Als Sebastian am folgenden Morgen dem Herrn Kandidaten die Haustür
geöffnet und ihn zum Studierzimmer geführt hatte, zog schon wieder
jemand die Hausglocke an, aber mit solcher Gewalt, dass Sebastian
die Treppe völlig hinunterschoss, denn er dachte: "So schellt nur
der Herr Sesemann selbst, er muss unerwartet nach Hause gekommen
sein." Er riss die Tür auf--ein zerlumpter Junge mit einer
Drehorgel auf dem Rücken stand vor ihm.
"Was soll das heißen?", fuhr ihn Sebastian an. "Ich will dich
lehren, Glocken herunterzureißen! Was hast du hier zu tun?"
"Ich muss zur Klara", war die Antwort.
"Du ungewaschener Straßenkäfer du; kannst du nicht sagen
'Fräulein Klara', wie unsereins tut? Was hast du bei Fräulein
Klara zu tun?", fragte Sebastian barsch.
"Sie ist mir vierzig Pfennige schuldig", erklärte der Junge.
"Du bist, denk ich, nicht recht im Kopf! Wie weißt du überhaupt,
dass ein Fräulein Klara hier ist?"
"Gestern habe ich ihr den Weg gezeigt, macht zwanzig, und dann
wieder zurück den Weg gezeigt, macht vierzig."
"Da siehst du, was für Zeug du zusammenflunkerst; Fräulein Klara
geht niemals aus, kann gar nicht gehen, mach, dass du dahin kommst,
wo du hingehörst, bevor ich dir dazu verhelfe!"
Aber der Junge ließ sich nicht einschüchtern; er blieb unbeweglich
stehen und sagte trocken: "Ich habe sie doch gesehen auf der Straße,
ich kann sie beschreiben: Sie hat kurzes, krauses Haar, das ist
schwarz, und die Augen sind schwarz und der Rock ist braun, und sie
kann nicht reden wie wir."
"Oho", dachte jetzt Sebastian und kicherte in sich hinein, "das ist
die kleine Mamsell, die hat wieder etwas angestellt." Dann sagte er,
den Jungen hereinziehend: "'s ist schon recht, komm mir nur nach
und warte vor der Tür, bis ich wieder herauskomme. Wenn ich dich
dann einlasse, kannst du gleich etwas spielen; das Fräulein hört es
gern."
Oben klopfte er am Studierzimmer und wurde hereingerufen.
"Es ist ein Junge da, der durchaus an Fräulein Klara selbst etwas
zu bestellen hat", berichtete Sebastian.
Klara war sehr erfreut über das außergewöhnliche Ereignis.
"Er soll nur gleich hereinkommen", sagte sie, "nicht wahr, Herr
Kandidat, wenn er doch mit mir selbst sprechen muss."
Der Junge war schon eingetreten, und nach Anweisung fing er sofort
seine Orgel zu drehen an. Fräulein Rottenmeier hatte, um dem Abc
auszuweichen, sich im Esszimmer allerlei zu schaffen gemacht. Auf
einmal horchte sie auf.--Kamen die Töne von der Straße her? Aber
so nahe? Wie konnte vom Studierzimmer her eine Drehorgel ertönen?
Und dennoch--wahrhaftig--sie stürzte durch das lange Esszimmer
und riss die Tür auf. Da--unglaublich--da stand mitten im
Studierzimmer ein zerlumpter Orgelspieler und drehte sein
Instrument mit größter Emsigkeit. Der Herr Kandidat schien
immerfort etwas sagen zu wollen, aber es wurde nichts vernommen.
Klara und Heidi hörten mit ganz erfreuten Gesichtern der Musik zu.
"Aufhören! Sofort aufhören!", rief Fräulein Rottenmeier ins Zimmer
hinein. Ihre Stimme wurde übertönt von der Musik. Jetzt lief sie
auf den Jungen zu--aber auf einmal hatte sie etwas zwischen den
Füßen, sie sah auf den Boden: ein grausiges, schwarzes Tier kroch
ihr zwischen den Füßen durch--eine Schildkröte. Jetzt tat
Fräulein Rottenmeier einen Sprung in die Höhe, wie sie seit vielen
Jahren keinen getan hatte, dann schrie sie aus Leibeskräften:
"Sebastian! Sebastian!"
Plötzlich hielt der Orgelspieler inne, denn diesmal hatte die
Stimme die Musik übertönt. Sebastian stand draußen vor der halb
offenen Tür und krümmte sich vor Lachen, denn er hatte zugesehen,
wie der Sprung vor sich ging. Endlich kam er herein. Fräulein
Rottenmeier war auf einen Stuhl niedergesunken.
"Fort mit allem, Mensch und Tier! Schaffen Sie sie weg, Sebastian,
sofort!", rief sie ihm entgegen. Sebastian gehorchte bereitwillig,
zog den Jungen hinaus, der schnell seine Schildkröte erfasst hatte,
drückte ihm draußen etwas in die Hand und sagte: "Vierzig für
Fräulein Klara, und vierzig fürs Spielen, das hast du gut gemacht";
damit schloss er hinter ihm die Haustür. Im Studierzimmer war es
wieder ruhig geworden; die Studien wurden wieder fortgesetzt, und
Fräulein Rottenmeier hatte sich nun auch festgesetzt in dem Zimmer,
um durch ihre Gegenwart ähnliche Gräuel zu verhüten. Den Vorfall
wollte sie nach den Unterrichtsstunden untersuchen und den
Schuldigen so bestrafen, dass er daran denken würde.
