Am Sommerabend die Alm hinan

Herr Sesemann stieg in großer Erregtheit die Treppe hinauf und

wanderte mit festem Schritt zum Schlafgemach der Dame Rottenmeier.

Hier klopfte er so ungewöhnlich kräftig an die Tür, dass die

Bewohnerin mit einem Schreckensruf aus dem Schlaf auffuhr. Sie

hörte die Stimme des Hausherrn draußen: "Bitte sich zu beeilen und

im Esszimmer zu erscheinen, es muss sofort eine Abreise vorbereitet

werden."

Fräulein Rottenmeier schaute auf ihre Uhr, es war halb fünf des

Morgens; zu solcher Stunde war sie in ihrem Leben noch nie

aufgestanden. Was konnte nur vorgefallen sein? Vor Neugierde und

angstvoller Erwartung nahm sie alles verkehrt in die Hand und kam

durchaus nicht vorwärts, denn was sie einmal auf den Leib gebracht

hatte, suchte sie nachher rastlos im Zimmer herum.

Unterdessen ging Herr Sesemann den Korridor entlang und zog mit

aller Kraft an jedem Glockenzug, der je für die verschiedenen

Glieder der Dienerschaft angebracht war, so dass in jedem der

betreffenden Zimmer eine Schreckensgestalt aus dem Bett sprang und

verkehrt in die Kleider fuhr, denn einer wie der andere dachte

sogleich, das Gespenst habe irgendwie den Hausherrn gepackt und

dies sei sein Hilferuf. So kamen sie nach und nach, einer

schauerlicher aussehend als der andere, herunter und stellten sich

mit Erstaunen vor den Hausherrn hin, denn dieser ging frisch und

munter im Esszimmer auf und ab und sah keineswegs aus, als habe ihn

ein Gespenst erschreckt. Johann wurde sofort hingeschickt, Pferde

und Wagen in Ordnung zu bringen und sie nachher vorzuführen.

Tinette erhielt den Auftrag, sogleich Heidi aufzuwecken und es in

den Stand zu stellen, eine Reise anzutreten. Sebastian erhielt den

Auftrag, nach dem Hause zu eilen, wo Heidis Base im Dienst stand,

und diese herbeizuholen. Fräulein Rottenmeier war unterdessen

zurechtgekommen mit ihrem Anzug, und alles saß, wie es musste, nur

die Haube saß verkehrt auf dem Kopf, so dass es von weitem aussah,

als sitze ihr das Gesicht auf dem Rücken. Herr Sesemann schrieb

den rätselhaften Anblick dem frühen Schlafbrechen zu und ging

unverweilt an die Geschäftsverhandlungen. Er erklärte der Dame,

sie habe ohne Zögern einen Koffer zur Stelle zu schaffen, die

sämtliche Habe des Schweizerkindes hineinzupacken--so nannte Herr

Sesemann gewöhnlich das Heidi, dessen Name ihm etwas ungewohnt war--,

dazu noch einen guten Teil von Klaras Zeug, damit das Kind was

Rechtes mitbringe; es müsse aber alles schnell und ohne langes

Besinnen vor sich gehen.

Fräulein Rottenmeier blieb vor Überraschung wie in den Boden

eingewurzelt stehen und starrte Herrn Sesemann an. Sie hatte

erwartet, er wolle ihr im Vertrauen die Mitteilung einer

schauerlichen Geistergeschichte machen, die er in der Nacht erlebt

und die sie eben jetzt bei dem hellen Morgenlicht nicht ungern

gehört hätte; stattdessen diese völlig prosaischen und dazu noch

sehr unbequemen Aufträge. So schnell konnte sie das Unerwartete

nicht bewältigen. Sprachlos stand sie immer noch da und erwartete

ein Weiteres.

Aber Herr Sesemann hatte keine Erklärungen im Sinn; er ließ die

Dame stehen, wo sie stand, und ging nach dem Zimmer seiner Tochter.

Wie er vermutet hatte, war diese durch die ungewöhnliche Bewegung

im Hause wach geworden und lauschte nach allen Seiten hin, was wohl

vorgehe. Der Vater setzte sich nun an ihr Bett und erzählte ihr

den ganzen Verlauf der Geistererscheinung und dass Heidi nach des

Doktors Ausspruch sehr angegriffen sei und wohl nach und nach seine

nächtlichen Wanderungen ausdehnen, vielleicht gar das Dach

besteigen würde, was dann mit den höchsten Gefahren verbunden wäre.

Er habe also beschlossen, das Kind sofort heimzuschicken, denn

solche Verantwortung könne er nicht auf sich nehmen, und Klara

müsse sich dareinfinden, sie sehe ja ein, dass es nicht anders sein

könne.

