Diese Schrift ist im wesentlichen eine Drucklegung der Vorlesung,
welche ich 1903 in Strassburg gehalten habe, nur der Abschnitt über
Babylon musste infolge der raschen Arbeit des Spatens in Mesopotamien
stark erweitert werden. Die Vorlesung sollte der Ausführung des
Satzes aus meiner Didaktik und Methodik in ¨Baumeisters¨ Handbuch der
Erziehungs- und Unterrichtslehre dienen, dass, wie jeder Oberlehrer, so
besonders der Mathematiker möglichst allgemein gebildet sein müsse.
Für Ägypten hatte ich an ¨Wilhelm Spiegelberg¨ einen stets bereiten
Führer und Helfer, für Indien konnte ich mich auf meinen langjährigen
Freund ¨Ernst Leumann¨ stützen. Beiden Herren hier meinen herzlichen
Dank auszusprechen, möge mir erlaubt sein.
Leider hat die Universitas litterarum Argentoratensis eine empfindliche
und schwer begreifliche Lücke, ¨es fehlt der Assyriologe¨, und so war
ich hier auf mich selbst angewiesen, da die Hoffnung sich zerschlug
einen Kritiker in ¨W. Bezold¨ zu finden, dessen höchst anziehende
Monographie »¨Babylon und Ninive¨« mich in dies Gebiet eingeführt
hatte, wie ¨Ermans¨ klassisches »Ägypten« in jenes.
Bei der Korrektur hat mich der Dozent der Philosophie an der
Universität Berlin ¨Dr. E. Cassirer¨, der Verfasser des Werkes »das
Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit«
freiwillig unterstützt, wofür ich um so dankbarer bin als meine Augen
nicht mehr die besten sind.
Meinem Schüler und jüngeren Freund Herrn Diplomingenieur ¨Ernst Frank¨
bin ich für die mühsame und schöne Federzeichnung ¨Gudeas¨ und eine
ganze Anzahl Photographien verpflichtet, aber die meisten Photographien
hat mein langjähriger Kollege der Maler und Zeichenlehrer Herr ¨Chr.
Kneer¨ in liebenswürdigster Weise mir geliefert.
Zum Schluss ist es mir Bedürfnis, der Verlagshandlung ¨Bruno Cassirer¨,
für welche die Drucklegung dieses Werkes mit ausserordentlicher Mühe
verknüpft war, für ihre Sorgfalt und Opferwilligkeit meinen Dank
auszusprechen.
Strassburg i. E., Nov. 1908.
¨Max Simon¨
Meine Herren!
Die zusammenhängende Geschichte der Mathematik auf strenger Grundlage
ist einer der jüngsten Zweige unserer Wissenschaft; sie datiert
eigentlich erst seit dem grossen Werke ¨Jean Etienne Montucla¨'s:
Histoire des Mathématiques von 1758 oder richtiger vom 7. August 1799,
an welchem Tage die beiden ersten Bände der zweiten Auflage erschienen.
Es liegt dies in der Natur der Sache, eine Geschichtsschreibung setzt
immer einen gewissen Abschluss voraus, es müssen die ihrer Zeit
treibenden Gedanken -- damals die Prinzipien der Infinitesimalrechnung
-- ausgebeutet sein, sie müssen ihre treibende Kraft verloren haben,
um einer objektiven Darstellung Raum zu gewähren. Ganz analog schrieb
der Aristoteliker ¨Eudemos¨ sein leider grösstenteils verlornes
Geschichtswerk, als die Mathematik der Pythagoreer und Platoniker ihre
Kodifikation durch ¨Eudoxos¨ und andere gefunden hatte. Man darf auch
nicht vergessen, dass die Weltgeschichte selbst erst Wissenschaft
geworden ist, seitdem am Ende des 17. Jahrhunderts ¨Leibniz¨ auf
die Urkunde, auf die Forschung in den Archiven als ihre Grundlage
hingewiesen hat.
