Diese Sammlung enthält eine Reihe von Schriften, die zu sehr
verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Epochen meines Lebens
entstanden sind. Sie sind nicht auf Bestellung geschrieben. Sie waren
ein Ausdruck meiner Seelenstimmung, und ich wählte mir nur solche
Gegenstände, die einen starken Eindruck auf mich machten. In diesen
Stücken werden die Leser sicherlich viel Jugendliches finden. Ich
gestehe, daß ich einige von diesen Schriften vielleicht garnicht in
diese Sammlung aufgenommen hätte, wenn ich sie ein Jahr früher
herausgegeben hätte, als ich mich noch viel strenger gegen meine älteren
Arbeiten verhielt. Aber statt gar zu streng mit seiner _Vergangenheit_
ins Gericht zu gehen, ist es weit besser, unerbittlich gegen seine
_gegenwärtigen_ Leistungen zu sein. Das, was man früher einmal
geschrieben hat, zu vernichten, scheint mir ebenso ungerecht, wie die
vergangenen Tage seiner Jugend zu vergessen. Und außerdem: wenn ein Werk
zwei oder drei noch nicht ausgesprochene Wahrheiten enthält, so hat der
Verfasser schon nicht mehr das Recht, sie dem Leser vorzuenthalten, und
um zweier oder dreier richtiger Gedanken willen, kann man wohl schon die
Unvollkommenheit des Ganzen verzeihen.
Sodann muß ich noch einiges über diese Ausgabe selbst sagen: als ich die
gedruckten Bogen las, erschrak ich selbst an vielen Stellen über die
Unkorrektheit des Stils, über vieles Überflüssige und Unzureichende, das
eine Folge meiner Unvorsichtigkeit war. Aber der Mangel an Muße und
andre nicht immer freundliche Lebensumstände erlaubten es mir nicht,
meine Manuskripte ruhig und aufmerksam durchzusehen, und so wage ich
denn zu hoffen, daß mich der Leser großmütig entschuldigen wird.
I
Skulptur, Malerei und Musik
Dank sei dem Schöpfer der Welten für seine Güte und sein Mitleid mit den
Menschen! Drei hehre Schwestern hat er entsandt, die Welt zu verschönen
und zu erquicken; ohne sie wäre die Welt eine Wüste, die klanglos ihre
Kreise zöge. Laßt uns unsere Wünsche enger, inniger zusammenschließen
und unsern ersten Becher der Skulptur weihn. Sie, die schöne Sinnenkunst
war es, die zuerst in diese Welt trat. Sie ist ein völlig ursprüngliches
Gebilde, die Spur jenes Volkes, das sich ganz, mit seiner ganzen Seele,
seinem ganzen Leben in ihr verkörpert hat. Sie ist das klare Abbild
jener leuchtenden, griechischen Welt, die vor uns im tiefen Abgrund der
Jahrhunderte entschwunden, schon vom Nebel verhüllt wird und nur noch
von dem Gedanken des Dichters erreicht werden kann: jene von Weinranken
und Olivenzweigen, harmonischen Träumen und prunkendem Heidentum
geschmückte Welt. Jene Welt, die sich beim Klang der Zimbeln im
gemessenen Tanz wiegte oder in bacchantischem Wirbel dahinraste, wo das
Gefühl des Schönen alles durchdrang: die Hütte des Bettlers, die Zweige
der Platane, den Marmor der Säulenhallen, den von lebhaften,
eigenwilligen Menschen bevölkerten Platz, das Relief, das den festlichen
Becher zierte, und die sich lange schlingende Reihe anmutiger
mythologischer Gestalten verbildlichte: wo schamhaft die Göttin der
Schönheit dem Schaum der Wellen entsteigt, Tritonen dahinjagen und in
die Hände klatschen und Poseidon silberklar aus der Tiefe seines
herrlichen Elements emportaucht. Jene Welt, in der die Religion nichts
war -- als Schönheit, als die menschliche Schönheit und die
göttergleiche Schönheit des Weibes -- jene ganze Welt ward festgehalten
von der holden Skulptur; nichts außer ihr konnte das leuchtende Dasein
dieser Welt so lebendig zum Ausdruck bringen. Weiß wie Milch, Schönheit,
Zartheit und Wollust atmend, bannte die Skulptur eine Idee und einen
Gedanken -- die Schönheit, die stolze Schönheit des Menschen in den
durchsichtigen Marmor. Selbst in der Glut der Leidenschaft und im
stärksten Affekt -- stets bleibt bei ihr der Mensch stolz und schön und
fordert unsere Bewunderung heraus durch seine freie athletische Pose.
Hier fließt alles in sinnlicher Schönheit zusammen; nie lassen wir beim
Anblick einer schmerzerfüllten Gruppe die bittere Klage unseres Herzens
mit ihrer Klage zusammenklingen; ja, man könnte fast sagen, wir genießen
den Anblick ihrer Qualen, so sehr wird der Drang unserer Seele durch die
plastische, ruhige Schönheit überwältigt. Die Skulptur drückt nie ein
anhaltendes, tiefes Gefühl aus, sie gibt nur schnelle spontane
Empfindungen wieder: den wilden Zorn, einen rasenden Schmerzensschrei,
das furchtbare Grauen, einen plötzlichen Schreck, Tränen, Stolz,
Verachtung und endlich die in sich selbst versunkene Schönheit. Sie
wandelt alle Gefühle des Beschauers in Genuß, den ruhigen Genuß, der
stets mit der Wonne und der Selbstzufriedenheit der heidnischen Welt
verbunden ist. Ihr fehlen jene geheimen, schrankenlosen Gefühle, die
endlose Träume mit sich führen. In ihr suchen wir umsonst nach dem
langen, von Umwälzungen und Erschütterungen erfüllten Leben. Ihre
Schönheit hat etwas Momentanes, wie die einer schönen Frau, die einen
Blick in den Spiegel wirft, ihrem Bilde freundlich zulächelt und
frohlockend weiter eilt, triumphierend eine Schar stolzer Jünglinge nach
sich ziehend. Sie ist bezaubernd wie das Leben, wie die Welt, wie die
Sinnenschönheit, der sie als Altar dient. Sie wurde zugleich mit der
scharf umrissenen und klar gestalteten heidnischen Welt geboren, sie
stellte sie dar und ist mit ihr gestorben. Vergeblich versuchte man es,
mit ihrer Hilfe die hohen Gestalten des Christentums zu verkörpern, sie
stand ihnen so fern, wie der heidnische Glaube.
Nie konnten die erhabenen stürmenden Gedanken des Christentums auf der
wollüstigen Außenseite des Marmors Platz finden. Sie wurden ganz von
seiner Sinnlichkeit aufgesogen.
Nicht so ihre beiden andern Schwestern, die Malerei und die Musik, die
das Christentum aus ihrer Niedrigkeit erhob und ins Gigantische
steigerte. Durch seine mächtige Triebkraft blühten sie erst recht empor
und sprengten die Fesseln der sinnlichen Welt. Wehmütig gedenke ich
meiner herrlichen, wolkenhaften, marmornen Skulptur! Doch ... erklinge
heller, mein Becher, kling' heller in meiner bescheidenen Zelle -- und
es lebe die Malerei. Erhaben und herrlich wie der Herbst, der reich
geschmückt durch das weinlaubumrankte Fenster blickt, fromm und gewaltig
wie das Weltall -- ja du bist schön, du herrliche Musik der Augen. Nie
hat die Skulptur es gewagt, deine himmlischen Offenbarungen
darzustellen. Nie hat sie uns jene feinen geheimnisvollen irdischen Züge
sehen lassen, bei deren Anblick wir das Gefühl haben, als erfülle der
Himmel unsere Seele, und bei denen wir das Unaussprechliche zu empfinden
meinen. Wie aus wolkigem Nebel treten die langen Reihen der Bilder
hervor, und aus altertümlichen, vergoldeten Rahmen blickst du lebendig,
wenngleich die unbarmherzige Zeit deine Leuchtkraft verdunkelte, und
wortlos und stumm steht mit gefalteten Händen vor dir der Beschauer.
Doch es ist nicht Sinnenglück, was aus seinen Augen strahlt, nein, sein
Antlitz ist von einer überirdischen Lust verklärt. Du warst nie der
Ausdruck einer bestimmten Nation und ihres Lebens, nein, dazu standest
du zu hoch, du warst der Ausdruck alles dessen, was die christliche Welt
an erhabenen Geheimnissen in sich birgt. Blickt hin auf das nachdenklich
auf die Hand gestützte Haupt; wie begeistert und tief bohrend ist ihr
Blick! Sie ergreift nicht nur einen kurzen Augenblick wie der Marmor,
sie zieht diesen Augenblick in die Länge, sie setzt das Leben fort bis
über die Grenzen des Sinnlichen, sie entreißt einer andern unendlichen
Welt Erscheinungen, für die es uns an Worten und Namen fehlt. All jenes
Unbestimmbare, was kein vom wuchtigen Meißel des Bildhauers
durchfurchter Marmorblock auszudrücken vermag, gewinnt Gestalt unter dem
begeisterten Pinsel des Malers. Gewiß weiß auch sie die allen
verständlichen Leidenschaften auszudrücken, allein die Sinnlichkeit
pulsiert nicht mehr so gewaltig in ihnen, und ein geistiges Element
scheint alles zu durchdringen. Das Leiden findet in ihr einen
unmittelbareren lebendigeren Ausdruck und ruft nur Mitleid hervor -- sie
appelliert an unsere Sympathie und nicht an unsere Genußfähigkeit. Sie
nimmt sich auch nicht den Menschen allein zum Vorwurf -- ihre Grenzen
sind weiter: sie umfaßt das ganze Weltall, alles Herrliche, was den
Menschen umgibt, ist ihrer Macht erreichbar. Die geheimnisvolle
Harmonie, das wunderbare Band zwischen Mensch und Natur -- in ihr allein
ist sie zu finden. Sie bindet das Sinnliche an das Geistige.
Aber schäume noch feuriger, mein dritter Pokal! Noch heller funkle und
perle über den goldenen Rand, du schäumendes Blut! -- Du funkelst zum
Preis der Musik! Denn sie ist noch weit feueriger und stürmischer als
ihre beiden Schwestern. Sie ist ganz Leidenschaft! sie entreißt den
Menschen plötzlich und wie mit einem Schlage der Erde, betäubt ihn durch
den Donner ihrer gewaltigen Töne und versenkt ihn ganz in ihre Welt. Wie
in die Saiten des Instrumentes, so greift sie herrisch an seine Nerven,
an sein gesamtes Sein und läßt sein ganzes Wesen erbeben. Er genießt
schon nicht mehr, er fühlt keine Teilnahme, nein, er selbst wird ganz
Leiden; seine Seele betrachtet keine unfaßbare Erscheinung, sie _lebt_,
lebt ihr eigenes Leben, gewaltsam, leidenschaftlich zerstörend.
