Am andern Morgen kam wieder die helle Sonne, und dann kam der Peter
und die Geißen, und wieder zogen sie alle miteinander nach der
Weide hinauf, und so ging es Tag für Tag, und Heidi wurde bei
diesem Weideleben ganz gebräunt und so kräftig und gesund, dass ihm
gar nie etwas fehlte, und so froh und glücklich lebte Heidi von
einem Tag zum anderen, wie nur die lustigen Vögelein leben auf
allen Bäumen im grünen Wald. Wie es nun Herbst wurde und der Wind
lauter zu sausen anfing über die Berge hin, dann sagte etwa der
Großvater: "Heut bleibst du da, Heidi; ein Kleines, wie du bist,
kann der Wind mit einem Ruck über alle Felsen ins Tal hinabwehen."
Wenn aber das am Morgen der Peter vernahm, sah er sehr unglücklich
aus, denn er sah lauter Missgeschick vor sich: Einmal wusste er vor
Langeweile nun gar nicht mehr, was anfangen, wenn Heidi nicht bei
ihm war; dann kam er um sein reichliches Mittagsmahl, und dann
waren die Geißen so störrig an diesen Tagen, dass er die doppelte
Mühe mit ihnen hatte; denn die waren nun auch so an Heidis
Gesellschaft gewöhnt, dass sie nicht vorwärts wollten, wenn es
nicht dabei war, und auf alle Seiten rannten. Heidi wurde niemals
unglücklich, denn es sah immer irgendetwas Erfreuliches vor sich.
Am liebsten ging es schon mit Hirt und Geißen auf die Weide zu den
Blumen und zum Raubvogel hinauf, wo so mannigfaltige Dinge zu
erleben waren mit all den verschieden gearteten Geißen; aber auch
das Hämmern und Sägen und Zimmern des Großvaters war sehr
unterhaltend für Heidi; und traf es sich, dass er gerade die
schönen runden Geißkäschen zubereitete, wenn es daheim bleiben
musste, so war das ein ganz besonderes Vergnügen, dieser
merkwürdigen Tätigkeit zuzuschauen, wobei der Großvater beide Arme
bloß machte und damit in dem großen Kessel herumrührte. Aber vor
allem anziehend war für das Heidi an solchen Windtagen das Wogen
und Rauschen in den drei alten Tannen hinter der Hütte. Da musste
es immer von Zeit zu Zeit hinlaufen von allem anderen weg, was es
auch sein mochte, denn so schön und wunderbar war gar nichts wie
dieses tiefe, geheimnisvolle Tosen in den Wipfeln da droben; da
stand Heidi unten und lauschte hinauf und konnte niemals genug
bekommen, zu sehen und zu hören, wie das wehte und wogte und
rauschte in den Bäumen mit großer Macht. Jetzt gab die Sonne nicht
mehr heiß wie im Sommer, und Heidi suchte seine Strümpfe und Schuhe
hervor und auch den Rock, denn nun wurde es immer frischer, und
wenn das Heidi unter den Tannen stand, wurde es durchblasen wie ein
dünnes Blättlein, aber es lief doch immer wieder hin und konnte
nicht in der Hütte bleiben, wenn es das Windeswehen vernahm.
Dann wurde es kalt, und der Peter hauchte in die Hände, wenn er
früh am Morgen heraufkam, aber nicht lange; denn auf einmal fiel
über Nacht ein tiefer Schnee, und am Morgen war die ganze Alm
schneeweiß und kein einziges grünes Blättlein mehr zu sehen ringsum
und um. Da kam der Geißenpeter nicht mehr mit seiner Herde, und
Heidi schaute ganz verwundert durch das kleine Fenster, denn nun
fing es wieder zu schneien an, und die dicken Flocken fielen fort
und fort, bis der Schnee so hoch wurde, dass er bis ans Fenster
hinaufreichte, und dann noch höher, dass man das Fenster gar nicht
mehr aufmachen konnte und man ganz verpackt war in dem Häuschen.
