Im Hause Sesemann spukt's

Seit einigen Tagen wanderte Fräulein Rottenmeier meistens

schweigend und in sich gekehrt im Haus herum. Wenn sie um die Zeit

der Dämmerung von einem Zimmer ins andere oder über den langen

Korridor ging, schaute sie öfters um sich, gegen die Ecken hin und

auch schnell einmal hinter sich, so, als denke sie, es könnte

jemand leise hinter ihr herkommen und sie unversehens am Rock

zupfen. So allein ging sie aber nur noch in den bewohnten Räumen

herum. Hatte sie auf dem oberen Boden, wo die feierlich

aufgerüsteten Gastzimmer lagen, oder gar in den unteren Räumen

etwas zu besorgen, wo der große geheimnisvolle Saal war, in dem

jeder Tritt einen weithin schallenden Widerhall gab und die alten

Ratsherren mit den großen, weißen Kragen so ernsthaft und

unverwandt auf einen niederschauten, da rief sie nun regelmäßig die

Tinette herbei und sagte ihr, sie habe mitzukommen, im Fall etwas

von dort herauf- oder von oben herunterzutragen wäre. Tinette

ihrerseits machte es pünktlich ebenso; hatte sie oben oder unten

irgendein Geschäft abzutun, so rief sie den Sebastian herbei und

sagte ihm, er habe sie zu begleiten, es möchte etwas

herbeizubringen sein, das sie nicht allein tragen könnte.

Wunderbarerweise tat auch Sebastian akkurat dasselbe; wurde er in

die abgelegenen Räume geschickt, so holte er den Johann herauf und

wies ihn an, ihn zu begleiten, im Fall er nicht herbeischaffen

könnte, was erforderlich sei. Und jedes folgte immer ganz willig

dem Ruf, obschon eigentlich nie etwas herbeizutragen war, so dass

jedes gut hätte allein gehen können; aber es war so, als denke der

Herbeigerufene immer bei sich, er könne den anderen auch bald für

denselben Dienst nötig haben. Während sich solches oben zutrug,

stand unten die langjährige Köchin tiefsinnig bei ihren Töpfen und

schüttelte den Kopf und seufzte: "Dass ich das noch erleben musste!"

Es ging im Hause Sesemann seit einiger Zeit etwas ganz Seltsames

und Unheimliches vor. Jeden Morgen, wenn die Dienerschaft

herunterkam, stand die Haustür weit offen; aber weit und breit war

niemand zu sehen, der mit dieser Erscheinung im Zusammenhang stehen

konnte. In den ersten Tagen, da dies geschehen war, wurden gleich

mit Schrecken alle Zimmer und Räume des Hauses durchsucht, um zu

sehen, was alles gestohlen sei, denn man dachte, ein Dieb habe sich

im Hause verstecken können und sei in der Nacht mit dem Gestohlenen

entflohen; aber da war gar nichts fortgekommen, es fehlte im ganzen

Hause nicht ein einziges Ding. Abends wurde nicht nur die Tür

doppelt zugeriegelt, sondern es wurde noch der hölzerne Balken

vorgeschoben--es half nichts: Am Morgen stand die Tür weit offen;

und so früh nun auch die ganze Dienerschaft in ihrer Aufregung am

Morgen herunterkommen mochte--die Tür stand offen, wenn auch

ringsum alles noch im tiefen Schlaf lag und Fenster und Türen an

allen anderen Häusern noch fest verrammelt waren. Endlich fassten

sich der Johann und der Sebastian ein Herz und machten sich auf die

dringenden Zureden der Dame Rottenmeier bereit, die Nacht unten in

dem Zimmer, das an den großen Saal stieß, zuzubringen und zu

erwarten, was geschehe. Fräulein Rottenmeier suchte mehrere Waffen

des Herrn Sesemann hervor und übergab dem Sebastian eine große

Liqueurflasche, damit Stärkung vorausgehen und gute Wehr nachfolgen

könne, wo sie nötig sei.

