Alpin

Meine Tränen, Ryno, sind für den Toten, meine Stimme für die

Bewohner des Grabs. Schlank bist du auf dem Hügel, schön unter den

Söhnen der Heide. Aber du wirst fallen wie Morar, und auf deinem

Grabe wird der Trauernde sitzen. Die Hügel werden dich vergessen,

dein Bogen in der Halle liegen ungespannt.

Du warst schnell, o Morar, wie ein Reh auf dem Hügel, schrecklich

wie die Nachtfeuer am Himmel. Dein Grimm war ein Sturm, dein Schwert

in der Schlacht wie Wetterleuchten über der Heide. Deine Stimme

glich dem Waldstrome nach dem Regen, dem Donner auf fernen Hügeln.

Manche fielen von deinem Arm, die Flamme deines Grimmes verzehrte sie.

Aber wenn du wiederkehrtest vom Kriege, wie friedlich war deine

Stirne! Dein Angesicht war gleich der Sonne nach dem Gewitter,

gleich dem Monde in der schweigenden Nacht, ruhig deine Brust wie der

See, wenn sich des Windes Brausen gelegt hat.

Eng ist nun deine Wohnung, finster deine Stätte! Mit drei Schritten

mess' ich dein Grab, o du, der du ehe so groß warst! Vier Steine mit

moosigen Häupten sind dein einziges Gedächtnis; ein entblätterter

Baum, langes Gras, das im Winde wispelt, deutet dem Auge des Jägers

das Grab des mächtigen Morars. Keine Mutter hast du, dich zu beweinen,

kein Mädchen mit Tränen der Liebe. Tot ist, die dich gebar,

gefallen die Tochter von Morglan.

Wer auf seinem Stabe ist das? Wer ist es, dessen Haupt weiß ist vor

Alter, dessen Augen rot sind von Tränen? Es ist dein Vater, o Morar,

der Vater keines Sohnes außer dir. Er hörte von deinem Ruf in der

Schlacht, er hörte von zerstobenen Feinden; er hörte Morars Ruhm!

Ach! Nichts von seiner Wunde? Weine, Vater Morars, weine! Aber dein

Sohn hört dich nicht. Tief ist der Schlaf der Toten, niedrig ihr

Kissen von Staube. Nimmer achtet er auf die Stimme, nie erwacht er

auf deinen Ruf. O wann wird es Morgen im Grabe, zu bieten dem

Schlummerer: Erwache!

Lebe wohl, edelster der Menschen, du Eroberer im Felde! Aber nimmer

wird dich das Feld sehen, nimmer der düstere Wald leuchten vom Glanze

deines Stahls. Du hinterließest keinen Sohn, aber der Gesang soll

deinen Namen erhalten, künftige Zeiten sollen von dir hören, hören

von dem gefallenen Morar.

Laut war die Trauer der Helden, am lautesten Armins berstender

Seufzer. Ihn erinnerte es an den Tod seines Sohnes, er fiel in den

Tagen der Jugend. Carmor saß nah bei dem Helden, der Fürst des

hallenden Galmal. "Warum schluchzet der Seufzer Armins?" sprach er,

"was ist hier zu weinen? Klingt nicht ein Lied und ein Gesang, die

Seele zu schmelzen und zu ergetzen? Sie sind wie sanfter Nebel, der

steigend vom See aufs Tal sprüht, und die blühenden Blumen füllet das

Naß; aber die Sonne kommt wieder in ihrer Kraft, und der Nebel ist

gegangen. Warum bist du so jammervoll, Armin, Herrscher des

seeumflossenen Gorma?"

"Jammervoll! Wohl das bin ich, und nicht gering die Ursache meines

Wehs.--Carmor, du verlorst keinen Sohn, verlorst keine blühende

Tochter; Colgar, der Tapfere, lebt, und Annira, die schönste der

Mädchen. Die Zweige deines Hauses blühen, o Carmor; aber Armin ist

der Letzte seines Stammes. Finster ist dein Bett, o Daura! Dumpf ist

dein Schlaf in dem Grabe--wann erwachst du mit deinen Gesängen, mit

deiner melodischen Stimme? Auf, ihr Winde des Herbstes! Auf, stürmt

über die finstere Heide! Waldströme, braust! Heult, Ströme, im

Gipfel der Eichen! Wandle durch gebrochene Wolken, o Mond, zeige

wechselnd dein bleiches Gesicht! Erinnre mich der schrecklichen

Nacht, da meine Kinder umkamen, da Arindal, der Mächtige, fiel, Daura,

die Liebe, verging.

