Papyrus Rhind, über welchen 1868 der Engländer ¨Birch¨ im Lepsius einen

kurzen Bericht gab. 1872 erhielt ¨August Eisenlohr¨ in Heidelberg eine

lithographische Abschrift des Textes und in fünfjähriger mühevoller

Arbeit entzifferte er denselben, unterstützt von seinem Bruder, dem

Mathematiker ¨Friedrich Eisenlohr¨ und vor allem von ¨Moritz Cantor¨.

Die Ausgabe ist jetzt veraltet, besonders die Namen, aber auch die

Zahlworte und Masse sind falsch gelesen. So ist z. B. psd 9 mit paut

Kreis verwechselt und eine neue Ausgabe vom Standpunkte der heutigen

Ägyptologie wäre sehr zu wünschen.

Der Papyrus beginnt mit den Worten: »Vorschrift zu gelangen zur

Kenntnis aller dunklen Dinge, aller Geheimnisse, welche sind in den

Dingen. Verfasst wurde diese Schrift im Jahre 33, im vierten Monat

(Mesori) der Überschwemmungszeit unter König Raa-us lebenspendend

nach dem Muster alter Schriften in der Zeit des Königs .......at vom

Schreiber Aahmesu.« Der König heisst nicht Raa-us, sondern mit seinem

Horusnamen Apophis, wie die furchtbare Schlange des Typhon. Es ist der

Hyksoskönig mit seinem Königsnamen A-vose-re, gross ist die Macht des

Re. Re, nicht Ra, ist die heisse Mittagssonne, deren Gewalt nirgends

sich fühlbarer machte als in Ägypten, und deren Kult im alten und

im mittleren Reich alle übrigen überbot. Der König des Musters ist

Amenemhet III., etwa um 2200. Die Muster sind, wie es scheint, gefunden

worden von Flinders Petrie in Kahun im Jahre 1889, die Papyri hat

Griffith 1897 herausgegeben, wenigstens stimmt Papyrus Ames mit denen

von Kahun genau überein.

¨Eisenlohr¨ und mit ihm ¨Cantor¨ bezeichnen den Papyrus als ein

mathematisches Handbuch der alten Ägypter, Cantor nennt es gelegentlich

sogar »Vademecum eines ägyptischen Feldmessers«, dem gegenüber erklärte

¨Eugène Revillout¨, der Herausgeber der Revue égyptologique, in einer

Note, die Cantor, wie es scheint, entgangen ist, ist sie doch dem

so rührigen und so viel jüngeren ¨L. Borchardt¨ entgangen, das Heft

ganz kurz und klar für das Heft eines mässigen Schülers, das einige

Jahrhunderte später von einem Schreiber ohne alle mathematische

Bildung, und solcher gab es schon im alten Ägypten, dem Jamesu, Sohn

des Mondes, abgeschrieben und an einen schlichten Landmann verkauft

ist. Dieser Ansicht Revillouts schloss sich Weyr in seinem Festvortrag

in der Wiener Akademie an; ¨Borchardt¨, dessen Autorität sehr schwer

ins Gewicht fällt, teilte gleichfalls diese Ansicht und auch ich

kann ihr nur beipflichten. Das Heft wimmelt geradezu von groben

Rechenfehlern, die oft vom Lehrer mit roter Tinte tout comme chez

nous korrigiert, öfter nur generaliter bemerkt sind. So kommt z. B.

ein Exempel vor, wo der Schüler durchgehend 14 mit 9 verwechselt hat,

das war leicht möglich, die Schrift ist althieratisch, ganz ähnlich

wie beim Papyrus Ebers, unserer Hauptquelle für die Geschichte der

ägyptischen Medizin. Das Hieratische verhält sich, wie schon gesagt,

zu den Hieroglyphen, die nur in prähistorischer Zeit wirkliche

Bilderschrift waren, wie unsere Schreibschrift zur Druckschrift, es

entsteht durch Ligaturen. Der Lehrer schreibt nur eine 14 an den Rand;

er lässt, wenn die Exempel falsch sind, Proben machen, gibt auch

gelegentlich dasselbe Exempel mit anderen Zahlen, manchmal gibt er

selbst die Lösung an, die mitunter ganz anderen Gebieten der Mathematik

angehörte. Daneben kommen auch Fehler genug auf Rechnung des Schreibers

Jamesu.