Das kam dem Heidi so lustig vor, dass es immer von einem Fenster
zum anderen rannte, um zu sehen, wie es denn noch werden wollte und
ob der Schnee noch die ganze Hütte zudecken wollte, dass man müsste
ein Licht anzünden am hellen Tag. Es kam aber nicht so weit, und
am anderen Tag ging der Großvater hinaus--denn nun schneite es
nicht mehr--und schaufelte ums ganze Haus herum und warf große,
große Schneehaufen aufeinander, dass es war wie hier ein Berg und
dort ein Berg und dort ein Berg um die Hütte herum; aber nun waren
die Fenster wieder frei und auch die Tür, und das war gut, denn als
am Nachmittag Heidi und der Großvater am Feuer saßen, jedes auf
seinem Dreifuß--denn der Großvater hatte längst auch einen für das
Kind gezimmert--, da polterte auf einmal etwas heran und schlug
immerzu gegen die Holzschwelle und machte endlich die Tür auf. Es
war der Geißenpeter; er hatte aber nicht aus Unart so gegen die Tür
gepoltert, sondern um seinen Schnee von den Schuhen abzuschlagen,
die hoch hinauf davon bedeckt waren; eigentlich der ganze Peter war
von Schnee bedeckt, denn er hatte sich durch die hohen Schichten so
durchkämpfen müssen, dass ganze Massen an ihm hängen geblieben und
auf ihm festgefroren waren, denn es war sehr kalt. Aber er hatte
nicht nachgegeben, denn er wollte zu Heidi hinauf, er hatte es
jetzt acht Tage lang nicht gesehen.
"Guten Abend", sagte er im Eintreten, stellte sich gleich so nah
als möglich ans Feuer heran und sagte weiter nichts mehr; aber sein
ganzes Gesicht lachte vor Vergnügen, dass er da war. Heidi schaute
ihn sehr verwundert an, denn nun er so nah am Feuer war, fing es
überall an ihm zu tauen an, so dass der ganze Peter anzusehen war
wie ein gelinder Wasserfall.
"Nun, General, wie steht's?", sagte jetzt der Großvater. "Nun bist
du ohne Armee und musst am Griffel nagen."
"Warum muss er am Griffel nagen, Großvater?", fragte Heidi sogleich
mit Wissbegierde.
"Im Winter muss er in die Schule gehen", erklärte der Großvater;
"da lernt man lesen und schreiben, und das geht manchmal schwer, da
hilft's ein wenig nach, wenn man am Griffel nagt; ist's nicht wahr,
General?"
"Ja, 's ist wahr", bestätigte Peter.
Jetzt war Heidis Teilnahme an der Sache wach geworden und es hatte
sehr viele Fragen über die Schule und alles, was da begegnete und
zu hören und zu sehen war, an den Peter zu richten, und da immer
viel Zeit verfloss über einer Unterhaltung, an der Peter teilnehmen
musste, so konnte er derweilen schön trocknen von oben bis unten.
Es war immer eine große Anstrengung für ihn, seine Vorstellungen in
die Worte zu bringen, die bedeuteten, was er meinte; aber diesmal
hatte er's besonders streng, denn kaum hatte er eine Antwort
zustande gebracht, so hatte ihm Heidi schon wieder zwei oder drei
unerwartete Fragen zugeworfen und meistens solche, die einen ganzen
Satz als Antwort erforderten.
Der Großvater hatte sich ganz still verhalten während dieser
Unterhaltung, aber es hatte ihm öfter ganz lustig um die Mundwinkel
gezuckt, was ein Zeichen war, dass er zuhörte.
"So, General, nun warst du im Feuer und brauchst Stärkung, komm,
halt mit!" Damit stand der Großvater auf und holte das Abendessen
aus dem Schrank hervor, und Heidi rückte die Stühle zum Tisch.
