Fräulein Rottenmeier hat einen unruhigen Tag

Als Heidi am ersten Morgen in Frankfurt seine Augen aufschlug,

konnte es durchaus nicht begreifen, was es erblickte. Es rieb ganz

gewaltig seine Augen, guckte dann wieder auf und sah dasselbe. Es

saß auf einem hohen, weißen Bett und vor sich sah es einen großen,

weiten Raum, und wo die Helle herkam, hingen lange, lange weiße

Vorhänge, und dabei standen zwei Sessel mit großen Blumen darauf,

und dann kam ein Sofa an der Wand mit denselben Blumen und ein

runder Tisch davor, und in der Ecke stand ein Waschtisch mit Sachen

darauf, wie Heidi sie noch gar nie gesehen hatte. Aber nun kam ihm

auf einmal in den Sinn, dass es in Frankfurt sei, und der ganze

gestrige Tag kam ihm in Erinnerung und zuletzt noch ganz klar die

Unterweisungen der Dame, soweit es sie gehört hatte. Heidi sprang

nun von seinem Bett herunter und machte sich fertig. Dann ging es

an ein Fenster und dann an das andere; es musste den Himmel sehen

und die Erde draußen, es fühlte sich wie im Käfig hinter den großen

Vorhängen. Es konnte diese nicht wegschieben; so kroch es dahinter,

um an ein Fenster zu kommen. Aber dieses war so hoch, dass Heidi

nur gerade mit dem Kopf so weit hinaufreichte, dass es durchsehen

konnte. Aber Heidi fand nicht, was es suchte. Es lief von einem

Fenster zum anderen und dann wieder zum ersten zurück; aber immer

war dasselbe vor seinen Augen, Mauern und Fenster und wieder Mauern

und dann wieder Fenster. Es wurde Heidi ganz bange. Noch war es

früh am Morgen, denn Heidi war gewöhnt, früh aufzustehen auf der

Alm und dann sogleich hinauszulaufen vor die Tür und zu sehen,

wie's draußen sei, ob der Himmel blau und die Sonne schon droben

sei, ob die Tannen rauschen und die kleinen Blumen schon die Augen

offen haben. Wie das Vögelein, das zum ersten Mal in seinem schön

glänzenden Gefängnis sitzt, hin und her schießt und bei allen

Stäben probiert, ob es nicht dazwischen durchschlüpfen und in die

Freiheit hinausfliegen könne, so lief Heidi immer von dem einen

Fenster zum anderen, um zu probieren, ob es nicht aufgemacht werden

könne, denn dann musste man doch etwas anderes sehen als Mauern und

Fenster, da musste doch unten der Erdboden, das grüne Gras und der

letzte schmelzende Schnee an den Abhängen zum Vorschein kommen, und

Heidi sehnte sich, das zu sehen. Aber die Fenster blieben fest

verschlossen, wie sehr auch das Kind drehte und zog und von unten

suchte, die kleinen Finger unter die Rahmen einzutreiben, damit es

Kraft hätte, sie aufzudrücken; es blieb alles eisenfest aufeinander

sitzen. Nach langer Zeit, als Heidi einsah, dass alle

Anstrengungen nichts halfen, gab es seinen Plan auf und überdachte

nun, wie es wäre, wenn es vor das Haus hinausginge und hintenherum,

bis es auf den Grasboden käme, denn es erinnerte sich, dass es

gestern Abend vorn am Haus nur über Steine gekommen war. Jetzt

klopfte es an seiner Tür und unmittelbar darauf steckte Tinette den

Kopf herein und sagte kurz: "Frühstück bereit!"

Heidi verstand keineswegs eine Einladung unter diesen Worten; auf

dem spöttischen Gesicht der Tinette stand viel mehr eine Warnung,

ihr nicht zu nah zu kommen, als eine freundliche Einladung

geschrieben, und das las Heidi deutlich von dem Gesicht und

richtete sich danach. Es nahm den kleinen Schemel unter dem Tisch

empor, stellte ihn in eine Ecke, setzte sich darauf und wartete so

ganz still ab, was nun kommen würde. Nach einiger Zeit kam etwas

mit ziemlichem Geräusch, es war Fräulein Rottenmeier, die schon

wieder in Aufregung geraten war und in Heidis Stube hineinrief:

"Was ist mit dir, Adelheid? Begreifst du nicht, was ein Frühstück

ist? Komm herüber!"

