Schnell war der Winter und noch schneller der fröhliche Sommer
darauf vergangen, und ein neuer Winter neigte sich schon wieder dem
Ende zu. Heidi war glücklich und froh wie die Vöglein des Himmels
und freute sich jeden Tag mehr auf die herannahenden Frühlingstage,
da der warme Föhn durch die Tannen brausen und den Schnee wegfegen
würde und dann die helle Sonne die blauen und gelben Blümlein
hervorlocken und die Tage der Weide kommen würden, die für Heidi
das Schönste mit sich brachten, was es auf Erden geben konnte.
Heidi stand nun in seinem achten Jahre; es hatte vom Großvater
allerlei Kunstgriffe erlernt: Mit den Geißen wusste es so gut
umzugehen als nur einer, und Schwänli und Bärli liefen ihm nach wie
treue Hündlein und meckerten gleich laut vor Freude, wenn sie nur
seine Stimme hörten. In diesem Winter hatte Peter schon zweimal
vom Schullehrer im Dörfli den Bericht gebracht, der Alm-Öhi solle
das Kind, das bei ihm sei, nun in die Schule schicken, es habe
schon mehr als das Alter und hätte schon im letzten Winter kommen
sollen. Der Öhi hatte beide Male dem Schullehrer sagen lassen,
wenn er etwas mit ihm wolle, so sei er daheim, das Kind schicke er
nicht in die Schule. Diesen Bericht hatte der Peter richtig
überbracht.
Als die Märzsonne den Schnee an den Abhängen geschmolzen hatte und
überall die weißen Schneeglöckchen hervorguckten im Tal und auf der
Alm die Tannen ihre Schneelast abgeschüttelt hatten und die Äste
wieder lustig wehten, da rannte Heidi vor Wonne immer hin und her
von der Haustür zum Geißenstall und von da unter die Tannen und
dann wieder hinein zum Großvater, um ihm zu berichten, wie viel
größer das Stück grüner Boden unter den Bäumen wieder geworden sei,
und gleich nachher kam es wieder nachzusehen, denn es konnte nicht
erwarten, dass alles wieder grün wurde und der ganze schöne Sommer
mit Grün und Blumen wieder auf die Alm gezogen kam.
Als Heidi so am sonnigen Märzmorgen hin und her rannte und jetzt
wohl zum zehnten Mal über die Türschwelle sprang, wäre es vor
Schrecken fast rückwärts wieder hineingefallen, denn auf einmal
stand es vor einem schwarzen alten Herrn, der es ganz ernsthaft
anblickte. Als er aber seinen Schrecken sah, sagte er freundlich:
"Du musst nicht erschrecken vor mir, die Kinder sind mir lieb. Gib
mir die Hand! Du wirst das Heidi sein; wo ist der Großvater?"
"Er sitzt am Tisch und schnitzt runde Löffel von Holz", erklärte
Heidi und machte nun die Tür wieder auf.
Es war der alte Herr Pfarrer aus dem Dörfli, der den Öhi vor Jahren
gut gekannt hatte, als er noch unten wohnte und sein Nachbar war.
Er trat in die Hütte ein, ging auf den Alten zu, der sich über sein
Schnitzwerk hinbeugte, und sagte: "Guten Morgen, Nachbar."
Verwundert schaute dieser in die Höhe, stand dann auf und
entgegnete: "Guten Morgen dem Herrn Pfarrer." Dann stellte er
seinen Stuhl vor den Herrn hin und fuhr fort: "Wenn der Herr
Pfarrer einen Holzsitz nicht scheut, hier ist einer."
Der Herr Pfarrer setzte sich. "Ich habe Euch lange nicht gesehen,
Nachbar", sagte er dann.
"Ich den Herrn Pfarrer auch nicht", war die Antwort.
"Ich komme heut, um etwas mit Euch zu besprechen", fing der Herr
Pfarrer wieder an; "ich denke, Ihr könnt schon wissen, was meine
Angelegenheit ist, worüber ich mich mit Euch verständigen und hören
will, was Ihr im Sinne habt."
Der Herr Pfarrer schwieg und schaute auf Heidi, das an der Tür
stand und die neue Erscheinung aufmerksam betrachtete.
"Heidi, geh zu den Geißen", sagte der Großvater. "Kannst ein wenig
Salz mitnehmen und bei ihnen bleiben, bis ich auch komme."
Heidi verschwand sofort.
