Elftes Kapitel

Woche um Woche verging, aber Eva blieb verschollen. Baron Pfeill und Dr.

Sephardi hatten entsetzt von Hauberrisser die Schreckensbotschaft vernommen

und alles nur Denkbare aufgeboten, die Verschwundene zu finden; an jeder

Straßenecke klebten Aufrufe und Steckbriefe, und bald war der Fall

Tagesgespräch geworden unter Einheimischen und Fremden.

In der Wohnung Hauberrissers war ein ewiges Kommen und Gehen, die Leute

drängten sich vor dem Hause, einer gab dem andern die Türklinke in die Hand

und jeder wollte irgendeinen Gegenstand gefunden haben, von dem sich

vermuten ließ, er gehöre der Vermißten, denn schon auf die kleinste

Nachricht über Eva stand eine hohe Belohnung.

Wie Lauffeuer tauchten Gerüchte auf, man hätte sie da oder dort gesehen;

anonyme Briefe mit dunklen, geheimnisvollen Andeutungen, von Verrückten

oder Böswilligen geschrieben, verdächtigten Unschuldige, Eva verschleppt zu

haben oder gefangen zu halten; Kartenschlägerinnen boten sich zu Dutzenden

an; »Hellsehende«, von denen früher kein Mensch je etwas gehört, tauchten

auf und prahlten mit Fähigkeiten, die sie nicht besaßen: -- die Massenseele

einer Stadtbevölkerung, die bis dahin harmlos erschienen, offenbarte sich

in all ihren niedrigen Instinkten von Habgier, Klatschsucht, Wichtigtuerei

und verleumderischer Hinterlist.

Bisweilen trugen Schilderungen derart das Gepräge der Wahrhaftigkeit, daß

Hauberrisser oft stundenlang, begleitet von einem Polizisten, auf den

Beinen war, um in fremde Wohnungen einzudringen, von denen man ihm gesagt

hatte, Eva hielte sich darin auf.

Hoffen und Enttäuschung warfen ihn hin und her wie einen Spielball.

Bald gab es keine kleine oder große Straße und keinen Platz mehr, in denen

er nicht ein oder mehrere Häuser nach Eva, irregeleitet durch

Hiobsbotschaften, von oben bis unten durchsucht hatte.

Es war, als räche sich die Stadt an ihm für seine frühere Gleichgültigkeit.

Des Nachts im Traum schrien hundert Gesichter von Menschen auf ihn ein, mit

denen er tagsüber gesprochen hatte, und jedes wollte ihm etwas Neues

berichten, bis sie in eine einzige molluskenhafte Grimasse verschwammen,

als hätte sich ein Stoß durchsichtiger photographischer Porträts

aufeinander gehäuft.

Wie Labsal in dieser Zeit der Trostlosigkeit berührte es ihn, daß jeden

Morgen in aller Frühe Swammerdam bei ihm erschien. Wenn er auch stets mit

leeren Händen kam und, gefragt, ob er über Eva etwas erfahren habe, den

Kopf schütteln mußte, so gab doch seine unerschütterlich zuversichtliche

Miene Hauberrisser jedesmal neue Kraft, den Wirrnissen des Tages

entgegenzusehen.

Das Tagebuch wurde mit keinem Worte mehr erwähnt, und doch fühlte

Hauberrisser, daß ihn der alte Schmetterlingssammler hauptsächlich in

dieser Angelegenheit besuchte.

Eines Morgens aber konnte sich Swammerdam nicht länger zurückhalten.

»Erraten Sie noch immer nicht,« fragte er mit abgewandtem Gesicht, »daß

eine Rotte fremder Gedanken feindselig auf Sie einstürmt und Ihnen jede

Besinnung rauben will? -- Wenn es wild gewordene Wespen wären, die ihr Nest

gegen Sie verteidigen wollten, wüßten Sie doch sofort, um was es sich

handelt! -- Warum sind Sie gegenüber den Fliegenschwärmen des Schicksals

nicht ebenso auf der Hut, wie Sie es bei wirklichen Wespen wären?«

Dann brach er schnell ab und ging hinaus.

Beschämt raffte sich Hauberrisser auf. Er schrieb einen Zettel des Inhalts,

er sei verreist und man möge alle Mitteilungen, den Fall Eva van Druysen

betreffend, nur mehr an die Polizei richten, und ließ ihn von seiner

Wirtschafterin an das Haustor kleben.

Seine Ruhe kehrte jedoch damit nicht zurück; wohl zehnmal in der Stunde

ertappte er sich auf dem Wunsche, hinunter zu gehen, um den Zettel wieder

abzureißen.

Er nahm die Rolle vor und wollte sich zum Lesen zwingen, aber nach jeder

Zeile wanderten seine Gedanken hinaus und suchten nach Eva, und wenn er

seine Aufmerksamkeit auf das Papier bannen wollte, flüsterten sie ihm zu,

es sei Narretei, in dem Geschreibsel nach abseits liegenden, rein

theoretischen Fragen zu fahnden, wo jede Minute nach Taten schrie.