Klara war sehr schmerzlich überrascht von der Mitteilung und wollte

erst allerlei Auswege finden, aber es half nichts, der Vater blieb

fest bei seinem Entschluss, versprach aber, im nächsten Jahre mit

Klara nach der Schweiz zu reisen, wenn sie nun recht vernünftig sei

und keinen Jammer erhebe. So ergab sich Klara in das

Unvermeidliche, begehrte aber zum Ersatz, dass der Koffer für Heidi

in ihr Zimmer gebracht und da gepackt werde, damit sie

hineinstecken könne, was ihr Freude mache, was der Papa sehr gern

bewilligte, ja er ermunterte Klara noch, dem Kinde eine schöne

Aussteuer zurechtzumachen. Unterdessen war die Base Dete angelangt

und stand in großer Erwartung im Vorzimmer, denn dass sie um diese

ungewöhnliche Zeit einberufen worden war, musste etwas

Außerordentliches bedeuten. Herr Sesemann trat zu ihr heraus und

erklärte ihr, wie es mit Heidi stehe und dass er wünsche, sie

möchte das Kind sofort, gleich heute noch, nach Hause bringen. Die

Base sah sehr enttäuscht aus; diese Nachricht hatte sie nicht

erwartet. Sie erinnerte sich auch noch recht wohl der Worte, die

ihr der Öhi mit auf den Weg gegeben hatte, dass sie ihm nie mehr

vor die Augen kommen solle, und so das Kind dem Alten einmal

bringen und dann nehmen und dann wiederbringen, das schien ihr

nicht ganz geraten zu sein. Sie besann sich also nicht lange,

sondern sagte mit großer Beredsamkeit, heute wäre es ihr leider

völlig unmöglich, die Reise anzutreten, und morgen könnte sie noch

weniger daran denken, und die Tage darauf wäre es am

allerunmöglichsten, um der darauf folgenden Geschäfte willen, und

nachher könnte sie dann gar nicht mehr. Herr Sesemann verstand die

Sprache und entließ die Base ohne weiteres. Nun ließ er den

Sebastian vortreten und erklärte ihm, er habe sich unverzüglich zur

Reise zu rüsten; heute habe er mit dem Kinde bis nach Basel zu

fahren, morgen bringe er es heim. Dann könne er sogleich wieder

umkehren, zu berichten habe er nichts, ein Brief an den Großvater

werde diesem alles erklären.

"Nun aber noch eine Hauptsache, Sebastian", schloss Herr Sesemann,

"und dass Er mir das pünktlich besorgt! Den Gasthof in Basel, den

ich Ihm hier auf meine Karte geschrieben, kenne ich. Er weist

meine Karte vor, dann wird Ihm ein gutes Zimmer angewiesen werden

für das Kind; für sich selbst wird Er schon sorgen. Dann geht Er

erst in des Kindes Zimmer hinein und verrammelt alle Fenster so

vollständig, dass nur große Gewalt sie aufzubringen vermöchte. Ist

das Kind zu Bett, so geht Er und schließt von außen die Tür ab,

denn das Kind wandert herum in der Nacht und könnte Gefahr laufen

in dem fremden Haus, wenn es etwa hinausginge und die Haustür

aufmachen wollte; versteht Er das?"

"Ah! Ah! Ah! Das war's? So war's?", stieß Sebastian jetzt in

größter Verwunderung aus, denn es war ihm eben ein großes Licht

aufgegangen über die Geistererscheinung.

"Ja, so war's! Das war's! Und Er ist ein Hasenfuß, und dem Johann

kann Er sagen, er sei desgleichen und alle miteinander eine

lächerliche Mannschaft." Damit ging Herr Sesemann nach seiner Stube,

setzte sich hin und schrieb einen Brief an den Alm-Öhi.

Sebastian war verdutzt mitten im Zimmer stehen geblieben und

wiederholte jetzt zu öfteren Malen in seinem Innern: "Hätt ich mich

doch von dem Feigling von einem Johann nicht in die Wachtstube

hineinreißen lassen, sondern wäre dem weißen Figürchen nachgegangen,

was ich doch jetzt unzweifelhaft tun würde!", denn jetzt

beleuchtete die helle Sonne jeden Winkel der hellgrauen Stube mit

voller Klarheit.

Unterdessen stand Heidi völlig ahnungslos in seinem

Sonntagsröckchen und wartete ab, was geschehen sollte, denn die

Tinette hatte es nur aus dem Schlafe aufgerüttelt, die Kleider aus

dem Schrank genommen und das Anziehen gefördert, ohne ein Wort zu

sagen. Sie sprach niemals mit dem ungebildeten Heidi, denn das war

ihr zu gering.

Herr Sesemann trat mit seinem Brief ins Esszimmer ein, wo das

Frühstück bereitstand, und rief: "Wo ist das Kind?"

Heidi wurde gerufen. Als es zu Herrn Sesemann herantrat, um ihm

'guten Morgen' zu sagen, schaute er ihm fragend ins

Gesicht: "Nun, was sagst du denn dazu, Kleine?"

Heidi blickte verwundert zu ihm auf.

"Du weißt am Ende noch gar nichts", lachte Herr Sesemann. "Nun,

heut gehst du heim, jetzt gleich."

"Heim?", wiederholte Heidi tonlos und wurde schneeweiß, und eine

kleine Weile konnte es gar keinen Atem mehr holen, so stark wurde

sein Herz von dem Eindruck gepackt.

"Nun, willst du etwa nichts wissen davon?", fragte Herr Sesemann

lächelnd.

"O ja, ich will schon", kam jetzt heraus, und nun war Heidi

dunkelrot geworden.

"Gut, gut", sagte Herr Sesemann ermunternd, indem er sich setzte

und Heidi winkte, dasselbe zu tun. "Und nun tüchtig frühstücken

und hernach in den Wagen und fort."