Schon wieder klopfte es an die Tür, und herein trat abermals
Sebastian mit der Nachricht, es sei ein großer Korb gebracht worden,
der sogleich an Fräulein Klara selbst abzugeben sei.
"An mich?", fragte Klara erstaunt und äußerst neugierig, was das
sein möchte; "zeigen Sie doch gleich einmal her, wie er aussieht."
Sebastian brachte einen bedeckten Korb herein und entfernte sich
dann eilig wieder.
"Ich denke, erst wird der Unterricht beendet, dann der Korb
ausgepackt", bemerkte Fräulein Rottenmeier.
Klara konnte sich nicht vorstellen, was man ihr gebracht hatte; sie
schaute sehr verlangend nach dem Korb.
"Herr Kandidat", sagte sie, sich selbst in ihrem Deklinieren
unterbrechend, "könnte ich nicht nur einmal schnell hineinsehen, um
zu wissen, was drin ist, und dann gleich wieder fortfahren?"
"In einer Hinsicht könnte man dafür, in einer anderen dawider sein",
entgegnete der Herr Kandidat; "_dafür_ spräche der Grund, dass,
wenn nun Ihre ganze Aufmerksamkeit auf diesen Gegenstand gerichtet
ist--"; die Rede konnte nicht beendigt werden. Der Deckel des
Korbes saß nur lose darauf, und nun sprangen mit einem Mal ein,
zwei drei und wieder zwei und immer noch mehr junge Kätzchen
darunter hervor und ins Zimmer hinaus, und mit einer so
unbegreiflichen Schnelligkeit fuhren sie überall herum, dass es war,
als wäre das ganze Zimmer voll solcher Tierchen. Sie sprangen
über die Stiefel des Herrn Kandidaten, bissen an seinen
Beinkleidern, kletterten am Kleid von Fräulein Rottenmeier empor,
krabbelten um ihre Füße herum, sprangen an Klaras Sessel hinauf,
kratzten, krabbelten, miauten; es war ein arges Gewirre. Klara
rief immerfort voller Entzücken: "Oh, die niedlichen Tierchen! Die
lustigen Sprünge! Sieh! Sieh! Heidi, hier, dort, sieh dieses!"
Heidi schoss ihnen vor Freude in alle Winkel nach. Der Herr
Kandidat stand sehr verlegen am Tisch und zog bald den einen, bald
den andern Fuß in die Höhe, um ihn dem unheimlichen Gekrabbel zu
entziehen. Fräulein Rottenmeier saß erst sprachlos vor Entsetzen
in ihrem Sessel, dann fing sie an aus Leibeskräften zu schreien:
"Tinette! Tinette! Sebastian! Sebastian!", denn vom Sessel
aufzustehen konnte sie unmöglich wagen, da konnten ja mit einem Mal
alle die kleinen Scheusale an ihr emporspringen.
Endlich kamen Sebastian und Tinette auf die wiederholten Hilferufe
herbei, und jener packte gleich eins nach dem andern der kleinen
Geschöpfe in den Korb hinein und trug sie auf den Estrich zu dem
Katzenlager, das er für die zwei von gestern bereitet hatte.
Auch am heutigen Tage hatte kein Gähnen während der
Unterrichtsstunden stattgefunden. Am späten Abend, als Fräulein
Rottenmeier sich von den Aufregungen des Morgens wieder hinlänglich
erholt hatte, berief sie Sebastian und Tinette ins Studierzimmer
herauf, um hier eine gründliche Untersuchung über die strafwürdigen
Vorgänge anzustellen. Nun kam es denn heraus, dass Heidi auf
seinem gestrigen Ausflug die sämtlichen Ereignisse vorbereitet und
herbeigeführt hatte. Fräulein Rottenmeier saß weiß vor Entrüstung
da und konnte erst keine Worte für ihre Empfindungen finden. Sie
winkte mit der Hand, dass Sebastian und Tinette sich entfernen
sollten. Jetzt wandte sie sich an Heidi, das neben Klaras Sessel
stand und nicht recht begriff, was es verbrochen hatte.
"Adelheid", begann sie mit strengem Ton, "ich weiß nur _eine_
Strafe, die dir empfindlich sein könnte, denn du bist eine Barbarin;
aber wir wollen sehen, ob du unten im dunklen Keller bei Molchen
und Ratten nicht zahm wirst, dass du dir keine solchen Dinge mehr
einfallen lässt."
Heidi hörte still und verwundert sein Urteil an, denn in einem
schreckhaften Keller war es noch nie gewesen, der anstoßende Raum
in der Almhütte, den der Großvater Keller nannte, wo immer die
fertigen Käse lagen und die frische Milch stand, war eher ein
anmutiger und einladender Ort, und Ratten und Molche hatte es noch
keine gesehen.
