=Erste Vorlesung.=
Die Kerze. Ihre Flamme. Schmelzen des Brennstoffs.
Kapillarität des Dochtes. Die Flamme ein brennender
Dampf. Gestalt und Teile der Flamme.
Der aufsteigende Luftstrom. Andere Flammen 33
=Zweite Vorlesung.=
Nähere Untersuchung der brennbaren Dämpfe in der
Flamme. Verteilung der Hitze in der Flamme.
Bedeutung der Luft. Unvollständige Verbrennung;
Rußen der Flamme. Verbrennung ohne Flamme
(Eisen). Das Leuchten der Flammen. Kohle in der
Kerzenflamme. Verbrennungsprodukte 58
=Dritte Vorlesung.=
Wasser als Verbrennungsprodukt der Kerze.
Eigenschaften des Wassers; seine Aggregatzustände.
Wasserstoff als Bestandteil des Wassers. Darstellung
und Eigenschaften des Wasserstoffs. Wasser als
Verbrennungsprodukt des Wasserstoffs. Die
Volta’sche Säule 82
=Vierte Vorlesung.=
Chemische Wirkungen des elektrischen Stromes.
Zerlegung des Wassers durch denselben.
Wiederbildung von Wasser durch Entzündung des
Knallgases. Sauerstoff, der zweite Bestandteil des
Wassers. Quantitative Zusammensetzung des Wassers.
Darstellung und Eigenschaften des Sauerstoffs.
Seine Rolle bei den Verbrennungserscheinungen 109
=Fünfte Vorlesung.=
Die atmosphärische Luft, eine Mischung aus
Sauerstoff und Stickstoff. Eigenschaften des
Stickstoffs. Quantitative Zusammensetzung der
Luft. Das Wägen der Gase. Luftdruck. Elastizität
der Luft. – Kohlensäure als Verbrennungsprodukt
der Kerze. Erkennung der Kohlensäure. Ihr Vorkommen
in der Natur. Darstellung und Eigenschaften der
Kohlensäure 133
=Sechste Vorlesung.=
Chemische Zusammensetzung der Kohlensäure. Ihre
Bildung durch Verbrennung von Kohlenstoff.
Mengenverhältnis der Bestandteile. Zerlegung der
Kohlensäure in ihre Elemente. Bildung von
Kohlensäure durch Verbrennung des Holzes und des
Leuchtgases. Feste und gasförmige
Verbrennungsprodukte der Körper. – Der
Atmungsprozeß. Kohlenstoffgehalt der
Nahrungsmittel. Die Körperwärme. Wechselwirkung
zwischen der Tier- und Pflanzenwelt. –
Einfluß der Temperatur auf den Eintritt
chemischer Prozesse 163
Michael Faraday.
Der Name _Michael Faraday_ gehört einem der seltenen Geister an, welche
der Menschheit neue Bahnen auf dem Gebiete der Naturwissenschaft
eröffnet haben. Aber _Michael Faraday_ war nicht nur ein großer
Naturforscher: er war zugleich auch ein guter und edler Mensch, der
seine Mitmenschen, und nicht am wenigsten die Jugend liebte. Gern stieg
er selbst zu den Kindern herab, um ihnen in seiner schlichten und
herzerfreuenden Weise aus dem reichen Schatze seines Wissens goldene
Früchte zu bieten. Darum wird es gut sein, wenn wir den Mann, von dem
man so treffliche Dinge lernen kann, auch selbst ein wenig kennen
lernen. Es soll daher in den folgenden Zeilen einiges aus seinem Leben
erzählt werden.
_Michael Faraday_ war ein Mann, der Alles, was er wurde und leistete,
seiner eigenen Kraft verdankte, ein ~self made man~, wie die Engländer
sagen, in des Wortes edelster Bedeutung. Er war der Sohn eines armen
Grobschmiedes, den sein Vater nur das Notwendigste lernen lassen
konnte, und der schon als Knabe genötigt war, darauf zu denken, wie
er so bald als irgend möglich sein Brot verdienen könnte. So wurde er
denn frühzeitig zu einem Buchbinder in die Lehre getan, und er dachte
nicht anders, als daß er in diesem Berufe sein Glück machen würde.
Aber er brachte es nicht übers Herz, die Bücher, die er zu binden
hatte, nur von außen anzuschauen; er blickte hinein, und er fand darin
vieles, was ihn wundersam anzog. Insbesondere waren es die einfachsten
Erscheinungen der Chemie, die seine Einbildungskraft mächtig ergriffen.
Sie trieben ihn frühzeitig dazu, mit den allergeringsten Mitteln,
und so gut er es vermochte, Versuche anzustellen, um sich von der
Wahrheit dessen, was die Bücher ihm erzählten, durch eigene Anschauung
zu überzeugen. So wurde aus dem armen Buchbinderlehrling unvermerkt
ein kleiner Naturforscher. _Faraday_ dachte wohl zuerst nicht daran,
daß diese Studien etwas anderes als eine Liebhaberei sein könnten.
Aber immer mächtiger ergriffen sie ihn; und endlich vermochte er dem
innern Trieb nicht zu widerstehen: er vertauschte die Werkstatt des
Buchbinders mit dem Laboratorium des Chemikers. Das ging nun freilich
nicht so leicht; er mußte ganz von unten anfangen: als einfacher
Hilfsarbeiter begann er die Laufbahn des Naturforschers. Aber nachdem
er sie einmal betreten, hat er rasch, gestützt auf sein großes Talent,
jedoch fortwährend mit eisernem Fleiße bemüht, seine Kenntnisse zu
erweitern, bald größere und größere Erfolge errungen, bis er endlich
eine Stufe erstieg, welche zu betreten nur wenigen Auserwählten
beschieden ist. Jetzt, nachdem er schon eine Reihe von Jahren nicht
mehr unter den Lebenden weilt, wird sein Name von den Männern der
Wissenschaft mit Verehrung genannt; diejenigen aber, denen es vergönnt
war, ihn im Leben zu kennen, oder gar ihm nahe zu stehen, haben stets
von ihm mit einer Begeisterung gesprochen, welche nur die wahrste
Herzensgüte und die edelste Lauterkeit des Charakters zu erwecken
vermag.
_Michael Faraday_ wurde als das dritte Kind des Grobschmiedes _James
Faraday_ am 22. September 1791 zu _Newington Butts_ in Surrey
(Süd-London) geboren. Seine Mutter, _Margaret_, war die Tochter
eines Pächters Namens _Hestwell_ in der Nähe von Kirkby-Stephen. Die
Eltern erfüllte ein tief religiöser Sinn; sie gehörten der kleinen
christlichen Sekte der »_Sandemanianer_« an, und dieser ist er selbst
während seines ganzen Lebens treu geblieben. – Fast zehn Jahre lang
war seine Heimat eine über Stallungen gelegene Wohnung in einer
Seitengasse; seine Erziehung war, wie er selbst berichtet, von der
gewöhnlichsten Art und beschränkte sich fast nur auf die Anfangsgründe
des Lesens, Schreibens und Rechnens; seine Freistunden brachte er zu
Hause oder auf der Straße zu.