Aber Heidi konnte keinen Bissen herunterbringen, wie es sich auch

zwingen wollte aus Gehorsam; es war in einem Zustand von Aufregung,

dass es gar nicht wusste, ob es wache oder träume und ob es

vielleicht wieder auf einmal erwachen und im Nachthemdchen an der

Haustür stehen werde.

"Sebastian soll reichlich Proviant mitnehmen", rief Herr Sesemann

Fräulein Rottenmeier zu, die eben eintrat; "das Kind kann nicht

essen, begreiflicherweise.--Geh hinüber zu Klara, bis der Wagen

vorfährt", setzte er freundlich, zu Heidi gewandt, hinzu.

Das war Heidis Wunsch: Es sprang hinüber. Mitten in Klaras Zimmer

war ein ungeheurer Koffer zu sehen, noch stand dessen Deckel weit

offen.

"Komm, Heidi, komm", rief ihm Klara entgegen. "Sieh, was ich dir

habe einpacken lassen, komm, freut's dich?"

Und sie nannte ihm eine ganze Menge von Dingen, Kleider und

Schürzen, Tücher und Nähgerät, "und sieh hier, Heidi", und Klara

hob triumphierend einen Korb in die Höhe. Heidi guckte hinein und

sprang hoch auf vor Freude, denn drinnen lagen wohl zwölf schöne,

weiße, runde Brötchen, alle für die Großmutter. Die Kinder

vergaßen in ihrem Jubel ganz, dass nun der Augenblick komme, da sie

sich trennen mussten, und als mit einem Mal der Ruf erschallte:

"Der Wagen ist bereit!"--da war keine Zeit mehr zum Traurigwerden.

Heidi lief in sein Zimmer, da musste noch ein schönes Buch von der

Großmama liegen, niemand konnte es eingepackt haben, denn es lag

unter dem Kopfkissen, weil Heidi Tag und Nacht sich nicht davon

trennen konnte. Das wurde in den Korb auf die Brötchen gelegt.

Dann machte es seinen Schrank auf; noch suchte es nach einem Gute,

das man vielleicht auch nicht eingepackt hatte. Richtig--auch das

alte rote Tuch lag noch da, Fräulein Rottenmeier hatte es zu gering

erachtet, um mit eingepackt zu werden. Heidi wickelte es um einen

anderen Gegenstand und legte es zuoberst auf den Korb, so dass das

rote Paket sehr sichtbar zur Erscheinung kam. Dann setzte es sein

schönes Hütchen auf und verließ sein Zimmer.

Die beiden Kinder mussten sich schnell Lebewohl sagen, denn Herr

Sesemann stand schon da, um Heidi nach dem Wagen zu bringen.

Fräulein Rottenmeier stand oben an der Treppe, um hier Heidi zu

verabschieden. Als sie das seltsame rote Bündelchen erblickte,

nahm sie es schnell aus dem Korb heraus und warf es auf den Boden.

"Nein, Adelheid", sagte sie tadelnd, "so kannst du nicht reisen von

diesem Hause aus; solches Zeug brauchst du überhaupt nicht

mitzuschleppen. Nun lebe wohl."

Auf dieses Verbot hin durfte Heidi sein Bündelchen nicht wieder

aufnehmen, aber es schaute mit einem flehentlichen Blick zu dem

Hausherrn auf, so, als wollte man ihm seinen größten Schatz nehmen.

"Nein, nein", sagte Herr Sesemann in sehr bestimmtem Tone, "das

Kind soll mit heimtragen, was ihm Freude macht, und sollte es auch

junge Katzen oder Schildkröten mit fortschleppen, so wollen wir uns

darüber nicht aufregen, Fräulein Rottenmeier."

Heidi hob eilig sein Bündelchen wieder vom Boden auf, und Dank und

Freude leuchteten ihm aus den Augen. Unten am Wagen reichte Herr

Sesemann dem Kinde die Hand und sagte ihm mit freundlichen Worten,

sie würden seiner gedenken, er und seine Tochter Klara; er wünschte

ihm alles Gute auf den Weg, und Heidi dankte recht schön für alle

Guttaten, die ihm zuteil geworden waren, und zum Schluss sagte es:

"Und den Herrn Doktor lasse ich tausendmal grüßen und ihm auch

vielmals danken." Denn es hatte sich wohl gemerkt, wie er gestern

Abend gesagt hatte: "Und morgen wird alles gut." Nun war es so

gekommen, und Heidi dachte, er habe dazu geholfen.

Jetzt wurde das Kind in den Wagen gehoben und der Korb und die

Provianttasche und der Sebastian kamen nach. Herr Sesemann rief

noch einmal freundlich: "Glückliche Reise!", und der Wagen rollte

davon.

Bald nachher saß Heidi in der Eisenbahn und hielt unbeweglich

seinen Korb auf dem Schoße fest, denn es wollte ihn nicht einen

Augenblick aus den Händen lassen, seine kostbaren Brötchen für die

Großmutter waren ja darin, die musste es sorgfältig hüten und von

Zeit zu Zeit einmal wieder ansehen und sich freuen darüber. Heidi

saß mäuschenstille während mehrerer Stunden, denn erst jetzt kam es

recht zum Bewusstsein, dass es auf dem Wege sei heim zum Großvater,

auf die Alm, zur Großmutter, zum Geißenpeter, und nun kam ihm alles

vor Augen, eins nach dem anderen, was es wieder sehen werde und wie

alles aussehen werde daheim, und dabei stiegen ihm wieder neue

Gedanken auf, und auf einmal sagte es ängstlich: "Sebastian, ist

auch sicher die Großmutter auf der Alm nicht gestorben?"

