Der Oberschultheiß biß sich auf die Lippen. »Aber der Fürstbischof?«

Der Aktuar lächelte und blies über seine flache Hand.

»Meint Ihr?« fragte der Gestrenge.

»Ich meine nicht. Ich weiß.«

»Gut.«

»Noch eines! Belieben Euer Gestrengen noch etwas Silber an die Sache zu

gießen, damit sie einen besseren Klang und Glanz bekomme!«

Der Oberschultheiß räusperte sich sehr unzufrieden.

»Hm, ich kann nicht recht einsehen, wozu das Silber notwendig ist. Mein

Kampf gegen den Pater ist ein rein geistiger.«

»Soll ich die Menge bearbeiten, so muß ich sie in den Schenkstuben

aufsuchen. Hinter dem Arbeitstische ist der Mensch zu nüchtern und

vernünftig. Erst wenn ein Zug über Durst getan ist, findet auch die

Dummheit den Schlüssel zum Gehirne.«

»Nun ja, zugestanden. Also geht fleißig in die Schenken.«

Der Aktuar konnte nur mit Mühe seiner Ungeduld Meister werden.

»Herr,« sprach er, »ich weiß nicht, ob Ihr auch schon das Brot eines

Aktuars gehungert habt. Wenn nicht, so glaubt mir freundlichst, wenn

ich Euch sage, daß unter den Groschen, die ich erschwitzen muß, kein

Weingroschen sich befindet.«

»So? Kommt morgen zu mir. Aber ich ersuche Euch, hetzt, was Ihr könnt,

die Zeit drängt.«

Die beiden schieden mit stummem Gruße.

Der Oberschultheiß ging nachdenklich seines Weges, der ihn am Kloster

der Jesuiter vorüberführte.

Dort angelangt, blieb er mit verschränkten Armen stehen.

»Da wohnen sie und ruhen sie; ruhen gewiß sanfter, als ich je ruhen

werde. Diese Jesuiter sind ein Rätsel, das ich nicht zu lösen vermag.

Man kann sie in einem Atemzuge hassen und beneiden. Sehe ich einen

von ihnen, so komme ich mir vor wie ein schwankendes Schilfrohr neben

einer Eiche. Sind denn diese Menschen ohne Leidenschaften geboren,

daß sie so ruhigen, sicheren Fußes über die Erde und durch das Leben

gehen? Oder ist diese Seelenkraft eine errungene? Weiß Gott, da stünde

ich lächerlich klein neben einem Jesuiter da! -- -- Ich kann sie

hassen, aber ich muß sie auch achten; und stünde mir der Pater nicht

unausgesetzt im Wege, ihn achtete ich am meisten. Warum kämpft er auch

gegen mich, oder besser gesagt, gegen meine Stellung und Amtstätigkeit?

Er oder ich! Ich kann, ich will nicht zurück.«

Mit hastigen Schritten ging er seiner Wohnung zu. War es der Wein oder

die Aufregung oder der Rest von Gewissen, was ihn so unruhig machte?

In seiner Stube angekommen, zündete er ein Licht an und trat an seinen

Schreibtisch.

»Spittlmeister,« sprach er, »wie konntest du wissen, daß mich die Hexen

im Schlafe quälen? Alter, Alter, wir werden doch vielleicht noch guten

Rat miteinander tauschen, vielleicht auch schlechten.«

Er setzte sich und schrieb.

»Der Spittlmeister am Dieterichertor ist angesichts dieses wegen

dringenden Verdachtes der Gemeinschaft mit Hexen und Zauberern zu

verhaften und in den Schneidturm abzuführen.«

Ein Diener trug den verhängnisvollen Zettel nach der Wachstube -- in

einer Stunde lag der Spittlmeister unter dem Dache des Schneidturmes.

Der Mond trat hinter aufsteigendes Gewölke und ein Stern nach dem

andern löschte sein Licht aus.

Der Morgen dämmerte trüb und träge aus dem Osten herauf.

Die Hexenrichter von Würzburg: Historische Novelle · 第 18 / 38 题