"Daura, meine Tochter, du warst schön, schön wie der Mond auf den

Hügeln von Fura, weiß wie der gefallene Schnee, süß wie die atmende

Luft! Arindal, dein Bogen war stark, dein Speer schnell auf dem

Felde, dein Blick wie Nebel auf der Welle, dein Schild eine Feuerwolke

im Sturme!

"Armar, berühmt im Kriege, kam und warb um Dauras Liebe; sie

widerstand nicht lange. Schön waren die Hoffnungen ihrer Freunde."

Erath, der Sohn Odgals, grollte, denn sein Bruder lag erschlagen

von Armar. Er kam, in einen Schiffer verkleidet. Schön war sein

Nachen auf der Welle, weiß seine Locken vor Alter, ruhig sein ernstes

Gesicht. "Schönste Mädchen," sagte er, "liebliche Tochter von

Armin, dort am Felsen, nicht fern in der See, wo die rote Frucht vom

Baume herblinkt, dort wartet Armar auf Daura: ich komme, seine Liebe

zu führen über die rollende See.

Sie folgt' ihm und rief nach Armar; nichts antwortete als die

Stimme des Felsens. "Armar! Mein Lieber! Mein Lieber! Warum

ängstest du mich so? Höre, Sohn Arnarths! Höre! Daura ist's, die

dich ruft!

Erath, der Verräter, floh lachend zum Lande. Sie erhob ihre Stimme,

rief nach ihrem Vater und Bruder: "Arindal! Armin! Ist keiner,

seine Daura zu retten?"

Ihre Stimme kam über die See. Arindal, mein Sohn, stieg vom Hügel

herab, rauh in der Beute der Jagd, seine Pfeile rasselten an seiner

Seite, seinen Bogen trug er in der Hand, fünf schwarzgraue Doggen

waren um ihn. Er sah den kühnen Erath am Ufer, faßt' und band ihn an

die Eiche, fest umflocht er seine Hüften, der Gefesselte füllte mit

Ächzen die Winde.

Arindal betritt die Wellen in seinem Boote, Daura herüber zu

bringen. Armar kam in seinem Grimme, drückt' ab den grau befiederten

Pfeil, er klang, er sank in dein Herz, "o Arindal, mein Sohn! Statt

Eraths, des Verräters, kamst du um, das Boot erreichte den Felsen, er

sank dran nieder und starb. Zu deinen Füßen floß deines Bruders Blut,

welch war dein Jammer, o Daura! Die Wellen zerschmettern das Boot.

Armar stürzt sch in die See, seine Daura zu retten oder zu sterben.

Schnell stürmte ein Stoß vom Hügel in die Wellen, er sank und hob

sich nicht wieder.

Allein auf den seebespülten Felsen hört' ich die Klagen meiner

Tochter. Viel und laut war ihr Schreien, doch konnt' sie ihr Vater

nicht retten. Die ganze Nacht stand ich am Ufer, ich sah sie im

schwachen Strahle des Mondes, die ganze Nacht hört' ich ihr Schreien,

laut war der Wind, und der Regen schlug scharf nach der Seite des

Berges. Ihre Stimme ward schwach, ehe der Morgen erschien, sie starb

weg wie die Abendluft zwischen dem Grase der Felsen. Beladen mit

Jammer starb sie und ließ Armin allein! Dahin ist meine Stärke im

Kriege, gefallen mein Stolz unter den Mädchen.

Wenn die Stürme des Berges kommen, wenn der Nord die Wellen

hochhebt, sitz' ich am schallenden Ufer, schaue nach dem schrecklichen

Felsen. Oft im sinkenden Monde seh' ich die Geister meiner Kinder,

halb dämmernd wandeln sie zusammen in traurigen Eintracht."