Im Jahre 1804 trat er, dreizehn Jahre alt, zuerst zur Probe als
Lehrling in den Buchladen von George Riebau; nach einem Jahre wurde
er definitiv, und der von ihm geleisteten Dienste wegen unentgeltlich
angenommen. Wie ernst er es mit seiner Arbeit nahm, davon gibt ein
Brief seines Vaters aus dem Jahre 1809 Zeugnis, welcher schreibt:
»Michael ist Buchbinder und im Erlernen seines Geschäftes
sehr eifrig. Von seinen sieben Dienstjahren sind fast vier
verstrichen. Sein Prinzipal und dessen Frau sind sehr brave
Leute und seine Stelle gefällt ihm gut. Anfangs hatte er eine
schwere Zeit durchzumachen, aber, wie das alte Sprichwort sagt:
Jetzt hat er den Kopf über Wasser, da er zwei andere Knaben
unter sich hat.«
In diese Zeit fallen seine ersten chemischen Studien. Er las Schriften
über Physik und Chemie und machte Experimente, welche sich mit einigen
Pence[2] wöchentlicher Einnahme bestreiten ließen. Immerhin war es
ihm möglich, eine einfache Elektrisiermaschine und einige andere
elektrische Apparate zu konstruieren. Auch hörte er gelegentlich
Vorlesungen über Physik, welche ein Herr _Tatum_ in den Abendstunden
hielt; sein Meister erteilte ihm dazu die Erlaubnis, und sein um drei
Jahre älterer Bruder, der wie der Vater Grobschmied war, schenkte
ihm zu mehreren das Eintrittsgeld. Später hatte er auch das Glück,
einige Vorträge des damals schon hochberühmten Chemikers _Sir Humphry
Davy_ zu hören, desselben, welcher ihm später den Eintritt in die
wissenschaftliche Laufbahn erschloß und der dann sein langjähriger
Lehrer und Vorgesetzter wurde. Er arbeitete diese Vorlesungen aus und
erläuterte die Experimente durch Zeichnungen. Hierzu hatte er sich
durch besondere Studien befähigt, da er unter der Anleitung eines
Herrn _Masquerier_ eifrig Perspektive getrieben hatte. – Damals machte
_Faraday_ auch einen ersten Versuch, seiner Tätigkeit eine seinem
inneren Triebe entsprechende Richtung zu geben.
»Der Wunsch, wissenschaftlich beschäftigt zu sein« – so
schreibt er, »veranlaßte mich in meiner Unkenntnis der Welt und
in der Einfalt meines Gemütes, noch als Lehrling an Sir Joseph
Banks, damaligen Präsidenten der »Royal Society«, zu schreiben.
Ich erkundigte mich bei dem Portier nach einer Antwort, aber
natürlich vergebens.«
Mit welcher Begeisterung er in diesem jugendlichen Alter
wissenschaftliche Gegenstände ergriff – er war damals 21 Jahre alt –,
zeigt recht deutlich die folgende Stelle aus einem Briefe an seinen
Jugendfreund _Benjamin Abbott_, einen Quäcker, mit dem er eine sehr
lebhafte Korrespondenz unterhielt:
»Ich finde keinen anderen Gegenstand, über den ich schreiben
könnte, als das Chlor[3]. Erstaunen Sie nicht, mein lieber
A., über den Eifer, mit welchem ich diese neue Theorie
ergreife. Ich habe Davy selbst darüber sprechen hören. Ich
habe ihn Experimente (entscheidende Experimente) zur Erklärung
derselben anstellen sehen und ich habe ihn diese Experimente
auf die Theorie, in einer für mich unwiderstehlichen Weise,
anwenden und erklären und geltend machen hören. Lieber Freund,
Überzeugung ergriff mich, ich war gezwungen, ihm zu glauben,
und dem Glauben folgte Bewunderung.«
Im Oktober 1812 war _Faraday’s_ Lehrzeit beendigt und er ging als
Buchbindergeselle zu einem Herrn de _La Roche_. Dieser war ein heftiger
Mann und plagte seinen Gehilfen so sehr, daß _Faraday_ diese Stelle
bald unleidlich wurde. Er fühlte sich sehr gedrückt: zur Pflege seiner
wissenschaftlichen Bestrebungen blieb ihm so gut wie keine Zeit,
und obwohl sein Meister ihn persönlich gern mochte und ihm für die
Zukunft die lockendsten Versprechungen machte, so entschloß er sich
doch bald, seine Lage wenn möglich zu ändern. Er schickte _Davy_ die
Ausarbeitungen ein, die er nach dessen Vorträgen gemacht hatte, und bat
ihn, er möchte ihm die Möglichkeit verschaffen, sich der Wissenschaft
zu widmen. _Davy_ zeigte den Brief seinem Freunde _Pepys_ und fragte
ihn um seine Meinung, was er für den jungen Mann tun könne. – »Tun?«
erwiderte _Pepys_, »lassen Sie ihn Flaschen schwenken. Taugt er
etwas, so wird er sofort darauf eingehen; weigert er sich, so taugt
er nichts«. – »Nein, nein«, sagte _Davy_, »wir müssen ihn zu etwas
Besserem verwenden«. – Und er verwendete ihn zu etwas Besserem;
denn auf seinen Antrag wurde _Faraday_ am 13. März 1813 zu seinem
Assistenten ernannt. Als sich später zeigte, welchem Genie er durch
seine Hilfeleistung den Weg geebnet hatte, erinnerte sich _Davy_ gern
und mit berechtigtem Stolze jenes ersten Schrittes, und er sagte einst,
die schönste Entdeckung, die er gemacht habe, sei _Faraday_ gewesen.
So war denn _Faraday_ Assistent am chemischen Laboratorium der »_~Royal
Institution~_« in _London_, einer Anstalt, deren Hauptzweck es ist, die
Kenntnis der Naturwissenschaften durch leichtfaßliche, von Experimenten
begleitete Vorträge in möglichst weite Kreise zu tragen. An diesem
Institute wirkte er bis zum Ende seines Lebens, da er später der
Nachfolger Davys als Direktor des chemischen Laboratoriums wurde.
