Der Oberschultheiß stand in Gedanken versunken inmitten seiner
braungetäfelten Wohnstube. Nun, da er den Nimbus der Amtsherrlichkeit
abgelegt und die strenge Miene mit einer mehr häuslich gestimmten
vertauscht hatte, war der Ausdruck seines Gesichtes zwar weniger
unangenehm als sonst, wenn er seines Amtes waltete und ganz in
demselben aufzugehen schien; allein dennoch grinste immer noch ein
lauernder Dämon aus seinen Augen. Von Zeit zu Zeit trat er an einen
schwerfälligen Schreibtisch, von dem er immer wieder dasselbe Blatt
Papier nahm, um es stets mit demselben tiefsinnenden Blicke zu
betrachten.
»Sie wollten lange nicht plaudern,« sprach er halblaut vor sich hin,
»endlich habe ich doch einigen von den Kindern die Zunge gelöst. Im
Grunde ist das, was sie mir zitternd erzählten, nichts, gar nichts,
kindliche Einfalt, gejagt von wirren Phantasien, harmloses Geplauder
über Geister und Gespenster, vermischt mit Namen, ohne böse Absicht
genannt, aber doch in dem großen Gewebe wertvolle Fäden. Es ist mir so
eigentümlich zumute; ich möchte fast ärgerlich werden über -- ja über
was denn? Über mich selbst? Oder über die Hexenprozesse? Oder über der
Kinder in blasser Furcht gestammeltes Geplauder? Ei was, dumme Grillen!
Ich bleibe bei dem, was ich mir als Pflicht gesetzt habe, mögen andere
darüber denken wie immer. Und die Skrupel? Nun, die verachtet man als
vorübergehende Schwächen des Geistes, denen man kein Gehör schenken
darf, ohne seiner richterlichen Ehre und Unabhängigkeit zu schaden. Es
gilt nun, aus dem Gerede der Kinder etwas zu machen; allerdings keine
zu leichte Aufgabe, sie erfordert immerhin einen so scharfen Kopf, wie
der meinige ist; aber man versteht das, aus nichts etwas Verdächtiges
und aus etwas Verdächtigem eine vollendete Tatsache zu machen.«
»Es war mir doch zuletzt recht unheimlich unter den Kindern. Wie sie
zitterten und weinten und mit aufgehobenen Händen baten, ich möchte
sie ihren Eltern wiedergeben, sie seien gewiß unschuldig. Ich wollte
es ihnen auch gerne glauben, wenn ich nicht der Oberschultheiß wäre.
Hm, sie sahen wirklich zum Erbarmen aus; das Elend hat ihnen die Wangen
gebleicht und eingebrochen, und ihre Augen sind vor Weinen wie tot.
Aber was ist da zu machen? Warum sind sie Hexlein? Ob sie's wirklich
sind? Ja!«
Er ging einigemal in der Stube mit schnellen Schritten auf und ab; dann
blieb er wieder stehen und stützte das Kinn auf die rechte Hand.
»Wir verklagen dich beim Pater Spee, haben mir die Kinder zugerufen,
als ich ihnen sagte, ich könne sie nicht freilassen. Dieses Wort hat
mich tief geärgert. So muß mir dieser Jesuit überall in den Weg treten,
sogar aus Kindesmunde wird er mir zur Drohung. Ob er mir wirklich
gefährlich werden könnte? Sein Anhang wächst, wächst unter dem Volke
wie bei den Großen. Wie lange noch, und er und seine Ideen sind stärker
als ich. Verflucht,« rief er und stampfte den Boden, »wenn mir der
junge Naseweis über den Kopf wachsen sollte! Und behält er recht, und
verliert das Volk den Glauben ans Hexentum und die dummblöde Furcht
vor demselben, fängt es an, an der Gerechtigkeit unserer Urteile
zu zweifeln, und beginnen die Lücken, die wir in so viele Familien
gebrannt haben, zu schmerzen, und tritt zum Schmerz der Zorn und die
Rache, entfesselt sich des Volkes wilder Sinn gegen uns, und werden
wir, zu denen es bisher mit scheuer Ehrfurcht aufschaute, ihm als
ungerechte Richter erscheinen, und flammt dann hoch des Pöbels Wut, wer
schützt uns? Niemand. Hier gibt es nur ^eine^ Rettung; Spee muß fallen!