"Das Kind hätte schon vor dem Jahr und noch sicherer diesen Winter
die Schule besuchen sollen", sagte nun der Herr Pfarrer; "der
Lehrer hat Euch mahnen lassen, Ihr habt keine Antwort darauf
gegeben; was habt Ihr mit dem Kind im Sinn, Nachbar?"
"Ich habe im Sinn, es nicht in die Schule zu schicken", war die
Antwort.
Verwundert schaute der Herr Pfarrer auf den Alten, der mit
gekreuzten Armen auf seiner Bank saß und gar nicht nachgiebig
aussah.
"Was wollt Ihr aus dem Kinde machen?", fragte jetzt der Herr
Pfarrer.
"Nichts, es wächst und gedeiht mit den Geißen und den Vögeln; bei
denen ist es ihm wohl und es lernt nichts Böses von ihnen."
"Aber das Kind ist keine Geiß und kein Vogel, es ist ein
Menschenkind. Wenn es nichts Böses lernt von diesen seinen
Kameraden, so lernt es auch sonst nichts von ihnen; es soll aber
etwas lernen, und die Zeit dazu ist da. Ich bin gekommen, es Euch
zeitig zu sagen, Nachbar, damit Ihr Euch besinnen und einrichten
könnt den Sommer durch. Dies war der letzte Winter, den das Kind
so ohne allen Unterricht zugebracht hat; nächsten Winter kommt es
zur Schule, und zwar jeden Tag."
"Ich tu's nicht, Herr Pfarrer", sagte der Alte unentwegt.
"Meint Ihr denn wirklich, es gebe kein Mittel, Euch zur Vernunft zu
bringen, wenn Ihr so eigensinnig bei Eurem unvernünftigen Tun
beharren wollt?", sagte der Herr Pfarrer jetzt ein wenig eifrig.
"Ihr seid weit in der Welt herumgekommen und habt viel gesehen und
vieles lernen können, ich hätte Euch mehr Einsicht zugetraut,
Nachbar."
"So", sagte jetzt der Alte und seine Stimme verriet, dass es auch
in seinem Innern nicht mehr so ganz ruhig war; "und meint denn der
Herr Pfarrer, ich werde wirklich im nächsten Winter am eisigen
Morgen durch Sturm und Schnee ein zartgliedriges Kind den Berg
hinunterschicken, zwei Stunden weit, und zur Nacht wieder
heraufkommen lassen, wenn's manchmal tobt und tut, dass unsereiner
fast in Wind und Schnee ersticken müsste, und dann ein Kind wie
dieses? Und vielleicht kann sich der Herr Pfarrer auch noch der
Mutter erinnern, der Adelheid; sie war mondsüchtig und hatte
Zufälle, soll das Kind auch so etwas holen mit der Anstrengung? Es
soll mir einer kommen und mich zwingen wollen! Ich gehe vor alle
Gerichte mit ihm, und dann wollen wir sehen, wer mich zwingt!"
"Ihr habt ganz Recht, Nachbar", sagte der Herr Pfarrer mit
Freundlichkeit; "es wäre nicht möglich, das Kind von hier aus zur
Schule zu schicken. Aber ich kann sehen, das Kind ist Euch lieb;
tut um seinetwillen etwas, das Ihr schon lange hättet tun sollen,
kommt wieder ins Dörfli herunter und lebt wieder mit den Menschen.
Was ist das für ein Leben hier oben, allein und verbittert gegen
Gott und Menschen! Wenn Euch einmal etwas zustoßen würde hier oben,
wer würde Euch beistehen? Ich kann auch gar nicht begreifen, dass
Ihr den Winter durch nicht halb erfriert in Eurer Hütte, und wie
das zarte Kind es nur aushalten kann!"
"Das Kind hat junges Blut und eine gute Decke, das möchte ich dem
Herrn Pfarrer sagen, und dann noch eins: Ich weiß, wo es Holz gibt,
und auch, wann die gute Zeit ist, es zu holen; der Herr Pfarrer
darf in meinen Schopf hineingehen, es ist etwas drin, in meiner
Hütte geht das Feuer nie aus den Winter durch. Was der Herr
Pfarrer mit dem Herunterkommen meint, ist nicht für mich; die
Menschen da unten verachten mich und ich sie auch, wir bleiben
voneinander, so ist's beiden wohl."
