6. Auf die Erziehung der +Mädchen+ ist besonders Gewicht zu legen.

Den Mädchen ist eine Bildung und Erziehung zu geben, die ihrer Natur

speziell angemessen ist. Dieselben sollen vor allem zur Sittlichkeit

und zu wahrer Religiosität herangebildet werden. Dann sollen sie auch

alles lernen, wodurch sie sich befähigen zu ihrem Berufe als Gattin,

Mutter und Hausfrau, und deswegen die Kochkunst, die häuslichen und

Handarbeiten sorgfältig erlernen.

Vives ist ein bahnbrechender Geist ersten Ranges und der +Begründer der

neueren Pädagogik+. In ihm waren humanistische Bildung und glühende

Frömmigkeit in harmonischer Weise vereinigt. Seine Schriften haben

auf Baco, Ratke und Comenius den größten Einfluß ausgeübt und sind in

allen folgenden pädagogischen Systemen ausgenutzt worden. Wir finden

bei ihm fast sämtliche, später geltend gewordene Prinzipien der neueren

Pädagogik. Er fordert bei Erziehung und Unterricht ein Verfahren, das

sich auf die Seelenlehre gründet; er betont die induktive Methode,

die Berücksichtigung der natürlichen Anlagen des Schülers, die Pflege

der Muttersprache, das Ausgehen von sinnlichen Wahrnehmungen, die

Beobachtung und Erfahrung in den Naturwissenschaften, die Pflege der

Leibesübungen und Spiele. Geradezu überraschend sind seine trefflichen

Ansichten über den Geschichtsunterricht und über die Ausbildung des

weiblichen Geschlechtes nach dessen Natur und Bestimmung. (Volkmer.)

=2. Der sel. Petrus Canisius= (1521–1597).

Canisius war geboren am 8. Mai 1521 zu Nymwegen und starb am 21.

Dezember 1597 zu Freiburg in der Schweiz. Der angesehenen Familie de

Hondt entstammend, erhielt er zu Hause eine sorgfältige humanistische

Bildung, bezog mit 14 Jahren die Universität +Cöln+, wo er, 19 Jahre

alt, zum Magister der Philosophie promovierte. Unter der Leitung

des frommen Professors Nikolaus von Esche widmete er sich einem

ernsten inneren Leben. Als Ostern 1543 der Jesuit Peter +Faber+ nach

Deutschland kam, suchte er diesen auf, machte unter seiner Leitung

die geistlichen Übungen des hl. Ignatius und trat am 8. Mai 1543 in

den Jesuitenorden (als erstes deutsches Mitglied) ein. Er verblieb

zunächst in +Cöln+ als +Professor der Exegese+ und erwarb sich durch

seine Predigten den Ruf eines +ausgezeichneten Kanzelredners+. Bald

darauf wurde er von dem Cölner Klerus an Kaiser Karl V. abgeschickt,

um nachdrückliche Maßregeln gegen den apostasierten Erzbischof Hermann

von Wied zu erwirken. Dann nahm er an den Verhandlungen des Konzils

von Trient tätigen Anteil. Von Trient berief ihn der hl. Ignatius

nach Rom. Nachdem er hier fünf Monate unter der aszetischen Leitung

des Ordensstifters gestanden, wurde ihm von diesem Deutschland als

künftiges Arbeitsfeld überwiesen.

Er gründete eine große Studienanstalt zu +Wien+, wo er 1552–1556

verweilte und als Hofprediger das kaum noch glimmende religiöse Leben

zu neuer Kraft entfachte. Auf Wunsch des Königs Ferdinand verfaßte er

dort seinen berühmten +Katechismus+, der unter dem Titel erschien:

„~Summa doctrinae christianae~“ (ohne Jahr). (Eine vermehrte und

verbesserte Ausgabe desselben veröffentlichte Canisius 1567.) Einen

Auszug aus diesem Katechismus verfaßte Canisius selbst i. J. 1561 unter

dem Titel: ~Parvus catechismus catholicorum~. Von beiden Ausgaben

erschienen bald Übersetzungen ins Deutsche, Italienische, Französische,

Spanische, Englische, sodann ins Polnische, Griechische, Äthiopische,

Indische und Japanische. Zwei Jahrhunderte hindurch hat der Katechismus

des Canisius dem Unterrichte in Schulen und Kirchen gedient und allen

folgenden Katechismusbearbeitungen zugrunde gelegen.