Ein Strom von Tränen, der aus Lottens Augen brach und ihrem

gepreßten Herzen Luft machte, hemmte Werthers Gesang. Er warf das

Papier hin, faßte ihre Hand und weinte die bittersten Tränen. Lotte

ruhte auf der andern und verbarg ihre Augen ins Schnupftuch. Die

Bewegung beider war fürchterlich. Sie fühlten ihr eigenes Elend in

dem Schicksale der Edlen, fühlten es zusammen, und ihre Tränen

vereinigten sich. Die Lippen und Augen Werthers glühten an Lottens

Arme; ein Schauer überfiel sie; sie wollte sich entfernen, und

Schmerz und Anteil lagen betäubend wie Blei auf ihr. Sie atmete,

sich zu erholen, und bat ihn schluchzend fortzufahren, bat mit der

ganzen Stimme des Himmels! Werther zitterte, sein Herz wollte bersten,

er hob das Blatt auf und las halb gebrochen:

"Warum weckst du mich, Frühlingsluft? Du buhlst und sprichst: ich

betaue mit Tropfen des Himmels! Aber die Zeit meines Welkens ist nahe,

nahe der Sturm, der meine Blätter herabstört! Morgen wird der

Wanderer kommen, kommen der mich sah in meiner Schönheit, ringsum

wird sein Auge im Felde mich suchen und wird mich nicht finden.--"

Die ganze Gewalt dieser Worte fiel über den Unglücklichen.

Er warf sich vor Lotten nieder in der vollen Verzweifelung, faßte

ihre Hände, drückte sie in seine Augen, wider seine Stirn, und ihr

schien eine Ahnung seines schrecklichen Vorhabens durch die Seele zu

fliegen. Ihre Sinne verwirrten sich, sie drückte seine Hände,

drückte sie wider ihre Brust, neigte sich mit einer wehmütigen

Bewegung zu ihm, und ihre glühenden Wangen berührten sich. Die Welt

verging ihnen. Er schlang seine Arme um sie her, preßte sie an seine

Brust und deckte ihre zitternden, stammelnden Lippen mit wütenden

Küssen.--"Werther!" rief sie mit erstickter Stimme, sich abwendend,

"Werther!" und drückte mit schwacher Hand seine Brust von der

ihrigen; "Werther!" rief sie mit dem gefaßten Tone des edelsten

Gefühles.--Er widerstand nicht, ließ sie sich aus seinen Armen und

warf sich unsinnig vor sie hin.--Sie riß sich auf, und in

ängstlicher Verwirrung, bebend zwischen Liebe und Zorn, sagte sie:

"Das ist das letzte Mal! Werther! Sie sehn mich nicht wieder." Und

mit dem vollsten Blick der Liebe auf den Elenden eilte sie ins

Nebenzimmer und schloß hinter sich zu.--Werther streckte ihr die

Arme nach, getraute sich nicht, sie zu halten. Er lag an der Erde,

den Kopf auf dem Kanapee, und in dieser Stellung blieb er über eine

halbe Stunde, bis ihn ein Geräusch zu sich selbst rief. Es war das

Mädchen, das den Tisch decken wollte. Er ging im Zimmer auf und ab,

und da er sich wieder allein sah, ging er zur Türe des Kabinetts und

rief mit leiser Stimme: "Lotte! Lotte! Nur noch ein Wort! Ein

Lebewohl!"--Sie schwieg.--Er harrte und bat und harrte; dann riß er

sich weg und rief: "lebe wohl, Lotte! Auf ewig lebe wohl!"

Er kam ans Stadttor. Die Wächter, die ihn schon gewohnt waren,

ließen ihn stillschweigend hinaus. Es stiebte zwischen Regen und

Schnee, und erst gegen eilfe klopfte er wieder. Sein Diener bemerkte,

als Werther nach Hause kam, daß seinem Herrn der Hut fehlte. Er

getraute sich nicht, etwas zu sagen, entkleidete ihn, alles war naß.