Aber Klara erhob einen lauten Jammer: "Nein, nein, Fräulein
Rottenmeier, man muss warten, bis der Papa da ist; er hat ja
geschrieben, er komme nun bald, und dann will ich ihm alles
erzählen, und er sagt dann schon, was mit Heidi geschehen soll."
Gegen diesen Oberrichter durfte Fräulein Rottenmeier nichts
einwenden, umso weniger, da er wirklich in Bälde zu erwarten war.
Sie stand auf und sagte etwas grimmig: "Gut, Klara, aber auch ich
werde ein Wort mit Herrn Sesemann sprechen." Damit verließ sie das
Zimmer.
Es verflossen nun ein paar ungestörte Tage, aber Fräulein
Rottenmeier kam nicht mehr aus der Aufregung heraus, stündlich trat
ihr die Täuschung vor Augen, die sie in Heidis Persönlichkeit
erlebt hatte, und es war ihr, als sei seit seiner Erscheinung im
Hause Sesemann alles aus den Fugen gekommen und komme nicht wieder
hinein. Klara war sehr vergnügt; sie langweilte sich nie mehr,
denn in den Unterrichtsstunden machte Heidi die kurzweiligsten
Sachen; die Buchstaben machte es immer alle durcheinander und
konnte sie nie kennen lernen, und wenn der Herr Kandidat mitten im
Erklären und Beschreiben ihrer Formen war, um sie ihm anschaulicher
zu machen und als Vergleichung etwa von einem Hörnchen oder einem
Schnabel sprach dabei, rief es auf einmal in aller Freude aus: "Es
ist eine Geiß!", oder: "Es ist ein Raubvogel!" Denn die
Beschreibungen weckten in seinem Gehirn allerlei Vorstellungen, nur
keine Buchstaben. In den späteren Nachmittagsstunden saß Heidi
wieder bei Klara und erzählte ihr immer wieder von der Alm und dem
Leben dort, so viel und so lange, bis das Verlangen darnach in ihm
so brennend wurde, dass es immer zum Schluss versicherte: "Nun muss
ich gewiss wieder heim! Morgen muss ich gewiss gehen!" Aber Klara
beschwichtigte immer wieder diese Anfälle und bewies Heidi, dass es
doch sicher dableiben müsse, bis der Papa komme; dann werde man
schon sehen, wie es weitergehe. Wenn Heidi alsdann immer wieder
nachgab und gleich wieder zufrieden war, so half ihm eine fröhliche
Aussicht dazu, die es im Stillen hatte, dass mit jedem Tage, den es
noch dablieb, sein Häuflein Brötchen für die Großmutter wieder um
zwei größer würde, denn mittags und abends lag immer ein schönes
Weißbrötchen bei seinem Teller; das steckte es gleich ein, denn es
hätte das Brötchen nie essen können beim Gedanken, dass die
Großmutter nie eines habe und das harte, schwarze Brot fast nicht
mehr essen konnte. Nach Tisch saß Heidi jeden Tag ein paar Stunden
lang ganz allein in seinem Zimmer und regte sich nicht, denn dass
es in Frankfurt verboten war, nur so hinauszulaufen, wie es auf der
Alm getan, das hatte es nun begriffen und tat es nie mehr. Mit
Sebastian drüben im Esszimmer ein Gespräch führen durfte es auch
nicht, das hatte Fräulein Rottenmeier auch verboten, und mit
Tinette eine Unterhaltung zu probieren, daran kam ihm kein Sinn; es
ging ihr immer scheu aus dem Wege, denn sie redete nur in
höhnischem Ton mit ihm und spöttelte es fortwährend an, und Heidi
verstand ihre Art ganz gut, und dass sie es nur immer ausspottete.
So saß Heidi täglich da und hatte alle Zeit, sich auszudenken, wie
nun die Alm wieder grün war und wie die gelben Blümchen im
Sonnenschein glitzerten und wie alles leuchtete rings um die Sonne,
der Schnee und die Berge und das ganze weite Tal, und Heidi konnte
es manchmal fast nicht mehr aushalten vor Verlangen, wieder dort zu
sein. Die Base hatte ja auch gesagt, es könne wieder heimgehen,
wann es wolle. So kam es, dass Heidi eines Tages es nicht mehr
aushielt; es packte in aller Eile seine Brötchen in das große rote
Halstuch zusammen, setzte sein Strohhütchen auf und zog aus. Aber
schon unter der Haustür traf es auf ein großes Reisehindernis, auf
Fräulein Rottenmeier selbst, die eben von einem Ausgang
zurückkehrte. Sie stand still und schaute in starrem Erstaunen
Heidi von oben bis unten an, und ihr Blick blieb vorzüglich auf dem
gefüllten roten Halstuch haften. Jetzt brach sie los.
"Was ist das für ein Aufzug? Was heißt das überhaupt? Habe ich
dir nicht streng verboten, je wieder herumzustreichen? Nun
probierst du's doch wieder und dazu noch völlig aussehend wie eine
Landstreicherin."
"Ich wollte nicht herumstreichen, ich wollte nur heimgehen",
entgegnete Heidi erschrocken.
"Wie? Was? Heimgehen? Heimgehen wolltest du?" Fräulein
Rottenmeier schlug die Hände zusammen vor Aufregung. "Fortlaufen!