Unsichtbar hat sie auf ihren süßen Klängen die ganze Welt durchdrungen,
strömt sie breit dahin und atmet und lebt in tausend verschiedenen
Gestalten. Qualvoll und rebellisch ist sie -- am mächtigsten und
herrlichsten wirkt sie jedoch in den unendlichen Kuppelgewölben eines
dunklen Domes, wo sie tausend kniende Gläubige zu _einer_ harmonischen
Empfindung verschmilzt und mit sich fortreißt, ihre tiefsten
Herzensregungen bloßlegt, ihre Sinne betört und sich mit ihnen in
unabsehbare Höhen emporschwingt -- ein langes Schweigen und einen lang
nachzitternden Ton hinter sich lassend, der in den Tiefen des hohen,
spitzen Turmes verklingt. Wie könnte man euch miteinander vergleichen,
ihr herrlichen Königinnen der Welt! Der sinnliche Zauber der Skulptur
erfüllt uns mit hohem Genuß, die Malerei -- mit stiller Begeisterung und
Träumereien -- die Musik mit Leidenschaft und innerer Unruhe. Wenn wir
ein plastisches Kunstwerk aus Marmor betrachten, gerät unser Geist
unwillkürlich in Entzücken, vor einem Gebilde der Malerei versinkt er in
Betrachtung -- beim Klange der Musik -- macht er sich Luft in einem
Schmerzenslaut -- als sei die Seele von einem einzigen Wunsch ergriffen
-- sich vom Körper loszureißen. Sie -- ist unser! Sie ist das Eigentum
der neuen Welt! Sie blieb uns, als die Skulptur, die Malerei und die
Baukunst uns verlassen hatten. Nie dürsteten wir so nach Begeisterung,
die die Seele erhebt, wie in der heutigen Zeit, wo alle die zahllosen
kleinen Launen und Genüsse, an deren Erfindung unser XIX. Jahrhundert
sich den Kopf zerbricht, uns überwältigen und erdrücken. Alles
verschwört sich gegen uns; diese ganze verführerische Kette raffinierter
Erfindungen des Luxus sucht unsere Sinne immer mehr und mehr zu betäuben
und einzuschläfern. Wir lechzen darnach, unsere arme Seele zu retten,
diesen furchtbaren Versuchern zu entfliehen und -- so stürzen wir uns in
die Musik. O sei unser Schutzengel, unser Heiland, Musik, verlaß uns
nicht! rüttle unsere kleinliche habgierige Seele immer häufiger auf!
greife mit deinen Tönen kräftiger in unsere schlummernden Gefühle! Rege,
wühle sie auf und verscheuche, wenn auch nur für Augenblicke, diesen
fürchterlichen kalten Egoismus, der mit aller Gewalt unsere Welt erobern
will. O laß bei dem machtvollen Strich deines Bogens die verwirrte Seele
des Räubers, wenn auch nur für kurze Momente, von Gewissensbissen
gemartert werden, laß den Spekulanten seine Rechnungen vergessen und die
Frechheit und Schamlosigkeit vor den Schöpfungen des Genies eine
ungewollte Träne vergießen. O verlasse uns nicht, du, die du unsere
Gottheit bist. Der große Baumeister der Welt hat uns in seiner
unergründlichen Weisheit in stummes Schweigen gebannt, aber dem wilden
unentwickelten Menschen pflanzte er den Gedanken der Baukunst ein. Mit
einfachen Mitteln, ohne Hilfe des Mechanismus richtet er Berge von
Granit auf, türmt sie steil zum Himmel empor und sinkt vor ihrer
formlosen Größe in die Knie. Der alten heiteren Sinnenwelt sandte er die
herrliche Skulptur, die uns die reine keusche Schönheit brachte, und die
ganze antike Welt ward zu einem Loblied auf die Schönheit. Das
ästhetische Schönheitsgefühl einte sie zu einem harmonischen Ganzen und
hielt sie fern von rohen Gelüsten! Den finsteren, unruhigen
Jahrhunderten, wo oft nur die Lüge und die rohe Kraft triumphierten, und
wo der Dämon des Aberglaubens und der Unduldsamkeit alle Lebensfreude
verscheuchte, schenkte er die begeisternde Malerei, die die Welt die
überirdischen Erscheinungen und die himmlischen Genüsse der Heiligen
sehen ließ. Aber unserem jungen und zugleich altersschwachen Jahrhundert
sandte er die gewaltige Musik -- um uns im Sturme zu ihm zu führen. Doch
wenn uns auch die Musik noch verläßt, was soll dann aus unsrer Welt
werden!?
1831.
II
Über das Mittelalter
Niemals haben die Ereignisse der Weltgeschichte eine solche
Gewichtigkeit und Bedeutsamkeit angenommen, nie hat sie eine so große
Zahl von individuellen Erscheinungen gezeitigt, wie im Mittelalter. Alle
Weltbegebenheiten strömen, je näher sie diesen Jahrhunderten liegen,
nach langer Unbeweglichkeit mit gesteigerter Geschwindigkeit wie in
einen Strudel, in einen wildbrodelnden Wirbel zusammen, um, nachdem sie
von diesem in Umschwung gebracht, sich untereinander vermischt haben,
neugeboren in frischen Wellen wieder emporzutauchen. In diesen
Jahrhunderten fand eine große Umwandlung der ganzen Welt statt. Sie sind
der Knoten, in dem die alte und die neue Welt zusammentreffen. Man kann
dem Mittelalter in der Geschichte der Menschheit dieselbe Bedeutung
anweisen, wie sie das Herz im menschlichen Körperbau einnimmt, in das
alle Adern einmünden und von dem sie alle ausgehen. Wie ging diese
vollständige Umwandlung vor sich? Welches sind die ursprünglichen
Elemente, die sich in ihr erhielten? Was kam Neues hinzu? In welcher
Weise vermengte sich Altes und Neues? Was entstand aus dieser
Vermengung? Wie bildete sich das majestätische, stolze Gebäude der
Neuzeit? Dies sind so schwerwiegende Fragen, wie es wohl in der ganzen
Geschichte kaum wichtigere gibt. Alles, was wir besitzen, dessen wir uns
bedienen, was wir vor den früheren Jahrhunderten voraushaben, der ganze
Bau und die kunstvolle Zusammensetzung unserer Administration, die
Beziehungen der verschiedenen Stände untereinander, ja diese Stände
selbst, unsere Religion, unsere Rechte und Privilegien, unsere Sitten
und Gebräuche, selbst unser ganzes Wissen, das sich in so schnellem
Fortschritt vorwärts bewegt -- dies alles hat entweder seinen Keim und
Ursprung in dem dunklen geheimnisvollen Mittelalter oder hat sich doch
aus ihm entwickelt und herausdifferenziert. In ihm ruhen die
ursprünglichen Elemente und das Fundament alles Neuen; ohne ein
eingehendes, aufmerksames Studium dieser Epoche bleibt die neue
Geschichte unzulänglich und unklar, der Forscher, der von ihr ausgeht,
gleicht dem Besucher einer Fabrik, der sich über die schnelle
Herstellung der Produkte wundert, da sie beinahe vor seinen Augen
entstehen, und dabei vergißt, in das finstre Erdgeschoß hinabzusehen, wo
die großen mächtigen Schwungräder verborgen sind, die den Anstoß zum
Ganzen geben; solch eine Geschichte gleicht der Statue eines Künstlers,
der keine Anatomie studiert hat.
Warum aber hat man sich trotz der großen Bedeutung dieser merkwürdigen
Epoche immer so ungern mit ihrer Erforschung beschäftigt? Warum beeilt
man sich, wenn man zum Mittelalter kommt, stets, es so schnell wie
möglich durchzunehmen und abzutun? Und warum haben sich nur wenige, sehr
wenige Menschen, ergriffen von der Größe des Gegenstandes, die Mühe
genommen, einige von den angeführten Fragen zu beantworten? Mir scheint,
es liegt daran, weil man dem Mittelalter stets den letzten Platz
angewiesen hat. Man hielt diese Epoche eben für gar zu barbarisch und
unkultiviert, und infolgedessen blieb sie in der Tat immer dunkel und
unerforscht und wurde nie richtig in ihrem Werte erkannt und in ihrer
genialen Größe dargestellt. Barbarisch kann man nur ihren Anfang nennen,
aber selbst diese finstre Zeit birgt schon mancherlei, was unsere
Neugierde zu reizen geeignet wäre. Schon der Prozeß der Vereinigung
zweier Welten, der antiken und der neuen, der grelle Widerspruch in
ihren Formen und ihren Eigentümlichkeiten, diese altersschwachen,
absterbenden Elemente der Antike, die sich durch die neue Umgebung
hindurchziehen, wie Flüsse, die ins Meer strömen, aber noch lange ihr
süßes Wasser nicht mit den salzigen Wellen vermengen, sind
_interessanter_ -- diese rohen, mächtigen Kräfte der neuen Zeit, die
hartnäckig allen fremden Einflüssen widerstehen, um sie endlich doch
unfreiwillig in sich aufzunehmen, die mühevolle Anstrengung, mit der
diese europäischen Wilden die römische Kultur für sich zurechtschneiden,
diese Bruchstücke, oder besser gesagt Fetzen römischer Formen und
Gesetze inmitten der neuen noch unbestimmten, denen es noch an Gestalt,
Grenze und Ordnung fehlt, dieses ganze Chaos, in denen die Elemente der
furchtbaren Majestät des heutigen Europas und seiner tausendfältigen
Kraft ungegliedert durcheinanderbrodeln: dies alles ist _fesselnder_ für
uns und regt unsere Neugierde mehr an, als die starre Zeit des römischen
Weltreiches unter der Herrschaft kraftloser Imperatoren.
Ein zweiter Grund, warum man sich so ungern mit der Geschichte des
Mittelalters beschäftigt, ist -- die angebliche Trockenheit, die man mit
ihr zu verbinden geneigt ist. Man betrachtet sie wie eine Menge
verschiedener ungeordneter Ereignisse, wie einen Haufen
unzusammenhängender und sinnloser Begebenheiten, die kein gemeinsames
Band umschließt, das sie alle zu einem Ganzen vereinigt. In der Tat,
ihre schreckliche und ungewöhnliche Kompliziertheit muß im ersten
Augenblick chaotisch erscheinen; aber wenn man nur aufmerksamer und
tiefer hineinblickt, so findet man bald Zusammenhang, Zweck und Richtung
darin. Übrigens leugne ich nicht, daß man den Instinkt und das
Verständnis haben muß, das nur wenigen Historikern verliehen ist, um
dies alles zu entdecken. Einigen freilich ward die beneidenswerte Gabe
zuteil, alles in bewunderungswürdiger Klarheit und Folgerichtigkeit zu
sehen und darzustellen. Von ihrem Zauberstab berührt, beleben sich die
Ereignisse und bekommen ihr eigenes Gepräge und Interesse; ohne sie
dagegen erscheinen sie einem jeden noch lange trocken und sinnlos.
