Woche um Woche verging, aber Eva blieb verschollen. Baron Pfeill und Dr.
Sephardi hatten entsetzt von Hauberrisser die Schreckensbotschaft vernommen
und alles nur Denkbare aufgeboten, die Verschwundene zu finden; an jeder
Straßenecke klebten Aufrufe und Steckbriefe, und bald war der Fall
Tagesgespräch geworden unter Einheimischen und Fremden.
In der Wohnung Hauberrissers war ein ewiges Kommen und Gehen, die Leute
drängten sich vor dem Hause, einer gab dem andern die Türklinke in die Hand
und jeder wollte irgendeinen Gegenstand gefunden haben, von dem sich
vermuten ließ, er gehöre der Vermißten, denn schon auf die kleinste
Nachricht über Eva stand eine hohe Belohnung.
Wie Lauffeuer tauchten Gerüchte auf, man hätte sie da oder dort gesehen;
anonyme Briefe mit dunklen, geheimnisvollen Andeutungen, von Verrückten
oder Böswilligen geschrieben, verdächtigten Unschuldige, Eva verschleppt zu
haben oder gefangen zu halten; Kartenschlägerinnen boten sich zu Dutzenden
an; »Hellsehende«, von denen früher kein Mensch je etwas gehört, tauchten
auf und prahlten mit Fähigkeiten, die sie nicht besaßen: -- die Massenseele
einer Stadtbevölkerung, die bis dahin harmlos erschienen, offenbarte sich
in all ihren niedrigen Instinkten von Habgier, Klatschsucht, Wichtigtuerei
und verleumderischer Hinterlist.
Bisweilen trugen Schilderungen derart das Gepräge der Wahrhaftigkeit, daß
Hauberrisser oft stundenlang, begleitet von einem Polizisten, auf den
Beinen war, um in fremde Wohnungen einzudringen, von denen man ihm gesagt
hatte, Eva hielte sich darin auf.
Hoffen und Enttäuschung warfen ihn hin und her wie einen Spielball.
Bald gab es keine kleine oder große Straße und keinen Platz mehr, in denen
er nicht ein oder mehrere Häuser nach Eva, irregeleitet durch
Hiobsbotschaften, von oben bis unten durchsucht hatte.
Es war, als räche sich die Stadt an ihm für seine frühere Gleichgültigkeit.
Des Nachts im Traum schrien hundert Gesichter von Menschen auf ihn ein, mit
denen er tagsüber gesprochen hatte, und jedes wollte ihm etwas Neues
berichten, bis sie in eine einzige molluskenhafte Grimasse verschwammen,
als hätte sich ein Stoß durchsichtiger photographischer Porträts
aufeinander gehäuft.
Wie Labsal in dieser Zeit der Trostlosigkeit berührte es ihn, daß jeden
Morgen in aller Frühe Swammerdam bei ihm erschien. Wenn er auch stets mit
leeren Händen kam und, gefragt, ob er über Eva etwas erfahren habe, den
Kopf schütteln mußte, so gab doch seine unerschütterlich zuversichtliche
Miene Hauberrisser jedesmal neue Kraft, den Wirrnissen des Tages
entgegenzusehen.
Das Tagebuch wurde mit keinem Worte mehr erwähnt, und doch fühlte
Hauberrisser, daß ihn der alte Schmetterlingssammler hauptsächlich in
dieser Angelegenheit besuchte.
Eines Morgens aber konnte sich Swammerdam nicht länger zurückhalten.
»Erraten Sie noch immer nicht,« fragte er mit abgewandtem Gesicht, »daß
eine Rotte fremder Gedanken feindselig auf Sie einstürmt und Ihnen jede
Besinnung rauben will? -- Wenn es wild gewordene Wespen wären, die ihr Nest
gegen Sie verteidigen wollten, wüßten Sie doch sofort, um was es sich
handelt! -- Warum sind Sie gegenüber den Fliegenschwärmen des Schicksals
nicht ebenso auf der Hut, wie Sie es bei wirklichen Wespen wären?«
Dann brach er schnell ab und ging hinaus.