Die beiden setzten sich an dem festgesetzten Abend hin und fingen

gleich an, sich Stärkung zuzutrinken, was sie erst sehr gesprächig

und dann ziemlich schläfrig machte, worauf sie beide sich an die

Sesselrücken lehnten und verstummten. Als die alte Turmuhr drüben

zwölf schlug, ermannte sich Sebastian und rief seinen Kameraden an;

der war aber nicht leicht zu erwecken; sooft ihn Sebastian anrief,

legte er seinen Kopf von einer Seite der Sessellehne auf die andere

und schlief weiter. Sebastian lauschte nunmehr gespannt, er war

nun wieder ganz munter geworden. Es war alles mäuschenstill, auch

von der Straße war kein Laut mehr zu hören. Sebastian entschlief

nicht wieder, denn jetzt wurde es ihm sehr unheimlich in der großen

Stille, und er rief den Johann nur noch mit gedämpfter Stimme an

und rüttelte ihn von Zeit zu Zeit ein wenig. Endlich, als es

droben schon ein Uhr geschlagen hatte, war der Johann wach geworden

und wieder zum klaren Bewusstsein gekommen, warum er auf dem Stuhl

sitze und nicht in seinem Bett liege. Jetzt fuhr er auf einmal

sehr tapfer empor und rief: "Nun, Sebastian, wir müssen doch einmal

hinaus und sehen, wie's steht; du wirst dich ja nicht fürchten.

Nur mir nach."

Johann machte die leicht angelehnte Zimmertür weit auf und trat

hinaus. Im gleichen Augenblick blies aus der offenen Haustür ein

scharfer Luftzug her und löschte das Licht aus, das der Johann in

der Hand hielt. Dieser stürzte zurück, warf den hinter ihm

stehenden Sebastian beinah rücklings ins Zimmer hinein, riss ihn

dann mit, schlug die Tür zu und drehte in fieberhafter Eile den

Schlüssel um, solang er nur umging. Dann riss er seine

Streichhölzer hervor und zündete sein Licht wieder an. Sebastian

wusste gar nicht recht, was vorgefallen war, denn hinter dem

breiten Johann stehend, hatte er den Luftzug nicht so deutlich

empfunden. Wie er aber jenen nun bei Licht besah, tat er einen

Schreckensruf, denn der Johann war kreideweiß und zitterte wie

Espenlaub. "Was ist's denn? Was war denn draußen?", fragte der

Sebastian teilnehmend.

"Sperrangelweit offen die Tür", keuchte Johann, "und auf der Treppe

eine weiße Gestalt, siehst du, Sebastian, nur so die Treppe hinauf--

husch und verschwunden."

Dem Sebastian gruselte es den ganzen Rücken hinauf. Jetzt setzten

sich die beiden ganz nah zusammen und regten sich nicht mehr, bis

dass der neue Morgen da war und es auf der Straße anfing, lebendig

zu werden. Dann traten sie zusammen hinaus, machten die weit offen

stehende Haustür zu und stiegen dann hinauf, um Fräulein

Rottenmeier Bericht zu erstatten über das Erlebte. Die Dame war

auch schon zu sprechen, denn die Erwartung der zu vernehmenden

Dinge hatte sie nicht mehr schlafen lassen. Sobald sie nun

vernommen hatte, was vorgefallen war, setzte sie sich hin und

schrieb einen Brief an Herrn Sesemann, wie er noch keinen erhalten

hatte; er möge sich nur sogleich, ohne Verzug, aufmachen und nach

Hause zurückkehren, denn da geschähen unerhörte Dinge. Dann wurde

ihm das Vorgefallene mitgeteilt sowie auch die Nachricht, dass

fortgesetzt die Tür jeden Morgen offen stehe; dass also keiner im

Hause seines Lebens mehr sicher sei bei dergestalt allnächtlich

offen stehender Hauspforte und dass man überhaupt nicht absehen

könne, was für dunkle Folgen dieser unheimliche Vorgang noch nach

sich ziehen könne. Herr Sesemann antwortete umgehend, es sei ihm

unmöglich, so plötzlich alles liegen zu lassen und nach Hause zu

kommen. Die Gespenstergeschichte sei ihm sehr befremdend, er hoffe

auch, sie sei vorübergehend; sollte es indessen keine Ruhe geben,

so möge Fräulein Rottenmeier an Frau Sesemann schreiben und sie

fragen, ob sie nicht nach Frankfurt zu Hilfe kommen wollte; gewiss

würde seine Mutter in kürzester Zeit mit den Gespenstern fertig,

und diese trauten sich nachher sicher so bald nicht wieder, sein

Haus zu beunruhigen. Fräulein Rottenmeier war nicht zufrieden mit

dem Ton dieses Briefes; die Sache war ihr zu wenig ernst aufgefasst.