Abgesehen etwa von einem stumpfsinnigen Dahinvegetieren der Völker ist
alles, was immer geschehen mag, interessant, sofern es nur in
wahrheitsgemäßen Chroniken aufgezeichnet ist. Überall gibt es einen
durchgehenden Faden, wie jedes Gewebe seine Struktur hat, obwohl diese
häufig vollständig in dem Einschlag verschwindet; und wie ein jeder
Edelstein eine unsichtbare Lichtquelle enthält, die erstrahlt, wenn er
der Sonne zugewendet wird so verliert sich dieser Faden nur da, wo die
Überlieferung aufhört. So zieht sich auch in den ersten Jahrhunderten
des Mittelalters durch die Masse der Ereignisse das unaufhörliche
Erstarken der päpstlichen Macht und die Entwicklung des Feudalismus wie
ein unsichtbarer Faden hindurch. Fast könnte es scheinen, als kämen die
Tatsachen ganz unabhängig voneinander zustande und drängten mit ihrem
Glanz den einsamen, noch unbedeutenden römischen Erzbischof in den
Schatten; ein mächtiger Herrscher oder sein Vasall tut sich hervor,
scheint nur in eigenem Interesse zu handeln, und doch strömten alle
wesentlichen Vorteile daraus unbemerkt nach Rom. Alles, was geschah,
schien absichtlich und zum Vorteil des Papstes zu geschehen. Hildebrandt
hat den Vorhang ein wenig gelüftet und uns die Macht gezeigt, die die
Päpste schon frühzeitig errungen hatten. Die Geschichte des Mittelalters
verdient am wenigsten den Vorwurf der Langenweile. Nirgends finden wir
so viel Buntheit, so viel Handlung und Leben, solch krasse Gegensätze,
so viel grelles Licht, wie in diesen Jahrhunderten: man könnte es mit
einem gewaltigen Gebäude vergleichen, dessen Fundament aus festem, für
die Ewigkeit gefügtem jungem Granit, und dessen dicke Mauern aus
allerhand neuem und altem Material zusammengesetzt sind, so daß der eine
Ziegelstein gotische Runen, der andere eine römische Vergoldung trägt;
arabisches Schnitzwerk, griechische Karniese, gotische Fenster -- alles
ist hier vereinigt zu einem Turm von außergewöhnlicher Buntheit und
Mannigfaltigkeit. Aber man kann wohl sagen, diese Grellheit sei nur ein
äußeres Kennzeichen der mittelalterlichen Vorgänge; ihre innere
Bedeutung besteht in ihren ungeheuren, gigantischen Dimensionen, in
ihrer geradezu unerhörten Kühnheit, wie sie wohl nur der Jugend eigen
ist, und ihrer Originalität, die sie zu einer einzigartigen Erscheinung
macht; in der Tat treffen wir weder in der alten noch in der neuen
Geschichte etwas an, was ihnen gleich oder auch nur ähnlich wäre.
Werfen wir einen Blick auf die Ereignisse, die einen so mächtigen
Einfluß ausübten. Das wichtigste Thema der mittelalterlichen Geschichte
ist der Papst. Er ist der mächtige Beherrscher dieser frühen
Jahrhunderte, er bewegt alle ihre Kräfte und lenkt, wie der Donnergott,
mit einem Wink seiner Hand ihre Schicksale. Mit einem Wort, die ganze
Geschichte des Mittelalters ist die Geschichte der Päpste. Ihre
unüberwindliche Herrschsucht, ihre nie versagenden Mittel voller
Scharfsinn und Weisheit -- Folgen ihres hohen Alters -- ihr Despotismus
und der Despotismus der zahllosen Legionen einer mächtigen Geistlichkeit
-- dieser eifrigen Untertanen des geistlichen Oberhaupts, die alle Enden
der Welt, wo das Zeichen des Kreuzes eingedrungen war, mit stählernen
Fesseln an sich banden -- das ist eine so ungeheure Erscheinung, die
einzig in ihrer Art ist und die sich niemals wiederholt hat. Ich will
nicht von den Mißbräuchen und der unerträglichen Schwere dieser Fesseln
des geistlichen Despoten sprechen. Wenn wir tiefer in diese großartige
Erscheinung eindringen, werden wir in ihr die wunderbare Weisheit der
Vorsehung erkennen, hätte diese allbezwingende Macht nicht alles in ihre
Hände gebracht, hätte sie die Völker nicht nach ihrem Willen gelenkt und
angetrieben, so wäre Europa zerbröckelt, und das gemeinsame Band hätte
gefehlt; wahrscheinlich wären einzelne Staaten zu Macht und Ansehen
gelangt und dann plötzlich wieder in Verfall geraten und zugrunde
gegangen, andere hätten ihre Unkultur zum Schaden ihrer Nachbarn nicht
aufgegeben, die Bildung und die Entwickelung der Volksseele hätte sich
ungleichmäßig vollzogen; an einem Ende hätten Kultur und Sitte Fuß
gefaßt, während am anderen barbarische Finsternis ihr Wesen getrieben
hätte. Europa hätte sich nicht in sich festigen, und nie in ein
Gleichgewicht kommen können, durch das es sich heute so wunderbar
erhält. Es wäre weit länger in einem chaotischen Zustande verblieben und
hätte sich nie durch die stählerne Macht des Enthusiasmus zu einem
gewaltigen Bollwerk erhoben, das den Eroberern aus dem Osten durch seine
Festigkeit standzuhalten vermochte; ohne diese großartige Erscheinung
hätte Europa vielleicht ihrem Ansturm nachgegeben, und statt des Kreuzes
wäre der mohammedanische Halbmond auf seinen Zinnen aufgepflanzt worden.
Wenn wir die wunderbaren Wege der Vorsehung betrachten, so beugen wir
unwillkürlich unsere Knie. Es ist, als sei den Päpsten die Macht eigens
dazu gegeben worden, damit sich die jungen Staaten während dieser Zeit
kräftigen und befestigen könnten; damit sie erst lernen sollten, sich
selbst unterzuordnen, um dann später, als sie das notwendige Alter
erreicht hatten, auch andere zu beherrschen, und damit sie ihre Energie
entwickeln konnten, ohne die das Leben der Völker farblos und kraftlos
ist. Kaum waren die Völker imstande, sich selbst zu regieren, da begann
auch die Macht des Papstes plötzlich zu schwanken und zu zerfallen, als
hätte sie ihre Mission erfüllt und wäre überflüssig geworden, ungeachtet
aller Anstrengung und des heißen Wunsches, die sinkende Macht
festzuhalten. In dieser Beziehung war die päpstliche Macht dem Gerüst,
den Tragbalken eines Gebäudes vergleichbar; anfänglich sind sie höher
und erscheinen wichtiger als der Bau selbst, aber sobald dieser eine
gewisse Höhe erreicht hat, werden sie als überflüssig abgetragen.
Der Gedanke an das Mittelalter verbindet sich unwillkürlich mit dem an
die Kreuzzüge -- diese außerordentliche Erscheinung, die sich wie etwas
Gigantisches von den anderen wunderbaren und ungewöhnlichen
Begebenheiten abhebt. Wo und in welcher Zeit finden wir etwas, was ihnen
an Originalität und Größe gleichkäme? Das ist kein Krieg um ein
geraubtes Weib, kein Erzeugnis des Hasses zweier unversöhnlicher
Nationen, nicht der blutige Kampf zwischen zwei habsüchtigen Herrschern,
zwei unersättlichen Eroberern um eine Krone oder einen Fetzen Landes, ja
nicht einmal ein Krieg für die Freiheit und Unabhängigkeit eines Volkes
-- o nein -- keine Leidenschaft, kein egoistischer Wunsch, kein
persönlicher Vorteil ist die Triebfeder dieser Kämpfe; alles ist nur von
dem einzigen Gedanken erfüllt: das Grab des göttlichen Heilandes zu
befreien. Von allen Enden Europas strömen die Völker, Kreuze vor sich
hertragend, zusammen, Könige und Grafen in schlichten Bußgewändern
stellen sich an die Spitze, bewaffnete Mönche treten in die Reihen der
Krieger, Erzbischöfe und Einsiedler befehligen, das Kreuz in Händen,
zahllose Truppenmengen -- und alle stürmen sie fort zum Kampf für ihren
Glauben. Die Macht einer Idee umfaßt alle Völker. Liegt nicht etwas ganz
Großes in diesem Gedanken? Mit Unrecht nennt man die Kreuzzüge ein
sinnloses Unternehmen. Wäre es nicht merkwürdig, wenn der Jüngling schon
gleich die Sprache des reifen Mannes spräche? Sie waren das Produkt der
damaligen Zeit, und des damaligen Zeitgeistes. Dies Unternehmen war die
Tat eines Jünglings -- aber eines Jünglings, der ein geborenes Genie
war. Was für unzählige, wunderbare, unvorhergesehene Folgen haben die
Kreuzzüge gezeitigt! Die ganze Masse mußte erzogen und gebildet werden,
sie mußte die Welt kennen lernen, die ihr zum Teil verborgen blieb, weil
die Geistlichkeit davor stand, und die ganze Masse stürzt sich in einen
andern Weltteil, dorthin, wo die erlöschende arabische Kultur danach
strebt, ihr ihre Flamme zu übergeben: ganz Europa streift in Asien
herum. Sind wir nicht berechtigt, uns zu wundern! Gewöhnlich ist es
irgendein Fremder, der aus einem kultivierten Lande kommt und die
Aufklärung und die ersten Kenntnisse in ein unbekanntes Land trägt, er
bringt den Wilden allmählich eine gewisse Bildung bei -- doch dieser
Prozeß vollzieht sich langsam und ungleichmäßig. Hier dagegen sehen wir
das Gegenteil; hier kommt das Volk als ganze Masse, um sich die Bildung
zu holen, und obgleich es lange im fremden Lande verweilt, verschmilzt
es nicht mit seinen Lehrern, nimmt weder deren Luxus noch deren Laster
an, bewahrt seine Ursprünglichkeit und kehrt auch nach Aneignung vieler
asiatischer Gebräuche nicht als Asiate sondern als Europäer nach Europa
zurück. Ich will mich gar nicht einmal über die anderen Folgen, wie z.
B. die Veränderungen in der feudalen Verwaltung und Regierung auslassen,
die ohne andauernde Entfernung vieler kräftiger Männer aus dem Lande
nicht möglich gewesen wären.
Aber werfen wir einen Blick auf die anderen Ereignisse, die die
mittelalterliche Geschichte ausfüllen. Wenn sie auch im Vergleich mit
den Kreuzzügen nur Erscheinungen zweiten Ranges sind, so sind sie doch
nichtsdestoweniger von wunderbarem Reiz und verleihen dem Mittelalter
einen gewissen phantastischen Glanz -- sie sind ein Produkt einer
herrlichen Jugend, die noch von ganz großen und starken Hoffnungen
erfüllt ist, einer unvernünftigen Jugend vielleicht, die aber auch in
ihrer Unvernunft etwas Bezauberndes hat. Wir wollen die Begebenheiten in
chronologischer Reihenfolge betrachten.
