Am 6. Dezember

Wie mich die Gestalt verfolgt! Wachend und träumend füllt sie meine

ganze Seele! Hier, wenn ich die Augen schließe, hier in meiner Stirne,

wo die innere Sehkraft sich vereinigt, stehen ihre schwarzen Augen.

Hier! Ich kann dir es nicht ausdrücken. Mache ich meine Augen zu, so

sind sie da; wie ein Meer, wie ein Abgrund ruhen sie vor mir, in mir,

füllen die Sinne meiner Stirn.

Was ist der Mensch, der gepriesene Halbgott! Ermangeln ihm nicht

eben da die Kräfte, wo er sie am nötigsten braucht? Und wenn er in

Freude sich aufschwingt oder im Leiden versinkt, wird er nicht in

beiden eben da aufgehalten, eben da zu dem stumpfen, kalten

Bewußtsein wieder zurückgebracht, da er sich in der Fülle des

Unendlichen zu verlieren sehnte?

Die Leiden des jungen Werther — Band 2 · 第 47 / 54 题