Außer dem großen Kollegium in Wien errichtete Canisius noch

Studienanstalten in +Ingolstadt+, +Innsbruck+, +Augsburg+, +Dillingen+

und +Würzburg+ und war eine Zeitlang Provinzial der oberdeutschen

Ordensprovinz, zu der diese Anstalten gehörten. 1580 begab er sich

nach Freiburg (Schweiz), gründete auch hier ein Kollegium und übernahm

die Kanzel der Hauptkirche daselbst. Vom Alter gebrochen mußte er

1588 seine öffentliche Tätigkeit einstellen. Schwere Leiden fesselten

ihn bald an seine Klosterzelle, wo er 1597 am Feste des hl. Thomas

sein tatenreiches Leben beschloß. Sein Grab befindet sich in einer

Seitenkapelle der Kollegiatkirche in Freiburg.

Als man seinen Tod im Kollegium zu Luzern bei Tisch mitteilte, wurde

sein Bruder Theodorich, der auch Jesuit war und sich zur Erholung

gerade in Luzern aufhielt, vom Schlage getroffen, der ihn der Sprache

und des Gedächtnisses beraubte. Mehr als 7 Jahre verlebte er in

diesem traurigen Zustande, bis ihn der Tod i. J. 1605 von seinem

Leiden erlöste.

Canisius verfolgte in seinem Leben wie in seinen Schriften vorwiegend

+praktische Zwecke+: religiöse Belehrung des Volkes, Hebung des

Unterrichts überhaupt, Belebung und Betätigung des religiösen

Lebens im weitesten Umfange. Weit wichtiger als die Polemik gegen

die protestantische Lehre erschien ihm die +positive Belehrung+ und

Stärkung des religiösen Lebens bei den Katholiken selbst. Dieses

Moment zieht sich durch alle seine Schriften hindurch. In letzteren

zeigt er nicht bloß die innigste Vertrautheit mit der Hl. Schrift und

eine ausgebreitete Kenntnis der Werke der Kirchenväter, sondern auch

eine große Belesenheit in den Werken der protestantischen Theologen

und durchweg die Frömmigkeit, Entschiedenheit und Milde eines echt

apostolischen Mannes. Er wird in der Geschichte mit Recht als der

„zweite Apostel Deutschlands“ gefeiert.

Nicht unerwähnt darf bleiben, daß er die Erziehungsbriefe des hl.

+Hieronymus+ neu herausgegeben und so zu ihrer Verbreitung sehr viel

beigetragen hat.

=3. Der hl. Karl Borromäus= (1538–1584).

1. Der Kardinal und Erzbischof von Mailand, Karl Borromäus, war eine

+Heldengröße+ als Bischof und Schulmann. Schon seine heroischen Taten

während der Pest zu Mailand haben seinen Namen unsterblich gemacht.

Vorzügliches wirkte und erstrebte er auch auf dem Gebiete des

niederen und höheren Unterrichts.

2. Ein Sprosse des berühmten Geschlechts der Borromäer in

Oberitalien, reich begabt und ausgezeichnet durch Fleiß und

Frömmigkeit, wandte er sich anfangs der juristischen Laufbahn, später

aber dem geistlichen Stande zu. Mit 22 Jahren wurde er Erzbischof.

Nach 24jähriger, ungemein emsiger und erfolgreicher Wirksamkeit

raffte ihn, mit 46 Jahren, leider der Tod hinweg.

3. Gleich auf der ersten Provinzialsynode befahl der Erzbischof

allen Pfarrern, den Kindern ihrer Pfarreien +Religionsunterricht+ zu

erteilen. Er selbst ging in die Kirchen und hörte dem Unterrichte zu.

Besonders tüchtige Katecheten schickte er in kleinere Städte und aufs

Land.

