Die sehr kleinen Jungen des Zitterrochens kommen lebend zur Welt und

gleichen nach Körperbau und Bewegungsart jungen Haien, haben also noch

nicht die flache Rochengestalt. Deren Wirkung wird noch dadurch stark

gesteigert, daß die paarigen Flossen mächtig entwickelt und seitlich weit

ausgebreitet sind, fast wie Fledermausflügel, während Schwanz- und

Afterflosse fehlen und die verkümmerten Rückenflossen dem dünnen, langen

Schwanze aufsitzen, der als ein schmächtiges Anhängsel dem breiten Leibe

entwächst. Der quergestreckte Mund ist ganz auf die Unterseite gerückt,

noch etwas rückwärts und seitwärts von ihm liegen die großen

Kiemenspalten. Über die Lebensweise, die derart gestaltete Fische führen

müssen, kann von vornherein kein Zweifel sein. Es sind träge Bodenfische,

die meist ruhig auf oder im Sande ruhen und nur plötzlich hervorschießen,

wenn sich ihren spähenden Augen etwas Genießbares beut. Zumeist ist

übrigens die Nahrung der Rochen auf Krebstiere und Jungfische beschränkt,

da sie trotz ihrer Größe wegen des eigenartigen Mund- und Zahnbaues

umfangreichere Bissen nicht zu bewältigen vermögen. Wohl aber schwimmen

sie mit ihren breiten Seitenflossen vorzüglich und schießen durchs Wasser

wie Vögel durch die Luft. Das Gebiß ist furchtbar, denn auch die

härtesten Panzerkrebse werden zwischen den kraftvollen Kiefern ohne

Umstände zermalmt. Hauptwaffe der Rochen ist ihr langer Schwanz, mit dem

sie bei Gefahr nach allen Richtungen hin wütend die Fluten durchpeitschen

und dem Gegner die empfindlichsten Verletzungen beibringen, zumal bei

manchen Arten dieses Glied noch mit spitzen, angelartigen Stacheln

besetzt ist, nicht selten sogar hinzutretende Blutvergiftung die

geschlagenen Wunden lebensgefährlich macht. Dies wird schon von dem

kleinen, kaum meterlangen =Nagelrochen= (_Rája claváta_) unserer Küsten

berichtet, bei dem sich die dräuenden Stacheln auch auf der Mittellinie

des Rückens noch fortsetzen (Abb. 11). Diese Art, deren Fleisch im

südlichen England während der Wintermonate gern gegessen wird, pflanzt

sich durch Eier fort, doch ist deren Zahl auf 6-10 beschränkt, und das

ist gut so, denn wenn die geringe Fortpflanzungsfähigkeit der Rochen

nicht wäre, würden diese schädlichen Raubfische vermöge ihrer furchtbaren

Bewaffnung bald ein schädliches Übergewicht in den Meeren erlangen. So

aber schafft die Natur immer wieder den nötigen Ausgleich und stellt das

harmonische Gleichgewicht her. Bei der Nahrungssuche schweift der

Nagelrochen unter wellenförmigen Schaukelbewegungen niedrig über dem

Meeresboden dahin, und sowie seine äußerst empfindliche Unterseite etwas

Genießbares berührt, deckt er es mit seinem breiten Leibe und den großen

Seitenflossen und zermalmt es zwischen seinen harten Kiefern. Im Spielen

kommen diese seltsamen Fische bisweilen aber auch an die Oberfläche

empor, indem sie senkrecht auf- und niedertauchen und dabei zierlich

tänzelnde Bewegungen vollführen. Der gefürchtete =Stechrochen= (_Trygon

pastináca_) der tropischen Küsten hat an seinem langen, dünnen Schwanze

zwar nur einen einzigen Stachel, aber dieser ist sägeartig gezähnt. Kommt

dem gewöhnlich im Sande oder Schlamm bis an die Augen vergrabenen Fisch

etwas Verdächtiges zu nahe, so schwingt er seine Waffe wie eine Peitsche,

und der Stachel verursacht dann gar böse und schmerzhafte, sehr schwer

heilende Wunden. Die sagenumwobenen =Teufelsrochen= (im Mittelmeer findet

sich noch am ehesten _Diceróbatis giórnae_) haben zwar auch den Schwanz

zu einer Peitschenschnur ausgezogen, aber die Stacheln fehlen, denn für

diese Meerungeheuer ist schon ihre fabelhafte Größe genügender Schutz.

Hat man doch schon solche »Seeteufel« von 3-5000 kg Gewicht gefangen, in

deren Maule ein sitzender Mensch bequem Platz hatte und deren Breite 6-9

kg betrug. Dabei schießen diese mit schier dämonischer Kraft begabten

Ungetüme doch außerordentlich behend durchs Wasser und bewegen sich in

ihm mit Hilfe ihrer zu riesenhaften Fledermausflügeln umgewandelten

Seitenflossen in förmlichen Raubtiersprüngen vorwärts. Harpunierte

Teufelsrochen schnellen sich sogar im Sprung aus dem Wasser heraus, und

wenn sie dann auf das Boot niederfallen, wird dieses durch ihr ungeheures

Gewicht unrettbar zerschmettert. Man verwendet deshalb bei dieser

gefährlichen Jagd ganz besonders gebaute und ausgerüstete Boote mit

luftgefüllten Zinnbehältern. Kennzeichnend für die in kleinen Trupps

zusammenlebenden Teufelsrochen sind zwei armsdicke, meterlange,

fleischige, beständig in Bewegung befindliche Taster am Kopf in der Nähe

der Augen. Vielleicht hat Schiller an dieses so vorsintflutlich anmutende

Scheusal des Meeres gedacht, als er in seinem »Taucher« von »scheußlichen

Klumpen« sang, denn der unförmlich breite Leib mit dem langen

Peitschenschwanz und der widerwärtige Schleimüberzug der schmutzig

gefärbten Haut machen diese furchtbaren Riesenrochen in der Tat zu höchst

abschreckenden Erscheinungen.

Die Rochen gehören wie die Haie zu den Knorpelfischen; den Übergang

zwischen diesen beiden großen Gruppen mögen uns »des Hammers greuliche

Ungestalt« und der abenteuerlich geformte =Sägefisch= (_Prístis

antiquórum_) vermitteln. Dieser gehört seinem Aussehen nach zu den Haien,

nach seinem inneren Körperbau aber zu den Rochen und ist sehr

ausgezeichnet durch den zu einer bis 2 kg langen Doppelsäge ausgezogenen

Oberkiefer. Mit dieser furchtbaren Waffe soll der Sägefisch kleinere

Fische förmlich zersäbeln, aber auch größeren, selbst Delphinen und Walen

bei lebendem Leibe ganze Stücke Fleisch herausreißen oder die Eingeweide

zum Hervorquellen bringen, um sie zu verschlingen. Sicheres darüber

wissen wir nicht, sind überhaupt über die Lebensweise dieser

absonderlichen Fische erst höchst dürftig unterrichtet. Kann man den

Sägefisch als einen Rochen in Haigestalt bezeichnen, so darf umgekehrt

der auch in der Nordsee gelegentlich vorkommende =Meerengel= (_Rhína

squátina_) ein Hai in Rochengestalt genannt werden. Er ist ein

stumpfsinniger und träger Bodenfisch, ein wahres Faultier des Meeres und

macht seinem schönen Namen wenig Ehre. In diesem Zusammenhange sei auch

gleich noch die verwandte =Seekatze=, Chimäre oder Spöke (_Chimaéra

monstrósa_) erwähnt, ein gar absonderlicher Fisch mit mächtigem Dickkopf,

kegelförmiger Schnauze, aufrichtbarem, gestacheltem Stirnfortsatz (daher

auch »Königsfisch«), dünnem Fadenschwanz (»Seeratte«), flügelartigen

Brustflossen, auffallend stark ausgeprägter Seitenlinie und in

metallischem Grün funkelnden Augen. Sie hat schon im Devon,

wahrscheinlich sogar schon im Silur unmittelbare Vorfahren gehabt, stellt

also ein uraltes Geschlecht dar. Heute fürchten die Fischer ihr

zermalmendes Gebiß, schätzen aber ihre ölreiche Leber zur Bereitung von

Wundsalben. Der =Hammerfisch= (_Zygaéna málleus_) endlich konnte kaum

einen anderen Namen erhalten, weil sein ungefüger Kopf unwiderstehlich an

die Hammergestalt erinnert und um so auffallender wirkt, als die Augen an

den äußersten Enden der knorpeligen Seitenvorsprünge sitzen. Diese wilde

und verwegene scharfbezahnte Bestie wird über 4 kg lang, 2-300 kg schwer

und hält sich zumeist auf schlammigem Meeresboden auf, wo sie heißhungrig

auf die kleineren Rochenarten Jagd macht.

Die =Haie= selbst gelten als die »Hyänen des Meeres«, und noch

treffender könnte man sie als die »Wölfe der Salzflut« bezeichnen. Ihre

Raubgier und Unersättlichkeit, ihre Hinterlist und Verwegenheit sind

sprichwörtlich geworden. Sie sind eine wahre Geißel der warmen Meere und

werden nicht selten auch dem Menschen gefährlich, verleiden ihm das

erquickende Bad und erschweren ihm das Tauchen nach Perlen und anderen

Meeresschätzen. Immerhin ist auch viel über sie gefabelt, und ihre

Menschenfresserei stark übertrieben und aufgebauscht worden. So viel

dürfte sicher sein, daß die große Mehrzahl der Menschenteile, die man in

erlegten Haien vorfindet, von den Leichen Ertrunkener herrührt.

Vielleicht bilden sich auch unter den Haien in ähnlicher Weise bestimmte

Menschenfresser heraus wie unter den Löwen und Tigern, während anderseits

sowohl aus den nordischen wie aus den tropischen Meeren Beispiele genug

dafür bekannt sind, daß sich Menschen beim Baden oder gelegentlich

irgendwelcher Verrichtungen unbesorgt und ungestraft stundenlang unter

ganzen Scharen von Haifischen tummelten. Natürlich macht Gelegenheit

Diebe, auch im Wasser, und es steht fest, daß Schiffskatastrophen,

Seeschlachten und Erdbeben in Küstenländern immer auch mehr oder minder

auffallende Ansammlungen von Haifischen zur Folge haben, die bei solchen

Gelegenheiten bequem Beute machen und den ins Wasser gefallenen

Menschenkindern ein lebendes Grab bereiten. Besonders arg sollen sie's

während und nach der Seeschlacht von Abukir getrieben haben, und ebenso

zeigten sich nach dem Erdbeben von Messina ungewöhnlich viele Haie. Ein

dort einige Wochen später gefangener _Carchárodon carchárias_ z. B. hatte

die traurigen Reste von nicht weniger als 3 Menschen im Leibe, und zwar

ergab sich aus den genauen Untersuchungen Prof. Condorellis, daß das

Ungetüm die Unglückseligen, die wohl während des Bebens von einer

Flutwelle in die See hinausgespült worden waren, noch lebend verschluckt

haben mußte. Die einzelnen Leichenteile waren noch ganz frisch, wieder

ein Beweis dafür, wie auffallend langsam die Verdauungstätigkeit im

Haifischmagen vor sich geht. Der Seeminenkrieg mit seinen starken

Erschütterungen des Wassers scheint dagegen weniger nach dem Geschmack

der Haie zu sein. Wenigstens wird behauptet, daß die vielen Seeminen im

russisch-japanischen Kriege eine ersichtliche Abwanderung der gerade in

den chinesischen Gewässern sonst sehr zahlreichen Haie bewirkt hätten und

daß die greulichen Raubfische dafür in der Adria ungewöhnlich zahlreich

aufgetreten seien. Letzteres ist nicht zu leugnen und steht wohl damit im

Zusammenhang, daß seit Eröffnung des Kanals von Suez den Haien das

Einwandern vom Indischen Ozean zum Mittelmeer sehr erleichtert worden

ist, weshalb auch am schönen Strande der Riviera manchmal der

Schreckensruf »Ein Hai!« das sorglose Badeleben stört. Im Jahre 1908

wurde dort ein riesiger Menschenhai gefangen, und selbst in unseren

Meeren kommt dies gelegentlich vor, namentlich bei Helgoland, wo ein im

Januar 1907 mit dem Grundnetz erbeuteter Hai nicht weniger als 3 Zentner

Heringe im Leibe hatte. Die Freßgier dieser Tiere leistet eben

Unglaubliches, und beständig scheint sie nagender Heißhunger zu quälen

und zum gierigen, wahllosen Verschlingen auch der scheinbar

ungeeignetsten Gegenstände anzuspornen. Deshalb findet man in

Haifischmägen oft die absonderlichsten Dinge, namentlich oft Sardinen-

und Konservenbüchsen, wie sie von Bord der Schiffe ins Meer geworfen

werden. Denn die Haie folgen mit Vorliebe den Schiffen, weil es da immer

etwas für sie zu ergattern gibt. Trotz ihrer glänzenden Schwimmleistungen

vermögen sie freilich das Wettrennen mit einem modernen Ozeandampfer

nicht lange auszuhalten, sondern bleiben bald zurück, während sie die

langsamen Segelschiffe tage- und wochenlang umkreisen und sich dann wenig

daraus machen, wenn die Reise von einem Meere in ein anderes geht und von

den Tropen zu den Eisbergen führt oder umgekehrt, weshalb die

Verbreitungsbezirke der einzelnen Arten so schwer gegen einander

abzugrenzen sind. Fangen die Matrosen bei eintretender Windstille an,

sich zu langweilen, dann bietet ihnen der Haifischfang erwünschte

Abwechslung in ihrem eintönigen Dasein. Denn so scharfsinnig, klug und

verschlagen der Hai sonst auch ist, seine grimmige Freßgier verleitet ihn

doch zu den törichtsten Streichen; blindlings schnappt er auch auf den

plumpsten Köder los, und namentlich der Lockung eines tüchtigen

Speckbrockens vermag er nur in den seltensten Fällen zu widerstehen. Um

ihn mit dem unterständigen Maule zu fassen, muß er sich erst auf den

Rücken oder doch auf die Seite wälzen. Unter dem Triumphgeschrei der

Matrosen wird dann das überlistete Meeresungetüm an einer starken Kette

aufs Schiff gezogen, dessen Deck alsbald von seinen dröhnenden, mit

unheimlicher Kraft geführten Schwanzschlägen erzittert. Der Seemann haßt

den Hai mit glühendem Herzen und sucht sich an ihm für das traurige

Schicksal manches Kameraden durch ausgesuchte Grausamkeit zu rächen.