Unterdessen war auch eine Bank an die Wand gezimmert worden vom
Großvater; nun er nicht mehr allein war, hatte er da und dort
allerlei Sitze zu zweien eingerichtet, denn Heidi hatte die Art,
dass es sich überall nah zum Großvater hielt, wo er ging und stand
und saß. So hatten sie alle drei gut Platz zum Sitzen und der
Peter tat seine runden Augen ganz weit auf, als er sah, welch ein
mächtiges Stück von dem schönen getrockneten Fleisch der Alm-Öhi
ihm auf seine dicke Brotschnitte legte. So gut hatte es der Peter
lange nicht gehabt. Als nun das vergnügte Mahl zu Ende war, fing
es an zu dunkeln, und Peter schickte sich zur Heimkehr an. Als er
nun "Gute Nacht" und "Dank Euch Gott" gesagt hatte und schon unter
der Tür war, kehrte er sich noch einmal um und sagte: "Am Sonntag
komm ich wieder, heut über acht Tag, und du solltest auch einmal
zur Großmutter kommen, hat sie gesagt."
Das war ein ganz neuer Gedanke für Heidi, dass es zu jemandem gehen
sollte, aber er fasste auf der Stelle Boden bei ihm, und gleich am
folgenden Morgen war sein Erstes, dass es erklärte: "Großvater,
jetzt muss ich gewiss zu der Großmutter hinunter, sie erwartet mich."
"Es hat zu viel Schnee", erwiderte der Großvater abwehrend.
Aber das Vorhaben saß fest in Heidis Sinn, denn die Großmutter
hatte es ja sagen lassen; so musste es sein. So verging kein Tag
mehr, an dem das Kind nicht fünf- und sechsmal sagte: "Großvater,
jetzt muss ich gewiss gehen, die Großmutter wartet ja immer auf
mich."
Am vierten Tag, als es draußen knisterte und knarrte vor Kälte bei
jedem Schritt und die ganze große Schneedecke ringsum hart gefroren
war, aber eine schöne Sonne ins Fenster guckte, gerade auf Heidis
hohen Stuhl hin, wo es am Mittagsmahl saß, da begann es wieder sein
Sprüchlein: "Heut muss ich aber gewiss zur Großmutter gehen, es
währt ihr sonst zu lange." Da stand der Großvater auf vom
Mittagstisch, stieg auf den Heuboden hinauf, brachte den dicken
Sack herunter, der Heidis Bettdecke war, und sagte: "So komm!" In
großer Freude hüpfte das Kind ihm nach in die glitzernde Schneewelt
hinaus. In den alten Tannen war es nun ganz still und auf allen
Ästen lag der weiße Schnee und in dem Sonnenschein schimmerte und
funkelte es überall von den Bäumen in solcher Pracht, dass Heidi
hoch aufsprang vor Entzücken und ein Mal übers andere ausrief:
"Komm heraus, Großvater, komm heraus! Es ist lauter Silber und
Gold an den Tannen!" Denn der Großvater war in den Schopf
hineingegangen und kam nun heraus mit einem breiten Stoßschlitten:
Da war vorn eine Stange angebracht, und von dem flachen Sitz konnte
man die Füße nach vorn hinunterhalten und gegen den Schneeboden
stemmen und der Fahrt die Weisung geben. Hier setzte sich der
Großvater hin, nachdem er erst die Tannen ringsum mit Heidi hatte
beschauen müssen, nahm das Kind auf seinen Schoß, wickelte es um
und um in den Sack ein, damit es hübsch warm bleibe, und drückte es
fest mit dem linken Arm an sich, denn das war nötig bei der
kommenden Fahrt. Dann umfasste er mit der rechten Hand die Stange
und gab einen Ruck mit beiden Füßen. Da schoss der Schlitten davon
die Alm hinab mit einer solchen Schnelligkeit, dass das Heidi
meinte, es fliege in der Luft wie ein Vogel, und laut aufjauchzte.
Auf einmal stand der Schlitten still, gerade bei der Hütte vom
Geißenpeter. Der Großvater stellte das Kind auf den Boden,
wickelte es aus seiner Decke heraus und sagte:
"So, nun geh hinein, und wenn es anfängt dunkel zu werden, dann
komm wieder heraus und mach dich auf den Weg." Dann kehrte er um
mit seinem Schlitten und zog ihn den Berg hinauf.