Wenn das Herr Sesemann wüsste! Fortlaufen aus seinem Hause! Mach
nicht, dass er das je erfährt! Und was ist dir denn nicht recht in
seinem Hause? Wirst du nicht viel besser behandelt, als du
verdienst? Fehlt es dir an irgendetwas? Hast du je in deinem
ganzen Leben eine Wohnung oder einen Tisch oder eine Bedienung
gehabt, wie du hier hast? Sag!"
"Nein", entgegnete Heidi.
"Das weiß ich wohl!", fuhr die Dame eifrig fort. "Nichts fehlt dir,
gar nichts, du bist ein ganz unglaublich undankbares Kind, und vor
lauter Wohlsein weißt du nicht, was du noch alles anstellen willst!"
Aber jetzt kam dem Heidi alles obenauf, was in ihm war, und brach
hervor: "Ich will ja nur heim, und wenn ich so lang nicht komme, so
muss das Schneehöppli immer klagen, und die Großmutter erwartet
mich, und der Distelfink bekommt die Rute, wenn der Geißenpeter
keinen Käse bekommt, und hier kann man gar nie sehen, wie die Sonne
gute Nacht sagt zu den Bergen; und wenn der Raubvogel in Frankfurt
obenüber fliegen würde, so würde er noch viel lauter krächzen, dass
so viele Menschen beieinander sitzen und einander bös machen und
nicht auf den Felsen gehen, wo es einem wohl ist."
"Barmherzigkeit, das Kind ist übergeschnappt!", rief Fräulein
Rottenmeier aus und stürzte mit Schrecken die Treppe hinauf, wo sie
sehr unsanft gegen den Sebastian rannte, der eben hinunter wollte.
"Holen Sie auf der Stelle das unglückliche Wesen herauf!", rief sie
ihm zu, indem sie sich den Kopf rieb, denn sie war hart angestoßen.
"Ja, ja, schon recht, danke schön", gab Sebastian zurück und rieb
sich den seinen, denn er war noch härter angefahren.
Heidi stand mit flammenden Augen noch auf derselben Stelle fest und
zitterte vor innerer Erregung am ganzen Körper.
"Na, schon wieder was angestellt?", fragte Sebastian lustig; als er
aber Heidi, das sich nicht rührte, recht ansah, klopfte er ihm
freundlich auf die Schulter und sagte tröstend: "Pah! Pah! Das
muss sich das Mamsellchen nicht so zu Herzen nehmen, nur lustig,
das ist die Hauptsache! Sie hat mir eben jetzt auch fast ein Loch
in den Kopf gerannt; aber nur nicht einschüchtern lassen! Na?
Immer noch auf demselben Fleck? Wir müssen hinauf, sie hat's
befohlen."
Heidi ging nun die Treppe hinauf, aber langsam und leise und gar
nicht, wie sonst seine Art war. Das tat dem Sebastian Leid zu
sehen; er ging hinter dem Heidi her und sprach ermutigende Worte zu
ihm: "Nur nicht abgeben! Nur nicht traurig werden! Nur immer
tapfer darauf zu! Wir haben ja ein ganz vernünftiges Mamsellchen,
hat noch gar nie geweint, seit es bei uns ist; sonst weinen sie ja
zwölfmal im Tag in dem Alter, das kennt man. Die Kätzchen sind
auch lustig droben, die springen auf dem ganzen Estrich herum und
tun wie närrisch. Nachher gehen wir mal zusammen hinauf und
schauen ihnen zu, wenn die Dame drinnen weg ist, ja?"
Heidi nickte ein wenig mit dem Kopf, aber so freudlos, dass es dem
Sebastian recht zu Herzen ging und er ganz teilnehmend dem Heidi
nachschaute, wie es nach seinem Zimmer hin schlich.
Am Abendessen heute sagte Fräulein Rottenmeier kein Wort, aber
fortwährend warf sie sonderbar wachsame Blicke zu Heidi hinüber, so
als erwartete sie, es könnte plötzlich etwas Unerhörtes unternehmen;
aber Heidi saß mäuschenstill am Tisch und rührte sich nicht, es aß
nicht und trank nicht; nur sein Brötchen hatte es schnell in die
Tasche gesteckt.
Am folgenden Morgen, als der Herr Kandidat die Treppe heraufkam,
winkte ihn Fräulein Rottenmeier geheimnisvoll ins Esszimmer herein,
und hier teilte sie ihm in großer Aufregung ihre Besorgnis mit, die
Luftveränderung, die neue Lebensart und die ungewohnten Eindrücke
hätten das Kind um den Verstand gebracht, und sie erzählte ihm von
Heidis Fluchtversuch und wiederholte ihm von seinen sonderbaren
Reden, was sie noch wusste. Aber der Herr Kandidat besänftigte und
beruhigte Fräulein Rottenmeier, indem er sie versicherte, dass er
die Wahrnehmung gemacht habe, die Adelheid sei zwar einerseits
allerdings eher exzentrisch, aber anderseits doch wieder bei
richtigem Verstand, so dass sich nach und nach bei einer allseitig
erwogenen Behandlung das nötige Gleichgewicht einstellen könne, was
er im Auge habe; er finde den Umstand wichtiger, dass er durchaus
nicht über das Abc hinauskomme mit ihr, indem sie die Buchstaben
nicht zu fassen imstande sei.