Sie schrieb unverzüglich an Frau Sesemann, aber von dieser Seite

her tönte es nicht eben befriedigender, und die Antwort enthielt

einige ganz anzügliche Bemerkungen. Frau Sesemann schrieb, sie

gedenke nicht, extra von Holstein nach Frankfurt hinunterzureisen,

weil die Rottenmeier Gespenster sehe. Übrigens sei niemals ein

Gespenst gesehen worden im Hause Sesemann, und wenn jetzt eines

darin herumfahre, so könne es nur ein lebendiges sein, mit dem die

Rottenmeier sich sollte verständigen können; wo nicht, so solle sie

die Nachtwächter zu Hilfe rufen.

Aber Fräulein Rottenmeier war entschlossen, ihre Tage nicht mehr in

Schrecken zuzubringen, und sie wusste sich zu helfen. Bis dahin

hatte sie den beiden Kindern nichts von der Geistererscheinung

gesagt, denn sie befürchtete, die Kinder würden vor Furcht Tag und

Nacht keinen Augenblick mehr allein bleiben wollen, und das konnte

sehr unbequeme Folgen für sie haben. Jetzt ging sie stracks ins

Studierzimmer hinüber, wo die beiden zusammensaßen, und erzählte

mit gedämpfter Stimme von den nächtlichen Erscheinungen eines

Unbekannten. Sofort schrie Klara auf, sie bleibe keinen Augenblick

mehr allein, der Papa müsse nach Hause kommen und Fräulein

Rottenmeier müsse zum Schlafen in ihr Zimmer hinüberziehen, und

Heidi dürfe auch nicht mehr allein sein, sonst könne das Gespenst

einmal zu ihm kommen und ihm etwas tun; sie wollten alle in _einem_

Zimmer schlafen und die ganze Nacht das Licht brennen lassen, und

Tinette müsste nebenan schlafen und der Sebastian und der Johann

müssten auch herunterkommen und auf dem Korridor schlafen, dass sie

gleich schreien und das Gespenst erschrecken könnten, wenn es etwa

die Treppe heraufkommen wollte. Klara war sehr aufgeregt und

Fräulein Rottenmeier hatte nun die größte Mühe, sie etwas zu

beschwichtigen. Sie versprach ihr, sogleich an den Papa zu

schreiben und auch ihr Bett in Klaras Zimmer stellen und sie nie

mehr allein lassen zu wollen. Alle konnten sie nicht in demselben

Raume schlafen, aber wenn Adelheid sich auch fürchten sollte, so

müsste Tinette ihr Nachtlager bei ihr aufschlagen. Aber Heidi

fürchtete sich mehr vor der Tinette als vor Gespenstern, von denen

das Kind noch gar nie etwas gehört hatte, und es erklärte gleich,

es fürchte das Gespenst nicht und wolle schon allein in seinem

Zimmer bleiben. Hierauf eilte Fräulein Rottenmeier an ihren

Schreibtisch und schrieb an Herrn Sesemann, die unheimlichen

Vorgänge im Hause, die allnächtlich sich wiederholten, hätten die

zarte Konstitution seiner Tochter dergestalt erschüttert, dass die

schlimmsten Folgen zu befürchten seien; man habe Beispiele von

plötzlich eintretenden epileptischen Zufällen oder Veitstanz in

solchen Verhältnissen, und seine Tochter sei allem ausgesetzt, wenn

dieser Zustand des Schreckens im Hause nicht gehoben werde.