Hageldicht sausen die Hiebe auf den Gefangenen hernieder, Dutzende von

Messern zerwühlen seinen zuckenden Leib, spitze Harpunen durchbohren

seinen Kopf, die riesige Leber fliegt in den bereitgestellten Bottich,

und doch will die gehaßte Bestie nicht verenden, denn die Lebenszähigkeit

der Haie streift ans Unglaubliche. Das Herz soll noch 20 Minuten lang

schlagen, nachdem es dem Körper entnommen wurde. Während die Leber zur

Trangewinnung benutzt wird und die körnige Haut als »Chagrin« mancherlei

Verwendung erfährt, findet das übelriechende Fleisch nur selten einen

Liebhaber, soll aber in unserer Zeit der Fleischteuerung unter der Flagge

des Seeaals doch hin und wieder auf die Fischmärkte eingeschmuggelt

werden. Die Chinesen, die ja von jeher ihre absonderlichen

Geschmackseigenheiten gehabt haben, erblicken aber wenigstens in den

Haifischflossen einen großen Leckerbissen, der es wert ist, mit Gold

aufgewogen zu werden, und der, zu einer Art Gelee verkocht, bei keinem

vornehmen Prunkmahle fehlen darf. Unserem Gaumen aber würde dies klebrige

Gericht kaum sonderlich behagen, denn besser als zum Essen eignen sich

die Haiflossen sicherlich zum -- Leimkochen. Wäre die abstoßende Freßgier

der Haifische und ihre blindwütende Raubsucht nicht, man könnte sie fast

lieb gewinnen, denn sie gehören zweifellos zu den körperlich am besten

ausgerüsteten und zu den geistig am höchsten begabten aller Fische.

Pfeilgeschwind durchschneidet ihr langgestreckter Körper mit der

kraftvollen Schwanzflosse die Wogen, oft so nahe an der Wasseroberfläche,

daß die Rückenflosse über diese hervorsieht; auf weite Entfernungen hin

wittert ihre scharfe Nase Heringsheere und Schellfischzüge, förmlich

planmäßig umstellen sie diese und brechen dann von allen Seiten

gleichzeitig auf die Verwirrten los, jäh im Angriff, blitzschnell im

Zufahren, selbst nicht ganz ungelenk in raschen Wendungen. Ortsgedächtnis

ist den Haien nicht abzustreiten, und auch das sanfte Gefühl der

Elternliebe ist diesen blutdürstigen »Hyänen des Meeres« nicht fremd.

Viele sind vielmehr sorgsame Mütter, und der weite Rachen mit den

mehrfachen Reihen spitz dreieckiger »Drachenzähne« der sichere

Zufluchtsort, in den sich die Jungen beim geringsten Anzeichen von Gefahr

flüchten.

Die größten Haifischarten sind durchaus nicht zugleich auch die

gefährlichsten. Vielmehr sind gerade der bis 15 kg lang werdende

=Riesenhai= (_Seláche máxima_) der Nordmeere und der ihn noch

übertreffende =Rauhhai= (_Rhínodon typicus_), überhaupt die größte

lebende Fischart, verhältnismäßig harmlose Gesellen, die nach Art der

Wale von allerlei kleinerem Meeresgetier leben und natürlich einer

ungeheuren Menge davon zu ihrer Sättigung bedürfen. Den Walfischjägern

helfen sie auch beim Entspecken der erlegten Meeresriesen mit, kümmern

sich aber nicht im geringsten um den Matrosen, der etwa bei dieser

unangenehmen Arbeit von dem schlüpfrigen Riesenkadaver herab ins Meer

sauste. Vielmehr stellen die mittelgroßen Haie die gefürchteten

Menschenfresser vor. Als ein solcher gilt mit Recht der noch keine 5 kg

lang werdende, sehr schlank gebaute und oberseits schön graublau gefärbte

=Blauhai= (_Carchárias gláucus_), der auch durch Abfressen der

Köderfische und Zerreißen der wertvollen Netze den Fischern im Mittelmeer

Verdrießlichkeiten genug macht, deshalb grimmig von ihnen gehaßt und bei

jeder sich bietenden Gelegenheit schonungslos verfolgt wird. Aber gerade

sein Fang mißglückt oft genug, indem der Fisch das Angeltau durchbeißt

oder mit einem gewaltsamen Ruck zerreißt, nachdem er es sich vorher durch

Herumwälzen mehrfach um den Leib gewickelt hat. Selbst der an Bord

gezogene Blauhai ist durch seine fürchterlichen Schwanzschläge noch ein

sehr achtbarer Gegner, und die Matrosen suchen daher auch immer zuerst

durch Axthiebe den gefährlichen Schwanz vom Rumpfe zu trennen. Noch

furchtbarer ist der stärkere =Weißhai= (_Carchárodon rondeléti_), der mit

einem einzigen Schnapp seiner schrecklich bezahnten Kiefer einen

Menschenleib mitten auseinander zu beißen vermag. Ein solches Ungetüm von

10 kg Länge, 3 kg Körperumfang und 3000 kg Gewicht wurde unlängst an der

kalifornischen Küste gefangen; sein gewaltiger Rachen zeigte eine Breite

von 3/4 kg und eine Spannhöhe von mehr als 1 kg, so daß 2 Kinder bequem

auf dem Unterkiefer sitzen konnten, ohne mit den Köpfen den Gaumen zu

berühren. Auch die kleinen Haie unserer Meere sind verhältnismäßig recht

grimmige Bursche. So schon der nur halbmeterlange =Hundshai= (_Scyllium

canícula_) und der doppelte Größe erreichende, hübsch gefleckte

=Katzenhai= (_Scyllium cátulus_), deren rauhe Haut gern zur Bekleidung

von Säbel- und Degengriffen benutzt wird, da sie der umschließenden Hand

einen festen und sicheren Halt gewährt. Der aufmerksame Strandwanderer

findet zur Zeit der Heringszüge öfters die von den Wogen an den Strand

geworfenen Kadaver dieser kleinen Haie oder auch ihre merkwürdigen, der

Fischerbevölkerung als »Seemäuse« bekannten Eier (Abb. 13). Diese

wunderlichen Dinger sind gestreckt viereckige Hornkapseln von

gelblichbrauner Farbe und an jeder Ecke mit einem langen, gewundenen

Anhang versehen, der wie eine verdorrte Weinranke aussieht und zur festen

Verankerung des Eis an Meeresgewächsen dient. Durch einen schmalen Spalt

an jedem Eiende kann Wasser zu den Kiemen des eingeschlossenen Embryos

gelangen, und der Abschluß der Eischale ist auf eine sinnreiche Weise

derart eingerichtet, daß der reife Junghai zwar leicht einen Ausweg, kein

Feind aber den Zutritt finden kann. Ähnlich sehen auch die Eier der

Rochen aus (Abb. 12). Dagegen gehört der etwa gleichgroße =Dornhai=

(_Acánthias vulgáris_, siehe Abb. 10, Fig. 1) zu den lebend gebärenden

Arten und ist zugleich der geselligste aller Haie. In großen Schwärmen

folgt er den Heringszügen und richtet als einer der freßgierigsten Räuber

gewaltige Verwüstungen unter ihnen an. Seinen Namen führt er deshalb,

weil der vorderste Strahl der beiden Rückenflossen zu einem starken Dorn

entwickelt ist.

[Illustration: Abb. 12. Rochen-Ei.]

[Illustration: Abb. 13. Ein Haifisch-Ei (geöffnet).]

Merkwürdig ist das Verhältnis der größeren Haie zu dem der Makrelengruppe

angehörigen, hübsch gebänderten =Lotsenfisch= (_Naucrátes dúctor_).

Selten nur sieht man einen Hai ohne diese anhänglichen Begleiter. Nach

den Erzählungen der Seeleute sollen die flinken Lotsenfische für den Hai

auf Kundschaft ausziehen und ihn dann zu einem erspähten Bissen

hinführen, von dem sie auch ihren Anteil erhalten. In Wirklichkeit wird

sich die Sache wohl so verhalten, daß sich der Lotsenfisch in der Nähe

des großen Räubers, von dessen Tafel ja auch manches für ihn abfallen

mag, vor anderen Raubfischen sicher fühlt und selbst zu gewandt ist, als

daß ihn sein freßgieriger Freund erhaschen könnte. Also eine auf

Einseitigkeit beruhende Symbiose! -- Diese Erklärung erscheint um so

wahrscheinlicher, als der Lotsenfisch ganz die gleiche Anhänglichkeit

auch gegen Schiffe und Wracks bekundet, immer in der Hoffnung, bei diesen

besonders reichlich und mühelos Nahrung zu finden.

Während sich mit einem erlegten Hai im allgemeinen nur wenig anfangen

läßt, und der aus ihm gewonnene Ertrag in gar keinem Verhältnis zur Mühe

und Gefahr der Erbeutung steht, gehört ein anderer Riesenfisch des

Meeres, der =Stör= (_Acipénser stúrio_), zu den volkswirtschaftlich

wichtigsten Arten. An ihm ist fast alles verwendbar. Das wohlschmeckende

und nährkräftige Störfleisch wurde schon von den Römern als ein

besonderer Leckerbissen gewürdigt, der mit großer Feierlichkeit unter

Musikbegleitung auf die Tafel gesetzt zu werden pflegte, und erfreut sich

auch bei uns, nachdem man es früher wenig beachtet hatte, steigender

Beliebtheit, seitdem dieser edle Fisch durch den schonungslos betriebenen

Fang so selten geworden ist, daß das Pfund Störfleisch mit 3 Mark und

mehr bezahlt werden muß, also nur noch den wohlhabenden Kreisen

zugänglich ist. Mehr als frisches kommt neuerdings geräuchertes

Störfleisch aus Rußland in den Handel, und auch dieses hat so vielseitige

Eigenschaften, daß ein geschickter Koch es nach Belieben in Schinken,

Beefsteak, Lammsbraten oder Geflügel umwandeln kann. In noch höherem

Ansehen aber steht der aus dem Rogen des Weibchens gewonnene Kaviar, eine

köstliche, aber auch sündenteure Delikatesse, in Güte und Preis nach

Gewinnungs- und Zubereitungsart sehr verschieden. Der billige und

minderwertige, nur oberflächlich gereinigte und unter starkem Salzzusatz

auf Matten an der Sonne getrocknete, dann mit Öl vermengte und mit den

Füßen in Holzfässer eingetretene Preßkaviar ist wenigstens in Rußland

noch Volksnahrungsmittel; in den von mir besuchten Gegenden am Kaspi

vertrat er geradezu die Stelle des Käses. Körniger Kaviar, der in

durchwässerten Sieben durch Peitschen mit Ruten sorgfältig von

anhaftenden Häutchen und sonstigen Unreinlichkeiten befreit und in langen

Trögen schwach durchgesalzen wird, ist bedeutend teurer. Am höchsten

stehen diejenigen Sorten im Preise, die nach dem Abkörnen in leinene

Säckchen kommen und in diesen in Salzlauge gehängt, dann schwach

ausgedrückt und an der Luft getrocknet, nach dem Verpacken in die

bekannten kleinen Holzfäßchen aber beständig unter Eis gehalten werden.

Ein weiteres wichtiges Nebenerzeugnis der Störfischerei ist der aus der

Schwimmblase der Fische gewonnene Leim, der auch beim Stärken der Wäsche

und zur Herstellung von Gelees Verwendung findet. Endlich liefert auch

noch die die Wirbelsäule vertretende Rückenseite des Störs ein Gericht,

das als Wjasiga das Entzücken aller Petersburger und Moskauer Schlemmer

bildet und aus dem sich auch eine wundervolle Pastetenfüllung herstellen

läßt. Im Meere werden gewöhnlich nur vereinzelte Störe erbeutet, ein

Massenfang ist nur im Unterlauf der Ströme möglich, in denen diese Fische

zu Beginn der Laichzeit emporsteigen, wobei die Rogner derart mit Eiern

vollgepfropft sind, daß sie sich nur mühsam fortzubewegen vermögen,

während sonst der Stör zu den flinken Raubfischen zählt. Leider ist seine

Abnahme bei uns infolge lange betriebener Überfischerei eine derart

rasche, unaufhaltsame und allgemeine, daß man in sehr absehbarer Zeit mit

dem völligen Aussterben dieses wertvollen Nutzfisches in unseren

Gewässern zu rechnen haben wird, falls die bisher gescheiterten

Züchtungsversuche nicht schließlich doch noch zu einem Erfolge führen. So

wurden im Weichseldelta 1900 noch 27000 kg Störfleisch erbeutet, 1906 nur

noch 9800 und 1908 gar nur mehr wenige 100 kg. Dagegen hat der

Fischreichtum der russischen Gewässer (es handelt sich dort zumeist nicht

um den eigentlichen Stör, sondern um seinen größeren Vetter, den bis 9 m

lang und bis 1500 kg schwer werdenden =Hausen= [_Acipénser húso_]) bisher

allen Verfolgungen Trotz geboten, wobei aber schwer ins Gewicht fällt,

daß gerade der Störfang dort von altersher aufs strengste geregelt ist

und mit Maß und Vernunft betrieben wird, besonders erfolgreich auch unter

dem Eise der zugefrorenen Wolga. Gerade deshalb aber vermag Rußland

allein aus dem Störfleisch einen Gewinn von mindestens 12 Millionen Rubel

jährlich zu erzielen, und die Bevölkerung ganzer Landstriche findet durch

diesen einzigen Fisch einen guten Lebensunterhalt. Wenn man bedenkt, daß

ein erwachsenes Hausenweibchen bis zu 3 Zentner Kaviar liefert, und das

Pfund davon schon an Ort und Stelle mit 8 Mark bezahlt wird, so wird man

ermessen können, welchen Glücks- und Freudentag der Fang eines solchen

Riesenfisches für den armen Fischersmann bedeutet.

Der Stör ist jedoch nicht nur ein wirtschaftlich hochwichtiger Fisch,

sondern auch ein naturgeschichtlich besonders interessanter, da er als

letzter Rest eine der ältesten und sonst ausgestorbenen Ordnungen aus dem

Reich der Fische verkörpert und uns lebende Kunde gibt vom Aussehen und

Bau der Wirbeltiere in den Urzeiten der Tierwelt. Sein Körper ist

schlank, die unterständige Schnauze gestreckt und vorgezogen, die Kiefer

zahnlos, und das Schuppenkleid wird ersetzt durch 5 Längsreihen

eigenartiger Knochenschilder, die aussehen wie chinesische Hütchen und

bei jungen Stücken schärfer gekantet sind als bei alten. Auch haben die

dem Laich schon nach 3 Tagen entschlüpfenden Jungen während ihrer ersten

Lebensmonate noch Zähne. Sie streben schon frühzeitig dem Meere wieder

zu, aber über das dortige Leben und Treiben der Störe wissen wir

eigentlich herzlich wenig.