Beginnen wir mit jener glanzvollen Zeit, als die Araber -- diese Zierde
der morgenländischen Völker -- auf dem Schauplatz erschienen. Sie
verdanken ihre ganze glorreiche Existenz einem einzigen Menschen und der
von ihm gestifteten Religion, einer Religion, so reich wie die Nächte
und Abende des Orients, so üppig wie die Natur an den Ufern des
Indischen Ozeans, so erhaben und grüblerisch, wie nur die gewaltigen
Wüsten Asiens sie hervorbringen konnte. Mit unerhörter Schnelligkeit
errichten diese braunen Turbanträger ihre Kalifate an drei verschiedenen
Enden des Mittelländischen Meeres. Ihre Phantasie, ihr Geist und alle
ihre Fähigkeiten, mit denen die Natur die Araber so reichlich
beschenkte, entwickeln sich vor den Augen des erstaunten Okzidents und
prägen sich in verschwenderischer Fülle in ihren Palästen, Moscheen,
Gärten, und Fontänen aus, und zwar ebenso plötzlich wie in ihren
Märchen, die nur so von Perlen und Edelsteinen orientalischer Poesie
strotzen. Noch ein Jahrhundert, und schon ist es verschwunden, dieses
außergewöhnliche Volk, so daß wir uns staunend fragen: hat es wirklich
gelebt und existiert oder war es nur eine Schöpfung unserer Phantasie?
Wie wunderbar und voll von Widersprüchen ist ferner das Erscheinen der
Normannen, dieses Volkes, das der zürnende Norden wütend aus seinen
Eisfeldern hervorschleuderte! Eine Handvoll kühner Männer, denen der
düstre Odin und die Schneeberge Skandinaviens auf den Fersen zu folgen
scheinen, breiten panischen Schrecken über ganze gewaltige Staaten und
Reiche aus. Geführt von ihren Königen, kommen ihre beweglichen
Königreiche auf dem nördlichen Eismeer dahergeschwommen und alles sinkt
nieder vor diesen wenigen, im Strom, im Wellengang, in der furchtbaren
Armut Skandinaviens und ihrer wilden Religion gestählten Fremdlingen.
Auch die gewaltigen Eroberungszüge und die weite Verbreitung der
mongolischen Völker war beinah etwas Übernatürliches. Die inneren
grenzenlosen Gefilde Asiens, bis dahin den Augen aller Völker verborgen,
leuchteten plötzlich in schrecklicher Majestät auf, diese endlosen
Steppen, Seen und ungeheuren Wüsten, wo sich alles in einer
unermeßlichen Breite und in unendlichen Ebenen verläuft, wo der
gewaltige Flächenraum durch das vereinzelte Auftreten von Menschen nur
noch riesenhafter und elementarer wirkt. Diese Steppen, die von
baumhohem Gras oder flutenden Kornfeldern bedeckt sind, die keines
Menschen Hand je gesäet und geschnitten hat, diese Steppen, wo Rinder
und Roßherden weiden, die von Urzeiten her noch niemand gezählt hatte
und deren wahre Anzahl selbst ihren Besitzern unbekannt blieb, diese
Steppen erblickten eines Tags einen Tschingis-Chan, der angesichts
seiner kleinen, schlitzäugigen, plattnasigen und breitschulterigen
Mongolen das Gelübde ablegte: die Welt zu erobern -- und das
menschenreiche Peking wird im Lauf eines Monats ein Raub der Flammen,
ein Millionenvolk wird von mongolischen Pfeilen niedergestreckt, und der
König der Tungusen geht mit Hunderttausenden seiner Untertanen auf einem
festgefrorenen See zugrunde, die Rinderherden werden bis an die Grenzen
Indiens getrieben, und ganze Scharen von Roßherden irren an den Ufern
der Wolga herum. Mit einem Worte: es ist, als ob sich in diesen
Eroberungszügen die ganze ungeheure Größe Asiens spiegelte. Eine so
rapide Überflutung hat weder die alte noch die neue Geschichte je
gesehen.
Ich will hier nicht von dem bedeutenden Handelszentrum Venedig reden,
diesem kleinen Fleckchen Erde, das von einer einzigen Stadt eingenommen
wurde; eine Stadt, eine einzige Stadt, die keinem Reich angehörte,
preßte der ganzen Welt ihr Gold aus, und ihre königlichen Kaufleute
übertrafen mit ihren Schiffen, die stolz alle Meere durchkreuzten, mit
ihren Palästen am Adriatischen Meere den Ruhm so manches Monarchen.
Diese Erscheinung halte ich nicht für außergewöhnlich und einzig
dastehend. Sie wiederholt sich häufig in der Geschichte, wenn auch mit
Abweichungen und in mancherlei anderer Form. Unvergleichlich viel
origineller ist das Leben in Europa während der Kreuzzüge und nach
ihnen, in jener Zeit, wo die Grenzen der Staaten noch unklar und
unbestimmt waren; wo der Königstitel noch ein Name ohne viel Bedeutung
war und wo es noch Millionen von Grundbesitzern gab, die in ihren
Ländern wie kleine Selbstherrscher regierten, wo ganz Europa von
uneinnehmbaren Schlössern mit Türmen und Zinnen und von trotzigen
Festungen übersäet war, wo sich die Kraft der Ritter durch den
beständigen Kampf und die ewigen Fehden ins Übermenschliche, Löwenhafte
steigerte, als sie sich vom Kopf bis zu den Füßen in Eisen hüllten,
dessen Last trugen, die vordem kein Mensch hätte heben können, und wo
Stolz und Trotz sich zu einem rohen Unabhängigkeitsgefühl entwickelte.
Man sollte glauben, dieser rohe Mut hätte die Seele abhärten und
erstarren lassen und sie ebenso gefühllos machen müssen, wie ihre
undurchdringlichen Panzer. Aber wunderbarerweise wurden diese wilden
Männer gezähmt und gebändigt durch eine Erscheinung, die in schroffstem
Widerspruch zu ihren Sitten stand: durch die allgemeine und grenzenlose
Verehrung der Frauen. Die Frau wird im Mittelalter zur Gottheit; ihr
zuliebe werden Turniere veranstaltet und Lanzen zerbrochen, ihr rotes
oder blaues Band flattert am Helm oder Panzer und flößt übernatürliche
Kräfte ein; um ihretwillen bezwingt auch der wildeste Ritter seine
Leidenschaften und bändigt sie machtvoll wie seinen arabischen Hengst;
ihr zuliebe legt er sich wundersame Gelübde auf, die an Strenge und
Härte gegen sich selbst nicht ihresgleichen haben, und dies alles nur um
der hohen Würde teilhaftig zu werden, vor seiner Gottheit in die Knie
sinken zu dürfen. Noch bewunderungswürdiger aber als diese begeisterte
Liebe ist ihre Wirkung auf die Sitten. Die Vornehmheit der europäischen
Gesinnung ist die Folge dieser Liebe. Das Wanderleben, das jedem
einzelnen Tausende von Erfahrungen und Abenteuern eintrug und ganz
Europa in eine bewegte auf und ab wogende Hauptstadt verwandelte, hat
später in den Europäern den Durst nach Entdeckung neuer Welten rege
gemacht. Die immerwährenden Fehden und Kriege, die ständige Unsicherheit
der Lebensverhältnisse, haben nicht etwa wie das gewöhnlich in den
Geschichtsperioden zu geschehen pflegt, in denen der Luxus die Wunden
sittlicher Gebreste der Völker zerfrißt, wo die Unersättlichkeit des
persönlichen Vorteils, Gemeinheit, Schmeichelei und die Sucht nach
verfeinerten Lastern hervorruft, den allgemeinen Geisteszustand und die
Spannkraft der Europäer geschwächt, nein, sie haben sie noch gestählt
und entwickelt.
Die Laster der kultivierten Völker wagten es nicht, den europäischen
Ritterstand anzutasten. Fast scheint es, als hätte die Vorsehung
ununterbrochen über ihn gewacht und ihn mit der Sorgfalt eines treuen
Erziehers unablässig behütet und geschützt. Zugleich mit dem Aufkommen
des neuen Luxus und Lebenskomforts, der durch Venedig und die Hansa in
Europa eingeführt wurde und die Ritter immer mehr ihren Gelübden und
ihrem strengen Leben entfremdete, ihre Genußsucht schürte und ihren
religiösen Enthusiasmus schwächte, begannen sich merkwürdige Verbände,
wie man sie nie vorher gekannt hatte, zu bilden, die als strenge
Richter, als unerbittliches Gewissen über die Völker Europas wachten.
Nie weiß die Geschichte von Gesellschaften zu berichten, die
untereinander mit so unlösbaren Banden verknüpft waren, wie diese
geistlichen Ritterorden. Jede Tätigkeit um des eigenen Vorteils oder der
eigenen Existenz willen, die doch sonst immer der Zweck aller Verbände
ist, lag ihnen fern. Allem entsagen, was dem einzelnen wünschenswert
ist, und nur für die ganze Menschheit leben; -- als strenge Hüter der
Welt leben, allein zum Schutz des christlichen Glaubens -- sich ihm
allein widmen, ihm alles zum Opfer bringen und alles von sich werfen,
was im entferntesten dem eigenen Vorteile dient -- ist das nicht eine
wunderbare Erscheinung! Nur aus dem Mittelalter konnte solch eine Kraft
und solche Energie entspringen. Kaum aber fingen die Ritterorden an, von
ihren ursprünglichen Zielen abzuweichen und ihre Augen auf andere Zwecke
zu lenken, angelockt durch die Habsucht und die Beutegier, da ließen sie
Üppigkeit und Luxus immer mehr Gefallen am persönlichen Leben finden,
und so wurden sie denen immer ähnlicher, deren Überwachung sie sich
selbst zur Aufgabe gemacht hatten, und es entstehen die furchtbaren
unerbittlichen Femgerichte, die unabwendbar waren, wie die göttlichen
Anordnungen, und nicht mehr die Züge des Gewissens gegenüber der
leichtsinnigen Welt trugen, sondern eine furchtbare und grausige
Darstellung des Todes und des Gerichtes bildeten. Keine Macht, kein
Landbesitz, ja, selbst nicht die Krone auf dem Haupt konnte ihre
Urteilsprüche abwenden oder mildern. Unbekannt und unsichtbar wie das
Schicksal, irgendwo im Waldesdickicht, in tiefen, feuchten
unterirdischen Gewölben wogen und prüften diese Richter das ganze Leben
und das Vergehen dessen, der inmitten seiner unermeßlichen Ländereien,
im Kreise seiner nach Hunderten zählenden ergebenen Vasallen sich's
nicht einmal träumen ließ, daß es auf der Welt eine höhere Macht geben
könnte als die seine. Wenn diese unterirdischen Richter einmal den
Urteilsspruch gefällt hatten, -- dann war alles verloren. Vergebens
versuchten es die Herrscher mit ihrer drohenden Macht, die Annäherung an
ihre Person zu erschweren, umsonst schloß ihr Gold die Lippen und zwang
alle, ihr Lob zu singen -- der unerbittliche Dolch erreichte sie am Ende
der Welt, stahl sich durch die glänzende Schar ihrer Höflinge und traf
sie hinterrücks an der Seite ihrer Freunde. Mutet es uns nicht wie ein
fast märchenhaftes Wunder an! Nur da sind die Handlungen eines Menschen
so unabwendlich, so übernatürlich, so ungewöhnlich, wo er außerhalb der
Gesellschaft steht, jedes Schutzes einer gesetzlichen Macht entbehrt und
nicht weiß, was das Wort »Unmöglichkeit« bedeutet.
