Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde
Geschäftsstelle: Franckh'sche Verlagshandlung
1914
Alle Rechte, besonders das Übersetzungsrecht, vorbehalten.
_Copyright 1914 by
Franckh'sche Verlagshandlung
Stuttgart_
STUTTGARTER SETZMASCHINEN-DRUCKEREI
HOLZINGER & Co., STUTTGART
* * * * *
[Illustration]
Furchtbar zugleich und fruchtbar ist das Meer. Mit heiliger Scheu
erfüllt uns der endlose Ozean, wenn er, aufgewühlt und aufgepeitscht von
heulenden Sturmwinden, tobend und brausend hohe, weißgekrönte Wogenkämme
wie eine finstere, verderbenbringende Todesmauer zum Lande wälzt, Leichen
auf seinem Rücken trägt und alles Lebende mit wuchtigem Wellenschlag zu
vernichten droht; mit andächtiger Bewunderung aber, wenn er sich wieder
besänftigt hat, wenn an der nur leicht gekräuselten, sanft und ruhig
atmenden Oberfläche im glitzernden Sonnenschein Scharen silberner
Fischlein in übermütigem Spiel sich tummeln und das kristallklare Wasser
an felsiger Küste ungeahnte Einblicke tun läßt in die Tiefe mit ihrem so
eigenartigen, geheimnisvollen, mannigfaltigen Weben und Leben; mit warmer
Liebe endlich, wenn wir gedenken, wie unendlich viel von jeher der reiche
Ozean beigetragen hat, die menschlichen Bewohner des Erdballs zu
ernähren, die entlegensten Völker mit einander zu verbinden, ihnen einen
leichten und bequemen Austausch ihrer Erzeugnisse zu ermöglichen, ihre
Phantasie zu befruchten und ihre künstlerische Schaffenskraft anzuregen.
Neptun gebietet über das weiteste und ausgedehnteste Reich auf unserem
Planeten, und die Zahl und Mannigfaltigkeit der seinem strengen Szepter
unterstehenden Tierwelt, ihre grotesken Formen, ihre erstaunliche
Fruchtbarkeit und ihre weitgehenden biologischen Anpassungen an die
Eigenart der verschiedenen Meeresteile finden auf dem Festlande kaum
ihresgleichen. Voll ungeahnter Wunder ist des Meeres dunkler Schoß, aber
nur langsam und zögernd enthüllen sie sich dem rastlos forschenden
Menschengeiste. Kaum vermag unser Auge die verwirrende Fülle der
Erscheinungen noch zu überschauen. Führen doch allein an 10000 Fischarten
in all den Erdenmeeren ein unseren Blicken mehr oder minder verborgenes
Dasein. Gerade dieser Umstand erscheint in hohem Maße geeignet, unsere
Kenntnis von den Lebensgewohnheiten der Seefische zu erschweren; so sehr
sie auch während der letzten Jahrzehnte durch die überraschenden
Fortschritte der Meeresforschung gefördert worden ist, so wenig ist doch
ausführlichere Kunde davon in die große Masse der heutigen
Kulturmenschheit gedrungen, wenn auch anderseits die Fischerbevölkerung
der Küstenländer schon im eigensten Lebensinteresse geradezu gezwungen
war, praktische Fischkunde zu lernen. Aber wie viele sonst hoch
gebildete Bewohner des Binnenlandes gibt es doch, die selbst die
allergewöhnlichsten Seefische lediglich von genossenen Tafelfreuden oder
aus den Bottichen der Marktweiber her kennen, von ihrer merkwürdigen
Lebensführung dagegen kaum mehr wissen als von der hochinteressanten Art
und Weise ihrer Erbeutung. Und doch ist diese von tief einschneidender
Bedeutung nicht nur für das gesamte Wirtschaftsleben unserer
Küstenprovinzen, sondern auch für die Fleischversorgung unseres gesamten
Vaterlandes, da bei den ständig steigenden Schlachtviehpreisen einerseits
und den erheblich verbesserten Transportmitteln anderseits (selbst aus
Westafrika bringt man neuerdings in Kühlkammern oder auf Schneelagern in
23tägiger Fahrt Plattfische und Seehechte in vollkommen gebrauchsfrischem
Zustande nach Paris) der Verbrauch von Seefischfleisch auch im
Binnenlande eine fortwährend zunehmende Wichtigkeit erhält.
Die deutsche =Hochseefischerei=, die jetzt zumeist mit eigens dazu
ausgerüsteten, besonders seetüchtigen Fischdampfern betrieben wird, ist
denn auch in erfreulicher Aufwärtsentwicklung begriffen, obgleich es noch
lange dauern wird, bis sie den ungeheuren Vorsprung, den namentlich die
Engländer auf diesem Gebiete besitzen, einigermaßen wettgemacht haben
wird. Sie beschäftigt über 30000 wettergestählte Männer, die in ihrem
gefahrvollen und anstrengenden Berufe für den Ausbau eines Gewerbszweiges
kämpfen, dessen ungeheure volkswirtschaftliche Bedeutung für Deutschland
lange genug verkannt worden ist und auch jetzt noch nicht ganz die ihm
gebührende Wertschätzung findet. Der Wert der ans Land gebrachten Fische
belief sich im Jahre 1908 auf rund 29 Millionen Mark, aber trotzdem
konnten von unseren 11 Fischereigesellschaften nur 4 eine Dividende
zahlen (die Emdener Heringsfischerei 7%), ein Zeichen, daß die gesamte
Organisation noch sehr in den Kinderschuhen steckt. Der Staat tut alles,
um sie zu heben und bewilligte allein 400000 M an Bauprämien für
Fischereifahrzeuge, während anderseits die Wissenschaft mit den
wertvollen Ergebnissen ihrer Forschungen der Fischerei zu Hilfe kommt,
überhaupt gerade auf diesem Gebiet ein inniger und sehr vorteilhafter
Wechselverkehr zwischen Wissenschaft und Praxis besteht, der beiden in
hohem Maße zum Vorteil gereicht. Wie weit bei guten Vorkehrungen die
Erträge der Seefischerei gesteigert werden können, ersieht man aus der
englischen Statistik. An den dortigen Küsten wurden beispielsweise im
Jahre 1906 20-1/2 Millionen Zentner Fische erbeutet und daraus 11,326
Millionen Pfd. St. erzielt. Die neuesten Errungenschaften der Technik
kommen dort wie auch in Norwegen beim Fischfang zur Verwendung. Selbst
das Telephon. Der hierbei benutzte Apparat besteht aus einem zur Aufnahme
des Schalles dienenden Mikrophon, das in einer wasserdichten Stahlkapsel
eingeschlossen und durch Leitungsdrähte ständig mit einem telephonischen
Empfänger an Bord des Fangschiffes verbunden ist. Durch diese Vorrichtung
werden die Fischer frühzeitig von dem Herannahen und der Richtung der
großen Fischzüge in Kenntnis gesetzt, können auch gleich auf deren Art
schließen, indem z. B. Heringe durch pfeifende, Dorsche durch grunzende
Geräusche sich verraten. Hervorgerufen werden diese wahrscheinlich durch
die unablässige Bewegung von Millionen von Flossen und Kiemen im Wasser.
Leider ist unsere Seefischerei trotz aller Anstrengungen noch nicht
imstande, den Eigenbedarf unseres Volkes an Fischfleisch zu decken. Noch
müssen wir für nahezu 120 Millionen jährlich vom Ausland beziehen,
während unsere Ausfuhr noch nicht 12 Millionen beträgt. Unter den
eingeführten Fischen stehen obenan gesalzene Heringe mit 36,5, Bücklinge
mit 2,3, Kaviar mit 9,5, Lachse mit 7,25, Sardellen mit 1,75 und frische
Karpfen mit 1,8 Millionen Mark. Dabei nimmt in unserer Zeit der
Fleischteuerung die Nachfrage nach Seefisch noch fortwährend zu,
namentlich seit das frühere Vorurteil der Binnenländer gegen diese Kost
zu schwinden beginnt, wenn auch leider nur sehr langsam und allmählich.
Viel dazu beigetragen hat die Abhaltung von Seefisch-Kochkursen und die
planvolle Organisierung des Fischverkaufs in den städtischen Markthallen.
So wurden allein in Berlin vom Oktober 1911 bis Februar 1912 rund 230000
kg frische Seefische durch die städtischen Verkaufsstellen abgesetzt. Im
Vergleiche zu der Statistik des Pariser Fischmarktes erscheint diese Zahl
freilich noch recht geringfügig. Dort kommen während der kühlen
Jahreszeit Tag für Tag 110-115000 kg Meeresbewohner in die städtischen
Markthallen, wobei allerdings Krebse und Muscheln mitgerechnet sind, ja
an den Fastentagen steigert sich diese ungeheure Menge auf 200000 kg. Bei
uns macht nach den Berechnungen von König und Splittgerber das
Fischfleisch nur 1/8-1/10 des überhaupt genossenen Fleisches aus. Auf den
Kopf der Bevölkerung kommen jährlich etwa 6,8 kg Fisch, wovon 6 kg auf
Seefisch entfallen und 40-50% für den Abfall in Abzug zu bringen sind,
sodaß nur 3,5-4 kg reines Fischfleisch übrig bleiben. Im allgemeinen ist
dessen Nährwert und Verdaulichkeit dem des Fleisches der nutzbaren
Haustiere gleichzusetzen, aber wenigstens das Seefischfleisch hat den
großen Vorzug, wesentlich billiger zu sein, selbst wenn man dabei in
Anschlag bringt, daß es an sich schon wasserreich ist und wegen der
kurzen Kochdauer nur einen unwesentlichen Wasserverlust erleidet, daher
zur Sättigung in größerer Menge genossen werden muß. Bei Räucherfischen
kommt dieser Übelstand ohnedies in Wegfall, während bei eingemachten
Fischen ein großer Teil der wertvollen Nährstoffe in die Laken und Saucen
entweicht. Die Verdaulichkeit wird durch das Kochen in geringerem Maße
beeinträchtigt als beim Rindfleisch. So vermag das Fischfleisch selbst
körperlich stark angestrengten Menschen ein vollwertiger Ersatz für
anderes Fleisch zu sein, und in Rußland erhält beispielsweise das Militär
zweimal wöchentlich Fisch, während man bei uns in dieser Beziehung noch
nicht weit über tastende Versuche hinausgekommen ist. Auch vorzügliche
Eiweißpräparate stellt man neuerdings aus Fischfleisch her.
So erscheint das Meer als der denkbar ergiebigste Acker, dessen
planmäßige Bebauung und zielbewußte Bewirtschaftung sich durch reiche
Erträge lohnt, aber leicht ist die Hebung seiner Schätze nicht, und vom
Meeresgrunde bis zur Feinschmeckertafel in einem Berliner Luxushotel ist
ein gar weiter Weg. Fabelhaft fast erscheinen die Fruchtbarkeit und der
Reichtum der See, aber unerschöpflich sind sie nicht, und rücksichtsloser
Raubbau muß sich schließlich auch hier bitter rächen wie überall.
Namentlich in der Nordsee, wo heute alljährlich 600 Dampfer und 5000
Segler auf Fischfang ausziehen, machen sich schon bedenkliche Anzeichen
von Überfischerei bemerkbar, weil dem Meere zu viel unbrauchbare
Jungfische entzogen oder diese, wenn man sie auch wieder ins Wasser
wirft, doch nicht schonend genug behandelt werden. So sind große
Seezungen und Schollen schon recht spärlich geworden, ja es steht zu
befürchten, daß von den bevorzugten Speisefischen überhaupt nur noch
wenige das laichfähige Alter erreichen und für die Fortpflanzung ihrer
Art sorgen können. Eckert schätzt den Gesamtertrag der Weltfischerei auf
4 Millionen Tonnen im Werte von 1 Milliarde Mark; das erscheint
verhältnismäßig wenig, dabei ist aber zu berücksichtigen, daß ausgedehnte
und zweifellos sehr ergiebige Fischereigründe in den afrikanischen,
südamerikanischen und australischen Gewässern der Fischereiwirtschaft
überhaupt noch nicht erschlossen sind. Nahezu 70% der ganzen Ausbeute
entfallen auf den Atlantik, wobei die Nordsee mit 1/5-1/4 beteiligt ist,
keine 30% auf den Stillen Ozean und kaum 1% auf den Indischen. Was die
einzelnen Staaten anbelangt, so kommen auf die von Nordamerika 23%, auf
England 22%, auf Kanada und Norwegen je 13%, auf Rußland 6%, auf
Frankreich 4%, auf Holland 3%, auf Spanien und Portugal 2-1/2%, auf
Italien 1-1/2%. Während das kleine Japan mit 10-1/2% recht stattlich
dasteht, spielt Deutschland mit nur 2-1/2% in dieser Liste noch immer
eine ziemlich klägliche Rolle, obgleich sich der Ertrag unserer
Hochseefischerei durch die dankenswerten Bemühungen einer einsichtigen
Regierung innerhalb 15 Jahren um das Zehnfache gesteigert hat. Auch
Österreich-Ungarn erweist sich trotz der herrlichen, fischreichen Adria
mit ihrem prächtigen Klima und ihren zahlreichen ruhigen Buchten in bezug
auf die Entwicklung der Küsten- oder gar der Hochseefischerei noch als
recht rückständig, wie ja fast auf allen Gebieten. Das Fett schöpfen dort
die benachbarten Italiener ab, und die Küstenbevölkerung von Triest und
Fiume ab bis nach Spalato und Cattaro hinunter begrüßt alljährlich mit
Freuden die buntbemalten Segel der anfahrenden Chioggioten-Flottille,
weil sie gesunde und wohlfeile Nahrung auf den Markt bringt. Tausende von
ärmeren Familien in Istrien und Dalmatien leben dann nur von Fischen und
Polenta und sehen äußerst selten anderes Fleisch in ihren Töpfen. Der auf
Backhuhn und Gulasch eingeschworene Wiener dagegen, der selbst die
köstliche Forelle barbarischerweise in gebackenem Zustande genießt, hat
dem Seefischfleisch noch immer keinen Geschmack abzugewinnen vermocht,
und daran sind alle Bemühungen zur Schaffung eines großzügig
eingerichteten Seefischversands im Reiche des Doppeladlers mehr oder
minder gescheitert.