Das verstand nun Heidi und folgte sogleich nach. Im Esszimmer saß

Klara schon lang an ihrem Platz und begrüßte Heidi freundlich,

machte auch ein viel vergnügteres Gesicht als sonst gewöhnlich,

denn sie sah voraus, dass heute wieder allerlei Neues geschehen

würde. Das Frühstück ging nun ohne Störung vor sich; Heidi aß ganz

anständig sein Butterbrot, und wie alles zu Ende war, wurde Klara

wieder ins Studierzimmer hinübergerollt und Heidi wurde von

Fräulein Rottenmeier angewiesen, nachzufolgen und bei Klara zu

bleiben, bis der Herr Kandidat kommen würde, um die

Unterrichtsstunden zu beginnen. Als die beiden Kinder allein waren,

sagte Heidi sogleich: "Wie kann man hinaussehen hier und ganz

hinunter auf den Boden?"

"Man macht ein Fenster auf und guckt hinaus", antwortete Klara

belustigt.

"Man kann diese Fenster nicht aufmachen", versetzte Heidi traurig.

"Doch, doch", versicherte Klara, "nur du noch nicht, und ich kann

dir auch nicht helfen; aber wenn du einmal den Sebastian siehst, so

macht er dir schon eines auf."

Das war eine große Erleichterung für Heidi zu wissen, dass man doch

die Fenster öffnen und hinausschauen könne, denn noch war es ganz

unter dem Druck des Gefangenseins von seinem Zimmer her. Klara

fing nun an, Heidi zu fragen, wie es bei ihm zu Hause sei, und

Heidi erzählte mit Freuden von der Alm und den Geißen und der Weide

und allem, was ihm lieb war.

Unterdessen war der Herr Kandidat angekommen; aber Fräulein

Rottenmeier führte ihn nicht, wie gewöhnlich, ins Studierzimmer,

denn sie musste sich erst aussprechen und geleitete ihn zu diesem

Zweck ins Esszimmer, wo sie sich vor ihn hinsetzte und ihm in

großer Aufregung ihre bedrängte Lage schilderte und wie sie in

diese hineingekommen war.