Ähnliches gilt auch von dem größten und zugleich wehrhaftesten aller

Knochenfische, dem sagenumwobenen, in unzähligen Seefahrergeschichten

verherrlichten =Schwertfisch= (_Xíphias gládius_), dem Todfeinde des

Thuns, dessen Wanderscharen er durch seine ungestümen Angriffe öfters

auseinandersprengt oder von ihrem Wege abdrängt. Da er überdies auch

häufig die wertvollen Riesennetze der Mittelmeerfischer zerreißt, ist er

ihnen verhaßt, und sie jagen ihn deshalb, wo sie nur können. Andere

betreiben diese Jagd aus rein sportlichen Gründen, weil ihr in hohem Maße

der Reiz des Gefährlichen innewohnt. Denn das Schwert, d. h. der

degenförmig bis auf 1-1/2 kg verlängerte Oberkiefer des Xiphias ist in

der Tat eine furchtbare Waffe, deren Wirkung durch das pfeilschnelle

Vorstoßen des großen und kraftvollen Fisches noch wesentlich gesteigert

wird. Mit unwiderstehlicher Gewalt rennt er diese Lanze dem Gegner tief

in den Leib, oder er gebraucht seine Waffe kleineren Beutefischen

gegenüber als Schwert, indem er sie durch seitliche Bewegungen rechts und

links niedersäbelt oder mitten durchschneidet und mit diesem blutigen

Werke nicht aufhört, bis eine ganze Reihe von Schlachtopfern die Walstatt

bedeckt, worauf sich der Raubritter daran macht, sie in aller Ruhe und

Behaglichkeit zu verzehren. Ashby konnte einmal an der Stelle, wo ein

Schwertfisch vor seinen Augen in einem Heringsschwarm gewütet hatte, noch

einen ganzen Scheffel getöteter Heringe aufsammeln. Der Schwertfisch ist

sich seiner Wehrhaftigkeit denn auch gar wohl bewußt und scheut keinen

Gegner, wagt sich erwiesenermaßen sogar an Wale und Haie und ficht mit

ihnen grimmige Kämpfe aus, die zu den großartigsten Schauspielen des

Weltmeeres gehören und bei denen unserem Fisch auch seine ungewöhnliche

Gewandtheit und Schnelligkeit sehr zustatten kommen. Dem Menschen geht er

gewöhnlich scheu aus dem Wege, aber bisweilen scheinen einzelne

Schwertfische nach Nashornart von einer wahren Berserkerwut befallen zu

werden und rennen dann rücksichtslos alles an, was ihnen begegnet, sei es

selbst ein großes Schiff. So erklären sich die gelegentlichen und nicht

selten tragisch endenden Angriffe von Schwertfischen auf Badende oder auf

bemannte Boote, die er durch und durch zu stoßen, so leck zu machen und

zum Sinken zu bringen vermag. Von der furchtbaren Wucht seines Stoßes

kann man sich einen Begriff machen, wenn man z. B. im Britischen Museum

den Kiel eines Ostindienfahrers betrachtet, durch dessen Metallbeschlag

und Holzwerk ein Schwertfisch seine Waffe 55 kg tief hineingetrieben

hatte. Ja es ist sogar ein Fall verbürgt, wo ein in einem Boote sitzender

Matrose von einem Schwertfisch getötet wurde, indem dieser sich aus dem

Wasser emporschnellte und dem Unglücklichen seine Lanze mitten durch den

Leib rannte. Aus alledem läßt sich entnehmen, daß die Jagd auf den

Schwertfisch, von dem nur die umfangreiche Schwanzmuskulatur als

genießbar gilt, ganze Männer verlangt. Sie wird trotzdem von

amerikanischen Sportsmen mit wahrer Leidenschaft betrieben, und zwar

ausschließlich mit der Harpune, da der Fisch auch die stärksten Netze

glatt durchschneidet. Die von sinnloser Angriffslust und wütender

Kampflust ruhelos durchs Meer getriebenen Schwertfische sind gewöhnlich

ganz alte Stücke. Die Jungen führen das gefährliche Schwert überhaupt

noch nicht, sondern dieses bildet sich erst mit zunehmendem Alter ganz

allmählich aus.

Den Riesen der Meeresfische seien nun auch gleich noch die Zwerge unter

ihnen gegenübergestellt. Will man die Lanzettfischchen schon zu den

echten Wirbeltieren rechnen, so muß hier zunächst _Asymmetron lucayánum_

erwähnt werden, der bei den Bahamainseln vorkommt und nur 19 mm mißt,

während unser kleinster Süßwasserfisch, der Zwergstichling, immerhin über

50 mm lang wird. Sodann ist nach Krause namentlich das formenreiche

Geschlecht der =Meergrundeln= reich an winzigen, nicht über 25 mm

hinauswachsenden Arten. So durchstreift das durchsichtige =Seeräuberchen=

(_Latrúnculus perlúcidus_) fast unsichtbar die Fluten bei den britischen

Inseln und an einigen anderen europäischen Küsten. Dieses Geschöpfchen

ist um so merkwürdiger, als es nach den Untersuchungen Colletts wie die

meisten Insekten und viele Pflanzen nur ein Jahr lebt und somit das

einzige bekannte Beispiel eines einjährigen Wirbeltiers vorstellt. Im

August entschlüpfen die Jungen dem im Juni oder Juli abgesetzten Laich,

sind schon im Dezember völlig ausgewachsen, bekommen im April die

geschlechtlichen Unterscheidungsmerkmale und sterben sofort nach der

Laichabgabe im Sommer ausnahmslos ab, so daß man in den Herbstmonaten

stets nur junge Seeräuberchen antreffen kann. Die allerkleinste Art ist

aber der =Luzonfisch= (_Mistíchthys luzonénsis_) von den Philippinen, bei

dem die Weibchen durchschnittlich nur 13,5, die Männchen gar nur 10-11

mm lang werden. Auch diese wahrscheinlich lebend gebärenden Tierchen

sind im Leben bis auf einige schwarze Flecken fast durchsichtig und

werden nach Zeller trotz ihrer Winzigkeit als Speisefische genützt. Sie

werden in besonders eng gewobenen Netzen gefangen, mit Pfeffer und

anderen Gewürzen zubereitet und natürlich mit Stumpf und Stiel verzehrt,

etwa wie bei uns die Stinte, deren übler Geruch ihnen aber abgeht, so daß

sich auch die Europäer sehr mit diesem »Badi« genannten Gericht

befreundet haben. Übrigens hat es auch schon in grauen Urzeiten derart

winzige Fische gegeben. So fand man im roten Sandstein Schottlands

wohlerhaltene Devonfische (_Palaeospóndylus_), die auch nur 12-15 mm

messen und einen ähnlichen Saugmund besitzen, wie unsere Neunaugen, wobei

es freilich einstweilen noch dahingestellt bleiben muß, ob es sich nicht

vielleicht um die Larvenformen eines Panzerfisches handelt.

Um nochmals auf die zur Überlistung der Beutetiere und zum Verbergen

vor Feinden dienende Farbenanpassung der Fische zurückzukommen, so gibt

es außer der auf den Bodenuntergrund bezüglichen vielfach auch eine

solche, die sich der umgebenden Pflanzenwelt, also den in langen Bändern

wogenden Tangen des Meeres oder den Rohrstrünken und Halmen des

Süßwassers anschmiegt. Geradezu verblüffende Beispiele für die erstere

Gruppe finden wir namentlich unter den Fischen warmer Meere, so den

berühmten =Fetzenfisch= (_Phyllópteryx éques_) der australischen Gewässer

mit seinen zahlreichen Dornfortsätzen und bandartigen Anhängseln, aber

auch schon der bereits in der Nordsee auftretende =Seeteufel= oder

=Angler= (_Lóphius piscatórius_, s. Abb. 10, Fig. 5) sieht wahrlich

abenteuerlich genug aus. »Ein sonder scheußlich, heßlich Tier sollen

diese Meerkrotten sein«, sagt schon der alte Gesner, der eine im

wesentlichen ganz richtige Lebensbeschreibung des Seeteufels gegeben hat,

und in der Tat wird man den absonderlichen Burschen, dessen einer platten

Keule gleichender Leib fast nur aus dem unflätigen, zahnstarrenden

Riesenmaul, dem ungeheuerlichen Dickkopf und dem weiten Magensack zu

bestehen scheint, beim besten Willen nicht schön finden können. Zwischen

den Krautwäldern der Meeresküste liegt er tückisch verborgen, wobei er

sich oft noch mit Hilfe der seehundsartigen Brustflossen in den Sand

eingräbt, und läßt unablässig die merkwürdigen angelartigen Fortsätze auf

Kopf und Rücken im Wasser spielen, die recht gut Würmer vorzutäuschen

vermögen und so hungrige Kleinfische anlocken,[1] denen dann durch

einfaches Aufreißen des gewaltigen Rachens ein frühes Grab in dem

unersättlichen Magen des Anglers bereitet wird. Das Eingraben hat dieser

dabei eigentlich kaum nötig, denn wie Franz bei den Klippen Helgolands

beobachtete, ist die sehr wechselnde Färbung seiner Oberseite, die durch

zahllose, vielfach gezackte und gelappte Linien in der Art, wie wir sie

von den Ammoniten her kennen, ausgezeichnet wird, eine fabelhaft genaue

und bis in die kleinsten Einzelheiten gehende Nachahmung all der

Farbenwirkungen und mannigfaltigen Abschattierungen von Dunkelolivenbraun

und Gelbbraun, die wir bei klarem Wasser in dem von Tangen durchwucherten

Klippenmeer sehen. Erhöht wird diese Wirkung noch dadurch, daß Maul und

Seiten des Fisches mit kleinen grünbraunen Bartelfortsätzen besetzt sind,

die in ihrer lappigen Gestalt täuschend den umgebenden Algen gleichen.

Wenn auch der wehrhafte Angler Feinde nur wenig zu fürchten hat, so kommt

diese ganze Ausrüstung dem trägen Gesellen doch sehr zustatten beim

Überlisten und Fangen seiner Beute, und diese pflegt deshalb bei seinem

ständig regen Heißhunger so reichlich auszufallen, daß die Fischer, die

den an sich fast ungenießbaren Seeteufel erwischen, ihm wenigstens den

Bauch aufschneiden, um sich die von ihm zahlreich verschluckten und oft

noch ganz frischen Fische anzueignen.

[1] Guitel bestreitet auf Grund von Aquariumsbeobachtungen diese bisher

allgemein verbreitete Ansicht und glaubt, daß der Angler seine

Opfer durch rasche Vorstöße nach oben erhasche, sich aber

überwiegend von Aas und unbeweglichen Seetieren nähte (?).

Wo eine weitgehende Farbenanpassung fehlt, hat die erfinderische Natur

durch mannigfache anderweitige Mittel dafür gesorgt, ihre Kinder

wenigstens zeitweise den Nachstellungen ihrer Feinde zu entziehen oder

ihnen das Erhaschen ihrer Beute zu erleichtern. Hierher gehört z. B. das

Schießvermögen mancher Fische, auf der anderen Seite dagegen alle

diejenigen Fälle, wo Fische den Räubern des Meeres dadurch ein

Schnippchen schlagen, daß sie das feuchte Element für mehr oder minder

kurze Zeit verlassen und mit dem Aufenthalte auf festem Erdboden oder in

freier Luft vertauschen können, und damit kommen wir auf die viel

erörterte Frage der =fliegenden Fische=. Einen ebenso überraschenden wie

fesselnden Eindruck gewährt es, wenn plötzlich zu beiden Seiten des

Schiffes Scharen von Flugfischen aus dem Wasser emporschießen,

silberglitzernd auseinanderstieben, sich in langem, flachem Bogen über

die Wellen schwingen und endlich ermattet wieder in das gewohnte Element

zurückfallen, oder wenn man in finsterer Nacht das leise Knistern ihrer

Flugflossen hört, das Anprallen einzelner an die Schiffswand merkt und

andere klatschend auf das Deck des hochbordigen Schiffes selbst

herniederfallen -- ihrer Schmackhaftigkeit halber eine hochwillkommene

Zugabe für den Küchentopf der Matrosen. Alle Flugfische sind Kinder der

wärmeren Meere, einige kommen aber schon im Mittelmeer regelmäßig vor,

und deshalb berichten schon die Beobachter aus dem klassischen Altertum

eingehend über dieses Naturwunder, und auch später haben die Forscher

aller Zeiten und Völker die damit zusammenhängenden wissenschaftlichen

Fragen zu lösen und zu lichten versucht, ohne sich doch darüber bis zum

heutigen Tage einig geworden zu sein. So herrscht denn auch heute noch

keine völlige Klarheit auch nur über die Grundfragen, keine Klarheit

darüber, was die Fische eigentlich veranlaßt oder zwingt, das Wasser mit

der Luft zu vertauschen, darüber, ob sie während des Fluges die Richtung

abändern können oder nicht, darüber, ob sie währenddem flügelartig mit

den Flossen schlagen oder diese lediglich als Fall- oder Gleitschirm

benutzen, darüber, was sie nachts so hoch emporträgt, daß sie auf das

Deck der Schiffe niederfallen können, während sich am Tage ihre Flugbahn

stets nur in sehr mäßiger Höhe fortbewegt. Allerdings sind alle solche

Beobachtungen bei der Schnelligkeit und Plötzlichkeit der Erscheinung,

bei dem ungünstigen Stande des auf dem Schiffe befindlichen Beobachters

von oben her und bei der unsicheren Beleuchtung, die das »Atmen« der

Wellenberge und das glitzernde Silberkleid der Fische mit sich bringt,

äußerst schwieriger Art, aber hier wäre ein sehr dankbares Feld für die

wissenschaftliche Tätigkeit des Kinematographen, dem die endgültige

Lösung dieser viel umstrittenen Frage nicht schwer fallen könnte. Suchen

wir aus all den zahllosen, sich oft widersprechenden Berichten und

Streitschriften den wesentlichen Kern herauszuschälen, vergleichen wir

das so Gewonnene miteinander und wägen es sorgsam gegeneinander ab, so

erhalten wir etwa folgendes Bild vom gegenwärtigen Stande unseres Wissens

über das Rätsel der Flugfische.

Der Fisch schnellt sich pfeilgeschwind und mit großer Wucht aus dem

Wasser empor, und zwar hauptsächlich mit Hilfe des rasche

Schraubenbewegungen vollführenden, kräftigen Schwanzes und durch

Zusammenpressen der ungemein stark entwickelten Seitenmuskulatur. Es ist

also ganz derselbe Vorgang, wie er sich beim wandernden Lachse vollzieht,

wenn er ein Wehr überspringen will. Aber der Flugfisch schießt nicht so

steil, nahezu senkrecht aus dem Wasser wie der verliebte Salmonide, weil

es für ihn ja weniger darauf ankommt, eine möglichst große Höhe zu

erreichen, als vielmehr darauf, sich eine möglichst weite Flugbahn zu

schaffen. Das Herausspringen vollzieht sich daher in mehr oder minder

spitzem Winkel zur Wasserfläche, höchstens in einem solchen von 45°, und

in schräger Richtung, in die der Fisch wahrscheinlich schon vorher im

Wasser seinen Körper eingestellt hat. Sehr erleichtert wird ihm das

Emporschnellen jedenfalls auch noch dadurch, daß er eine ganz

ungewöhnlich große Schwimmblase besitzt, die z. B. bei einer 16 cm langen

Art 9 kg lang und 2-1/2 kg breit ist, so daß für sie durch ringförmige

Ausbuchtungen im Knochengerüst noch besonders Raum geschaffen werden muß,

und 44 _ccm_ Luft faßt, also den Fisch sehr leicht macht und ihm demnach

wohl mehr als Flug-, denn als Schwimmorgan dient. Das Herausschießen

vollzieht sich ohne Rücksicht auf die Bewegung des Windes oder die

Richtung der Wellen, obwohl feststeht, daß es bei völliger Windstille und

spiegelglatter See überhaupt nie stattfindet, demnach die Unterstützung

des Windes an sich zum Flug dieser Geschöpfe unerläßlich erscheint.