Fräulein Rottenmeier fühlte sich beruhigter und entließ den Herrn
Kandidaten zu seiner Arbeit. Am späteren Nachmittag stieg ihr die
Erinnerung an Heidis Aufzug bei seiner vorgehabten Abreise auf, und
sie beschloss, die Gewandung des Kindes durch verschiedene
Kleidungsstücke der Klara in den nötigen Stand zu setzen, bevor
Herr Sesemann erscheinen würde. Sie teilte ihre Gedanken darüber
an Klara mit, und da diese mit allem einverstanden war und dem
Heidi eine Menge Kleider und Tücher und Hüte schenken wollte,
verfügte sich die Dame in Heidis Zimmer, um seinen Kleiderschrank
zu besehen und zu untersuchen, was da von dem Vorhandenen bleiben
und was entfernt werden solle. Aber in wenig Minuten kam sie
wieder zurück mit Gebärden des Abscheus. "Was muss ich entdecken,
Adelheid!", rief sie aus. "Es ist nie dagewesen! In deinem
Kleiderschrank, einem Schrank für Kleider, Adelheid, im Fuß dieses
Schrankes, was finde ich? Einen Haufen kleiner Brote! Brot, sage
ich, Klara, im Kleiderschrank! Und einen solchen Haufen
aufspeichern!"--"Tinette", rief sie jetzt ins Esszimmer hinaus,
"schaffen Sie mir das alte Brot fort aus dem Schrank der Adelheid
und den zerdrückten Strohhut auf dem Tisch!"
"Nein! Nein!", schrie Heidi auf; "ich muss den Hut haben, und die
Brötchen sind für die Großmutter", und Heidi wollte der Tinette
nachstürzen, aber es wurde von Fräulein Rottenmeier festgehalten.
"Du bleibst hier und der Kram wird hingebracht, wo er hingehört",
sagte sie bestimmt und hielt das Kind zurück. Aber nun warf sich
Heidi an Klaras Sessel nieder und fing ganz verzweiflungsvoll zu
weinen an, immer lauter und schmerzlicher, und schluchzte ein Mal
ums andere in seinem Jammer auf: "Nun hat die Großmutter keine
Brötchen mehr. Sie waren für die Großmutter, nun sind sie alle
fort und die Großmutter bekommt keine!", und Heidi weinte auf, als
wollte ihm das Herz zerspringen. Fräulein Rottenmeier lief hinaus.
Klara wurde es angst und bange bei dem Jammer. "Heidi, Heidi,
weine nur nicht so", sagte sie bittend, "hör mich nur! Jammere nur
nicht so, sieh, ich verspreche dir, ich gebe dir gerade so viel
Brötchen für die Großmutter, oder noch mehr, wenn du einmal
heimgehst, und dann sind diese frisch und weich, und die deinen
wären ja ganz hart geworden und waren es schon. Komm, Heidi, weine
nur nicht mehr so!"
Heidi konnte noch lange nicht aus seinem Schluchzen herauskommen;
aber es verstand Klaras Trost und hielt sich daran, sonst hätte es
gar nicht mehr zu weinen aufhören können. Es musste auch noch
mehrere Male seiner Hoffnung gewiss werden und Klara, durch die
letzten Anfälle von Schluchzen unterbrochen, fragen: "Gibst du mir
so viele, viele, wie ich hatte, für die Großmutter?"
Und Klara versicherte immer wieder: "Gewiss, ganz gewiss, noch mehr,
sei nur wieder froh!"
Noch zum Abendtisch kam Heidi mit den rot verweinten Augen, und als
es sein Brötchen erblickte, musste es gleich noch einmal
aufschluchzen. Aber es bezwang sich jetzt mit Gewalt, denn es
verstand, dass es sich am Tisch ruhig verhalten musste. Sebastian
machte heute jedes Mal die merkwürdigsten Gebärden, wenn er in
Heidis Nähe kam; er deutete bald auf seinen, bald auf Heidis Kopf,
dann nickte er wieder und kniff die Augen zu, so als wollte er
sagen: "Nur getrost! Ich hab's schon gemerkt und besorgt."
Als Heidi später in sein Zimmer kam und in sein Bett steigen wollte,
lag sein zerdrücktes Strohhütchen unter der Decke versteckt. Mit
Entzücken zog es den alten Hut hervor, zerdrückte ihn vor lauter
Freude noch ein wenig mehr und versteckte ihn dann, in ein
Taschentüchlein eingewickelt, in die allerhinterste Ecke seines
Schrankes. Das Hütchen hatte der Sebastian unter die Decke
gesteckt; er war zu gleicher Zeit mit Tinette im Esszimmer gewesen,
als diese gerufen wurde, und hatte Heidis Jammerruf vernommen.
Dann war er Tinette nachgegangen, und als sie aus Heidis Zimmer
heraustrat mit ihrer Brotlast und dem Hütchen oben darauf, hatte er
schnell dieses weggenommen und ihr zugerufen: "Das will ich schon
forttun." Darauf hatte er es in aller Freude für Heidi gerettet,
was er ihm beim Abendessen zur Erheiterung andeuten wollte.