"Nein, nein, es ist Euch nicht wohl; ich weiß, was Euch fehlt",
sagte der Herr Pfarrer mit herzlichem Ton. "Mit der Verachtung der
Menschen dort unten ist es so schlimm nicht. Glaubt mir, Nachbar:
Sucht Frieden mit Eurem Gott zu machen, bittet um seine Verzeihung,
wo Ihr sie nötig habt, und dann kommt und seht, wie anders Euch die
Menschen ansehen und wie wohl es Euch noch werden kann."
Der Herr Pfarrer war aufgestanden, er hielt dem Alten die Hand hin
und sagte nochmals mit Herzlichkeit: "Ich zähle darauf, Nachbar, im
nächsten Winter seid Ihr wieder unten bei uns und wir sind die
alten, guten Nachbarn. Es würde mir großen Kummer machen, wenn ein
Zwang gegen Euch müsste angewandt werden; gebt mir jetzt die Hand
darauf, dass ihr herunterkommt und wieder unter uns leben wollt,
ausgesöhnt mit Gott und den Menschen."
Der Alm-Öhi gab dem Herrn Pfarrer die Hand und sagte fest und
bestimmt: "Der Herr Pfarrer meint es recht mit mir; aber was er
erwartet, das tu ich nicht, ich sag es sicher und ohne Wandel: Das
Kind schick ich nicht, und herunter komm ich nicht."
"So helf Euch Gott!", sagte der Herr Pfarrer und ging traurig zur
Tür hinaus und den Berg hinunter.
Der Alm-Öhi war verstimmt. Als Heidi am Nachmittag sagte: "Jetzt
wollen wir zur Großmutter", erwiderte er kurz: "Heut nicht." Den
ganzen Tag sprach er nicht mehr, und am folgenden Morgen, als Heidi
fragte: "Gehen wir heut zur Großmutter?", war er noch gleich kurz
von Worten wie im Ton und sagte nur: "Wollen sehen." Aber noch
bevor die Schüsselchen vom Mittagessen weggestellt waren, trat
schon wieder ein Besuch zur Tür herein, es war die Base Dete. Sie
hatte einen schönen Hut auf dem Kopf mit einer Feder darauf und ein
Kleid, das alles mitfegte, was am Boden lag, und in der Sennhütte
lag da allerlei, das nicht an ein Kleid gehörte. Der Öhi schaute
sie an von oben bis unten und sagte kein Wort. Aber die Base Dete
hatte im Sinn, ein sehr freundliches Gespräch zu führen, denn sie
fing an zu rühmen und sagte, das Heidi sehe so gut aus, sie habe es
fast nicht mehr gekannt und man könne schon sehen, dass es ihm
nicht schlecht gegangen sei beim Großvater. Sie habe aber gewiss
auch immer darauf gedacht, es ihm wieder abzunehmen, denn sie habe
ja schon begreifen können, dass ihm das Kleine im Weg sein müsse,
aber in jenem Augenblick habe sie es ja nirgends sonst hintun
können; seitdem aber habe sie Tag und Nacht nachgesonnen, wo sie
das Kind etwa unterbringen könnte, und deswegen komme sie auch
heute, denn auf einmal habe sie etwas vernommen, da könne das Heidi
zu einem solchen Glück kommen, dass sie es gar nicht habe glauben
wollen. Dann sei sie aber auf der Stelle der Sache nachgegangen,
und nun könne sie sagen, es sei alles so gut wie in Richtigkeit,
das Heidi komme zu einem Glück wie unter Hunderttausenden nicht
eines. Furchtbar reiche Verwandte von ihrer Herrschaft, die fast
im schönsten Haus in ganz Frankfurt wohnen, die haben ein einziges
Töchterlein, das müsse immer im Rollstuhl sitzen, denn es sei auf
einer Seite lahm und sonst nicht gesund, und so sei es fast immer
allein und müsse auch allen Unterricht allein nehmen bei einem
Lehrer, und das sei ihm so langweilig, und auch sonst hätte es gern
eine Gespielin im Haus, und da haben sie so davon geredet bei ihrer
Herrschaft, und wenn man nur so ein Kind finden könnte, wie die
Dame beschrieb, die in dem Haus die Wirtschaft führte, denn ihre
Herrschaft habe viel Mitgefühl und möchte dem kranken Töchterlein
eine gute Gespielin gönnen. Die Wirtschaftsdame hatte nun gesagt,
sie wolle so ein recht unverdorbenes, so ein eigenartiges, das
nicht sei wie alle, die man so alle Tage sehe. Da habe sie selbst
denn auf der Stelle an das Heidi gedacht und sei gleich hingelaufen
und habe der Dame alles so beschrieben vom Heidi und so von seinem
Charakter, und die Dame habe sogleich zugesagt. Nun könne gar kein
Mensch wissen, was dem Heidi alles an Glück und Wohlfahrt
bevorstehe, denn wenn es dann einmal dort sei und die Leute es gern
mögen und es etwa mit dem eigenen Töchterchen etwas geben sollte--
man könne ja nie wissen, es sei doch so schwächlich--, und wenn
eben die Leute doch nicht ohne ein Kind bleiben wollten, so könnte
ja das unerhörteste Glück--
"Bist du bald fertig?", unterbrach hier der Öhi, der bis dahin kein
Wort dazwischengeredet hatte.