Wahrscheinlich fördern auch hastige Schläge mit den mächtigen, zu

Flugorganen umgewandelten Brustflossen das Emporheben in die Luft, denn

wenn man sich in unmittelbarer Nähe befindet, hört man deutlich das

raschelnde und knisternde Geräusch der Flossen. Seitz berechnet die Zahl

der derart vollführten Flatterschläge auf 10-30 in der Sekunde. Ich

selbst habe trotz angestrengtester Aufmerksamkeit und vorzüglichem

Krimstecher solche Flügelschläge mit den Flossen, deren Möglichkeit von

Moebius und du Bois-Reymond überhaupt geleugnet wird, nie zu erkennen

vermocht, gebe aber bei der Schwierigkeit der Beobachtung und der

Kurzsichtigkeit meiner Augen gerne die Möglichkeit einer Selbsttäuschung

zu. Jedenfalls breitet der Fisch, sobald er erst einmal eine gewisse Höhe

erreicht hat, seine Flugflossen wagrecht oder mit einer geringen Neigung

nach oben aus und läßt sich nun durch sie passiv vom Luftstrom tragen.

Soviel scheint sicher zu sein, daß er während des eigentlichen Fluges,

der freilich gar kein echter Flug ist, sondern nur ein fallschirmartiges

Schweben und Gleiten, keine Flatterbewegungen vollführt, daß demnach die

Erscheinung nicht mit dem Flattern der Fledermäuse, dem Gaukeln der

Schmetterlinge oder dem Schwirren der Bienen verglichen werden kann,

sondern höchstens mit dem Schweben der Flughörnchen und Flugechsen oder

mit dem Aufschwirren der Heuschrecken aus dem Wiesengras. Eigentlich ist

es nur ein künstlich verlängerter Sprung. Von einem wirklichen Fliegen,

dieser »Poesie der Bewegung« kann schon deshalb gar keine Rede sein, weil

dazu der Flächeninhalt der Brustflossen trotz ihrer auffallenden Länge zu

gering und vor allem die sie bewegende Muskulatur viel zu schwach ist.

Denn während das Gewicht der Brustmuskulatur zum Gesamtgewichte des

Körpers bei Vögeln sich durchschnittlich wie 1: 6,22 verhält und auch bei

Fledermäusen noch wie 1: 13,6, ist dasselbe Verhältnis bei den besten

Flugfischen nach den Wägungen von Moebius wie 1: 32,4. Ihre Brustmuskeln

müßten also 5,2mal so viel Kraft entwickeln, als die der Vögel oder

2,45mal so viel als die der Fledermäuse, wenn sie den Körper durch

Flossenschläge erheben und in der Luft fortführen sollten. Es ist nun

aber nicht das geringste bekannt, aus dem auf eine solche ausnahmsweise

Steigerung der Muskelkräfte bei Flugfischen geschlossen werden könnte,

die im ganzen Wirbeltierreiche einzig dastehen würde. Allerdings scheint

mir Moebius bei seinen fleißigen und grundlegenden Untersuchungen die

ausgleichende, das Körpergewicht unter Umständen stark erleichternde

Wirkung der ungeheuerlichen Schwimmblase der Flugfische nicht genügend in

Rechnung gezogen zu haben, da er ja nur mit Spiritusexemplaren arbeitete.

Jedenfalls hat er aber darin recht, wenn er auch die Flossenlänge als für

eine wirkliche Flugleistung ungenügend erklärt. Die relative Flächengröße

der Brustflossen ist zwar nur wenig geringer als die der Vogelflügel,

allein ihre relative Länge ist viel kleiner, oft nur halb so groß. Und

doch hängt gerade von ihr hauptsächlich das Maß der Flügelarbeit ab, denn

der Widerstand der Luft wächst im Hundert der Geschwindigkeit, mit der

der Flügel gegen sie schlägt. Da nun die Geschwindigkeit so zunimmt, wie

die Entfernung des in Bewegung gesetzten Flügelpunktes vom

Schultergelenk, so hebt ein Flügelstück, das doppelt so weit entfernt

ist, den Körper mit vierfach größerer Kraft als ein anderes Flügelstück

von gleicher Größe in einfacher Entfernung vom Schultergelenk. Mögen

daher die Brustflossen der Flugfische als Träger der Körperlast fast

ebenso viel leisten wie die Flügel der Vögel, so sind sie doch ihrer

Kürze wegen zum wirklichen Fliegen nicht geeignet. Ich möchte dem noch

hinzufügen, daß ja auch die eigenartig gewölbte Form des Vogelflügels und

seine Fähigkeit zum Verkürzen oder Vergrößern der Fläche während des

Fluges den Brustflossen abgeht, was ebenfalls keine geringe Rolle spielen

dürfte. Es handelt sich bei den Flugfischen nur um starre Gleitflächen,

die ein vorzügliches Schweben, nicht aber ein wechselvolles Fliegen

ermöglichen. Läßt sich demnach die Erscheinung auch nicht mit dem

herrlichen Flugvermögen der Vögel vergleichen, so steht sie als bloßer

Gleit- und Schwebeflug doch entschieden über dem der Flughörnchen und

Flugechsen, sowohl was die Länge der Flugbahn, als auch was ihre

Schnelligkeit anbelangt, wozu freilich der Umstand das meiste beitragen

mag, daß über bewegter See ständig ungleich stärkere Luftströmungen

herrschen, als im stillen Blättermeer des Urwaldes. Die

Fluggeschwindigkeit beträgt immerhin 7-14 Sekundenmeter, die Flugdauer

10-20 Sekunden und (wenn man die kurzen Unterbrechungen beim Eintauchen

in die Wellenkämme nicht mitzählt) selbst bis zu 1 Minute, die

zurückgelegte Strecke bis zu 200 kg und mehr, allerdings gewöhnlich nur

in einer Höhe von kaum einem Meter über dem Meeresspiegel. Also immerhin

ganz ansehnliche Leistungen, die den angestrebten Zweck, nämlich die

Flieger dem gierigen Rachen der Raubfische zu entziehen, vollkommen

erreichen dürften. Der zurückgelegte Weg stellt keine eigentliche

Flugbahn vor, sondern eine parabelähnliche Wurfbahn, deren Form und Länge

abhängt von der Größe der Anfangsgeschwindigkeit, von der Körperlast und

von der Ausdehnung und Neigung der tragenden Flächen; als Werfer des

Körpers dienen, wie schon erwähnt, die stark ausgebildeten

Rumpfseitenmuskeln und der kräftige Schwanz, dessen untere Hälfte gerade

bei den besten Fliegern sehr bezeichnender Weise weit mehr entwickelt ist

als die obere. Anfänglich halten die fliegenden Fische, deren große klare

Augen so vorteilhaft von den bleifarbigen anderer abstechen, den Körper

fast wagrecht, aber allmählich senkt sich das Schwanzende, die

Körperhaltung wird immer schräger und steiler, bis endlich der Schwanz in

einen Wellenkamm eintaucht und nun entweder der ganze Fisch wieder in

seinem eigentlichen Element verschwindet oder aber sich sofort von neuem

abstößt und in gleicher Weise einen zweiten und dritten Flug unternimmt.

In solchen Augenblicken helfen auch die Flügelflossen vielleicht nochmals

durch Flatterbewegungen beim Aufsteigen mit, und in solchen Augenblicken

ist der Fisch auch imstande, die seitherige Flugrichtung willkürlich zu

ändern, was ihm in der Flugbahn selbst bei der rein passiven Art seines

»Fliegens« kaum möglich ist, da er dann als ein mehr oder weniger

willenloses Spielzeug der Windströmungen zu gelten hat. Humboldt hat ganz

recht, wenn er die Fortbewegung der Flugfische mit der eines flach über

das Wasser hingeworfenen Steines vergleicht, der aufschlagend und wieder

abprallend meterhoch über dem Wasser einhersaust. Nun stimmen aber alle

aufmerksamen Beobachter darin überein, daß die Flugbahn sich nicht in

gleichmäßiger Höhe halte, sondern sich mit der Wellenatmung des Meeres

abwechselnd hebe und senke, ähnlich wie der Flug der Möwen und anderer

Wasservögel. Moebius sucht auch diese Eigentümlichkeit auf rein

mechanischem Wege zu erklären und macht dafür die von den Wellen

aufsteigenden dynamischen Luftströmungen verantwortlich. Der wagerecht

über die Wogen hinstreichende Fisch muß emporgehoben werden, sobald er

den höheren Teil der Wellenböschungen erreicht, weil er hier jedesmal dem

von diesen aufsteigenden Luftstrom so nahe kommt, daß dessen Wirkung sich

merklich geltend machen kann, und zwar übernehmen dabei die Furchen der

Brustflossen die Rolle von prächtigen Windfängen. Ihre Form und Lage ist

nämlich derart, daß der aufsteigende Luftstrom, wenn er sie füllt, den

Fisch höher und zugleich vorwärts schieben muß. Sehr gut hiermit stimmt

überein, daß besonders scharfäugige Beobachter gesehen haben wollen, daß

die Brustflossen beim Fluge doch nicht ganz ruhig liegen, vielmehr in

ständiger zitternder Bewegung sich befinden. Es ist eben die von den

Wellen aufsteigende Luft, die diese Zitterbewegung hervorruft. In

ähnlicher Weise erklärt sich auch das Niederfallen von Flugfischen zur

Nachtzeit auf dem Schiffsdeck, während sie doch bei Tage stets wesentlich

niedriger fliegen. Aber sie sehen dann eben das Schiff und nehmen ihre

Flugrichtung von ihm weg und nicht zu ihm hin. Anders bei Nacht, wo sie

in der Finsternis blindlings aus dem Wasser herausfahren und dann von der

Windströmung leicht gegen die Schiffswände getragen werden können. Hier

aber weht, wovon man sich experimentell leicht überzeugen kann, der

anprallende Wind lebhaft nach oben, und in dem Augenblicke, wo die

Flossen in diesen aufsteigenden Luftstrom eintreten, fährt er in ihre

Windfänge und führt den Fisch aufwärts und dann im Bogen über die

Schanzbekleidung hinüber; währenddem hat die eigene Schwere des Fisches

seine Schwebegeschwindigkeit bedeutend vermindert, auf dem Schiffe fährt

ihm nichts mehr hebend unter die Flossen, und so stürzt er denn

unbehilflich und schwerfällig auf das Verdeck nieder, denn -- wirklich

fliegen kann er ja gar nicht. Seeleute werden sich freilich durch diese

einfache und einleuchtende Erklärung nicht irre machen lassen in ihrer

alteingewurzelten Überzeugung, daß das helle Licht der Schiffe es sei,

das in dunkler Nacht die Flugfische unwiderstehlich anziehe und ins

Verderben locke. Im Einklang mit alledem steht es endlich auch, daß in

die Höhe geworfene oder aus der Höhe fallen gelassene Flugfische nicht

den geringsten Versuch zum Fliegen machen, sondern zu Boden fallen wie

jeder andere Fisch.

Der Umstand, daß Flugfische nur in den warmen Meeren vorkommen, muß zu

der Vermutung führen, daß die dortigen klimatischen Verhältnisse die

Ausbildung des Flugvermögens irgendwie besonders zu begünstigen

vermochten, und vielleicht haben wir wenigstens einen dieser Faktoren in

der Gleichmäßigkeit zwischen Luft- und Wasserwärme zu suchen, durch

welche auch bei empfindlichen Geschöpfen der plötzliche Übergang von

einem Medium ins andere wesentlich erleichtert wurde. Die Frage nach den

äußeren Gründen und treibenden Ursachen, die zur allmählichen Ausbildung

des Flugvermögens bei Fischen geführt haben, ist von den Forschern sehr

verschieden beantwortet worden. Manche meinen, daß dadurch nur

überschäumender Freude am Dasein Ausdruck gegeben werden solle, daß es

sich also nur um eine Art Spiel handle, andere glauben, daß das zeitweise

Bedürfnis nach sauerstoffreicherer Atemluft die Fische zu den Ausflügen

in ein fremdes Element veranlasse. Ich möchte es aber doch mit denen

halten, die in dem Auffliegen nichts als eine Flucht vor größeren

Raubfischen erblicken, denn das ganze Benehmen der Tiere spricht zu

deutlich und zu unverkennbar für diese Auffassung, und das ganze Leben

der Fische ist ja ein ewiger Krieg, ein unablässiges Würgen und

Gewürgtwerden. Dann aber ist das plötzliche Verschwinden in einer anderen

Welt, in die der Gegner nicht zu folgen vermag, sicherlich ein

prächtiges, in seiner naiven Einfachheit schier verblüffendes

Ausfluchtsmittel, und nachdem die Natur einmal darauf verfallen war,

leuchtet es ein, daß unter dem Einflusse der natürlichen Zuchtwahl das

Flugvermögen rasch bis zu einem gewissen notwendigen Grade sich

entwickeln mußte. Wenn die Fische dabei manchmal aus dem Regen in die

Traufe geraten, indem nun Scharen von Möwen, Albatrossen, Fregattvögeln

und anderen beschwingten Fischfressern in der Luft sich über sie

hermachen, so ist dies doch noch lange kein Gegenbeweis, denn einmal ist

die zunächst gegenwärtige Not doch immer die größte und ausschlaggebende,

und sodann sind derartige Fälle doch nicht allzu häufig, indem die

fischfressenden Vögel im allgemeinen mehr in der Nähe der Küsten sich

aufhalten, die Flugfische dagegen meistens in freier See sich tummeln.

Bei Beurteilung all der angeregten Fragen müssen wir uns immer vor Augen

halten, daß es nicht nur eine Art von Flugfischen gibt, sondern ihrer

vier Dutzende, daß jede davon wieder ihre besonderen Eigentümlichkeiten

hat und daß insbesondere das Flugvermögen verschieden entwickelt sein

wird, so daß sich hier unmöglich alles über einen Leisten schlagen läßt.