Auch die ganze Art der Tätigkeit, wie sie in der Mitte und am Ende des
Mittelalters herrschte -- dieses allgemeine Streben nach der
geheimnisvollen Wissenschaft, dieser Wunsch nach Erkenntnis und
Erforschung der rätselhaften Naturkräfte, diese Unersättlichkeit, mit
der sich alle der Zauberei und der Magie hingeben, in alledem gärt und
brodelt jene europäische Neugierde, ohne die die Wissenschaft sich nie
so entwickelt und die jetzige Vollkommenheit erreicht hätte. Selbst der
naive Geisterglaube und die Beschuldigung des Umgangs mit Geistern haben
für uns ein ganz besonderes Interesse. Die Beschäftigung mit der
Alchimie, der Krone mittelalterlicher Gelehrsamkeit, der Schlüssel alles
Wissens, entsprang dem kindlichen Wunsch, das vollkommene Metall zu
entdecken, das dem Menschen die Macht über alles verleihen sollte. Man
stelle sich nur ein kleines deutsches Städtchen im Mittelalter vor:
diese schmalen, unregelmäßigen Straßen, diese hohen, bunten, gotischen
Bauten und dazwischen ein uraltes baufälliges Häuschen, das allgemein
für unbewohnt gilt und auf dessen von Rissen durchzogenen Mauern Moos
und Alter ihre Wohnstätte aufgeschlagen haben; diese zugenagelten
Fenster -- das ist die Behausung des Alchemisten. Nichts läßt auf die
Gegenwart eines lebenden Wesens schließen -- aber in dunkler Nacht
steigt ein bläulicher Rauch aus dem Schornstein auf und verrät das
unermüdliche Wachen des Greises, der über seinem Problem grau ward, aber
die Hoffnung noch immer nicht sinken lassen will -- scheu schleicht der
fromme, mittelalterliche Handwerker an dieser Stätte vorbei, wo seiner
Meinung nach Geister ihr Heim aufgeschlagen haben, in Wahrheit aber
wirkt dort an Stelle der Geister der ewige Wunsch und der
unüberwindliche Wissensdrang, der nur von sich selbst lebt, sich stets
von neuem an sich selbst entzündet und selbst durch Mißerfolge noch
mächtiger angefacht wird -- dieses Urelement des ganzen europäischen
Geistes -- das von der Inquisition, die bis in die tiefsten Gründe der
menschlichen Gedanken eindrang, vergeblich verfolgt wird; aber er reißt
sich immer wieder los und er gibt sich trotz Furcht und Schrecken nur
noch mit größerem Genuß seinem Studium hin.
Und die Inquisition! Welch düstere, furchtbare Erscheinung! Diese
grausige, blinde Inquisition, die über unzählige Gewölbe und
unterirdische Klöster gebot, die an nichts anderes glaubte als an ihre
furchtbaren Folterwerkzeuge, in deren Erfindung der Mensch einen
geradezu höllischen Scharfsinn an den Tag legte. Diese Inquisition, die
unter der Mönchskutte ihre eisernen Krallen hervorstreckte und alle ohne
Unterschied ergriff, die einer seltsamen oder ungewöhnlichen
Beschäftigung nachgingen, sie liefert wieder einen Beweis für die große
Wahrheit, daß, wenn auch die physische Natur des Menschen durch Qualen
dazu gezwungen wird, die Stimme der Seele zum Schweigen zu bringen, doch
in der großen Masse der ganzen Menschheit der Geist noch immer über den
Körper triumphiert hat.
Sind das nicht alles ganz einzigartige Erscheinungen? Geben sie uns
nicht das Recht, das Mittelalter eine wunderbare Epoche zu nennen? Das
Wunderbare bricht sich hier bei jedem Schritte Bahn und gewinnt während
dieser jugendlichen zehn Jahrhunderte die Herrschaft über alles! Ich
nenne sie jugendlich, weil in ihnen alles Junge lebendig ist: alles, was
Mut, Leidenschaft, Begeisterung atmet, was nicht an die Folgen denkt,
nie die kalte Berechnung zur Hilfe ruft und noch keine Vergangenheit
besitzt, auf die es zurückblicken könnte. Alles am Mittelalter -- ist
Poesie und Willkür! Man merkt sofort den Umschwung, wenn man das Gebiet
der neuen Geschichte betritt. Der Unterschied ist zu auffallend; und
unser Seelenzustand gleicht dann den Meereswellen, die sich anfänglich
in Bergen und Tälern aufbäumen und senken, um gleich darauf wieder als
unendliche Fläche still und ruhig dahinzufließen. Im Mittelalter
erscheinen die einzelnen Handlungen und Taten der Menschen ganz
unüberlegt, die wichtigsten Ereignisse widersprechen einander in jeder
Beziehung und bilden große Kontraste. Fassen wir sie jedoch alle zu
einem Ganzen zusammen -- so erkennen wir die bewunderungswürdige
Weisheit, die darin waltet! Wenn man das Leben des einzelnen Menschen
mit dem Leben der Menschheit vergleichen könnte, so müßte man das
Mittelalter die Schulzeit des Menschen nennen. Da flossen seine Tage
fast unbemerkt von der Welt dahin, seine Taten sind noch nicht so
kraftvoll und reif, wie dies für die Welt erforderlich ist, und niemand
erfährt etwas von ihnen. Dafür aber entspringen alle seine Handlungen
einer triebartigen Leidenschaft und enthüllen mit einem Schlage alle
inneren Regungen der Menschen; ohne sie wäre auch seine spätere
Wirksamkeit in der Gesellschaft unmöglich.
Sehen wir ferner zu, welch ungeheure Ereignisse das Mittelalter
umrahmen: das große Kaiserreich, das die ganze Welt beherrschte, eine
zwölf Jahrhundert alte Nation, geht an Erschöpfung und Gebrechlichkeit
zugrunde, und mit ihr versinkt die halbe Welt, stürzt das ganze Altertum
mit seiner halbheidnischen Denkungsart, seinen geschmacklosen
Schriftstellern, seinen Gladiatoren, Statuen, seinem überladenen Luxus
und seinen raffinierten Lastern zusammen. Dies ist der Anfang des
Mittelalters, und sein Abschluß wird durch ein ungeheures Ereignis
gekennzeichnet, eine allgemeine Explosion, die alles in die Luft
sprengte und alle jene furchtbaren Gewalten, die bis dahin die Welt so
despotisch umklammerten, vernichtete. Die Macht der Päpste wird
erschüttert und fällt zusammen, und ebenso geht es mit der Unwissenheit
und Unkultur. Die Schätze und der Welthandel Venedigs werden
unterminiert, und wenn das allgemeine Chaos nach dieser großen Umwälzung
sich klärt und entwirrt, erscheint folgendes Bild vor den erstaunten
Augen der Nachwelt: Könige, die ihr Zepter mit kräftiger Hand
festhalten; Schiffe, die mit mächtig geblähten Segeln das Mittelmeer
durchschneiden und die Wogen des unendlichen Ozeans befahren; statt des
ohnmächtigen Schwerts hält der Europäer die Feuerwaffe in den Händen;
gedruckte Bogen fliegen von einem Ende der Welt zum andern: und das
alles ist ein Ergebnis des Mittelalters. Der ungeheure Druck der
Mächtigen und die unerträgliche Knechtung des Volks waren scheinbar nur
dazu da, um den allgemeinen Ausbruch hervorzurufen. Nur indem die
menschliche Vernunft all ihre Kräfte zusammennahm, konnte sie die harte
Rinde, die sie umgab, durchbrechen. Vielleicht hat auch nur daher kein
Jahrhundert so viele riesengroße Erfindungen aufzuweisen, wie das
fünfzehnte, das das Mittelalter in so glänzender Weise beschließt: diese
gewaltige Zeit, die an einen mächtigen, majestätischen gotischen Dom
erinnert, finster und dunkel wie die sich durchkreuzenden Gewölbe, bunt
wie seine vielfarbigen Fenster und die Menge des ihn schmückenden
Zierates, und erhaben und voller Leidenschaft, wie die zum Himmel
strebenden Mauern und Türme, die in eine in den Wolken verschwindende
Spitze auslaufen.
III
Ein Kapitel aus einem historischen Roman[1]
[Fußnote 1: Dieser Abschnitt ist dem Roman »Der Hetman« entnommen,
dessen erster Teil vom Autor verbrannt wurde, weil er ihn nicht
befriedigte. Wir bringen an dieser Stelle die zwei einzigen Kapitel, die
überhaupt im Druck erschienen sind.]
Unterdessen überschritt unser Abgesandter die Grenze, die heute den
Pirjatinsker Kreis von dem Lublinschen Kreise trennt. Damals gab es in
Kleinrußland noch keine allgemeine Landstraßen, dafür aber kannte ein
jeder irgendeinen kleinen Weg, der nach seiner Meinung der allerkürzeste
war. Diese Wege waren meistens recht uneben, liefen zwischen Gräben
dahin oder an einer Böschung entlang, überschritten eine Schlucht, und
nur die von den Pferdehufen hinterlassenen Spuren bezeichneten ihre
Richtung. Man brauchte nur eine Reise anzutreten, um sogleich mit jedem
Nachtlager vorliebnehmen zu müssen. Die größte Unbequemlichkeit für den
Reisenden, der mit der Gegend unbekannt war, bestand aber darin, daß er
sich im Umkreise von 25 bis 30 Schußweiten bei den Bewohnern nach dem
Wege erkundigen mußte und daß die Aussagen sich fast immer
widersprachen.
Unser Reiter ritt in Gedanken versunken dahin, hielt die Zügel nur
schlaff in Händen und ließ den Kopf hängen, bisweilen nur stolperte das
feurige Roß, sein treuer Kamerad, über Erdhügel und Baumstümpfe und riß
ihn aus seinen Träumereien, die sich aber bald wieder wie eine
Perlenschnur um sein Haupt schlangen. Zum erstenmal hatte er solch einen
Auftrag auszuführen. Er war hinausgesandt in die weiten Steppen der
Ukraine! Gott allein nur wußte, wohin ihn der Weg führen würde! Wer war
nur dieser Gletschik? ... Und was hatte Kasimir mit dem Anführer einer
Bande, der sich Oberst des Mirgorodschen Regiments nannte, zu tun? ...
Man hatte ihm keine genügenden Erklärungen gegeben, weder über seinen
Charakter, noch seine Stärke, noch darüber, was für Beziehungen er
hatte, noch auch zu wem ... Wozu also diese Vorsicht, die man im
Gespräch mit ihm beobachten sollte? Warum sollte er so weit reiten --
nur um ihm Nachricht von den Ereignissen zu bringen, die Warschau so
beunruhigten? Welchen Nutzen hätte auch ein so weit entfernter
Verbündeter bringen können? Er schalt innerlich auf sich selbst, weil er
Brigitte nicht genauer nach allem ausgefragt hatte; ihr waren sicherlich
die Gründe für diese merkwürdige Botschaft mehr oder weniger bekannt.