Glücklicherweise zählt unsere fast überall mit Grundnetzen erreichbare
Nordsee nächst den nordamerikanischen Gestaden des Atlantik zu den
fruchtbarsten Meeren der Erde, über ihren zahlreichen Bänken und Untiefen
wimmelt es fast buchstäblich von Fischen, nur daß sich diesen Segen in
früheren Zeiten fast ausschließlich die Engländer zunutze zu machen
verstanden, während mehr als 2 Meilen von der Küste überhaupt kaum ein
deutscher Fischkutter anzutreffen war. »Das deutsche Meer«, so heißt es
in einem englischen Gutachten, »ist ertragsfähiger als unser Ackerland;
unsere reichsten Felder sind weniger fruchtbar an Nahrungsstoffen, als
diese Fischereigründe. Ein Morgen guten Landes liefert etwa 20 Zentner
Getreide jährlich oder 3 Zentner Fleisch und Käse; auf einer ebenso
großen Wasserfläche mit Fischereigrund aber kann man dasselbe Gewicht an
Nahrungsmitteln jede Woche ernten. Fünf Fischereiboote zogen in einer
einzigen Nacht aus einer kaum 50 Morgen großen Fläche des deutschen
Meeres den Wert von 50 Ochsen und 300 Schafen in Form von leicht
verdaulichen und schmackhaften Fischen. Und was das Wichtigste ist, diese
Ochsen und Schafe sind kostenlos und ohne alle Mühe im Wasser entstanden,
erzogen und gemästet worden.« Mag dieses Urteil auch ein übertriebenes
und allzu optimistisches sein, Tatsache ist jedenfalls, daß man bei uns
lange Jahrhunderte hindurch den Meeressegen nicht zu würdigen verstand
und sich erst in neuester Zeit allmählich seiner ungeheuren
volkswirtschaftlichen Bedeutung bewußt geworden ist. Selbst die der
Nordsee angrenzenden Kleinstaaten waren und sind uns in dieser Beziehung
weit über, denn Holland verdankt seinen Reichtum dem Heringsfange, und
Norwegen, wo ein großer Teil der Bevölkerung ohne Fischerei gar nicht
bestehen könnte, gewinnt aus ihr weit mehr Taler, als es Einwohner zählt.
Nun ist ja endlich auch bei uns ein vielversprechender Anfang zur
Ausbeutung der feuchten Schatzkammern gemacht worden, aber die ersten
Jahre deutscher Hochseefischerei waren doch kaum etwas anderes als
blindlings unternommene Plünderungszüge, Raubbau schlimmster Art,
förmliche Seeräuberei, und erst neuerdings beginnt man sich eines
Besseren zu besinnen und die Sache planmäßiger zu gestalten. Das ist auch
dringend nötig. Wir müssen lernen, die flüssige, sich selbst befruchtende
Fläche ebenso rationell zu bewirtschaften, wie den Acker, wir müssen hier
wie dort pflügen, hegen und ernten lernen, müssen ebenso gute Wasser- wie
Landwirte werden, um die von dem schaffungsfrohen Meere in Form von
schmackhaften und leicht verdaulichen Fischen erzeugten
Proteinverbindungen und Kohlehydrate all den Millionen zugänglich zu
machen, denen anderes Fleisch nur sehr knapp zugemessen ist. Die rasch
erblühte Wissenschaft der Meeresbiologie weist uns ja den Weg, wie wir
die Billionen Lebenskeime, die die Natur in unverwüstlichem Übermut im
Meere fortwährend auswirft, aber mit demselben Übermute ebenso massenhaft
wieder verderben und verschlingen läßt, erhalten und zu einer
unerschöpflich reichen Nahrungsquelle umwandeln können. Freilich geht die
Zeugungskraft des Meeres über unsere kühnsten Vorstellungen hinaus, aber
schon die ungeheure Zahl von Eiern, die weibliche Heringe oder gar
Schellfische in ihrem Leibe bergen, ist Beweis dafür, daß eine so
außerordentliche Fülle des Lebens unmöglich sich voll entfalten kann,
denn sonst würde es sehr bald dem weiten Weltenmeere selbst an Raum
fehlen zur Unterbringung so zahlloser Geschöpfe. Wenn auch jeder
Augenblick das Leben im Meer millionenfach wieder erzeugt, so fällt es
zum weitaus größeren Teil doch ebenso schnell der unersättlichen Gier der
Meeresräuber zur Beute, sodaß nur ein geringer Bruchteil zur Entwicklung
gelangt und dem Menschen später zur Speise dienen kann. Daher sichert uns
auch die unerschöpflich erscheinende Fülle des Lebens im Meer nicht vor
einem Ende mit Schrecken. Die Menschen haben auch einst gedacht, daß die
Wälder nie alle werden und die Fruchtbarkeit der Erde nie abnehmen könne,
und sind doch auf recht bittere Weise eines anderen belehrt worden. Aber
trotz der gemachten herben Erfahrungen wüsten wir in der gleich tollen
und rücksichtslosen Weise auf die Schätze des Meeres los, nach dem alten,
leichtsinnigen Worte »Nach uns die Sintflut«. Erst in letzter Zeit machen
sich Anzeichen zur Besserung geltend, denn die Wissenschaft hat ja durch
Aufhellung der früher so rätselhaften Wanderzüge der Fische und die
Erforschung ihrer Ernährungsverhältnisse, insbesondere durch die
Planktonlehre, einen gangbaren Weg zur planmäßigen Bewirtschaftung des
Meeres gewiesen. Schlägt man diesen zielbewußt und unter Zuhilfenahme
aller technischen Behelfe der Neuzeit ein, so wird der Meeresacker auch
in Zukunft ohne wirklichen Dünger und eigentliche Aussaat goldene Ernten
bringen.
Anstrengend und beschwerlich in hohem Maße wird die Seefischerei
freilich immer bleiben, und auch nicht ungefährlich, denn mit dem
trügerischen Gott der Wogen und Winde läßt sich ein festes Abkommen nun
einmal nicht treffen. Aber die Beschäftigung auf dem Wasser ist gesund,
stählt den Körper, schärft die Sinne, festigt den Charakter, erzeugt
Selbstvertrauen, Entschlossenheit und Geistesgegenwart. Deshalb bildet --
und diesem Umstand kommt eine hohe politische Bedeutung zu -- die
Meeresfischerei zugleich die beste Pflanzschule für leistungsfähige
Kriegs- und Handelsflotten. Wer von Jugend auf den Umgang mit dem Meere
gewohnt, mit seinen Tücken vertraut, gegen seine Gefahren gewappnet ist,
der wird auch einen vollwertigen Matrosen abgeben. Nicht umsonst sprechen
die Engländer von ihrer »_Fishing-natured navy_« (der durch die Fischerei
genährten Seemacht). Ganze Männer erfordert die Fischerei jederzeit, ganz
besonders bei stürmischem Winterwetter, wenn die Taue mit Eis überzogen
sind, die Segel vor Frost knarren und ächzen und der Wind die prickelnden
Schneekristalle in die Augen bläst. Wie oft habe ich dann nicht unsere
Nehrungsfischer nach mehrtägigem Aufenthalt auf See halb erfroren
ankommen sehen, ohne daß sie auch nur einen Schwanz gefangen hätten. Aber
ein andermal warf ihnen die Laune des Meeresgottes in wenigen Stunden ein
kleines Vermögen in den Schoß. Fischerei ist eben Lotteriespiel. Freilich
ein solches mit hohen Gewinnen, aber auch mit dem Einsatz des Lebens. Von
so ausschlaggebender Bedeutung ist sie für alle Küstenvölker, daß sie
nicht selten sogar in die Geschichte ihrer Staaten entscheidend
eingegriffen hat. Holland z. B. verdankt die Grundlagen seiner ehemaligen
Seeherrschaft den Heringszügen. Die Geschichte der Fischerei ist so alt
fast wie das Menschengeschlecht selbst. Auch die Speisegesetze des Alten
Testaments beschäftigen sich bereits mit den Meeresfischen, und
unternehmende Händler aus Tyrus brachten eingesalzene oder getrocknete
Seefische nach dem Fischtor an der Nordostecke Jerusalems. Vortreffliche
Fischer und Fischkenner waren die Römer, und bei ihren üppigen
Tafelgenüssen spielten die Schuppenträger eine große Rolle. Antonius und
Kleopatra ergötzten sich an der Seefischerei, Trajan betrieb sie mit
Leidenschaft, Ausonius besang in schwunghaften Versen die
Schmackhaftigkeit der verschiedenen Fischarten, Lucullus ließ einen
kleinen Berg abtragen, um seine Fischteiche mit Meereswasser versehen zu
können, gewissenlose Schwelger mästeten ihre fetten Muränen mit dem
Fleisch ins Wasser gestürzter Sklaven, und das Scheusal Heliogabal ließ
die Fische lebend auf die Tafel bringen, um sich an ihren langsamen
Todesqualen zu ergötzen, und würzte dann ihr Fleisch mit Pulver aus
echten Perlen.
Reizvoll, anregend und voll ungeahnter Abwechslung ist die Seefischerei,
in ungleich höherem Grade jedenfalls als die Binnenfischerei, wo ja in
weiten Kreisen namentlich der Angelsport als ein Ausbund von Langeweile
gilt, wenn er es auch in Wirklichkeit keineswegs ist. Versetzen wir uns
einmal im Geiste auf einen Fischdampfer! Schon beim ersten Morgengrauen
erdröhnt donnerndes Gepolter auf dem Deck. Die Vorbereitungen zum
Ausbringen des Netzes haben begonnen. Längs der Reeling liegen an Back-
und Steuerbord zwei riesige Baumstämme, an denen das Fang- und das
Reservenetz befestigt sind; an ihnen sind mächtige eiserne Bügel von über
Mannesgröße angebracht, dazu bestimmt, beim Schleifen über Grund den Baum
freizuhalten und seine Bewegungen zu erleichtern. Immer lebendiger wird
das Bild, die Mannschaft steht bereit, der Kapitän ist auf seinem Posten
am Ruder -- alles klar! Jetzt luvt er an, d. h. dreht das Schiff so, daß
der Wind von ihm wegstreicht, (ehe dies geschehen, darf kein Manöver
stattfinden, das Netz würde sonst in die Schraube geraten) -- kräftige
Fäuste packen das Netz und werfen es über Bord, allmählich treibt es auf
und seitwärts nach hinten, einige Mann erfassen den Bügel am Vorderende
des Baumes, und polternd schlägt das Ungetüm über die Reeling in die hoch
aufspritzende Flut, schnell abtreibend. In dem Augenblick, in dem der
Baum quer steht, wird auch das hintere Ende mit seinem Bügel über Bord
geworfen -- einige Schwingungen hin und wieder, dann liegt er wagerecht
-- die Stahltrosse wird ausgesteckt und saust rasselnd hinaus -- das
Schiff fällt ab und nimmt seinen alten Kurs wieder auf -- das Manöver ist
beendigt, und es beginnt nun der eigentliche Fischzug, während dessen der
Dampfer mit nur 2 Meilen Fahrt 6-8 Stunden lang vor seinem Netze durch
die See zieht. Dieses wird also von einem etwa 16 Meter langen und
sorgfältig für diesen Zweck ausgewählten Buchen- oder Eichenstamm
geschleppt. An ihm ist ein 4 Zoll starkes Grundtau befestigt, daran eine
sogenannte Bolzleine, und von dieser aus verlaufen fliegende, vierkantige
Maschen, an die sich dann die eigentlichen Netzmaschen ansetzen. Nur der
beste Manilahanf kommt dabei zur Verwendung, wird überdies noch mit
Karbolineum getränkt, hält aber trotzdem selten länger als ein halbes
Jahr aus. Das Netz hat eine Länge von etwa 75 Metern und ist nach Art der
Mausefallen gebaut. In die durch den Baum weit ausgereckte Öffnung
streichen die Fische hinein, bis in das Hinterende, den sogenannten Sack,
den eigentlichen Behälter, der vorn durch einen lose aufliegenden
Netzteil nach innen geschlossen wird, so daß die Fische wohl hinein,
nicht aber heraus können. Die ganze Vorrichtung wird an einer Stahltrosse
über den Grund geschleppt (Abb. 1).
[Illustration: Abb. 1. Grundschleppnetz (durch Scherbretter
offengehalten). Nach einer Zeichnung von R. Oeffinger.]
Stunde um Stunde verstreicht in langweiligem Gleichmaß, und mit
gespannter Erwartung sieht alles dem gegen Mittag stattfindenden Fischzug
entgegen. Nichts hört man, als das einförmig träge, schwerfällig
stampfende Getön der Maschine. Endlich naht die Entscheidung. Wieder
steht der Kapitän am Ruder -- ein Zeichen -- der Dampfer luvt an, und die
durch Dampf getriebene Winde beginnt ihr metallisch dröhnendes Getöse,
indem sie die Stahltrosse einhievt (einholt), die, fast bis zum Springen
gesteift, durch eine mit Kolben versehene Luke sich am Oberdeck
hereinzwängt. Jetzt wird der Baum sichtbar, wagerecht hinten und vorn
gehievt, dann eine »Taille« von mächtiger Stärke eingehakt, und nun heißt
es, ihn hoch holen, was bei einem solchen Koloß natürlich auch nur die
Dampfkraft zu schaffen vermag. Zunächst wird das Achterende vorgehievt,
dann kommt das Vorderende dran, und nun steigt wie ein triefendes
Seeungetüm Baum und Netz allmählich über Wasser, höher und höher, und
endlich donnert, übergeholt, der eiserne Bügel auf Deck. Im gleichen
Augenblick faßt die Mannschaft ins Netz. Weit nach hinten beugen sich die
Leute über und holen mit Anstrengung aller Kräfte ruckweise Stück für
Stück herauf. Rauher Gesang muß die saure Arbeit erleichtern, und ein
graubärtiger Mecklenburger mit wetterhartem Ledergesicht gibt dabei den
Takt an. Das Netz ist an Deck. Weit vorgebeugt stiert der Kapitän mit
langgestrecktem Halse ins Wasser, nicht weniger gespannt die gesamte
Mannschaft -- alle nach einer bestimmten Stelle. Plötzlich steigen an
dieser ganze Massen von Blasen perlend an die Oberfläche, und darunter
aus der Tiefe kommt es grünlich schimmernd höher und näher: es ist der
Sack, der auftreibt, aber er tut dies nur, wenn er reichen Fischsegen
birgt. Ein vergnügtes Schmunzeln wetterleuchtet über das zerknitterte
Gesicht des Kapitäns; er hat guten Grund dazu, denn sein Einkommen
besteht hauptsächlich in dem Gewinnanteil. Jetzt ist der Sack so hoch,
daß man den weißschimmernden Inhalt erblickt, festgekeilt in gewölbter
Masse, wobei aus den Maschen namentlich die schmalen Leiber der Seezungen
herausragen. Wieder beginnt das Dröhnen der Winde, unendlich langsam und
schwerfällig erhebt sich der pralle Sack triefend in die Lüfte, der
Dampfer neigt sich merklich nach Steuerbord über unter der Last, die
jetzt, hereingeschwungen, über dem Vorschiff schwebt. Vergeblich versucht
man, den schürzenden Knoten zu lösen, die strotzende Masse im Netz
bekneift ihn; erst als ein Mann aufs Tau springt und mit der ganzen
Körperlast wippend auf und niederschwingt, gibt es nach, und nun -- ein
dumpfer Schlag aufs Deck -- mit einem Ruck hat der Sack sich seines
Inhalts entledigt, und plötzlich ist der Raum von einer weiß
schimmernden, glitzernden Masse übergossen, die einen Augenblick, als
schöpfe sie Atem nach der furchtbaren Pressung im gestrafften Netz, in
Ruhe verharrt und dann zappelnd, springend, schlagend und glitschend,
wirr durch- und übereinander drängend ein so verblüffendes Bild des
Lebens oder eigentlich des Sterbens darbietet, daß es jeder Beschreibung
spottet.