Als die besten Flieger dürfen wohl die zur Gruppe der Makrelenhechte

gehörigen Hochflieger mit den ungleich entwickelten Schwanzlappen gelten,

und unter ihnen leistet wiederum der =Schwalbenfisch= (_Exocoétus

vólitans_) das Höchste, was der streng für das Wasserleben zugeschnittene

Fischtypus überhaupt zu leisten vermag. Die zierliche, schlank-rassige

Gestalt, die zartblaue Färbung der Oberseite, die ausdrucksvollen Augen

und die großen durchsichtigen Flügelflossen machen diese Art zu einem

sehr schönen Fisch. Während er mehr der südlichen Tropenzone eigen ist,

wird er in der nördlichen durch den etwas größeren =Springfisch= oder

fliegenden Hering (_Exocoétus exsíliens_) vertreten, der sich durch eine

über die Brustflossen verlaufende braune Binde auszeichnet. Im Mittelmeer

sind namentlich der =Flughahn= (_Dactylópterus vólitans_) und die

=Meerschwalbe= (_Trígla lucérna_) häufig. Der in den indischen Gewässern

heimische fliegende Stachelbarsch oder =Flugdrache= (_Ptérois vólitans_),

der steif wie ein Papierdrachen über die Wogen gleitet, zählt selbst zu

den gefährlichsten Räubern, denn er zerfleischt Fische, die ihn an Größe

um das zwanzigfache übertreffen. Doch nicht nur fliegende Fische gibt es

im Ozean, sondern auch hüpfende und tanzende lehrt er uns kennen. Schon

ehe man die Tropenzone erreicht, sieht man nicht selten halbmeterlange

Fische von ziemlich hohem, aber schmalem Körperbau senkrecht aus dem

Wasser herausspringen, in der Luft sich überschlagen und mit dem Kopfe

voran wieder ins Meer zurückfallen. Es ist dies die allen Seefahrern

wohlbekannte =Bonite= (_Scomber pelamys_), ein Mitglied der

Thunfischgruppe, silberglänzend von Farbe mit schwarzgrauen

Rückenstreifen und Flossen. Ihre Bewegungsart überrascht nicht minder als

der Flug der Schwalbenfische, weil das Aufsteigen aus dem Meere ebenso

senkrecht erfolgt wie das Herabfallen, weil das kobolzartige Umdrehen in

der Luft auch dem oberflächlichsten Beobachter auffällt und weil sie fast

genau auf derselben Stelle wieder ins Meer taucht, von wo sie

aufgestiegen war. Den Grund für diese absonderlichen Turnübungen weiß man

nicht recht anzugeben, vermutet aber, daß es sich bloß um eine Art

Belustigung für den Fisch handelt, daß lediglich spielerischer Übermut

ihn aus dem Wasser heraustreibt, zumal das Tanzen der Boniten nur bei

schönem Wetter, ruhiger See und heiterem Himmel beobachtet wird.

Als ein Beispiel derjenigen Fische, die den Aufenthalt im Wasser

zeitweise mit dem auf dem Erdboden vertauschen, sei hier der schleimig

aussehende =Schlammspringer= (_Periophthálmus koelreúteri_) genannt, ein

unansehnliches, nur 15 kg langes, aber in mehr als einer Hinsicht höchst

merkwürdiges Geschöpfchen. Nicht nur für Sekunden oder Minuten, sondern

für lange Stunden vermag er das feuchte Element zu verlassen, und er tut

es weniger aus Furcht vor Feinden, als vielmehr in der Absicht, selbst

Beute zu machen und auf dem Festlande nach Kerfen und Schnecken zu jagen.

Ermöglicht wird ihm das durch die außerordentlich enge Beschaffenheit

seiner Kiemenspalten, die die Verdunstung des in den Kiemenhöhlen

befindlichen Wassers lange hintanhält. Schon rein äußerlich hat das an

den tropischen Küsten Afrikas und namentlich im Brackwasser der

Mangrovenwaldungen lebende Tierchen mancherlei Absonderlichkeiten

aufzuweisen. Seine drolligen Froschaugen stehen nämlich dicht beieinander

oben auf dem Kopfe und können in wunderlicher Weise etwas herausgeschoben

oder zurückgezogen werden, sind überhaupt sehr beweglich und sogar mit

Lidern versehen. Die weit nach vorn gerückten Bauchflossen sind

miteinander verwachsen und zeigen ein starkes Haftvermögen, die

Brustflossen sind mit kräftigen Muskelstielen ausgerüstet und können so

am Lande als Beine dienen. Oder der ausruhende Schlammspringer stützt

sich auf sie wie ein Seehund, und wenn er dann mit seinen roten

Glotzaugen gierig nach den im Wurzelwerk der Mangroven herumlaufenden

Fliegen späht, sieht er aus wie ein alter Mann, der sich am

Wirtshaustisch auf beiden Ellbogen lümmelt und sehnsüchtig dem bestellten

Getränk entgegenblickt. Vorsichtig wie eine Katze schleicht dann der

Fisch seinem auserkorenen Opfer Schrittchen für Schrittchen näher, -- ein

mächtiger Satz, und das Kerbtier ist von dem breiten Maule erfaßt. Nicht

selten springt bei solchen Jagden das Tier auch selbst dünne

Mangrovenwurzeln an und klettert geschickt meterhoch an ihnen empor,

indem es sie mit den Fußflossen umklammert und sich mit dem Schwanze

nachschiebt. Gewöhnlich bewegen sich die Tiere auf dem Schlamme in

froschartigen Sprüngen ziemlich langsam und schwerfällig fort, wobei sie

eine sehr bezeichnende Fährte hinterlassen, aber bei nahender Gefahr

rennen sie fast so schnell wie Eidechsen davon und flüchten entweder ins

nahe Wasser oder vergraben sich mit verblüffender Geschwindigkeit im

Schlamme. Sie sind scharfsinnig, aufmerksam und scheu, und es ist deshalb

gar nicht so leicht, einen unversehrten Schlammspringer zu erhaschen,

obwohl sie an geeigneten Örtlichkeiten massenhaft herumwimmeln. Trotzdem

gelangen sie neuerdings öfters lebend nach Deutschland und in die Hände

unserer Liebhaber, halten sich bei geeigneter Pflege in einem größeren

=Aquaterrarium= vortrefflich und geben hier reichlich Gelegenheit zu den

anziehendsten und dankbarsten Beobachtungen. Wer jemals auch nur eine

Stunde lang ihrem unterhaltenden, munteren Tun und Treiben zugeschaut

hat, der wird zu der Überzeugung gelangt sein, hier ein Tier vor sich zu

haben, das biologisch weit mehr Amphibium ist, denn Fisch. Besonders

merkwürdige Beziehungen zwischen den Schlammhüpfern und gewissen

Nacktschnecken (Onchidien) hat Semper aufgedeckt. Diese Onchidien sind

nämlich entsetzlich langsame Geschöpfe, die ihren Feinden rettungslos

verfallen wären, wenn sie nicht außer ihren gewöhnlichen, zum Aufsuchen

der Nahrung dienenden Kopfaugen noch eine ganze Anzahl (wohl an 100)

anderer Augen auf dem Rücken besäßen, die auffallenderweise und im

Gegensätze zu den Kopfaugen ziemlich genau nach dem Typus des

Wirbeltierauges gebaut sind. Keine andere Schneckengattung kann sich

solcher Rückenaugen rühmen. Semper glaubt nun, daß sich die Schnecke,

indem sie mit ihren Rückenaugen die heranhüpfenden Schlammspringer

rechtzeitig wahrnimmt, oft noch sichern kann, freilich nicht durch die

Flucht, sondern dadurch, daß sie den Körper rasch zusammenzieht und aus

gewissen Drüsen, mit denen ihr ganzer Rücken besät erscheint, in Form

unzähliger kleiner Kügelchen ein Sekret herausschleudert, das auf die

Fischhaut eine unangenehme Wirkung auszuüben scheint, denn der von diesem

Sprühregen getroffene Angreifer entfleucht alsbald, und die Schnecke ist

gerettet. Jedenfalls ist es sehr auffällig, daß solche Nacktschnecken mit

Rückenaugen nur da zu finden sind, wo auch Schlammspringer vorkommen, und

daß da, wo diese fehlen, die Onchidien-Arten auch keine Rückenaugen

haben. Nicht alle Schlammspringer scheinen in der geschilderten Weise zu

leben. Wenigstens fand Hickson am Strande von Celebes eine Art, die den

Schwanz immer ins Wasser getaucht hielt, auch wenn sich der Körper

außerhalb desselben befand. Haddon untersuchte die Sache später näher und

stieß auf die merkwürdige Tatsache, daß dieser Fisch mit seiner

entsprechend eingerichteten Schwanzflosse zu atmen vermag, ja so sehr

darauf angewiesen ist, daß er mit der regelrechten Kiemenatmung gar nicht

mehr auskommen kann. Schon mit einer guten Lupe läßt sich ein überaus

lebhafter Blutumlauf in dieser sonderbarsten aller Schwanzflossen

erkennen. Also ein erster Ansatz zu der amphibischen Lebensweise, die

dann bei den afrikanischen Formen zu ungleich größerer Vollkommenheit

gediehen ist.

[Illustration: Abb. 14. Schützenfisch (_Toxotes jaculator_).]

Wohl kein Fisch erlangt aber seine Beute auf eine so merkwürdige Weise

wie der =Schützenfisch= (_Toxótes jaculátor_, Abb. 14) und der

=Spritzfisch= (_Chaétodon rostrátus_), jener an den Küsten und in den

Flüssen Hinterindiens, dieser an denen Javas zu Hause. Wo das Ufer

üppigen Pflanzenwuchs aufweist und einzelne Zweige über das Wasser

herüberhangen, da nähern sich ihm diese hübschen Fischchen in kleinen

Trupps und spähen mit großen, lebhaften Augen begehrlich nach den Fliegen

aus, die im Gezweige sitzen. Dann nehmen sie eine bestimmte genau aufs

Korn und spritzen plötzlich aus ihrem Maule einen kleinen Wasserstrahl

nach ihr, und zwar bis meterhoch und mit so unübertrefflicher Sicherheit,

daß das Kerbtier fast regelmäßig getroffen wird, herabfällt und nun

schleunigst verzehrt wird. Ging aber der Schuß daneben, so schwimmt der

Fisch einigemale aufgeregt und verärgert im Kreise herum, wählt sich

einen günstigeren Standpunkt aus und versucht dann sein Weidmannsheil von

neuem. Merkwürdigerweise ist der Schießmechanismus dieser Wasserflinten

wissenschaftlich noch gar nicht näher untersucht, und man weiß eigentlich

nur, daß im Augenblicke des Schießens der Unterkiefer plötzlich

vorgestreckt wird, und daß beim Spritzfisch das Maul überhaupt zu einer

dünnen Röhre verlängert ist. Es ist dies um so verwunderlicher, als die

interessanten Fische nicht nur neuerdings ihren Einzug in die Aquarien

unserer Liebhaber gehalten haben, sondern auch schon von altersher in

ihrer Heimat vielfach zu Hausgenossen des Menschen gemacht wurden, indem

man sich daran ergötzte, ihnen Stäbe mit eingeklemmten Fliegen ins Wasser

zu stellen, um die Geschicklichkeit zu bewundern, mit der sie alsbald die

Kerfe herabschossen. Beim Spritzfisch, der viel seltener in die Flüsse

kommt, wird die Fliegenjagd wohl nur einen Nebenerwerb bilden, denn die

schnabelartige Verlängerung seiner Kiefer, die in so sonderbarem

Gegensatze steht zu der fast kreisförmigen Gestalt seines Körpers und zu

der scharf abgeschnürten Schwanzflosse, weist deutlich darauf hin, daß

seine Hauptnahrung in kleinen Schaltieren besteht, die er eben mit diesem

Schnabel selbst aus engen und tiefen Höhlungen herauszuholen versteht,

wobei ihn seine borstenartige Zahnbildung noch wesentlich unterstützt,

denn der einmal erfaßten Beute ist ein Entrinnen nicht mehr möglich.

Beide Arten gehören zu der formenreichen und farbenprächtigen Gruppe

der auf die tropischen Meere beschränkten =Schuppenflosser=, die ihren

Namen davon haben, daß das Schuppenkleid bei ihnen auch auf das reich

entwickelte Flossenwerk übergreift, namentlich auf Rücken- und

Afterflosse, und so den sonst im Fischreiche so scharf ausgeprägten

Unterschied zwischen Flossen und Rumpf mehr oder minder verwischt. Es

sind durchgängig kleine Fischchen, die zumeist zwischen den

Korallenbänken ihr lustiges Wesen treiben und die Korallenstämmchen

scharenweise förmlich abweiden, sei es, daß sie die herausschauenden

Korallenpolypen selbst verzehren, sei es die ihnen anhaftende

Kleinlebewelt oder die auf ihnen wuchernden Algen. Ihnen allen gemeinsam

ist ein hoch gebauter, aber seitlich stark zusammengepreßter Rumpf von

nahezu Sphäroidform, aus der auch die kleine, sehr bewegliche Schnauze

und die kurze, scharf abgesetzte Schwanzflosse kaum heraustreten, während

die üppig ausgestalteten anderen Flossen sich ihr sogar unverkennbar

anschmiegen. Ist schon der Spritzfisch mit seinen 5 Querbinden und dem

netten Pfauenaugenfleck auf der Afterflosse ein sehr hübscher Fisch, so

übertreffen seine Verwandten an Metallglanz, Farbenpracht und Eigenart

der Zeichnung doch alles, was wir aus dem Reich der Fische kennen. Sie

sind die Kolibris des Meeres und schwirren wie diese gaukelnd und

farbenschimmernd von Blume zu Blume, sie sind die Paradiesvögel der

Korallenwaldungen und verhalten sich als solche lange still, um dann

plötzlich ihre Farbenpracht in den wundervollsten Gold- und

Silberreflexen aufblitzen, in den lieblichsten Schattierungen aufleuchten

und in den kühnsten Zeichnungen auffunkeln zu lassen, sie sammeln alle

Farben des Regenbogens, alle Lichter des Prismas und alle Schönheit der

kostbarsten Edelsteine in den kristallklaren Fluten Neptuns, bieten dem

entzückten Auge immer neue, immer überraschendere und immer glänzendere

Farbenzusammenstellungen, zeigen sich stets und überall als eine wahre

Farbenorgie der schaffenden Natur im bunten Korallengarten des tropischen

Meeres. Keine Feder vermag diese Schönheit zu beschreiben, kein Pinsel

sie auch nur annähernd wiederzugeben, und wo ein gottbegnadeter Künstler

es doch versucht hat, wird der Laie und überhaupt jeder, der nicht selbst

einen Blick in die Herrlichkeit der Tropen werfen durfte, rasch mit dem

Urteil fertig sein, daß das doch tolle Übertreibung, daß dergleichen in

Wirklichkeit gar nicht möglich sei, daß solch ebenso raffinierte wie

unvermittelte Zusammenstellungen von Rosenrot, Himmelblau, Sammetschwarz,

Schwefelgelb, Grasgrün und Purpurleuchten auf dem reinsten Gold- oder

Silbergrunde doch gar nicht vorkommen könnten, am allerwenigsten in Form

so künstlerisch ausgeklügelter Flecken, Bänder, Streifen, Ringe und

Augen. Es sind eben die reinsten und glänzendsten Farben, die die Natur

überhaupt hervorgebracht hat, und ihre Wirkung wird noch stark erhöht

durch die bewunderungswürdige Art und Weise ihrer Verteilung. Die

glänzendsten Vögel, die buntesten Schmetterlinge, die schimmerndsten

Echsen vermögen damit nicht zu wetteifern. Dazu kommt noch die oft höchst

abenteuerliche Entwicklung des Flossenwerkes, das nicht selten in der

ungewöhnlichsten Weise verlängert und verzerrt ist, seltsam geformte

Stacheln, lang nachschleppende Peitschenschnüre oder aufleuchtende

Schwefelfäden aufweist. Es könnte bei all dieser Buntheit in Form und

Farbe höchst gewagt erscheinen, auch bei den Schuppenflossern noch von

einer Art Schutzkleid sprechen zu wollen, und doch hat man dazu volle

Berechtigung. Das Leben im Korallenwalde ist ja an sich schon so bunt,

daß einfach gefärbte Geschöpfe darin fast mehr auffallen würden, als

lebhaft gezeichnete. Aber der Schutz soll hier auch gar nicht durch eine

Anschmiegung an die Farben der Umgebung erreicht werden, sondern vielmehr

dadurch, daß unvermittelt nebeneinander gestellte Bänder oder

geometrische Figuren in den lebhaftesten Kontrastfarben die natürlichen

Körperumrisse gewissermaßen auflösen, die Form des tierischen Leibes für

das Auge verschwinden lassen. Der Naturforscher bezeichnet diese

absonderliche, aber oft sehr wirksame Art der Schutzfärbung als

=Somatolyse= und kennt sie z. B. auch aus der Vogelwelt her von den

Spechten und von den schönen Hochzeitskleidern gewisser Entenmännchen.