So grossartig die Leistung Montuclas war, so hat doch nur ein geringer
Teil seiner Darbietungen die Kritik bestanden. Einerseits war sein
Plan zu gross für einen einzelnen Menschen angelegt, er sollte nicht
bloss Geometrie, Algebra, Infinitesimalrechnung umfassen, sondern
auch Astronomie, Mechanik und die bis zur französischen Revolution
zur Mathematik gezählten Disziplinen, Optik, Nautik, Chronologie und
Gnomonik. Dann aber sind erst im 19. Jahrhundert die Quellen für die
ägyptische, babylonische, arabische und indische Mathematik erschlossen
worden, und selbst die Mathematik der Griechen und Römer erscheint
uns heut in ganz anderem Lichte. Der Neuhumanismus von den grossen
Philologen Friedrich August Wolf und Gottfried Hermann ausgehend, schuf
eine Schule von Philologen, ich nenne nur Diels, Heiberg und Hultsch,
welche mit einer vorher unbekannten Schärfe und ungeahntem Erfolge
die mathematischen Werke der Alten, Euklid, Ptolemeus, Pappus, Heron,
Archimedes, Vitruv etc. edierten.
Der grosse Aufschwung, den das Interesse für Geschichte der Mathematik
im 19. Jahrhundert, besonders seit der Mitte desselben, genommen,
erklärt sich aber auch allgemeiner. Mit Kants Kritik der reinen
Vernunft setzt die kritische Strömung ein, die in erster Linie das
Geistesleben des 19. Jahrhunderts beherrscht hat. Sie unterwarf sich
durch Bolzano, Gauss, Kummer, Weierstrass, auch die Mathematik und
drängte dazu, alles Überlieferte auf seine Wahrheit und seinen inneren
Zusammenhang zu prüfen.
Dazu kam dann die stärkere Betonung des geschichtlichen Elements für
die Ausbildung der Methode des mathematischen Unterrichts. Er hat
seine Geschichte und seine Koryphäen für sich. Ich verweise auf die 2.
Auflage meiner Didaktik und Methodik des Rechnens und der Mathematik
(München 1908). Aber die Lehrer begriffen doch allmählich, wie die
zahlreichen l. c. erwähnten Programme, denen ich als neuestes das
Programm von Dr. ¨M. Gebhart¨ Ostern 1908 hinzufüge, beweisen, dass für
den Unterrichtserfolg der Einblick in das historische Werden durchaus
nötig sei. Denn der Einblick in das historische Werden der Erkenntnis
vermittelt zugleich das beste Verständnis für die gewordene. Es sei
hingewiesen auf ¨E. Cassirer¨, das Erkenntnisproblem in der Philosophie
und Wissenschaft der neueren Zeit Bd. I 1906, Bd. II 1908.
Für den Lehrer ist dieser Einblick ganz besonders wichtig, weil nur
die Geschichte Aufklärung gibt über die Schwierigkeiten, welche der
Geist bei der Bewältigung der einzelnen Probleme zu überwinden hat.
Dazu kommt noch ein anderer Umstand, der für die Schule ganz besonders
zu betonen ist, der Hinweis nämlich auf den Zusammenhang aller
Kulturarbeit, das ist kurz auf die Einheit des menschlichen Geistes.
Logarithmen und Wahrscheinlichkeitsrechnung haben die Statistik und
die Sozialgesetzgebung geschaffen. »Die stille Arbeit des grossen
Regiomontan in seiner Kammer zu Nürnberg berechnete die Ephemeriden,
welche Kolumbus die Entdeckung Amerikas ermöglichten.« (¨F. Rudio.¨)
Der kritische Geist des Jahrhunderts zeitigte noch eine Blüte, die
der historischen Forschung zugute kam, so wenig erfreulich sie sonst
ist. -- Ich meine die Prioritätsstreitigkeiten, wobei allerdings die
historische Wahrheit nicht selten durch die ebenfalls ganz moderne
Ausbildung des Nationalitätsgefühls getrübt wird.