Heidi machte die Tür auf und kam in einen kleinen Raum hinein, da
sah es schwarz aus, und ein Herd war da und einige Schüsselchen auf
einem Gestell, das war die kleine Küche; dann kam gleich wieder
eine Tür, die machte Heidi wieder auf und kam in eine enge Stube
hinein, denn das Ganze war nicht eine Sennhütte, wie beim Großvater,
wo ein einziger, großer Raum war und oben ein Heuboden, sondern es
war ein kleines, uraltes Häuschen, wo alles eng war und schmal und
dürftig. Als Heidi in das Stübchen trat, stand es gleich vor dem
Tisch, daran saß eine Frau und flickte an Peters Wams, denn dieses
erkannte Heidi sogleich. In der Ecke saß ein altes, gekrümmtes
Mütterchen und spann. Heidi wusste gleich, woran es war; es ging
geradaus auf das Spinnrad zu und sagte: "Guten Tag, Großmutter,
jetzt komme ich zu dir; hast du gedacht, es währe lang, bis ich
komme?"
Die Großmutter erhob den Kopf und suchte die Hand, die gegen sie
ausgestreckt war, und als sie diese erfasst hatte, befühlte sie
dieselbe erst eine Weile nachdenklich in der ihrigen, dann sagte
sie: "Bist du das Kind droben beim Alm-Öhi, bist du das Heidi?"
"Ja, ja", bestätigte das Kind, "jetzt gerade bin ich mit dem
Großvater im Schlitten heruntergefahren."
"Wie ist das möglich! Du hast ja eine so warme Hand! Sag,
Brigitte, ist der Alm-Öhi selber mit dem Kind heruntergekommen?"
Peters Mutter, die Brigitte, die am Tisch geflickt hatte, war
aufgestanden und betrachtete nun mit Neugierde das Kind von oben
bis unten; dann sagte sie: "Ich weiß nicht, Mutter, ob der Öhi
selber heruntergekommen ist mit ihm; es ist nicht glaublich, das
Kind wird's nicht recht wissen."
Aber das Heidi sah die Frau sehr bestimmt an und gar nicht, als sei
es im Ungewissen, und sagte: "Ich weiß ganz gut, wer mich in die
Bettdecke gewickelt hat und mit mir heruntergeschlittelt ist; das
ist der Großvater."
"Es muss doch etwas daran sein, was der Peter so gesagt hat den
Sommer durch vom Alm-Öhi, wenn wir dachten, er wisse es nicht
recht", sagte die Großmutter; "wer hätte freilich auch glauben
können, dass so etwas möglich sei; ich dachte, das Kind lebte keine
drei Wochen da oben. Wie sieht es auch aus, Brigitte!" Diese hatte
das Kind unterdessen so von allen Seiten angesehen, dass sie nun
wohl berichten konnte, wie es aussah.
"Es ist so fein gegliedert, wie die Adelheid war", gab sie zur
Antwort; "aber es hat die schwarzen Augen und das krause Haar, wie
es der Tobias hatte und auch der Alte droben; ich glaube, es sieht
den zweien gleich."
Unterdessen war Heidi müßig geblieben; es hatte ringsum geguckt und
alles genau betrachtet, was da zu sehen war. Jetzt sagte es: "Sieh,
Großmutter, dort schlägt es einen Laden immer hin und her, und der
Großvater würde auf der Stelle einen Nagel einschlagen, dass er
wieder fest hält, sonst schlägt er auch einmal eine Scheibe ein;
sieh, sieh, wie er tut!"
"Ach, du gutes Kind", sagte die Großmutter, "sehen kann ich es
nicht, aber hören kann ich es wohl und noch viel mehr, nicht nur
den Laden; da kracht und klappert es überall, wenn der Wind kommt,
und er kann überall hereinblasen; es hält nichts mehr zusammen, und
in der Nacht, wenn sie beide schlafen, ist es mir manchmal so angst
und bang, es falle alles über uns zusammen und schlage uns alle
drei tot; ach, und da ist kein Mensch, der etwas ausbessern könnte
an der Hütte, der Peter versteht's nicht."
"Aber warum kannst du denn nicht sehen, wie der Laden tut,
Großmutter? Sieh jetzt wieder, dort, gerade dort." Und Heidi
zeigte die Stelle deutlich mit dem Finger.
"Ach Kind, ich kann ja gar nichts sehen, gar nichts, nicht nur den
Laden nicht", klagte die Großmutter.