4. Nach der zweiten Provinzialsynode veröffentlichte er die

„+Satzungen und Regeln+ der Gesellschaft der Schulen christlicher

Lehre“. Er hatte nämlich den großartigen Plan gefaßt, das gesamte

Schulwesen durch die Verwendung aller tauglichen Lehrkräfte (Kleriker

und Laien, Ledige und Verheiratete) unter geistlicher Leitung

handhaben zu lassen. Diese Lehrkörperschaft nannte er „Genossenschaft

der Schulen der christlichen Lehre“.

5. Zweckmäßig und genau wurde der +ganze+ Organismus geregelt.

In den „Satzungen“ werden General- und Unterschulmeister,

Prüfungskommissionen und Visitatoren eingesetzt, Konferenzen

und Schulstrafen vorgeschrieben, untere Schulen, Stadtschulen,

Bürgerschulen, Mittelschulen, Volksbibliotheken[1] usw. angeordnet.

Der Unterhalt der Lehrer wurde sichergestellt. Karl gab einen großen

Teil seines Einkommens als Beisteuer.

=4. Fénelon= (1651–1715).

1. Bischof Fénelon wurde auf dem Schlosse Lamothe Fénelon (Dordogne)

geboren und widmete sich dem geistlichen Stande. Als Almosenier eines

Damenvereins in Paris erteilte er zehn Jahre lang Mädchenunterricht.

Sein eminentes pädagogisches Geschick führte zu seiner Berufung

an den königlichen Hof. Hier wirkte er acht Jahre als Erzieher der

königlichen Prinzen. Seine besondere Aufmerksamkeit wandte er dem

begabten, aber leidenschaftlichen Enkel Ludwigs XIV., dem +Herzoge+

von +Burgund+ zu, der die Königswürde erben sollte. Es gelang ihm,

diesen Prinzen vollständig umzuwandeln. Fénelon fiel jedoch in

Ungnade und mußte sich nach Cambray (spr. Kañbräh) zurückziehen. Er

wurde dort Erzbischof und lebte treu seinen Hirtenpflichten. Sein

Zögling, der Herzog von Burgund, wurde seitens Ludwigs XIV. zum

Mitregenten angenommen, fand aber schon früh einen jähen Tod. Damit

war Fénelons schönste Lebenshoffnung vernichtet. Der Herr rief ihn

bald in eine bessere Welt.

2. Fénelon war ein musterhafter +Erzieher+. Hatte der Prinz z. B. sich

durch Leidenschaftlichkeit hinreißen lassen, so überschüttete er ihn

nicht sofort mit Vorwürfen, sondern beobachtete anfangs ein trauriges

Schweigen. Erst später traten ernste Vorstellungen hinzu. Fénelon

befestigte in seinem Zöglinge die Überzeugung, daß auch der Regent ein

Untertan Gottes sei und strenge Rechenschaft zu geben habe.

3. Als pädagogischer Schriftsteller trat Fénelon auf in den beiden

Schriften: „Die Erlebnisse des +Telemach+“ und „Über die Erziehung der

+Mädchen+“.

~a.~ Der „Telemach“, eine der frühesten Jugendschriften und noch

gegenwärtig ein beliebtes Lesebuch für Anfänger im Französischen, ist

ein unübertroffener Fürstenspiegel und enthält die Pflichten der Könige

und die Rechte der Völker.

~b.~ Das zweite Werk ist klein, aber wichtig und wird noch heute gern

gelesen. Bemerkenswerte Gedanken aus demselben sind:

„Die +Neugierde+ der Kinder ist ein Naturtrieb, der dem Unterrichte

gleichsam den Weg bahnt.“

„Glaubet nicht, daß eure Fehler vor den Augen der Kinder +verborgen+

bleiben.“

„Was auch eine Mutter ihrer Tochter sagen mag, es wird durch das

wieder ausgelöscht, was die Tochter sie im Widerspruch damit +tun+

sieht.“

„+Leere+ Drohungen, ohne daß man die Strafe darauf folgen läßt,

werden verächtlich. Dagegen soll man immer weniger hart strafen als

drohen.“

„Die Beschäftigungen der +Frauen+ sind für den Staat ebenso wichtig

als die der Männer.“

[1] Der Borromäusverein sorgt noch heute für Verbreitung guter

Bücher.

Grundzüge der Geschichte der Pädagogik · 第 70 / 110 题