Sie hatte nämlich vor einiger Zeit Herrn Sesemann nach Paris

geschrieben, wo er eben verweilte, seine Tochter habe längst

gewünscht, es möchte eine Gespielin für sie ins Haus aufgenommen

werden, und auch sie selbst glaube, dass eine solche in den

Unterrichtsstunden ein Sporn, in der übrigen Zeit eine anregende

Gesellschaft für Klara sein würde. Eigentlich war die Sache für

Fräulein Rottenmeier selbst sehr wünschbar, denn sie wollte gern,

dass jemand da sei, der ihr die Unterhaltung der kranken Klara

abnehme, wenn es ihr zu viel war, was öfters geschah. Herr

Sesemann hatte geantwortet, er erfülle gern den Wunsch seiner

Tochter, doch mit der Bedingung, dass eine solche Gespielin in

allem ganz gehalten werde wie jene, er wolle keine Kinderquälerei

in seinem Hause--"was freilich eine sehr unnütze Bemerkung von dem

Herrn war", setzte Fräulein Rottenmeier hinzu, "denn wer wollte

Kinder quälen!" Nun aber erzählte sie weiter, wie ganz

erschrecklich sie hineingefallen sei mit dem Kinde, und führte alle

Beispiele von seinem völlig begriffslosen Dasein an, die es bis

jetzt geliefert hatte, dass nicht nur der Unterricht des Herrn

Kandidaten buchstäblich beim Abc anfangen müsse, sondern dass auch

sie auf jedem Punkte der menschlichen Erziehung mit dem Uranfang zu

beginnen hätte. Aus dieser unheilvollen Lage sehe sie nur ein

Rettungsmittel: Wenn der Herr Kandidat erklären werde, zwei so

verschiedene Wesen könnten nicht miteinander unterrichtet werden

ohne großen Schaden des vorgerückteren Teiles; das wäre für Herrn

Sesemann ein triftiger Grund, die Sache rückgängig zu machen, und

so würde er zugeben, dass das Kind gleich wieder dahin

zurückgeschickt würde, woher es gekommen war; ohne seine Zustimmung

aber dürfte sie das nicht unternehmen, nun der Hausherr wisse, dass

das Kind angekommen sei. Aber der Herr Kandidat war behutsam und

niemals einseitig im Urteilen. Er tröstete Fräulein Rottenmeier

mit vielen Worten und der Ansicht, wenn die junge Tochter auf der

einen Seite so zurück sei, so möchte sie auf der anderen umso

geförderter sein, was bei einem geregelten Unterricht bald ins

Gleichgewicht kommen werde. Als Fräulein Rottenmeier sah, dass der

Herr Kandidat sie nicht unterstützen, sondern seinen Abc-Unterricht

übernehmen wollte, machte sie ihm die Tür zum Studierzimmer auf,

und nachdem er hereingetreten war, schloss sie schnell hinter ihm

zu und blieb auf der anderen Seite, denn vor dem Abc hatte sie

einen Schrecken. Sie ging jetzt mit großen Schritten im Zimmer auf

und nieder, denn sie hatte zu überlegen, wie die Dienstboten

Adelheid zu benennen hätten. Herr Sesemann hatte ja geschrieben,

sie müsste wie seine Tochter gehalten werden, und dieses Wort

musste sich hauptsächlich auf das Verhältnis zu den Dienstboten

beziehen, dachte Fräulein Rottenmeier. Sie konnte aber nicht lange

ungestört überlegen, denn auf einmal ertönte drinnen im

Studierzimmer ein erschreckliches Gekrache fallender Gegenstände

und dann ein Hilferuf nach Sebastian. Sie stürzte hinein. Da lag

auf dem Boden alles übereinander, die sämtlichen Studien-Hilfsmittel,

Bücher, Hefte, Tintenfass und obendrauf der

Tischteppich, unter dem ein schwarzes Tintenbächlein hervorfloss,

die ganze Stube entlang. Heidi war verschwunden.

"Da haben wir's", rief Fräulein Rottenmeier händeringend aus.

"Teppich, Bücher, Arbeitskorb, alles in der Tinte! Das ist noch

nie geschehen! Das ist das Unglückswesen, da ist kein Zweifel!"

Der Herr Kandidat stand sehr erschrocken da und schaute auf die

Verwüstung, die allerdings nur _eine_ Seite hatte und eine recht

bestürzende. Klara dagegen verfolgte mit vergnügtem Gesicht die

ungewöhnlichen Ereignisse und deren Wirkungen und sagte nun

erklärend: "Ja, Heidi hat's gemacht, aber nicht mit Absicht, es

muss gewiss nicht gestraft werden, es war nur so schrecklich eilig,

fortzukommen, und riss den Teppich mit, und so fiel alles

hintereinander auf den Boden. Es fuhren viele Wagen hintereinander

vorbei, darum ist es so fortgeschossen; es hat vielleicht noch nie

eine Kutsche gesehen."

"Da, ist's nicht, wie ich sagte, Herr Kandidat? Nicht _einen_

Urbegriff hat das Wesen! Keine Ahnung davon, was eine

Unterrichtsstunde ist, dass man dabei zuzuhören und still zu sitzen

hat. Aber wo ist das Unheil bringende Ding hin? Wenn es

fortgelaufen wäre! Was würde mir Herr Sesemann--"

Fräulein Rottenmeier lief hinaus und die Treppe hinunter. Hier,

unter der geöffneten Haustür, stand Heidi und guckte ganz verblüfft

die Straße auf und ab.

"Was ist denn? Was fällt dir denn ein? Wie kannst du so

davonlaufen!", fuhr Fräulein Rottenmeier das Kind an.

"Ich habe die Tannen rauschen gehört, aber ich weiß nicht, wo sie

stehen, und höre sie nicht mehr", antwortete Heidi und schaute

enttäuscht nach der Seite hin, wo das Rollen der Wagen verhallt war,

das in Heidis Ohren dem Tosen des Föhns in den Tannen ähnlich

geklungen hatte, so dass es in höchster Freude dem Ton nachgerannt

war.

"Tannen! Sind wir im Wald? Was sind das für Einfälle! Komm

herauf und sieh, was du angerichtet hast!" Damit stieg Fräulein

Rottenmeier wieder die Treppe hinan; Heidi folgte ihr und stand nun

sehr verwundert vor der großen Verheerung, denn es hatte nicht

gemerkt, was es alles mitriss vor Freude und Eile, die Tannen zu

hören.