Mit seiner Anstellung an der ~Royal Institution~ begann für _Faraday_
ein neues Leben: die Wissenschaft war ihm nun zum Beruf geworden,
und man kann sich leicht vorstellen, mit welcher Energie sich sein
lebhafter und zugleich so nachhaltig ausdauernder Geist ihrem Dienste
widmete. Aber er fühlte das Bedürfnis, seine im ganzen dürftige
Ausbildung auch nach anderen Richtungen zu ergänzen; denn er sagte sich
mit Recht, daß es nicht genügt, ein tüchtiger Gelehrter in seinem Fache
zu sein, sondern daß es auch noch der Kenntnisse und Fertigkeiten auf
anderen Gebieten der menschlichen Bildung bedürfe. Er fand Nahrung für
dieses Streben, indem er im Jahre 1813 in die »_~City philosophical
Society~_« eintrat, ein Verein, welcher 30–40 Mitglieder aus den
niederen oder mittleren Ständen zählte. Man kam jeden Mittwoch Abend
zusammen, um teils in selbstgehaltenen Vorträgen, teils in freien
Diskussionen gegenseitige Belehrung zu suchen. Die Gesellschaft trat
sehr anspruchslos auf, aber ihre Leistungen waren, wie _Faraday_
selbst sagte, von großem Werte für die Mitglieder. – Später trat er in
Gemeinschaft mit etwa sechs Personen, welche größtenteils der »~City
philosophical Society~« angehörten, zu einem engeren Verbande zusammen.
Sie trafen sich abends »um zusammen zu lesen, und gegenseitig ihre
Aussprache, sowie ihren Satzbau zu beurteilen, zu verbessern und zu
vervollkommnen. Die Disziplin war – wie _Faraday_ erzählt – kräftig,
die Bemerkungen sehr aufrichtig und offen und die Resultate sehr
wertvoll«. Diese Gesellschaft erhielt sich mehrere Jahre hindurch.
Im übrigen finden wir ihn eifrig mit chemischen Arbeiten beschäftigt.
Bei Gelegenheit derselben machte er sehr bald an sich die Erfahrung,
daß die Wissenschaft von denen, die sich ihrem Dienste widmen, unter
Umständen den Mut und die Opferfreudigkeit des Soldaten verlangt. Mit
Versuchen über die explosive Verbindung des Chlors mit dem Stickstoff
beschäftigt, erlebte er nicht weniger als vier Detonationen, deren
eine ihm einen Teil eines Nagels abriß und die Finger auch sonst
derartig verwundete, daß er sie längere Zeit nur mühsam gebrauchen
konnte. Nur der Umstand, daß sein Gesicht bei diesen Versuchen durch
eine gläserne Maske geschützt war, bewahrte ihn vor weit gefährlicheren
Verletzungen.
Bald sollten indessen diese Arbeiten eine längere Unterbrechung
erfahren. Schon im Oktober desselben Jahres, in welchem er seine Stelle
an der ~Royal Institution~ angetreten hatte, unternahm _H. Davy_ eine
größere Reise ins Ausland und _Faraday_ begleitete ihn auf derselben.
Die Reise erstreckte sich über Frankreich, Italien, die Schweiz, Tyrol
etc. und dauerte bis zum April des Jahres 1815. _Faraday_ erweiterte
durch dieselbe seine Kenntnisse und seinen Gesichtskreis. Aber sie
brachte ihm auch mancherlei Unannehmlichkeiten, da er genötigt
war, eine Menge untergeordneter Dienstleistungen zu verrichten, zu
denen er eigentlich nicht verpflichtet war, und gegen die sich sein
Unabhängigkeitssinn und sein damals schon erwachtes berechtigtes
Selbstgefühl auflehnten. Besonders hatte er in dieser Hinsicht von Lady
Davy zu leiden. Die täglichen Plagen waren doch so empfindlich, daß er
mehrere Male drauf und dran war, eiligst nach Hause zurückzukehren.
Aber der Wunsch nach Ausbildung hielt ihn zurück.
»Ich habe gerade genug gelernt« – schreibt er am 16. September
1814 an seinen Freund _Abbott_ – »um meine Unwissenheit zu
erkennen; ich schäme mich meiner allseitigen Mängel und
wünsche, die Gelegenheit, denselben abzuhelfen, jetzt zu
ergreifen. Die wenigen Kenntnisse, die ich mir in Sprachen
erworben habe, machen den Wunsch in mir rege, mehr von
denselben zu wissen, und das Wenige, was ich von Menschen und
Sitten gesehen, ist gerade genug, um es mir wünschenswert
erscheinen zu lassen, mehr zu sehen. Hierzu kommt die
herrliche Gelegenheit, deren ich mich erfreue, mich in der
Kenntnis der Chemie und anderer Wissenschaften fortwährend zu
vervollkommnen, und dies bestimmt mich, die Reise mit Sir Davy
bis zu Ende mitzumachen.«
Daß _Faraday_ die gebotene Gelegenheit in ausgiebigster Weise benutzte,
wird man sich denken können. Wie sehr sein Blick auf alles, selbst das
kleinste gerichtet war, zeigt eine Aufzeichnung, datiert _Dreux_, den
28. Oktober, welche ich mir nicht versagen kann, hier folgen zu lassen.
Sie lautet:
»Ich kann nicht umhin, einem Tiere, das hier zu Lande vorkommt,
einen Ausruf der Bewunderung zu widmen: nämlich den Schweinen.
Zuerst war ich geradezu über ihre Natur zweifelhaft, denn
obgleich sie zugespitzte Nasen, lange Ohren, seilartige
Schwänze und gespaltene Klauen haben, so scheint es doch
unglaublich, daß ein Tier, welches einen langgestreckten
Körper, aufwärts gewölbten Rücken und Bauch, schmächtige
Seiten, lange, dünne Beine hat und fähig ist, unsern Pferden
ein bis zwei Meilen vorzulaufen, irgendwie mit dem fetten
Schweine Englands verwandt sein könne. Als ich zuerst ein
solches in Morlaix sah, fuhr es so plötzlich auf und wurde
durch die Störung so behende in seinen Bewegungen und unseren
Schweinen in seinen Geberden so unähnlich, daß ich mich nach
einem zweiten Geschöpfe derselben Gattung umsah, ehe ich zu
entscheiden wagte, ob es ein normales oder außergewöhnliches
Produkt der Natur sei. Aber ich finde sie alle gleich und was
ich in der Ferne für ein Windspiel gehalten hätte, bin ich, bei
näherer Besichtigung, genötigt, als Schwein anzuerkennen.«
Diese harmlose Beobachtung, und ganz besonders die Art, wie er sich
ihrer Richtigkeit versicherte, zeigt uns, wenn auch bei geringfügigem
Anlasse, den echten Naturforscher.
Nach 1½jähriger Abwesenheit kehrte _Faraday_ nach London zurück.
