»Oft wandelt die Liebe in Haß sich! --«
Doch wenn ich dich Blümchen anseh,
Nun schon vergilbt, kein Duft mehr
An dir, zwischen zwei weißen Blättern:
Kannst ärger du wüten, o Schmerz,
So wüte!
Nicht scheint mir begreiflich dein Spruch ...
Werther schlug die Zeit tot.
Plötzlich ging er ein Stück Weges zurück und kehrte wieder um ...
Der Wegsand war feucht vom Regen in letzter Nacht.
Einer lauen Sprühregennacht, die Schuhe drücken sich leicht im Sande ab.
Er ging und sah auf den Boden, die Hand plötzlich an der Wange ... Da
war es das zweite Mal, daß er zurückging.
Die Sonne war im Untergehen und ihr ganzes Dekorationsinventar stellte
sie zwischen den Bäumen auf, und zwischen den Bäumen wandelt plötzlich
jemand daher.
Luise ...
Sie hatte wieder ihr neues Kleid an. Und so schön war sie, als er sie so
ruhig dahergehen sah, mutterseelenallein.
Hinter ihr ging die Sonne unter ...
Ach, er blieb stehen und hielt den Atem ein. Wenn sie ihn nur noch eine
kleine Minute lang nicht bemerkte! Und er blickte zum Himmel, daß ihm
die Bitte erfüllt werde ...
In der Hand hatte sie eine einzige, kleine Blume, die mit der Hand hin
und her, langsam durch die Luft strich. Luise neigte den Kopf ein wenig
zur Seite, und wie gewöhnlich, blickte sie auf den Boden hin.
Sie sang leise ...
Da stehen sie sich gegenüber. Sie atmet schnell, kneift den Mund
zusammen und heißrot steigt es in ihr Gesicht, und das ist nicht Luisens
Farbe, und über der linken Braue steht eine kleine Falte.
Einige Minuten vorher konnte sie ein Lied singen ...
»Fräulein Luise, es war nicht Absicht«, er spricht's in den Wald hinein.
Lodernde Fackeln stehen auf im Umkreise und das Feuer rauscht und
knistert, und gelbe Flammen gehen nieder und erlöschend im Gleitflug vor
Luisens Füßen.
Herbstwald ...
Sie sagt nichts; der Wald rauscht. Sie hält das Gesicht zur Seite
gewendet und blickt weg. Das Weiße in ihren Augen glänzt.
Jetzt war sie wieder wie damals im Hamerlingpark, um sechs Uhr abends.
Als er das erste Gespräch mit ihr hatte ...
Sie legt die Finger ineinander und läßt sie so auf dem Schoße ruhn.
Nach einer Weile sagt er: »Fräulein Luise, so allein sollte ein junges
Mädchen nicht gehen, im Wald, in der Nähe einer so großen Stadt!«
Sie blickte ihn an, aber sah wieder weg:
»Sie haben ja einmal gesagt, alle Mädchen sind Ihnen gleichgültig.«
Sie schaut auf einen Punkt und drückt die Lider zusammen, und die
Kurzsichtigkeitsfältchen sind wieder da. Sie ging. Langsam setzt sie
einen Fuß vor den andern ... Er ging unschlüssig ihr nach, da sah er die
Spur, die zurückblieb, wenn sie den Fuß vom Boden abhob.
Er stand bei ihr, er zitterte; »Luise!« er wendet das Gesicht ab. Es
brandet über den Wipfeln und saust fort.
Werther: Augen schließen und Niagara übers Herz ... Ein leidvolles
Lächeln.
Ach, wie er sich hielt mit fester Hand. An seinem Mundwinkel zog es.
»Ich weiß nicht, was Ihnen so schwer fällt«, plötzlich sagte sie es,
_mezzavoce_; sie steht wieder, ihre Fingerspitzen berühren seinen Arm
und sie blickt ihn an ...
Welcher blinde Zufall wollte da unbedingt, daß er ausgeliefert werde?!
Und sollte sein selbstloser Plan nicht in Erfüllung gehen, nein? Er war
doch hierher gekommen, um zu leiden, still, ohne einen Laut ...
Da kam sie daher und drohte mit einer Frage, ihm alles zu vernichten.
»Darf ich mit Ihnen gehen?« fragt er plötzlich ganz ruhig. Es sah
wirklich so aus.
»Ja, aber weil sie mir schon bange gemacht haben.«
Über der linken Braue stand wieder die kleine Falte. Sie war wieder
hart. Luise war wieder hart.
Er ging mit.
Nein, er konnte es nicht begreifen, sie war es, die er hier traf? Und
sie hatte sich jetzt gerade unter seinen Schutz gestellt.
Er sah dies Bild: Die Hände vor der Brust, blickt sie ängstlich zurück,
während er dicht vor ihr stand und bei ihr ..., seine Hände über sie
hielt und sie schützte ...
Ach, wie gern würde er Qualen erdulden!
Da, _mich_, seid einmal gütig in eurem Leben, würde er ausrufen. Nach
peinvollen Minuten: Meine Wunden lassen mich noch eine halbe Stunde am
Leben?
»Ja, eine knappe halbe Stunde«, sagen sie darauf.
So ist es gut, antwortet er.
Und zu Luise gewendet: Jetzt kann ich dich noch begleiten, und er
lächelt glücklich. Bei der Tür zu dir erst werde ich stürzen, aber ich
kann dann noch nachblicken, du ... Und da wendet er sich noch einmal zu
jenen Männern und winkt ihnen mit der Hand: Ich bin Euch dankbar, gut
waret Ihr, ich bin Euch dankbar ...
Da merkte er plötzlich, daß sie ihn die ganze Zeit von der Seite
ansieht. Und da er sich zu ihr wendet und dies sieht, sagt sie: »Sie
sehen leidend aus, waren Sie krank?«
Da wird in ihm all sein Leid wieder wach, lebhafter denn je, eine Garbe
von weichen Gefühlen drängt es nach außen; da preßt er sie an sich,
seine Hand zuckt, so wild reißt er sie an sich. Der linke Arm schlingt
sich um ihren Kopf und die Hand drückt auf die Stirne; ganz sinnlos ist
er und merkt nicht, daß er ihr mit dem Finger am Auge weh tut. Er
bedeckt sie mit heißen Küssen, Mund, Wange, und benetzt sie mit Tränen
...
Dann läßt er sie los, wendet sich ab, und bedeckt sein Gesicht mit der
Hand. Sie steht da, und in ihrer Ratlosigkeit streicht sie sich mit den
Fingern über das Gesicht. Da eilt sie zu ihm hin, legt die rechte Hand
auf seine Brust und die Linke zieht die seine vom Gesicht weg ...
»Wein' nicht«, sagt sie. -- -- -- -- -- -- -- --
Solchen Phantasien gab er sich hin, die seine Landregenstimmung vollends
herunterbrachten. Das Rosa der durchschimmernden Augenlider war das
Letzte, was ihm von dieser Welt im Bewußtsein zurückblieb, bis auch das
weg war; sein Kopf sank matt zurück, er verfiel in traumlosen Schlaf.
Da lag er hinter dem Busch, hingefallen wie ein Selbstmörder.
Er lag so mehrere Stunden ...