Man hat nachher den Hut auf einem Felsen, der an dem Abhange des

Hügels ins Tal sieht, gefunden, und es ist unbegreiflich, wie er ihn

in einer finstern, feuchten Nacht, ohne zu stürzen, erstiegen hat.

Er legte sich zu Bette und schlief lange. Der Bediente fand ihn

schreibend, als er ihm den andern Morgen auf sein Rufen den Kaffee

brachte. Er schrieb folgendes am Briefe an Lotten:

"Zum letztenmale denn, zum letztenmale schlage ich diese Augen auf.

Sie sollen, ach, die Sonne nicht mehr sehn, ein trüber, neblichter

Tag hält sie bedeckt. So traure denn, Natur! Dein Sohn, dein Freund,

dein Geliebter naht sich seinem Ende. Lotte, das ist ein Gefühl

ohnegleichen, und doch kommt es dem dämmernden Traum am nächsten, zu

sich zu sagen: das ist der letzte Morgen. Der letzte! Lotte, ich

habe keinen Sinn für das Wort: der letzte! Stehe ich nicht da in

meiner ganzen Kraft, und morgen liege ich ausgestreckt und schlaff am

Boden. Sterben! Was heißt das? Siehe, wir träumen, wenn wir vom

Tode reden. Ich habe manchen sterben sehen; aber so eingeschränkt ist

die Menschheit, daß sie für ihres Daseins Anfang und Ende keinen Sinn

hat. Jetzt noch mein, dein! Dein, o Geliebte! Und einen

Augenblick--getrennt, geschieden--vielleicht auf ewig?--Nein, Lotte,

nein--wie kann ich vergehen? Wie kannst du vergehen? Wir sind ja!

--vergehen!--Was heißt das? Das ist wieder ein Wort, ein leerer

Schall, ohne Gefühl für mein Herz.--Tot, Lotte! Eingescharrt der

kalten Erde, so eng! So finster!--Ich hatte eine Freundin, die mein

alles war meiner hülflosen Jugend; sie starb, und ich folgte ihrer

Leiche und stand an dem Grabe, wie sie den Sarg hinunterließen und

die Seile schnurrend unter ihm weg und wieder herauf schnellten, dann

die erste Schaufel hinunterschollerte, und die ängstliche Lade einen

dumpfen Ton wiedergab, und dumpfer und immer dumpfer, und endlich

bedeckt war!--Ich stürzte neben das Grab hin--ergriffen, erschüttert,

geängstigt, zerrissen mein Innerstes, aber ich wußte nicht, wie mir

geschah--wie mir geschehen wird--Sterben! Grab! Ich verstehe die

Worte nicht!

O vergib mir! Vergib mir! Gestern! Es hätte der letzte Augenblick

meines Lebens sein sollen. O du Engel! Zum ersten Male, zum ersten

Male ganz ohne Zweifel durch mein innig Innerstes durchglühte mich

das Wonnegefühl: sie liebt mich! Sie liebt mich! Es brennt noch auf

meinen Lippen das heilige Feuer, das von den deinigen strömte, neue,

warme Wonne ist in meinem Herzen. Vergib mir! Vergib mir!

Ach, ich wußte, daß du mich liebtest, wußte es an den ersten

seelenvollen Blicken, an dem ersten Händedruck, und doch, wenn ich

wieder weg war, wenn ich Alberten an deiner Seite sah, verzagte ich

wieder in fieberhaften Zweifeln.

Erinnerst du dich der Blumen, die du mir schicktest, als du in

jener fatalen Gesellschaft mir kein Wort sagen, keine Hand reichen

konntest? O, ich habe die halbe Nacht davor gekniet, und sie

versiegelten mir deine Liebe. Aber ach! Diese Eindrücke gingen

vorüber, wie das Gefühl der Gnade seines Gottes allmählich wieder aus

der Seele des Gläubigen weicht, die ihm mit ganzer Himmelsfülle in

heiligen, sichtbaren Zeichen gereicht ward.

Alles das ist vergänglich, aber keine Ewigkeit soll das glühende

Leben auslöschen, das ich gestern auf deinen Lippen genoß, das ich in

mir fühle! Sie liebt mich! Dieser Arm hat sie umfaßt, diese Lippen

haben auf ihren Lippen gezittert, dieser Mund hat an dem ihrigen

gestammelt. Sie ist mein! Du bist mein! Ja, Lotte, auf ewig.