"Nein, nein", beruhigte dieser, "wollen's nicht hoffen, wird schon

noch am Leben sein."

Dann fiel Heidi wieder in sein Sinnen zurück; nur hier und da

guckte es einmal in seinen Korb hinein, denn alle die Brötchen der

Großmutter auf den Tisch legen war sein Hauptgedanke. Nach

längerer Zeit sagte es wieder: "Sebastian, wenn man nur auch ganz

sicher wissen könnte, dass die Großmutter noch am Leben ist."

"Jawohl! Jawohl!", entgegnete der Begleiter halb schlafend; "Wird

schon noch leben, wüsste auch gar nicht, warum nicht."

Nach einiger Zeit drückte der Schlaf auch Heidis Augen zu, und nach

der vergangenen unruhigen Nacht und dem frühen Aufstehen war es so

schlafbedürftig, dass es erst wieder erwachte, als Sebastian es

tüchtig am Arm schüttelte und ihm zurief: "Erwachen! Erwachen!

Gleich aussteigen, in Basel angekommen!"

Am folgenden Morgen ging's weiter, viele Stunden lang. Heidi saß

wieder mit seinem Korb auf dem Schoß, den es um keinen Preis dem

Sebastian übergeben wollte; aber heute sagte es gar nichts mehr,

denn nun wurde mit jeder Stunde die Erwartung gespannter. Dann auf

einmal, als Heidi gar nicht daran dachte, ertönte laut der Ruf:

"Maienfeld!" Es sprang von seinem Sitz auf, und dasselbe tat

Sebastian, der auch überrascht worden war. Jetzt standen sie

draußen, der Koffer mit ihnen, und der Bahnzug pfiff weiter ins Tal

hinein. Sebastian sah ihm wehmütig nach, denn er wäre viel lieber

so sicher und ohne Mühe weitergereist, als dass er nun eine

Fußpartie unternehmen sollte, die dazu noch mit einer

Bergbesteigung enden musste, die sehr beschwerlich und dazu

gefahrvoll sein konnte in diesem Lande, wo doch alles noch halb

wild war, wie Sebastian annahm. Er schaute daher sehr vorsichtig

um sich, wen er etwa beraten könnte über den sichersten Weg nach

dem 'Dörfli'. Unweit des kleinen Stationsgebäudes

stand ein kleiner Leiterwagen mit einem mageren Rösslein davor; auf

diesen wurden von einem breitschultrigen Manne ein paar große Säcke

aufgeladen, die mit der Bahn hergebracht worden waren. Sebastian

trat zu ihm heran und brachte seine Frage nach dem sichersten Weg

zum Dörfli vor.

"Hier sind alle Wege sicher", war die kurze Antwort.

Jetzt fragte Sebastian nach dem besten Wege, auf dem man gehen

könne, ohne in die Abgründe zu stürzen, und auch wie man einen

Koffer nach dem betreffenden Dörfli befördern könnte. Der Mann

schaute nach dem Koffer hin und maß ihn ein wenig mit den Augen;

dann erklärte er, wenn das Ding nicht zu schwer sei, so wolle er es

auf seinen Wagen nehmen, da er selbst nach dem Dörfli fahre, und so

gab noch ein Wort das andere, und endlich kamen die beiden überein,

der Mann solle Kind und Koffer mit auf seinen Wagen nehmen, und

nachher vom Dörfli aus könne das Kind am Abend mit irgendjemand auf

die Alm geschickt werden.

"Ich kann allein gehen, ich weiß schon den Weg vom Dörfli auf die

Alm", sagte hier Heidi, das mit Aufmerksamkeit der Verhandlung

zugehört hatte. Dem Sebastian fiel eine schwere Last vom Herzen,

als er sich so auf einmal seiner Aussicht auf das Bergklettern

entledigt sah. Er winkte nun Heidi geheimnisvoll auf die Seite und

überreichte ihm hier eine schwere Rolle und einen Brief an den

Großvater und erklärte ihm, die Rolle sei ein Geschenk von Herrn

Sesemann, die müsse aber zuunterst in den Korb gesteckt werden,

noch unter die Brötchen, und darauf müsse genau Acht gegeben werden,

dass sie nicht verloren gehe, denn darüber würde Herr Sesemann

ganz fürchterlich böse und sein Leben lang nie mehr gut werden; das

sollte das Mamsellchen nur ja bedenken.

"Ich verliere sie schon nicht", sagte Heidi zuversichtlich und

steckte die Rolle samt dem Brief zuallerunterst in den Korb hinein.

