(Im Arbeiterviertel wie im ersten Aufzug.)
Schornsteine dampfen und pfeifen in der Ferne jenseits der
Wupper. Die Wupper ist bewegt und dunkelrot verfärbt.
Fabrikarbeiter und Arbeiterinnen sind auf dem Wege zur Fabrik.
Jungen ziehen Milchkarren und Kinder laufen in die Bäckereien,
Frühstück auszutragen. Über die Brücke geht dem Häuschen von Pius
zu, Eduard.
Eduard, Carl, Lieschen, August Puderbach, Mutter Pius, Frau Amanda Pius,
Großvater Wallbrecker, Gretchen Stomms.
EDUARD: (erblickt Lieschen, das zur Bäckerei gehen will) Lieschen!
LIESCHEN: (es läuft entzückt zu ihm) Herr Eduard! Herr Eduard!
EDUARD: Wohin gehst Du denn so früh?
LIESCHEN: (ist noch immer zu freudig, um zu sprechen, es hält Eduards
Hand fest und springt beständig in die Höhe.)
EDUARD: Freust Du Dich denn so, mein Kind?
LIESCHEN: Sicher!
EDUARD: Sieh mal -- (er schwingt eine Rolle hoch in der Luft.) Komm, wir
setzen uns hier auf die Bank. (Sie setzen sich vor Pius' Haus auf die
Bank. Eduard öffnet die Rolle.)
LIESCHEN: Is aus England, nich?
EDUARD: (nickt).
LIESCHEN: (bewundernd) Wie is _das_ schön gemalen!
EDUARD: Welche von den Puppenmüttern gefällt Dir am besten, Lieschen?
LIESCHEN: (freudig) De mittelste, die hat so große Augen, wie Sie habn.
EDUARD: (streichelt ihr Haar) Das Bild mußt Du Dir an die Wand hängen,
mein Kind.
LIESCHEN: Über unser Bett kommt es zu hängen, un der alte Herr Jesus
fliegt auf'n Oller mit seine rotgeheulte Augen.
EDUARD: Aber Lieschen .........
LIESCHEN: Er guckt wie der Vater, wenn er von de sündige Welt predigt.
EDUARD: Es kann auch nur ein frommer Maler unsern Heiland so schön
malen, wie er gewesen ist.
LIESCHEN: (etwas dreist) Meine Mutter sagt, Sie möchten uns en goldenen
Rahmen bei das Bild kaufen.
EDUARD: Hat das Deine Mutter gesagt?
LIESCHEN: (ihre Dreistigkeit fühlend, kleinlaut) Molz!
EDUARD: (spricht zärtlich, gütig) Aber daß Du gestern nicht das kleine
Christkind besucht hast, Lieschen, darüber bin ich sehr traurig.
LIESCHEN: (erschrocken) Das dürfen Se nich sein; lieber bleib ich mein
Lebenlang in de Kirche auf de Stein liegen, dreihundertundfünfundsechzig
Tage (besinnt sich) un all die Stunden und die Minuten.
EDUARD: (gerührt) Unsere liebe Mutter hat Dich auch besonders gern,
Lieschen.
LIESCHEN: Ich bin doch ens so schäbig angezogen.
(Sieht auf ihr Kleid herunter, Arbeiter grüßen Eduard
ehrerbietig.)
EDUARD: Darauf sieht unsere liebe Mutter nicht; sie sagte mir, Du habest
ein himmelblaues Herzchen, Lieschen, und sie möchte so gern, daß es
nicht fleckig würde.
LIESCHEN: En himmelblaues Herzken ... habn Sie einmal so eins gesehn?
(Kinder rufen Lieschen an.)
Erstes Kind: Lieschen!