Und was ist das, daß Albert dein Mann ist? Mann! Das wäre denn für

diese Welt--und für diese Welt Sünde, daß ich dich liebe, daß ich

dich aus seinen Armen in die meinigen reißen möchte? Sünde? Gut,

und ich strafe mich dafür; ich habe sie in ihrer ganzen Himmelswonne

geschmeckt, diese Sünde, habe Lebensbalsam und Kraft in mein Herz

gesaugt. Du bist von diesem Augenblicke mein! Mein, o Lotte! Ich

gehe voran! Gehe zu meinem Vater, zu deinem Vater. Dem will ich's

klagen, und er wird mich trösten, bis du kommst, und ich fliege dir

entgegen und fasse dich und bleibe bei dir vor dem Angesichte des

Unendlichen in ewigen Umarmungen.

Ich träume nicht, ich wähne nicht! Nahe am Grabe wird mir es heller.

Wir werden sein! Wir werden uns wieder sehen! Deine Mutter sehen!

Ich werde sie sehen, werde sie finden, ach, und vor ihr mein ganzes

Herz ausschütten! Deine Mutter, dein Ebenbild."

Gegen eilfe fragte Werther seinen Bedienten, ob wohl Albert

zurückgekommen sei? Der Bediente sagte: ja, er habe dessen Pferd

dahinführen sehen. Darauf gibt ihm der Herr ein offenes Zettelchen

des Inhalts: "Wollten Sie mir wohl zu einer vorhabenden Reise Ihre

Pistolen leihen? Leben Sie recht wohl!"

Die liebe Frau hatte die letzte Nacht wenig geschlafen; was sie

gefürchtet hatte, war entschieden, auf eine Weise entschieden, die

sie weder ahnen noch fürchten konnte. Ihr sonst so rein und leicht

fließendes Blut war in einer fieberhaften Empörung, tausenderlei

Mepfindungen zerrütteten das schöne Herz. War es das Feuer von

Werthers Umarmungen, das sie in ihrem Busen fühlte? War es Unwille

über seine Verwegenheit? War es eine unmutige Vergleichung ihres

gegenwärtigen Zustandes mit jenen Tagen ganz unbefangener, freier

Unschuld und sorglosen Zutrauens an sich selbst? Wie sollte sie

ihrem Manne entgegengehen, wie ihm eine Szene bekennen, die sie so

gut gestehen durfte, und die sie sich doch zu gestehen nicht

getraute? Sie hatten so lange gegen einander geschwiegen, und sollte

sie die erste sein, die das Stillschweigen bräche und eben zur

unrechten Zeit ihrem Gatten eine so unerwartete Entdeckung machte?

Schon fürchtete sie, die bloße Nachricht von Werthers Besuch werde

ihm einen unangenehmen Eindruck machen, und nun gar diese unerwartete

Katastrophe! Konnte sie wohl hoffen, daß ihr Mann sie ganz im rechten

Lichte sehen, ganz ohne Vorurteil aufnehmen würde? Und konnte sie

wünschen, daß er in ihrer Seele lesen möchte? Und doch wieder, konnte

sie sich verstellen gegen den Mann, vor dem sie immer wie ein

kristallhelles Glas offen und frei gestanden und dem sie keine ihrer

Empfindungen jemals verheimlicht noch verheimlichen können? Eins und

das andre machte ihr Sorgen und setzte sie in Verlegenheit; und immer

kehrten ihre Gedanken wieder zu Werthern, der für sie verloren war,

den sie nicht lassen konnte, den sie--leider!--sich selbst

überlassen mußte, und dem, wenn er sie verloren hatte, nichts mehr

übrig blieb.