Seine Arbeiten mehrten sich rasch. Er hatte vor allem _H. Davy_ bei
seinen wissenschaftlichen Untersuchungen und bei den seine Vorträge
begleitenden Experimenten zu unterstützen. Daneben aber beschäftigte
er sich mit eigenen Arbeiten. Im Januar 1816 begann er seine Tätigkeit
als Lehrer mit einer größeren Reihe von chemischen Vorträgen. Anfangs
arbeitete er sie ganz aus; bald aber genügten ihm kurze Notizen als
Erinnerungszeichen für die wichtigsten Punkte, die er zu besprechen
hatte, während der Vortrag selbst in freier Rede bestand. Auch eine
schriftstellerische Tätigkeit begann er um diese Zeit, da ihm die
Redaktion einer bedeutenden wissenschaftlichen Zeitschrift, des
»~Quaterly Journal of Science~« übertragen wurde. Die Arbeitslast muß
damals eine recht große gewesen sein. Denn in einem Briefe an seinen
Freund _Abbott_ entschuldigt er seine mangelhafte Korrespondenz damit
und bezeichnet ausdrücklich seinen Beruf als »Geschäft«. Erst neun Uhr
Abends verließ er das Laboratorium. »Aber«, schreibt er, »verstehen
Sie mich wohl, ich klage nicht; je mehr ich zu tun habe, desto mehr
lerne ich; ich wünsche nur, Ihnen den Eindruck zu nehmen, als wäre
ich faul – ein Argwohn, der übrigens, wie mich eine kurze Überlegung
lehrt, nie vorhanden sein kann.« – Die letztere Bemerkung zeigt, daß es
_Faraday_ nicht an wohlberechtigtem Selbstbewußtsein fehlte. Wir werden
davon noch weitere Beweise erhalten.
Im Jahre 1816 hat _Faraday_ auch eine erste eigene Untersuchung
veröffentlicht, und zwar in dem ~Quaterly Journal~. Es war eine Analyse
einer Art kaustischen Kalks von Toskana, welchen die Herzogin von
Montrose an _Davy_ geschickt hatte. _Faraday_ selbst schrieb später
darüber:
»Es war meine erste Mitteilung an das Publikum und sie war für
mich in ihren Resultaten sehr wichtig. Sir Humphry Davy gab mir
als ersten chemischen Versuch diese Analyse, zu einer Zeit, wo
meine Furcht größer war als mein Selbstvertrauen, und beide
weit größer als meine Kenntnisse, und zu einer Zeit, wo mir der
Gedanke an eine selbständige wissenschaftliche Arbeit noch nie
in den Sinn gekommen war. Die Beifügung der Anmerkungen Sir
Humphry’s und die Veröffentlichung meiner Arbeit ermutigten
mich fortzufahren und von Zeit zu Zeit andere unbedeutende
Mitteilungen zu machen. Ihre Übertragung aus dem ~Quaterly~ in
andere Journale vermehrte meine Kühnheit und jetzt, da 40 Jahre
verflossen sind, und ich auf die Resultate der ganzen Reihe
der Mitteilungen zurückblicken kann, hoffe ich noch, so sehr
sich auch ihr Charakter verändert hat, weder jetzt, noch vor
40 Jahren zu kühn gewesen zu sein.«
Dieser ersten selbständigen Arbeit folgten bald weitere, welche zwar
noch nicht von epochemachender Bedeutung waren, immerhin aber Zeugnis
gaben von seiner scharfen Denkkraft und seinem erfinderischen Geiste.
– Im Jahre 1821 verheiratete er sich mit _Sarah Barnard_. In seiner
Gewissenhaftigkeit wünschte er den Tag seiner Vermählung wie jeden
andern betrachtet zu sehen, und er beleidigte einige nahe Verwandte
dadurch, daß er sie nicht zur Hochzeit einlud. In einem Briefe, den er
an die Schwester seiner Frau vor der Hochzeit schrieb, sagt er:
»Auch nicht durch die Vorgänge eines einzelnen Tages soll
Unruhe, Lärm oder Hast veranlaßt werden. Äußerlich wird der Tag
wie alle anderen vergehen, denn es genügt, daß wir im Herzen
Freude erwarten und suchen.«
Wie sehr die hier ausgesprochene Hoffnung sich erfüllte, zeigt eine
Notiz, die _Faraday_ selbst viel später niederschrieb, und welche sich
in einer Sammlung amtlicher, auf sein Leben bezüglicher Papiere vorfand:
»26. Januar 1847: Unter diesen Aufzeichnungen und Begebenheiten
trage ich hiermit das Datum eines Ereignisses ein, welches mehr
als alle übrigen eine Quelle von Ehre und Glück für mich wurde.
Wir wurden getraut am 12. Juni 1821.«
Es waren _Faraday_ von nun an über vierzig Jahre des Glückes, der
Zufriedenheit und der rastlosesten Arbeit beschieden. Von seinen
äußeren Schicksalen ist wenig mehr zu berichten: sein Leben floß
fortan ruhig dahin, er vertauschte die erste Stätte seines Wirkens mit
keiner andern. Seine Arbeit aber war von einem geradezu beispiellosen
Erfolge. Es würde kaum möglich sein, die Zahl der Entdeckungen
anzugeben, die er gemacht hat. Und was für Entdeckungen! Einzelne von
ihnen sind derart, daß sie allein genügen würden, einen unvergänglichen
wissenschaftlichen Ruhm zu begründen. Er erschloß ganze und große
neue Gebiete des Wissens. Aber er begnügte sich niemals damit, eine
neue Erscheinung aufzufinden; er verfolgte den Gegenstand nach allen
Richtungen mit unerschöpflichem Scharfsinne und nie ermüdender
Beharrlichkeit; und er ruhte nicht eher, als bis Tatsache an Tatsache
sich reihte, bis endlich aus der Fülle der einzelnen Erscheinungen ein
klar erkennbarer Zusammenhang, ein _Naturgesetz_ hervorleuchtete.
Diese Erfolge wurden hauptsächlich durch zwei große Eigenschaften
bedingt: er war ein tiefer _Denker_ und ein großer _Experimentator_;
zudem war er – bei aller heitern Ruhe seines Wesens – eine _tief
ernste Natur_. Seine Gewissenhaftigkeit erlaubte ihm erst von einem
Gegenstande abzulassen, wenn er, soweit es seine Mittel zuließen,
nach allen Richtungen hin erschöpft war. Seine Denkarbeit war keine
streng geordnete. Die Ideen zu seinen Versuchen kamen ihm meist
scheinbar plötzlich wie durch eine Eingebung, und er selbst wußte
die Gedankenverbindung, die ihn dazu geführt hatte, später selten
klar anzugeben. – Das Experimentierzimmer aber war seine eigentliche
Heimat. Ein wohlgelungener Versuch versetzte ihn in Entzücken; und
wenn er in dem Ergebnis desselben gar die Bestätigung einer auf
Grund früherer Versuche gehegten Vermutung fand, so fühlte er eine
Freude, die ihm nur nachempfinden kann, wer selbst, wenn auch in viel
bescheidenerem Grade, ähnliche Freuden erlebt hat.