Die Hauptmasse bildet der Schellfisch, der mit seinem weißen Leibe
gewissermaßen den Untergrund des ganzen Bildes malt, und der gefräßige
Kabeljau mit dem gierig glotzenden Auge und dem weit geöffneten Rachen.
Daneben windet sich ein Steinbutt mit flachen Rändern, kurzem Schwänzchen
und einem Kopf, der aussieht, als hätte der Schöpfer sich verzeichnet.
Und was ist das hier? Ein Steinbutt nicht, aber ein ähnliches Getier mit
starken Stacheln auf dem breiten, buntscheckig getigerten Rücken und
einem ebenso fleckigen Stachelschwanze -- ein Rochen oder, wie der
Fischer ihn nennt, ein »Franzose.« »Rrrruck, rrrruck« sagt es plötzlich
neben uns -- das sind Knurrhähne. Dazwischen schimmert rot und goldfarben
das Petermännchen -- »mecklenburgischer Ritter« heißt es in der
Fischersprache, wohl kaum seiner hohen Denkerstirn, sondern eher der
harten, scharfkantigen Rückenflosse wegen. Weiterhin zarte Seezungen mit
schmächtigen Leibern und graue Schollen, Proletarier im Aussehen, aber
nicht im Geschmack. Hallo -- ein Hai? Wahrhaftig -- die dreieckige
Rückenflosse, der weiße Bauch, der zurückspringende Unterkiefer -- alles
stimmt. In Sprüngen schiebt sich der meterlange Bursche über die anderen
Fische hin. Immer neue Formen unterscheidet man in der wirren Masse, die
wie mit einer Art Füllsel durchsetzt ist von schlammüberzogenen Muscheln
und sonderbar traubenartig gestalteten Lebewesen eklen Aussehens,
»Seehenne« benannt. Da schnellt es auf, ein großer, schlanker und
schöner, man könnte sagen, eleganter Fisch von gut Meterlänge mit
fadenförmigem Auswuchs am Unterkiefer -- der Lengfisch. Daneben ein
Seehecht mit dem gefährlichen Gebiß, dem man besser im Bogen aus dem Wege
geht. Wer zählt und nennt sie alle, edle und unedle, seltene und gemeine,
Korksohlen, Schaben, Rotzungen, Makrelen und andere mehr? Dazwischen und
darüber krabbelt und kriecht es -- Seespinnen mit gespenstigem Kopf und
langen Beinen, Krebse von teilweise riesigen Ausmaßen, auf deren
gepanzertem Rücken sich eine ganze Welt von Schmarotzern häuslich
eingerichtet hat. Ein mächtiger Hummer öffnet die gewaltigen Scheren zum
Angriff -- mitten aus dem glänzenden Weiß der Fischleiber hebt er sich
funkelnd schwarz ab, und sein Panzer erinnert in der Wirkung überraschend
an den eines japanischen Ritters. Einer der Matrosen befreit plötzlich
mit erschrockenem Ruck seine Stiefel aus einer Umklammerung und fällt
dabei ausglitschend mitten unter die Fische. »Ein Kater -- ein Kater!«
Richtig -- ein Katfisch war gefangen und hatte den Stiefel eines Mannes
erwischt, jedoch nur ein kleines Ende, sonst wäre der Matrose nicht so
leicht losgekommen. Ein grauliches, halb mannslanges Tier mit dem
Ausdruck gemeinster tierischer Roheit in dem riesigen Kopfe. Ihm
entspricht auch alles übrige -- der Körper hat keine eigentlichen
Schuppen, sondern eine faltige, schlammgraue Haut, der Rücken keine
eigentliche Flosse, sondern mehr eine schlammgraue, handbreite Mähne. Das
Maul aber ist mit richtigen, stumpfen Menschenzähnen besetzt, Zunge und
Gaumen bilden eine harte Hornmasse. Was zwischen diese Zähne gerät, wird
rettungslos zermalmt. Ein Mann steckt dem Katfisch einen Besenstiel ins
Maul, in den er sich sofort derart verbeißt, daß er daran aufs Achterdeck
geschleift werden kann. Auch das Fleisch dieses Untiers wird verkauft,
aber in Kotelettenform und der Kopf vorher abgeschnitten, da es der
Käufer sonst wohl mit dem Gruseln bekommen würde. Aus der gegerbten Haut
werden in Norwegen Stiefel gemacht. Noch ein anderer merkwürdiger
Schlingel ist da -- ein Seehase, jenes sonderbare, kugelig-stachelige
Wesen mit den wulstigen Menschenlippen, das man als Dämon der
Seekrankheit bezeichnen könnte, denn von Zeit zu Zeit speit er den
wässerigen Inhalt seines Bauches mit dem ganzen Jammerausdruck eines von
Poseidon geplagten Menschenkindes aus.
Die Mannschaft beschäftigt sich zunächst mit dem Auslesen der Fische in
eine große Anzahl weidengeflochtener Körbe, deren jeder 50-60 kg faßt.
Hand in Hand damit geht auch das Abtöten und Ausweiden. Kreischende
Geschwader von Möwen und Seeschwalben sowie ganze Züge von
»Meerschweinen« (Delphinen) folgen dem leckeren Fraß versprechenden
Schiffe und gieren nach den ins Wasser geworfenen Eingeweiden. Dann
treten Männer mit Schlauch und Besen an, reinigen zunächst durch einen
starken Wasserstrahl den Inhalt der Körbe und säubern dann das Deck,
nachdem andere alle minderwertigen oder abgestandenen Fische, Muscheln
und dgl. über Bord geschaufelt haben. So hält man heute durch strenge
Reinlichkeit die widerwärtigen Ausdünstungen der Fischrückstände von den
Dampfern fern, die früher für Menschen mit empfindsamen Geruchsorganen
den Aufenthalt auf ihnen zur Qual machten. Schließlich wird der ganze
Fang unter Bord verstaut, und mit vergnügtem Gesicht trägt der Kapitän
die Anzahl der Körbe in sein Tagebuch ein.
Nicht immer aber liefert der Fischzug eine so mannigfache Beute, nicht
immer einen so reichen Ertrag. Gar nicht selten hängt der aufgezogene
Netzbeutel schlaff und fast leer herab, oder sein Inhalt erweist sich als
ein ärmlich-schrumpeliges Päckchen minderwertiger Fische. Das ist immer
noch besser, als wenn das Netz zwischen die Trümmer eines Wracks gerät,
wie es in der stark befahrenen Nordsee oft genug der Fall ist. Dann
enthält es nur in Tang und Schlick gehülltes Trümmerwerk aller Art mit
unkenntlichen, schlammigen Anhängseln, ist überdies meist zerrissen und
macht langwierige und kostspielige Flickarbeit notwendig. So schraubt
sich Tag für Tag ab in regelmäßigem Einerlei von Fischzug zu Fischzug.
Man hört währenddem nur von Fischen, sieht nur Fische, ißt nur Fische,
und so vermag man schließlich auch kaum noch etwas anderes zu denken als
Fische. Jedermann begrüßt es deshalb als Erlösung und willkommene
Abwechslung, wenn endlich alle Körbe gefüllt sind und der Kiel heimwärts
gerichtet wird. Mit wehender Reederflagge holt der Fischdampfer durch die
Schleusen und vertaut sich im alten Hafen von Bremerhaven, diesem
Brennpunkte des deutschen Fischhandels. Hier beginnt sofort das Löschen.
In den Fischschuppen ertönt das Getöse der Eismaschine, die die großen
Blöcke zu Grus zermalmt. Gebückte Gestalten schichten in strohbelegte
Körbe Fische und Eis, Fische und Eis, immerfort, mit erstaunlicher
Schnelligkeit (Abb. 2). Draußen rollen schon die Eisenbahnwagen herbei,
um das seefrische Meeresfleisch als Eilgut ins Binnenland zu tragen. Wenn
es dort am nächsten Morgen auf dem Wochenmarkte angeboten wird, sind die
Fischer längst wieder auf hoher See und werfen ihre Netze aus.
[Illustration: Abb. 2. Korb zur Versendung von Seefischen. (Aus dem
Flugblatt des Deutschen Seefischerei-Vereins.)]
Seit Jahrhunderten ist der =Hering= (_Clúpea haréngus_) derjenige Fisch,
dem seines massenhaften Auftretens, seiner Schmackhaftigkeit und seines
hohen Nährwerts wegen von den Küstenbewohnern des nördlichen Europa am
meisten nachgestellt wird; kein zweiter hat für die Ernährung breiter
Volksschichten eine auch nur ähnliche Bedeutung erlangt wie er. Er ist
der Fisch des Armen, ein Fleisch für alle, eine unentbehrliche Zukost für
weite Kreise, ein wahrer Segen für unsere Küstenbevölkerung. Aber er
bildet nicht nur, halb vertrocknet und mit einer Salzkruste überzogen, im
Verein mit Pellkartoffeln oder Roggenbrot des armen Mannes ärmlichste
Mahlzeit, sondern prangt auch frisch und fetttriefend auf üppiger Tafel
und hat sich überdies auch noch das unerschütterliche Zutrauen aller
feuchtfröhlichen Zecher erworben, die sich auf seinen Beistand verlassen,
wenn sie dem Bacchus oder Gambrinus zu erliegen drohen. Geradezu
kulturgeschichtliche Bedeutung kommt diesem unscheinbaren Fische zu.
Selbst in der Kriegsgeschichte hat er mehr als einmal eine Rolle
gespielt. So 1428, unmittelbar vor dem Auftreten der Jungfrau von
Orleans, als die Engländer von den Franzosen hart bedrängt und
ausgehungert wurden. Da erschien zu guter Stunde Sir John Falstaff mit
Hilfstruppen und einer ungeheuren Ladung Heringe, durch die die
Ermatteten wieder zu Kräften kamen und so den stürmenden Gegner vorerst
erfolgreich zurückschlugen. Das war die berühmte »Heringsschlacht« bei
Rouvray, auf der alten Walstatt zwischen Tours und Poitiers. Niemals aber
hätte der Hering (der Name soll mit seinem »heerweisen« Erscheinen
zusammenhängen, während ihn andere mit der altholländischen Handelsmarke
des Rings [_hring_] in Verbindung bringen) eine so bedeutsame Stelle in
der Rangordnung menschlicher Speisen errungen, wenn nicht zu seiner
Wohlfeilheit noch seine ungewöhnlich mannigfaltige Zubereitungs- und
Aufbewahrungsweise hinzugekommen wäre. Namentlich durch das Einsalzen
wurde der Fisch auch für den Binnenländer erst recht nutzbar und damit zu
einem wichtigen Handelsartikel für die ganze Welt, während früher sein
Verbrauch auf kleine Küstenstriche beschränkt war. Ein schlichter
holländischer Fischer, Willem Benkels oder Bökels (daher die Ausdrücke
»einpökeln« und »Böklinge« = »Bücklinge«) soll in der 2. Hälfte des 14.
Jahrhunderts diese wichtige Entdeckung gemacht und damit den Grundstein
für den Reichtum und die Handelsmacht seines Vaterlandes gelegt haben.
Die Chroniken berichten, daß selbst der weltgebietende Kaiser Karl V.,
der im Gegensatze zu den heutigen Spaniern leidenschaftlich gern
gesalzene Heringe aß und auch recht wohl wußte, daß »Amsterdam aus
Heringsgräten gebaut« sei, 1536 von Brüssel aus in Begleitung seiner
beiden Schwestern, der Königinnen von Ungarn und Frankreich eigens nach
dem ärmlichen Fischerdörfchen Bieroliet (welch passender Name!) reiste,
um das Grab des verdienten Mannes aus dem Volke durch seinen Besuch zu
ehren. Nach anderen Quellen soll freilich schon der fromme Bischof Otto
von Bamberg, der Bekehrer Pommerns ([gestorben] 1139) das Einsalzen der
Heringe gekannt haben.
Über die Naturgeschichte des Herings, der eines der friedfertigsten
Geschöpfe ist und sich durch den ungemein zarten Bau seiner Kiemen
auszeichnet, weshalb er nur schwer lebend zu versenden und kaum in
Gefangenschaft zu halten ist, sind wir noch keineswegs so gut
unterrichtet, wie es die ungeheure wirtschaftliche Bedeutung dieses
Fisches wünschenswert machte; späteren Forschungen winkt hier noch ein
weites und lohnendes Arbeitsfeld. Noch immer wissen wir nicht, worauf
eigentlich das plötzliche Ausbleiben der großen Heringsschwärme aus
Gegenden, wo sie Jahrhunderte lang zu Milliarden erschienen,
zurückzuführen ist, wir können nur annehmen, daß allzu schonungsloser
Fang oder uns unbekannte ozeanographische Veränderungen die wirksamen
Faktoren dabei sind. Nur das steht fest, daß Perioden reichen und
spärlichen Fangs mit einer gewissen Regelmäßigkeit in bestimmten
Zeiträumen für die einzelnen Länder abwechseln. Während im verflossenen
Jahrhundert Schotten und Norweger die Meistbegünstigten waren und sich an
den deutschen Küsten nur ein wenig lohnender Fang ermöglichen ließ, ja
die Ostsee nahezu ausgefischt erschien, will es scheinen, daß das neue
Jahrhundert uns wieder einen stark vermehrten Heringssegen bescheren
wird. So brachten schon die Jahre 1907 und 1909 ungeheure Heringsschwärme
an unsere Küsten, und der reiche Fang war der hart geprüften
Fischereibevölkerung wohl zu gönnen. Einzelne Fischerdörfer an der Kieler
Föhrde erzielten in einer einzigen Nacht Fänge von 8 Millionen Stück und
mehr. Es war kaum möglich, die Netze ordnungsgemäß einzuziehen, denn
Rücken an Rücken gedrängt erfüllten die Fische in dichten Mengen die
Flut. Der Preis für Räucherware, die beliebten Bücklinge, ging aber
trotzdem nicht wesentlich herunter, da der Ring der Räucherer dafür
sorgte, daß der Meeressegen dem Volke keine billige Nahrung bringen
konnte. Dagegen wurde auf dem Lübecker Markt der Eimer frischer Heringe
(150-200 Stück) mit zwanzig Pfennigen verkauft, ein Preis, der stark an
die fast sagenhaft gewordenen Zeiten fabelhaften Fischreichtums unserer
Meere erinnerte. Mit Vorliebe benutzen die Heringe neuerdings den
Nordostseekanal selbst zum Laichen, bekamen hier aber zunächst infolge
der starken Verunreinigung des Wassers einen widerlichen Karbolgeschmack,
der jedoch verschwunden ist, seit man in richtiger Erkenntnis der
Sachlage für eine möglichste Klärung und Unschädlichmachung der
zahlreichen Abwässer Sorge getragen hat. Früher glaubte man, daß der
Hering seinen eigentlichen Wohnsitz in den nördlichen Eismeeren habe und
von da aus lediglich des Laichgeschäftes halber die südlicheren
Meeresteile besuche. Diese Annahme hat sich jedoch als unhaltbar
herausgestellt, es scheint vielmehr sicher zu sein, daß der Hering
räumlich nur beschränkte Wanderungen vollführt, die mehr in einem
Aufsteigen aus tieferen Schichten in flachere Meeresteile bestehen. So
sollen große Heringsvölker ständig in den tiefen Teilen des Atlantik
unmittelbar vor der Westküste Irlands und Schottlands wohnen, während die
flache Ostsee von unserem Fisch wohl überhaupt nur zur Laichzeit
aufgesucht wird. Diese ist nicht streng an eine bestimmte Jahreszeit
gebunden, da alte und junge Heringe zu verschiedener Zeit zu laichen
scheinen. Auch noch nicht fortpflanzungsfähige Heringe wandern schon und
sind den Fischern als Jungfern- oder Matjesheringe bekannt; sie haben
zartes Fleisch, sind aber wenig haltbar.