Das half. Zwei Tage darauf stand Herr Sesemann vor seiner Tür und

schellte dergestalt an seiner Hausglocke, dass alles zusammenlief

und einer den anderen anstarrte, denn man glaubte nicht anders, als

nun lasse der Geist frecherweise noch vor Nacht seine boshaften

Stücke aus. Sebastian guckte ganz behutsam durch einen halb

geöffneten Laden von oben herunter; in dem Augenblick schellte es

noch einmal so nachdrücklich, dass jeder unwillkürlich eine

Menschenhand hinter dem tüchtigen Ruck vermutete. Sebastian hatte

die Hand erkannt, stürzte durchs Zimmer, kopfüber die Treppe

hinunter, kam aber unten wieder auf die Füße und riss die Haustür

auf. Herr Sesemann grüßte kurz und stieg ohne weiteres nach dem

Zimmer seiner Tochter hinauf. Klara empfing den Papa mit einem

lauten Freudenruf, und als er sie so munter und völlig unverändert

sah, glättete sich seine Stirn, die er vorher sehr zusammengezogen

hatte, und immer mehr, als er nun von ihr selbst hörte, sie sei so

wohl wie immer und sie sei so froh, dass er gekommen sei, dass es

ihr jetzt ganz recht sei, dass ein Geist im Haus herumfahre, weil

er doch daran schuld sei, dass der Papa heimkommen musste.

"Und wie führt sich das Gespenst weiter auf, Fräulein Rottenmeier?",

fragte nun Herr Sesemann mit einem lustigen Ausdruck in den

Mundwinkeln.

"Nein, Herr Sesemann", entgegnete die Dame ernst, "es ist kein

Scherz. Ich zweifle nicht daran, dass morgen Herr Sesemann nicht

mehr lachen wird; denn was in dem Hause vorgeht, deutet auf

Fürchterliches, das hier in vergangener Zeit muss vorgegangen und

verheimlicht worden sein."

"So, davon weiß ich nichts", bemerkte Herr Sesemann, "muss aber

bitten, meine völlig ehrenwerten Ahnen nicht verdächtigen zu wollen.

Und nun rufen Sie mir den Sebastian ins Esszimmer, ich will

allein mit ihm reden."

Herr Sesemann ging hinüber und Sebastian erschien. Es war Herrn

Sesemann nicht entgangen, dass Sebastian und Fräulein Rottenmeier

sich nicht eben mit Zuneigung betrachteten; so hatte er seine

Gedanken.

"Komm Er her, Bursche", winkte er dem Eintretenden entgegen, "und

sag Er mir nun ganz ehrlich: Hat Er nicht etwa selbst ein wenig

Gespenst gespielt, so um Fräulein Rottenmeier etwas Kurzweil zu

machen, he?"

"Nein, meiner Treu, das muss der gnädige Herr nicht glauben; es ist

mir selbst nicht ganz gemütlich bei der Sache", entgegnete

Sebastian mit unverkennbarer Ehrlichkeit.

"Nun, wenn es so steht, so will ich morgen Ihm und dem tapferen

Johann zeigen, wie Gespenster beim Licht aussehen. Schäme Er sich,

Sebastian, ein junger, kräftiger Bursch, wie Er ist, vor

Gespenstern davonzulaufen! Nun geh Er unverzüglich zu meinem alten

Freund, Doktor Classen: meine Empfehlung und er möchte unfehlbar

heut Abend neun Uhr bei mir erscheinen; ich sei extra von Paris

hergereist, um ihn zu konsultieren. Er müsse die Nacht bei mir

wachen, so schlimm sei's; er solle sich richten! Verstanden,

Sebastian?"

"Jawohl, jawohl! Der gnädige Herr kann sicher sein, dass ich's gut

mache." Damit entfernte sich Sebastian, und Herr Sesemann kehrte zu

seinem Töchterchen zurück, um ihr alle Furcht vor einer Erscheinung

zu benehmen, die er noch heute ins nötige Licht stellen wollte.