"Das hast du einmal getan, ein zweites Mal tust du's nicht wieder",

sagte Fräulein Rottenmeier, auf den Boden zeigend; "zum Lernen

sitzt man still auf seinem Sessel und gibt Acht. Kannst du das

nicht selbst fertig bringen, so muss ich dich an deinen Stuhl

festbinden. Kannst du das verstehen?"

"Ja", entgegnete Heidi, "aber ich will schon festsitzen." Denn

jetzt hatte es begriffen, dass es eine Regel ist, in einer

Unterrichtsstunde still zu sitzen.

Jetzt mussten Sebastian und Tinette hereinkommen, um die Ordnung

wiederherzustellen. Der Herr Kandidat entfernte sich, denn der

weitere Unterricht musste nun aufgegeben werden. Zum Gähnen war

heute gar keine Zeit gewesen.

Am Nachmittag musste Klara immer eine Zeit lang ruhen und Heidi

hatte alsdann seine Beschäftigung selbst zu wählen; so hatte

Fräulein Rottenmeier ihm am Morgen erklärt. Als nun nach Tisch

Klara sich in ihrem Sessel zur Ruhe gelegt hatte, ging Fräulein

Rottenmeier nach ihrem Zimmer, und Heidi sah, dass nun die Zeit da

war, da es seine Beschäftigung selbst wählen konnte. Das war dem

Heidi sehr erwünscht, denn es hatte schon immer im Sinn, etwas zu

unternehmen; es musste aber Hilfe dazu haben und stellte sich darum

vor das Esszimmer mitten auf den Korridor, damit die Persönlichkeit,

die es zu beraten gedachte, ihm nicht entgehen könne. Richtig,

nach kurzer Zeit kam Sebastian die Treppe herauf mit dem großen

Teebrett auf den Armen, denn er brachte das Silberzeug aus der

Küche herauf, um es im Schrank des Esszimmers zu verwahren. Als er

auf der letzten Stufe der Treppe angekommen war, trat Heidi vor ihn

hin und sagte mit großer Deutlichkeit: "Sie oder Er!"

Sebastian riss die Augen so weit auf, als es nur möglich war, und

sagte ziemlich barsch: "Was soll das heißen, Mamsell?"

"Ich möchte nur gern etwas fragen, aber es ist gewiss nichts Böses

wie heute Morgen", fügte Heidi beschwichtigend hinzu, denn es

merkte, dass Sebastian ein wenig erbittert war, und dachte, es

komme noch von der Tinte am Boden her.

"So, und warum muss es denn heißen Sie oder Er, das möcht ich

zuerst wissen", gab Sebastian im gleichen barschen Ton zurück.

"Ja, so muss ich jetzt immer sagen", versicherte Heidi; "Fräulein

Rottenmeier hat es befohlen."

Jetzt lachte Sebastian so laut auf, dass Heidi ihn ganz verwundert

ansehen musste, denn es hatte nichts Lustiges bemerkt; aber

Sebastian hatte auf einmal begriffen, was Fräulein Rottenmeier

befohlen hatte, und sagte nun sehr erlustigt: "Schon recht, so

fahre die Mamsell nur zu."

"Ich heiße gar nicht Mamsell", sagte nun Heidi seinerseits ein

wenig geärgert; "ich heiße Heidi."

"Ist schon recht; die gleiche Dame hat aber befohlen, dass ich

Mamsell sage", erklärte Sebastian.

"Hat sie? Ja, dann muss ich schon so heißen", sagte Heidi mit

Ergebung, denn es hatte wohl gemerkt, dass alles so geschehen

musste, wie Fräulein Rottenmeier befahl.

"Jetzt habe ich schon drei Namen", setzte es mit einem Seufzer

hinzu.

"Was wollte die kleine Mamsell denn fragen?", fragte Sebastian

jetzt, indem er, ins Esszimmer eingetreten, sein Silberzeug im

Schrank zurechtlegte.

"Wie kann man ein Fenster aufmachen, Sebastian?"

"So, gerade so", und er machte den großen Fensterflügel auf.

Heidi trat heran, aber es war zu klein, um etwas sehen zu können;

es langte nur bis zum Gesims hinauf.

"Da, so kann das Mamsellchen einmal hinausgucken und sehen, was

unten ist", sagte Sebastian, indem er einen hohen hölzernen Schemel

herbeigeholt hatte und hinstellte. Hoch erfreut stieg Heidi hinauf

und konnte endlich den ersehnten Blick durch das Fenster tun. Aber

mit dem Ausdruck der größten Enttäuschung zog es sogleich den Kopf

wieder zurück.