Dazu kommt noch ein weiteres wichtiges und treibendes Moment der
historischen Forschung, das ist die nur historisch zu begreifende
Wandlung, welche die Begriffe im Laufe der Zeit durchmachen, die
Umwertung aller Werte, um mit Nietzsche zu reden. Nehmen Sie z. B.
den Funktionsbegriff, den wichtigsten und weittragendsten von allen;
¨Leibniz¨ und die ¨Bernoulli¨, die diesen Begriff zuerst als einen
selbständigen ausgeprägt haben, nahmen das Wort von der gemeinsamen
Bezeichnung der verschiedenen Potenzen von x her und bezeichneten y
als Funktion von x, wenn ein analytischer Ausdruck, eine Gleichung
vorlag, durch welche die Änderung des y an die des x gebunden wurde.
Die Fourierschen Reihen, d. h. die nach dem sinus oder cosinus der
multiplen eines Argumentes x fortschreitenden Reihen, welche eine
einzige Darstellung für eine ganz willkürliche Veränderliche lieferten,
zwangen dann Dirichlet den Begriff umzuprägen. Heute fasst man z. B.
√x nicht als Funktion von x auf, wohl aber einen Dezimalbruch, dessen
x-Stellen in x-Würfen ausgewürfelt werden. Hierher gehört die ganze
Lehre vom Flächen- und Körperinhalt, sowohl die Flächenvergleichung
als die Inhaltsbestimmung krummlinig begrenzter Flächen, überhaupt
die ganze räumliche Messung. Noch ¨Christoffel¨ stützte in seinen
Vorlesungen die Lehre vom bestimmten Integral darauf, dass das Integral
den Flächeninhalt angibt. Er versprach zwar an dieser Stelle immer den
arithmetischen Beweis dafür, dass Σ(y_{K∓1} y_{K}) (x_{K∓1} x_{K}) eine
bestimmte Grenze habe gelegentlich zu liefern, aber die Gelegenheit
fand er nicht. Jahrhunderte hindurch wurde die Integralrechnung
Quadratur genannt, heute wird umgekehrt der Flächeninhalt durch das
bestimmte Integral definiert. Der naive Mensch verbindet mit der
Strecke sofort ihre Länge, aber 1892 wurde diese Länge definiert als
die bestimmte transfinite Anzahl der Linienelemente. Und die Lehre von
den Polyedern und dem Eulerschen Satze! Welche Wandlung hat da schon
der Begriff Polyeder durchgemacht bis ¨C. Jordan¨ und ¨C. K. Becker¨
den Zusammenhang mit der Riemannschen Zahl p, dem Geschlecht der
Abelschen Funktionen, der Ordnung des Zusammenhanges erkannten. Und der
Begriff der Fläche, -- man denke an die einseitigen Flächen ¨Listings¨
und ¨Möbius'¨, ferner an die stetigen aber nicht differenzierbaren
Funktionen, ja an den Begriff der Geometrie selber, der sich in den
letzten 50 Jahren vollkommen verschoben hat. All diese Entwicklungen
können nur historisch oder gar nicht erfasst werden.
Allmählich aber hat sich auch in weiteren Kreisen ein reines Interesse
an der historischen Forschung als solcher entwickelt. Es gewährt eine
hohe Befriedigung, das grosse Gesetz der Kontinuität, das sich wie
ein roter Faden durch alle menschliche Geistesarbeit hindurchzieht
und alle menschlichen Generationen verknüpft, auch in der Mathematik
blosszulegen und gewissermassen diesen Faden aufzurollen.
Das Standardwerk des Säkulums ist das Riesenwerk ¨Moritz Cantors¨ in
Heidelberg, die Vorlesung über Geschichte der Mathematik in 3 Bänden.