Beschämt raffte sich Hauberrisser auf. Er schrieb einen Zettel des Inhalts,
er sei verreist und man möge alle Mitteilungen, den Fall Eva van Druysen
betreffend, nur mehr an die Polizei richten, und ließ ihn von seiner
Wirtschafterin an das Haustor kleben.
Seine Ruhe kehrte jedoch damit nicht zurück; wohl zehnmal in der Stunde
ertappte er sich auf dem Wunsche, hinunter zu gehen, um den Zettel wieder
abzureißen.
Er nahm die Rolle vor und wollte sich zum Lesen zwingen, aber nach jeder
Zeile wanderten seine Gedanken hinaus und suchten nach Eva, und wenn er
seine Aufmerksamkeit auf das Papier bannen wollte, flüsterten sie ihm zu,
es sei Narretei, in dem Geschreibsel nach abseits liegenden, rein
theoretischen Fragen zu fahnden, wo jede Minute nach Taten schrie.
Schon wollte er das Heft wieder in den Schreibtisch sperren, da hatte er
plötzlich und so deutlich das Gefühl, von einer unsichtbaren Macht
überlistet worden zu sein, daß er einen Augenblick innehielt und nachsann.
Es war mehr ein Lauschen als ein Sinnen.
»Was ist das für eine seltsame unheimliche Kraft,« fragte er sich, »die da
so unschuldig tut und, um ihr Sondersein vor mir zu verbergen, sich als
mein eigenstes Ich gebärdet und meinen Willen zum Gegenteil von dem
mißbraucht, was ich mir kaum eine Minute früher fest vorgenommen habe? Ich
will lesen und darf nicht?« -- Er blätterte in den Seiten und bei jedem
Hindernis, das sich ihm bei dem Versuch, den Inhalt zu ordnen,
entgegenstellte, meldeten sich die zudringlichen Gedanken von neuem: »laß
es bleiben, du findest den Anfang nicht; es ist vergebliche Arbeit.« --
Aber er stand Wache vor der Türe seines Willens und ließ sie nicht hinein.
Seine alte Gewohnheit, sich selbst zu beobachten, fing leise an, wieder in
ihre Rechte zu treten.
»Wenn ich nur den Anfang fände!«, stöhnte wieder heuchlerisch eine
Selbstbelügung in ihm auf, während er mechanisch die Seiten umschlug, aber
diesmal gab ihm die Rolle selbst die richtige Antwort:
»Der Anfang« -- las er, an einer ixbeliebigen Stelle beginnend, und stutzte
über den eigentümlichen Zufall, gerade auf dieses Wort gestoßen zu sein, --
»ist es, der dem Menschen fehlt.
Nicht, daß es so schwer wäre, ihn zu finden, -- nur die Einbildung, ihn
_suchen_ zu müssen, ist das Hemmnis.
Das Leben ist gnädig; jeden Augenblick schenkt es uns einen Anfang. Jede
Sekunde drängt uns die Frage auf: Wer bin ich? -- Wir stellen sie nicht;
das ist der Grund, weshalb wir den Anfang nicht finden.
Wenn wir sie aber einmal im Ernste stellen, dann bricht auch schon der Tag
an, dessen Abendrot für jene Gedanken den Tod bedeutet, die in den
Herrschersaal eingedrungen sind und an der Tafel unserer Seele schmarotzen.
Das Korallenriff, das sie sich mit infusorienhaftem Fleiß im Lauf der
Jahrtausende aufgebaut haben, und das wir »unsern Körper« nennen, ist ihr
Werk und ihre Brut- und Heimstätte; wir müssen in dieses Riff aus Kalk und
Leim zuerst eine Bresche legen und es dann wiederum in den Geist auflösen,
der es von Anbeginn war, wenn wir freies Meer gewinnen wollen. -- -- Ich
will dich späterhin lehren, wie du dir aus den Trümmern dieses Riffs ein
neues Haus erbauen kannst.«
Hauberrisser legte das Tagebuch einen Augenblick aus der Hand und dachte
nach. Ob, wie es schien, diese Seite die Abschrift oder der Entwurf eines
Briefes war, den der Verfasser an irgend jemand gerichtet hatte,
interessierte ihn weiter nicht; das »Du« hatte ihn gepackt, als gelte es
ihm allein, und in diesem Sinne wollte er es von jetzt an auch auffassen.