Das geübte Auge der Fischer und der Fachgelehrten unterscheidet eine
ganze Reihe von Lokalrassen, die ihre bestimmten Wanderstraßen einhalten,
die sicherlich auch ihre bestimmten Wohnplätze haben und sich nicht
leicht mit anderen Rassen vermischen. Simroth sucht ihre Entstehung in
geistvoller Weise durch seine Pendulationstheorie zu begründen. Nach
seiner Auffassung entstammt der Hering ursprünglich dem Süßwasser. Dies
geht auch daraus hervor, daß die Charaktermerkmale der einzelnen Rassen
sich umso mehr verwischen, je weiter sie in die ja sehr salzarme Ostsee
vordringen. Ganz im Sinne des Darwinismus unterscheiden sich die
Heringsrassen in der nur graduell verschiedenen Weise, wie die einzelnen
Arten der Clupeiden, und man kann von der Entstehung der Varietäten auf
die der Gruppen höherer Ordnung schließen. Deren Scheidung hat sich
wahrscheinlich unter dem 42. Breitengrade vollzogen, also an der heutigen
Südgrenze der Arten, wo die Geoidform der Erde am meisten von der Kugel
abweicht, demnach die Beeinflussung der Organismen am stärksten sein muß.
Von hier ist zuerst die Sardine, später die Sprotte ins offene
Meer mit seinen gleichmäßigeren Temperatur- und reichlicheren
Ernährungsverhältnissen abgewandert, während der Hering am längsten die
Mitte zwischen Süßwasser- und Seefisch innehielt. Den genannten Arten am
ähnlichsten ist übrigens der kleine Hering des Weißen Meeres, also die
nördlichste Rasse. Die Herbstheringe sollen tiefer in die brackigen
Buchten eindringen als die Frühjahrsheringe. Von der überwältigenden
Massenhaftigkeit der einen wahren Himmelssegen für viele Küstenländer
bildenden Heringsschwärme vermag sich derjenige, der dieses großartige
Schauspiel nicht mit eigenen Augen geschaut hat, kaum einen richtigen
Begriff zu machen. So dicht schwimmen die sich von verhältnismäßig
kleinen Meeresorganismen nährenden Fische zusammen, daß ein dazwischen
gestecktes langes Ruder aufrecht stehen bleibt, daß ein in diese
fortpflanzungshungrige Massenprozession geratenes Boot emporgehoben wird
und in Gefahr gerät, daß die »Milch« der Männchen weithin das Wasser
trübt. Die Weibchen kleben ihre Eier entweder an Tang oder sie lassen sie
einfach frei in die See fallen. Mit atemloser Spannung folgt man am
Strande, wo außer Tausenden von Fischern auch ungezählte Salzhändler,
Faßdaubenverkäufer, Mädchen, Gaukler, landstreichende Prediger und
Seelenerwecker versammelt sind, der Bewegung der Heringszüge. »Wenn die
wirkliche Fischzeit beginnt«, schildert Bertram, »bemächtigt sich eine
Art Wahnsinn aller Versammelten: alles arbeitet, alles spricht, alles
denkt nur vom Heringe.... Junge Herzen beten für den Erfolg der Boote
ihrer Geliebten, weil dieser Erfolg ihnen des Herzens größtes Sehnen, den
Ehering und die Haube bringen soll; aus des Sulzers Augen leuchten
gehobene Stimmung und große Hoffnung hervor; die Besitzer noch
unbenutzter Boote scheinen glücklich zu sein; kleine Kinder selbst nehmen
an der Erregung vollen Anteil, auch sie sprechen von nichts als vom
Heringe. Es wird verglichen und getüftelt, geweissagt und gewettet,
geflucht und gebetet, gezweifelt und gehofft.« In Norwegen spannt man
ganze Buchten, nachdem die Heringe ihren Einzug gehalten haben, mit
riesigen Netzwänden ab und fischt dann die Meeresernte allmählich heraus.
Dann kann es vorkommen, daß 100 Yachten und mehr mit je 100 Tonnen
gefangener Heringe befrachtet werden. Oft ist der Segen so groß, daß auch
die vielen Tausende fleißiger Hände ihn nicht in 2 bis 3 Wochen zu
bewältigen vermögen, so daß ein großer Teil der eingeschlossenen Fische
abstirbt und nun weithin Wasser und Luft verpestet, worauf die Heringe
einen solchen Platz jahrelang meiden sollen.
[Illustration: Abb. 3. Der Räucherofen in der Räucherei von H. A. Krantz
in Kiel.]
Obwohl oft auch Millionen Heringe lediglich zum Düngen der Felder
verwendet werden müssen, ist die unter Umständen so ergiebige
Heringsfischerei doch als eine Art Glücksspiel zu bezeichnen, denn es ist
nicht selten, daß die Kutter in stürmischen Zeiten ohne einen einzigen
Fisch zurückkehren müssen und vielleicht gar noch ihre wertvollen Netze
verloren haben. Bei uns fischt man zumeist mit Netzfleethen, deren jeder
Logger zwei führt und damit unter günstigen Umständen in einer Nacht
70-80000 Heringe zu fangen vermag. Während der Nachmittage erfolgt das
umständliche Auslegen der Netze, nur des Nachts fangen sich die Heringe,
und am Morgen werden dann die Netze geleert. Ein besonders schnell
segelndes Fahrzeug, »Jager« genannt, übernimmt die bereits an Bord
zurechtgemachte Ausbeute der Logger und bringt sie gleich an Land. Kann
sich auch die deutsche Heringsfischerei nach Umfang und Ausdehnung noch
nicht mit der ausländischen messen, so zeichnet sie sich doch vorteilhaft
durch die in ihren Betrieben herrschende Reinlichkeit und durch die
sorgfältige Behandlung und Zubereitung der gefangenen Fische aus, deren
Güte dadurch ganz wesentlich gewinnt. Unter Vollheringen versteht man die
im Gegensatz zu den Matjesheringen geschlechtlich voll entwickelten,
großen und fetten Fische, unter Ihlenhering die nach dem Ablaichen
gefangenen, unter Wrackhering die Ware geringerer Güte, unter Bückling
den geräucherten Hering. In England, dem Lande der Rücksichtslosigkeit,
verwendet man leider zum Heringsfang vielfach zu engmaschige Netze, in
denen sich auch die wertlosen Jungheringe zwecklos mitfangen, wodurch der
Fischerei schwerer Schaden erwächst und die Meere von diesen nützlichen
Fischen entvölkert zu werden drohen. Das englische Parlament plant
deshalb jetzt strenge Maßregeln gegen eine derartig gemeingefährliche
Raubfischerei.
[Illustration: Abb. 4. Das Aufziehen der Sprotten auf die Spillen in der
Räucherei von H. A. Krantz in Kiel.]
Zarter im Fleisch und feiner im Geschmack als der Hering ist die
kleinere Sprotte (_Clúpea spráttus_), die in ihrer Lebensweise ganz dem
großen Vetter gleicht. Auch sie wird namentlich in der Kieler Föhrde
massenhaft gefangen (die Eckernförder Fischer erbeuten allein
durchschnittlich 16 Millionen im Jahr) und geräuchert als »Kieler
Sprotte« in den Handel gebracht. In Norwegen dagegen salzt man denselben
Fisch ein, und er erfreut sich dann als Anchovis eines guten Rufes. Auch
die Sprottenfischerei hat an den guten Heringsfängen der letzten Jahre
ihren vollgewichtigen Anteil gehabt, und es liegen darüber ganz
begeisterte Berichte von der Ostseeküste vor. In der Kieler Föhrde
konnten beim Erscheinen der riesigen Herings- und Sprottenschwärme die
Fischer ihre Boote fast allnächtlich bis zum Rande füllen, oft die
übermäßig schweren Netze gar nicht ziehen, die Bahn vermochte kaum den
Transport zu bewältigen und mußte vor die besonders eingestellten
»Fischzüge« noch Vorspannlokomotiven legen, die Kiste Heringe mit 600
Stück erzielte im Großhandel nur 50 Pfennig, trotzdem mußten die Fische
noch waggonweise als Dünger fortgefahren werden. Solche Tatsachen geben
einen Begriff von dem unerschöpflichen Reichtum, von der wunderbaren
Fruchtbarkeit des Meeres. Hauptsitz unserer Sprottenräucherei ist das
unweit Kiel auf der anderen Seite der Bucht gelegene Dorf Ellerbeck. Von
einem eigentlich fabriksmäßigen Betrieb ist aber auch hier kaum die Rede,
denn die meisten Räuchereien haben trotz ihrer großen Leistungsfähigkeit
nur recht bescheidenen Umfang. Auch geht das ganze Verfahren unglaublich
rasch vor sich, zumal in den Betrieben eine weitgehende und praktische
Arbeitsteilung herrscht. Das Sprichwort »Frische Fische -- gute Fische«
gilt hier mehr als je, und es ist ein gewaltiger Unterschied zwischen den
gold- und fettglänzenden Fischchen, die noch tags zuvor munter im Meere
herumschwammen, und den verschrumpelten, eingetrockneten Sprotten, die in
den bekannten flachen Holzkistchen in den Schaufenstern der
Delikatessenhändler unserer Kleinstädte prangen. Oft genug sind es trotz
ihrer unzweifelhaften Kieler Herkunft auch gar keine echten Sprotten,
sondern andere kleine Meeresfische. Man kann sich leicht genug darüber
vergewissern. Streicht man nämlich den Fischen mit dem Finger auf der
Unterseite des Bauches vom Schwanz nach dem Kopf entlang, so muß es sich
rauh anfühlen, weil dort kleine Stacheln vorhanden sind. Trifft das nicht
zu, so sind es auch keine echten Sprotten. Die frisch gefangenen
Fischchen werden zunächst für eine Stunde in Salzlake gelegt und dann in
wassergefüllten Kübeln oder gemauerten Bassins durch Bearbeitung mit
Reisbesen entschuppt und gewaschen. Dann kommt das »Aufspillen«, indem
man die Sprotten auf stricknadelstarke Eisenstäbe reiht, und zwar so, daß
der Stab durchs Kiemenloch eingeführt wird und aus dem Maule wieder
hervortritt. Die mit Fischen behängten Stäbe kommen in rechteckige,
hölzerne, blechbeschlagene, je 2400 Stück fassende Rahmen und diese auf
die Räucheröfen, zunächst unten hin, nach einigen Stunden an die oberste
Stelle. Innerhalb 10 Stunden können 2 der kaminartigen Öfen über 10000
Sprotten räuchern. Die gleichmäßige Unterhaltung des Feuers ist wichtig
für die Erzielung hervorragend guter Ware. Man verwendet mit Vorliebe
Erlenholz, schüttet auch ab und zu Lohe auf oder begießt mit Wasser, um
eine recht kräftige Rauchentwicklung hervorzurufen; über die Rahmen und
Öfen gespannte Vorhänge und Leintücher sorgen dafür, daß der Rauch den
Fischen auch in vollem Maße zugute kommt. Nach Beendigung des Räucherns
werden diese für eine halbe Stunde abgekühlt, dann von den Drähten
abgestrichen und können nun sofort zum Versand verpackt werden. Den
entsprechenden Betrieb in einer größeren, mehr fabrikmäßig eingerichteten
Kieler Räucherei veranschaulichen unsere Abbildungen 3 und 4.