Die Ansicht ¨Revillouts¨ ist schon an und für sich wahrscheinlich,

da die grosse Mehrzahl der auf uns gekommenen Papyri Schülerhefte

waren. Es gab schon im alten Reiche ein ausgebildetes Schulwesen. Die

Schulen a-sbo waren teils staatliche, teils private. Sie waren ganz

und gar realistisch. Ihr Zweck war nicht die formale Geistesbildung,

an toten Sprachen abgezogen, sie übersetzten nicht ihren Julius Cäsar

Shakespeares ins Lateinische, um denselben den Römern zugänglich zu

machen, sondern sie hatten Fachschulen, Schulen für Ackersleute,

für Baumeister, für Feldmesser, für Intendanten, für Kaufleute etc.

Unser Heft entstammt einer landwirtschaftlichen Schule. Der Schreiber

schliesst es mit den Worten: Fange das Ungeziefer und die Mäuse,

vertilge das Unkraut aller Art. Bitte Gott Re um Wärme, Wind und hohes

Wasser.

Das letzte war die Hauptsache. Ägypten, sagt Herodot, ist ein Geschenk

des Niles, wurde doch die ganze straffe Zusammenfassung des Volkes

unter ¨einen¨ König durch die Notwendigkeit dem gewaltigen Strom mit

vereinten Kräften zu wehren, unabweisbar; damit das Jahr gut war,

musste die Nilhöhe am Pegel von Memphis 16 Ellen, à 0,538 m, betragen.

Bei 18 Ellen war es ein gesegnetes, was darüber war, war schädlich.

Aber auch abgesehen von dem Spruche, bezeugt es der Inhalt des Heftes;

die Beispiele sind zum weitaus grössten Teil direkt für den Gebrauch

des Landmanns bestimmt. Ein nicht unwichtiges Argument für Revillouts

Ansicht gab mir Herr ¨Spiegelberg¨ an. Der Papyrus soll nämlich

vorzüglich erhalten sein, was äusserst unwahrscheinlich ist bei einem

viel gebrauchten Handbuch.

Ägyptische Arithmetik.

Das Zahlensystem der Ägypter ist dekadisch. Die Ziffern sind für die

Einer Striche [**symbol], für die Zehner [**symbol], für die Hunderter

[**symbol], für die Tausender [**symbol], für die Zehntausender

[**symbol], für die Hunderttausender [**symbol]. Die grössere Zahl geht

der kleineren vor, z. B.

[Illustration]

gleich 212,635.

In den Stundenangaben und Datierungen werden die Einer auch noch durch

horizontale Striche bezeichnet.

[Illustration]

In monumentalen Einmeisselungen stehen die Zahlen auch vertikal, wie

z. B. die Zahl 7551, die in der Schenkungsurkunde auf der Tempelmauer

von Edfu vorkommt. Für 5 kommt auch in hieroglyphischen Ziffern

[**symbol] vor.

Die lautliche Bezeichnung, soweit sie feststeht, ist für 1 wa, für

zwei meist die Dualform vom Stamme sen Bruder, nämlich der eins. Die

5, dua, heisst Hand, wie im Indischen und Mexikanischen und wird auch

meist durch eine Hand determiniert. Umgekehrt wird z. B. Handwerker

dargestellt durch fünf Striche, dahinter Mann und Frau. Die 10 (met)

wird durch den Phallus [**symbol] geschrieben, der denselben Lautwert

met hat. Das Zeichen für 100 (vielleicht schent), eine Schlinge,

ist vom zusammengerollten Seil von 100 Ellen hergenommen, 1000

(cha) ist die so häufige Lotosblume, deba, d. i. 10000, ist Finger,

Zeichen und Wort für 100000 ist die Kaulquappe hafen, welche nach der

Überschwemmung im Nilschlamme in ungeheuren Mengen vorkommt. Als der

Handel im Delta ausserordentlich entwickelt war, im neuen Reiche gab es

auch Zeichen für Millionen und Zehnmillionen. Die Zeichen kommen schon

früher vor, sie werden dann aber meist, wie das griechische Myrioi, für

unendlich gebraucht. Der Gott verspricht dem Könige nicht Millionen

Jahre, sondern ewiges Leben.