Eines fiel ihm besonders auf: Was hier geschrieben stand, klang zuweilen
beinah wie eine Rede, bald aus dem Munde Pfeills oder Sephardis, bald aus
dem Swammerdams. Er verstand jetzt, daß sie alle drei von demselben Geist
gefärbt waren, der aus dieser Tagebuchrolle wehte, -- daß der Strom der
Zeit, um ihn den jetzt so hilflosen, weltmüden, kleinen Herrn Hauberrisser,
zu einem wahren Menschen zu erziehen, fast Doppelfiguren aus ihnen machte.
--
»Jetzt aber höre, was ich dir zu sagen habe:
Rüste dich für eine kommende Zeit!
Bald schlägt die Uhr der Welt die zwölfte Stunde; ihre Zahl auf dem
Zifferblatt ist rot und in Blut getaucht. Daran kannst du sie erkennen.
Der neuen ersten Stunde geht ein Sturmwind voraus.
Sei wach, damit er dich nicht schlafend finde, denn die mit geschlossenen
Augen hinübergehen in den heranbrechenden Tag, werden die Tiere bleiben,
die sie waren, und nicht mehr zu erwecken sein.
Es gibt auch eine geistige Tag- und Nachtgleiche. Die neue erste Stunde,
von der ich spreche, ist der Wendepunkt. In ihr gewinnt das Licht das
Gleichgewicht gegenüber der Dunkelheit.
Ein Jahrtausend und länger noch haben die Menschen gelernt, das Gesetz der
Natur zu durchschauen und sie sich dienstbar zu machen. Wohl denen, die den
_Sinn_ dieser Arbeit erfaßt und begriffen haben, daß das Gesetz des Innern
dasselbe wie das des Äußern ist nur um eine Oktave höher: sie sind zur
Ernte berufen, -- die andern bleiben ackernde Knechte, das Antlitz zur Erde
gebeugt.
Der Schlüssel zur Macht über die innere Natur ist verrostet seit der
Sintflut. Er heißt: -- -- Wachsein.
Wachsein ist alles.
Von nichts ist der Mensch so fest überzeugt wie davon, daß er wach sei;
dennoch ist er in Wirklichkeit in einem Netz gefangen, das er sich selbst
aus Schlaf und Traum gewebt hat. Je dichter dieses Netz, desto mächtiger
herrscht der Schlaf; die darein verstrickt sind, das sind die Schlafenden,
die durchs Leben gehen wie Herdenvieh zur Schlachtbank, stumpf,
gleichgültig und gedankenlos.
Die _Träumenden_ unter ihnen sehen durch die Maschen eine vergitterte Welt,
-- sie erblicken nur irreführende Ausschnitte, richten ihr Handeln darnach
ein und wissen nicht, daß diese Bilder bloß sinnloses Stückwerk eines
gewaltigen Ganzen sind. Diese »Träumer« sind nicht, wie du vielleicht
glaubst, die Phantasten und Dichter -- es sind die Regsamen, die Fleißigen,
Ruhelosen der Erde, die vom Wahn des Tun's Zerfressenen; sie gleichen
emsigen, häßlichen Käfern, die ein glattes Rohr emporklimmen, um von oben
-- hineinzufallen.
Sie wähnen wach zu sein, aber das, was sie zu erleben glauben, ist in
Wahrheit nur Traum, -- genau vorausbestimmt im kleinsten Punkt und
unbeeinflußbar von ihrem Willen.