Wie schwer lag jetzt, was sie sich in dem Augenblick nicht deutlich

machen konnte, die Stockung auf ihr, die sich unter ihnen festgesetzt

hatte! So verständige, so gute Menschen fingen wegen gewisser

heimlicher Verschiedenheiten unter einander zu schweigen an, jedes

dachte seinem Recht und dem Unrechte des andern nach, und die

Verhältnisse verwickelten und verhetzten sich dergestalt, daß es

unmöglich ward, den Knoten eben in dem kritischen Momente, von dem

alles abhing, zu lösen. Hätte eine glückliche Vertraulichkeit sie

früher wieder einander näher gebracht, wäre Liebe und Nachsicht

wechselsweise unter ihnen lebendig worden und hätte ihre Herzen

aufgeschlossen, vielleicht wäre unser Freund noch zu retten gewesen.

Noch ein sonderbarer Umstand kam dazu. Werther hatte, wie wir aus

seinen Briefen wissen, nie ein Geheimnis daraus gemacht, daß er sich

diese Welt zu verlassen sehnte. Albert hatte ihn oft bestritten, auch

war zwischen Lotten und ihrem Mann manchmal die Rede davon gewesen.

Dieser, wie er einen entschiedenen Widerwillen gegen die Tat empfand,

hatte auch gar oft mit einer Art von Empfindlichkeit, die sonst ganz

außer seinem Charakter lag, zu erkennen gegeben, daß er an dem Ernst

eines solchen Vorsatzes sehr zu zweifeln Ursach' finde, er hatte sich

sogar darüber einigen Scherz erlaubt und seinen Unglauben Lotten

mitgeteilt. Dies beruhigte sie zwar von einer Seite, wenn ihre

Gedanken ihr das traurige Bild vorführten, von der andern aber fühlte

sie sich auch dadurch gehindert, ihrem Manne die Besorgnisse

mitzuteilen, die sie in dem Augenblicke quälten.

Albert kam zurück, und Lotte ging ihm mit einer verlegenen

Hastigkeit entgegen, er war nicht heiter, sein Geschäft war nicht

vollbracht, er hatte an dem benachbarten Amtmanne einen unbiegsamen,

kleinsinnigen Menschen gefunden. Der Üble Weg auch hatte ihn

verdrießlich gemacht.

Er fragte, ob nichts vorgefallen sei, und sie antwortete mit

Übereilung: Werther sei gestern abends dagewesen. Er fragte, ob

Briefe gekommen, und er erhielt zur Antwort, daß ein Brief und Pakete

auf seiner Stube lägen. Er ging hinüber, und Lotte blieb allein. Die

Gegenwart des Mannes, den sie liebte und ehrte, hatte einen neuen

Eindruck in ihr Herz gemacht. Das Andenken seines Edelmuts, seiner

Liebe und Güte hatte ihr Gemüt mehr beruhigt, sie fühlte einen

heimlichen Zug, ihm zu folgen, sie nahm ihre Arbeit und ging auf sein

Zimmer, wie sie mehr zu tun pflegte. Sie fand ihn beschäftigt, die

Pakete zu erbrechen und zu lesen. Einige schienen nicht das

Angenehmste zu enthalten. Sie tat einige Fragen an ihn, die er kurz

beantwortete, und sich an den Pult stellte, zu schreiben.

Sie waren auf diese Weise eine Stunde nebeneinander gewesen, und es

ward immer dunkler in Lottens Gemüt. Sie fühlte, wie schwer es ihr

werden würde, ihrem Mann, auch wenn er bei dem besten Humor wäre, das

zu entdecken, was ihr auf dem Herzen lag; sie verfiel in eine Wehmut,

die ihr um desto ängstlicher ward, als sie solche zu verbergen und

ihre Tränen zu verschlucken suchte.

Die Erscheinung von Werthers Knaben setzte sie in die größte

Verlegenheit; er überreichte Alberten das Zettelchen, der sich

gelassen nach seiner Frau wendete und sagte: "gib ihm die Pistolen."

--"Ich lasse ihm glückliche Reise wünschen." sagte er zum Jungen.