Der Hausherr hört allerlei in seinem Hause, das er noch nicht
gehört hat
Einige Tage nach diesen Ereignissen war im Hause Sesemann große
Lebendigkeit und ein eifriges Treppauf- und Treppabrennen, denn
eben war der Hausherr von seiner Reise zurückgekehrt, und aus dem
bepackten Wagen wurde von Sebastian und Tinette eine Last nach der
anderen hinaufgetragen, denn Herr Sesemann brachte immer eine Menge
schöner Sachen mit nach Hause.
Er selbst war vor allem in das Zimmer seiner Tochter eingetreten,
um sie zu begrüßen. Heidi saß bei ihr, denn es war die Zeit des
späten Nachmittags, da die beiden immer zusammen waren. Klara
begrüßte ihren Vater mit großer Zärtlichkeit, denn sie liebte ihn
sehr, und der gute Papa grüßte sein Klärchen nicht weniger
liebevoll. Dann streckte er seine Hand dem Heidi entgegen, das
sich leise in eine Ecke zurückgezogen hatte, und sagte freundlich:
"Und das ist unsre kleine Schweizerin; komm her, gib mir mal eine
Hand! So ist's recht! Nun sag mir mal, seid ihr auch gute Freunde
zusammen, Klara und du? Nicht zanken und böse werden, und dann
weinen und dann versöhnen, und dann wieder von vorn anfangen, nun?"
"Nein, Klara ist immer gut mit mir", entgegnete Heidi.
"Und Heidi hat auch noch gar nie versucht zu zanken, Papa", warf
Klara schnell ein.
"So ist's gut, das hör ich gern", sagte der Papa, indem er aufstand.
"Nun musst du aber erlauben, Klärchen, dass ich etwas genieße;
heute habe ich noch nichts bekommen. Nachher komm ich wieder zu
dir und du sollst sehen, was ich mitgebracht habe!"
Herr Sesemann trat ins Esszimmer ein, wo Fräulein Rottenmeier den
Tisch überschaute, der für sein Mittagsmahl gerüstet war. Nachdem
Herr Sesemann sich niedergelassen und die Dame ihm gegenüber Platz
genommen hatte und aussah wie ein lebendiges Missgeschick, wandte
sich der Hausherr zu ihr: "Aber Fräulein Rottenmeier, was muss ich
denken? Sie haben zu meinem Empfang ein wahrhaft erschreckendes
Gesicht aufgesetzt. Wo fehlt es denn? Klärchen ist ganz munter."
"Herr Sesemann", begann die Dame mit gewichtigem Ernst, "Klara ist
mit betroffen, wir sind fürchterlich getäuscht worden."
"Wieso?", fragte Herr Sesemann und trank in aller Ruhe einen
Schluck Wein.
"Wir hatten ja beschlossen, wie Sie wissen, Herr Sesemann, eine
Gespielin für Klara ins Haus zu nehmen, und da ich ja weiß, wie
sehr Sie darauf halten, dass nur Gutes und Edles Ihre Tochter
umgebe, hatte ich meinen Sinn auf ein junges Schweizermädchen
gerichtet, indem ich hoffte, eines jener Wesen bei uns eintreten zu
sehen, von denen ich schon so oft gelesen, welche, der reinen
Bergluft entsprossen, sozusagen, ohne die Erde zu berühren, durch
das Leben gehen."
"Ich glaube zwar", bemerkte hier Herr Sesemann, "dass auch die
Schweizerkinder den Erdboden berühren, wenn sie vorwärts kommen
wollen; sonst wären ihnen wohl Flügel gewachsen statt der Füße."
"Ach, Herr Sesemann, Sie verstehen mich wohl", fuhr das Fräulein
fort; "Ich meinte eine jener so bekannten, in den hohen, reinen
Bergregionen lebenden Gestalten, die nur wie ein idealer Hauch an
uns vorüberziehen."
"Was sollte aber meine Klara mit einem idealen Hauch anfangen,
Fräulein Rottenmeier?"
"Nein, Herr Sesemann, ich scherze nicht, die Sache ist mir ernster,
als Sie denken; ich bin schrecklich, wirklich ganz schrecklich
getäuscht worden."
"Aber worin liegt denn das Schreckliche? So gar erschrecklich
sieht mir das Kind nicht aus", bemerkte ruhig Herr Sesemann.
"Sie sollten nur _eines_ wissen, Herr Sesemann, nur das _eine_, mit
was für Menschen und Tieren dieses Wesen Ihr Haus in Ihrer
Abwesenheit bevölkert hat; davon könnte der Herr Kandidat erzählen."
"Mit Tieren? Wie muss ich das verstehen, Fräulein Rottenmeier?"
"Es ist eben nicht zu verstehen; die ganze Aufführung dieses Wesens
wäre nicht zu verstehen, wenn nicht aus dem _einen_ Punkte, dass es
Anfälle von völliger Verstandesgestörtheit hat."