Es gab seit der ältesten Zeit ein Zeichen für 0 nen, nichts.

Nen ist zugleich die grammatische Negation, die Hieroglyphen

[**symbols] stellen vielleicht eine im Gleichgewicht befindliche Wage,

vielleicht zwei gleichmässig ausgestreckte Arme, [**symbol] auch

Schulter, Arme und abwinkende Hände. Determiniert wird nen durch das

Zeichen des Bösen, richtiger des Ungemütlichen, ein Vogel, der unserem

Spatz ähnelt [**symbol]. Ob die 0 vor der Ptolemäer Zeit als Zahl

angesehen wurde, steht nicht fest, als Ziffer war sie überflüssig, und

als Zahl der Zahlenreihe, wie wir gleich hervorheben, nicht möglich.

¨Die Ordinalzahlen¨ werden gebildet durch Anhängen der Silbe nu

[**symbol] an die Kardinalzahl und später durch Vorsetzen von mh

vollmachen, also der die 5 vollmacht, d. i. eben der fünfte; im

Koptischen die ausschliessliche Ableitung.

Zu der aufsteigenden Zahlenreihe bildeten die Ägypter auch die

absteigende 1/2, 1/3, 1/4 usw., indem sie über die Kardinalzahl die

Partikel ro [**symbol] setzten. (Eine Ausnahme bildet 1/2, welches

mit Hälfte [**symbol] geschrieben wird.) Ro ist das Zeichen für Mund,

das zur Präposition geworden ist und in etwas hinein etc. bedeutet,

auch distributiv pro Tag etc. bedeutet. Im Hieratischen ist es zu

einem einfachen Punkt verkürzt worden, es sind ganz ähnliche Gedanken,

und wunderbarerweise auch im Hieratischen dieselbe Bezeichnung wie

bei den Indern, die die absteigende Reihe als Reihe der negativen

Zahlen gebildet haben. Der Ägypter fasst 3 auf als 3 × 1 und dem

entspricht die Zahl, welche dreimal genommen 1 gibt. Mit dieser

Auffassung der Zahlenreihe hängt die so eigentümliche und gänzlich

missverstandene ägyptische Bruchrechnung, mit der der Papyrus Ames

beginnt, aufs innigste zusammen. Da heisst es z. B. noch in einer

grossen Abhandlung von 1895 eines um die Geschichte der Mathematik

sehr verdienten Philologen, nämlich bei ¨F. Hultsch¨: die Ägypter

kannten keine gemeine Bruchrechnung, sondern nur eine Teilung in

der Einheitsreihe. Die Rechnung war für die Ägypter erst zu Ende

geführt, wenn sie den Quotienten in Zahlen ihrer Zahlenreihe, d. h.

in ganze Zahlen oder Stammbrüche aufgelöst hatten. Ihre Zahlenreihe

war ihnen so geläufig, wie uns die unsrige und wie wir scheinbar immer

mit Brüchen, mit konstantem Nenner 10 rechnen und die Resultate nur

übersehen, wenn sie uns in Dezimalbruchform vorliegen, so rechneten

die Ägypter scheinbar nur mit Brüchen, mit dem konstanten Zähler

1. Dass aber dem Ägypter gemeine Bruchrechnung samt Generalnenner,

reduzieren, erweitern etc., völlig vertraut war, geht aus den Papyri

Ames, denen vom Kahun, von Achmin aufs klarste hervor. Sie scheuten

nicht einmal vor Doppelbrüchen. -- Eine Ausnahme bildet der Bruch 2/3,

der auch bei den Griechen sein eigenes Zeichen hat. Er heisst neb

[**symbol] oder [**symbol]. Griffith fasst ihn als 1/1½. Hier war die

Zusammensetzung aus ½ und 1/6 eben jedem ägyptischem Kinde geläufig.