Nun wurde der Koffer aufgeladen, und nachher hob Sebastian Heidi

samt seinem Korb auf den hohen Sitz empor, reichte ihm seine Hand

hinauf zum Abschied und ermahnte es noch einmal mit allerlei

Zeichen, auf den Inhalt des Korbes ein Auge zu haben; denn der

Führer war noch in der Nähe, und Sebastian war vorsichtig,

besonders jetzt, da er wusste, er hätte eigentlich selbst das Kind

an Ort und Stelle bringen sollen. Der Führer schwang sich jetzt

neben Heidi auf den Sitz hinauf, und der Wagen rollte den Bergen zu,

während Sebastian, froh über seine Befreiung von der gefürchteten

Bergreise, sich am Stationshäuschen niedersetzte, um den

zurückgehenden Bahnzug abzuwarten.

Der Mann auf dem Wagen war der Bäcker vom Dörfli, welcher seine

Mehlsäcke nach Hause fuhr. Er hatte Heidi nie gesehen, aber wie

jedermann im Dörfli wusste er von dem Kinde, das man dem Alm-Öhi

gebracht hatte; auch hatte er Heidis Eltern gekannt und sich gleich

vorgestellt, er werde es mit dem viel besprochenen Kinde hier zu

tun haben. Es wunderte ihn nun ein wenig, warum das Kind schon

wieder heimkommen und während der Fahrt fing er nun mit Heidi ein

Gespräch an: "Du wirst das Kind sein, das oben beim Alm-Öhi war,

beim Großvater?"

"Ja."

"So ist es dir schlecht gegangen, dass du schon wieder von so weit

her heimkommst?"

"Nein, das ist es mir nicht; kein Mensch kann es so gut haben, wie

man es in Frankfurt hat."

"Warum läufst du denn heim?"

"Nur weil es mir der Herr Sesemann erlaubt hat, sonst wär ich nicht

heimgelaufen."

"Pah, warum bist du denn aber nicht lieber dort geblieben, wenn man

dir's erlaubt hat, heimzugehen?"

"Weil ich tausendmal lieber heimwill zum Großvater auf die Alm als

sonst alles auf der Welt."

"Denkst vielleicht anders, wenn du hinaufkommst", brummte der

Bäcker; "nimmt mich aber doch wunder", sagte er dann zu sich selbst,

"es kann wissen, wie's ist."

Nun fing er an zu pfeifen und sagte nichts mehr, und Heidi schaute

um sich und fing an innerlich zu zittern vor Erregung, denn es

erkannte die Bäume am Wege, und drüben standen die hohen Zacken des

Falknis-Berges und schauten zu ihm herüber, so als grüßten sie es

wie gute alte Freunde; und Heidi grüßte wieder, und mit jedem

Schritt vorwärts wurde Heidis Erwartung gespannter, und es meinte,

es müsse vom Wagen herunterspringen und aus allen Kräften laufen,

bis es ganz oben wäre. Aber es blieb doch still sitzen und rührte

sich nicht, aber alles zitterte an ihm. Jetzt fuhren sie im Dörfli

ein, eben schlug die Glocke fünf Uhr. Augenblicklich sammelte sich

eine Gesellschaft von Kindern und Frauen um den Wagen herum, und

ein paar Nachbarn traten auch noch herzu, denn der Koffer und das

Kind auf des Bäckers Wagen hatten die Aufmerksamkeit aller

Umwohnenden auf sich gezogen, und jeder wollte wissen, woher und

wohin und wem beide zugehörten. Als der Bäcker Heidi

heruntergehoben hatte, sagte es eilig: "Danke, der Großvater holt

dann schon den Koffer", und wollte davonrennen. Aber von allen

Seiten wurde es festgehalten, und eine Menge von Stimmen fragten

alle auf einmal, jede etwas Eigenes. Heidi drängte sich mit einer

solchen Angst auf dem Gesichte durch die Leute, dass man ihm

unwillkürlich Platz machte und es laufen ließ, und einer sagte zum

anderen: "Du siehst ja, wie es sich fürchtet, es hat auch alle

Ursache." Und dann fingen sie noch an, sich zu erzählen, wie der

Alm-Öhi seit einem Jahr noch viel ärger geworden sei als vorher und

mit keinem Menschen mehr ein Wort rede und ein Gesicht mache, als

wolle er am liebsten jeden umbringen, der ihm in den Weg komme, und

wenn das Kind auf der ganzen Welt noch wüsste wohin, so liefe es

nicht in das alte Drachennest hinauf. Aber hier fiel der Bäcker in

das Gespräch ein und sagte, er werde wohl mehr wissen als sie alle,

und erzählte dann sehr geheimnisvoll, wie ein Herr das Kind bis

nach Maienfeld gebracht und es ganz freundlich entlassen habe und

auch gleich ohne Markten ihm den geforderten Fahrpreis und dazu

noch ein Trinkgeld gegeben habe, und überhaupt könne er sicher

sagen, dass es dem Kind wohl genug gewesen sei, wo es war, und es

selbst begehrt habe, zum Großvater zurückzugehen. Diese Nachricht

brachte eine große Verwunderung hervor und wurde nun gleich im

ganzen Dörfli so verbreitet, dass noch am gleichen Abend kein Haus

daselbst war, in dem man nicht davon redete, dass das Heidi aus

allem Wohlleben zum Großvater zurückbegehrt habe.