Ist er auch Jesuit, so gefeit sind doch diese Herren nicht, daß man sie
nicht verderben könnte. Wohlan, ^er oder ich^. ^Nein, er, er allein!^«
Der Eintritt seiner Ehefrau störte den Gestrengen aus seinem
Gedankengange auf.
»Du scheinst ganz darauf zu vergessen, daß du heute in der Weinstube
erwartet wirst,« sprach sie milden Tones. »Sei vernünftig, Alter, und
gönne dir eine Erholung. Je länger diese leidigen Prozesse dauern,
desto auffallender wird die Veränderung, die ich an dir wahrnehme.«
Der Oberschultheiß sah verwundert auf.
»Du staunst?« fuhr die geschwätzige Alte fort. »Ja, du siehst nicht,
was ich sehe, und du hast auch nicht gehört, was ich hörte.«
»So, und was denn?« platzte der Ehegatte ungeduldig werdend heraus.
»'s war heute nacht,« versetzte jene, etwas befangen an ihrem Rocke die
Falten streichend.
»Dummes Zeug! Wir waren heute nacht in unserer Schlafkammer, was kannst
du da Sonderliches gehört haben?«
»Ich will dir's erzählen, Alter; aber du mußt nicht unwirsch tun,
versprich mir das!«
»Sei ohne Sorge,« versetzte er mit einem Anfluge von Wärme in seiner
Stimme.
»Du lagst in deinem Bette,« erzählte die Hausfrau, »und schienst ruhig
zu schlafen, indes ich mich ruhelos auf meinem Lager umherwarf. Dein
Atmen war erst ruhig; dann ging es in ein ängstliches Stöhnen über,
und bald begannst du wirr durcheinander zu reden. Du magst wohl schwer
geträumt haben, denn was du sagtest, klang gar schrecklich.«
»Und was war das?« fragte finster der Oberschultheiß entgegen.
»Erst war deine Rede unverständlich, bald aber sprachst du gar
vernehmlich. Was ihr nur habt, zanktest du, so laßt mich doch in Ruhe.
Geht, geht, bleibt fort in eueren Gräbern, bleibt am Galgen, und ihr,
die ihr zu Asche verbrannt seid, wer hat euch denn gelehrt, aus euerem
Staube wieder euere Körper zu formen und mich zu quälen? Schweigt,
schweigt, ich habe euch nicht gemordet, es ist nicht wahr, ich habe
nur nach Recht und nach Gesetz mit euch getan!... Ob ihr auch leugnet
und mit eueren hohlen Stimmen ruft, ihr seiet keine Hexen, ja es gäbe
keine, ihr seid es doch. Geht hin, woher ihr gekommen seid, und lasset
ab, mich so zu quälen!«
Die Alte hielt einen Augenblick inne; ihr Gatte stand abgewandt von
ihr mit verschränkten Armen und ließ das Haupt tief auf die Brust
herabsinken.
»Weiter!«
»Da plötzlich strecktest du die Hände flehend aus und riefst: O nehmt
mich nicht mit euch hinaus zur Richtstätte, ich kann nicht! O wie mir
schaudert, laßt mich, laßt mich! -- -- Du erwachtest, und als ich
dir den kalten Schweiß von deiner Stirne trocknete und dich um dein
Traumbild befragte, da wandtest du dich unwirsch ab.«
»'s ist wahr, ich hatte einen bösen Traum,« sprach der Gatte und trat
ans Fenster, durch das eben die letzten Sonnenstrahlen grüßend in die
Stube fielen. »Es war eine schlimme Nacht; allein ich halte ganz gewiß
dafür, daß mir die Hexen diese Traumqual angetan haben, um mich zu
schrecken und einzuschüchtern.«
»Ei, du mein lieber Gott,« jammerte die Alte händeringend, »so meinst
du wirklich, das sei Hexenwerk und Hexenrache gewesen?«
»Ohne Zweifel,« bestätigte, die Brauen hochaufziehend, der Gestrenge.