Punkt neun Uhr, als die Kinder zur Ruhe gegangen und auch Fräulein

Rottenmeier sich zurückgezogen hatte, erschien der Doktor, der

unter seinen grauen Haaren noch ein recht frisches Gesicht und zwei

lebhaft und freundlich blickende Augen zeigte. Er sah etwas

ängstlich aus, brach aber gleich nach seiner Begrüßung in ein

helles Lachen aus und sagte, seinem Freunde auf die Schulter

klopfend: "Nun, nun, für einen, bei dem man wachen soll, siehst du

noch leidlich aus, Alter."

"Nur Geduld, Alter", gab Herr Sesemann zurück; "derjenige, für den

du wachen musst, wird schon schlimmer aussehen, wenn wir ihn erst

abgefangen haben."

"Also doch ein Kranker im Haus und dazu einer, der eingefangen

werden muss?"

"Weit schlimmer, Doktor, weit schlimmer. Ein Gespenst im Hause,

bei mir spukt's!"

Der Doktor lachte laut auf.

"Schöne Teilnahme das, Doktor!", fuhr Herr Sesemann fort; "schade,

dass meine Freundin Rottenmeier sie nicht genießen kann. Sie ist

fest überzeugt, dass ein alter Sesemann hier herumrumort und

Schauertaten abbüßt."

"Wie hat sie ihn aber nur kennen gelernt?", fragte der Doktor noch

immer sehr erheitert.

Herr Sesemann erzählte nun seinem Freunde den ganzen Vorgang und

wie noch jetzt allnächtlich die Haustür geöffnet werde, nach der

Angabe der sämtlichen Hausbewohner, und fügte hinzu, um für alle

Fälle vorbereitet zu sein, habe er zwei gut geladene Revolver in

das Wachtlokal legen lassen; denn entweder sei die Sache ein sehr

unerwünschter Scherz, den sich vielleicht irgendein Bekannter der

Dienerschaft mache, um die Leute des Hauses in Abwesenheit des

Hausherrn zu erschrecken--dann könnte ein kleiner Schrecken, wie

ein guter Schuss ins Leere, ihm nicht unheilsam sein--; oder auch

es handle sich um Diebe, die auf diese Weise erst den Gedanken an

Gespenster aufkommen lassen wollten, um nachher umso sicherer zu

sein, dass niemand sich herauswage--in diesem Falle könnte eine

gute Waffe auch nicht schaden.

Während dieser Erklärungen waren die Herren die Treppe

hinuntergestiegen und traten in dasselbe Zimmer ein, wo Johann und

Sebastian auch gewacht hatten. Auf dem Tische standen einige

Flaschen schönen Weines, denn eine kleine Stärkung von Zeit zu Zeit

konnte nicht unerwünscht sein, wenn die Nacht da zugebracht werden

musste. Daneben lagen die beiden Revolver, und zwei, ein helles

Licht verbreitende Armleuchter standen mitten auf dem Tisch, denn

so im Halbdunkel wollte Herr Sesemann das Gespenst denn doch nicht

erwarten.

Nun wurde die Tür ans Schloss gelehnt, denn zu viel Licht durfte

nicht in den Korridor hinausfließen, es konnte das Gespenst

verscheuchen. Jetzt setzten sich die Herren gemütlich in ihre

Lehnstühle und fingen an, sich allerlei zu erzählen, nahmen auch

hier und da dazwischen einen guten Schluck, und so schlug es zwölf

Uhr, eh sie sich's versahen.

"Das Gespenst hat uns gewittert und kommt wohl heut gar nicht",

sagte der Doktor jetzt.

"Nur Geduld, es soll erst um ein Uhr kommen", entgegnete der Freund.

Das Gespräch wurde wieder aufgenommen. Es schlug ein Uhr. Ringsum

war es völlig still, auch auf den Straßen war aller Lärm verklungen.

Auf einmal hob der Doktor den Finger empor.

"Pst, Sesemann, hörst du nichts?"

Sie lauschten beide. Leise, aber ganz deutlich hörten sie, wie der

Balken zurückgeschoben, dann der Schlüssel zweimal im Schloss

umgedreht, jetzt die Tür geöffnet wurde. Herr Sesemann fuhr mit

der Hand nach seinem Revolver.