"Man sieht nur die steinerne Straße hier, sonst gar nichts", sagte

das Kind bedauerlich; "aber wenn man um das ganze Haus herumgeht,

was sieht man dann auf der anderen Seite, Sebastian?"

"Gerade dasselbe", gab dieser zur Antwort.

"Aber wohin kann man denn gehen, dass man weit, weit hinuntersehen

kann über das ganze Tal hinab?"

"Da muss man auf einen hohen Turm hinaufsteigen, einen Kirchturm,

so einen, wie der dort ist mit der goldenen Kugel oben drauf. Da

guckt man von oben herunter und sieht weit über alles weg."

Jetzt stieg Heidi eilig von seinem Schemel herunter, rannte zur Tür

hinaus, die Treppe hinunter und trat auf die Straße hinaus. Aber

die Sache ging nicht, wie Heidi sich vorgestellt hatte. Als es aus

dem Fenster den Turm gesehen hatte, kam es ihm vor, es könne nur

über die Straße gehen, so müsste er gleich vor ihm stehen. Nun

ging Heidi die ganze Straße hinunter, aber es kam nicht an den Turm,

konnte ihn auch nirgends mehr entdecken und kam nun in eine andere

Straße hinein und weiter und weiter, aber immer noch sah es den

Turm nicht. Es gingen viele Leute an ihm vorbei, aber die waren

alle so eilig, dass Heidi dachte, sie hätten nicht Zeit, ihm

Bescheid zu geben. Jetzt sah es an der nächsten Straßenecke einen

Jungen stehen, der eine kleine Drehorgel auf dem Rücken und ein

ganz kurioses Tier auf dem Arme trug. Heidi lief zu ihm hin und

fragte: "Wo ist der Turm mit der goldenen Kugel zuoberst?"

"Weiß nicht", war die Antwort.

"Wen kann ich denn fragen, wo er sei?", fragte Heidi weiter.

"Weiß nicht."

"Weißt du keine andere Kirche mit einem hohen Turm?"

"Freilich weiß ich eine."

"So komm und zeige mir sie."

"Zeig du zuerst, was du mir dafür gibst." Der Junge hielt seine

Hand hin. Heidi suchte in seiner Tasche herum. Jetzt zog es ein

Bildchen hervor, darauf ein schönes Kränzchen von roten Rosen

gemalt war; erst sah es noch eine kleine Weile darauf hin, denn es

reute Heidi ein wenig. Erst heute Morgen hatte Klara es ihm

geschenkt; aber hinuntersehen ins Tal, über die grünen Abhänge!

"Da", sagte Heidi und hielt das Bildchen hin, "willst du das?"

Der Junge zog die Hand zurück und schüttelte den Kopf.

"Was willst du denn?", fragte Heidi und steckte vergnügt sein

Bildchen wieder ein.

"Geld."

"Ich habe keins, aber Klara hat, sie gibt mir dann schon; wie viel

willst du?"

"Zwanzig Pfennige."

"So komm jetzt."

Nun wanderten die beiden eine lange Straße hin, und auf dem Wege

fragte Heidi den Begleiter, was er auf dem Rücken trage, und er

erklärte ihm, es sei eine schöne Orgel unter dem Tuch, die mache

eine prachtvolle Musik, wenn er daran drehe.

Auf einmal standen sie vor einer alten Kirche mit hohem Turm; der

Junge stand still und sagte: "Da."

"Aber wie komm ich da hinein?", fragte Heidi, als es die fest

verschlossenen Türen sah.

"Weiß nicht", war wieder die Antwort.

"Glaubst du, man könne hier klingeln, so wie man dem Sebastian tut?"

"Weiß nicht."

Heidi hatte eine Klingel entdeckt an der Mauer und zog jetzt aus

allen Kräften daran.

"Wenn ich dann hinaufgehe, so musst du warten hier unten, ich weiß

jetzt den Weg nicht mehr zurück, du musst mir ihn dann zeigen."

"Was gibst du mir dann?"

"Was muss ich dir dann wieder geben?"

"Wieder zwanzig Pfennige."