Was die Sprotte für unsere deutschen Meere bedeutet, das ist die
=Sardine= (_Clúpea pilchárdus_) für die Gestade des Atlantik und des
Mittelmeers. Ja sie ist in volkswirtschaftlicher Beziehung noch
wichtiger, denn das Wohl und Wehe weiter Länderstrecken hängt von dem
Erscheinen dieses kleinen Fisches ab. Und das pflegt durchaus kein
regelmäßiges zu sein, obschon man sich über die Gründe des gelegentlichen
Ausbleibens bisher noch nicht recht klar zu werden vermochte, wie wir
überhaupt über die Naturgeschichte der Sardine und insbesondere über den
Verlauf ihrer Massenwanderungen noch weniger gut unterrichtet sind, als
beim Hering. Es fehlte bisher auch der Zwang der Not zu solchen Studien,
denn da die großenteils noch unbekannten Laichplätze des Fisches so
ziemlich unbehelligt bleiben, ist auch von einer Abnahme der
Riesenschwärme einstweilen nichts zu spüren. So beschränkt sich unsere
Kenntnis des Fisches -- abgesehen von seinem Verhalten auf der Wanderung
-- fast nur darauf, daß er von noch zarterem Leibesbau ist als der Hering
und deshalb von höchster Empfindlichkeit gegen Unbilden jeder Art, daß
ihn dies aber nicht hindert an der Entwicklung einer großartigen
Gefräßigkeit, die allerdings in der Hauptsache nur winzigen Krebstierchen
gilt. Junge Sardinen scheinen ihrem grün gefärbten Darm- und Mageninhalte
nach vielfach auch pflanzliche Stoffe zu sich zu nehmen; ferner Urtiere,
kleine Ringelwürmer und gewisse, frei im Wasser schwimmende Wurmeier. Der
Name soll damit zusammenhängen, daß früher an der Küste Sardiniens der
ergiebigste Sardinenfang betrieben wurde, während heute entschieden die
malerische Küste der Bretagne als der Hauptsitz dieser Fischerei
bezeichnet werden muß. 8200 Boote und 32000 Fischer stehen dort ständig
in ihren Diensten, und allein in dem Hafenplatze Concarneau verarbeiten
60 Konservenfabriken alljährlich 1 Million Zentner Sardinen. Aber das ist
noch lange nicht der ganze Fang. Es kommt vor, daß mit einem einzigen
Zuge dem Meere Millionen der glitzernden Fischlein entrissen werden, doch
es ist auch nichts Seltenes, daß die Boote vollkommen leer zurückkehren,
was dann die düsterste Stimmung unter der Bevölkerung auslöst. So
vermochten 1905 von 600 Sardinenbooten aus Douarnenez nur 50 einigermaßen
Ladung zu erzielen. Auch überreiche Fänge sind den Fischern keineswegs
erwünscht, denn das volkswirtschaftliche Gesetz von Angebot und Nachfrage
trifft sie besonders hart, und die Preise sinken dann plötzlich derart
(bis auf 2-1/2 Franken für das Tausend), daß sich das Hinausfahren und
das Ausstreuen des kostspieligen Köders kaum noch verlohnt. Lustig genug
sieht es ja aus, wenn die Boote mit den himmelblauen Netzen am Mast und
mit geschwellten rabenschwarzen Segeln zum schmalen Hafenausgange
hinaustreiben, während das Meer blausilbern schimmert, dabei rötlichgelbe
und violette Tinten aufweist und weiße Spitzenhäubchen die kurzen,
prallen Wogen krönen. Aber die Kehrseite der Medaille ist doch vielfach
ein großes soziales Elend. Nur freiwillige Beschränkung der Fischerei und
gesetzliche Festlegung eines Mindestpreises vermöchten dem Übel zu
steuern. Die Sardine gilt als ein sehr scheuer Fisch, und ihr Fang
erfordert deshalb große Vorsichtsmaßregeln. Daher auch die himmelblauen
Netze, die für den Strand der Bretagne ebenso kennzeichnend sind, wie die
roten Jakobinermützen der Fischer für den Golf von Neapel. Und da der
Fang vielfach bei Nacht betrieben wird, verwendet man die schwarzen
Segel, die den bretonischen Küsten ein so eigenes Gepräge geben. Am Tage
machen sich die Sardinenschwärme oft schon von weitem bemerklich, da die
Fischlein bei Sonnenschein, dicht aneinander gepreßt, gern zur Oberfläche
emporsteigen, plätschern und springen und so die öde Wasserwüste in ein
leuchtendes, blitzendes Silberfeld verwandeln. Der an Land gebrachte Fang
wandert korbweise in die Fabriken, wo den Fischen zunächst der Kopf
abgeschnitten und die Eingeweide ausgenommen werden. Dann werden sie eine
Stunde lang in warmer Luft (am besten im Freien) getrocknet und für
einige Minuten in siedendes Öl getan. Frauen und Mädchen in schwarzen
Kleidern, mit großen Schürzen und zierlichen, weißen Häubchen sitzen an
langen Tafeln und legen die Fischlein mit peinlichster Sorgfalt in
Büchsen, worauf noch Öl mit verschiedenen Würzen und Zutaten (z. B.
Tomaten) je nach dem Geschmack der Kundschaft, der in den einzelnen
Ländern verschieden ist, nachgefüllt wird. Das schwierige Verlöten der
Blechbüchsen dagegen ist Männerarbeit, denn es gehört eine sichere Hand
und große Übung dazu, völligen Luftabschluß zu erzielen. Die verlöteten
Büchsen werden nochmals in kochendes Wasser getan, dann etikettiert, und
nunmehr sind die weltbekannten Blechdosen mit ihrem wohlschmeckenden
Inhalt versandfertig. Was in der Bretagne gefangen wird, sind fast
ausschließlich junge, noch nicht laichfähige Sommer- und Herbstsardinen.
Die ausgewachsenen und fortpflanzungsfähigen Sardinen sind bedeutend
größer, fetter und schwerer, haben aber ein viel gröberes Fleisch und
werden als »Pilchards« hauptsächlich an den britischen Küsten gefischt.
In den amerikanischen Gewässern wird die Sardine durch _Clúpea menháden_
vertreten. Dieser Fisch ist noch feiner und zarter im Geschmack, aber
dabei so grätenreich, daß der findige Yankeegeist erst eine besondere
Entgrätungsmaschine für ihn austüfteln mußte, damit er als
aussichtsreicher Mitbewerber auf dem Weltmarkte auftreten konnte.
[Illustration: Abb. 5. Dorsch (_Gadus morrhua_).
(Phot. von Oberl. W. Köhler, Tegel.)]
Als letzter und zugleich kleinster Vertreter der individuenreichen
Heringsfamilie sei endlich noch die =Sardelle= (_Engraúlis
encrasichólus_) genannt. Auch dieses zarte Fischlein wohnt westlich und
südlich von uns, ist im Mittelländischen Meere besonders häufig, dringt
aber in manchen Jahren scharenweise auch in die Nordsee und gelegentlich
selbst in die Ostsee ein. In stark gesalzenem Zustande hat es als
Anchovis Weltberühmtheit erlangt. Die Fischerfrauen am Mittelmeer haben
im Einmachen dieser kleinen Geschöpfe eine fabelhafte Geschicklichkeit
erworben, indem sie ihnen mit ihrem zu diesem Zwecke sorgsam gepflegten
Daumennagel den Kopf abkneifen und gleichzeitig die Eingeweide fassen und
herausziehen.
Die vielen Fischen in so ausgesprochenem Maße eigene Farbanpassung an
Untergrund und Umgebung, die bei längerem Aufenthalt an den gleichen
Örtlichkeiten zu scheinbar ständigen Farbenvarietäten zu führen vermag,
ist in wissenschaftlicher Hinsicht sehr geeignet, den zoologischen
Systematiker bei der Aufstellung der neuerdings so beliebt gewordenen
Unterarten in hohem Maße zur Vorsicht zu mahnen. So sind die =Dorsche=
(_Gádus morrhúa_) in der Umgebung Helgolands in Anpassung an das dortige
rote Klippengestein von ausgesprochen rötlicher Färbung, sodaß man sie
wohl für eine eigene Unterform halten könnte, wenn sie nicht bei
Übertragung an andere Wohnorte alsbald auch eine andere, den neuen
Verhältnissen entsprechende Färbung annehmen würden. Während der =Dorsch=
(Abb. 5) oder =Kabeljau= (von unseren Ostseefischern Pomuchel genannt)
eine Länge von 1-1/2 kg und ein Gewicht von 40 kg (das Stockholmer Museum
besitzt sogar ein aus der Ostsee stammendes Riesenexemplar von 185 kg
Gewicht) erreicht, bleibt der allbekannte, ihm sehr nahe stehende,
silbergraue, mit kennzeichnendem schwarzem Schulterfleck gezierte
=Schellfisch= (_Gádus aeglefínus_) stets wesentlich kleiner. Mit diesen
beiden Formen, die nebst ihren zahlreichen Verwandten zu den Kehlflossern
gehören und durch schnittigen Körperbau und einen eigenartigen Bartfaden
an der Spitze der Unterkinnlade ausgezeichnet sind, lernen wir Fische
kennen, die wegen ihrer ungeheuren Vermehrungsfähigkeit (jeder Rogner
soll nach den Zählungen fleißiger Forscher 4, selbst 9 Millionen Eier im
Leibe tragen!), ihres Auftretens in nur nach Hunderttausenden und
Millionen zu schätzenden Heeren und wegen ihrer unersättlichen
Gefräßigkeit eine hervorragende Rolle im Haushalt der Natur und
namentlich im Stoffwechsel der nordischen Meere spielen. Wegen ihres gern
gegessenen und billig zu erlangenden Fleisches haben sie aber auch eine
große volkswirtschaftliche Bedeutung für den Menschen erlangt. Ganze
Fischerflottillen und Zehntausende von Strandfischern in den
verschiedensten Gegenden der nördlichen Halbkugel ernähren sich
ausschließlich oder fast ausschließlich vom Dorschfang, und ihre Beute
geht in getrocknetem Zustande weit in die Welt hinaus, ist selbst im
sonnigen Süden Europas und auf den heißen Plantagen Brasiliens zum
Nationalgericht geworden, weil keine andere gleich nahrhafte Fleischkost
sich zu einem auch nur annähernd gleich billigen Preise beschaffen läßt.
Obgleich die deutsche Dorschfischerei sich nicht entfernt mit derjenigen
der Lofoten und Islands oder gar Neufundlands messen kann und obgleich
auch in dieser Beziehung die weniger günstige Lebensbedingungen für
ausgesprochene Meeresfische bietende Ostsee weit hinter der Nordsee
zurücksteht, werden doch allein z. B. in der Bucht von Eckernförde
alljährlich mehr als 300000 kg Dorsche gefangen. 240 deutsche
Fischdampfer mit je 12-14 Mann Besatzung führen unablässig Krieg gegen
den Kabeljau, ununterbrochen Sommer und Winter, Tag und Nacht, und doch
vermögen sie kaum dem stets sich steigernden Bedürfnis zu genügen,
freilich ebensowenig die unerschöpflich scheinenden Heere dieser Fische
merklich zu vermindern. Brehm hat Recht, wenn er den Kabeljau bezeichnet
als »einen der wichtigsten Fische der Erde, dem man seit mehr als drei
Jahrhunderten unablässig nachgestellt hat, wegen dessen blutige Kriege
geführt worden sind, von dem in jedem Jahre mehrere hundert Millionen
Stück gefangen werden, und der dennoch diesem Vernichtungskriege Trotz
geboten hat, weil seine unglaubliche Fruchtbarkeit die von den Menschen
seinen unschätzbaren Heeren beigebrachten Lücken, bisher wenigstens,
immer wieder ausfüllte.« Wahrlich, nicht jedes in ähnlicher Weise
verfolgte Geschöpf ist in gleich glücklicher Lage! Sehr zustatten kommen
mag den Schellfischen beim Kampfe ums Dasein auch der Umstand, daß sie
nicht wie die meisten anderen Meeresfische auf bestimmte Tiefenschichten
des Wassers angewiesen sind, obschon sie im allgemeinen eine mäßige Tiefe
bevorzugen und nur zu der in die Fastenzeit fallenden, übrigens nicht
wenig von den anregenden Wirkungen des Golfstroms abhängigen Laichperiode
mehr in flachere Gewässer kommen. In diese Zeit fällt auch der Hauptfang,
denn dann erscheinen die Fische über gewissen Bänken in dicht gedrängten
Heeren, die mehrere Meter hoch und mehrere Kilometer lang im Wasser
stehen und immer wieder von frischen abgelöst werden, sobald sie ihren
Zweck erreicht haben. Aber auch während die Minne solchen
Massenversammlungen ihre Freuden spendet, weicht die den Schellfischen
eigene Freßgier nicht von diesen vortrefflichen Schwimmern, und es ist
nur gut, daß sich um dieselbe Jahreszeit in den gleichen Gegenden auch
unzählige Heringe, Tintenschnecken u. dgl. anzusammeln pflegen, die jenen
zur Nahrung dienen müssen. Die blindwütige Gefräßigkeit der Dorsche und
Schellfische erleichtert ihren Fang ungemein und macht namentlich auch
die Verwendung der Grundangel sehr lohnend. Es ist dies eine etwa 2000 kg
lange, starke Leine, an der etwa 1200 einzelne Angelschnüre angeknüpft
sind, deren Haken mit Heringen, Tintenschnecken oder den Eingeweiden
schon gefangener Schellfische beködert werden. Etwa alle 6 Stunden wird
sie heraufgeholt, nach dem Auslösen des Fanges frisch beködert, und die
Sache kann von neuem losgehen. In der Zwischenzeit handhaben die Fischer
aber auch noch fleißig die Handangel und erzielen auch mit dieser bei der
Menge der Fische ganz erstaunliche Erträge. Von den größeren
Fischdampfern aus fischt man dagegen hauptsächlich mit dem schon
beschriebenen Scherbretterschleppnetz. Wenn nun der Netzbeutel (vom
Fischer »Steert« genannt) wie eine prall gefüllte Kugel über dem Deck
schwebt, löst der Steuermann mit einem geschickten Griff den
verschließenden Knoten, und das silbern wimmelnde Gezappel von Fischen
ergießt sich wie ein lebender Strom über die schlüpfrig werdenden
Planken. Die geübten Leute wissen aber auch mit den größten Massen bald
fertig zu werden. Ein grausiges Schlachten beginnt. Ununterbrochen
blitzen die blutbefleckten Messer, ein kurzer Schnitt trennt den Kopf vom
Rumpfe, in einem Nu fliegen die Eingeweide heraus und der in zwei Hälften
zerspaltene Fisch in den eisgekühlten Vorratsraum. Der Dorsch läßt sich
in allen seinen Bestandteilen irgendwie verwerten, denn selbst die
Eingeweide, soweit man sie nicht aus Zeitmangel den unter gierigem
Kreischen die vielversprechende Stelle umschwärmenden Möwen überläßt,
müssen ihrerseits wieder als Angelköder Verwendung finden oder werden zu
Guano verarbeitet, während die Köpfe als Viehfutter dienen, das in Island
merkwürdigerweise selbst die Rinder nicht verschmähen sollen. Die Lebern
aber werden in großen Bottichen den Wirkungen der Sonnenstrahlen
preisgegeben, verpesten dann faulend mit einem wahrhaft scheußlichen
Geruch ganze Hafenstädte des Nordens, liefern aber den in der Heilkunde
hochgeschätzten Lebertran, der sich als ein gelbliches Öl auf der
Oberfläche der verwesenden Masse absetzt, in geringerer Güte auch durch
Auskochen der Lebern gewonnen wird. Der Rogen geht in Blechbüchsen nach
den Gestaden des Mittelmeers, wo er den Sardinenfischern als
unentbehrlicher Witterungsköder dient. Der Fisch selbst wird auf die
verschiedenste Weise zubereitet und in den Handel gebracht, führt auch
demgemäß verschiedene Namen. Auf Stangen, Gerüsten oder in offenen
Schuppen an der Luft klapperdürr getrocknet heißt er Stockfisch, gesalzen
und auf den Strandklippen durch die Sonne gedörrt Klippfisch, in Fässern
eingepökelt Laberdan. Besondere Delikatessen sind das nun freilich alles
nicht, wohl aber nahrhafte, zuträgliche und billige Ersatzmittel für alle
Gegenden, in denen frisches Fleisch ein seltener Artikel ist. Bedeutend
wohlschmeckender ist das weiße, etwas derbe Fleisch des frischen
Schellfisches, und wenn es selbst heute in der Zeit der Fleischteuerung
noch nicht überall die ihm zukommende Beachtung errungen hat, so liegt
dies wohl hauptsächlich daran, daß sich die Hausfrauen im Binnenlande
größtenteils nicht auf die richtige Zubereitung verstehen. Wenn ihnen der
Seefischgeschmack an sich zuwider ist, rate ich ihnen, es einmal mit der
Zubereitung von Fleischklößchen (Frikadellen) aus Dorschfleisch zu
versuchen. Sehr vorteilhaft ist es, daß sich die Schellfischarten bei
ihrer großen Zähigkeit und Anspruchslosigkeit auf verhältnismäßig weite
Entfernungen hin lebend versenden lassen, Eigenschaften, die es
ermöglichen, die stattlichen Meeresbewohner auch jahrelang in räumlich
arg beschränkten Seewasseraquarien besser zu erhalten als irgend einen
anderen Seefisch. -- Es ist ein Verdienst des norwegischen Professors
Sars (eines Schwagers Nansens), nachgewiesen zu haben, daß die 1-1-1/2
mm großen Glaskügelchen, die frei im Meereswasser umherschwimmen, meist
Kabeljau-Eier sind. Der sonst in großen Tiefen lebende Fisch sucht zur
Laichzeit die seichten Stellen, die Hochplateaus des Meeres auf. Der
Laich fällt nicht zu Boden, sondern erhält sich in einer Tiefe von
höchstens 14 kg treibend. Diese Entdeckung führte weiter zu der
Feststellung, daß sich die Eier unserer meisten anderen Nutzfische des
Meeres ganz ebenso verhalten. Gerade das Plankton, über dessen Natur und
Zusammensetzung wir durch Prof. Hensen-Kiel Klarheit erhalten haben,
birgt zahllose solche Eier, die in ihrem ersten Entwicklungsstadium fast
gar keine Artunterschiede aufweisen. So sind die Eier des Kabeljaus und
des Schellfischs anfangs gar nicht zu unterscheiden. Es sind glashelle
Kügelchen mit verhältnismäßig großem Dotter und einigen Fetttröpfchen.