Ȇbrigens sei ohne Sorge, ich werde mir schon Ruhe zu verschaffen
wissen. Ein tüchtig Brennen nach dem andern wird doch wohl endlich
mit den Unholden ein Ende machen. Und ist Stadt und Land von diesem
Höllengesindel gereinigt, dann wird man mit Stolz und Ruhm meinen
Namen nennen als den eines weisen und gerechten Mannes und eines
Wohltäters hiesiger Stadt. Gib mir Hut und Mantel und laß mich hinter
einem Glase Wein für eine Stunde jener Sorgen vergessen, die zwar
meinen Geist erdrücken müßten, wäre er nicht von seltener Stärke, die
aber auch einen unvergänglichen Ruhm um meinen Namen flechten. Gott mit
dir, liebes Ehegespons!« --
-- Über den Gassen und Gäßlein lag tiefes Dämmerlicht. Da und dort
brannte schon vor einem Madonnenbilde in der Mauernische ein rötlich
flackerndes Öllicht. Munter scherzend zogen die Gesellen, den
Arbeitsschurz zurückgeschlagen, Arm in Arm durch die Straßen, ein
fröhliches Lied singend oder den vor den Haustüren sitzenden Mädchen
ein ehrbar neckisches Wort zum Gruße zurufend.
»Bst, Martin,« stieß einer den andern an, »siehst du ihn dort den
Marktplatz herunterkommen?«
»Herrgott, der Oberschultheiß! Gehen wir ihm aus dem Wege!«
»Warum nicht gar? Hat auch nicht mehr Recht auf der Gasse als
unsereiner.«
»Mir graut vor dem Menschen.«
»Ja, ja, so recht liebenswürdig sieht er nicht aus!«
»Und sein ewiges Hexenbrennen! Der Mensch muß ein Stück vom Teufel im
Leibe haben.«
Der Gestrenge ging vorüber. Die Burschen grüßten kecklich mit einem
»Guten Abend, Herr!« Der Gruß ward gar ernst und würdevoll erwidert.
»Möcht' auch nicht mit ihm sterben,« flüsterte der eine Geselle.
»Schau nur, wie er einherschreitet, lauter Macht und Herrlichkeit! Wo
^der^ hintritt, wächst auch kein Gras mehr.«
»Pfui Teufel!« sprach der erste wieder und spuckte aus. »Die Luft
stinkt nach Blut und Menschenfett, seit der zweibeinige Galgen an uns
vorübergegangen ist. Komm mit mir auf einen Schoppen, Kilian; der
Henker vertrage den Henker mit leerem Magen!« --
In der Weinstube herrschte bereits fröhliches Leben und Treiben, als
der Gestrenge dort eintrat. Der Wirt, ein dicker Mann mit einer sehr
bedenklichen Weinnase, empfing seinen Gast mit vielen Bücklingen,
so tief, als es eben der stattliche Bauch erlaubte. Er öffnete die
Türe eines langgestreckten Kneipgemaches, das, von dem Lärme der
allgemeinen Schenkstube abseits liegend, den Herren als heimische
Zufluchtsstätte diente, wenn sie Sorgen vertrinken oder einer
zänkischen Ehehälfte entgehen wollten. Die niedere, getäfelte Decke
hing schwer über dem Gemache, die breiten Fenster waren mit altem,
rundem Glaswerke eingelassen, die Mitte des Gelasses nahm ein langer
Eichentisch mit gespreizten Beinen ein, um welchen die hochlehnigen,
gepolsterten Stühle standen. Die aufgepflanzten zinnernen Kannen, die
stillvergnügten Mienen der alten Herren und der lebendige Redefluß der
Jüngeren bewiesen, daß die Würzburger auch damals schon ganz prächtig
den Wein zu schätzen und zu trinken verstanden. Schmeckt doch guter
Wein dreimal wohl und kommt auf einen richtigen Trunk dieses flüssigen
Goldes Leib und Seele wieder zusammen!