Jetzt wurde das alte Schloss inwendig umgedreht und die knarrende

Tür geöffnet; ein alter Mann trat heraus und schaute erst

verwundert, dann ziemlich erzürnt auf die Kinder und fuhr sie an:

"Was untersteht ihr euch, mich da herunterzuklingeln? Könnt ihr

nicht lesen, was über der Klingel steht: 'Für solche, die den

Turm besteigen wollen'?"

Der Junge wies mit dem Zeigefinger auf Heidi und sagte kein Wort.

Heidi antwortete: "Eben auf den Turm wollt ich."

"Was hast du droben zu tun?", fragte der Türmer; "hat dich jemand

geschickt?"

"Nein", entgegnete Heidi, "ich möchte nur hinaufgehen, dass ich

hinuntersehen kann."

"Macht, dass ihr heimkommt, und probiert den Spaß nicht wieder,

oder ihr kommt nicht gut weg zum zweiten Mal!" Damit kehrte sich

der Türmer um und wollte die Tür zumachen.

Aber Heidi hielt ihn ein wenig am Rockschoß und sagte bittend: "Nur

ein einziges Mal!"

Er sah sich um, und Heidis Augen schauten so flehentlich zu ihm auf,

dass es ihn ganz umstimmte; er nahm das Kind bei der Hand und

sagte freundlich: "Wenn dir so viel daran gelegen ist, so komm mit

mir!"

Der Junge setzte sich auf die steinernen Stufen vor der Tür nieder

und zeigte, dass er nicht mitwollte.

Heidi stieg an der Hand des Türmers viele, viele Treppen hinauf;

dann wurden diese immer schmäler, und endlich ging es noch ein ganz

enges Treppchen hinauf, und nun waren sie oben. Der Türmer hob

Heidi vom Boden auf und hielt es an das offene Fenster.

"Da, jetzt guck hinunter", sagte er.

Heidi sah auf ein Meer von Dächern, Türmen und Schornsteinen nieder;

es zog bald seinen Kopf zurück und sagte niedergeschlagen: "Es ist

gar nicht, wie ich gemeint habe."

"Siehst du wohl? Was versteht so ein Kleines von Aussicht! So,

komm nun wieder herunter und läute nie mehr an einem Turm!"

Der Türmer stellte Heidi wieder auf den Boden und stieg ihm voran

die schmalen Stufen hinab. Wo diese breiter wurden, kam links die

Tür, die in des Türmers Stübchen führte, und nebenan ging der Boden

bis unter das schräge Dach hin. Dort hinten stand ein großer Korb

und davor saß eine dicke graue Katze und knurrte, denn in dem Korb

wohnte ihre Familie und sie wollte jeden Vorübergehenden davor

warnen, sich in ihre Familienangelegenheiten zu mischen. Heidi

stand still und schaute verwundert hinüber, eine so mächtige Katze

hatte es noch nie gesehen; in dem alten Turm wohnten aber ganze

Herden von Mäusen, so holte sich die Katze ohne Mühe jeden Tag ein

halbes Dutzend Mäusebraten. Der Türmer sah Heidis Bewunderung und

sagte: "Komm, sie tut dir nichts, wenn ich dabei bin; du kannst die

Jungen ansehen."

Heidi trat an den Korb heran und brach in ein großes Entzücken aus.

"Oh, die netten Tierlein! Die schönen Kätzchen!", rief es ein Mal

ums andere und sprang hin und her um den Korb herum, um auch recht

alle komischen Gebärden und Sprünge zu sehen, welche die sieben

oder acht jungen Kätzchen vollführten, die in dem Korb rastlos

übereinanderhin krabbelten, sprangen, fielen.

"Willst du eins haben?", fragte der Türmer, der Heidis

Freudensprüngen vergnügt zuschaute.

"Selbst für mich? Für immer?", fragte Heidi gespannt und konnte

das große Glück fast nicht glauben.

"Ja, gewiss, du kannst auch noch mehr haben, du kannst sie alle

zusammen haben, wenn du Platz hast", sagte der Mann, dem es gerade

recht war, seine kleinen Katzen loszuwerden, ohne dass er ihnen ein

Leid antun musste.

Heidi war im höchsten Glück. In dem großen Hause hatten ja die

Kätzchen so viel Platz, und wie musste Klara erstaunt und erfreut

sein, wenn die niedlichen Tierchen ankamen!