Einige unter den Menschen hat's gegeben und gibt es noch, die _wußten_ gar
wohl, daß sie träumen, -- Pioniere, die bis zu den Bollwerken vorgedrungen
sind, hinter denen sich das ewig wache Ich verbirgt, -- Seher wie Goethe,
Schopenhauer und Kant, aber sie besaßen die Waffen nicht, um die Festung zu
_erstürmen_ und ihr Kampfruf hat die Schläfer nicht erweckt.
Wach sein ist alles.
Der erste Schritt dazu ist so einfach, daß jedes Kind ihn tun kann; nur der
Verbildete hat das Gehen verlernt und bleibt lahm auf beiden Füßen, weil er
die Krücken nicht missen will, die er von seinen Vorfahren geerbt hat.
Wach sein ist alles.
Sei wach bei allem, was du tust! Glaub nicht, daß du's schon bist. Nein, du
schläfst und träumst.
Stell dich fest hin, raff dich zusammen und zwing dich einen einzigen
Augenblick nur zu dem körperdurchrieselnden Gefühl: 'jetzt bin ich wach!'
Gelingt es dir, das zu empfinden, so erkennst du auch sogleich, daß der
Zustand, in dem du dich soeben noch befunden hast, dagegen wie Betäubung
und Schlaftrunkenheit erscheint.
Das ist der erste zögernde Schritt zu einer langen, langen Wanderung von
Knechttum zu Allmacht.
Auf diese Art geh' vorwärts von Aufwachen zu Aufwachen.
Es gibt keinen quälenden Gedanken, den du damit nicht bannen könntest; er
bleibt zurück und kann nicht mehr zu dir empor; du reckst dich über ihn, so
wie die Krone eines Baumes über die dürren Äste hinauswächst. --
Die Schmerzen fallen von dir ab wie welkes Laub, wenn du einmal so weit
bist, daß jenes Wachsein auch deinen Körper ergreift.
Die eiskalten Tauchbäder der Juden und Brahmanen, die Nachtwachen der
Jünger Buddha's und der christlichen Asketen, die Foltern der indischen
Fakire, um nicht einzuschlafen, -- sie alle sind nichts anderes als
erstarrte äußerliche Riten, die wie Säulentrümmer dem Suchenden verraten:
Hier hat in grauer Vorzeit ein geheimnisvoller Tempel des Erwachenwollens
gestanden.
Lies die heiligen Schriften der Völker der Erde: durch alle zieht sich wie
ein roter Faden die verborgene Lehre vom Wachsein; -- es ist die
Himmelsleiter Jakobs, der mit dem Engel des Herrn die ganze »Nacht«
gerungen hat, bis es »Tag« wurde und er den Sieg gewann.
Von einer Sprosse immer hellern und hellern Wachseins zur andern mußt du
steigen, wenn du den Tod überwinden willst, dessen Rüstzeug: Schlaf, Traum
und Betäubung sind.
Schon die unterste Sprosse dieser Himmelsleiter heißt: Genie; wie erst
sollen wir die höheren Stufen benennen! Sie bleiben der Menge unbekannt und
werden für Legenden gehalten. -- Auch die Geschichte von Troja galt
jahrhundertelang als Sage, bis endlich einer den Mut fand -- und grub
selber nach.
Auf dem Wege zum Erwachen wird der erste Feind, der sich dir
entgegenstellt, dein eigner Körper sein. Bis zum ersten Hahnenschrei wird
er mit dir kämpfen; erblickst du aber den Tag des ewigen Wachseins, der
dich fernrückt von den Nachtwandlern, die da glauben, die seien Menschen,
und nicht wissen, daß sie schlafende Götter sind, dann verschwindet für
dich auch der Schlaf des Körpers und das Weltall ist dir untertan.
Dann kannst du Wunder tun, wenn du willst, und mußt nicht wie ein
wimmernder Sklave demütig harren, bis es einem grausamen Götzen gefällig
ist, dich zu beschenken oder -- dir den Kopf abzuschlagen.
Freilich, das Glück des treuen, wedelnden Hundes: einen _Herrn_ über sich
zu kennen, dem er dienen darf -- dieses Glück wird für dich zerschellen, --
aber frag' dich selbst, würdest du als der Mensch, der du jetzt noch bist,
mit deinem Hunde tauschen?