Bis hierher hatte Herr Sesemann die Sache nicht für wichtig
gehalten; aber Gestörtheit des Verstandes? Eine solche konnte ja
für seine Tochter die bedenklichsten Folgen haben. Herr Sesemann
schaute Fräulein Rottenmeier sehr genau an, so, als wollte er sich
erst versichern, ob nicht etwa bei ihr eine derartige Störung zu
bemerken sei. In diesem Augenblick wurde die Tür aufgetan und der
Herr Kandidat angemeldet.
"Ah, da kommt unser Herr Kandidat, der wird uns Aufschluss geben!",
rief ihm Herr Sesemann entgegen. "Kommen Sie, kommen Sie, setzen
Sie sich zu mir!" Herr Sesemann streckte dem Eintretenden die Hand
entgegen. "Der Herr Kandidat trinkt eine Tasse schwarzen Kaffee
mit mir, Fräulein Rottenmeier! Setzen Sie sich, setzen Sie sich--
keine Komplimente! Und nun sagen Sie mir, Herr Kandidat, was ist
mit dem Kinde, das als Gespielin meiner Tochter ins Haus gekommen
ist und das Sie unterrichten. Was hat es für eine Bewandtnis mit
den Tieren, die es ins Haus gebracht, und wie steht es mit seinem
Verstand?"
Der Herr Kandidat musste erst seine Freude über Herrn Sesemanns
glückliche Rückkehr aussprechen und ihn willkommen heißen, weswegen
er ja gekommen war; aber Herr Sesemann drängte ihn, dass er ihm
Aufschluss gebe über die fraglichen Punkte. So begann denn der
Herr Kandidat: "Wenn ich mich über das Wesen dieses jungen Mädchens
aussprechen soll, Herr Sesemann, so möchte ich vor allem darauf
aufmerksam machen, dass, wenn auch auf der einen Seite sich ein
Mangel der Entwicklung, welcher durch eine mehr oder weniger
vernachlässigte Erziehung, oder besser gesagt, etwas verspäteten
Unterricht verursacht und durch die mehr oder weniger, jedoch
durchaus nicht in jeder Beziehung zu verurteilende, im Gegenteil
ihre guten Seiten unstreitig dartuende Abgeschiedenheit eines
längeren Alpenaufenthalts, welcher, wenn er nicht eine gewisse
Dauer überschreitet, ja ohne Zweifel seine gute Seite--"
"Mein lieber Herr Kandidat", unterbrach hier Herr Sesemann, "Sie
geben sich wirklich zu viel Mühe; sagen Sie mir, hat auch Ihnen das
Kind einen Schrecken beigebracht durch eingeschleppte Tiere, und
was halten Sie überhaupt von diesem Umgang für mein Töchterchen?"
"Ich möchte dem jungen Mädchen in keiner Art zu nahe treten",
begann der Herr Kandidat wieder, "denn wenn es auch auf der einen
Seite in einer Art von gesellschaftlicher Unerfahrenheit, welche
mit dem mehr oder weniger unkultivierten Leben, in welchem das
junge Mädchen bis zu dem Augenblick seiner Versetzung nach
Frankfurt sich bewegte, welche Versetzung allerdings in die
Entwicklung dieses, ich möchte sagen noch völlig, wenigstens
teilweise unentwickelten, aber anderseits mit nicht zu verachtenden
Anlagen begabten und wenn allseitig umsichtig geleitet--"
"Entschuldigen Sie, Herr Kandidat, bitte, lassen Sie sich nicht
stören, ich werde--ich muss schnell einmal nach meiner Tochter
sehen." Damit lief Herr Sesemann zur Tür hinaus und kam nicht
wieder. Drüben im Studierzimmer setzte er sich zu seinem
Töchterchen hin; Heidi war aufgestanden. Herr Sesemann wandte sich
nach dem Kinde um: "Hör mal, Kleine, hol mir doch schnell--wart
einmal--hol mir mal"--(Herr Sesemann wusste nicht recht, was er
bedurfte, Heidi sollte aber ein wenig ausgeschickt werden)--"hol
mir doch mal ein Glas Wasser."
"Frisches?", fragte Heidi.
"Jawohl! Jawohl! Recht frisches!", gab Herr Sesemann zurück.
Heidi verschwand.
"Nun, mein liebes Klärchen", sagte der Papa, indem er ganz nah an
sein Töchterchen heranrückte und dessen Hand in die seinige legte,
"sag du mir klar und fasslich: Was für Tiere hat diese deine
Gespielin ins Haus gebracht und warum muss Fräulein Rottenmeier
denken, sie sei zeitweise nicht ganz recht im Kopf; kannst du mir
das sagen?"
Das konnte Klara, denn die erschrockene Dame hatte auch ihr von
Heidis sich verwirrenden Reden gesprochen, die aber für Klara alle
einen Sinn hatten. Sie erzählte erst dem Vater die Geschichten von
der Schildkröte und den jungen Katzen und erklärte ihm dann Heidis
Reden, welche die Dame so erschreckt hatten. Jetzt lachte Herr
Sesemann herzlich. "So willst du nicht, dass ich das Kind nach
Haus schicke, Klärchen, du bist seiner nicht müde?", fragte der
Vater.
"Nein, nein, Papa, tu nur das nicht!", rief Klara abwehrend aus.