"Aber wie kann ich sie mitnehmen?", fragte nun Heidi und wollte

schnell einige fangen mit seinen Händen, aber die dicke Katze

sprang ihm auf den Arm und fauchte es so grimmig an, dass es sehr

erschrocken zurückfuhr.

"Ich will sie dir bringen, sag nur, wohin", sagte der Türmer, der

die alte Katze nun streichelte, um sie wieder gut zu machen, denn

sie war seine Freundin und hatte schon viele Jahre mit ihm auf dem

Turm gelebt.

"Zum Herrn Sesemann in dem großen Haus, wo an der Haustür ein

goldener Hundskopf ist mit einem dicken Ring im Maul", erklärte

Heidi.

Es hätte nicht einmal so viel gebraucht für den Türmer, der schon

seit langen Jahren auf dem Turm saß und jedes Haus weithin kannte,

und dazu war der Sebastian noch ein alter Bekannter von ihm.

"Ich weiß schon", bemerkte er; "aber wem muss ich die Dinger

bringen, bei wem muss ich nachfragen, du gehörst doch nicht Herrn

Sesemann?"

"Nein, aber die Klara, sie hat eine so große Freude, wenn die

Kätzchen kommen!"

Der Türmer wollte nun weitergehen, aber Heidi konnte sich von dem

unterhaltenden Schauspiel fast nicht trennen.

"Wenn ich nur schon eins oder zwei mitnehmen könnte! Eins für mich

und eins für Klara, kann ich nicht?"

"So wart ein wenig", sagte der Türmer, trug dann die alte Katze

behutsam in sein Stübchen hinein und stellte sie an das

Essschüsselchen hin, schloss die Tür vor ihr zu und kam zurück: "So,

nun nimm zwei!"

Heidis Augen leuchteten vor Wonne. Es las ein weißes und dann ein

gelb und weiß gestreiftes aus und steckte eins in die rechte und

eins in die linke Tasche. Nun ging's die Treppe hinunter.

Der Junge saß noch auf den Stufen draußen, und als nun der Türmer

hinter Heidi die Tür zugeschlossen hatte, sagte das Kind: "Welchen

Weg müssen wir nun zu Herrn Sesemanns Haus?"

"Weiß nicht", war die Antwort.

Heidi fing nun an zu beschreiben, was es wusste, die Haustür und

die Fenster und die Treppen, aber der Junge schüttelte zu allem den

Kopf, es war ihm alles unbekannt.

"Siehst du", fuhr dann Heidi im Beschreiben fort, "aus einem

Fenster sieht man ein großes, großes, graues Haus und das Dach geht

so"--Heidi zeichnete hier mit dem Zeigefinger große Zacken in die

Luft hinaus.

Jetzt sprang der Junge auf, er mochte ähnliche Merkmale haben,

seine Wege zu finden. Er lief nun in einem Zug drauflos und Heidi

hinter ihm drein, und in kurzer Zeit standen sie richtig vor der

Haustür mit dem großen Messing-Tierkopf. Heidi zog die Glocke.

Bald erschien Sebastian, und wie er Heidi erblickte, rief er

drängend: "Schnell! Schnell!"

Heidi sprang eilig herein, und Sebastian schlug die Tür zu; den

Jungen, der verblüfft draußen stand, hatte er gar nicht bemerkt.

"Schnell, Mamsellchen", drängte Sebastian weiter, "gleich ins

Esszimmer hinein, sie sitzen schon am Tisch. Fräulein Rottenmeier

sieht aus wie eine geladene Kanone; was stellt aber auch die kleine

Mamsell an, so fortzulaufen?"

Heidi war ins Zimmer getreten. Fräulein Rottenmeier blickte nicht

auf; Klara sagte auch nichts, es war eine etwas unheimliche Stille.

Sebastian rückte Heidi den Sessel zurecht. Jetzt, wie es auf

seinem Stuhl saß, begann Fräulein Rottenmeier mit strengem Gesicht

und einem ganz feierlich-ernsten Ton: "Adelheid, ich werde nachher

mit dir sprechen, jetzt nur so viel: Du hast dich sehr ungezogen,

wirklich strafbar benommen, dass du das Haus verlässt, ohne zu

fragen, ohne dass jemand ein Wort davon wusste, und herumstreichst

bis zum späten Abend; es ist eine völlig beispiellose Aufführung."

"Miau", tönte es wie als Antwort zurück.