Laß dich nicht abschrecken durch die Angst, das Ziel in _diesem_ Leben
vielleicht nicht erreichen zu können! -- Wer unsern Weg einmal betreten
hat, der kommt immer wieder auf die Welt in einer innern Reife, die ihm die
Fortsetzung seiner Arbeit ermöglicht, -- er wird als »Genie« geboren.
Der Pfad, den ich dir weise, ist besät mit wundersamen Erlebnissen: Tote,
die du im Leben gekannt hast, werden vor dir aufstehen und mit dir reden!
-- Es sind nur Bilder! -- Lichtgestalten, glanzumflossen und beseligend,
werden dir erscheinen und dich segnen. -- Es sind nur Bilder --
Hauchformen, von deinem Körper ausgesendet, der unter dem Einfluß deines
verwandelnden Willens den magischen Tod stirbt und aus Stoff zu Geist wird,
gleich wie starres Eis, vom Feuer getroffen, sich in formenballenden Dunst
auflöst.
Erst wenn du alles Kadaverhafte von ihm abgestreift hast, kannst du sagen:
jetzt ist der Schlaf für immer von mir gewichen.
Dann aber ist das Wunder vollbracht, das die Menschen nicht glauben können,
-- weil sie, durch ihre Sinne betrogen, nicht begreifen, daß Stoff und
Kraft dasselbe ist, -- jenes Wunder: daß, wenn man dich auch begräbt, keine
Leiche im Sarge liegt.
Dann erst, nicht früher, wirst du Wesenhaftes vom Schein trennen können;
wem du _dann_ begegnest, kann nur einer sein, der vor dir den Weg gegangen
ist. -- Alle andern sind Schatten.
Bis dahin bleibt es ungewiß auf Schritt und Tritt, ob du das glücklichste
oder das unglücklichste der Wesen wirst. -- Aber fürchte dich nicht --:
noch ist keiner, der den Pfad des Wachseins betreten hat, auch wenn er in
der Irre ging, von den Führern verlassen worden.
Ein Merkmal will ich dir sagen, an dem du erkennen kannst, ob eine
Erscheinung, die du hast, wesenhaft ist oder ein Trugbild: Wenn sie vor
dich tritt und dein Bewußtsein ist getrübt, und die Dinge der Außenwelt
sind für dich verschwommen oder verschwunden, dann traue nicht! Sei auf der
Hut! Es ist ein Stück von dir. Wenn du das Gleichnis nicht errätst, das es
in sich birgt, ist es nur ein Gespenst ohne Bestand -- ein Schemen, ein
Dieb, der von deinem Leben zehrt.
Die Diebe, die die Kraft der Seele stehlen, sind schlimmer als die Diebe
der Erde. Sie locken dich wie Irrlichter in die Moräste einer trügerischen
Hoffnung, um dich in der Finsternis allein zu lassen und für immer zu
verschwinden.
Laß dich durch kein Wunder blenden, das sie scheinbar für dich tun, durch
keinen heiligen Namen, den sie annehmen, durch keine Prophezeiung, die sie
aussprechen, auch nicht, wenn sie in Erfüllung geht, -- sie sind deine
Todfeinde, von der Hölle deines eignen Körpers ausgespien, mit dem du um
die Herrschaft ringst.
Wisse, daß die wunderbaren Kräfte, die sie besitzen, deine eignen sind, --
von ihnen entwendet, um dich in Sklaverei zu erhalten; -- sie können nicht
leben, außer von _deinem_ Leben, aber wenn du sie überwindest, sinken sie
zu stummen, gehorsamen Werkzeugen herab, die du nach deinem Willen
handhaben kannst.
Unzählig sind die Opfer, die sie unter den Menschen gefordert haben; lies
die Geschichte der Visionäre und Sektierer und du wirst erkennen, daß der
Pfad der Beherrschung, den du wandelst, mit Totenschädeln bedeckt ist.