Heidi lief vom Dörfli bergan, so schnell es nur konnte; von Zeit zu

Zeit musste es aber plötzlich stille stehen, denn es hatte ganz den

Atem verloren; sein Korb am Arm war doch ziemlich schwer, und dazu

ging es nun immer steiler, je höher hinauf es ging. Heidi hatte

nur noch einen Gedanken: "Wird auch die Großmutter noch auf ihrem

Plätzchen sitzen am Spinnrad in der Ecke, ist sie auch nicht

gestorben unterdessen?" Jetzt erblickte Heidi die Hütte oben in der

Vertiefung an der Alm, sein Herz fing an zu klopfen, Heidi rannte

noch mehr, immer mehr und immer lauter schlug ihm das Herz. Jetzt

war es oben--vor Zittern konnte es fast die Tür nicht aufmachen--

doch jetzt--es sprang hinein bis mitten in die kleine Stube und

stand da, völlig außer Atem, und brachte keinen Ton hervor.

"Ach du mein Gott", tönte es aus der Ecke hervor, "so sprang unser

Heidi herein, ach, wenn ich es noch ein Mal im Leben bei mir haben

könnte! Wer ist hereingekommen?"

"Da bin ich ja, Großmutter, da bin ich ja", rief Heidi jetzt und

stürzte nach der Ecke und gleich auf seine Knie zu der Großmutter

heran, fasste ihren Arm und ihre Hände und legte sich an sie und

konnte vor Freude gar nichts mehr sagen. Erst war die Großmutter

so überrascht, dass auch sie kein Wort hervorbringen konnte; dann

fuhr sie mit der Hand streichelnd über Heidis Kraushaare hin, und

nun sagte sie ein Mal über das andere: "Ja, ja, das sind seine

Haare und es ist ja seine Stimme, ach du lieber Gott, dass du mich

das noch erleben lässt!" Und aus den blinden Augen fielen ein paar

große Freudentränen auf Heidis Hand nieder. "Bist du's auch, Heidi,

bist du auch sicher wieder da?"

"Ja, ja, sicher, Großmutter", rief Heidi nun mit aller Zuversicht,

"weine nur nicht, ich bin ganz gewiss wieder da und komme alle Tage

zu dir und gehe nie wieder fort, und du musst auch manchen Tag kein

hartes Brot mehr essen, siehst du, Großmutter, siehst du?"

Und Heidi packte nun aus seinem Korb ein Brötchen nach dem andern

aus, bis es alle zwölf auf dem Schoß der Großmutter aufgehäuft

hatte.

"Ach Kind! Ach Kind! Was bringst du denn für einen Segen mit!",

rief die Großmutter aus, als es nicht enden wollte mit den Brötchen

und immer noch eines folgte. "Aber der größte Segen bist du mir

doch selber, Kind!" Dann griff sie wieder in Heidis krause Haare

und strich über seine heißen Wangen und sagte wieder: "Sag noch ein

Wort, Kind, sag noch etwas, dass ich dich hören kann."

Heidi erzählte nun der Großmutter, welche große Angst es habe

ausstehen müssen, sie sei vielleicht gestorben unterdessen und habe

nun gar nie die weißen Brötchen bekommen, und es könne nie, nie

mehr zu ihr gehen.

Jetzt trat Peters Mutter herein und blieb einen Augenblick

unbeweglich stehen vor Erstaunen. Dann rief sie: "Sicher, es ist

das Heidi, wie kann auch das sein!"

Heidi stand auf und gab ihr die Hand, und die Brigitte konnte sich

gar nicht genug verwundern darüber, wie Heidi aussehe, und ging um

das Kind herum und sagte: "Großmutter, wenn du doch nur sehen

könntest, was für ein schönes Röcklein das Heidi hat und wie es

aussieht; man kennt es fast nicht mehr. Und das Federnhütlein auf

dem Tisch gehört dir auch noch? Setz es doch einmal auf, so kann

ich sehen, wie du drin aussiehst."

"Nein, ich will nicht", erklärte Heidi, "du kannst es haben, ich

brauche es nicht mehr, ich habe schon noch mein eigenes." Damit

machte Heidi sein rotes Bündelchen auf und nahm sein altes Hütchen

daraus hervor, das auf der Reise zu den Knicken, die es schon

vorher gehabt, noch einige bekommen hatte. Aber das kümmerte das

Heidi wenig; es hatte ja nicht vergessen, wie der Großvater beim

Abschied nachgerufen hatte, in einem Federnhut wolle er es niemals

sehen; darum hatte Heidi sein Hütchen so sorgfältig aufgehoben,

denn es dachte ja immer ans Heimgehen zum Großvater. Aber die

Brigitte sagte, so einfältig müsse es nicht sein, es sei ja ein

prächtiges Hütchen, das nehme sie nicht; man könnte es ja etwa dem

Töchterlein vom Lehrer im Dörfli verkaufen und noch viel Geld

bekommen, wenn es das Hütlein nicht tragen wolle. Aber Heidi blieb

bei seinem Vorhaben und legte das Hütchen leise hinter die

Großmutter in den Winkel, wo es ganz verborgen war. Dann zog Heidi

auf einmal sein schönes Röcklein aus, und über das Unterröckchen,

in dem es nun mit bloßen Armen dastand, band es das rote Halstuch,

und nun fasste es die Hand der Großmutter und sagte: "Jetzt muss

ich heim zum Großvater, aber morgen komm ich wieder zu dir; gute

Nacht, Großmutter."