"Du fürchtest dich doch nicht?", sagte der Doktor und stand auf.

"Behutsam ist besser", flüsterte Herr Sesemann, erfasste mit der

Linken den Armleuchter mit drei Kerzen, mit der Rechten den

Revolver und folgte dem Doktor, der, gleichermaßen mit Leuchter und

Schießgewehr bewaffnet, voranging. Sie traten auf den Korridor

hinaus.

Durch die weit geöffnete Tür floss ein bleicher Mondschein herein

und beleuchtete eine weiße Gestalt, die regungslos auf der Schwelle

stand.

"Wer da?", donnerte jetzt der Doktor heraus, dass es durch den

ganzen Korridor hallte, und beide Herren traten nun mit Lichtern

und Waffen an die Gestalt heran. Sie kehrte sich um und tat einen

leisen Schrei. Mit bloßen Füßen im weißen Nachtkleidchen stand

Heidi da, schaute mit verwirrten Blicken in die hellen Flammen und

auf die Waffen und zitterte und bebte wie ein Blättlein im Winde

von oben bis unten. Die Herren schauten einander in großem

Erstaunen an.

"Ich glaube wahrhaftig, Sesemann, es ist deine kleine

Wasserträgerin", sagte der Doktor.

"Kind, was soll das heißen?", fragte nun Herr Sesemann. "Was

wolltest du tun? Warum bist du hier heruntergekommen?"

Schneeweiß vor Schrecken stand Heidi vor ihm und sagte fast tonlos:

"Ich weiß nicht."

Jetzt trat der Doktor vor: "Sesemann, der Fall gehört in mein

Gebiet; geh, setz dich einstweilen in deinen Lehnstuhl drinnen, ich

will vor allem das Kind hinbringen, wo es hingehört."

Damit legte er seinen Revolver auf den Boden, nahm das zitternde

Kind ganz väterlich bei der Hand und ging mit ihm der Treppe zu.

"Nicht fürchten, nicht fürchten", sagte er freundlich im

Hinaufsteigen, "nur ganz ruhig sein, da ist gar nichts Schlimmes

dabei, nur getrost sein."

In Heidis Zimmer eingetreten, stellte der Doktor seinen Leuchter

auf den Tisch, nahm Heidi auf den Arm, legte es in sein Bett hinein

und deckte es sorgfältig zu. Dann setzte er sich auf den Sessel am

Bett und wartete, bis Heidi ein wenig beruhigt war und nicht mehr

an allen Gliedern bebte. Dann nahm er das Kind bei der Hand und

sagte begütigend: "So, nun ist alles in Ordnung, nun sag mir auch

noch, wo wolltest du denn hin?"

"Ich wollte gewiss nirgends hin", versicherte Heidi; "ich bin auch

gar nicht selbst hinuntergegangen, ich war nur auf einmal da."

"So, so, und hast du etwa geträumt in der Nacht, weißt du, so, dass

du deutlich etwas sahst und hörtest?"

"Ja, jede Nacht träumt es mir und immer gleich. Dann mein ich, ich

sei beim Großvater, und draußen hör ich's in den Tannen sausen und

denke: Jetzt glitzern so schön die Sterne am Himmel, und ich laufe

geschwind und mache die Tür auf an der Hütte und da ist's so schön!

Aber wenn ich erwache, bin ich immer noch in Frankfurt." Heidi

fing schon an zu kämpfen und zu schlucken an dem Gewicht, das den

Hals hinaufstieg.

"Hm, und tut dir denn auch nichts weh, nirgends? Nicht im Kopf

oder im Rücken?"

"O nein, nur hier drückt es so wie ein großer Stein immerfort."

"Hm, etwa so, wie wenn man etwas gegessen hat und wollte es nachher

lieber wieder zurückgeben?"

"Nein, so nicht, aber so schwer, wie wenn man stark weinen sollte."

"So, so, und weinst du denn so recht heraus?"

"O nein, das darf man nicht, Fräulein Rottenmeier hat es verboten."

"Dann schluckst du's herunter zum andern, nicht wahr, so? Richtig!