Die Menschheit hat sich unbewußt eine Mauer gegen sie gebaut: -- den
Materialismus. Diese Mauer ist ein unfehlbarer Schutz, -- sie ist ein
Sinnbild des Körpers, aber sie ist zugleich auch eine Kerkermauer, die den
Ausblick hemmt.
Heute, wo sie langsam zerbröckelt und der Phönix des innern Lebens aus
seiner Asche, in der er lange Zeit wie tot gelegen, mit neuen Schwingen
wieder aufersteht, regen auch die Aasgeier einer andern Welt die Flügel.
Darum hüte dich. Die Wagschale, in die du dein Bewußtsein legst, zeigt dir
allein an, wann du Erscheinungen trauen darfst; je wacher es ist, desto
tiefer neigt sie sich zu deinen Gunsten.
Will dir ein Führer, ein Helfer, oder ein Bruder aus einer geistigen Welt
erscheinen, so muß er es können, auch ohne dein Bewußtsein zu plündern; du
darfst, wie der ungläubige Thomas, deine Hand in seine Seite legen.
Es wäre ein Leichtes, den Erscheinungen und ihren Gefahren _auszuweichen_:
-- du brauchst nur zu sein wie ein gewöhnlicher Mensch. -- Aber was ist
damit gewonnen? Du bleibst ein Gefangener im Kerker deines Leibes, bis der
Henker »Tod« dich zum Richtblock schleppt.
Die Sehnsucht der Sterblichen, die Gestalten der Überirdischen zu schauen,
ist ein Schrei, der auch die Phantome der Unterwelt weckt, weil eine solche
Sehnsucht nicht rein ist -- weil sie Habgier ist statt Sehnsucht, weil sie
»nehmen« will in irgendeiner Form, statt zu schreien, um das »geben« zu
lernen.
Jeder, der die Erde als ein Gefängnis empfindet, jeder Fromme, der nach
Erlösung ruft, -- sie alle beschwören unbewußt die Welt der Gespenster.
Tu du es auch. Aber: bewußt!
Ob es für Jene, die es unbewußt tun, eine unsichtbare Hand gibt, die die
Sümpfe, in die sie geraten müssen, in Eilande verzaubern kann? Ich weiß es
nicht. Ich will nicht streiten, -- -- aber ich glaub's nicht.
Wenn du auf dem Wege des _Erwachens_ das Reich der Gespenster durchquerst,
wirst du allmählich erkennen, daß es nur Gedanken sind, die du plötzlich
mit den Augen sehen kannst. Das ist der Grund, weshalb sie dir fremd und
wie Wesen erscheinen; denn die Sprache der Formen ist anders als die
Sprache des Gehirns.
_Dann_ ist der Zeitpunkt gekommen, wo sich die seltsamste Wandlung
vollzieht, die dir geschehen kann: aus den Menschen, die dich umgeben,
werden -- Gespenster werden. Alle, die dir lieb gewesen, werden plötzlich
Larven sein. Auch dein eigner Leib.
Es ist die furchtbarste Einsamkeit, die sich ausdenken läßt, -- ein Pilgern
durch die Wüste, und wer die Quelle des Lebens in ihr nicht findet,
verdurstet.