"Aber wenn ich hinausgehe und den Laden ganz aufmache, dass es
recht hell wird, kannst du dann sehen, Großmutter?"
"Nein, nein, auch dann nicht, es kann mir niemand mehr hell machen."
"Aber wenn du hinausgehst in den ganz weißen Schnee, dann wird es
dir gewiss hell; komm nur mit mir, Großmutter, ich will dir's
zeigen." Heidi nahm die Großmutter bei der Hand und wollte sie
fortziehen, denn es fing an, ihm ganz ängstlich zumute zu werden,
dass es ihr nirgends hell wurde.
"Lass mich nur sitzen, du gutes Kind; es bleibt doch dunkel bei mir,
auch im Schnee und in der Helle, sie dringt nicht mehr in meine
Augen."
"Aber dann doch im Sommer, Großmutter", sagte Heidi, immer
ängstlicher nach einem guten Ausweg suchend; "weißt, wenn dann
wieder die Sonne ganz heiß herunterbrennt und dann 'gute
Nacht' sagt und die Berge alle feuerrot schimmern und alle
gelben Blümlein glitzern, dann wird es dir wieder schön hell?"
"Ach, Kind, ich kann sie nie mehr sehen, die feurigen Berge und die
goldenen Blümlein droben, es wird mir nie mehr hell auf Erden, nie
mehr."
Jetzt brach Heidi in lautes Weinen aus. Voller Jammer schluchzte
es fortwährend: "Wer kann dir denn wieder hell machen? Kann es
niemand? Kann es gar niemand?"
Die Großmutter suchte nun das Kind zu trösten, aber es gelang ihr
nicht so bald. Heidi weinte fast nie; wenn es aber einmal anfing,
dann konnte es auch fast nicht mehr aus der Betrübnis herauskommen.
Die Großmutter hatte schon allerhand probiert, um das Kind zu
beschwichtigen, denn es ging ihr zu Herzen, dass es so jämmerlich
schluchzen musste. Jetzt sagte sie: "Komm, du gutes Heidi, komm
hier heran, ich will dir etwas sagen. Siehst du, wenn man nichts
sehen kann, dann hört man so gern ein freundliches Wort, und ich
höre es gern, wenn du redest; komm, setz dich da nahe zu mir und
erzähl mir etwas, was du machst da droben und was der Großvater
macht, ich habe ihn früher gut gekannt; aber jetzt hab ich seit
manchem Jahr nichts mehr gehört von ihm als durch den Peter, aber
der sagt nicht viel."
Jetzt kam dem Heidi ein neuer Gedanke; es wischte rasch seine
Tränen weg und sagte tröstlich: "Wart nur, Großmutter, ich will
alles dem Großvater sagen, er macht dir schon wieder hell und macht,
dass die Hütte nicht zusammenfällt, er kann alles wieder in
Ordnung machen."
Die Großmutter schwieg stille, und nun fing Heidi an, ihr mit
großer Lebendigkeit zu erzählen von seinem Leben mit dem Großvater
und von den Tagen auf der Weide und von dem jetzigen Winterleben
mit dem Großvater, was er alles aus Holz machen könne, Bänke und
Stühle und schöne Krippen, wo man für das Schwänli und Bärli das
Heu hineinlegen könnte, und einen neuen großen Wassertrog zum Baden
im Sommer, und ein neues Milchschüsselchen und Löffel, und Heidi
wurde immer eifriger im Beschreiben all der schönen Sachen, die so
auf einmal aus einem Stück Holz herauskommen, und wie es dann neben
dem Großvater stehe und ihm zuschaue und wie es das alles auch
einmal machen wolle. Die Großmutter hörte mit großer
Aufmerksamkeit zu, und von Zeit zu Zeit sagte sie dazwischen:
"Hörst du's auch, Brigitte? Hörst du, was es vom Öhi sagt?"
Mit einem Mal wurde die Erzählung unterbrochen durch ein großes
Gepolter an der Tür, und herein stampfte der Peter, blieb aber
sogleich stille stehen und sperrte seine runden Augen ganz
erstaunlich weit auf, als er das Heidi erblickte, und schnitt die
allerfreundlichste Grimasse, als es ihm sogleich zurief: "Guten
Abend, Peter!"