Diese Feststellungen haben nicht nur wissenschaftlichen Wert, sondern
auch praktische Bedeutung, denn damit ist erwiesen, daß der Fischfang mit
tief an den Boden gehenden Netzen die in der Entwicklung begriffene Brut
nicht zu schädigen vermag, wie man früher wohl befürchtet hatte.
[Illustration: Abb. 6. Thunfisch (_Thynnus thynnus_).]
Einigermaßen Ersatz für Hering und Schellfisch bietet den Anwohnern
des Mittelmeers der mächtige =Thun= (_Thynnus thynnus_), der
durchschnittlich 2 kg lang und 120 kg schwer ist, oft aber auch bedeutend
größer wird (Abb. 6). Der Eindruck wird noch verstärkt durch den breit
ausgeladenen Leibesbau, den dicken Kopf und die ungemein kräftig
entwickelten Schwanz- und Seitenflossen des Fisches. Man glaubte früher
allgemein, daß der Thun eigentlich im Atlantischen Ozean beheimatet sei
und von da lediglich zum Laichen durch die Straße von Gibraltar nach dem
Mittelländischen, ja sogar von da durch Dardanellen und Bosporus zum
Schwarzen Meer ziehe, bis in das Asowsche hinein. Neuere Untersuchungen
haben jedoch gezeigt, daß er keine so weiten Wanderungen vollführt,
sondern daß die Verhältnisse ähnlich liegen wie beim Hering, daß also der
Thun in der Hauptsache Höhenwanderer ist. Er verbringt den größten Teil
seines Lebens in den tiefsten Senkungen des Mittelmeers, anscheinend auch
in der Bucht von Cadiz, und steigt im Frühjahr empor, um den flachsten
Stellen zuzustreben. Dabei berührt er namentlich die Küsten Sardiniens
und Siziliens, und hier wird denn auch der ergiebigste und großartigste
Thunfang betrieben. Er erfordert wochen- und monatelange Vorbereitungen
und Zurüstungen, denn er geschieht in ungeheuren Netzen, sogenannten
Tonnaros, wahren Gebäuden aus zähestem Spartogras und bestem Hanf, die
30-50 m Tiefe und bis zu 1 km Länge haben. Das Auslegen dieser
Ungetüme kann nur bei vollkommen ruhiger See stattfinden und muß mit
größter Sorgfalt erfolgen, da viel darauf ankommt, daß die Netzwände
senkrecht stehen wie Mauern. Zu diesem Zwecke sind sie unten mit Blei-
und Eisenstücken beschwert, während sie oben mit Korkschwimmern versehen
sind. Das Ganze ist in eine Reihe von aneinander stoßenden Kammern
geteilt, die durch Öffnungen in der Netzwand verbunden sind, aber nach
Bedarf abgeschlossen werden können. Die vorderste Kammer ist die größte,
von ihrem Eingang strahlen noch scherenartig zwei lange Netzflügel aus,
um ein Entweichen der Fische nach dem Strande oder der offenen See hin zu
verhindern. Die hinterste Netzkammer ist die kleinste, hat den engsten
Eingang und ist im Gegensatze zu den anderen auch mit einem Netzboden aus
dem engmaschigsten und zähesten Geflecht versehen. Das ist die »Kammer
des Todes«. Ist endlich das ganze verwickelte Netzgebäude zur
Zufriedenheit errichtet, so begeben sich die Fischer wieder an Land und
lassen nur wenige Wachboote zurück, die den Einzug der Thune beobachten
sollen: ein bei ungünstigem Wetter ebenso schwieriges wie undankbares
Geschäft. Die Thune halten zäh an der einmal eingeschlagenen Richtung
fest und entschließen sich nicht leicht zum Zurückschwimmen, begünstigen
dadurch also noch die Arglist des Menschen, so vorsichtig und schlau sie
sonst auch sind. Sie streichen in kleinen Trupps rasch durch die Wellen,
oft in keilförmiger Schwimmordnung, aber diese Trupps folgen einander so
rasch und ununterbrochen, daß man doch von einer Massenwanderung sprechen
kann. Nicht selten stutzen sie beim Eintritt in die Netztore, und die
Fischer sind dann genötigt, die furchtsamen Tiere durch Einschaufeln von
Sand ins Wasser oder durch das Herablassen eines Schaffells weiter zu
scheuchen. Sind ihrer genug in der vordersten, natürlich bis zum Boden
reichenden Kammer, so wird der Eintritt in die zweite frei gegeben, damit
in jener Platz für neue Ankömmlinge geschaffen werde. So geht es von
Kammer zu Kammer und zuletzt in die des Todes. Der sonst so öde Strand
dieser Gegenden ist inzwischen zum Schauplatz ausgelassenen Lebens
geworden, denn der Thunfischfang ist hier das größte Volksfest, und
allenthalben herrscht das bunte und lärmende Lustgetriebe eines
Jahrmarkts. Aus flüchtig zusammen genagelten Häuschen und Bretterbuden
ist eine ganze Stadt entstanden, und in ihren Gassen schiebt und drängt
sich eine aufgeregte, unterhaltungsbedürftige Menschenmenge, Einheimische
und Fremde, Fischer und Kaufleute, Handwerker, Wirte und allerlei
fahrendes Volk, nicht zuletzt auch Priester, denn ohne den Segen der
Heiligen würde ja kein Thunfisch ins Netz gehen. Überall Musik und
Gesang, Lachen und Lärmen, Scherzen und Necken, Lieben und Raufen. Alles
atmet Leidenschaft und Leben, Aufregung und Feuer, denn die »Tonnara« ist
den Sizilianern das, was den Spaniern die Stiergefechte sind und dem
Engländer der Derby-Tag. Endlich steigt als Zeichen dafür, daß die
Totenkammer gefüllt ist, am Maste des Wachbootes eine rote Flagge auf,
alles eilt nun in wirrem Gedräng unter Jauchzen, Schreien und Brüllen,
Mützen- und Tücherschwenken wie besessen zu den harrenden Booten, um so
rasch als möglich den Schauplatz zu erreichen. Dort wird unter großen
Anstrengungen die Totenkammer heraufgezogen und schließlich ihr Netzboden
in Mannestiefe festgelegt. Weißer Schaum bedeckt das Wasser, und die dem
Tode geweihten großen Fische peitschen mit verzweiflungsvollen
Schwanzschlägen die Oberfläche, rings umgeben von Fahrzeugen voller
Menschen, denen die unverhüllte Mordgier und tierischer Fleischhunger aus
den Augen blitzen. Die sehnigen, halbnackten, braunen Fischer werden zu
erbarmungslosen Schlächtern. Wie Wahnsinnige stechen sie mit spitzen
Harpunen blindlings in das weißschaumige, klatschende Fischgewimmel,
schlagen mit nagelbesetzten Keulen auf ihre Opfer los, zerfetzen mit
Schwertern und Dolchen die großen Fischleiber. Blutigrot färbt sich die
blasige Flüssigkeit in der Totenkammer, blutigrot das Meer in weitem
Umkreise, und Blut und Schweiß strömen über die vor Aufregung bebenden
Menschenleiber, die von dem fanatischen Zujauchzen der blutlüsternen
Zuschauermenge in den Booten zu immer neuem Morden angepeitscht werden,
bis der letzte Thun verblutet ist oder der ermattete Arm die Harpune
nicht mehr zu heben vermag. Es ist ein grausiges Bild bei goldenem
Sonnenschein und lachend blauem Himmel, aber so abstoßend es auch auf
feiner empfindende Gemüter wirkt, fahren doch reiche Leute genug eigens
deshalb nach Sizilien. Als Ludwig XIII. Marseille besuchte, wurde ihm zu
Ehren eine große Thunfischmetzelei veranstaltet, die diesem
»geschmackvollen« Herrscher so trefflich gefiel, daß man später oftmals
von ihm hören konnte, es sei dies einer der schönsten Tage seines Lebens
gewesen. Widerwärtig sind die bluttriefenden Schlächtereien gewiß, aber
doch von ungeheurer wirtschaftlicher Bedeutung für alle Länder am
Mittelmeer, denn das Thunfleisch ist zwar etwas grob und reichlich
trocken, aber nahrhaft und vor allem -- billig. Es erfreut sich deshalb
in vornehmeren Kreisen keiner sonderlichen Beliebtheit, ist aber für
weite Landstrecken das einzige Fleisch, dessen Genuß auch den ärmeren
Volksschichten möglich ist, das so eine hochwillkommene Abwechslung
zwischen dem ewigen Einerlei von Kaktusfeigen, Bohnen und Makkaroni
bildet und damit der sonst unausbleiblichen Unterernährung der
Bevölkerung entgegenwirkt. Die ersten jungen Thunfische kommen schon im
Juli zum Vorschein und wachsen so rasch heran, daß sie bis zum Oktober
bereits ein Gewicht von 1 kg erreichen.
[Illustration: Abb. 7. Makrele (_Scomber scomber_).
(Phot. von Oberl. W. Köhler, Tegel.)]
Ein kleinerer, schlankerer und weit besseres Fleisch liefernder Vetter
des plumpen Thun, die schnittig gebaute =Makrele= (_Scomber scomber_) mit
der kunterbunten Zeichnung und dem wundervollen Opalschimmer auf dem
zarten Schuppenkleid (Abb. 7) ist auch in unseren Meeren häufig.
Massenhafter noch wird sie an den englischen und französischen Küsten
gefangen und eingesalzen, ja es ist dort schon vorgekommen, daß man die
allzu dicht gefüllten Netze ihres ungeheuren Gewichtes halber nicht
wieder heraufzuziehen vermochte. Sehr gern folgt die gefräßige Makrele,
an der das völlige Fehlen der Schwimmblase das Merkwürdigste ist, den
großen Heringsheeren und zehntet sie nach Kräften. In England bildet auch
das Angeln dieser wanderlustigen Fische vom Segelboot aus bei scharfer
Brise einen beliebten Sport. Während die Makrele und noch mehr die fern
von den Küsten im Atlantik Flugfische jagende und ihnen nachspringende
=Bonite= (_Scomber pelamys_) vorzügliche Schwimmer sind, vermag der
verwandte =Schiffshalter= (_Echenéis remora_) nur matte und plumpe
Schwimmbewegungen zu vollführen. Er macht sich deshalb das Reisen gern
bequem und läßt sich lieber von flinkeren Fischen fortschleppen, was ihm
dadurch ermöglicht wird, daß seine vordere Rückenflosse zu einer breiten
Haftscheibe umgewandelt ist, mit der er sich am Bauche seines
Reisemarschalls festsaugt. Am liebsten wählt er dazu Haie, wohl weil
deren rauhe Haut einen besonders sicheren Halt gewähren mag und weil sie
weite Meeresstrecken durcheilen. Übrigens begnügt sich der Schiffshalter
mit der Rolle des blinden Passagiers und wird nicht etwa zum Schmarotzer.
Deshalb ist ihm auch ein Schiffsrumpf ebenso recht wie ein Fischleib,
zumal ja immer allerlei nährstoffreiche Abfälle über Bord geworfen
werden, worauf sich dann der Echeneis von seinem Platze löst und ihnen
unter schlängelnden Bewegungen zustrebt.
In weiterer Ausbildung werden solche Symbiosen nicht selten zu echtem
Raumparasitismus. In allen Meeren der Erde werden kleine Seefische
gefunden, die irgendwelchen Leibesteil eines besonders wehrhaften Tieres
sich zur Zufluchtsstätte erkoren haben und ihren Wirt gewöhnlich zwar
nicht merklich schädigen, ihm aber auch keine Gegendienste für das
gewährte schützende Obdach leisten. Am bekanntesten in dieser Beziehung
ist _Fierásfer acus_, ein kaum 20 kg langes, gelblichweißes Fischchen von
fast durchsichtiger Zartheit ohne Bauchflossen und mit weit nach vorn
gerückter Afteröffnung. Er benutzt als Wohnung die sogenannten
Wasserlungen der Seegurken, dieser absonderlichen Geschöpfe, die die
merkwürdige Gewohnheit haben, die eigenen Eingeweide auszuspeien, wenn
sie gereizt werden. Der Fisch dringt mit dem Schwanzende in die
Afteröffnung seines Wirtes ein, schiebt allmählich den ganzen Körper nach
und sieht nur noch mit dem Kopfe heraus. Das Atemwasser der Seegurke, das
abwechselnd ein- und ausströmt, versorgt den Fierasfer mit Nahrung in
Gestalt kleiner Krebstierchen. Manchmal aber, wenn sich ihm ein besonders
fetter und leckerer Bissen darbietet, schießt er, wie Bergmann beobachtet
hat, aus seinem Verstecke hervor. Möglich, daß er seinen Wirt auch von
schmarotzenden Krebstierchen befreit; jedenfalls verursacht er ihm
gewöhnlich keinerlei Unbequemlichkeiten. Wohl aber ist dies der Fall,
wenn sich mehrere Fischchen in der gleichen Seegurke ansiedeln, die
dadurch sogar zugrunde gehen kann. Bisweilen findet sich Fierasfer auch
in anderen Seetieren, wie Seesternen, Quallen und Muscheln. So besitzt
das britische Museum einige Stücke, die aus echten Perlmuscheln stammen
und von diesen mit einer glänzenden Perlmutterschicht überzogen wurden.