Aber ich bin hier schon bei der Division. Die Addition wird bezeichnet

durch vorwärtsschreitende Beine [**symbol], die Subtraktion durch 2

rückwärtsschreitende Beine [**symbol], es werden auch verba gebraucht,

die addieren, hinzulegen, hinzufügen bezw. zurückkehren, ausgehen

bedeuten; bei mehreren Summanden wird die Summe durch eine eigene

Hieroglyphe bezeichnet: [**symbol], eine Papyrusrolle, das Determinativ

für alles Abstrakte.

[Sidenote: Arithmetik der Ägypter, Abschnitt 1 des Papyrus Ames.]

Die Multiplikation wird durch das Wort uah = vervielfältigen,

eingeleitet; die Division durch nis = teilen, richtiger künden,

klarmachen. Die Division war wie die unsrige ein Einschliessen

in Grenzen und wird durch Multiplikation und Kenntnis des 1 × 1

erleichtert. Die 1 × 1-Tabelle kommt im Ames nicht vor, sie wird

als bekannt vorausgesetzt. ¨Hultsch¨ hat das kleine 1 × 1 nach den

Andeutungen des Ames rekonstruiert. Der Papyrus lehrt zunächst die

Bruchrechnung und beginnt mit der Zerlegung der Brüche von 2/3 bis 2/99

in Stammbrüche inklusiv 2/3.

Regeln werden weder hier noch sonst irgendwo im Buche angegeben; eine

Ausnahme macht nur die eine Regel in N. 61a: 2/3 zu machen von einem

Bruch (gebrochenen Teil). Wenn dir gesagt ist: Was ist 2/3 von 1/5, so

nimm seine Hälfte und seinen 6. Teil, das ist sein 2/3: Also ist es zu

machen in gleicher Weise für jeden gebrochenen Teil, welcher vorkommt.

Cantor hat den Schlusssatz missverstanden, er meint, er bezieht sich

darauf, dass 2/3 durch irgend einen andern Stammbruch ersetzt werden

könne, während die Verallgemeinerung sich auf 1/5 bezieht, C. sieht

hierin die allgemeine Vorschrift 2/u, wo u eine ungerade Zahl ist,

zu zerlegen in 1/(u/2 + 1/2) + 1/((u/2 + 1/2)u), die unzweifelhaft,

darin hat er recht, zur Zeit des Papyrus bekannt war. Aber es werden

auch andere Formeln für das an sich unbestimmte Problem benutzt, z. B.

wenn p und q ungerade Zahlen sind, also 1/2 (p + q) eine ganze Zahl n:

2/(p · q) = 1/(pn) + 1/(qn). Meist wird dafür gesorgt, dass der erste

Bruch einen geraden Nenner hat, weil dies die nötige Zusammenfassung

bei grösseren Dividenden als 2 erleichtert. Die Tabelle enthält nur

ungerade Zahlen, weil eben den Ägyptern die Reduktion völlig bekannt

war.

[Sidenote: Zerlegung in Partialbrüche.]

Ferner wird möglichst dafür gesorgt, dass die Zahl der Stammbrüche so

klein als möglich. Im Papyrus Ames werden als Anfangsnenner ausser 2

und 3 nur teilbare Anfangsnenner der Reihe zugelassen, nur einmal kommt

5 vor. Im Papyrus von Achmin ist diese Beschränkung aufgehoben, um

die Zahl der Stammbrüche zu verkleinern. Jede Zerlegung ist von einer

Probe, smot -- der ¨Beweis¨ genannt, begleitet. Der Beweis, d. h. die

Probe, zeigt hier schon, wie völlig die Beherrschung der Bruchrechnung

war, z. B. 2/17 (Anfang der 2. Kolumne) nis son chent, d. h. mache

deutlich 2 durch, z. B. 17, hieroglyphisch: (nis son chent met sefech)

[**symbols]

Geschichte der Mathematik im Altertum in Verbindung mit antiker Kulturgeschichte · 第 14 / 49 题