Alles, was ich dir hier gesagt habe, steht auch in den Büchern der Frommen
jedes Volkes: das Kommen eines neuen Reiches, das Wachen, die Überwindung
des Körpers und die Einsamkeit, -- und doch trennt uns von diesen Frommen
eine unüberbrückbare Kluft: sie glauben, daß ein Tag naht, an dem die Guten
in das Paradies eingehen und die Bösen in den Höllenpfuhl geworfen werden,
-- wir _wissen_, daß eine Zeit kommt, wo Viele erwachen werden und von den
Schlafenden getrennt sein wie die Herren von den Sklaven, weil die
Schlafenden die Wachen nicht begreifen können, -- wir wissen, daß es kein
Böse und kein Gut gibt, sondern nur ein 'Falsch' und ein 'Richtig'; -- sie
_glauben_, daß »wachen« ein Offenhalten der Sinne und Augen und ein
Aufbleiben des Körpers während der Nacht sei, damit der Mensch Gebete
verrichten könne, -- wir _wissen_, daß das »Wachen« ein Aufwachen des
unsterblichen Ich's bedeutet und die Schlummerlosigkeit des Leibes eine
natürliche Folge davon ist; -- sie _glauben_, der Körper müsse
vernachlässigt werden und verachtet, weil er sündig sei; wir _wissen_: es
gibt keine Sünde, der Körper ist der Anfang, mit dem wir zu beginnen haben,
und wir sind auf die Erde herabgestiegen, um ihn in Geist zu verwandeln; --
sie _glauben_, man solle mit dem _Leib_ in die Einsamkeit gehen, um den
Geist zu läutern; wir _wissen_, daß zuerst unser _Geist_ in die Einsamkeit
gehen muß, um den Leib zu verklären.
Bei dir allein steht es, deinen Weg zu wählen -- ob unsern oder jenen. Es
soll dein freier Wille sein.
Ich darf dir nicht raten; es ist heilsamer, aus eigenem Entschluß eine
bittere Frucht zu pflücken, als auf fremden Rat eine süße auf dem Baume --
hängen zu sehen.
Nur mach's nicht wie die vielen, die da wohl wissen, es steht geschrieben:
'Prüfet alles und das Beste behaltet' -- aber hingehen, nichts prüfen und
das -- Erstbeste behalten.«
* * * * *
Die Seite war zu Ende und das Thema brach ab.
Hauberrisser glaubte nach einigem Suchen, den anschließenden Teil gefunden
zu haben. Der Unbekannte, an den das Schriftstück gerichtet war, schien
sich zu dem »heidnischen Wege der Gedankenbeherrschung« entschlossen zu
haben, denn der Verfasser der Rolle fuhr auf einem neuen Blatt, das die
Überschrift trug:
=Der Phönix=
folgendermaßen fort:
»Mit dem heutigen Tage bist du aufgenommen in unsere Gemeinschaft und ein
neuer Ring in der Kette, die von Ewigkeit zu Ewigkeit reicht.
Damit erlischt mein Amt und geht in die Hände eines Andern über, den du
nicht sehen kannst, solange deine Augen noch der Erde gehören.
Er ist unendlich fern von dir und dennoch dicht in deiner Nähe; er ist
nicht räumlich von dir getrennt und dennoch weiter weg als die äußersten
Grenzen des Weltalls; du bist von ihm umgeben, wie ein Mensch, der im Ozean
schwimmt, von Wasser, aber du nimmst ihn nicht wahr, -- so wie der
Schwimmer das Salz nicht schmeckt, das das Meer durchdringt, wenn die
Nerven seiner Zunge tot sind.
Unser Sinnbild ist der Phönix, das Symbol der Verjüngung -- der sagenhafte
ägyptische Adler des Himmels mit rotem und goldenem Gefieder, der sich in
seinem Nest aus Myrrhen verbrennt und immer neu aus der Asche ersteht.
Ich habe dir gesagt, der Anfang des Weges ist der eigene Körper; wer das
weiß, kann jeden Augenblick die Wanderung beginnen.
Ich will dich jetzt die ersten Schritte lehren:
Du mußt dich vom Leibe trennen, aber nicht, als wolltest du ihn verlassen:
-- du mußt dich von ihm lösen, wie jemand, der Licht von Wärme scheidet.
Schon hier lauert der erste Feind.
Wer sich vom Körper _losreißt_, um durch den Raum zu fliegen, der geht den
Weg der Hexen, die nur einen gespenstischen Leib aus dem groben, irdischen
herausgezogen haben und auf ihm wie auf einem Besen zur Walpurgisnacht
reiten.