"Ist denn das möglich, dass der schon aus der Schule kommt", rief
die Großmutter ganz verwundert aus. "So geschwind ist mir seit
manchem Jahr kein Nachmittag vergangen! Guten Abend, Peterli, wie
geht es mit dem Lesen?"
"Gleich", gab der Peter zur Antwort.
"So, so", sagte die Großmutter ein wenig seufzend, "ich habe
gedacht, es gäbe vielleicht eine Änderung auf die Zeit, wenn du
dann zwölf Jahre alt wirst gegen den Hornung hin."
"Warum muss es eine Änderung geben, Großmutter?", fragte Heidi
gleich mit Interesse.
"Ich meine nur, dass er es etwa noch hätte lernen können", sagte
die Großmutter, "das Lesen mein ich. Ich habe dort oben auf dem
Gestell ein altes Gebetbuch, da sind schöne Lieder drin, die habe
ich so lange nicht mehr gehört, und im Gedächtnis habe ich sie auch
nicht mehr; da habe ich gehofft, wenn der Peterli nun lesen lerne,
so könne er mir etwa ein gutes Lied lesen; aber er kann es nicht
lernen, es ist ihm zu schwer."
"Ich denke, ich muss Licht machen, es wird ja schon ganz dunkel",
sagte jetzt Peters Mutter, die immer emsig am Wams fortgeflickt
hatte; "der Nachmittag ist mir auch vergangen, ohne dass ich's
merkte."
Nun sprang Heidi von seinem Stühlchen auf, streckte eilig seine
Hand aus und sagte: "Gut Nacht, Großmutter, ich muss auf der Stelle
heim, wenn es dunkel wird", und hintereinander bot es dem Peter und
seiner Mutter die Hand und ging der Tür zu. Aber die Großmutter
rief besorgt: "Wart, wart, Heidi; so allein musst du nicht fort,
der Peter muss mit dir, hörst du? Und gib Acht auf das Kind,
Peterli, dass es nicht umfällt, und steh nicht still mit ihm, dass
es nicht friert, hörst du? Hat es auch ein dickes Halstuch an?"
"Ich habe gar kein Halstuch an", rief Heidi zurück, "aber ich will
schon nicht frieren"; damit war es zur Tür hinaus und huschte so
behend weiter, dass der Peter kaum nachkam. Aber die Großmutter
rief jammernd: "Lauf ihm nach, Brigitte, lauf, das Kind muss ja
erfrieren, so bei der Nacht, nimm mein Halstuch mit, lauf schnell!"
Die Brigitte gehorchte. Die Kinder hatten aber kaum ein paar
Schritte den Berg hinan getan, so sahen sie von oben herunter den
Großvater kommen, und mit wenigen rüstigen Schritten stand er vor
ihnen.
"Recht so, Heidi, Wort gehalten!", sagte er, packte das Kind wieder
fest in seine Decke ein, nahm es auf seinen Arm und stieg den Berg
hinauf. Eben hatte die Brigitte noch gesehen, wie der Alte das
Kind wohl verpackt auf seinen Arm genommen und den Rückweg
angetreten hatte. Sie trat mit dem Peter wieder in die Hütte ein
und erzählte der Großmutter mit Verwunderung, was sie gesehen hatte.
Auch diese musste sich sehr verwundern und ein Mal über das
andere sagen: "Gott Lob und Dank, dass er so ist mit dem Kind, Gott
Lob und Dank! Wenn er es nur auch wieder zu mir lässt, das Kind
hat mir so wohl gemacht! Was hat es für ein gutes Herz und wie
kann es so kurzweilig erzählen!" Und immer wieder freute sich die
Großmutter, und bis sie ins Bett ging, sagte sie immer wieder:
"Wenn es nur auch wiederkommt! Jetzt habe ich doch noch etwas auf
der Welt, auf das ich mich freuen kann!" Und die Brigitte stimmte
jedes Mal ein, wenn die Großmutter wieder dasselbe sagte, und auch
der Peter nickte jedes Mal zustimmend mit dem Kopf und zog seinen
Mund weit auseinander vor Vergnüglichkeit und sagte: "Hab's schon
gewusst."