Heuglin erzählt uns, daß man zwischen den Korallenriffen zunächst meist

nichts sehe als ein mattes Schimmern und ein ungewisses Farbenflimmern,

bis es dann plötzlich wie sprühende Funken auseinanderstiebt. Die

anmutigen Bewegungen der Flossenschupper im Korallenwalde vergleicht er

mit denen der lieblichen Laubsänger im grünen Blättermeere des

Buchendoms. Viele Schuppenflosser sind durch ein dunkles Band über Stirn

und Augen ausgezeichnet, so der =Fahnenfisch= (_Chaétodon sétifer_) des

Roten Meeres mit bedeutend verlängertem fünftem Strahl der Rückenflosse

und herrlichem Pfauenaugenfleck auf ihr, der =Korallenfisch= (_Ch.

flávus_) des Indischen Ozeans, tiefgelb mit braunschwarzem Streifen, und

der prachtvolle =Kaiserfisch= (_Ch. imperátor_) des Stillen Ozeans, der

aus veilchenblauem Leibe gelbe, bogige Längsstreifen aufweist und über

der Brustflosse einen sammetschwarzen, schwefelfarb umrandeten Flecken.

Um noch einige der bekanntesten Arten anzuführen, seien weiter kurz

genannt: der =Klippfisch= (_Ch. vitáttus_) der ostafrikanischen Gewässer,

zitronengelb mit schwarzer Streifung, der =Geißler= (_Ch.

macrolepidótus_) mit zwei mächtigen Querbinden und langer Peitschenschnur

an der Rückenflosse, der =Herzogsfisch= (_Ch. diacánthus_) mit azurblauer

Zeichnung auf gelbem, _Ch. semicirculátus_ mit silberweißer auf

dunkelblauem und _Ch. lamárcki_ mit glühend roter auf hellblauem Leibe.

Der =Korallenfisch= (_Scatophágus árgus_) erscheint über und über fein

getüpfelt (Abb. 15).

[Illustration: Abb. 15. Korallenfisch (_Scatophagus argus_).

(Phot. von Oberl. W. Köhler, Tegel.)]

Wenigstens eine annähernde Vorstellung dessen, was die Natur an

Farbenpracht in der Welt der Fische zu leisten vermag, kann uns auch ein

Bewohner des Mittelmeeres geben, nämlich die =Seebarbe= (_Múllus

barbátus_). Unbeschreiblich schön ist sie mit ihrem leuchtenden Leibe und

den prunkvollen Goldstreifen schon im Leben, schöner noch im Sterben.

»Nichts Schöneres«, ruft selbst der ernste Seneca aus, »als eine

sterbende Seebarbe! Sie wehrt sich gegen den nahenden Tod, und diese

Anstrengungen verbreiten über ihren Leib das glänzendste Purpurrot, das

später in eine allgemeine Blässe übergeht, während des Sterbens die

wunderherrlichsten Schattierungen durchlaufend.« Die schwelgerischen

Römer der Kaiserzeit verzehrten denn auch die von ihnen höher als alle

anderen Fische geschätzten Seebarben nie, ohne sich vorher an dem

wechselvollen Farbenspiel ihres Todes zu ergötzen. Man legte eigene

Wasserleitungen von den Fischteichen bis zu den Lagerpolstern der Gäste,

damit diese die herrlichen Fische erst lebend bewundern konnten, worauf

die rotgoldenen Barben in den weißen Händen schöner Frauen ihr Leben

aushauchen mußten, um dann schleunigst zu sofortiger Zubereitung in die

Küche zu wandern. Wenigstens darin lag Sinn, denn kaum ein anderer Fisch

steht nach dem Tode so schnell und gründlich ab, wie die feinschuppige

Seebarbe. Obwohl sie kaum 2 kg Gewicht erreicht, sind damals doch

geradezu wahnsinnige Summen für diesen nach Ansicht der Römer

köstlichsten aller Fische bezahlt worden, bis zu 5000, ja selbst 8000

Sesterzen für das Stück. Auch heute noch bildet die Seebarbe ein

beliebtes und gern gekauftes Schaustück der italienischen und

gelegentlich auch der westenglischen Fischmärkte, und ihr zartes Fleisch

soll in der Tat vortrefflich munden. Wer aber weiß, daß diese Barben sich

von den ekelsten Abfallstoffen des Meeres ernähren und mit Vorliebe die

Leichen der Schiffbrüchigen benagen, wird wenig Appetit darauf verspüren.

Die durch eine auffallend hohe Stirn und zwei Bartfäden an der Unterlippe

ausgezeichnete, im übrigen schlank und regelrecht gebaute Seebarbe hält

sich gewöhnlich auf schlammigem Meeresgrunde auf, den sie mit ihrer

stumpfen Schnauze auf der Suche nach etwas Genießbarem nach Schweineart

gehörig durchwühlt und dadurch oft weithin das Wasser trübt. Ein

hervorragend schöner Bewohner des Atlantik, der sich gelegentlich bis in

unsere Gewässer verstreicht, ist der nur 1 kg schwer werdende und

ebenfalls ein ziemlich schmackhaftes Fleisch liefernde =Lippfisch=

(_Lábrus míxtus_), das Weibchen am ganzen Körper prachtvoll zinnoberrot

mit wenigen himmelblauen Zeichnungen, das Männchen oberseits herrlich

dunkelblau. Zur Laichzeit wird dieses wundervolle Gewand noch leuchtender

und glühender, ist aber wie bei unserem Stichling augenblicklichem

Wechsel und Farbenverschiebungen unterworfen, die von der jeweiligen

Gemütsstimmung des Tieres abhängig zu sein scheinen. Liebeswerben

verschönt, Eifersucht verhäßlicht ihn. Jenes übergießt seinen Leib mit

schimmernden Tinten, dieses mit mißtönigem Grau. Der Fisch ist nämlich

ebenso eifersüchtig, rauflustig und kampfwütig wie unser Stechbüttel und

soll auch gleich diesem eine Art Brutpflege ausüben. Eine andere

Lippfischart, _L. maculátus_, ist am ganzen Körper prächtig smaragdgrün,

wozu eine blaßgelbe Zeichnung kommt. Ihren Namen haben die sich durch

Munterkeit und Anmut auszeichnenden Lippfische von ihren sehr beweglichen

Wulstlippen, mit denen sie Muscheln von den Meerespflanzen ablesen.

[Illustration: Abb. 16. Kugelfisch (_Tetrodon fahaka_).]

Ein weiteres, in seiner Eigenart höchst wirksames Verteidigungsmittel

lernen wir bei dem sonderbaren =Igelfisch= (_Díodon maculátus_) kennen.

Er hat einen kräftigen Papageischnabel, dessen Kinnladen mit einer

elfenbeinartigen, sich je nach der Abnutzung immer wieder ersetzenden

Masse überzogen sind, eine sehr große Schwimmblase, gedrungene Gestalt

und den ganzen Körper mit spitzen Dornen und Stacheln besetzt. Gerät er

in Gefahr, so zieht er hastig Luft ein, füllt damit den ungeheuren,

dünngewebigen, die ganze Bauchhöhle einnehmenden Kropf an, während eine

den Schlund umgebende Muskelschicht das Entweichen der eingepumpten Luft

verhindert, bläst sie so zu einer vollkommenen Kugel auf und wirft sich

gleichzeitig auf den Rücken, so daß die Bauchseite an der

Wasseroberfläche schwimmt. Dabei gebärdet sich der kleine Kerl wie ein

zorniger Truthahn, schwimmt immer im Kreise herum, richtet seine Stacheln

drohend auf und ist in diesem Zustande in der Tat fast völlig geschützt

gegen jeden Raubfisch. Wo immer dieser zubeißen will, trifft er auf die

ihm entgleitende, unverschlingbare Kugel und verletzt sich an den spitzen

Stacheln die Lippen, bis er endlich von allen weiteren Versuchen abläßt

und davonschwimmt, worauf der Igelfisch unter vernehmlichem Geräusch die

eingepumpte Luft wieder ausströmen läßt, seine gewöhnliche Gestalt

annimmt und damit auch den Gebrauch seiner Flossen wieder erlangt. Plehn

führt einen Fall an, daß ein von einem Hai verschluckter Igelfisch sich

durch dessen Magen- und Leibeswand hindurchbiß und unbeschädigt ins Freie

gelangte, während der Räuber an den furchtbaren Verletzungen zugrunde

ging. Das geschilderte Gaukelspiel ist nämlich durchaus nicht das einzige

Verteidigungsmittel des tapferen Igelfisches; er vermag vielmehr auch

noch recht empfindlich zu beißen, Wasser von sich zu spritzen, sich

plötzlich schlaff zu machen und zu versenken und auch eine tief

karminrote Absonderung von sich zu geben, über deren Natur und Wirkung

wir allerdings noch völlig im Unklaren sind. Dasselbe Kunststück wie der

Igelfisch bekommen auch die =Kugelfische= (_Tétrodon_) fertig, deren eine

Art, der =Fahak= (_T. fáhaka_), vom Mittelmeer aus in den Nil und seine

Kanäle aufzusteigen pflegt (Abb. 16). Obwohl dieses Tier nicht mit einem

Stachelpanzer prunken kann, trotzt es in der aufgeblasenen Kugelform doch

gleichfalls allen Feinden, denn die Zähne der Raubfische gleiten an

dieser glatten Schweinsblase ab, und die Vögel werden sie von oben her

eher für eine zusammengewehte Schaumblase als für ein eßbares Lebewesen

halten. Nimmt man einen solchen Fisch aus dem Wasser und legt ihn auf die

Handfläche, so bemüht er sich ängstlich, immer noch mehr Luft

einzupumpen, und tut dabei mitunter des Guten zuviel, so daß er

schließlich mit lautem Knall zerplatzt. Die Araberkinder spielen mit

diesen merkwürdigen Fischen wie die unsrigen mit den Maikäfern und

benutzen die aufgeblasenen und ausgetrockneten Tiere als Bälle oder taten

dies doch früher, denn heute werden die Kugelfische als Reiseerinnerung

von den Orientfahrern zu gern gekauft und zu hoch bezahlt, als daß sie

noch der Schar kleiner, braunhäutiger und schönäugiger Rangen zum

Spielzeug dienen könnten. Mit den Igel- und Kugelfischen verwandt ist

noch ein anderer höchst sonderbarer Geselle, der plumpe =Klump-= oder

=Mondfisch= (_Móla móla_), der sie allerdings an Größe um das Vielfache

übertrifft, da er eine Länge von 2-1/2 kg und ein Gewicht von mehr als

300 kg erreicht. Das ungeschlachte Ungetüm sieht mit seiner eines

richtigen Abschlusses entbehrenden Hinterfront fast aus, als wäre es nur

der abgeschnittene Kopf eines noch riesigeren Seeungeheuers. Ein großer

Geistesheld kann der schwerfällige, dunkel olivgrün gefärbte Fisch

unmöglich sein, denn seine Hirnmasse beträgt nur 1/7000 des

Körpergewichts und sein Rückenmark stellt nur ein kurzes, kegelförmiges

Anhängsel zu diesem Zwerghirn vor. Das rauhhäutige, aber schuppenlose

Geschöpf scheint zwar eine weite Verbreitung zu haben, aber doch überall

nur selten vorzukommen. Am ehesten trifft man es noch an sonnigen Tagen

in seitlicher Schlafstellung auf der Oberfläche des Meeres treibend an.

Seiner geringen Beweglichkeit entspricht die Auswahl seiner Nahrung:

Meerespflanzen und allerlei niederes Meeresgetier mit geringer

Eigenbewegung. So unheimlich dieser schwimmende Kopf also auch aussieht,

so harmlos ist er doch, und die Fischer kümmern sich auch nicht viel um

ihn, da das Klumpfischfleisch beim Kochen zu einer leimigen Kleistermasse

zerfällt und sich deshalb mehr als Klebemittel, denn als Speise eignet.

Den Namen Mondfisch haben sie dem Tiere gegeben, weil es ihrer Behauptung

nach bei Nacht einen sanften Mondesglanz ausstrahlen soll. Wahrscheinlich

handelt es sich dabei lediglich um anhaftende Leuchtbakterien, wie der

Klumpfisch überhaupt in besonders hohem Maße von Parasiten bevölkert

wird, denn die anatomische Zergliederung vermochte das Vorhandensein

besonderer Leuchtapparate bisher noch nicht nachzuweisen. Wenn Mondfische

aus dem Wasser genommen werden, so lassen sie einen eigentümlich

stöhnenden Ton hören, von dem man aber noch nicht weiß, wie er zustande

gebracht wird.

[Illustration: Abb. 17. Knurrhahn (_Trigla hirundo_).

(Phot. von Oberl. W. Köhler, Tegel.)]

Das bringt uns auf die Lautäußerungen der Fische. Um eine gute Stufe

höher als die unbestimmten und jedenfalls unfreiwilligen Töne des

Mondfisches stehen die Lautäußerungen des in der Nord- und Ostsee

lebenden =Knurrhahns= (_Trígla hirúndo_), die auch freiwillig im Wasser

zum besten gegeben werden (Abb. 17). Unsere Fischer behaupten sogar, daß

bei schwülem Wetter und namentlich vor dem Ausbruch von Gewittern die

Knurrhähne scharenweise an die Oberfläche kämen und dann förmliche

Knurrkonzerte veranstalteten. Mindestens der erste Teil dieser Behauptung

ist richtig, denn es ist an manchen Küsten ein beliebter Sport, solche

auftauchende Knurrhähne mit dem Teschin zu schießen, obwohl ihr trockenes

Fleisch nicht viel wert ist. Erzeugt werden solche Töne durch das

Aneinanderreiben der Kiemendeckelknochen oder verschiedener harter und

nervenreicher Muskeln in der Wand der verhältnismäßig sehr großen

Schwimmblase, die zugleich als wirksamer Resonanzboden dient, so daß eine

ganze Tonstufe zustande kommt, die zwischen dem behaglichen Schnurren

einer Hauskatze und hell quiekenden Tönen auf und nieder führt und es

begreiflich erscheinen läßt, wenn schon Aristoteles von einem

»Meerkuckuck« sprach und unsre Fischer von »Meerpapageien« erzählen. Auch

sonst ist der Knurrhahn ein recht interessanter Fisch. Schon der

groteske, fast viereckige Dickkopf mit dem zahnstarrenden Froschmaul und

den durch Panzerplatten geschützten Glotzaugen, der feinschuppige, nach

hinten zu jäh kegelförmig zugespitzte Rumpf mit dem schmächtigen

Hinterleibe, die prächtige Rosafärbung des Bauches und die mächtig

entwickelten, fast an die Flügel von Nachtschmetterlingen erinnernden

Brustschuppen vereinigen sich zu einem Gesamtbilde von höchster Eigenart.

