Ein 'Armer'! -- das sagt genug. -- -- --

Die nächsten Kämpfer, die dir dein Körper stellt, sind die ungreifbaren

Fliegenschwärme der Gedanken.

Gegen sie hilft das Schwert des Willens nichts mehr. Je wilder du nach

ihnen schlägst, desto wütender umschwirren sie dich, und glückt es dir nur

einen Augenblick, sie zu verscheuchen, so fällst du in Schlummer und bist

in anderer Form der Besiegte.

Ihnen Stillhalten zu gebieten ist vergebens; nur ein einziges Mittel gibt

es, ihnen zu entrinnen: die Flucht in ein höheres Wachsein.

Wie du das zu beginnen hast, mußt du allein lernen.

Es ist ein vorsichtiges, immerwährendes Tasten mit dem Gefühl und ein

eiserner Entschluß zugleich.

Das ist alles, was ich dir darüber sagen kann. Jeder Rat, den dir für

dieses qualvolle Ringen irgend jemand gibt, ist Gift. Hier liegt eine

Klippe, über die dir kein anderer hinweghelfen kann als du selbst.

Es braucht dir nicht zu gelingen, die Gedanken für _immer_ zu bannen, --

der Kampf mit ihnen dient nur dem einen Zweck: den Zustand höheren

Wachseins zu erklimmen.

Hast du diesen Zustand erlangt, naht das Reich der Gespenster, von dem ich

dir bereits gesprochen habe.

Gestalten, schreckhafte und solche in Strahlenglanz werden dir erscheinen

und dich glauben machen wollen, sie seien Wesen aus einer andern Welt. --

Es sind nur Gedanken in sichtbarer Form, über die du noch nicht völlig

Macht besitzt!

Je erhabener sie sich gebärden, desto verderblicher sind sie, das merke

dir!

So mancher Irrglaube hat sich auf solchen Erscheinungen aufgebaut und die

Menschheit in die Finsternis zurückgerissen. Trotzdem steckt hinter jedem

dieser Phantome ein tiefer Sinn; sie sind nicht bloß Bilder, sie sind für

dich -- gleichgültig ob du ihre symbolische Sprache verstehst oder nicht --

die Merkmale der geistigen Entwicklungsstufen, auf denen du dich befindest.

Die Verwandlung deiner Mitmenschen in Gespenster, von der ich dir sagte,

daß sie auf diesen Zustand folgen wird, birgt, wie alles auf geistigem

Gebiet, zugleich ein Gift und eine Heilkraft in sich.

Bleibst du dabei stehen, die Menschen _nur_ für Gespenster zu halten, so

trinkst du bloß das Gift und wirst wie jener, von dem es heißt: 'hat er die

Liebe nicht, bleibt er leer wie tönendes Erz'. Findest du aber den

'tieferen Sinn' der in jedem dieser Menschenschemen verborgen liegt, so

siehst du mit dem Auge des Geistes nicht nur ihren lebendigen Kern, sondern

auch den deinen. Dann wird dir alles, was dir genommen worden, tausendfach

zurückgegeben wie dem Hiob; dann bist du -- wieder da, wo du warst, wie die

Törichten so gerne höhnen; -- sie wissen nicht, daß es ein anderes ist,

wieder heimzukehren, wenn man lang in der Fremde war, als immer zu Hause

geblieben zu sein.

Ob dir, wenn du so weit vorgedrungen bist, jene Wunderkräfte, die die

Propheten des Altertums besessen haben, zuteil werden, oder du statt dessen

in den ewigen Frieden eingehen darfst, das weiß niemand.

Solche Kräfte sind ein freies Geschenk derer, die die Schlüssel dieser

Geheimnisse bewahren.

Wenn du sie bekommst, um sie zu handhaben, geschieht es nur der Menschheit

wegen, die solcher Zeichen bedarf.

Unser Weg führt bloß bis zur Stufe der Reife, -- bist du zu ihr gelangt, so

bist du auch würdig, jenes Geschenk zu erhalten; ob man es dir gibt? Ich

weiß es nicht.

Ein Phönix aber wirst du geworden sein -- so oder so; dies zu _erzwingen_,

steht in deiner Hand.

Ehe ich jetzt von dir Abschied nehme, sollst du noch erfahren, aus welchem

Zeichen du erkennen kannst, ob du einst in der Zeit der 'großen Tag- und

Nachtgleiche' berufen sein wirst, die Gabe der Wunderkräfte zu bekommen.

Höre:

Einer von denen, die die Schlüssel der Geheimnisse der Magie bewahren, ist

auf der Erde zurückgeblieben und sucht und sammelt die Berufenen.

So, wie _er_ nicht sterben kann, so kann auch die Sage, die über ihn in

Umlauf ist, nicht sterben. --

Die einen munkeln, er sei der 'Ewige Jude'; die andern nennen ihn Elias;

die Gnostiker behaupten, er wäre Johannes der Evangelist; -- aber jeder,

der ihn gesehen haben will, schildert sein Aussehen anders. Laß dich

dadurch nicht beirren, falls du Menschen in der sprießenden Zeit der

Zukunft begegnen solltest, die auf solche Art von ihm erzählen.

Es ist nur natürlich, daß jeder ihn anders sieht: -- ein Wesen wie er, das

seinen Leib in Geist verwandelt hat, kann an keine starre Form mehr

gebunden sein.

Ein Beispiel wird dir erklären, daß auch seine _Gestalt_ und sein _Gesicht_

nur Bilder sein können -- gespenstischer Schein, sozusagen, für das, was er

in Wahrheit ist:

Nimm an, er erschiene dir als ein Wesen von grüner Farbe. Grün ist an sich

keine wirkliche Farbe, trotzdem du sie sehen kannst, -- sie ist aus einer

Mischung von Blau und Gelb entstanden. -- Wenn du Blau und Gelb miteinander

innig vermengst, erhältst du Grün.

Jeder Maler weiß das, -- daß aber die Welt, die man um sich sieht,

gleicherweise im Zeichen der 'grünen' Farbe steht und in Wahrheit nicht das

ist, was sie zu sein scheint, nämlich: gelb und blau, -- das wissen die

wenigsten.

Erkenne du aus diesem Beispiel, daß er, wenn er dir als ein Mann mit grünem

Antlitz begegnen sollte, sein wahres Gesicht dir trotzdem noch immer nicht

offenbar ist.

Wenn du ihn siehst als den, der er in Wirklichkeit ist: als ein

geometrisches Zeichen -- als ein Sigill am Himmel, das kein anderer schauen

kann als du allein, -- dann wisse: du bist berufen zum Wundertäter.

Mir ist er begegnet als leibhaftiger Mensch, und ich habe meine Hand in

seine Seite legen dürfen.

Das grüne Gesicht: Ein Roman · 第 24 / 38 题