Schon wollte er das Heft wieder in den Schreibtisch sperren, da hatte er

plötzlich und so deutlich das Gefühl, von einer unsichtbaren Macht

überlistet worden zu sein, daß er einen Augenblick innehielt und nachsann.

Es war mehr ein Lauschen als ein Sinnen.

»Was ist das für eine seltsame unheimliche Kraft,« fragte er sich, »die da

so unschuldig tut und, um ihr Sondersein vor mir zu verbergen, sich als

mein eigenstes Ich gebärdet und meinen Willen zum Gegenteil von dem

mißbraucht, was ich mir kaum eine Minute früher fest vorgenommen habe? Ich

will lesen und darf nicht?« -- Er blätterte in den Seiten und bei jedem

Hindernis, das sich ihm bei dem Versuch, den Inhalt zu ordnen,

entgegenstellte, meldeten sich die zudringlichen Gedanken von neuem: »laß

es bleiben, du findest den Anfang nicht; es ist vergebliche Arbeit.« --

Aber er stand Wache vor der Türe seines Willens und ließ sie nicht hinein.

Seine alte Gewohnheit, sich selbst zu beobachten, fing leise an, wieder in

ihre Rechte zu treten.

»Wenn ich nur den Anfang fände!«, stöhnte wieder heuchlerisch eine

Selbstbelügung in ihm auf, während er mechanisch die Seiten umschlug, aber

diesmal gab ihm die Rolle selbst die richtige Antwort:

»Der Anfang« -- las er, an einer ixbeliebigen Stelle beginnend, und stutzte

über den eigentümlichen Zufall, gerade auf dieses Wort gestoßen zu sein, --

»ist es, der dem Menschen fehlt.

Nicht, daß es so schwer wäre, ihn zu finden, -- nur die Einbildung, ihn

_suchen_ zu müssen, ist das Hemmnis.

Das Leben ist gnädig; jeden Augenblick schenkt es uns einen Anfang. Jede

Sekunde drängt uns die Frage auf: Wer bin ich? -- Wir stellen sie nicht;

das ist der Grund, weshalb wir den Anfang nicht finden.

Wenn wir sie aber einmal im Ernste stellen, dann bricht auch schon der Tag

an, dessen Abendrot für jene Gedanken den Tod bedeutet, die in den

Herrschersaal eingedrungen sind und an der Tafel unserer Seele schmarotzen.

Das Korallenriff, das sie sich mit infusorienhaftem Fleiß im Lauf der

Jahrtausende aufgebaut haben, und das wir »unsern Körper« nennen, ist ihr

Werk und ihre Brut- und Heimstätte; wir müssen in dieses Riff aus Kalk und

Leim zuerst eine Bresche legen und es dann wiederum in den Geist auflösen,

der es von Anbeginn war, wenn wir freies Meer gewinnen wollen. -- -- Ich

will dich späterhin lehren, wie du dir aus den Trümmern dieses Riffs ein

neues Haus erbauen kannst.«

Hauberrisser legte das Tagebuch einen Augenblick aus der Hand und dachte

nach. Ob, wie es schien, diese Seite die Abschrift oder der Entwurf eines

Briefes war, den der Verfasser an irgend jemand gerichtet hatte,

interessierte ihn weiter nicht; das »Du« hatte ihn gepackt, als gelte es

ihm allein, und in diesem Sinne wollte er es von jetzt an auch auffassen.

Eines fiel ihm besonders auf: Was hier geschrieben stand, klang zuweilen

beinah wie eine Rede, bald aus dem Munde Pfeills oder Sephardis, bald aus

dem Swammerdams. Er verstand jetzt, daß sie alle drei von demselben Geist

gefärbt waren, der aus dieser Tagebuchrolle wehte, -- daß der Strom der

Zeit, um ihn den jetzt so hilflosen, weltmüden, kleinen Herrn Hauberrisser,

zu einem wahren Menschen zu erziehen, fast Doppelfiguren aus ihnen machte.

--

»Jetzt aber höre, was ich dir zu sagen habe:

Rüste dich für eine kommende Zeit!

Bald schlägt die Uhr der Welt die zwölfte Stunde; ihre Zahl auf dem

Zifferblatt ist rot und in Blut getaucht. Daran kannst du sie erkennen.

Der neuen ersten Stunde geht ein Sturmwind voraus.

Sei wach, damit er dich nicht schlafend finde, denn die mit geschlossenen

Augen hinübergehen in den heranbrechenden Tag, werden die Tiere bleiben,

die sie waren, und nicht mehr zu erwecken sein.

Es gibt auch eine geistige Tag- und Nachtgleiche. Die neue erste Stunde,

von der ich spreche, ist der Wendepunkt. In ihr gewinnt das Licht das

Gleichgewicht gegenüber der Dunkelheit.