Die Sonne nahm langsam Abschied von der Erde. Malerische Wolken, deren
Ränder von feurigen Strahlen vergoldet wurden, zogen, fortwährend ihre
Gestalt ändernd und sich wieder auflösend, am Himmel hin. Die Dämmerung
breitete mürrisch einen grauen Nebel über alles und schloß die Läden vor
den Fenstern, aus denen noch soeben ein Licht auf Gottes Welt gefallen
war. Nach einem langen Ritt durch die Steppe gelangte unser Reisender in
einen Wald. Die vom Herbst unbarmherzig ihres grünen Laubes beraubten
Bäume erinnerten an ein großes Sieb und schienen in der nächtlichen
Kühle zu zittern. Gelbe Blätter lagen unordentlich am Boden wie
Speisereste und zerbrochene Scherben nach einem Gelage, und nur ihr
Rascheln unter den Hufen des Rosses ließ die Gegenwart unseres Reiters
erkennen. Zwischen den kahlen Wipfeln der Bäume lugte der dunkle Himmel
hervor. Ein scharfer Wind erhob sich im Felde und entsandte trübselige
Seufzer bis in das Waldesdickicht.
Unwillkürlich stutzte der Reiter und hemmte unschlüssig sein Roß; was
sollte er beginnen, der Weg war vollkommen verschwunden, und vor ihm lag
nichts wie dichter Wald und das Ungewisse; da drang plötzlich ein lautes
»Zop, zop« an sein Ohr, ein schwer beladener Wagen kam knarrend
dahergefahren, und ein paar Stiere tauchten hinter den Bäumen auf. Man
muß sich in die Lage unseres Reisenden hineinversetzen, um seine Freude
über eine solche Begegnung zu verstehen. In diesem Augenblick erschien
auch der Mond am Himmel. Ein silbernes Licht, von furchtsamen Schatten
der Bäume durchkreuzt, fiel wie ein Gitter auf die Erde, erleuchtete
weithin die Umgegend, und Laptschinsky sah einen kräftigen ältlichen
Bauer vor sich. Der graue herabhängende Schnurrbart saß ihm stolz in dem
gebräunten, scharf geschnittenen, muskulösen Gesicht, und ein Zug
asiatischer Sorglosigkeit lag gutmütig darüber. Durch die schwarzen
Brauen zog sich schon manch silbernes Fädchen hindurch; die kleinen
braunen Augen sprühten Feuer, und zuweilen leuchtete etwas wie
Schlauheit oder Treuherzigkeit daraus hervor. Er hatte eine schwarze
Kosakenmütze mit einem blauen Dach auf dem Kopfe. Ein kurzer Pelz ohne
Tuchüberzug diente ihm als undurchdringlicher Schutz gegen die Kälte und
wurde von einem hellen, farbigen Gürtel festgehalten. Zum Überfluß hatte
er sich noch einen gewöhnlichen Mantel aus dickem, schmutziggrauem Stoff
übergeworfen, wie ihn noch heute die kleinrussischen Bauern tragen. Im
Gürtel staken eine Flinte und ein krummer tatarischer Säbel, -- denn in
jenen unruhigen Zeiten hielt jeder Kosak -- ob Krieger oder Bauer, es
für unumgänglich notwendig, immer eine Waffe bei sich zu tragen.
»Gott helf!« sagte er, hielt seine Stiere an und entblößte zum Zeichen
der Hochachtung, die die einfachen Bauern zu jener Zeit noch den
Kriegern zu erweisen pflegten, seinen Kopf, der nur noch ganz oben mit
einem Haarbüschel geschmückt war. Hier müssen wir uns erinnern, daß
Laptschinsky gezwungen gewesen war, sein schmuckes Kostüm mit der
bescheidenen Kleidung eines Kosakenführers zu vertauschen, um allen
Unannehmlichkeiten aus dem Wege zu gehen, die er sich seitens der
Einwohner zugezogen hätte, weil diese alles haßten, was den Namen Pole
trug oder auch nur zu ihnen gehörte.
Unser Reiter dankte mit einem leichten Nicken des Kopfes für den Gruß.
»Weißt du nicht, Landsmann, ob es von hier noch weit bis zur
Ramodanowschen Landstraße ist?« fragte er mit freundlicher Miene.
»Das kann ich nicht so ohne weiteres sagen, Euer Gnaden, warten Sie
mal!« Und er begann zu rechnen, was man aus den mechanisch
zusammengedrückten Fingern entnehmen konnte. »Bis zur Ramodanowstraße?
... Wie soll ich Euch sagen? ... sie ist nicht gerade sehr nahe. Ich muß
gestehen, daß unsere Kosaken ein wenig Angst gekriegt haben: jemand hat
das Gerücht verbreitet, daß die ganze polnische Schlachta uns an der
Ssula einen Besuch abstatten wolle. In ihrem blinden Eifer haben sie
alle Brücken zerstört, da werden Euer Gnaden vielleicht einen großen
Umweg machen müssen. Übrigens, der Himmel mag's wissen, ich wiederhole
nur, was die anderen sagen ... es kann ja auch sein, daß Ihr einen
kürzeren Weg findet ... aber Sie wissen, jetzt ist es Herbst ... da kann
es auch recht weit werden ... Aber wenn man recht bedenkt, so scheint es
doch wieder viel näher. Ja, es wäre eine andere Sache, wenn es Wegweiser
gäbe, wie Euer Gnaden sie gewiß auf den Straßen in Polen gefunden haben,
wenn Sie dort gewesen sind.«
Man muß sich nicht über die Widersprüche, die den Monolog unsers
Landmanns auszeichneten, wundern. Abgesehen von der tatsächlichen
Unkenntnis, liebten es die Kleinrussen stets, auch an den
allerbekanntesten Dingen zu zweifeln. Ein Kleinrusse wird euch auch noch
heutzutage nie eine kurze, klare Antwort geben, er wird sich erst
zehnmal verbessern und manchesmal seinen Partner mit Absicht so in
Verwirrung bringen, daß jener zu seinem Staunen erfahren wird, daß es
bis zu einem bestimmten Ort sehr weit und zugleich sehr nahe ist.
»In welcher Richtung muß ich denn nun aber weiterreiten?« fragte unser
Reisender und blickte prüfend auf seinen Lehrmeister.
Unser Bauer sah sich den Mann von Kopf bis zu Fuße an.
»Euer Gnaden wollen jetzt gleich weiterreiten?«
»Und warum nicht?«
»Gott bewahre! jetzt würde sogar unsereiner, d. h. ein Hiesiger, sich's
sehr überlegen, ehe er weiterreiten würde. Weißt du, Mosjpane, wir
brauchen ja nur noch eine kleine Weile zu fahren, -- nicht länger als
ein tüchtiger Bauer dazu braucht, eine halbe Fuhre Getreide zu
zermahlen, dann hören wir schon die Hunde auf meinem Hofe bellen. Es ist
immer besser, in einer warmen Hütte zu schlafen -- morgen magst du dann
mit Gott weiterreiten.«
Diesen Vorschlag konnte unser Reisender nicht von der Hand weisen, ja es
schien fast, als ob er ihn erwartet hätte.
»Und wohin führt Sie der Weg, Mosjpane?« fragte der Bauer unterwegs
seinen zukünftigen Gast.
»Ich reise weit, bis an das andere Ufer der Worskla zu dem Mirgoroder
Oberst, Gletschik. Hör' mal, Landsmann, kennst du ihn vielleicht?«
»Wie sollte ich diesen alten Hund nicht kennen! Und woher kommt ihr?«
»Aus dem großen Lager bei Lochwitza.«
»Wie kommt denn das, Euer Gnaden; wir haben doch gar nicht gehört, daß
bei Lochwitza ein Lager aufgeschlagen ist.«
Hierbei durchbohrte er den Fremden mit seinen Augen, als wolle er ihn
auf Herz und Nieren prüfen. »Ja, natürlich, wie soll ein Bauer etwas von
Kriegssachen verstehen; es sind noch keine Gerüchte bis in unsere Einöde
gedrungen.«
Unser Gesandter stutzte und überlegte sich's, daß man auch im Gespräch
mit einem simplen Bauer die Vorsicht nicht außer acht lassen dürfe,
dachte eine Weile nach und fuhr dann fort: »Sieh mal Landsmann, mit
Bestimmtheit kann ich es dir freilich nicht sagen. Ich selbst bin nicht
im Lager gewesen, aber der Saporoger Hauptmann, Schljaiko, dem ich bei
Lochwitza begegnet bin, hat mir einen Brief an den Mirgoroder Oberst
mitgegeben, als er vernahm, daß ich nach jener Gegend reite. Er jagte
dahin wie ein Verrückter, trotz aller Fragen konnte ich nichts
Zuverlässiges erfahren ... Ich war erst vor kurzem aus Warschau
zurückgekehrt ... Sieh mal, möglicherweise hatte er Grund, mir zu
mißtrauen ... d. h. ... er ... nun ich glaube, du verstehst mich.«
»Was reden Euer Gnaden, kann denn ein Bauer verstehn, was die Herren
untereinander sprechen! Bei Gott, nein, wie soll unsereiner das
verstehen. Unsere Schädel sind ja ganz anders gebaut als die Köpfe der
Herrn ... weiß der Teufel, was das ist! ... sie haben mehr Ähnlichkeit
mit einem Kohlkopf als mit einem Menschenkopf ...«
»Oh, du bist mir ein Schlauer!« dachte Laptschinsky und nahm sich vor,
seine Worte so bedächtig wie möglich zu setzen.
Er ritt die ganze Zeit im Schritt und paßte den leichten Gang seines
stolzen Rosses den langsamen Schritten der schwerfälligen Stiere an,
denen der Bauer mit phlegmatischer Würde, den Stock schwenkend und seine
Pfeife rauchend, voranschritt. Der Rauch hüllte sein braunes Gesicht wie
in eine Wolke ein; zuweilen, wenn es von der aufflackernden Flamme
beleuchtet wurde, erinnerte es an einen Vampir, der hie und da aus dem
undurchdringlichen Sumpfnebel auftauchte und von dem ein wundersamer
Funkenstrom ausging. Dies veranlaßte Laptschinsky, ihm immer wieder in
die Augen zu sehen, um sich zu vergewissern, ob es wirklich noch
derselbe Mann sei, den er soeben getroffen hatte.
Aber unser Bauer verscheuchte selbst alle Zweifel und ließ seinem Gast
keinen Augenblick Zeit zum Grübeln.