Die Menschheit hat sich aus richtigem Instinkt eine Brustwehr gegen diese
Gefahr errichtet, indem sie ein Lächeln über die Möglichkeit solcher Künste
bereit hält. -- _Du_ brauchst als Schutz den Zweifel nicht mehr -- _du_
hast in dem, was ich dir gegeben habe, ein besseres Schwert. Die Hexen
glauben, auf dem Sabbat des Teufels zu sein, und in Wirklichkeit liegt ihr
Körper bewußtlos und starr in der Kammer. Sie vertauschen bloß die irdische
Wahrnehmung gegen eine geistige -- sie verlieren das Bessere, um das
Schlechtere zu gewinnen; -- es ist ein Ärmerwerden statt ein Reichersein.
Schon daraus siehst du, daß es nicht der Weg des Erwachens sein kann. -- Um
zu begreifen, daß du nicht dein Körper bist, -- wie die Menschen von sich
wähnen, -- mußt du erkennen, mit welchen Waffen er kämpft, um die
Herrschaft über dich zu behaupten. -- Jetzt stehst du freilich noch so tief
in seiner Gewalt, daß dein Leben erlischt, wenn sein Herz aufhört zu
schlagen, und du in Nacht versinkst, sobald er die Augen schließt. Du
glaubst, du könntest ihn bewegen, -- es ist eine Täuschung: nein, er bewegt
sich und nimmt nur deinen Willen zu Hilfe. Du glaubst, du schaffst
Gedanken: nein, er schickt sie dir, damit du meinst, sie kämen von dir, und
alles tust, was er will.
Setz' dich aufrecht hin und nimm dir vor, kein Glied zu rühren, mit keiner
Wimper zu zucken und regungslos zu bleiben wie eine Bildsäule, und du wirst
sehen, daß er haßentbrannt augenblicklich über dich herfällt und dich
zwingen will, ihm wieder untertan zu sein. -- Mit tausend Waffen wird er
auf dich losstürzen, bis du ihm wieder erlaubst, sich zu bewegen. -- An
seiner grimmigen Wut und der überstürzten Kampfesweise, mit der er Pfeil
auf Pfeil auf dich abschießt, kannst du ersehen, wenn du schlau bist, wie
bange ihm um seine Herrschaft sein muß und wie groß deine Macht, daß er
sich so vor dir fürchtet.
Aber es steckt dabei noch eine List von ihm dahinter: er will dich glauben
machen, daß hier, im äußern Willen, die Entscheidungsschlacht um das
Szepter geschlagen wird; nein, es sind nur Scharmützel, die er dich, wenn's
sein muß, gewinnen läßt, um dich dann um so tiefer unter's Joch zu beugen.
Diejenigen, die solches Geplänkel gewinnen, werden die ärmsten Sklaven --
sie dünken sich Sieger und tragen auf der Stirn das Schandmal: 'Charakter'.
Deinen Körper zu bändigen, ist nicht der Zweck, den du verfolgst. Wenn du
ihm verbietest, sich zu bewegen, so sollst du es nur deshalb tun, damit du
die Kräfte kennen lernst, über die er gebietet. Es sind Heerscharen, fast
unüberwindlich durch ihre Zahl. Er wird sie gegen dich in den Kampf
schicken, eine nach der andern, wenn du nicht nachläßt, mit dem so einfach
scheinenden Mittel des Stillsitzens: zuerst die rohe Gewalt der Muskeln,
die beben und zittern wollen, -- das Sieden des Blutes, das dir den Schweiß
ins Gesicht treibt, -- das Hämmern des Herzens, -- das Frösteln der Haut,
bis dein Haar sich sträubt, -- das Schwanken des Leibes, das dich
durchfährt, -- als habe die Schwerkraft die Achse verändert, -- sie alle
kannst du besiegen, -- scheinbar durch den Willen -- dennoch ist es nicht
der Wille allein: es ist in Wahrheit bereits ein höheres Wachsein, das
unsichtbar hinter ihm steht in der Tarnkappe.
Auch dieser Sieg ist wertlos; selbst, wenn du Herr würdest über Atmung und
Herzschlag, wärest du nur ein Fakir -- ein 'Armer' auf deutsch.