--Das fiel auf sie wie ein Donnerschlag, sie schwankte aufzustehen,

sie wußte nicht, wie ihr geschah. Langsam ging sie nach der Wand,

zitternd nahm sie das Gewehr herunter, putzte den Staub ab und

zauderte, und hätte noch lange gezögert, wenn nicht Albert durch

einen fragenden Blick sie gedrängt hätte. Sie gab das unglückliche

Werkzeug dem Knaben, ohne ein Wort vorbringen zu können, und als der

zum Hause hinaus war, machte sie ihre Arbeit zusammen, ging in ihr

Zimmer, in dem Zustande der unaussprechlichsten Ungewißheit. Ihr

Herz weissagte ihr alle Schrecknisse. Bald war sie im Begriffe, sich

zu den Füßen ihres Mannes zu werfen, ihm alles zu entdecken, die

Geschichte des gestrigen Abends, ihre Schuld und ihre Ahnungen. Dann

sah sie wieder keinen Ausgang des Unternehmens, am wenigsten konnte

sie hoffen, ihren Mann zu einem Gange nach Werthern zu bereden. Der

Tisch ward gedeckt, und eine gute Freundin, die nur etwas zu fragen

kam, gleich gehen wollte--und blieb, machte die Unterhaltung bei

Tische erträglich; man zwang sich, man redete, man erzählte, man

vergaß sich.

Der Knabe kam mit den Pistolen zu Werthern, der sie ihm mit

Entzücken abnahm, als er hörte, Lotte habe sie ihm gegeben. Er ließ

sich Brot und Wein bringen, hieß den Knaben zu Tische gehen und

setzte sich nieder, zu schreiben.

"Sie sind durch deine Hände gegangen, du hast den Staub davon

geputzt, ich küsse sie tausendmal, du hast sie berührt! Und du, Geist

des Himmels, begünstigst meinen Entschluß, und du, Lotte, reichst mir

das Werkzeug, du, von deren Händen ich den Tod zu empfangen wünschte,

und ach! Nun empfange. O ich habe meinen Jungen ausgefragt. Du

zittertest, als du sie ihm reichtest, du sagtest kein Lebewohl!

--Wehe! Wehe! Kein Lebewohl!--solltest du dein Herz für mich

verschlossen haben, um des Augenblicks willen, der mich ewig an dich

befestigte? Lotte, kein Jahrtausend vermag den Eindruck auszulöschen!

Und ich fühle es, du kannst den nicht hassen, der so für dich glüht."

Nach Tische hieß er den Knaben alles vollends einpacken, zerriß

viele Papiere, ging aus und brachte noch kleine Schulden in Ordnung.

Er kam wieder nach Hause, ging wieder aus vors Tor, ungeachtet des

Regens, in den gräflichen Garten, schweifte weiter in der Gegend

umher und kam mit anbrechender Nacht zurück und schrieb.

"Wilhelm, ich habe zum letzten Male Feld und Wald und den Himmel

gesehen. Leb wohl auch du! Liebe Mutter, verzeiht mir! Tröste sie,

Wilhelm! Gott segne euch! Meine Sachen sind alle in Ordnung. Lebt

wohl! Wir sehen uns wieder und freudiger."

"Ich habe dir Übel gelohnt, Albert, und du vergibst mir. Ich habe

den Frieden deines Hauses gestört, ich habe Mißtrauen zwischen euch

gebracht. Lebe wohl! Ich will es enden. O daß ihr glücklich wäret

durch meinen Tod! Albert! Albert! Mache den Engel glücklich! Und

so wohne Gottes Segen über dir!"

Er kannte den Abend noch viel in seinen Papieren, zerriß vieles und

warf es in den Ofen, versiegelte einige Päcke mit den Adressen an

Wilhelm. Sie enthielten kleine Aufsätze, abgerissene Gedanken, deren

ich verschiedene gesehen habe; und nachdem er um zehn Uhr Feuer hatte

nachlegen und sich eine Flasche Wein geben lassen, schickte er den

Bedienten, dessen Kammer wie auch die Schlafzimmer der Hausleute weit

hinten hinaus waren, zu Bette, der sich dann in seinen Kleidern

niederlegte, um frühe bei der Hand zu sein; denn sein Herr hatte

gesagt, die Postpferde würden vor sechse vors Haus kommen.

Die Leiden des jungen Werther — Band 2 · 第 53 / 54 题