»Haben Euer Gnaden schon von solch einem Wunder gehört?« fragte er, ohne
die Pfeife aus dem Munde zu nehmen; »siehst du dort im Dunkeln weit vor
uns die Tanne?«
Zu seinem großen Erstaunen sah der Reisende wirklich eine Tanne. Wie
hatte die ihren Weg hierher gefunden? denn hier zu Lande, d. h. in
Kleinrußland, hätte das Auge wohl selbst im Umkreise von hundert Werst
keine dieser Bewohnerinnen des Nordens entdecken können. Unwillkürlich
starrte er sie an: sie allein schien sich inmitten dieser kahlen Bäume
etwas wie Leben erhalten zu haben. Aber konnte man das Leben nennen? Es
war eine Mumie, die man nur mit Verwunderung unter nackten Skeletten
entdeckt, und die allein der Verwesung Trotz geboten hatte. Man gewahrt
an ihr dieselben Züge und dieselbe herrliche menschliche Form, aber,
Gott, in welchem Zustande! Ein unbeschreibliches, unbegreifliches Gefühl
von Wehmut und Grauen erfaßt die Seele beim Anblick dieses elenden
Betruges, durch den die geschäftige Kunst etwas dem Leben Ähnliches zu
ergreifen und festzuhalten versucht.
»Das ist noch kein großes Wunder, daß da eine Tanne steht. Wunderbar ist
nur dieses: Jetzt wo wir miteinander plaudern, sind es wohl fünfzig
Jahre her, daß hier, wohl gar an diesem selben Platze, in prächtigen
Gemächern ein großer, vornehmer Herr hauste. Ob er nun ein Woiwode, ein
Hauptmann oder ein einfacher Gutsbesitzer gewesen ist, weiß ich Euch
nicht zu sagen; ich weiß nur, daß er Pole war und nicht unserer Religion
angehörte. Er lebte, wie alle die unsaubern polnischen Herren leben;
sein Haus war von früh bis zum Abend von Wein und Gesang erfüllt, ein
Zittern überlief jeden ehrlichen Christenmenschen, wenn er die Schreie
vernahm, die aus dem Walde drangen. Die Gutsknechte ritten alle Gehöfte
ab und plünderten deren arme Bewohner. Aber mehr noch. Sie fingen bald
an, auch noch die heiligen Kirchen zu plündern und zu bestehlen, und
trieben es so schlimm, ... hol' sie der Teufel, ich mag gar nicht sagen,
was sie alles verübten. Man hätte sie alle erschlagen sollen ... Euer
Gnaden ... Aber das ging nicht, denn es waren ihrer vielleicht
hundertfünfzig Knechte, und jeder war mit einer Hellebarde, einem
Luntengewehr und einer ganzen Kriegsrüstung bewaffnet. Da erbot sich ein
Kirchensänger, -- wie er hieß und aus welchem Kirchspiel er stammte, das
weiß ich bei Gott nicht, Euer Gnaden, -- der also erbot sich, in den
Wald zu gehen. Wenn es jetzt nicht Nacht und der Boden nicht mit
Blättern bedeckt wäre, könnte ich Ihnen vielleicht noch die Reste von
diesem Teufelsnest zeigen. Um diese Zeit, -- offenbar hatte Gott es
schon so bestimmt -- feierten sie gerade irgendeinen ihrer verfluchten
Feiertage. Der Kirchensänger war aufs Schlimmste gefaßt und sagte zu
sich: >Gott, steh mir bei!< und schob sich mutig durch das Tor, das von
dem sich drängenden Volk versperrt wurde. Zimbeln und Trommeln
erschallten und dröhnten wie bei einer Hochzeit, und die betrunkenen
Herren und ihre Knappen tanzten einen wilden Krakowiak. Als sie nun den
Kirchensänger erblickten, Euer Gnaden, da riefen sie alle: >Was will der
Pope hier!< Der Herr aber sprach: >He, ihr Knappen, schenkt dem Popen
etwas Schnaps ein! mag er doch mit uns braven Christen einen Krakowiak
tanzen, und helft ihm ordentlich mit dem Stock auf die Beine!< Der
Sänger fing nun, offenbar des Heiligen Geistes voll, an, den Ketzern
ihre Sünden und ihr gottloses Leben vorzuhalten, ihnen die Qualen des
Jenseits zu schildern und ihnen klarzumachen, wie sie einmal in der
Hölle tanzen würden, dann aber nicht mehr freiwillig, sondern
angetrieben von den glühenden Gabeln der Teufel! >Ah, du willst uns hier
auch noch was vorpredigen? He, Knappen! bringt den Popen auf den Chor
und legt ihm eine Binde um den Hals, damit er sich nicht erkältet!< Da
packten die Knechte den unglücklichen Sänger und schleppten ihn mit
unmenschlichem Gelächter und Gejohle zu der Tanne, an der uns unser Weg
vorbeiführt. Seht, Euer Gnaden, das war nun eben die Sache. Die Tanne
stand gerade vor dem Hause und wie mit Absicht unmittelbar vor dem
Fenster des herrschaftlichen Schlafzimmers. Als nun die Nacht alle
verscheucht und der eine auf seiner Latte, der andere darunter lag, kam
es unserem Herrn plötzlich so vor, als ob etwas Kaltes auf ihn
heruntertropfe. >Hol's der Teufel,< dachte der Herr, >was tropft denn da
herunter?< Er erhob sich von seinem Lager und sah plötzlich, wie die
stachlichten Tannenzweige die Mauer durchdrangen und sich -- als wären
sie lebendig, -- immer weiter und weiter ausstreckten, bis sie ihn
erreicht hatten. Unser Pan bekreuzigte sich vielleicht zum erstenmal in
seinem Leben, als er sah, daß Menschenblut von den Zweigen herabtropfte.
Erst war es kalt wie Eis, dann aber verbrannte es ihn so heftig, daß er
aufsprang und zum Fenster lief. Seine Beine drohten ihm den Dienst zu
versagen, als er hinausging. Die Tanne war ganz blau wie eine Leiche und
sie nickte ihm fürchterlich mit ihrem schwarzen, sich hochaufbäumenden
Barte zu. Anfänglich glaubte unser Herr, daß ihm der Wein in den Kopf
gestiegen wäre; in der folgenden Nacht aber war es ebenso und das ganze
Hausgesinde wußte wie aus einem Munde zu erzählen, wie der ganze Wald
widerhallte von Grabesliedern, die schreckliche Stimmen zu Ehren der
Toten sängen, so daß einem ein Schauder über den Rücken laufe und die
Haare zu Berge stünden. Was taten sie nicht alles? Sie begruben den Leib
des Sängers mit allen Ehren, dann wollten sie die Tanne umhaun, aber die
Axt konnte ihr nichts anhaben. Bei jedem Schlag, den das Beil tat, wurde
es schartig, der Baum aber stöhnte wie ein ungetauftes Kind. Endlich
entschlossen sie sich, diesen verfluchten Ort zu verlassen. Tag für Tag
versammelte sich das Gesinde, sattelte die Pferde, lud alles Hausgerät
auf und brach frühmorgens auf, eh noch die Teufel sich den Sand aus den
Augen gerieben hatten, sie ritten und ritten bis zum späten Abend; man
könnte meinen, sie müßten weiß Gott wie weit gekommen sein -- doch nun
schlagen sie ihr Nachtlager auf, und blicken um sich; was sie sehen,
sind lauter bekannte Dinge: derselbe finstre Wald, dasselbe Haus, die
verfluchte Tanne; sie streckt ihre Äste aus, wie ein Paar Arme, ergreift
den Pan, übergießt ihn mit Blut und der schwarze zerwühlte Bart nickt
ihm unheimlich zu, wie ehemals.«
Hier warf der Erzähler seinem Zuhörer einen herausfordernden Blick zu,
seine funkelnden Augen blitzten in der dunklen Nacht noch heller, und er
stellte mit Wohlgefallen den Eindruck fest, den seine Erzählung auf
jenen gemacht hatte. In der Tat, unser Reisender konnte ein gewisses
Gefühl des Schreckens nicht loswerden, das sich heimlich in seine Seele
schlich, und er sah sich unruhig um.
Indessen kamen sie an der Tanne vorüber. Der silberne Mondschein fiel
gerade auf ihre traurigen Äste, ihre langen Schatten, die sich fast wie
eine Fortsetzung der Zweige ausnahmen, brachen sich an denen der anderen
Bäume und legten sich wie eine unendliche Leiter auf den Erdboden.
Nachdem der Reiter vorübergeritten war, wandte er seinen Kopf noch
einmal um. Sanft schaukelte der Wind die Wipfel der Tanne, da aber
schien es ihm, daß ein böser Geist von schrecklicher majestätischer
Gestalt ihm langsam folgte, traurig mit dem schaurigen Bart nickte und
seine dunkelgrünen Arme ausstreckte, um ihn zu ergreifen.
»Nun, und was geschah weiter?« fragte er den Mann, der plötzlich stumm
geworden war, und er versuchte es, sich die Angst nicht merken zu
lassen, die ihn unwillkürlich erfaßt hatte.
»Was? Nun dem Herrn erging es schlecht; er entließ sein ganzes Gesinde
und wurde ein Einsiedler; erst nachdem er zweiundfünfzig Seelenmessen
für den verstorbenen Kirchensänger gelesen hatte, verschwand der Spuk.
Was dann weiter aus dem Einsiedler geworden ist, das wird Ihnen wohl
niemand sagen können. Drei Tage vor Johannisnacht aber tropft Tag und
Nacht ein feuchter Tau von diesem Baume herab. Ja, man behauptet sogar,
daß eine verlorene Seele hier im Walde umherirrt. Meine Schwiegermutter
erzählte mir noch vor vier Jahren, als sie noch bei Verstande war, daß
sie dem Teufel einmal im Walde begegnet sei; und er hätte eine rote
Jacke getragen, gerade so wie der verstorbene Pan es zu tun pflegte.
Zop, zop, zop! Hüh! Na, da wären wir, Euer Gnaden.«
Laptschinsky erblickte tatsächlich eine kleine Pforte, die aus wenigen
quer übereinanderliegenden Brettern zusammengefügt war, wie man sie auch
jetzt noch bei allen kleinrussischen Bauern finden kann. Hundegebell
erfüllte den Wald, und ein altes Weib, das sich schnell einen Pelz
übergeworfen hatte, trat heraus, um das Tor zu öffnen. Unser Reiter sah
einen kleinen Hof vor sich, den ein Zaun aus Schilfrohr einfaßte, im
Hintergrunde sah man ein paar Scheunen und Ställe, die gleichfalls mit
Dächern aus Schilfrohr gedeckt waren und eine gewöhnliche kleinrussische
Hütte.
Auf dem Hof lagen eine Menge Bienenkörbe herum, viele von ihnen hingen
auch an den Bäumen, die ihre eigentümlich geformten Zweige von allen
Seiten in den Hof herabhängen ließen, als könnte diesen Riesen das
einfache, bukolische Leben ein anziehendes Schauspiel darbieten. Hinter
dem Hof zog sich noch ein Gebäude hin, das man in der Dunkelheit nicht
recht erkennen konnte. All dieses ließ darauf schließen, daß das Gut
einem recht wohlhabenden Kosaken gehörte; denn zu jener Zeit konnte man
nicht bei jedem soviel Pracht und Überfluß finden.