Leider muß es mir versagt bleiben, die gewaltige Lebensarbeit des
großen Mannes ihrem eigentlichen Inhalte nach zu schildern. Ich müßte
dazu chemische und physikalische Kenntnisse voraussetzen, welche nur
durch gründliches Studium erworben werden können. Aber ganz übersehen
dürfen wir diese großartigen Entdeckungen nicht, und deshalb will ich
versuchen, durch einige Andeutungen wenigstens einen Begriff ihrer
Tragweite zu geben.
_Faraday’s_ Arbeiten bewegten sich fast ausschließlich auf dem Gebiete
der Elektrizität. Sie erstreckten sich freilich von hier aus auch
auf die übrigen Zweige der Physik, aber nur insofern diese mit den
elektrischen Erscheinungen im Zusammenhang stehen. Nur auf chemischem
Gebiete hat er einige wichtige Untersuchungen ausgeführt, welche von
seinen elektrischen Arbeiten unabhängig sind; sie fallen zum größten
Teil in die ersten Jahre seiner wissenschaftlichen Tätigkeit, während
er noch _Davys_ Assistent war. – Von besonderer Bedeutung ist auch eine
Untersuchung, welche sich auf dem höchst interessanten Grenzgebiete
zwischen der Elektrizitätslehre und der Chemie bewegt.
Vor allem muß _Faraday_ genannt werden als der Entdecker einer
eigentümlichen Art von elektrischen Strömen, welche man als
_Induktionsströme_ zu bezeichnen pflegt. Er wurde damit der Begründer
eines ganz neuen Zweiges der Elektrizitätslehre, auf welchem durch
ihn und später durch andere Physiker die staunenswertesten Früchte
gepflückt wurden. Diese wichtige Entdeckung ist keineswegs ein Werk des
Zufalles gewesen. Vielmehr wurde _Faraday_ durch Nachdenken über andere
bekannte elektrische Erscheinungen auf eine ganz bestimmte Vermutung
geführt, und er ruhte nicht, bis das Experiment ihm die Richtigkeit
dieser Vermutung gezeigt hatte. – Die Induktionselektrizität ist
nicht nur von außerordentlichem Interesse für die Wissenschaft; sie
hat im Laufe der Zeit auch die wichtigsten Anwendungen im praktischen
Leben gefunden. Zunächst in der _Medizin_. Die Heilerfolge der
elektrischen Behandlungsmethode beruhten anfangs ausschließlich und
noch jetzt zum größeren Teile auf einer Verwertung der Faraday’schen
Induktionsströme. – Das _Telephon_ läßt uns die Stimme eines fernen
Freundes vernehmen vermittelst der Induktionsströme, welche durch
die Schwingungen eines dünnen Eisenblättchens erzeugt werden. – Das
_elektrische_ Licht war früher eine außerordentliche, mehr das Staunen
erweckende, als nützliche Erscheinung. Erst seitdem man es mittelst
der, mit _Faraday’s_ Induktionsströmen arbeitenden _Dynamomaschine_
viel wohlfeiler zu erzeugen vermag, ist es zu der eminenten praktischen
Bedeutung gelangt, von der jetzt alle Welt erfüllt ist. – Ähnlich ging
es mit den Versuchen, die Elektrizität als Triebkraft zu verwenden.
Zwar hat man schon längst elektrische Maschinen konstruiert, welche
Arbeiten verrichten, ähnlich den Dampfmaschinen. Aber es war eine
viel zu kostspielige Arbeit, und Maschinen dieser Art wurden wohl
in kleinem Maßstabe als wissenschaftliche Kuriositäten hergestellt;
eine nennenswerte praktische Bedeutung haben sie nicht erlangt. Erst
die Anwendung von Maschinen mit Induktionsströmen hat den ungeheuren
Aufschwung ermöglicht, der sich nun schon seit einer ganzen Reihe von
Jahren vor unsern Augen vollzieht. Die elektrischen Straßenbahnen der
Groß- und Mittelstädte werden durch Motoren in Bewegung gesetzt, welche
ihrerseits von Induktionsströmen getrieben werden; und wenn man jetzt
ernsthaft erwägt, ob nicht auch bei dem Betriebe der Vollbahnen die
Dampfkraft vorteilhaft durch den elektrischen Strom ersetzt werden
könnte, so ist die Lösung dieser Aufgabe nur zu denken unter Anwendung
der _Faraday’schen_ Ströme. Auch die Industrie hat sich dieses wichtige
Hilfsmittel schon in der mannigfachsten Weise zunutze gemacht. – Dabei
ist es von besonderer Wichtigkeit, daß die Elektrizität es ermöglicht,
die unerschöpflichen, und meist noch unbenutzten Kräfte zu verwerten,
welche die zu Tal stürzenden Bäche und Gebirgsströme in sich bergen.
Wenn wir heute schon berechtigt sind, von dem Anbruche eines neuen,
eines elektrischen Zeitalters zu sprechen, so muß der Name _Faraday_
genannt werden, dessen unsterbliche Entdeckungen den sicheren Grund
bilden, auf dem die heutige und die ihr folgenden Generationen ihren
kühnen Bau errichten.
Weniger in die Augen fallend, aber für die Wissenschaft nicht
minder wichtig sind _Faraday’s_ Untersuchungen auf dem Gebiete des
_Magnetismus_. Seinem denkenden Geiste widerstrebte die Annahme, daß
diese geheimnisvolle Kraft auf das Eisen beschränkt sein sollte, wie
man früher glaubte. Und seine rastlosen Versuche zeigten ihm, daß er
sich nicht getäuscht hatte. Seit _Faraday_ wissen wir, daß alle Stoffe
magnetisch sind, wenn auch dem Eisen diese Kraft in weit höherem
Maße innewohnt, als allen andern. Aber seine Versuche ergaben noch
ein weiteres, ganz unerwartetes Resultat: sie zeigten, daß es zwei
verschiedene Arten von Magnetismus gibt, und daß jeder Körper entweder
den gleichen Magnetismus besitzt wie das Eisen oder die zweite von ihm
entdeckte Art. Diese letztere nannte er _Diamagnetismus_. – Auch an
_Kristallen_ beobachtete _Faraday_ besondere magnetische Eigenschaften;
und endlich entdeckte er höchst merkwürdige Einwirkungen der Magnete
auf das Licht.
Die magnetischen Untersuchungen _Faraday’s_ haben für die Wissenschaft
ein ebenso tiefes Interesse wie diejenigen der Induktionselektrizität.