Band 1 erschien 1880, Band 3 wurde 1899 fertig und noch ehe das Werk
vollendet war, 1894, erschien die 2. Auflage des 1. Bandes, 1901 schon
die des 3. Diese rasche Folge ist wohl der sprechendste Beweis dafür,
wie sehr das historische Interesse unter den Mathematikern erstarkt
ist. Das Werk Cantors ist eine staunenswerte Leistung und wird es
bleiben, auch wenn es ihm ergangen sein wird, wie seinem Vorgänger,
dem Montucla; die von diesem grossen Werke ausgehende Einzelforschung
wird vieles, ja sehr vieles was im Cantor steht, berichtigen. Für
indische, ägyptische, babylonische, hellenische Mathematik ist diese
verdienstliche Maulwurfsarbeit bereits stark im Gange.
Wenn ich mich nun zu meinem Gegenstande wende, so ist es klar, dass ich
nicht mit der Erfindung der Mathematik beginnen kann. Die Mathematik
ist nie und nirgends erfunden worden und wenn die Ägypter die Erfindung
ihrem Gott Thot zuschrieben, so ist damit auch nichts anderes gesagt.
Mathematische Vorstellungen sind ja keineswegs auf den Menschen
beschränkt; die Henne, die all ihre Küchlein, der Hirtenhund, der alle
Tiere seiner Herde kennt, haben Zahlvorstellungen. Die Spinne, wenn
sie ihr Netz anlegt, bedient sich ihres eigentümlich gebauten Fusses,
wie eines Masszirkels, die Bienen haben beim Bau ihrer sechseckigen
Zellen eine schwierige Maximumsaufgabe gelöst. Ja selbst der Regenwurm
dreht den Grashalm um und schleppt ihn mit der Spitze voran in seine
Röhre, und Proklus erzählt uns, dass auch der Esel in gerader Linie
auf sein Futter ziele. Es ist eine lange durch ungezählte Jahrtausende
fortgesetzte und durch Vererbung erhaltene Arbeit, welche von den
dunkelsten Reaktionen auf Kontaktreiz etwa in den verschiedenen Wimpern
der Aktinien bis zur bewussten dreidimensionalen Reaktion auf Tast- und
Hautreiz führt und unsere Geometrie geschaffen hat und fortwährend an
ihr schafft.
Wie überall, so geht auch der geschichtlichen Mathematik eine schier
unendlich lange prähistorische Zeit voraus, in der die wichtigsten
Begriffe geschaffen werden: der des Masses, der Zahl, der geraden
Linie, des Abstands, der Richtung, des Winkels, des Punkts, der Fläche,
des Körpers etc.; in dieses Dunkel kann höchstens die Sprachforschung
einiges Licht bringen. Wir sehen, dass die Masse überall vom eigenen
Körper hergenommen werden, von der Puruscha, der Menschenlänge der
Inder, der Elle Mah und Handbreite der Ägypter bis zum Fusse der
Griechen, Römer und Germanen. Die Finger, gelegentlich auch die Zehen
bilden die natürlichen Komplexe für die Zählung; 20, 10, 5 bilden
die Abschnitte. Wenn die Griechen die Ebene επιπεδον nennen, d. h.
das, worauf der Fuss steht, so können wir schliessen, wie sich ihnen
der mathematische Begriff Ebene aus dem der Ebenheit entwickelt
hat und ευθεια, was ich als die ohne Zeitverlust darauflosgehende
interpretiere und mit θυνω zusammenbringe, bezieht sich auf die Gerade
als kürzeste Verbindung, wie das lateinische recta mit Richtung
zusammenhängt. Sinnesreize, Sinneswahrnehmungen sind es, aus denen sich
die mathematischen Vorstellungen entwickelten und man kann sich den
Ursprung und die Anfangsepoche der Mathematik gar nicht grobsinnlich
genug vorstellen. Die Mathematik, die Arithmetik wie die Geometrie
ist eine Experimentalwissenschaft bis Archimedes gewesen. Ja sie ist
es noch heute, man denke an die Seifenblasen und die Gelatineflächen,
die sich Kummer herstellte, an viele zahlentheoretische Sätze Fermats
und Eulers, an Gauss' Zahleninduktion; und wenn man die Mathematik
rubrizieren will, so gehört sie historisch zu den Naturwissenschaften,
wenn sie auch allmählich mehr und mehr den Übergang zur reinen
Geisteswissenschaft vollführt, und grade die gegenwärtige, durch
¨Veronese¨ und ¨Hilbert¨ gekennzeichnete Phase einen rein logischen
Charakter trägt.