Das merkwürdigste aber sind je drei lange, fingerartig gegliederte

Anhängsel vor den Brustflossen, die es dem Tiere ermöglichen, auf dem

Meeresgrunde fortzukriechen, ja förmlich zu gehen, wobei der Hinterleib

etwas in die Höhe gehoben wird und seitliche Bewegungen der roten

Schwanzflosse nachhelfen. Im Schwimmen sieht dieser Fisch hochelegant

aus, denn es gleicht einem Fliegen im Wasser, indem die großen, blauen,

metallisch schimmernden Brustflossen wie Flügel abwechselnd ausgebreitet

und zusammengelegt werden. Sie ermöglichen es dem Knurrhahn, der ja mit

seiner artenreichen Sippe der nächste Verwandte der bekannten tropischen

Flughähne ist, sich auch für kurze Strecken aus dem Wasser in die Luft zu

erheben, und wirken dann beim Herablassen als Fallschirme.

Wenn auch im allgemeinen das Sprichwort »Stumm wie ein Fisch« heute

noch zu Recht besteht, so hat es doch im Laufe der Zeit schon mancherlei

Einschränkungen erfahren, und fast steht zu erwarten, daß wir uns in

dieser Beziehung in Zukunft auf noch größere Überraschungen gefaßt machen

dürfen. Können wir ahnen, welche Offenbarungen der Meeresgrund noch für

uns birgt, sobald wir nur einmal gelernt haben, unser Ohr und unsere

anderen Sinne dort unten frei und ungehindert zu gebrauchen! Sollte im

dunklen Meeresschoße wirklich nur unentwegt das eisige Schweigen des

Todes herrschen, gibt es nicht vielleicht auch für diese abgeschlossene

Tierwelt ein Singen und Klingen, dessen Tonfülle teilnimmt an der großen,

ewig-schönen Symphonie der Natur? So viel wissen wir wenigstens heute

schon sicher, daß es auch lustige Musikanten unter dem Volk der Fische

gibt, Orgelspieler, Leiermänner, Pfeifer, Raßler, Grunzer und Trommler.

Fischer, die das Ohr auf den Rand ihres Bootes legen, können bisweilen

ganz deutlich diese Fischkonzerte aus Tiefen von 10-12 kg herauftönen

hören. Am besten ist das Trommlerkorps ausgebildet. Es sind stattliche,

barschartig gebaute Burschen, diese =Trommelfische= (_Pogónias chrómis_),

die namentlich in den verschiedenen Teilen des Atlantik zu Hause sind.

Die erzeugten Töne klingen bei den einzelnen Arten verschieden. Mit dem

Klange einer Orgel oder Harmonika, selbst mit einem Orchester von Bässen

und Cellis, am passendsten aber wohl mit dem Klange von Maultrommeln hat

man sie verglichen. Die Laute der einzelnen Fische würden für das

menschliche Ohr wohl verloren gehen, aber die Gesamtheit vieler gibt ein

Gelärm von nicht zu beschreibender Eigenart, ein stundenlang

ununterbrochenes, dumpfes, schier unheimlich anmutendes Getrommel,

durchsetzt von hellerem Gurgeln und Glucksen. »Es besteht«, so schreibt

Pechuel-Loesche, »keine Spur von Ähnlichkeit mit Glocken- oder

Harfenklängen, und doch sind die Laute wunderbar genug. Will man sie

recht scharf unterscheiden, so muß man das Ohr fest an den Schiffsbord

drücken. Besser ist es, im Boote ein breites Ruder ins Wasser zu senken

und das freie Ende mit den Zähnen zu beißen, am besten vom Boote aus

gleich den Kopf bis über die Ohren ins Meer zu tauchen, rückwärts

natürlich, um atmen zu können. Da vernimmt man dann in der dunklen Flut

ein allseitig wirr durcheinander gehendes Knurren und Murksen, mit einem

leichten Knirschen und Knarren vermischt.« Die Trommel der geschuppten

Musikanten ist nichts anderes als ihre merkwürdig verzweigte und durch

Zwischenhäute in verschiedene Kammern geteilte Schwimmblase, in die Luft

eingepumpt wird, wodurch die durchlöcherten Trommelfelle in Schwingungen

versetzt werden und die verschiedenartigen Töne zustande kommen. Zu

diesem Zwecke sind auch besondere Trommelmuskeln von auffallend roter

Färbung am Unterleibe eingelagert, die rasche Zusammenziehungen und

Ausdehnungen der Schwimmblase bewirken können. Da sich dabei natürlich

auch das spezifische Gewicht des Fisches verändert und sein Schwerpunkt

sich verrückt, so gerät der Tonkünstler ganz von selbst in tanzende

Bewegung. Ein Tanzliedchen zur Minnezeit im dunklen Meeresschoße! Ja,

wenn Fische reden könnten! Der Umstand, daß bei vielen Arten nur die

Männchen Trommelorgane besitzen, weist darauf hin, daß die Töne in

irgendwelchen Beziehungen zum Geschlechtsleben stehen müssen, also

vielleicht Trommelständchen darstellen, die der verliebte Fisch seiner

Auserkorenen darbringt. Wahrscheinlich werden die erzeugten

Lautäußerungen doch auch irgendwelchen Zweck haben, und die Vermutung

liegt nahe, daß sie der gegenseitigen Verständigung dienen. Sicherlich

darf man aber aus beiden Mutmaßungen die Folgerung ableiten, daß diese

Fische auch ein gewisses, wenn auch modifiziertes Hörvermögen besitzen

müssen, denn sonst hätten ja die Trommelkonzerte gar keinen Sinn. Von dem

2 kg lang werdenden und seines schmackhaften Fleisches halber

hochgeschätzten =Adlerfisch= (_Sciaéna áquila_) behaupten die Fischer,

daß sie seinen Gesang selbst noch aus Tiefen von 50 kg vernehmen und

dadurch die Standplätze dieses scheuen und schwer zu fangenden

Raubfisches feststellen könnten. Prinz Bonaparte nennt das laut tönende

Geräusch, das ein schwimmender Trupp dieser kraftvollen Fische hören

läßt, »fast eine Art Brüllen«.

Auch das =Fortpflanzungsgeschäft= der Seefische bietet dem denkenden

Beobachter eine Fülle hochinteressanter Ausblicke, zumal verschiedene

Formen der aufopferungsvollsten Brutpflege bei diesen als kaltblütig und

teilnahmslos verschrieenen Geschöpfen weit häufiger vorkommen, als sich

der Laie träumen läßt. Meist ist freilich das Männchen derjenige Teil,

dem die Sorge um die Bewachung, Verteidigung und Aufzucht der

Nachkommenschaft zufällt. So legt das Weibchen des =Seeteufels= seinen

Rogen an Felsen ab, und das Männchen setzt sich dann bis zur völligen

Reife der Eier so fest und ausdauernd auf sie, daß in dem Eierhaufen ein

Abdruck seiner Unterseite verbleibt; die kleinen Zähnchen auf der

Innenseite seiner Bauchflossen dienen wahrscheinlich zum Festhalten der

Eier. Der =Lump= oder =Seehase= (_Cyclópterus lúmpus_, siehe Abb. 10,

Fig. 7), der zur Laichzeit einen rotgefärbten Bauch bekommt, setzt die

Eier unter Klippen ab, wo sie dann das Männchen nach geschehener

Befruchtung mit der Schnauze fest gegen das Gestein drückt und sich

selbst daneben verankert, um den hoffnungsschwangeren Schatz zu bewachen.

Erleichtert wird ihm sein Amt dadurch, daß das die Eier umhüllende Sekret

bald verhärtet und so den Rogen festhält. Fremdkörper, die das Wasser

zwischen die Eier treibt, fängt der Lump mit dem Maule auf und schafft

sie fort. Gegenüber solchen Geschöpfen aber, die sich mit Raubgelüsten

nahen, versteht der Lump keinen Spaß, sondern greift sie tapfer an und

scheut selbst einen Kampf mit dem grimmen Seewolf nicht, den er durch

wütende Bisse oft genug in die Flucht schlägt. In der biologischen

Anstalt auf Helgoland wurde ein Beobachter des brutpflegenden Fisches von

ihm derart in den Finger gebissen, daß Blut floß. Sind die Jungen endlich

glücklich ausgeschlüpft, so heften sie sich auf dem Rücken des besorgten

Vaters fest, und dieser trägt nun die teure Bürde zufrieden nach tieferen

und sichereren Gründen. Der hochrückige, dickköpfige und breitmaulige

Seehase mit der klebrigen, knotenbesetzten Haut ist aber auch noch in

einer anderen Beziehung merkwürdig. Die brustständigen Bauchflossen sind

nämlich zu einer Scheibe verschmolzen, die als Schröpfkopf wirkt, so daß

sich der Fisch, der ein ebenso träger wie schlechter Schwimmer ist, damit

an beliebigen Gegenständen festsaugen kann, selbst an glatten

Glasscheiben, und zwar so innig, daß nach den Berechnungen von Hannox 36

kg Gewicht erforderlich sind, um einen 20 kg langen Seehasen wieder

loszureißen. Faul liegt das auch in der Nord- und Ostsee häufige Tier so

wochenlang vor Anker und wartet geduldig, bis der Zufall etwas

Genießbares an seinem gefräßigen Maule vorüberführt. Die jungen Seehasen

sind zwar sehr klein, aber doch schon recht vierschrötig gebaut, von

grasgrüner Farbe, und folgen ihrem Vater wie Kücken der Henne. Droht

Gefahr, so saugen sie sich auf dem Rücken und an den Seiten ihres

Beschützers fest und lassen sich von ihm davontragen. Das weichliche und

wässerige Fleisch des Seehasen wird bei uns nur wenig gegessen; anders

ist es aber in nordischen Ländern. Eine ähnliche Lebensweise wie der Lump

führt die =Meergrundel= (_Góbius níger_), einer unserer gemeinsten

Seefische, zeichnet sich aber zugleich als vorzügliche Nestbauerin aus.

Auch sie vermag sich mit den zu einer Saugscheibe verwachsenen

Bauchflossen an Steinen und dergleichen festzusaugen und tut das im

Aquarium auch an der Glasscheibe, durch die sie dann den Beobachter

anstarrt. Nach Eintritt der Ebbe finden sich immer viele Grundeln in den

zurückbleibenden Tümpeln und werden dann von der Jugend mit Handnetzen

herausgefischt, soweit sie nicht den Möwen und Krähen zum Opfer fallen.

Eine Grundelart benutzt nach den Beobachtungen Marshalls zur Nestanlage

die eine Klappe einer abgestorbenen Herzmuschel. Sie legt diese mit der

hohlen Seite nach unten, entfernt den Sand unter ihr, schmiert die

Höhlung der Muschelschale mit ihrem eigenen Körperschleim aus und streut

lockeren Sand über das Ganze, um die Schale so zu beschweren, daß sie an

Ort und Stelle bleibt. Zuletzt scharrt sie einen kurzen Gang in den Sand,

der in den Hohlraum unter der Muschelschale führt. Alle diese Arbeiten

verrichtet allein das Männchen. Erst wenn das Bauwerk nahezu fertig ist,

erscheint das Weibchen und legt seine Eierchen hinein, die vom Männchen

wacker bewacht werden und nach 8-9 Tagen die Jungen entschlüpfen lassen.

Für die Fischerei haben die nur 20 kg langen Meergrundeln keine

Bedeutung. Dies gilt auch vom =Seeskorpion= (_Cóttus scórpius_), obwohl

er beträchtlich größer wird. Nicht gerade zur Freude unserer Fischer

findet er sich oft massenhaft in ihren Netzen. Nur die Leber wird

gelegentlich verzehrt, das Fleisch gilt als ungenießbar und findet

höchstens als Angelköder Verwendung. Überdies fürchten die Fischer den

Stich des häßlichen Fisches, während dieser für den Forscher dadurch von

Interesse ist, daß seine sehr wechselnde Färbung bei aller scheinbaren

Auffälligkeit eine weitgehende Anpassung an den steinigen Meeresgrund

darstellt (Abb. 18).

[Illustration: Abb. 18. Seeskorpion (_Cottus scorpius_).

(Phot. von Oberl. W. Köhler, Tegel.)]

[Illustration: Abb. 19. Schlangennadel (_Nerophis aequoreus_) (links

Männchen mit Eiern.)

(Phot. von Oberl. W. Köhler, Tegel.)]

Höchst eigenartige Formen der Brutpflege finden wir bei den bekannten

=Seepferdchen= (_Hippocámpus antiquórum_, s. Abb. 10, Fig. 8), diesen

lebenden Skeletten, die dem Springer im Schachspiel so ähnlich sehen, auf

den ersten Blick so wenig Fischartiges haben und in den Seewasseraquarien

durch ihr absonderliches Aussehen, die bestechende Anmut ihrer

Bewegungen, ihr lautloses Auf- und Niederschweben, ihr lebhaftes Spielen

und durch die seltsame Beweglichkeit des nach vorn eingerollten Schwanzes

immer zuerst die Aufmerksamkeit der Besucher auf das von ihnen bewohnte

Becken lenken. Schade nur, daß sich die zarten Geschöpfchen im engen

Gewahrsam so schlecht halten, denn sonst wären wir wahrscheinlich über

ihre Lebensweise besser unterrichtet, als es heute trotz ihrer Häufigkeit

der Fall ist. Das verknöcherte Aussehen des Tieres kommt daher, daß die

Haut keine Schuppen führt, sondern mit Knochenplatten ausgelegt ist. Das

Flossenwerk hat eine starke Verminderung erfahren. Während die

Bauchflossen ganz fehlen, sitzen die Brustflossen am Kopfe hinter der

Schnauze, da, wo man die Ohren vermuten sollte. Zur Fortbewegung tragen

sie nur wenig bei, sondern diese wird fast ausschließlich durch die

einzige Rückenflosse bewirkt, die ganz nach Art einer Dampferschraube

arbeitet und das Tier mit einer gewissen feierlichen Langsamkeit durch

die Fluten treibt. Das Seepferdchen ist ein schlechter und unbeholfener

Schwimmer und wird deshalb oft von den Wogen an den Strand geworfen, wo

man dann den kleinen, vertrockneten Leichnam findet und als Andenken an

den schönen Aufenthalt im Nordseebade mit nach Hause nimmt. Der

gewöhnliche Aufenthalt der Seepferdchen ist zwischen Seegräsern und

Tangen, wo sie auch ihre aus allerhand winzigem Getier bestehende Nahrung

finden. Ausruhend legen sie sich an den Wasserpflanzen vor Anker, indem

sie deren Stengel mit ihrem putzigen Schwänzchen umwickeln, das sie also

in ganz ähnlicher Weise gebrauchen wie die Kletteraffen ihren

Rollschwanz. Gewiß sind die Seepferdchen in ihrer steifen Haltung und mit

dem possierlichen, starren Gesichtsausdruck höchst niedliche Tierchen,

aber von besonderer Klugheit, von der die älteren Naturgeschichtsbücher

fabeln, kann keine Rede sein, ihr ganzes Gebaren atmet vielmehr

Eintönigkeit und Langeweile. Allerdings spielen sie ganz hübsch

miteinander, umwickeln sich gegenseitig mit den Schwänzen, was aber auf

rein mechanische Berührungsreize zurückzuführen sein dürfte, und zur

Fortpflanzungszeit scheint es sogar zum Austausch gewisser Zärtlichkeiten

zwischen den verliebten Paaren zu kommen. Das Weibchen klebt seine Eier

auf den Bauch des Männchens, das sie hier befruchtet, worauf dann die

Oberhaut von beiden Seiten her über sie hinwegwuchert und sie in eine

schützende Tasche so lange einschließt, bis die Jungen entschlüpfen, die

sich zunächst still verhalten, später aber durch ihre Unruhe dem Vater

lästig fallen, so daß er sich ihrer zu entledigen sucht und sie durch

eigentümlich knickende Körperbewegungen zur Bruttasche hinaus befördert.