Sie haben freilich ähnliche praktische Erfolge bisher nicht aufzuweisen
wie diese. Sind sie deshalb weniger wertvoll? Auf diese Frage gibt
uns _Faraday_ selbst – freilich mit Bezug auf einen anderen, aber
verwandten Gegenstand – die beste Antwort. Er erzählt uns von _Benjamin
Franklin_, daß er auf die Frage, wozu eine wissenschaftliche Entdeckung
nütze, zu sagen pflegte: »Wozu nützt ein kleines Kind?« Und er gibt
selbst die Antwort: »Bemüht euch, es nützlich zu machen!« – Ist es aber
nicht auch ein Nutzen, wenn das Wissen des Menschen und damit sein
Gesichtskreis sich erweitert? – Wenn der tiefere Einblick in den Gang
der Weltordnung Geist und Gemüt erhebt?
Vielen wird es bekannt sein, daß man mittelst des elektrischen Stromes
von körperlichen Gegenständen sogenannte _galvanoplastische_ Abdrücke
in Kupfer machen kann, worauf ein Verfahren der Vervielfältigung von
Kunstgegenständen und dergl. beruht. Auch dünne Metallüberzüge kann
man in ähnlicher Weise erzeugen und macht davon bei der _galvanischen
Versilberung_, _Vergoldung_, _Vernickelung_ etc. Gebrauch. Alles dieses
sind sogenannte _chemische Wirkungen des elektrischen Stromes_, und es
gibt deren eine sehr große Zahl. _Faraday_ fand das Naturgesetz auf,
welches allen diesen Wirkungen zugrunde liegt. Dasselbe ist nach ihm
das _Faradaysche Gesetz_ genannt worden.
Auch diese Entdeckung hatte viele Jahre hindurch nur ein Interesse für
die reine Wissenschaft, ohne praktische Anwendung. In neuerer Zeit
ist dies anders geworden, seitdem die chemische Industrie sich des
elektrischen Stromes bemächtigt hat. Mit seiner Hilfe erzeugt sie heute
eine Anzahl wichtiger Produkte vorteilhafter als früher, besonders da,
wo ihr Wasserkräfte zur Verfügung stehen. Diese Erfolge wären ohne
genaueste Kenntnis des Gesetzes, welches die chemischen Wirkungen des
Stromes beherrscht, nicht möglich gewesen. So ist _Faraday_ auch durch
diese Arbeiten, wenn auch erst nach seinem Tode, zum Wohltäter der
Menschheit geworden.
_Faraday_ hat außer den kurz angeführten noch viele herrliche
Entdeckungen gemacht. Sie schienen ihm wie von selbst zuzuströmen: aber
in Wahrheit war eine jede durch die äußerste Anstrengung aller seiner
Kräfte erkämpft. So konnte es denn auch nicht ausbleiben, daß endlich
ein Zustand der Erschöpfung eintrat. Schon gegen Ende der dreißiger
Jahre mußte er oftmals seine Arbeit unterbrechen und Erholung in der
erquickenden Wirkung ländlicher Ruhe suchen. Häufig war er tagelang
nicht imstande mehr zu tun, als am offenen Fenster sitzend das Meer
und den Himmel anzusehen, und nur der liebevollen Fürsorge seiner Frau
ist es zu verdanken, daß er seinen Freunden und der Wissenschaft
doch so lange erhalten blieb. – Im Jahre 1841 verschlimmerte sich
sein Zustand derartig, daß er zu einer längeren Unterbrechung seiner
Tätigkeit gezwungen war. Er suchte und fand Stärkung in einer Reise in
die Schweiz. Wie sehr ihn diese gekräftigt hat, zeigt die Tatsache, daß
viele seiner schönsten Entdeckungen _nach_ derselben gemacht worden
sind. Er lebte und wirkte noch bis in die Mitte der sechziger Jahre.
1866 trat ein bedeutendes Abnehmen der Kräfte ein, und am 25. August
1867 starb er zu Hampton Court, fast 76 Jahre alt.
* * * * *
_Faraday_ war von der Natur mit seltenen Geistesgaben ausgestattet.
Aber nicht diesen allein verdankte er die bewunderungswürdigen
Erfolge seiner Forscherarbeit. Er war sich bewußt, daß große Gaben
nicht genügen, um Großes zu leisten; sie sind im Gegenteil eine
Verpflichtung, sie durch rastlosen Fleiß zu entwickeln und zu benutzen.
Wer das nicht tut, der hat sie vergebens empfangen, er ist ein
Verschwender des köstlichsten aller Güter. Auch im Reiche des Geistes
gilt das schöne Wort: »~Noblesse oblige~«. Nie wäre der arme Buchbinder
zum großen Naturforscher geworden, hätte er das nicht beherzigt. Als
unter seinem zweiten Lehrherrn seine Zeit fast ganz und gar durch die
Berufsgeschäfte erschöpft wurde, schrieb er an den öfters genannten
Abbott:
»Freiheit und Zeit habe ich womöglich noch weniger als
zuvor, obgleich ich hoffe, daß meine Fähigkeit, sie zu
benutzen, nicht zugleich abgenommen hat. Ich weiß wohl,
welche unverbesserlichen Übelstände durch den Mißbrauch
dieser Segnungen erwachsen. Diese ließ mich der gesunde
Menschenverstand erkennen, und ich verstehe nicht, wie
Jemand, der über seinen eignen Stand, seine eignen freien
Beschäftigungen, Vergnügungen, Handlungen etc. nachdenkt, dumm
genug sein kann, um solchen Mißbrauch zu begehen. Ich danke dem
Helfer, welchem aller Dank gebührt, daß ich im allgemeinen kein
übertriebener Verschwender der Segnungen bin, welche mir als
Mensch geworden sind: ich meine Gesundheit, lebhaftes Gefühl,
Zeit und zeitliche Hilfsmittel.«
Sehr wesentlich wurde _Faraday’s_ Leistungsfähigkeit noch durch seinen
außergewöhnlichen Ordnungssinn erhöht. Von dieser Eigenschaft schreibt
sein Freund _Tyndall_, daß sie wie ein leuchtender Strahl durch alle
Handlungen seines Lebens hinlief.
»Auch die verwickeltsten und verwirrtesten Angelegenheiten
ordneten sich harmonisch unter seinen Händen. Die Art, wie er
die Rechnungen führte, erregte die Bewunderung des Komitees der
Royal Society. In seinen wissenschaftlichen Angelegenheiten
herrschte dieselbe Ordnung. In seinen experimentellen
Untersuchungen war jeder Paragraph numeriert und durch
beständige Rückbeziehungen mit den übrigen verknüpft. Seine
glücklicherweise erhaltenen Privatnotizen sind in ähnlicher
Weise numeriert, der letzte Paragraph trägt die Zahl 16,041.
Außerdem zeigte auch seine Arbeitsfähigkeit die teutonische
Ausdauer. Er war eine impulsive Natur, allein hinter dem
Impulse war eine Kraft, welche kein Rückweichen gestattete.