Wenn aber irgendwo der experimentelle Charakter der Mathematik
hervortritt, so ist es bei den Ägyptern, deren Mathematik ganz und
gar auf dem Wege des Experimentes zustande gekommen ist. ¨Heron¨ aus
Alexandrien, der Mechanikus, wie ihn ¨Proklus¨ nennt, der grosse
Feldmesser und Ingenieur, der wahrscheinlich 100 v. Chr. gelebt hat,
ist in Form und Inhalt stark von altägyptischer Mathematik beeinflusst.
In seinen 1903 von ¨Schöne¨ edierten Metrika sagt er: Nachdem die
Körper, welche ein bestimmtes Gesetz befolgen, gemessen sind, ist es
folgerichtig, auch die regellosen wie Baumstümpfe und Felsblöcke zu
besprechen, da einige berichten, dass sich ¨Archimedes¨ dafür eine
Methode ausgedacht hat. Falls nämlich jener Körper leicht transportabel
wäre, sollte man eine hinlänglich grosse, vollkommen rechtwinklige
Wanne machen, sie mit Wasser füllen und den unregelmässigen Körper
hineintauchen. Es ist nun klar, dass soviel Wasser überfliessen
wird, als jener Körper enthält. Soweit Archimedes, und nun schlägt
Heron vor, den betr. schwer transportablen Körper mit Wachs oder
Lehm zu bestreichen und zwar so, dass er mit der Umhüllung zu einem
balkenförmigen Körper wird, dann den Lehm abzukratzen und gleichfalls
in Balkenform zu kneten.
Man sieht, wie äusserst wahrscheinlich es ist, dass Archimedes, der in
Alexandrien studiert hat, seine Formel über den Inhalt der Kugel auf
physikalischem Wege gefunden hat.
Diesen experimentellen Charakter hat nun die gesamte Mathematik der
Ägypter besessen, die ein Bauernvolk waren und sind, deren ganze Natur
eine durch und durch realistische war, wie der Totenkultus und die
Kunst bezeugen; waren doch ihre Säulen Nachbildungen der Lotos und
Papyrosstauden, ihr Fussboden Nachahmung der Erde; ihr Leben nach dem
Tode ganz nach dem Diesseits gemodelt, von allem andern zu schweigen.
¨Handel und Verwaltung¨ zwangen zur Ausbildung der Rechenkunst. Der
Handel wurde schon vor unvordenklicher Zeit von Staats wegen getrieben;
grosse Handelsexpeditionen nach Punt (Somaliküste) und Kusch (Nubien)
ausgesandt. Die Verwaltung war bis aufs kleinste organisiert. Ein Heer
von Hofbeamten, ein Heer von Beamten der Lehnsbarone, sie ist in China
und in Deutschland nicht bureaukratischer gewesen. Wir haben genug
Denkmäler von dem Hochmut der Beamten und dem selbstverständlich noch
grösseren ihrer Schreiber. Die ¨Feldmessung¨ aber und die Baukunst
entwickelten die Geometrie. Die ¨Baukunst¨, die jene Denkmäler
geschaffen, vor denen der grosse Napoleon seinen ¨Soldaten¨ zurief:
Songez que du haut de ces monuments quarante siècles vous contemplent;
und die gewaltigen Kanäle, Stau- und Schleusenwerke und Nildämme, die
sich bis heute erhalten haben. Die ¨Feldmessung¨ aber musste in hohem
Ansehen stehen bei dem komplizierten auf den Landbesitz gegründeten
Steuersystem und dem hohen Werte des schmalen Kulturstreifens längs
des Niles. ¨Herodot¨, dem wir die erste Kunde von Ägypten verdanken,
berichtet, dass Sesostris -- in dieser sagenhaften Figur hat sich die
Erinnerung an 2 Pharaonen, den mächtigen Pharao Sen-wos ret der XII.