»Ehrerbietigen Gruß, Euer Gestrengen!« rief der Spittlmeister vom
Dietericher Tor, ein gar gelehrter Mann mit einer allzeit frohen
Lebensader, dem Eintretenden entgegen. »Laßt es Euch an meiner Seite
belieben! Was wollt Ihr trinken? Frankenwein Krankenwein, Neckarwein
Schleckerwein, Rheinwein fein Wein. Herrgott, am besten wäre es, es
tränke einer alle drei!«
»Ei, ei, macht Euch der Wein schon wild?« neckte der Oberschultheiß mit
kaltem Lächeln.
»I bewahre; wollte mir der Wein zu wild werden, ich schlüge ihn mit der
Wasserstange. Übrigens drei Kannen für einen Mann, wie ich bin! Hei,
seht nur mein Bauchfäßlein an und sagt, ob nicht Wein genug Platz hat.«
»Und der Kopf?« fragte der Gestrenge, mit voller Würde an seiner Kanne
nippend.
»Der Kopf? sagt Ihr. Seht, der arme Schädel sitzt den ganzen Tag über
den Büchern und brütet Weisheit, daß es ganz erstaunlich ist. Will es
aber Abend werden, so geht mir richtig immer das Öl in der Hirnlampe
aus, und gösse ich nicht Wein auf, weiß Gott, ich würde trotz all
meiner Weisheit in einem Jahre wieder so dumm, als ich war, da mir
meine selige Mutter zum dritten Geburtstage Schläge gab, weil ich
ihre liebste Katze halbtot geschunden habe. Herr, der Wein ist an
sich selber gut; trinkt ihn aber ein Mensch ziemlich und mit Maß,
so schärft er den Verstand. So ist's! Komm, alter Junge,« rief er in
seliger Weinlaune, »komm und sag' mir was ins Ohr!« Dabei setzte er die
Kanne an den Mund, trank, stieß sie auf den Tisch und sprach: »Der Wein
allein schon beweist, daß es einen Herrgott im Himmel geben muß.«
Der Oberschultheiß konnte sich eines leichten Lächelns nicht erwehren,
als er diese Rede seines Nachbars hörte.
»Ihr seid ein glücklicher Mann,« sprach er, bedächtig mit dem
Zeigefinger an seiner Kanne auf- und abfahrend. »Freilich, Ihr wißt
kaum, was Sorgen heißen; aber ich kann davon erzählen.«
»Ja, ja, Euere Hexen, nicht wahr, lassen Euch nicht ruhig schlafen,«
neckte der Spittlmeister.
Der Gestrenge sah ihn mit einem Blicke voll Erstaunen an.
»Was wißt Ihr?« fuhr er seinen Nachbar an.
Dem aber lachte der Schelm aus den Augen.
»Ei, ich weiß alles,« versetzte der Spittlmeister. »Wenn Ihr den ganzen
Tag hinter Eueren Blutakten gesessen seid und kommt nach Hause, so
schleichen Euch ein Dutzend Hexlein nach; und legt Ihr Euch zu Bette
und vermeint schlafen zu können, so kommen sie über Euch im Traume
und quälen Euch zum Lohn dafür, daß Ihr mit ihnen so unbarmherzig
verfahret.«
Des Oberschultheißen Augen ruhten stechend auf dem Spittlmeister.
»Hört,« sprach er, »Euere Rede ist vermessen oder verdächtig.«
»Am Ende haltet Ihr mich auch für einen Hexenmeister,« spottete der
Spielmeister. »Weiß Gott, man dürfte schier ein Hexenmeister sein, um
in diesen Zeiten noch den frohen Sinn aus all dem Elende zu retten, das
uns umgibt!«
»Hm,« knurrte der Gestrenge. »Heutzutage kann man von keinem Menschen
wissen, wer und was er ist. Denkt an Edeltraut und Elsa; haben diese
nicht für die tugendhaftesten Jungfrauen unserer Stadt gegolten und
haben sich dennoch als ganz gefährliche Hexen entpuppt?«
Der Spittlmeister trommelte Sturm auf dem Tische mit seinen dicken
Fingern. Auch die übrigen Gäste wandten ihre Aufmerksamkeit immer mehr
dem Gespräche der beiden zu, um so mehr, als die Hexenbrände das ganze
Interesse der Bewohner Würzburgs in Anspruch nahmen.