Faßte er in warmen Augenblicken einen Entschluß, so führte er
ihn bei kaltem Blute aus.«
Gewissenhaft, wie in der Benutzung der Zeit und seiner Geistesgaben,
war er auch in der Auffassung der Ziele, die er sich steckte. Er
pflegte zu sagen: »Es bedürfe zwanzig Jahre Arbeit, ehe man in
physikalischen Dingen zum _Manne_ heranreife; bis dahin befinde man
sich im Zustande der Kindheit.« – Ebenso ernst, wie seine Aufgabe als
_Forscher_, nahm er seinen Beruf als _Lehrer_. Einer seiner Freunde,
Mr. _Magrath_, besuchte regelmäßig _Faraday’s_ Vorlesungen, nur um
für ihn alle Fehler zu notieren, welche er in der Ausdrucksweise oder
in der Aussprache bemerken konnte. Die Liste derselben wurde stets
mit Dank entgegengenommen. – Wie feurig er als Lehrer war und wie ihn
zuweilen der Stoff hinriß, zeigt die Tatsache, daß er in jungen Jahren
stets eine Karte vor sich hinlegte, worauf in großen Buchstaben das
Wort »Langsam« stand. Zuweilen übersah er dieselbe und sprach zu rasch:
für solche Fälle hatte sein Diener den Befehl, die Karte von neuem vor
ihn hinzulegen. Wir ersehen hieraus zugleich, mit welcher Weisheit und
Kraft er selbst diesen mächtigen inneren Strom einzudämmen wußte.
Es wurde schon erwähnt, daß _Faraday_ der Sekte seiner Eltern
bis zu seinem Lebensende angehörte. Dies geschah keineswegs aus
äußerlicher Frömmigkeit. Er war vielmehr von Grund seines Wesens eine
tiefreligiöse, pietätvolle Natur. Auch auf anderem Gebiete zeigt sich
diese Richtung seines Gemütes. So schrieb er von der Reise am 14. April
1841 seiner Mutter:
»Als Sir H. Davy zuerst die Güte hatte, mich aufzufordern, ihn
zu begleiten, sagte ich mir: ›Nein, ich habe eine Mutter, ich
habe Verwandte hier‹, und damals wünschte ich mir fast, einzeln
und allein in London zu stehen. Aber jetzt bin ich froh,
Jemanden hinterlassen zu haben, an den ich denken und dessen
Handlungen und Beschäftigungen ich mir im Geiste ausmalen
kann. Jede freie Stunde benutze ich dazu, um an die Meinigen
zu Haus zu denken. Die Erinnerung an die Daheimgebliebenen ist
meinem Herzen ein beruhigender und erfrischender Balsam trotz
Krankheit, Kälte oder Müdigkeit.«
Und in Interlaken setzte er in sein Tagebuch die folgende Notiz:
»2. August 1841. Die Fabrikation von Schuhnägeln ist hier
ziemlich bedeutend; und es ist hübsch der Arbeit zuzusehen. Ich
liebe eine Schmiede und alles, was auf das Schmiedehandwerk
Bezug hat. _Mein Vater war ein Schmied._«
Seinem Freunde, Professor _Tyndall_, schrieb er im Jahre 1855, als
dieser mißmutig war über Diskussionen, die er auf der Versammlung der
englischen Naturforscher in Glasgow mit mehreren Fachgenossen gehabt
hatte.
»Erlauben Sie mir als einem alten Manne, der durch Erfahrung
klug geworden sein sollte, Ihnen zu sagen, daß ich, als ich
jünger war, sehr oft die Absichten der Leute mißverstand, und
nachher fand, daß sie das, was ich voraussetzte, gar nicht
gemeint hatten; ferner fand ich, daß es im allgemeinen besser
ist, etwas langsam in der Auffassung derjenigen Äußerungen zu
sein, welche Sticheleien zu enthalten scheinen, hingegen alle
diejenigen, welche freundliche Gesinnungen verraten, rasch
zu erfassen. Die wirkliche Wahrheit kommt schließlich immer
zu Tage, und man überzeugt einen Gegner, der im Irrtum ist,
eher durch eine nachgiebige als durch eine leidenschaftliche
Antwort. Was ich sagen möchte ist, daß es besser ist, gegen die
Wirkungen der Parteilichkeit blind zu sein, hingegen den guten
Willen schnell anzuerkennen. Man fühlt sich selbst glücklicher,
wenn man das tut, was zum Frieden führt. Sie können sich
kaum vorstellen, wie oft ich bei mir selbst ergrimmte, wenn
ich mich, meiner Meinung nach, ungerecht und oberflächlich
angegriffen sah; und doch habe ich gesucht, und wie ich hoffe,
ist es mir gelungen, niemals in demselben Ton zu antworten. Und
ich weiß, daß ich nie dadurch verloren habe. Ich würde Ihnen
dies Alles nicht sagen, ständen Sie als wahrer Forscher und
Freund nicht so hoch in meiner Achtung.«
_Faraday_ bezeichnete sich selbst als demütig: »aber«, fügt er hinzu,
»es wäre ein großer Irrtum, zu denken, ich sei nicht auch zugleich
stolz«.
»Diese Doppelnatur zeigte sich – so schreibt _Tyndall_ –
überall in seinem Charakter. Er war ein Demokrat in seinem
Mißtrauen gegen jede Autorität, welche seine Gedankenfreiheit
zu beschränken suchte, und dennoch war er stets bereit, sich
in Ehrerbietung zu beugen vor Allem, was der Ehrerbietung
wert war, sei es in den Sitten der Welt oder im Charakter der
Menschen.«
Wie sein Selbstbewußtsein schon früh erwachte, haben wir bereits an
einzelnen Beispielen erfahren. Die folgende Stelle aus einem Briefe
an _Abbott_ vom 1. Juni 1813 ist ein neuer Beleg dafür; sie zeigt uns
zugleich, wie scharf _Faraday_ beobachtete, wie er stets bemüht war,
sein Urteil zu bilden und aus seinen Beobachtungen zu lernen:
»Die Gelegenheit, die ich neuerdings hatte, Vorlesungen von den
verschiedenen Professoren zu hören und Belehrungen von ihnen
zu empfangen, während sie ihren amtlichen Pflichten nachkamen,
hat mich in den Stand gesetzt, ihre verschiedenen Gewohnheiten,
Eigentümlichkeiten, Trefflichkeiten und Mängel zu beobachten,
wie sie mir während des Vortrags klar geworden sind. Ich ließ
auch diese Äußerungen der Persönlichkeit meiner Beobachtung
nicht entgehen und, wenn ich mich befriedigt fühlte, suchte
ich dem besonderen Umstande, der mir solchen Eindruck gemacht
hatte, auf die Spur zu kommen. Ich beobachtete ferner die
Wirkung, welche die Vorlesungen von Brande und Powell auf die
Zuhörer ausübten und suchte mir klar zu machen, warum dieselben
gefielen oder mißfielen.