"Ja, komm auch wieder, Heidi, komm auch morgen wieder", bat die

Großmutter und drückte seine Hand zwischen den ihrigen und konnte

das Kind fast nicht loslassen.

"Warum hast du denn dein schönes Röcklein ausgezogen?", fragte die

Brigitte.

"Weil ich lieber so zum Großvater will, sonst kennt er mich

vielleicht nicht mehr, du hast mich ja auch fast nicht gekannt

darin."

Die Brigitte ging noch mit Heidi vor die Tür hinaus, und hier sagte

sie ein wenig geheimnisvoll zu ihm: "Den Rock hättest du schon

anbehalten können, er hätte dich doch gekannt; aber sonst musst du

dich in Acht nehmen; der Peterli sagt, der Alm-Öhi sei jetzt immer

bös und rede kein Wort mehr."

Heidi sagte 'gute Nacht' und stieg die Alm hinan mit

seinem Korb am Arm. Die Abendsonne leuchtete ringsum auf die grüne

Alm, und jetzt war auch drüben das große Schneefeld an der

Schesaplana sichtbar geworden und strahlte herüber. Heidi musste

alle paar Schritte wieder stille stehen und sich umkehren, denn die

hohen Berge hatte es im Rücken beim Hinaufsteigen. Jetzt fiel ein

roter Schimmer vor seinen Füßen auf das Gras, es kehrte sich um, da

--so hatte es die Herrlichkeit nicht mehr im Sinn gehabt und auch

nie so im Traum gesehen--die Felshörner am Falknis flammten zum

Himmel auf, das weite Schneefeld glühte und rosenrote Wolken zogen

darüber hin; das Gras rings auf der Alm war golden, von allen

Felsen flimmerte und leuchtete es nieder und unten schwamm weithin

das ganze Tal in Duft und Gold. Heidi stand mitten in der

Herrlichkeit, und vor Freude und Wonne liefen ihm die hellen Tränen

die Wangen herunter, und es musste die Hände falten und in den

Himmel hinaufschauen und ganz laut dem lieben Gott danken, dass er

es wieder heimgebracht hatte und dass alles, alles noch so schön

sei und noch viel schöner, als es gewusst hatte, und dass alles

wieder ihm gehöre; und Heidi war so glücklich und so reich in all

der großen Herrlichkeit, dass es gar nicht Worte fand, dem lieben

Gott genug zu danken. Erst als das Licht ringsum verglühte, konnte

Heidi wieder von der Stelle weg; nun rannte es aber so den Berg

hinan, dass es gar nicht lange dauerte, so erblickte es oben die

Tannenwipfel über dem Dache und jetzt das Dach und die ganze Hütte,

und auf der Bank an der Hütte saß der Großvater und rauchte sein

Pfeifchen, und über die Hütte her wogten die alten Tannenwipfel und

raschelten im Abendwind. Jetzt rannte das Heidi noch mehr, und

bevor der Alm-Öhi nur recht sehen konnte, was da herankam, stürzte

das Kind schon auf ihn hin, warf seinen Korb auf den Boden und

umklammerte den Alten, und vor Aufregung des Wiedersehens konnte es

nichts sagen, als nur immer ausrufen: "Großvater! Großvater!

Großvater!"

Der Großvater sagte auch nichts. Seit vielen Jahren waren ihm zum

erstenmal wieder die Augen nass geworden, und er musste mit der

Hand darüber fahren. Dann löste er Heidis Arme von seinem Hals,

setzte das Kind auf seine Knie und betrachtete es einen Augenblick.

"So, bist du wieder heimgekommen, Heidi", sagte er dann; "wie ist

das? Besonders hoffärtig siehst du nicht aus, haben sie dich

fortgeschickt?"

"O nein, Großvater", fing Heidi nun mit Eifer an, "das musst du

nicht glauben, sie waren alle so gut, die Klara und die Großmama

und der Herr Sesemann; aber siehst du, Großvater, ich konnte es

fast gar nicht mehr aushalten, bis ich wieder bei dir daheim sein

könnte, und ich habe manchmal gemeint, ich müsse ganz ersticken, so

hat es mich gewürgt; aber ich habe gewiss nichts gesagt, weil es

undankbar war. Aber dann auf einmal an einem Morgen rief mich der

Herr Sesemann ganz früh--aber ich glaube, der Herr Doktor war

schuld daran--aber es steht vielleicht alles in dem Brief"--damit

sprang Heidi auf den Boden und holte seinen Brief und seine Rolle

aus dem Korb herbei und legte beide in die Hand des Großvaters.

"Das gehört dir", sagte dieser und legte die Rolle neben sich auf

die Bank. Dann nahm er den Brief und las ihn durch: Ohne ein Wort

zu sagen, steckte er dann das Blatt in die Tasche.

"Meinst, du könntest auch noch Milch trinken mit mir, Heidi?",

fragte er nun, indem er das Kind bei der Hand nahm, um in die Hütte

einzutreten. "Aber nimm dort dein Geld mit dir, da kannst du ein

ganzes Bett daraus kaufen und Kleider für ein paar Jahre."

"Ich brauch es gewiss nicht, Großvater", versicherte Heidi; "ein

Bett hab ich schon, und Kleider hat mir Klara so viele eingepackt,

dass ich gewiss nie mehr andere brauche."