"Pah", gab die Dete zurück und warf den Kopf auf, "Ihr tut gerade,
wie wenn ich Euch das ordinärste Zeug gesagt hätte, und ist doch
durchs ganze Prättigau auf und ab nicht einer, der nicht Gott im
Himmel dankte, wenn ich ihm die Nachricht brächte, die ich Euch
gebracht habe."
"Bring sie, wem du willst, ich will nichts davon", sagte der Öhi
trocken.
Aber jetzt fuhr die Dete auf wie eine Rakete und rief: "Ja, wenn
Ihr es so meint, dann will ich Euch denn schon auch sagen, wie ich
es meine: Das Kind ist jetzt acht Jahre alt und kann nichts und
weiß nichts, und Ihr wollt es nichts lernen lassen; Ihr wollt es in
keine Schule und in keine Kirche schicken, das haben sie mir gesagt
unten im Dörfli, und es ist meiner einzigen Schwester Kind; ich hab
es zu verantworten, wie's mit ihm geht, und wenn ein Kind ein Glück
erlangen kann wie jetzt das Heidi, so kann ihm nur einer davor sein,
dem es um alle Leute gleich ist und der keinem etwas Gutes wünscht.
Aber ich gebe nicht nach, das sag ich Euch, und die Leute habe
ich alle für mich, es ist kein Einziger unten im Dörfli, der nicht
mir hilft und gegen Euch ist, und wenn Ihr's etwa wollt vor Gericht
kommen lassen, so besinnt Euch wohl, Öhi; es gibt noch Sachen, die
Euch dann könnten aufgewärmt werden, die Ihr nicht gern hörtet,
denn wenn man's einmal mit dem Gericht zu tun hat, so wird noch
manches aufgespürt, an das keiner mehr denkt."
"Schweig!", donnerte der Öhi heraus, und seine Augen flammten wie
Feuer. "Nimm's und verdirb's! Komm mir nie mehr vor Augen mit ihm,
ich will's nie sehen mit dem Federhut auf dem Kopf und Worten im
Mund wie dich heut!"
Der Öhi ging mit großen Schritten zur Tür hinaus.
"Du hast den Großvater bös gemacht", sagte Heidi und blitzte mit
seinen schwarzen Augen die Base wenig freundlich an.
"Er wird schon wieder gut, komm jetzt", drängte die Base; "wo sind
deine Kleider?"
"Ich komme nicht", sagte Heidi.
"Was sagst du?", fuhr die Base auf; dann änderte sie den Ton ein
wenig und fuhr halb freundlich, halb ärgerlich weiter: "Komm, komm,
du verstehst's nicht besser, du wirst es so gut haben, wie du gar
nicht weißt." Dann ging sie an den Schrank, nahm Heidis Sachen
hervor und packte sie zusammen: "So, komm jetzt, nimm dort dein
Hütchen, es sieht nicht schön aus, aber es ist gleich für einmal,
setz es auf und mach, dass wir fortkommen."
"Ich komme nicht", wiederholte Heidi.
"Sei doch nicht so dumm und störrig wie eine Geiß; denen hast du's
abgesehen. Begreif doch nur, jetzt ist der Großvater bös, du
hast's ja gehört, dass er gesagt hat, wir sollen ihm nicht mehr vor
Augen kommen, er will es nun haben, dass du mit mir gehst, und
jetzt musst du ihn nicht noch böser machen. Du weißt gar nicht,
wie schön es ist in Frankfurt und was du alles sehen wirst, und
gefällt es dir dann nicht, so kannst du wieder heimgehen; bis dahin
ist der Großvater dann wieder gut."