Der durch seitliche Bepanzerung ausgezeichnete =Stöcker= (_Cáranx
trachúrus_), auch Halbmakrele genannt, der bisweilen in ungeheuren
Schwärmen an den englischen Küsten auftaucht, aber wegen seines
minderwertigen Fleisches nur wenig Beachtung findet, gehört im
Jugendzustande gleichfalls zu den Raumparasiten, denn er lebt dann
zwischen den Mundarmen und Tentakeln von Quallen, die ihn durch ihre
Nesselzellen gegen Feinde schützen. Die jungen Fischchen kommen nur aus
den Quallen hervor, wenn alles ringsum sicher erscheint, während sie sich
beim geringsten Anzeichen von Gefahr sofort in ihre Schlupfwinkel
flüchten. Der prächtig gefärbte _Amphíprion bicínctus_ führt in ähnlicher
Weise mit einer großen Seerose gemeinsamen Haushalt; stülpt sie sich ein,
so läßt sich der Fisch ruhig von ihren Tentakeln bedecken, woraus sich
schließen läßt, daß er gegen das Nesselgift unempfindlich sein muß. Auch
stark bewehrte Seeigel müssen manchen kleinen Meeresfischen als Wohnung
dienen. Plate fand während seines Aufenthaltes auf den Bahama-Inseln
einen nur 3-6 kg langen, gelblich-weißen, schmutzig-braun gepunkteten
Fisch, _Apogoníchthys strómbi_, in der Mantelhöhle von Riesenschnecken
(_Strómbus gígas_), die dort als ein beliebtes Volksnahrungsmittel
regelmäßig zu Markte gebracht werden. Wahrscheinlich verläßt hier der
Einmieter das Wirtstier nur nachts, um auf Krebstierchen und Meeresasseln
Jagd zu machen. Selbst in unseren nordischen Meeren fehlt es nicht an
verwandten Erscheinungen. So konnte bei der Suche nach den Wohnplätzen
der jungen =Schellfische= und =Kabeljaue= festgestellt werden, daß deren
Auftreten auf das innigste mit dem mehr oder minder häufigen
Vorhandensein von Kornblumenquallen zusammenhing. Bei ruhiger See ließ
sich denn auch deutlich beobachten, wie die jungen Fische sich beständig
zwischen den langen Nesselfäden der Quallen aufhielten, und wie ihre
Eigenbewegung sich ganz darauf beschränkte, dem ruckweisen
Weiterschwimmen der Quallen nachzukommen, die ihnen also zu Schirmherrn
im wahrsten Sinne des Wortes geworden waren.
[Illustration: Abb. 8. Scholle. (Phot. von F. Ward.)]
Nächst den Heringen und Schellfischen sind die der großen Gruppe der
=Plattfische= oder Schollen (Abb. 8) angehörenden Arten die wichtigsten
Nutzfische unserer Meere. Naturgeschichtlich interessant sind sie schon
durch ihre weitgehende Anpassungsfähigkeit an die Farbe des
Untergrundes und durch ihr damit im engsten Zusammenhang stehendes
Farbwechselvermögen. Aber selbst diese wunderbaren Eigenschaften
erscheinen den Plattfischen noch nicht ausreichend, um sich gegen die
Nachstellungen der gefräßigen Raubfische zu sichern und sich selbst vor
den Augen ihrer Opfer zu verbergen. Der größeren Sicherheit halber wühlen
sie sich vielmehr gleich ganz in den Sand ein, so daß nur ein Teil des
Kopfes mit den gleich blaugrünen Perlen funkelnden Augen hervorsieht.
Dieses Einpaddeln geschieht mit so fabelhafter Schnelligkeit, daß man die
einzelnen Bewegungen dabei kaum festzustellen vermag. Man sieht nur ein
Aufwirbeln des Sandes, hastig zitternde und flimmernde Bewegungen der
langen Bauch- und Rückenflossen, und der Fisch ist auch schon fast
spurlos verschwunden. In Wirklichkeit vollzieht sich die Sache nach den
Beobachtungen E. Schmidts so, »daß die Flunder einmal fest mit dem ganzen
Körper den Sand peitscht, der dadurch etwas ausgehöhlt wird. Zugleich
schaufelt sie mit den großen Randflossen Sand auf die Körpermitte, der
durch die dabei erzeugte Strömung gleichmäßig über den ganzen Fisch
verteilt wird und diesen so dem Blick des Beobachters oder im Freien dem
Auge des gierigen Raubfisches entzieht.« Das eben erwähnte Auge der
Plattfische verdient in doppelter Beziehung noch eine kurze Würdigung.
Einmal ist es das einzige mir aus eigener Anschauung bekannte Fischauge,
das einen gewissen seelischen Ausdruck widerspiegelt: es schaut förmlich
klug, ja schelmisch und listig in die von unliebsamen Gefahren aller Art
erfüllte Unterwasserwelt. Zugleich sind diese prachtvoll gefärbten Augen,
die durch eine stark entwickelte Nickhaut geschützt erscheinen, von einer
höchst seltsamen Beweglichkeit, denn sie können nicht nur nach den
verschiedensten Richtungen hin willkürlich gedreht, sondern auch wie die
der Frösche aus ihren Höhlen hervorgehoben und wieder zurückgezogen
werden. In diesem unausgesetzten Augenspiel spiegelt sich jede seelische
Erregung des Fisches ebenso deutlich wieder wie die des Hundes in seinen
Schwanzbewegungen oder die gewisser Vögel in dem verschiedenartigen
Zucken mit den Flügeln. Das Allermerkwürdigste ist aber nun der Umstand,
daß bei der ausgebildeten Scholle beide Augen auf ein und derselben
Körperseite liegen, wie überhaupt ihre ganze Kopfbildung derart
unsymmetrisch ist, ja so verschroben erscheint, daß sie in dieser
Beziehung im gesamten Wirbeltierreiche geradezu einzig dasteht. Freilich
ist dem nicht von allem Anfang an so. Die dem Ei entschlüpften und sich
massenhaft an der Oberfläche des Meeres herumtreibenden jungen Schollen
sind nämlich noch ganz nach dem regelrechten Fischtypus gebaut, schwimmen
auch in der sonst allgemein üblichen Weise mit dem Rücken nach oben und
dem Bauch nach unten, haben auf jeder Gesichtshälfte je ein Auge und
bergen im Innern ihres überaus zarten, fast glashellen und durchsichtigen
Körpers eine stark entwickelte Schwimmblase, während zugleich die
sonstige Beschaffenheit der inneren Organe unverkennbar darauf hinweist,
daß makrelenartige Hartflosser etwa vom Typus der Gattung Zëus
(Petersfische) ihre dereinstigen Vorfahren gewesen sein müssen. Aber
schon nach kurzer Frist gehen sie vom lockeren Herumschwärmen zu einer
soliden und untätigen Lebensweise über, indem sie immer größere Zeiträume
in träger Ruhe auf dem Boden verbringen und sich hierbei auf eine Seite
legen. Dieser neuen Lebensart paßt sich nun ihr ganzer Organismus in
einer ans Wunderbare streifenden Weise an. Der Körper wird immer flacher
und platter, bis er schließlich die fast scheibenförmige Form erreicht,
die uns von den geräucherten Flundern her so wohl vertraut ist. Die dem
Sand aufliegende Unterseite bleibt mehr oder minder farblos, während die
Oberseite das geschilderte Farbwechselvermögen erhält. Die überflüssig
gewordene Schwimmblase verkümmert rasch und verschwindet schließlich
gänzlich, ein Vorgang, der durch den starken Druck von Wasser und Sand
und durch die Einengung der Bauchhöhle wesentlich beschleunigt wird. Das
auf der Unterseite nutzlos gewordene Auge aber rückt allmählich über die
Scheitelmitte hinweg, und bei solchen Arten, bei denen die Rückenflosse
bis zum Scheitel reicht, sogar unter jener hindurch zur Oberseite
hinüber, die auf diese Weise zwei wohl ausgebildete Augen erhält. Wie der
absonderliche Vorgang eigentlich des näheren zu erklären ist, darüber
herrscht unter den Gelehrten noch keineswegs völlige Einstimmigkeit.
Während die einen von einem ungleichmäßigen Wachstum beider
Schädelhälften sprechen, fassen andere die Augenwanderung als eine mehr
aktive auf, wobei der Einfluß des Lichtes der wirksame Faktor sein soll.
Jedenfalls erfolgt sie schon zu einem Zeitpunkte, wo die Schädelknochen
noch weich und knorpelig sind, also keinen großen Widerstand
entgegensetzen. Hand in Hand damit geht auch eine entsprechende
Veränderung der Augenmuskeln, deren spätere, auffallend große
Beweglichkeit damit im engsten Zusammenhange stehen mag. Ebenso wird das
Maul vollständig nach oben verdreht, so daß der alte Gesner ganz recht
hat, wenn er von einem »widerwärtig gesetzten Kopf« spricht. Da die
jungen Schollen schon sehr frühzeitig zu der dem Meeresboden anklebenden
Lebensweise übergehen und von ihren verschiedenen Schutzmitteln gar bald
den besten Gebrauch zu machen wissen, sind sie weit weniger als andere
Jungfische den Nachstellungen der Meeresräuber preisgegeben, und so
erklärt es sich, daß die Menge der Plattfische in allen Meeresteilen mit
geeignetem Untergrund (Schlamm und Schlick wird gemieden, Sand vor feinem
Geröll und dieses vor grobem bevorzugt) eine gewaltig große ist, obschon
die Zahl der im Spätfrühling oder Frühsommer abgesetzten, frei, nahe der
Oberfläche, treibenden und deshalb nur wenig geschützten Eier nur eine
verhältnismäßig geringe ist, jedenfalls der vieler anderer Fische weitaus
nachsteht. So kommt es, daß die Plattfische, die sich durch ein
außerordentlich schmackhaftes Fleisch auszeichnen, das bei seiner
Haltbarkeit sich namentlich auch zum Versand nach dem Binnenlande eignet,
volkswirtschaftlich eine große Rolle spielen und ihr Fang jahraus jahrein
Tausende von Fischern an den Nord- und Ostseeküsten beschäftigt, wobei
freilich die deutschen so ziemlich in letzter Reihe stehen oder doch
wenigstens vor kurzem noch standen. Die schönen Zeiten allerdings, wo auf
dem Londoner Markte das Dutzend dreipfündiger Goldbutten vergeblich um
einen Penny ausgeboten wurden, sind leider wohl für immer vorüber, ja bei
einigen besonders geschätzten Arten, wie bei der delikaten Seezunge,
macht sich infolge allzu schonungsloser Nachstellungen schon eine so
besorgniserregende Abnahme bemerkbar, daß man bereits auf das
Aushilfsmittel der künstlichen Zucht verfallen, dabei über das Stadium
der Versuche aber noch nicht viel hinausgekommen ist. Tagsüber ruhen die
Schollen gewöhnlich träge im Sande, und erst gegen Abend beginnen sie zur
Jagd auszuziehen, wobei sie sich unter wellenförmiger Streckung des auch
jetzt flach liegenden Leibes und seiner sehr schmiegsamen Flossen recht
zierlich vorwärts bewegen und dabei die Schwanzflosse gewissermaßen als
die treibende Schiffsschraube benutzen. Die kleineren Arten begnügen sich
mit allerlei Gewürm, Krebs- und Muscheltierchen, aber die großen sind
tüchtige Räuber, die sich selbst an die wehrhaften Rochen wagen. Bedrohte
Plattfische schießen blitzschnell im Zickzack durchs Wasser, um sich dann
schleunigst wieder im schützenden Sande einzupaddeln.
[Illustration: Abb. 9. Flunder (_Pleuronectes flesus._)
(Phot. von Oberlehrer W. Köhler, Tegel.)]
Die dem Binnenländer wenigstens von genossenen Tafelfreuden her
bekanntesten Arten sind der stattliche =Steinbutt= (_Rhómbus máximus_),
der eine Länge von 1 kg und ein Gewicht von 35 kg erreichen kann (Abb.
10, Fig. 4), und die wesentlich kleinere =Flunder= (_Pleuronéctes
flésus_), die häufig auch in unseren Binnengewässern gefangen wird, da
sie sich mit Vorliebe in den Strommündungen aufhält und von hier gern
weite Wanderungen stromaufwärts unternimmt (Abb. 9). Da sie sich also mit
Leichtigkeit an Süßwasser gewöhnt, weshalb auch Zuchtversuche mit ihr
viel aussichtsreicher wären, als mit anderen Arten, sind die
allerliebsten kleinen Jungflundern geeignete Aquarienfische, die sehr
viel Vergnügen gewähren, obschon ihre Eingewöhnung und Pflege doch nicht
ganz so einfach ist, wie Brehm angibt. Eine häufige Erneuerung oder eine
sehr starke Durchlüftung des Wassers und ein ganz niedriger Wasserstand
scheinen in Verbindung mit durchaus sparsamer Fütterung die unerläßlichen
Bedingungen für ihr Gedeihen zu sein. Weiter wären noch zu nennen der in
den deutschen Meeren ziemlich seltene, mächtige =Heilbutt= (_Hippoglóssus
vulgáris_), der doppelt so groß und schwer wird wie der Steinbutt, der
=Goldbutt= (=Pleuronéctes platéssa=) und die feiste =Seezunge= (_Sólea
vulgáris_), womit aber die Liste der regelmäßig oder gelegentlich bei uns
vorkommenden Arten noch lange nicht erschöpft ist. Bei der durch
besondere Trägheit ausgezeichneten Seezunge finden wir außer der
Farbanpassung auch noch eine echte =Mimikry=-Erscheinung (Nachäffung
eines giftigen oder sonstwie besonders gefährlichen Tieres durch eine an
sich harmlose und wehrlose Art), wie sie sonst im Reiche der Fische nur
selten vorkommt. Mastermann hat nämlich beobachtet, daß aufgestörte
Seezungen, sobald ihnen das Versteckenspiel nichts mehr nützt, die stark
ausgebildete und mit einem großen, tiefschwarzen Fleck versehene rechte
Brustflosse scharf aufrichten und gleich einem düsteren Todesbanner
ausbreiten, gerade so, wie es das =Petermännchen= (_Trachínus dráco_)
macht, das bekanntlich giftig ist.