Sie sind dann etwa 1/2 kg lang. Die Weibchen sind bei diesen Fischen

merkwürdigerweise stets lebhafter und auffallender gefärbt als die

Männchen. Also auch das Hochzeitskleid hat der gutmütige, offenbar stark

unter dem Pantoffel stehende Gemahl seiner Holden überlassen. Übrigens

ist den Seepferdchen auch ein nicht unbeträchtliches Farbwechselvermögen

eigen, und noch in anderer Beziehung erinnern sie an die Chamäleons,

indem sie nämlich jedes ihrer wunderlichen Gespensteraugen unabhängig vom

anderen bewegen können. Ganz ähnliche Brutverhältnisse hat auch die ihrem

Namen entsprechend lang und dünn gebaute =Seenadel= (_Syngnáthus ácus_)

aufzuweisen. Auch hier trägt das Männchen die Eier bis zu ihrer völligen

Entwicklung in einer aus zwei fleischigen Längsfalten gebildeten

Bauchtasche mit sich herum, die später eine Klappe zur Entlassung der

jungen Fischchen öffnet. Man hat auch behauptet, daß die kleinen, frei

herumschwärmenden Seenadeln während ihrer ersten Lebenszeit bei Gefahr in

die Bauchtasche des Vaters zurückflüchteten wie die jungen Känguruhs in

den Brutbeutel ihrer Mutter. Nachgewiesen ist das aber nicht. Bei der

ungepanzerten und deshalb mehr wurmartig aussehenden =Schlangennadel=

(_Neróphis aequoreus_) kommt es überhaupt nicht zur Bildung des

Brutbeutels, sondern die Eier bleiben lediglich in 2-3 Reihen dem Bauche

des Männchens angeklebt (Abb. 19). Auch der =Seestichling= (_Gastrósteus

spináchia_) gehört gleich seinem allbekannten Vetter aus dem Süßwasser zu

den Brutpflege treibenden Arten. Er legt seine Nester im Algengewirr an,

ist beträchtlich größer als der Stechbüttel und besitzt 15 freie

Rückenstacheln (Abb. 20). Merkwürdigerweise soll er in Einehe leben und

auch das Weibchen am Brutgeschäft sich beteiligen.

[Illustration: Abb. 20. Seestichling (_Gastrosteus spinachia_).

(Phot. von E. Steuder, Hamburg.)]

[Illustration: Abb. 21. Tiefseefisch (_Stomias boa_).]

Die allergrößten Wunder des Fischreiches aber birgt die =Tiefsee=, und

in ihrem geheimnisvollen Schoße harren noch unzählige Rätsel des

menschlichen Forschergeistes. Noch bringt aus ihr jede Forscherfahrt neue

Formen mit heim, und sie alle bergen eine Unzahl neuer Ausblicke, eine

überraschende Fülle wertvollster Anregungen. Nirgends hat die

schöpferische Natur so schrankenlos in der launenhaften Hervorbringung

absonderlicher, verzerrter, einseitiger und abenteuerlicher Formen

geschwelgt wie gerade hier, und auch die kühnste Phantasie des

schwärmendsten Künstlers vermöchte Gleiches oder auch nur Ähnliches nicht

zu schaffen. Schier ratlos steht der Systematiker dieser erdrückenden

Menge gänzlich von einander abweichender Formen gegenüber, und der

Biologe weiß nicht, an welchem Ende er diese Flut von Rätseln zuerst

anpacken soll. Was heute mühsam genug aufgeklärt erscheint, wird morgen

durch neue, noch seltsamere Entdeckungen wieder über den Haufen geworfen.

Die verwirrende Mannigfaltigkeit der Formen läßt sich oft zurückführen

auf die einseitige Bevorzugung und Ausbildung bestimmter Organe, die bei

verwandten Formen wieder verkümmert und durch die Umbildung anderer

ersetzt sind, wie ja die Natur oftmals den gleichen Zweck auf die

verschiedenste Weise zu erreichen weiß. So kennen wir Tiefseefische mit

gewaltigen Glotzaugen, die bei anderen zur Größe von Stecknadelköpfen

zusammengeschrumpft sind und bei nicht wenigen überhaupt fehlen. Diese

werden aber für ihre Blindheit durch mächtige Fühler entschädigt, die oft

doppelt so lang sind als der ganze Körper. Der =Großschweif= (_Gigantúra

chúni_) hat röhrenförmige Teleskopaugen mit geteilter Netzhaut; dabei hat

die Hauptretina ein wohlentwickeltes Sehvermögen, während die Nebenretina

als ein vorzüglicher Signalapparat, als ein »Sucher« aufgefaßt werden

muß. Bei dem wurmförmigen =Stylophthálmus paradóxus= stehen die Augen auf

fabelhaft langen und dünnen Stielen, die sich erst im Laufe des

Larvenlebens allmählich entwickeln. Das eherne Gesetz des Fressens und

Gefressenwerdens, das fast überall die Gestaltung der Fischwelt

beherrscht, kommt nirgends so scharf und unerbittlich zum Ausdruck, wie

in der scheinbar recht stillen und friedlichen Tiefsee, die in

Wirklichkeit von einem fürchterlichen und erbarmungslosen Kampfe ums

Dasein durchtobt wird. Hier sind so schaudererregende Hechelgebisse am

Platze, wie sie der =Schwarzfisch= (_Melanocétus kréchi_) in seinem

breiten Froschmaule führt, oder _Stomias boa_ (Abb. 21) in seinem

Riesenschlangenkopf, hier kann es zur Bildung von Tieren kommen, die, wie

das =Großmaul= (_Macrophárynx_) oder wie _Eurypharynx pelecanoides_ (Abb.

22) mit dem Pelikanschnabel, eigentlich nur noch aus einem riesenhaften

Rachen mit etlichen unbedeutenden Anhängseln zu bestehen scheinen, oder

bei denen ein gewaltiger, höchst ausdehnungsfähiger Magensack alle

anderen Organe in den Hintergrund drängt. Dies ist z. B. bei _Melanocétus

johnsóni_ der Fall, und infolgedessen kann dieses Fischchen Tiere

verschlingen, die es an Körpergröße gut um das Doppelte übertreffen. Zu

ihrer Herbeilockung trägt es über der Schnauze noch eine lange Angelrute,

in deren Spitze ein Leuchtorgan sitzt. Gegenüber solchen Untieren darf

ein nach Art des _Cerátias uranóscopus_ gebauter Tiefseefisch (Abb. 23)

wohl als eine ausnehmend reguläre und anmutige Erscheinung gelten.

[Illustration: Abb. 22. Tiefseefisch (_Eurypharynx pelecanoides_).]

[Illustration: Abb. 23. Tiefseefisch (_Ceratias uranoscopus_).]

So außerordentlich verschieden und mannigfaltig auch Form und Lage

solcher =Leuchtkörper= sind, so sind sie histologisch nach den schönen

Untersuchungen Brauers doch ausnahmslos zurückzuführen auf mit

Sekretkörnern angefüllte Drüsenzellen, die als die eigentlichen

Lichterzeuger anzusehen sind, während alle übrigen Bestandteile der

Leuchtorgane nur nebensächliche Bedeutung haben, so der Pigmentmantel und

der Reflektor, deren Rolle ja ohne weiteres kenntlich ist, wie auch

gewisse lichtbrechende Teile des Innenkörpers aller Wahrscheinlichkeit

nach als Linsen wirksam sein dürften. Meist sind die Leuchtdrüsen

geschlossen, und der Leuchtvorgang verläuft demgemäß intrazellulär

(zwischenzellig). Aber es gibt auch Leuchtdrüsen (z. B. bei den

Gonostomiden), die unmittelbar ins Wasser ausmünden, und wo der

Leuchtvorgang erst einsetzt, sobald das Drüsensekret mit dem Wasser in

Berührung kommt, so daß es sich hier unbedingt um einen rein chemischen

Vorgang handelt, der deshalb auch noch nach dem Ableben des Tieres vor

sich gehen kann. Solche Geschöpfe verfügen also über hochmodern

ausgerüstete Scheinwerfer, deren sie sich zum Erkennen und Anlocken von

Beutetieren wie auch zur Abschreckung von Feinden bedienen, wobei aber

noch dahingestellt werden muß, ob die Lichterzeugung vom Willen des

Tieres abhängig ist oder nicht. Die vielfach vorhandenen Vorrichtungen

zum Abblenden machen eigentlich das erstere wahrscheinlicher. Außer

diesen eigentlichen Leuchtorganen sind aber bei Tiefseefischen nicht

selten noch andere, kleinere, zu Hunderten und Tausenden über den ganzen

Rumpf zerstreut, die offensichtlich eine andere biologische Bedeutung

haben müssen. Brauer und andere Forscher neigen der Ansicht zu, daß diese

oft zu hübschen Mustern angeordneten Organe ein vielfarbiges Licht

aussenden, mithin in ihrer Gesamtheit die charakteristische Zeichnung des

Tieres darstellen und somit dieselbe Rolle spielen wie die Pigmente oder

Färbestoffe bei den im Bereich des Sonnenlichtes lebenden Tieren.

Biologisch würden sie demgemäß zum Erkennen der Artgenossen und zum

gegenseitigen Aufsuchen der Geschlechter dienen. In schönster

Übereinstimmung mit dieser Auffassung steht die Tatsache, daß sie sich

nur bei solchen Tiefseefischen finden, die mehr vereinzelt leben und

große Strecken durchschwimmen, während sie bei den seßhaften Grundfischen

und gesellig lebenden Arten als überflüssig nicht zur Ausbildung

gelangen. Etwa ein Fünftel aller Tiefseefische ist im Besitze von

Leuchtorganen, und zwar nimmt deren Leuchtvermögen mit zunehmender

Meerestiefe wieder ab, woraus Brauer folgern möchte, daß sie sich in der

Dämmerungszone ausgebildet haben und hauptsächlich für diese

kennzeichnend sind.

Die Farben, Sehwerkzeuge, Leuchtlaternen und phosphoreszierenden Organe

der Fische in den verschiedenen Meeresschichten stehen offenbar im

engsten Zusammenhange mit der Verteilung und dem Hinabreichen der

Sonnenstrahlen ins Meereswasser. Es ist also im Meere eine unverkennbare,

wenn natürlich auch Übergänge aufweisende Trennung der Fauna

nach Tiefenschichten und in engster Abhängigkeit von den

Belichtungsverhältnissen durchgeführt. Außerdem haben aber auch die

Tiefseefische noch ihre geographische Verbreitung, denn die Annahme wäre

grundfalsch, daß etwa in den tieferen Wasserschichten annähernd gleiche

Verhältnisse herrschen und deshalb auch ihre Bewohner mehr oder minder

gleichmäßig über den ganzen Meeresboden verbreitet seien. Vielmehr gibt

es auch in der Tiefsee verhältnismäßig eng begrenzte faunistische Bezirke

mit scharfen Schranken in Temperatur, Salzgehalt, Nahrungsverhältnissen

und Bodenbeschaffenheit, die dem Ausdehnungsbestreben und der Vermischung

der einzelnen Arten Grenzen setzen. Die auffallende Tatsache, daß manche

Tiefseefische an beiden Polen vorkommen, ist wohl dahin zu erklären, daß

diese Formen ursprünglich wärmeren Gegenden entstammen und beim Übergang

ins kältere Gebiet, sei es nach diesem, sei es nach jenem Pole hin, durch

gleiche Einflüsse auch die gleiche Umbildung erfuhren.

* * * * *

Sachregister.

Die mit einem Sternchen (*) bezeichneten Ziffern verweisen auf eine

Abbildung im Text.

_Acanthias vulgaris_ 58

_Acipénser huso_ 60

-- _sturio_ 59

Adlerfisch 86

_Amphiprion bicinctus_ 39

Anchovis 25

Angler 64, 65

_Apogonichthys strombi_ 39

_Asymmetron lucayanum_ 63

Blauhai 57

Bonite 38, 72

Bremerhaven, Brennpunkt des deutschen Fischhandels 18

Bücklinge 20

_Caranx trachurus_ 39

_Carcharias glaucus_ 57

_Carcharodon carcharias_ 54

-- _rondeleti_ 57

_Ceratias uranoscopus_ 93, 94*

_Chaetodon diacanthus_ 78

-- _flavus_ 78

-- _imperator_ 78

-- _lamarcki_ 78

-- _macrolepidotus_ 78

-- rostratus_ 75

-- _semicirculatus_ 78

-- _setifer_ 78

-- _vitattus_ 78

_Chimaera monstrosa_ 53

Chimäre 53

_Clupea harengus_ 19

-- _menhaden_ 29

-- _pilchardus_ 27

-- _sprattus_ 25

_Conger vulgaris_ 48

_Cottus scorpius_ 88, 89*

_Cyclopterus lumpus_ 86

_Dactylopterus volitans_ 72

Delphine 18

Devonfische 63

_Dicerobatis giornae_ 52

_Diodon maculatus_ 80

Dornhai 45*, 58

Dorsch 29*, 30-33

_Echeneis remora_ 38

Ellerbeck, Hauptsitz der Sprottenräucherei 26

_Engraulis encrasicholus_ 29

_Eurypharynx pelecanoides_ 93*

_Exocoetus exsiliens_ 72

-- _volitans_ 72

Fahnenfisch 78

Fetzenfisch 64

_Fierasfer acus_ 38

Fischmarkt 7, 8

Fische, fliegende 65

Fischereiwirtschaft 9

Flugdrache 72

Flugfische 65-71

Flughahn 72

Flunder 40, 42, 43*

_Gadus aeglefinus_ 30

-- _morrhua_ 29*, 30

_Gastrosteus spinachia_ 91*

Geißler 78

_Gigantura chuni_ 92

_Gobius niger_ 87

Goldbutt 44

Gonostomiden 94

Großmaul 93

Großschweif 92

Grundschleppnetz 14*

Hai 16, 38, 54-57, 62

Haifisch-Ei 58*

Halbmakrele 39

Hammerfisch 53

Hausen 60

Heilbutt 44

Hering 19-24

--, fliegender 72

Heringsräucherei, Räucherofen 24*, 26

Herzogsfisch 78

_Hippocampus antiquorum_ 88

_Hippoglossus vulgaris_ 44

Hochseefischerei 6, 12

Hundshai 57

Meeresfische · 第 6 / 17 题