Dynastie etwa um 2200 und Ramses II erhalten -- das Land in Quadrate
geteilt und wenn der Nil in seiner Überschwemmung Land ab- oder
angespült hatte, Nachmessungen der staatlichen Feldmesser stattfanden,
zum Zwecke der richtigen Steuerveranlagung. Daraus ist dann
schliesslich bei ¨Strabo¨ die Erzählung geworden, dass das ganze Land,
weil der Nil die Grenzzeichen jährlich fortgerissen hätte, jährlich neu
vermessen wurde.
Die historische, d. h. die auf Urkunden gestützte Zeit beginnt mit
den Ägyptern und Babyloniern. Wenn wir mit den Ägyptern beginnen, so
geschieht es nicht deswegen, weil wir heute noch die Vorstellung haben,
wie sie von den Griechen ausgehend bis weit über die Mitte des 19.
Jahrhunderts geherrscht hat, dass die Mathematik sich von Ägypten aus
auf die übrigen Völker etwa wie eine Art Infektionskrankheit verbreitet
habe. In seiner Festrede von 1884 sagt ¨Emil Weyr¨, der vor wenigen
Jahren verstorbene Wiener Mathematiker: »Es muss als feststehend
angenommen werden, dass ¨jedes¨ Volk in seinem Entwicklungsgange
schon durch praktische Bedürfnisse gezwungen war, sich geometrische
Kenntnisse anzueignen. Die Höhe dieser Kenntnisse richten sich nach
der Grösse der praktischen Bedürfnisse, zu denen auch die religiösen
gezählt werden müssen.«
Wie wesentlich, wie entscheidend diese letzteren z. B. für die indische
Mathematik gewesen sind, wusste Weyr selbst nicht, als er die Worte
aussprach.
Die Originalität der Ägypter ist gerade seit den letzten 30 Jahren
keineswegs mehr unbestritten, in den letzten 30 Jahren ist auf den
uralten Kulturzusammenhang zwischen Ägyptern und Babyloniern mehrfach
hingewiesen worden, doch ist hier im einzelnen noch alles unklar. Für
die Wägekunst und die Messkunst hängen die Ägypter direkt von Babylon
ab. Die wunderbaren Funde von Tel Amarna zeigten uns kürzlich, dass um
die Zeit des mittleren Reiches syrische Kleinkönige, die unter ägypt.
Oberhoheit standen, in Asien an ihren Hof babylonisch berichteten, so
etwa wie im 18. Jahrhundert unsere Gesandten französisch berichteten.
Und was das Alter betrifft, so ist das ägyptische Papier, ja selbst
das Leder nicht älter als die Ziegelsteine Babylons. (Die neuesten
Forschungen ¨L. W. Kings¨ für Babylon [Chronicles Concerning early
Babylonian Kings, 2. voll. 1907] und ¨Eduard Meyers¨ [Ägypten zur Zeit
der Pyramidenerbauer, Leipzig 1908] geben allerdings dem ägyptischen
Staate ein um mehrere Jahrhunderte höheres Alter.) Aber es gibt bis
jetzt kein anderes Volk, für das die historische Überlieferung so
wenig Lücken bietet wie das ägyptische. Erman in Berlin, der durch
seine und seiner Schule Arbeit eigentlich erst die Ägyptologie auf
wissenschaftliche Grundlage gestellt hat, sagt: Von der Zeit des Königs
Snofru bis Alexander dem Grossen und von der griechischen Epoche her
bis zum Einbruch der Araber und von diesem wieder bis auf unsere Tage
liegt eine ununterbrochene Kette von Denkmälern und Schriftwerken vor,
die uns die Verhältnisse dieses Landes kennen lehren.
Über 6000 Jahre können wir die Geschichte dieses Volkes und nur dieses
verfolgen. Darum und nur darum beginne ich mit den Ägyptern.