[Illustration: Abb. 10. 1 Dornhai. 2 Nagelroche. 3 Scholl. 4 Steinbutt. 5
Seeteufel. 6 Knurrhahn. 7 Seehase. 8 Seepferdchen.]
Es gibt nämlich, obwohl man das früher stark angezweifelt hat,
tatsächlich =giftige Fische=, und ihre Zahl ist sogar durchaus nicht
gering, wenn auch die meisten davon in ihrer Verbreitung auf tropische
und subtropische Gewässer beschränkt sind. Entweder sitzen die
sackartigen Giftdrüsen im Maule und treten beim Bisse des Tieres in
Wirksamkeit, wie es z. B. bei den von den Fischern des Mittelmeers
deshalb sattsam gefürchteten Muränen der Fall ist, oder sie befinden sich
am Grunde durchbohrter oder gefurchter, besonders harter und spitziger,
bisweilen auch wie sprödes Glas abbrechender und in der Wunde stecken
bleibender Stacheln an den Kiemendeckeln, Rücken- oder Schwanzflossen. So
vermag auch das Petermännchen mit seinen scharfen Rückenstacheln recht
empfindlich zu verletzen, und das dann in die Wunde eindringende Gift
zieht etwa dieselben Folgen nach sich, wie ein tüchtiger Skorpionstich,
während sie bei gewissen exotischen Formen noch weit unangenehmer sind.
Obwohl das Fleisch des Petermännchens recht wohlschmeckend und auch
durchaus bekömmlich ist, wollen deshalb die Fischer nicht viel von dem an
sich recht hübschen Fisch wissen, sondern werfen ihn in vielen Gegenden,
wenn er einmal zufällig mit in ihre Netze geriet, wieder ins Meer
zurück, gewissermaßen als eine Art Opfergabe für Petrus, den
Fischerschutzheiligen, wodurch sich auch der auffällige Name des
eigentümlichen Geschöpfs erklären mag. Es bewohnt sandige, aber nicht zu
flache Stellen unserer Meere und wühlt hier seinen stark
zusammengepreßten, messerartigen Leib gewöhnlich so weit im Boden ein,
daß nur die vorstehenden, nach oben gerichteten Augen herausragen. Sowie
sich aber eine Garnele oder ein kleines Fischchen in der Nähe blicken
läßt, schnellt der Räuber mit einem plötzlichen Ruck hervor, erhascht und
verschlingt sein Opfer und läßt sich dann mit zierlichem, wellenförmigem
Schwung wieder zum Boden herabtaumeln, indem er gleichzeitig durch
hastige Bewegungen der langen Bauchflosse eine Sandwolke erzeugt und sich
geschickt in diese einbettet. Gefürchteter noch als unser Petermännchen
ist der gleichfalls zu den Panzerwangen gehörige =Zauberfisch=
(_Synancéja verrucósa_), der im Roten, Indischen und Stillen Meere
vorkommt. Wie das Petermännchen hält sich auch diese Art zwischen Steinen
und Seetangen, halb im Schlamm vergraben, am Meeresgrunde versteckt und
ist für die nackten Füße der zum Baden oder Schwimmen ins Wasser gehenden
Strandbewohner um so gefährlicher, als seine warzige Haut in ihren
Farbentönen so genau der Umgebung entspricht, daß auch das schärfste Auge
ihn kaum von ihr zu unterscheiden vermag. Sobald aber jemand auf ihn
tritt, erhebt er sich, spreizt die Rückenstacheln und bohrt sie tief in
den Fuß des Unglücklichen. Klunzinger lernte Fälle kennen, wo ein solcher
Stich sofortige Ohnmachtsanfälle zur Folge hatte, ja sogar Todesfälle
sollen vorkommen, wenn auch wohl nicht unmittelbar durch den Stich,
sondern wahrscheinlicher durch Brandigwerden der vielleicht schlecht
behandelten Wunde. Bei diesen beiden Arten wie auch bei dem von den
französischen Fischern bestgehaßten =Vipernfisch= (_Trachínus vípera_)
stellt sich das Gift dar als eine bläuliche, leicht opalisierende
Flüssigkeit, die namentlich auf Herz und Rückenmark einwirkt. Bei anderen
Fischen scheint das ganze Blutwasser wenigstens zeitweise giftige
Eigenschaften zu besitzen, weshalb auch ihr Genuß schwere
Gesundheitsstörungen nach sich ziehen kann. Doch scheinen dabei auch
örtliche Verhältnisse eine noch wenig aufgeklärte Rolle zu spielen, indem
das Fleisch der gleichen Fischart je nach seiner Herkunft sehr gefährlich
oder völlig unschädlich sein kann. So fand Johannes Müller auf den
Marschallinseln einen von den Eingeborenen »=Langi=« genannten
makrelenartigen Fisch, dessen Fleisch, wenn es in der Lagune erbeutet
war, heftige Vergiftungserscheinungen zeitigte, sich dagegen als
wohlbekömmlich erwies, wenn die Fische dem freien Meere entstammten. Auch
die Lagunenfische verloren ihre unangenehme Eigenschaft, wenn man sie vor
dem Abtöten für einige Wochen in Brackwasser setzte. Müller vermutet, daß
das Stagnieren des Lagunenwassers mit der Giftwirkung in Zusammenhang
stehe, die ihrerseits in ihren Erscheinungen stark an Alkoholgift
erinnere. Die giftigsten Geschöpfe des Ozeans sind ohne Zweifel die
verschiedenen Arten von Seeschlangen, die freilich nicht etwa mit den
berüchtigten Seeschlangen seefahrender Münchhausens gleichbedeutend sind.
Auch von dem üblen Rufe dieser gefürchteten Tiere haben gewisse Fische
durch eine weit getriebene Mimikry Nutzen gezogen. Selbst ein so geübter
Forscher wie Dahl hielt den ersten derartigen Fisch aus dem Indischen
Ozean, der ihm zu Gesichte kam, zunächst für eine Seeschlange und
erkannte erst bei näherer Untersuchung seine Fischnatur. Der Körper war
ganz schlangenartig, das Flossenwerk bis auf einen schmalen, kaum
wahrnehmbaren Saum rückgebildet, und auch die prachtvolle Färbung der in
den gleichen Meeresteilen lebenden Seeschlangen, hellblau mit
tiefschwarzer Ringelung, fehlte nicht.
Die oben erwähnten =Muränen=, die den römischen Schlemmern als ein
ausgesuchter Leckerbissen galten und auch heute noch auf den Fischmärkten
der Mittelmeerländer sich großer Beliebtheit erfreuen, haben auf ihrem
glatten, aalartigen und schuppenlosen Fettleib gleichfalls recht hübsche
Zeichnungen aufzuweisen. So ist =Muraéna hélena=, die häufigste Art, auf
gelblichem Untergrunde in reizender Musterung dunkelbraun marmoriert.
Über den Charakter dieser am Meeresgrund in zerklüftetem Gefels und
zwischen Steinblöcken in der Nähe der Küste hausenden Fische ist aber
wenig Rühmliches zu sagen, denn sie gehören zu den zänkischsten,
boshaftesten und gefräßigsten Tieren, worauf schon ihr tief gespaltener,
zahnstarrender Rachen hinweist. Ungeschickte Fischer (man pflegt die
Muränen zu angeln) haben schon oft durch die langen und spitzen Zähne der
wütenden und sich nach Kräften wehrenden Gefangenen empfindliche
Verwundungen davongetragen. Das offene, sich unablässig bewegende Maul
sieht aus, als ob es beständig keife, und es klingt ganz glaubhaft, daß
diese Biester, wenn sie nicht genug Tintenschnecken und Krebse zur
Stillung ihres gewaltigen Hungers finden, sich gegenseitig die Schwänze
abknabbern. Noch aalartiger als die dazu etwas zu hoch gebauten Muränen
sieht der 3 kg lang und 50 kg schwer werdende =Meeraal= (_Cónger
vulgáris_) aus, der gleich unserem Flußaal ein jugendliches Larvenstadium
als Leptocephalus durchmachen muß und schon dadurch seine nahe
Verwandtschaft zu ihm erweist. Auch der Meeraal ist ein gefräßiger
Raubfisch, selbst jedoch wenig schmackhaft, hält sich aber dafür gut im
Aquarium. Gefangen wird er hauptsächlich in dunklen Nächten an mit
Pilchards geköderten Legangeln, und da sein Fleisch sehr niedrig im
Preise zu stehen pflegt, findet es immerhin willige Abnehmer.
Nicht so häufig wie des Giftes bedienen sich einzelne Fische der
=elektrischen Kraft= zur Abwehr oder zur Lähmung ihrer Beute, und sie
stehen in dieser Beziehung im Tierreiche einzig da. Am meisten ist die
Fähigkeit, elektrische Schläge auszuteilen, bei zwei Süßwasserfischen
ausgebildet, dem südamerikanischen, von Humboldt so glänzend
geschilderten Zitteraal und dem afrikanischen Zitterwels, aber auch einer
der gewöhnlichsten Charakterfische des Mittelländischen Meeres, nämlich
der =Zitterrochen= (_Torpédo marmoráta_) gehört hierher. Dieser flach,
plump und breit gebaute, 1-1/2 kg lang, 1 kg breit und 30 kg schwer
werdende Fisch war gerade seiner allerdings nicht richtig gedeuteten
elektrischen Eigenschaften wegen schon den Alten bekannt und spielte in
ihrer Arzneikunst eine nicht geringe Rolle; namentlich Claudius Galenus,
nächst Hippokrates der berühmteste Arzt des Altertums, empfahl im 2.
Jahrhundert n. Chr. das Auflegen von Zitterrochen auf den kranken
Körperteil, weil sie eine heilsame magnetische Wirkung ausüben sollten.
Die Griechen nannten den Zitterrochen wegen der durch seinen Schlag
hervorgerufenen Lahmlegung des ihn berührenden menschlichen oder
tierischen Körpers Narke, d. h. der Betäubende (daher auch narkotisieren
= betäuben), die Römer Torpedo, d. i. der Lahmleger. In der Tat vermag
ein kräftiger alter Zitterrochen durch seinen Schlag den Arm eines Mannes
zu lähmen, wenn seine elektrische Kraft auch nicht an die des Zitteraals
heranreicht, und es ist deshalb beim Baden in an Zitterrochen reichen
Meeresteilen immerhin eine gewisse Vorsicht angebracht. Nach mehreren,
kurz aufeinander folgenden Entladungen läßt aber die Kraft des Fisches
nach, und schließlich vermag er nur noch ein leises Zittern hervorzurufen
und bedarf dann geraumer Zeit, um seine elektrische Batterie wieder in
leistungsfähigen Zustand zu versetzen. Im Wasser wirkt der Schlag stärker
als in der Luft, und er wird um so heftiger empfunden, je größer die
berührte Fläche ist. Um ihn auszulösen, müssen die positiv-elektrische
Rücken- und die negativ-elektrische Bauchseite des Fisches gleichzeitig
berührt werden, wobei aber schon die Herstellung einer mittelbaren
Verbindung durch ein Stück Tau oder dergleichen genügt, und zwar ist die
Wirkung an der dicksten Körperstelle des Fischleibes am merklichsten. Die
Entladung ist aber auch vom Willen des Tieres abhängig, stellt sich also
erst dann ein, wenn man es genügend reizt. Daß es sich bei alledem
wirklich um elektrische Erscheinungen handelt, ist nicht nur durch die
physiologischen Wirkungen, sondern auch durch chemische Versuche
(Wasserzersetzung, Zerlegung von Jodkalium, Wärmeentwicklung)
unzweifelhaft nachgewiesen. Erzeugt wird die Elektrizität in einem
besonderen, sehr umfangreichen Organ, das zu beiden Seiten des
Rückenmarkes einen beträchtlichen Raum im vorderen Teile des Fischkörpers
ausfüllt und aus zahlreichen, nach Art der Bienenzellen
aneinandergereihten Scheiben oder Platten besteht, die heute von den
meisten Gelehrten als abgeändertes Muskelgewebe gedeutet werden. Vom
vierten Lappen des Kleinhirns entsendet der lobus electricus eine Reihe
von Nervenpaaren in dieses Organ, die sich daselbst rasch aufs feinste
verzweigen, und als eine körnig-schleimige Masse in Form kleiner
Kugelzellen endigen. Die einzelnen Scheibchen sind zu Säulen
zusammengestellt, und zwar beim Zitterrochen so, daß ihre Achsen von der
Rücken- zur Bauchseite gerichtet sind, während sie beim Zitteraal und
Zitterwels in der Längsrichtung des Fischkörpers verlaufen. D'Arsonval,
dem wir die wohl beste und einleuchtendste Erklärung der ganzen, in ihren
Einzelheiten noch rätselhaften Erscheinung verdanken, ist der Ansicht,
daß die Tausende von Zellen im elektrischen Organ bei einer stärkeren
Reizung des Tieres einer augenblicklichen Formveränderung des
Protoplasmas unterliegen, und wenn auch der Spannungsunterschied jeder
einzelnen noch so gering ist, muß doch ihre Gesamtheit eine immerhin
bedeutende Wirkungskraft hervorrufen, wie sie nach den Untersuchungen
Lippmanns stark genug ist, den elektrischen Strom auszulösen. Die
erzeugten Wechselströme verdanken also ihre Entstehung molekularen
Formveränderungen, und damit ist auch ihre Abhängigkeit vom Willen des
Tieres erklärt. Du Bois-Reymond, der sich viel mit den »galvanischen
Batterien« dieser Fische beschäftigte, hat die ganz begründete Frage
aufgeworfen, wie es wohl kommen möge, daß die Zitterfische nicht selbst
die ersten Opfer ihrer Entladungen werden. Eine befriedigende Erklärung
für diese merkwürdige Erscheinung konnte noch nicht gefunden werden, man
muß sich daher einstweilen mit der auch durch Versuche nachgewiesenen
Tatsache begnügen, daß diese merkwürdigen Geschöpfe nicht nur gegen ihre
eigenen, sondern auch gegen von außen zugeführte elektrische Entladungen
gänzlich unempfindlich sind.
[Illustration: Abb. 11. Nagelrochen (_Raja clavata_), einen Monat alt.
(Phot. von F. Ward.)]