"Seit Heidi da ist, begegnet immer etwas, jeden Tag, und es ist so
kurzweilig, ganz anders als vorher, da begegnete nie etwas, und
Heidi erzählt mir auch so viel."
"Schon gut, schon gut, Klärchen, da kommt ja auch deine Freundin
schon wieder. Na, schönes, frisches Wasser geholt?", fragte Herr
Sesemann, da ihm Heidi nun ein Glas Wasser hinstreckte.
"Ja, frisch vom Brunnen", antwortete Heidi.
"Du bist doch nicht selbst zum Brunnen gelaufen, Heidi?", sagte
Klara.
"Doch gewiss, es ist ganz frisch, aber ich musste weit gehen, denn
am ersten Brunnen waren so viele Leute. Da ging ich die Straße
ganz hinab, aber beim zweiten waren wieder so viele Leute; da ging
ich in die andere Straße hinein und dort nahm ich Wasser, und der
Herr mit den weißen Haaren lässt Herrn Sesemann freundlich grüßen."
"Na, die Expedition ist gut", lachte Herr Sesemann, "und wer ist
denn der Herr?"
"Er kam beim Brunnen vorbei und dann stand er still und sagte:
'Weil du doch ein Glas hast, so gib mir auch einmal zu
trinken; wem bringst du dein Glas Wasser?' Und ich sagte:
'Herrn Sesemann.' Da lachte er sehr stark, und dann
sagte er den Gruß und auch noch, Herr Sesemann solle sich's
schmecken lassen."
"So, und wer lässt mir denn wohl den guten Wunsch sagen? Wie sah
der Herr denn weiter aus?", fragte Herr Sesemann.
"Er lacht freundlich und hat eine dicke goldene Kette und ein
goldenes Ding hängt daran mit einem großen roten Stein und auf
seinem Stock ist ein Rosskopf."
"Das ist der Herr Doktor"--"Das ist mein alter Doktor", sagten
Klara und ihr Vater wie aus einem Munde, und Herr Sesemann lachte
noch ein wenig in sich hinein im Gedanken an seinen Freund und
dessen Betrachtungen über diese neue Weise, seinen Wasserbedarf
sich zuführen zu lassen.
Noch an demselben Abend erklärte Herr Sesemann, als er allein mit
Fräulein Rottenmeier im Esszimmer saß, um allerlei häusliche
Angelegenheiten mit ihr zu besprechen, die Gespielin seiner Tochter
werde im Hause bleiben; er finde, das Kind sei in einem normalen
Zustand, und seine Gesellschaft sei seiner Tochter sehr lieb und
angenehmer als jede andere. "Ich wünsche daher", setzte Herr
Sesemann sehr bestimmt hinzu, "dass dieses Kind jederzeit durchaus
freundlich behandelt und seine Eigentümlichkeiten nicht als
Vergehen betrachtet werden. Sollten Sie übrigens mit dem Kinde
nicht allein fertig werden, Fräulein Rottenmeier, so ist ja eine
gute Hilfe für Sie in Aussicht, da in nächster Zeit meine Mutter zu
ihrem längeren Aufenthalt in mein Haus kommt, und meine Mutter wird
mit jedem Menschen fertig, wie er sich auch anstelle, das wissen
Sie ja wohl, Fräulein Rottenmeier?"
"Jawohl, das weiß ich, Herr Sesemann", entgegnete die Dame, aber
nicht mit dem Ausdruck der Erleichterung im Hinblick auf die
angezeigte Hilfe.--
Herr Sesemann hatte diesmal nur eine kurze Zeit Ruhe zu Hause,
schon nach vierzehn Tagen riefen ihn seine Geschäfte wieder nach
Paris, und er tröstete sein Töchterchen, das mit der nahen Abreise
nicht einverstanden war, mit der Aussicht auf die baldige Ankunft
der Großmama, die schon nach einigen Tagen erwartet werden konnte.
Kaum war auch Herr Sesemann abgereist, als schon der Brief anlangte,
der die Abreise der Frau Sesemann aus Holstein, wo sie auf einem
alten Gute wohnte, anzeigte und die bestimmte Zeit ihrer Ankunft
auf den folgenden Tag meldete, damit der Wagen nach dem Bahnhof
geschickt würde, um sie abzuholen.
Klara war voller Freude über die Nachricht und erzählte noch an
demselben Abend dem Heidi so viel und so lange von der Großmama,
dass Heidi auch anfing, von der 'Großmama' zu reden,
worauf Fräulein Rottenmeier Heidi mit Missbilligung anblickte, was
aber das Kind auf nichts Besonderes bezog, denn es fühlte sich
unter fortdauernder Missbilligung der Dame. Als es sich dann
später entfernte, um in sein Schlafzimmer zu gehen, berief Fräulein
Rottenmeier es erst in das ihrige herein und erklärte ihm hier, es
habe niemals den Namen 'Großmama' anzuwenden, sondern
wenn Frau Sesemann nun da sei, habe es sie stets 'gnädige
Frau' anzureden. "Verstehst du das?", fragte die Dame, als
Heidi sie etwas zweifelhaft ansah; sie gab ihm aber einen so
abschließenden Blick zurück, dass Heidi sich keine Erklärung mehr
erbat, obschon es den Titel nicht verstanden hatte.