Unterdessen redete das Heidi in seinem Sack drinnen immerzu an den
Großvater heran; da die Stimme aber nicht durch den achtfachen
Umschlag dringen konnte und er daher kein Wort verstand, sagte er:
"Wart ein wenig, bis wir daheim sind, dann sag's."
Sobald er nun, oben angekommen, in seine Hütte eingetreten war und
Heidi aus seiner Hülle herausgeschält hatte, sagte es: "Großvater,
morgen müssen wir den Hammer und die großen Nägel mitnehmen und den
Laden festschlagen bei der Großmutter und sonst noch viele Nägel
einschlagen, denn es kracht und klappert alles bei ihr."
"Müssen wir? So, das müssen wir? Wer hat dir das gesagt?", fragte
der Großvater.
"Das hat mir kein Mensch gesagt, ich weiß es sonst", entgegnete
Heidi, "denn es hält alles nicht mehr fest und es ist der
Großmutter angst und bang, wenn sie nicht schlafen kann und es so
tut, und sie denkt: 'Jetzt fällt alles ein und gerade auf
unsere Köpfe'; und der Großmutter kann man gar nicht mehr
hell machen, sie weiß gar nicht, wie man es könnte, aber du kannst
es schon, Großvater; denk nur, wie traurig es ist, wenn sie immer
im Dunkeln ist und es ihr dann noch angst und bang ist und es kann
ihr kein Mensch helfen als du! Morgen wollen wir gehen und ihr
helfen; gelt, Großvater, wir wollen?"
Heidi hatte sich an den Großvater angeklammert und schaute mit
zweifellosem Vertrauen zu ihm auf. Der Alte schaute eine kleine
Welle auf das Kind nieder, dann sagte er: "Ja, Heidi, wir wollen
machen, dass es nicht mehr so klappert bei der Großmutter, das
können wir; morgen tun wir's."
Nun hüpfte das Kind vor Freude im ganzen Hüttenraum herum und rief
ein Mal ums andere: "Morgen tun wir's! Morgen tun wir's!"
Der Großvater hielt Wort. Am folgenden Nachmittag wurde dieselbe
Schlittenfahrt ausgeführt. Wie am vorhergehenden Tag stellte der
Alte das Kind vor der Tür der Geißenpeter-Hütte nieder und sagte:
"Nun geh hinein, und wenn's Nacht wird, komm wieder." Dann legte er
den Sack auf den Schlitten und ging um das Häuschen herum.
Kaum hatte Heidi die Tür aufgemacht und war in die Stube
hineingesprungen, so rief schon die Großmutter aus der Ecke: "Da
kommt das Kind! Das ist das Kind!", und ließ vor Freude den Faden
los und das Rädchen stehen und streckte beide Hände nach dem Kinde
aus. Heidi lief zu ihr, rückte gleich das niedere Stühlchen ganz
nahe an sie heran, setzte sich darauf und hatte der Großmutter
schon wieder eine große Menge von Dingen zu erzählen und von ihr zu
erfragen. Aber auf einmal ertönten so gewaltige Schläge an das
Haus, dass die Großmutter vor Schrecken so zusammenfuhr, dass sie
fast das Spinnrad umwarf, und zitternd ausrief: "Ach du mein Gott,
jetzt kommt's, es fällt alles zusammen!" Aber Heidi hielt sie fest
um den Arm und sagte tröstend: "Nein, nein, Großmutter, erschrick
du nur nicht, das ist der Großvater mit dem Hammer, jetzt macht er
alles fest, dass es dir nicht mehr angst und bang wird."
"Ach, ist auch das möglich! Ist auch so etwas möglich! So hat uns
doch der liebe Gott nicht ganz vergessen!", rief die Großmutter aus.
"Hast du's gehört, Brigitte, was es ist, hörst du's? Wahrhaftig,
es ist ein Hammer! Geh hinaus, Brigitte, und wenn es der Alm-Öhi
ist, so sag ihm, er soll doch dann auch einen Augenblick
hereinkommen, dass ich ihm auch danken kann."
