Am 20. Januar

Ich muß Ihnen schreiben, liebe Lotte, hier in der Stube einer geringen

Bauernherberge, in die ich mich vor einem schweren Wetter geflüchtet

habe. Solange ich in dem traurigen Nest D..., unter dem fremden,

meinem Herzen ganz fremden Volke herumziehe, habe ich keinen

Augenblick gehabt, keinen, an dem mein Herz mich geheißen hätte, Ihnen

zu schreiben; und jetzt in dieser Hütte, in dieser Einsamkeit, in

dieser Einschränkung, da Schnee und Schloßen wider mein Fensterchen

wüten, hier waren Sie mein erster Gedanke. Wie ich hereintrat,

überfiel mich Ihre Gestalt, Ihr Andenken, o Lotte! So heilig, so warm!

Guter Gott! Der erste glückliche Augenblick wieder.

Wenn Sie mich sähen, meine Beste, in dem Schwall von Zerstreuung! Wie

ausgetrocknet meine Sinne werden! Nicht einen Augenblick der Fülle

des Herzens, nicht eine selige Stunde! Nichts! Nichts! Ich stehe

wie vor einem Raritätenkasten und sehe die Männchen und Gäulchen vor

mir herumrücken, und frage mich oft, ob es nicht optischer Betrug ist.

Ich spiele mit, vielmehr, ich werde gespielt wie eine Marionette und

fasse manchmal meinen Nachbar an der hölzernen Hand und schaudere

zurück. Des Abends nehme ich mir vor, den Sonnenaufgang zu genießen,

und komme nicht aus dem Bette; am Tage hoffe ich, mich des Mondscheins

zu erfreuen, und bleibe in meiner Stube. Ich weiß nicht recht, warum

ich aufstehe, warum ich schlafen gehe.

Der Sauerteig, der mein Leben in Bewegung setzte, fehlt; der Reiz, der

mich in tiefen Nächten munter erhielt, ist hin, der mich des Morgens

aus dem Schlafe weckte, ist weg.

Ein einzig weibliches Geschöpf habe ich hier gefunden, eine Fräulein

von B..., sie gleicht Ihnen, liebe Lotte, wenn man Ihnen gleichen

kann." "Ei!" werden Sie sagen, "der Mensch legt sich auf niedliche

Komplimente!" ganz unwahr ist es nicht. Seit einiger Zeit bin ich

sehr artig, weil ich doch nicht anders sein kann, habe viel Witz, und

die Frauenzimmer sagen, es wüßte niemand so fein zu loben als ich (und

zu lügen, setzen Sie hinzu, denn ohne das geht es nicht ab, verstehen

Sie?). Ich wollte von Fräulein B... reden. Sie hat viel Seele, die

voll aus ihren blauen Augen hervorblickt. Ihr Stand ist ihr zur Last,

der keinen der Wünsche ihres Herzens befriedigt. Sie sehnt sich aus

dem Getümmel, und wir verphantasieren manche Stunde in ländlichen

Szenen von ungemischter Glückseligkeit; ach! und von Ihnen! Wie oft

muß sie Ihnen huldigen, muß nicht, tut es freiwillig, hört so gern von

Ihnen, liebt Sie.--O säß' ich zu Ihren Füßen in dem lieben,

vertraulichen Zimmerchen, und unsere kleinen Lieben wälzten sich mit

einander um mich herum, und wenn sie Ihnen zu laut würden, wollte ich

sie mit einem schauerlichen Märchen um mich zur Ruhe versammeln.

Die Sonne geht herrlich unter über der schneeglänzenden Gegend, der

Sturm ist hinüber gezogen, und ich--muß mich wieder in meinen Käfig

sperren.--Adieu! Ist Albert bei Ihnen? Und wie--? Gott verzeihe mir

diese Frage!

Die Leiden des jungen Werther — Band 2 · 第 7 / 54 题