Aber jetzt stieg der Zorn der Dame. "Wie, Adelheid", rief sie in

immer höheren Tönen, "du unterstehst dich noch, nach aller

Ungezogenheit einen schlechten Spaß zu machen? Hüte dich wohl, sag

ich dir!"

"Ich mache", fing Heidi an--"Miau! Miau!"

Sebastian warf fast seine Schüssel auf den Tisch und stürzte hinaus.

"Es ist genug", wollte Fräulein Rottenmeier rufen; aber vor

Aufregung tönte ihre Stimme gar nicht mehr. "Steh auf und verlass

das Zimmer."

Heidi stand erschrocken von seinem Sessel auf und wollte noch

einmal erklären: "Ich mache gewiss"--"Miau! Miau! Miau!"

"Aber Heidi", sagte jetzt Klara, "wenn du doch siehst, dass du

Fräulein Rottenmeier so böse machst, warum machst du immer wieder

'miau'?"

"Ich mache nicht, die Kätzlein machen", konnte Heidi endlich

ungestört hervorbringen.

"Wie? Was? Katzen? junge Katzen?", schrie Fräulein Rottenmeier

auf. "Sebastian! Tinette! Sucht die greulichen Tiere! Schafft

sie fort!" Damit stürzte die Dame ins Studierzimmer hinein und

riegelte die Türen zu, um sicherer zu sein, denn junge Katzen waren

für Fräulein Rottenmeier das Schrecklichste in der Schöpfung.

Sebastian stand draußen vor der Tür und musste erst fertig lachen,

eh er wieder eintreten konnte. Er hatte, als er Heidi bediente,

einen kleinen Katzenkopf aus dessen Tasche herausgucken gesehen und

sah dem Spektakel entgegen, und wie er nun ausbrach, konnte er sich

nicht mehr halten, kaum noch seine Schüssel auf den Tisch setzen.

Endlich trat er denn wieder gefasst ins Zimmer herein, nachdem die

Hilferufe der geängsteten Dame schon längere Zeit verklungen waren.

Jetzt sah es ganz still und friedlich aus drinnen; Klara hielt die

Kätzchen auf ihrem Schoß, Heidi kniete neben ihr und beide spielten

mit großer Wonne mit den zwei winzigen, graziösen Tierchen.

"Sebastian", sagte Klara zu dem Eintretenden, "Sie müssen uns

helfen; Sie müssen ein Nest finden für die Kätzchen, wo Fräulein

Rottenmeier sie nicht sieht, denn sie fürchtet sich vor ihnen und

will sie forthaben; aber wir wollen die niedlichen Tierchen

behalten und sie immer hervorholen, sobald wir allein sind. Wo

kann man sie hintun?"

"Das will ich schon besorgen, Fräulein Klara", entgegnete Sebastian

bereitwillig; "ich mache ein schönes Bettchen in einem Korb und

stelle den an einen Ort, wo mir die furchtsame Dame nicht dahinter

kommt, verlassen Sie sich auf mich." Sebastian ging gleich an die

Arbeit und kicherte beständig vor sich hin, denn er dachte: "Das

wird noch was absetzen!", und der Sebastian sah es nicht ungern,

wenn Fräulein Rottenmeier ein wenig in Aufregung geriet.

Nach längerer Zeit erst, als der Augenblick des Schlafengehens

nahte, machte Fräulein Rottenmeier ein ganz klein wenig die Tür auf

und rief durch das Spältchen heraus: "Sind die abscheulichen Tiere

fortgeschafft?"

"Jawohl! Jawohl!", gab Sebastian zurück, der sich im Zimmer zu

schaffen gemacht hatte in Erwartung dieser Frage. Schnell und

leise fasste er die beiden Kätzchen auf Klaras Schoß und verschwand

damit.

Die besondere Strafrede, die Fräulein Rottenmeier Heidi noch zu

halten gedachte, verschob sie auf den folgenden Tag, denn heute

fühlte sie sich zu erschöpft nach all den vorhergegangenen

Gemütsbewegungen von Ärger, Zorn und Schrecken, die ihr Heidi ganz

unwissentlich nacheinander verursacht hatte. Sie zog sich

schweigend zurück, und Klara und Heidi folgten vergnügt nach, denn

sie wussten ihre Kätzchen in einem guten Bett.

Heidis Lehr- und Wanderjahre(#7500) · 第 10 / 16 题