"Kann ich gerad wieder umkehren und heimkommen heut Abend?", fragte
Heidi.
"Ach was, komm jetzt! Ich sag dir's ja, du kannst wieder heim,
wann du willst. Heut gehen wir bis nach Maienfeld hinunter und
morgen früh sitzen wir in der Eisenbahn, mit der bist du nachher im
Augenblick wieder daheim, das geht wie geflogen."
Die Base Dete hatte das Bündelchen Kleider auf den Arm und Heidi an
die Hand genommen; so gingen sie den Berg hinunter.
Da es noch nicht Weidezeit war, ging der Peter noch zur Schule ins
Dörfli hinunter, oder sollte doch dahin gehen; aber er machte hier
und da einen Tag Ferien, denn er dachte, es nütze nichts, dahin zu
gehen, das Lesen brauche man auch nicht, und ein wenig herumfahren
und große Ruten suchen nütze etwas, denn diese könne man brauchen.
So kam er eben in der Nähe seiner Hütte von der Seite her mit
sichtlichem Erfolg seiner heutigen Bestrebungen, denn er trug ein
ungeheures Bündel langer, dicker Haselruten auf der Achsel. Er
stand still und starrte die zwei Entgegenkommenden an, bis sie bei
ihm ankamen; dann sagte er: "Wo willst du hin?"
"Ich muss nur geschwind nach Frankfurt mit der Base", antwortete
Heidi, "aber ich will zuerst noch zur Großmutter hinein, sie wartet
auf mich."
"Nein, nein, keine Rede, es ist schon viel zu spät", sagte die Base
eilig und hielt das fortstrebende Heidi fest bei der Hand; "du
kannst dann gehen, wenn du wieder heimkommst, komm jetzt!" Damit
zog die Base das Heidi fest weiter und ließ es nicht mehr los, denn
sie fürchtete, es könne drinnen dem Kinde wieder in den Sinn kommen,
es wolle nicht fort, und die Großmutter könne ihm helfen wollen.
Der Peter sprang in die Hütte hinein und schlug mit seinem ganzen
Bündel Ruten so furchtbar auf den Tisch los, dass alles erzitterte
und die Großmutter vor Schrecken vom Spinnrad aufsprang und laut
aufjammerte. Der Peter hatte sich Luft machen müssen.
"Was ist's denn? Was ist's denn?", rief angstvoll die Großmutter,
und die Mutter, die am Tisch gesessen hatte und fast aufgeflogen
war bei dem Knall, sagte in angeborener Langmut: "Was hast, Peterli;
warum tust so wüst?"
"Weil sie das Heidi mitgenommen hat", erklärte Peter.
"Wer? Wer? Wohin, Peterli, wohin?", fragte die Großmutter jetzt
mit neuer Angst; sie musste aber schnell erraten haben, was vorging,
die Tochter hatte ihr ja vor kurzem berichtet, sie habe die Dete
gesehen zum Alm-Öhi hinaufgehen. Ganz zitternd vor Eile machte die
Großmutter das Fenster auf und rief flehentlich hinaus: "Dete, Dete,
nimm uns das Kind nicht weg! Nimm uns das Heidi nicht!"
Die beiden Laufenden hörten die Stimme, und die Dete mochte wohl
ahnen, was sie rief, denn sie fasste das Kind noch fester und lief,
was sie konnte. Heidi widerstrebte und sagte: "Die Großmutter hat
gerufen, ich will zu ihr."
Aber das wollte die Base gerade nicht und beschwichtigte das Kind,
es solle nur schnell kommen jetzt, dass sie nicht noch zu spät
kämen, sondern dass sie morgen weiterreisen könnten, es könnte ja
dann sehen, wie es ihm gefallen werde in Frankfurt, dass es gar nie
mehr fortwolle dort; und wenn es doch heim wolle, so könne es ja
gleich gehen und dann erst noch der Großmutter etwas mit
heimbringen, was sie freue. Das war eine Aussicht für Heidi, die
ihm gefiel. Es fing an zu laufen ohne Widerstreben.
"Was kann ich der Großmutter heimbringen?", fragte es nach einer
Welle.
"Etwas Gutes", sagte die Base, "so schöne, weiche Weißbrötchen, da
wird sie Freud haben daran, sie kann ja doch das harte, schwarze
Brot fast nicht mehr essen."