Am Ende der Tafel saß ein großer, feister Mann. Das rötliche,
kurzgeschnittene Haupthaar war schon stark mit Grau untermischt;
unter der gebogenen Nase hing, den Mund verdeckend, ein gewaltiger
Schnurrbart, den der Alte beständig zwischen den Fingern drehte. Eine
schlecht verharschte Narbe zog sich vom rechten Ohre über den Backen
nach dem Mundwinkel, die von starken Brauen beschatteten, katzenartigen
Augen waren von einer durchbohrenden Kraft. Der heruntergekommene
Anzug ließ den ehemaligen Feldhauptmann erraten, einen Menschen, halb
Soldat, halb Bramarbas, in Summa aber ein kecker Geselle.
»Alle Wetter,« schrie er mit seiner schnarrenden Baßstimme, »Herr
Oberschultheiß, ich habe so etwas gehört, als wollte Euch ein Pfäfflein
von den Jesuitern in Euerem Handwerk unbequem werden. Hm, nette Leute
das, die Jesuiter! Was? Will Euch was sagen. Der Gescheiteste von
euch zweien ist der dritte, das bin ich. Der eine glaubt zuviel an
unsern Herrgott, der andere zuviel an den Teufel. Ist beides Unsinn.
Ich glaube an mich und für den Augenblick an meine Kanne Wein; ist
diese leer getrunken, glaube ich auch nicht mehr an sie, bis sie der
Wirt wieder gefüllt hat. Das ist Lebensweisheit, und alles andere
ist Narretei. Aber begierig wäre ich doch, wer von euch den andern
unterkriegt, Ihr den Spee oder der Spee Euch. Ist wahrlich schade,
daß ihr um des Kaisers Bart streitet, und Ihr, Gestrenger, Euere
Schrift mit Blut schreibt und mit Menschenasche bestreut; Ihr solltet
eigentlich das Ding mit dem Schwerte ausmachen, gäb' ein herrlich
Schauen, euch im Kampfe zu sehen.«
Des alten Haudegen plumpe Rede fiel wie ein grober Steinhaufen unter
die Gäste. Niemand antwortete. Da räusperte sich gar behutsam eine
spindeldürre, hektische Gestalt, ein Aktuarius in Ehren und in Nöten,
und sprach:
»Ich möchte für den Augenblick ganz davon absehen, wer in besagter
Hexenfrage recht behält. Wollte ich nach den Grundsätzen wahrer
Aufklärung urteilen, so müßte ich sagen, der Jesuit hat recht; allein
ich halte dafür, daß ein Jesuit auch dann, wenn er das Rechte will,
es nie aus guter Absicht will, und daß man allzeit am besten tut,
nein zu sagen, sooft ein Jesuit ja sagt. O,« rief er und legte gar
gelehrt den Zeigefinger an die Nase, »o, ich sage, man sollte lieber
die Hexen sein lassen und auf Vertreibung der Jesuiter hinarbeiten.
Haben wir sie gebraucht und gerufen? Nein! Wir haben genug an den
anderen Mönchen in unserer Stadt. Und was nützen sie? Kaum hatten sie
sich ihr Nest warm gerichtet, waren sie auch schon die Herren von
ganz Würzburg. Ich rede gar nicht davon, daß sie das Frauenvolk ganz
in ihrer Gewalt haben, aber denken die Herren an unsere Studenten,
welch verschrobene, andächtige Köpfe aus ihnen gebildet werden! Und
die Wissenschaft? Es ist geradezu zum Lachen, was die frommen Jesuiter
unter Wissenschaft verstehen, und wieviel sie davon gnädigst zu naschen
gestatten. Sie sind wahre Schergen aller freien Forschung. Mit ihrem
thomistischen _Distinguo, nego, concedo_ ersticken sie den letzten
Funken selbständigen Denkens. Freilich brauchen sie für ihre Zwecke
keine Denker, sondern willenlose Maschinen, und daß sie diese sich aus
unserer Jugend heranziehen, ist ebenso wahr als traurig. Darum meine
ich, man sollte vor allem auf Vertreibung der Jesuiter hinarbeiten, ehe
man sich mit untergeordneten Fragen befaßt.«
Der junge Mann ließ seinen Blick triumphierend über die Versammelten
schweifen, gleich als wollte er mit voller Genugtuung den Eindruck
seiner Rede in einem in sich aufnehmen.