Während der Hausherr mit dem Abladen seiner Säcke beschäftigt war, hatte
Laptschinsky vollauf Zeit, das Innere seiner Behausung zu betrachten. Es
war fast alles genau so, wie man es heute noch bei den kleinrussischen
Bauern findet: der Tür gegenüber befanden sich einige Fenster und vor
ihnen stand ein Tisch, auf dem er ein Roggenbrot und etwas Salz
bemerkte; dieses wird nie fortgenommen zum Zeichen, daß hier jeder Gast
stets einer freundlichen Aufnahme gewärtig sein kann. Um die ganze Stube
zogen sich breitere und schmälere Bänke aus Lindenholz hin; neben der
Tür stand ein mächtiger Ofen, der unten eine große Öffnung hatte; diese
war von einem dichten Gitter umschlossen, hinter dem Hühner, Gänse,
Truthähne und Hauskaninchen hervorguckten. Jeder von diesen der Sprache
beraubten Hausgenossen machte sich auf seine Art bemerkbar, piepte,
gackerte, schnatterte und gab zu verstehen, daß er durchaus keines von
den Geringsten unter Gottes Geschöpfen sei. Auf dem Fußboden saß ein
vierjähriger Knabe und schlug mit dem mächtigen Stengel einer
Sonnenblume auf einen umgestülpten Topf; während ein anderer, der ein
Jahr älter sein mochte, einen Kater an der Kehle hielt und ein Lied dazu
sang, das sich ihm wohl, weil er es so oft von seiner Mutter gehört, für
sein ganzes Leben eingeprägt hatte. Vor einer großen eisenbeschlagenen
Kiste saß ein elfjähriges Mädchen, sie hielt einen Säugling auf dem
Schoß, der aus vollem Halse schrie, obgleich sie zu seiner Unterhaltung
mit einem großen Hängeschloß klapperte und das Kind mit dem neuen
Ankömmling schreckte. An der Wand hingen: eine Sichel, ein Säbel, eine
Flinte, deren Hahn abgeschraubt war und in der Nähe auf einem Regal lag,
wohin man ihn wahrscheinlich gelegt hatte, weil er reparaturbedürftig
war, ferner ein Beil, eine türkische Pistole, noch eine Flinte, eine
Sense ohne Stiel und eine kurze Nagaika -- alles Waffen, die seit
undenklichen Zeiten miteinander im Streite liegen und die der
unbegreifliche Mensch zwingt, trotz ihres so unverträglichen Charakters
miteinander in Frieden zu leben.
»Bitte nehmt mirs nicht übel, daß ich Euch etwas warten ließ, Euer
Gnaden!« sagte der eintretende Hausherr, »der verfluchte Jahrmarkt hat
mir so sehr den Kopf verwirrt, daß er mir noch immer brummt. Ein wahres
Glück, daß meine Alte nicht zu Hause ist, sonst hätte sie ihn mir
tüchtig gewaschen. Nur meine Schwiegermutter und ich sind zu Hause.«
Bei diesen Worten trat dieselbe Alte herein, die ihnen vorhin das Tor
geöffnet hatte. Der Reisende betrachtete sie mit einem eigentümlich
wehmütigen Gefühl. Es war ihm so, als sähe er ein dem Grabe verfallenes
Wesen vor sich, in dem eine starke Natur noch einen Rest von Leben
festzuhalten suchte, um dem Menschen die ganze Nichtigkeit eines langen
Lebens, nach dem er so gierig strebt, vor Augen zu führen. Auf ihren von
Runzeln durchfurchten Zügen lag die Gleichgültigkeit des Todes. Kein
Funken von Leben oder Interesse war in ihren Augen zu entdecken; nur hie
und da richteten sie einen ihrer trüben Blicke auf ihn; doch der hätte
sich sehr geirrt, der irgend etwas wie Neugierde in ihnen zu lesen
geglaubt hätte. Sie blieben an keinem Gegenstande haften, und alles
erschien ihnen in Nebel gehüllt, wie einem Menschen, der sich den Schlaf
noch nicht ganz aus den Augen gerieben hat.
Während Laptschinsky solchen Gedanken nachhing, kletterte die Alte auf
den Ofen; dies war ihr gewöhnlicher Aufenthalt, ihre ganz Welt, die ihr
ebenso geräumig und belebt schien, wie die anderer Menschen; der
Hausherr wandte sich seinen Kindern zu. »Sieh mal an, Fedot!« sagte er
und hob den Jungen mit der Sonnenblume mit einem Griff bis an die Decke,
»wo hast du diesen fürchterlichen Stengel her? Damit kannst du ja einen
Menschen totschlagen! Was machst du da, Karpo? Du erwürgst ja den Kater!
Ich habe dir was Süßes mitgebracht! Komm doch her, du Hundesohn, was
stehst du da und hältst Maulaffen feil? Seht, Euer Gnaden, so geht's,
hundertmal habe ich ihm schon gesagt, daß ich sein Vater bin, aber er
will's immer nicht glauben, der Taugenichts! Und du Schreihals, wirst du
noch lange brüllen? Reich' mir mal den Stock, ich will's ihm schon
zeigen. Reich' ihn nur mal her, Marjusja; ich werf' ihn gleich aus dem
Fenster, da können ihn die Wölfe fressen, oder die Polen ...«
»Gott hat dich reich mit Kindern gesegnet, Landsmann!« sagte unser Gast
zum Hausherrn.
»Ja, 's sind ihrer nicht wenige, Mosjpane, ich habe ihrer sieben. Zwei
sind in der Fremde, die sind schon verheiratet, aber der Teufel mag
wissen, was die für eine Mitgift bekommen haben: je ein paar Fuß Land,
wo nichts außer Steppengras und Beifuß wächst. Nun Fedot, sagst du
nicht, danke? Der Herr gibt dir einen Pfefferkuchen, und du verbeugst
dich nicht einmal? Bitte küssen Sie ihn nicht, seine ganze Fratze ist ja
voller Asche. Als er hörte, daß ich zum Jahrmarkt fahre, da gab es ein
Geschrei! Nimm mich mit, Vater! -- Ja, was soll ich denn mit dir? Wie
soll ich dich mitnehmen, man wird dich dort totdrücken! -- Nein, man
wird mich schon nicht totdrücken! Nimm mich mit, nimm mich mit! -- Ja,
aber es gibt doch so viele Zigeuner, die stehlen dich mir noch am Ende
weg, -- dann heißt's auf Nimmerwiedersehn! -- Nein, nimm mich mit, so
ging's in einem fort weiter. Was sollte man da machen? Er fing so an zu
heulen, daß Gott erbarm'. Endlich gelang es mir, ihn zu beruhigen, ich
versprach ihm, ein Lebkuchenpferd mit einem goldenen Kopf mitzubringen.
Nun, Marjusja, auf die Mutter wollen wir nicht warten, bring' uns das
Abendbrot. Großmutter schläft sicher schon. Also Euer Gnaden,« fuhr er
fort und wandte sich plötzlich, sich am Tisch niederlassend, an den Gast
»zu wem sagtest du, willst du reiten? Jetzt wo ich alt bin, da gleicht
mein Kopf einem Sieb, man mag noch so viel reingießen, er ist immer
leer; sprich so klug, wie du willst, ich vergesse doch alles.«
»Wie Landsmann? ich sagte dir doch -- zu Gletschik,« antwortete der
Gast, etwas erstaunt über diese merkwürdige Vergeßlichkeit.
»Zum Mirgoroder Oberst? Da hast du gar nicht nötig, weit zu reiten; kein
anderer als er selbst in eigener Person sitzt vor dir, Mosjpane!«
Wenn in diesem Augenblick eine Flintenkugel an Laptschinskys Ohr
vorbeigesaust wäre, er hätte nicht mehr erstaunt sein können. Ihm so
plötzlich und unerwartet, so unvorbereitet zu begegnen, wo seine
Gedanken ganz anderswo umherschweiften -- wo er -- doch nein -- es
konnte nicht sein, sicherlich hatte er falsch verstanden. Und seine
Augen richteten sich starr auf seinen Wirt, als wollte er sich
vergewissern, daß sein Gehör ihn betrogen hätte.
1830.
IV
Über den Unterricht in der Weltgeschichte
I
Die Weltgeschichte in ihrer wahren Bedeutung ist nicht die besondere
Geschichte der einzelnen Völker und Reiche, ohne allen Zusammenhang,
ohne allgemeinen Plan und allgemeinen Zweck, sie ist keine Reihe von
Begebenheiten ohne alle Ordnung, in lebloser, trockener Form
vorgetragen, wie man sie sehr häufig darzustellen pflegt: ihr Gegenstand
ist etwas ganz Großes: sie soll _die ganze Menschheit_ umfassen und zwar
mit einem Blick und in einem vollständigen Bilde, sie soll zeigen, wie
sie sich aus ihrer ursprünglichen armseligen Kindheit entwickelt hat,
sich allmählich in verschiedenen Richtungen vervollkommnete und endlich
die Epoche der Jetztzeit erreichte. Diesen ganzen gewaltigen Prozeß, den
der freie Menschengeist durchgemacht hat, der von seiner Wiege an mit
ungeheurer Anstrengung und mit blutigen Mitteln gegen die Roheit, die
Natur und gegen furchtbare Hindernisse aller Art ankämpfen mußte,
darzustellen -- das ist der Zweck der Weltgeschichte. Sie soll alle
Völker der Erde, die durch Zeit, Zufall, Gebirge oder Meere getrennt
sind, sammeln, in ein geordnetes Ganzes vereinigen und ein großartiges,
vollkommenes Epos daraus formen; Ereignisse, die keinen Einfluß auf die
Welt ausgeübt haben, gehören nicht in sie hinein. Alle Weltereignisse
müssen so fest ineinandergefügt sein, so eng ineinander eingreifen, wie
die Glieder einer Kette; wenn nur ein Glied springt, zerreißt die ganze
Kette. Dieses Band muß man natürlich nicht in buchstäblichem Sinne
verstehen: das ist kein sichtbares, greifbares Band, durch das man oft
Geschehnisse oder Systeme, wie sie häufig ganz unabhängig von den
Tatsachen in den Köpfen zustande kommen, und die man nachträglich mit
den Weltereignissen künstlich verbindet, gewaltsam zusammenfügt. Dieses
Band darf nur in einer allgemeinen Idee in dem ununterbrochenen
Entwicklungsgang der Menschheit bestehen, im Verhältnis, zu dem die
Reiche und die Ereignisse nur temporäre Formen und Gleichnisse sind. Die
Welt muß in ihrer ungeheueren Majestät dargestellt werden, in der sie
sich uns darbietet, durchdrungen von den geheimnisvollen Wegen der
Vorsehung, die sich in ihr in so wunderbarer unbegreiflicher Weise
kundgeben. Das Interesse muß durchaus und zwar in so hohem Maße angeregt
werden, daß die Zuhörer vom Wunsche gequält werden, immer mehr zu
erfahren, sie müssen unfähig sein, sich den Vortrag nicht bis zum Schluß
anzuhören oder das Buch zu schließen; -- und wenn sie das doch tun, so
nur zu dem Zweck, um wieder von vorn anzufangen; es muß ihnen klar
werden, wie das eine Ereignis ein anderes gebiert und wie ohne das
Vorhergehende auch das Folgende nicht da wäre. Nur so kann eine
Weltgeschichte geschaffen werden.