"Nimm's, nimm's, und leg's in den Schrank, du wirst's schon einmal

brauchen können."

Heidi gehorchte und hüpfte nun dem Großvater nach in die Hütte

hinein, wo es vor Freude über das Wiedersehen in alle Winkel sprang

und die Leiter hinauf--aber da stand es plötzlich still und rief

in Betroffenheit von oben herunter: "Oh, Großvater, ich habe kein

Bett mehr!"

"Kommt schon wieder", tönte es von unten herauf, "wusste ja nicht,

dass du wieder heimkommst; jetzt komm zur Milch!"

Heidi kam herunter und setzte sich auf seinen hohen Stuhl am alten

Platze, und nun erfasste es sein Schüsselchen und trank mit einer

Begierde, als wäre etwas so Köstliches noch nie in seinen Bereich

gekommen, und als es mit einem tiefen Atemzug das Schüsselchen

hinstellte, sagte es: "So gut wie unsere Milch ist doch gar nichts

auf der Welt, Großvater."

Jetzt ertönte draußen ein schriller Pfiff; wie der Blitz schoss

Heidi zur Tür hinaus. Da kam die ganze Schar der Geißen hüpfend,

springend, Sätze machend von der Höhe herunter, mittendrin der

Peter. Als er Heidi ansichtig wurde, blieb er auf der Stelle

völlig wie angewurzelt stehen und starrte es sprachlos an. Heidi

rief: "Guten Abend, Peter!", und stürzte mitten in die Geißen

hinein: "Schwänli! Bärli! Kennt ihr mich noch?", und die Geißlein

mussten seine Stimme gleich erkannt haben, denn sie rieben ihre

Köpfe an Heidi und fingen an leidenschaftlich zu meckern vor Freude,

und Heidi rief alle nacheinander beim Namen, und alle rannten wie

wild durcheinander und drängten sich zu ihm heran; der ungeduldige

Distelfink sprang hoch auf und über zwei Geißen weg, um gleich in

die Nähe zu kommen, und sogar das schüchterne Schneehöppli drängte

mit einem ziemlich eigensinnigen Bohren den großen Türk auf die

Seite, der nun ganz verwundert über die Frechheit dastand und

seinen Bart in die Luft hob, um zu zeigen, dass er es sei.

Heidi war außer sich vor Freude, alle die alten Gefährten wieder zu

haben; es umarmte das kleine, zärtliche Schneehöppli wieder und

wieder und streichelte den stürmischen Distelfink und wurde vor

großer Liebe und Zutraulichkeit der Geißen hin und her gedrängt und

geschoben, bis es nun ganz in Peters Nähe kam, der noch immer auf

demselben Platze stand.

"Komm herunter, Peter, und sag mir einmal guten Abend!", rief ihm

Heidi jetzt zu.

"Bist denn wieder da?", brachte er nun endlich in seinem Erstaunen

heraus, und nun kam er herzu und nahm Heidis Hand, die dieses ihm

schon lange hingehalten hatte, und nun fragte er, so wie er immer

getan hatte bei der Heimkehr am Abend: "Kommst morgen wieder mit?"

"Nein, morgen nicht, aber übermorgen vielleicht, denn morgen muss

ich zur Großmutter."

"Es ist recht, dass du wieder da bist", sagte der Peter und verzog

sein Gesicht auf alle Seiten vor ungeheurem Vergnügen, dann

schickte er sich zur Heimfahrt an; aber heute wurde es ihm so

schwer wie noch nie mit seinen Geißen, denn als er sie endlich mit

Locken und Drohen so weit gebracht hatte, dass sie sich um ihn

sammelten, und Heidi, den einen Arm um Schwänlis und den andern um

Bärlis Kopf gelegt, davonspazierte, da kehrten mit einem Male alle

wieder um und liefen den dreien nach. Heidi musste mit seinen zwei

Geißen in den Stall eintreten und die Tür zumachen, sonst wäre der

Peter niemals mit seiner Herde fortgekommen. Als das Kind dann in

die Hütte zurückkam, da sah es sein Bett schon wieder aufgerichtet,

prächtig hoch und duftend, denn das Heu war noch nicht lange

hereingeholt, und darüber hatte der Großvater ganz sorgfältig die

sauberen Leintücher gebreitet. Heidi legte sich mit großer Lust

hinein und schlief so herrlich, wie es ein ganzes Jahr lang nicht

geschlafen hatte. Während der Nacht verließ der Großvater wohl

zehnmal sein Lager und stieg die Leiter hinauf und lauschte sorgsam,

ob Heidi auch schlafe und nicht unruhig werde, und suchte am Loch

nach, wo sonst der Mond hereinkam auf Heidis Lager, ob auch das Heu

noch fest drinnen sitze, das er hineingestopft hatte, denn von nun

an durfte der Mondschein nicht mehr hereinkommen. Aber Heidi

schlief in einem Zuge fort und wanderte keinen Schritt herum, denn

sein großes, brennendes Verlangen war gestillt worden: Es hatte

alle Berge und Felsen wieder im Abendglühen gesehen, es hatte die

Tannen rauschen gehört, es war wieder daheim auf der Alm.

Heidis Lehr- und Wanderjahre(#7500) · 第 15 / 16 题