»Herr Aktuarius,« platzte da der Spittlmeister vom Dietericher Tore
heraus, »was schwatzt Ihr da für Unsinn! Hätte gemeint, wer als Student
Jesuitersuppe gegessen hat, sollte nicht in die Schüssel speien, aus
der er sein Futter geholt hat. Wenn die Jesuiter just aus Euch keinen
hellen Kopf gemacht haben, so bedankt Euch dafür nur bei Euch selbst.
So. Und was Ihr von Vertreibung der Jesuiter meint, das ist, mit
Vergunst, barer Blödsinn. Ihr, Herr, solltet Euch mit vernünftigerem
Denken befassen und nicht daherschwatzen, als sei Euch ein Rad im
Hirnkasten gebrochen.«
»Haut ihn nur gleich in die Pfanne,« rief der Feldhauptmann. »Was
ist's, wenn der Aktuarius die schwarzen Raben nicht mag? Mag sie auch
nicht leiden, und wäre es mir just ganz lieb und angenehm, so sie aus
Stadt und Land davonflögen.«
»Wenigstens einzelne,« ergänzte der Oberschultheiß. »Wenn so zum
Beispiele der Pater Spee auf die eine oder andere Weise veranlaßt
werden könnte, unsere Stadt zu verlassen, und zwar recht bald, so wäre
das ein gar großer Gewinn für uns.«
»Das sehe ich nicht ein,« stritt der Spittlmeister entgegen. »Der
Spee ist gerade ein rechter Segen für unsere Stadt. Alle Achtung vor
den andern Priestern, aber nennt mir einen, der mit solch rastloser
Aufopferung sich der Armen und Kranken annimmt, der so eifrig im
Beichtstuhle und auf der Kanzel ist wie unser Spee? Der Mann ist aus
reiner Gottesliebe zusammengesetzt, und ich kann gar nicht begreifen,
warum gerade der Spee aus Würzburg fort sollte. Oder ist er Euch,
Gestrenger, vielleicht unbequem, weil er nicht so dick an Hexen glaubt
als Ihr? Ja, ja, in dem Punkte mag er Euch ein wenig im Lichte stehen;
ist aber wahrlich kein geringes Verdienst von dem jungen Priester, der
Wahrheit auch dann Zeugnis zu geben, wenn man allein gegen viele steht.
Übrigens halte auch ich es in der Hexensache mit dem Spee. Ich weiß
nicht, hat der edle Mann mehr Verstand oder mehr Liebe, aber Weisheit
und Wahrheit ist es, was er gegen das Hexenwüten sagt. Ja, gestrenger
Herr, wenn der Spee nicht wäre, Ihr brenntet uns zuletzt noch Stadt und
Land aus.«
Der Oberschultheiß schoß Blitze auf den Sprechenden.
»Hätte nimmer geglaubt,« höhnte er, »daß ein reifer Mann so Ungereimtes
reden kann. Es mag Euch um des genossenen Weines willen nicht zu
hoch angerechnet sein, was Ihr gesprochen. Doch warne ich Euch in
Freundschaft vor dem Pater Spee und vor dessen Verteidigung.«
Das war dem Spittlmeister nun zu viel. Voll Zornes fuhr er von seinem
Platze auf und maß den Gestrengen mit stolzem Auge.