Die Brigitte ging hinaus. Eben schlug der Alm-Öhi mit großer
Gewalt neue Kloben in die Mauer; Brigitte trat an ihn heran und
sagte: "Ich wünsche Euch guten Abend, Öhi, und die Mutter auch, und
wir haben Euch zu danken, dass Ihr uns einen solchen Dienst tut,
und die Mutter möchte Euch noch gern eigens danken drinnen; sicher,
es hätte uns das nicht gerad einer getan, wir wollen Euch auch dran
denken, denn sicher--"
"Macht's kurz", unterbrach sie der Alte hier; "was Ihr vom Alm-Öhi
haltet, weiß ich schon. Geht nur wieder hinein; wo's fehlt, find
ich selber."
Brigitte gehorchte sogleich, denn der Öhi hatte eine Art, der man
sich nicht leicht widersetzte. Er klopfte und hämmerte um das
ganze Häuschen herum, stieg dann das schmale Treppchen hinauf bis
unter das Dach, hämmerte weiter und weiter, bis er auch den letzten
Nagel eingeschlagen, den er mitgebracht hatte. Unterdessen war
auch schon die Dunkelheit hereingebrochen, und kaum war er
heruntergestiegen und hatte seinen Schlitten hinter dem Geißenstall
hervorgezogen, als auch schon Heidi aus der Tür trat und vom
Großvater wie gestern verpackt auf den Arm genommen und der
Schlitten nachgezogen wurde, denn allein da drauf sitzend, wäre die
ganze Umhüllung vom Heidi abgefallen, und es wäre fast oder ganz
erfroren. Das wusste der Großvater wohl und hielt das Kind ganz
warm in seinem Arm.
So ging der Winter dahin. In das freudlose Leben der blinden
Großmutter war nach langen Jahren eine Freude gefallen und ihre
Tage waren nicht mehr lang und dunkel, einer wie der andere, denn
nun hatte sie immer etwas in Aussicht, nach dem sie verlangen
konnte. Vom frühen Morgen an lauschte sie auch schon auf den
trippelnden Schritt, und ging dann die Tür auf und das Kind kam
wirklich dahergesprungen, dann rief sie jedes Mal in lauter Freude:
"Gottlob! Da kommt's wieder!" Und Heidi setzte sich zu ihr und
plauderte und erzählte so lustig von allem, was es wusste, dass es
der Großmutter ganz wohl machte und ihr die Stunden dahingingen,
sie merkte es nicht, und kein einziges Mal fragte sie mehr so wie
früher: "Brigitte, ist der Tag noch nicht um?", sondern jedes Mal,
wenn Heidi die Tür hinter sich schloss, sagte sie: "Wie war doch
der Nachmittag so kurz; ist es nicht wahr, Brigitte?" Und diese
sagte: "Doch sicher, es ist mir, wir haben erst die Teller vom
Essen weggestellt." Und die Großmutter sagte wieder: "Wenn mir nur
der Herrgott das Kind erhält und dem Alm-Öhi den guten Willen!
Sieht es auch gesund aus, Brigitte?" Und jedes Mal erwiderte diese:
"Es sieht aus wie ein Erdbeerapfel."
Heidi hatte auch eine große Anhänglichkeit an die alte Großmutter,
und wenn es ihm wieder in den Sinn kam, dass ihr gar niemand, auch
der Großvater nicht mehr hell machen konnte, überkam es immer
wieder eine große Betrübnis; aber die Großmutter sagte ihm immer
wieder, dass sie am wenigsten davon leide, wenn es bei ihr sei, und
Heidi kam auch an jedem schönen Wintertag heruntergefahren auf
seinem Schlitten. Der Großvater hatte, ohne weitere Worte, so
fortgefahren, hatte jedes Mal den Hammer und allerlei andere Sachen
mit aufgeladen und manchen Nachmittag durch an dem Geißenpeter-Häuschen
herumgeklopft. Das hatte aber auch seine gute Wirkung; es
krachte und klapperte nicht mehr die ganzen Nächte durch, und die
Großmutter sagte, so habe sie manchen Winter lang nicht mehr
schlafen können, das wolle sie auch dem Öhi nie vergessen.