Es mag vielleicht eigentümlich und ungehörig erscheinen,
daß Jemand, der selbst völlig unfähig zu einem solchen Amte
ist, und der nicht einmal auf die dazu nötigen Eigenschaften
Anspruch machen kann, sich erkühnt, Andere zu tadeln und zu
loben; seine Zufriedenheit über dieses, sein Mißfallen über
jenes auszudrücken, wie sein Urteil ihn grade leitet, während
er die Unzulänglichkeit seines Urteils zugibt. Aber, bei
näherer Betrachtung finde ich die Ungehörigkeit nicht so groß.
Bin ich dazu unfähig, so kann ich offenbar noch lernen; und
wodurch lernt man mehr, als durch Beobachtung Anderer? Wenn wir
niemals urteilen, werden wir nie richtig urteilen, und es ist
viel besser, unsere geistigen Gaben gebrauchen lernen (und wäre
ein ganzes Leben diesem Zwecke gewidmet), als sie in Trägheit
zu begraben, eine traurige Öde hinterlassend.«
Sehr bezeichnend für seinen Charakter ist ferner das folgende
Erlebnis aus dem Jahre 1821. Durch eine sehr merkwürdige, auf die
Induktionsströme bezügliche Entdeckung war er mit einem ausgezeichneten
Physiker, _Wollaston_, in eine gewisse Differenz gekommen, da dieser
in ähnlicher Richtung arbeitete. Von mehreren Seiten beschuldigte man
ihn, in dieser Sache nicht vollkommen ehrenhaft verfahren zu sein. Die
tiefe Kränkung, die er darüber empfand, und die sittliche Entrüstung,
mit der er die unbegründeten Vorwürfe zurückweist, können wir nicht
besser kennen lernen, als durch seine eigenen Worte. Am 8. Oktober
schrieb er an _J. Stodart_:
»Ich höre täglich mehr von diesen Gerüchten und fürchte, daß
sie, wenn ich auch nur davon flüstern höre, doch unter den
Männern der Wissenschaft laut genug besprochen werden; und da
dieselben zum Teil meine Ehre und Redlichkeit angreifen, so
liegt mir viel daran, sie zu beseitigen, oder sie wenigstens
insoweit als irrtümlich zu erweisen, als sie meine Ehre
angreifen. Sie wissen sehr wohl, welchen Kummer mir diese
unerwartete Aufnahme meiner Abhandlung im Publikum gemacht hat
und Sie werden sich deshalb nicht wundern, wenn mir alles daran
liegt, diesen Eindruck los zu werden, obgleich ich dadurch
Ihnen und anderen Freunden Mühe mache. Wenn ich recht verstehe,
so klagt man mich an: 1. daß ich die Belehrungen, welche ich
empfing, indem ich Sir Humphry Davy bei seinen Versuchen über
diesen Gegenstand assistierte, nicht ausdrücklich erwähnt habe;
2. daß ich über die Theorie und Ansichten von ~Dr.~ Wollaston
geschwiegen habe; 3. daß ich die Sache aufgenommen habe,
während ~Dr.~ Wollaston daran war, sie zu bearbeiten und 4.
daß ich in nicht ehrenhafter Weise ~Dr.~ Wollaston’s Gedanken
mir angeeignet und ohne dies anzuerkennen, sie bis zu den
Ergebnissen verfolgt habe, die ich herausbrachte.
Es liegt etwas Erniedrigendes im Zusammenhange dieser Anklage,
und wäre die letzte darunter richtig, so fühle ich, daß ich
nicht in dem freundschaftlichen Verhältnisse bleiben könnte, in
dem ich jetzt mit Ihnen und anderen wissenschaftlichen Männern
stehe. Meine Liebe für wissenschaftlichen Ruhm ist noch nicht
so groß, daß sie mich verleiten sollte, ihm auf Kosten der Ehre
nachzustreben, und meine Sorge, diesen Flecken abzuwaschen, ist
so groß, daß ich mich nicht scheue, Ihre Mühe auch über das
gewöhnliche Maß hinaus in Anspruch zu nehmen ...«
Am 30. Oktober schreibt er direkt an _Wollaston_:
»Wenn ich Unrecht getan habe, so war es ganz gegen meine
Absicht, und der Vorwurf, daß ich unehrenhaft gehandelt
hätte, ist unbegründet. Ich bin kühn genug, mein Herr, um
eine Unterredung von wenigen Minuten, diesen Gegenstand
betreffend, zu bitten; meine Gründe dazu sind: ich möchte mich
rechtfertigen und Sie versichern, daß ich große Verpflichtungen
gegen Sie zu haben fühle, daß ich Sie hochachte, daß ich
um Alles die unbegründeten Voraussetzungen, die gegen mich
sprechen, widerlegen möchte; und wenn ich Unrecht getan habe,
möchte ich Abbitte leisten.«
Die Verständigung mit _Wollaston_ muß eine vollständige gewesen sein;
wenigstens war dieser der erste, welcher anderthalb Jahre später den
Antrag stellte, _Faraday_ zum Mitgliede der _~Royal Society~_, der
ersten wissenschaftlichen Gesellschaft Englands, zu ernennen, und
_Faraday_ selbst sprach sich später rückhaltlos über _Wollaston’s_
Hochherzigkeit und Wohlwollen zu ihm aus. Andere, und besonders sein
Lehrer _Davy_, haben sich nicht so leicht überzeugen lassen, und
_Faraday_ hatte den Schmerz, seine Kandidatur für die ~Royal Society~
gerade von _Davy_ auf das Heftigste bekämpft zu sehen. Schließlich aber
legte sich der Sturm und seine Wahl erfolgte am 8. Januar 1824.
Noch eine andere Begegnung, aus dem Jahre 1835, zeigt uns, wie
_Faraday_, wenn es nötig war, seine Manneswürde zu wahren wußte.
Die englische Regierung hatte ihm, in Anerkennung seiner großen
Verdienste, ein Ehrengehalt zugedacht. Die Sache war ihm von Anfang an
unsympathisch, und er hätte sie am liebsten zurückgewiesen. Er ließ
sich aber umstimmen, und so hatte er in dieser Angelegenheit eine
Audienz bei dem Minister _Lord Melbourne_. Der letztere tat dabei die
ungeschickte Äußerung, daß er derartige Pensionen hasse und sie für
Humbug halte. _Faraday_ brach darauf sofort die Unterredung ab; er gab
jedoch noch am Abend desselben Tages auf Lord Melbourne’s Bureau den
folgenden Brief ab:
»An den sehr ehrenwerten Lord Viscount Melbourne,
Lordschatzmeister.