»Ihr, Herr, vergesset, wer ich bin, und daß Ihr gar kein Recht besitzt,
hier guten Rat auszuteilen. Behaltet den für Euch, sonst müßte ich Euch
zum Danke auch einen Rat erteilen, der Euch aber weniger zur Ehre
gereichte als mir der Euere. Ich habe Euch wohl durchschaut; glaubt
mir, was Ihr vermögt, vermag ein anderer auch noch. Und da Ihr Euch
einen besonderen Zorn und Grimm auf Pater Spee einbildet, so wisset,
daß mit nächstem Morgengrauen mein Weg mich zu dem Jesuiter führt,
um ihn zu warnen, und dann zum Fürstbischofe, um auch mit ihm ein
ehrliches Wort zu reden.«
Ohne Abschiedsgruß schied der brave Mann aus der Schenkstube. Fest,
wie sein Sinn, war auch sein Schritt, und so hochauf auch seine Seele
flammte, in seinem Wesen blieb er ruhig und gemessen.
»Wollt Ihr mich begleiten, Herr Aktuarius?« fragte der Oberschultheiß,
seinen Mantel umhängend.
»Es soll mir hohe Ehre sein,« antwortete dieser und öffnete dem
Gestrengen die Türe.
Und draußen sann über der vieltürmigen Stadt des Himmels nächtige
Sternenpracht, wie eine Mutter an der Wiege eines schlummernden Kindes
sinnen und Liebesträume denken mag. All die ungezählten flimmernden
Lichtäuglein waren wie Gottesgrüße, die zur Erde niederschauten,
ein so unendliches _Sursum corda_ für reine Herzen! Zwischen den
Türmen des Domes brannte in mildem Silberfeuer des Mondes Sichel, ein
Wächter überm Heiligtume, ein Lichtkuß vom Himmel auf die Wohnung des
eucharistischen Gottes.
Im Schatten einer Kirche standen zwei Männer in flüsterndem Gespräche.
Der Nachtwächter hatte sie angetreten und zum Nachhausegehen ermahnt.
»Schert Euch zum Teufel!« war die kurze Antwort, die er erhielt. Ein
Oberschultheiß durfte schon sagen, was in eines einfachen Bürgers Mund
sehr verbrecherisch geklungen hätte.
»-- Warum nicht?« fuhr der Aktuarius flüsternd im Zwiegespräche weiter.
»Man muß eben nicht so engherzig sein und Beweise verlangen, wo
einfache Verleumdungen denselben Dienst tun. Man hängt dem Manne etwas
Ergiebiges an, hundert gegen eins, er geht, d. h. seine Obern versetzen
ihn.«
»Ganz gut,« entgegnete der Oberschultheiß mit teilweiser Befriedigung;
»aber was hängt man dem Pater Spee an? Ich gestehe aufrichtig, daß, so
sehr ich diesen Mann hasse, ich doch keinen wunden Fleck an ihm finde,
an dem sich -- 's ist ein elendes Wort -- an dem sich die Verleumdung
kristallisieren könnte.«
»Ist auch nicht notwendig,« gab der an Leib und Seele Fadenscheinige
zurück. »Wir brauchen dem Jesuiten gar nichts Arges nachzusagen; man
würde uns seinem heiligmäßigen Wandel gegenüber auch gar nicht Glauben
schenken, wollten wir ihm eine Weltsünde anlügen. Wir sagen einfach,
der Pater ist gut, der Pater ist fromm, der Pater ist sehr barmherzig,
aber --«
»Nun, aber -- ich brenne vor Neugierde.«
»Aber er hat nicht den rechten Glauben.«
»Mit Vergunst, Ihr seid ein Esel!« rief der Gestrenge.
»Bitte sehr,« erwiderte der Aktuarius, »Euer Gnaden belieben mir
unrecht zu tun. Man beweist dem Volke, der Pater glaubt nicht an Hexen,
alle Welt aber glaubt daran -- _ergo_ --«
»Hm, das Ding klingt besser, als ich gemeint hatte. Und glaubt Ihr, mit
Euerer Sache durchzudringen?«
»Ja. Das Volk ist dumm gemacht durch all die Hexenhetze. In diesem
Zustande bringt man ihm alles bei. Es glaubt alles, was nicht
vernünftig ist.«