"Ja, sie gibt es immer wieder dem Peter und sagt: 'Es ist mir
zu hart'; das habe ich selbst gesehen", bestätigte das Heidi.
"So wollen wir geschwind gehen, Base Dete; dann kommen wir
vielleicht heut noch nach Frankfurt, dass ich bald wieder da bin
mit den Brötchen."
Heidi fing nun so zu rennen an, dass die Base mit ihrem Bündel auf
dem Arm fast nicht mehr nachkam. Aber sie war sehr froh, dass es
so rasch ging, denn nun kamen sie gleich zu den ersten Häusern vom
Dörfli, und da konnte es wieder allerhand Reden und Fragen geben,
die das Heidi wieder auf andere Gedanken bringen konnten. So lief
sie stracks durch, und das Kind zog dabei noch so stark an ihrer
Hand, dass alle Leute es sehen konnten, wie sie um des Kindes
willen so pressieren musste. So rief sie auf alle die Fragen und
Anrufungen, die ihr aus allen Fenstern und Türen entgegentönten,
nur immer zurück: "Ihr seht's ja, ich kann jetzt nicht still stehen,
das Kind pressiert und wir haben noch weit."
"Nimmst's mit?"--"Läuft's dem Alm-Öhi fort?"--"Es ist nur ein
Wunder, dass es noch am Leben ist!"--"Und dazu noch so rotbackig!"
So tönte es von allen Seiten, und die Dete war froh, dass sie ohne
Verzug durchkam und keinen Bescheid geben musste und auch Heidi
kein Wort sagte, sondern nur immer vorwärts strebte in großem Eifer.
--
Von dem Tage an machte der Alm-Öhi, wenn er herunterkam und durchs
Dörfli ging, ein böseres Gesicht als je zuvor. Er grüßte keinen
Menschen und sah mit seinem Käsereff auf dem Rücken, mit dem
ungeheuren Stock in der Hand und den zusammengezogenen dicken
Brauen so drohend aus, dass die Frauen zu den kleinen Kindern
sagten: "Gib Acht! Geh dem Alm-Öhi aus dem Weg, er könnte dir noch
etwas tun!"
Der Alte verkehrte mit keinem Menschen im Dörfli, er ging nur durch
und weit ins Tal hinab, wo er seinen Käse verhandelte und seine
Vorräte an Brot und Fleisch einnahm. Wenn er so vorbeigegangen war
im Dörfli, dann standen hinter ihm die Leute alle in Trüppchen
zusammen, und jeder wusste etwas Besonderes, was er am Alm-Öhi
gesehen hatte, wie er immer wilder aussehe und dass er jetzt keinem
Menschen mehr auch nur einen Gruß abnehme, und alle kamen darin
überein, dass es ein großes Glück sei, dass das Kind habe
entweichen können, und man habe auch wohl gesehen, wie es
fortgedrängt habe, so, als fürchte es, der Alte sei schon hinter
ihm drein, um es zurückzuholen. Nur die blinde Großmutter hielt
unverrückt zum Alm-Öhi, und wer zu ihr heraufkam, um bei ihr
spinnen zu lassen oder das Gesponnene zu holen, dem erzählte sie es
immer wieder, wie gut und sorgfältig der Alm-Öhi mit dem Kind
gewesen sei und was er an ihr und der Tochter getan habe, wie
manchen Nachmittag er an ihrem Häuschen herumgeflickt, das ohne
seine Hilfe gewiss schon zusammengefallen wäre. So kamen denn auch
diese Berichte ins Dörfli herunter; aber die meisten, die sie
vernahmen, sagten dann, die Großmutter sei vielleicht zu alt zum
Begreifen, sie werde es wohl nicht recht verstanden haben, sie
werde wohl auch nicht mehr gut hören, weil sie nichts mehr sehe.
Der Alm-Öhi zeigte sich jetzt nicht mehr bei den Geißenpeters; es
war gut, dass er die Hütte so fest zusammengenagelt hatte, denn sie
blieb für lange Zeit ganz unberührt. Jetzt begann die blinde
Großmutter ihre Tage wieder mit Seufzen, und nicht einer verstrich,
an dem sie nicht klagend sagte: "Ach, mit dem Kind ist alles Gute
und alle Freude von uns genommen, und die Tage sind so leer! Wenn
ich nur noch einmal das Heidi hören könnte, eh ich sterben muss!"