Nun, du bist doch recht gern in Frankfurt, nicht?"

"O ja", war die leise Antwort; sie klang aber so, als bedeute sie

eher das Gegenteil.

"Hm, und wo hast du mit deinem Großvater gelebt?"

"Immer auf der Alm."

"So, da ist's doch nicht so besonders kurzweilig, eher ein wenig

langweilig, nicht?"

"O nein, da ist's so schön, so schön!" Heidi konnte nicht weiter;

die Erinnerung, die eben durchgemachte Aufregung, das lang

verhaltene Weinen überwältigten die Kräfte des Kindes; gewaltsam

stürzten ihm die Tränen aus den Augen und es brach in ein lautes,

heftiges Schluchzen aus.

Der Doktor stand auf; er legte freundlich Heidis Kopf auf das

Kissen nieder und sagte: "So, noch ein klein wenig weinen, das kann

nichts schaden, und dann schlafen, ganz fröhlich einschlafen;

morgen wird alles gut." Dann verließ er das Zimmer.

Wieder unten in die Wachtstube eingetreten, ließ er sich dem

harrenden Freunde gegenüber in den Lehnstuhl nieder und erklärte

dem mit gespannter Erwartung Lauschenden: "Sesemann, dein kleiner

Schützling ist erstens mondsüchtig; völlig unbewusst hat er dir

allnächtlich als Gespenst die Haustür aufgemacht und deiner ganzen

Mannschaft die Fieber des Schreckens ins Gebein gejagt. Zweitens

wird das Kind vom Heimweh verzehrt, so dass es schon jetzt fast zum

Geripplein abgemagert ist und es noch völlig werden würde; also

schnelle Hilfe! Für das erste Übel und die in hohem Grade

stattfindende Nervenaufregung gibt es nur ein Heilmittel, nämlich,

dass du sofort das Kind in die heimatliche Bergluft

zurückversetzest; für das zweite gibt's ebenfalls nur _eine_

Medizin, nämlich ganz dieselbe. Demnach reist das Kind morgen ab,

das ist mein Rezept."

Herr Sesemann war aufgestanden. In größter Aufregung lief er das

Zimmer auf und ab; jetzt brach er aus: "Mondsüchtig! Krank!

Heimweh! Abgemagert in meinem Hause! Das alles in meinem Hause!

Und niemand sieht zu und weiß etwas davon! Und du, Doktor, du

meinst, das Kind, das frisch und gesund in mein Haus gekommen ist,

schicke ich elend und abgemagert seinem Großvater zurück? Nein,

Doktor, das kannst du nicht verlangen, das tu ich nicht, das werde

ich nie tun. Jetzt nimm das Kind in die Hand, mach Kuren mit ihm,

mach, was du willst, aber mach es mir heil und gesund, dann will

ich es heimschicken, wenn es will; aber erst hilf du!"

"Sesemann", entgegnete der Doktor ernsthaft, "bedenke, was du tust!

Dieser Zustand ist keine Krankheit, die man mit Pulvern und Pillen

heilt. Das Kind hat keine zähe Natur, indessen, wenn du es jetzt

gleich wieder in die kräftige Bergluft hinaufschickst, an die es

gewöhnt ist, so kann es wieder völlig gesunden; wenn nicht--du

willst nicht, dass das Kind dem Großvater unheilbar oder gar nicht

mehr zurückkomme?"

Herr Sesemann war erschrocken stehen geblieben: "Ja, wenn du so

redest, Doktor, dann ist nur _ein_ Weg, dann muss sofort gehandelt

werden." Mit diesen Worten nahm Herr Sesemann den Arm seines

Freundes und wanderte mit ihm hin und her, um die Sache noch weiter

zu besprechen. Dann brach der Doktor auf, um nach Hause zu gehen,

denn es war unterdessen viel Zeit vergangen, und durch die Haustür,

die diesmal vom Herrn des Hauses aufgeschlossen wurde, drang schon

der helle Morgenschimmer herein.

Heidis Lehr- und Wanderjahre(#7500) · 第 14 / 16 题