Ein Jahrtausend und länger noch haben die Menschen gelernt, das Gesetz der

Natur zu durchschauen und sie sich dienstbar zu machen. Wohl denen, die den

_Sinn_ dieser Arbeit erfaßt und begriffen haben, daß das Gesetz des Innern

dasselbe wie das des Äußern ist nur um eine Oktave höher: sie sind zur

Ernte berufen, -- die andern bleiben ackernde Knechte, das Antlitz zur Erde

gebeugt.

Der Schlüssel zur Macht über die innere Natur ist verrostet seit der

Sintflut. Er heißt: -- -- Wachsein.

Wachsein ist alles.

Von nichts ist der Mensch so fest überzeugt wie davon, daß er wach sei;

dennoch ist er in Wirklichkeit in einem Netz gefangen, das er sich selbst

aus Schlaf und Traum gewebt hat. Je dichter dieses Netz, desto mächtiger

herrscht der Schlaf; die darein verstrickt sind, das sind die Schlafenden,

die durchs Leben gehen wie Herdenvieh zur Schlachtbank, stumpf,

gleichgültig und gedankenlos.

Die _Träumenden_ unter ihnen sehen durch die Maschen eine vergitterte Welt,

-- sie erblicken nur irreführende Ausschnitte, richten ihr Handeln darnach

ein und wissen nicht, daß diese Bilder bloß sinnloses Stückwerk eines

gewaltigen Ganzen sind. Diese »Träumer« sind nicht, wie du vielleicht

glaubst, die Phantasten und Dichter -- es sind die Regsamen, die Fleißigen,

Ruhelosen der Erde, die vom Wahn des Tun's Zerfressenen; sie gleichen

emsigen, häßlichen Käfern, die ein glattes Rohr emporklimmen, um von oben

-- hineinzufallen.

Sie wähnen wach zu sein, aber das, was sie zu erleben glauben, ist in

Wahrheit nur Traum, -- genau vorausbestimmt im kleinsten Punkt und

unbeeinflußbar von ihrem Willen.

Einige unter den Menschen hat's gegeben und gibt es noch, die _wußten_ gar

wohl, daß sie träumen, -- Pioniere, die bis zu den Bollwerken vorgedrungen

sind, hinter denen sich das ewig wache Ich verbirgt, -- Seher wie Goethe,

Schopenhauer und Kant, aber sie besaßen die Waffen nicht, um die Festung zu

_erstürmen_ und ihr Kampfruf hat die Schläfer nicht erweckt.

Wach sein ist alles.

Der erste Schritt dazu ist so einfach, daß jedes Kind ihn tun kann; nur der

Verbildete hat das Gehen verlernt und bleibt lahm auf beiden Füßen, weil er

die Krücken nicht missen will, die er von seinen Vorfahren geerbt hat.

Wach sein ist alles.

Sei wach bei allem, was du tust! Glaub nicht, daß du's schon bist. Nein, du

schläfst und träumst.

Stell dich fest hin, raff dich zusammen und zwing dich einen einzigen

Augenblick nur zu dem körperdurchrieselnden Gefühl: 'jetzt bin ich wach!'

Gelingt es dir, das zu empfinden, so erkennst du auch sogleich, daß der

Zustand, in dem du dich soeben noch befunden hast, dagegen wie Betäubung

und Schlaftrunkenheit erscheint.

Das ist der erste zögernde Schritt zu einer langen, langen Wanderung von

Knechttum zu Allmacht.

Auf diese Art geh' vorwärts von Aufwachen zu Aufwachen.

Es gibt keinen quälenden Gedanken, den du damit nicht bannen könntest; er

bleibt zurück und kann nicht mehr zu dir empor; du reckst dich über ihn, so

wie die Krone eines Baumes über die dürren Äste hinauswächst. --

Die Schmerzen fallen von dir ab wie welkes Laub, wenn du einmal so weit

bist, daß jenes Wachsein auch deinen Körper ergreift.

Die eiskalten Tauchbäder der Juden und Brahmanen, die Nachtwachen der

Jünger Buddha's und der christlichen Asketen, die Foltern der indischen

Fakire, um nicht einzuschlafen, -- sie alle sind nichts anderes als

erstarrte äußerliche Riten, die wie Säulentrümmer dem Suchenden verraten:

Hier hat in grauer Vorzeit ein geheimnisvoller Tempel des Erwachenwollens

gestanden.

Lies die heiligen Schriften der Völker der Erde: durch alle zieht sich wie

ein roter Faden die verborgene Lehre vom Wachsein; -- es ist die

Himmelsleiter Jakobs, der mit dem Engel des Herrn die ganze »Nacht«

gerungen hat, bis es »Tag« wurde und er den Sieg gewann.

Von einer Sprosse immer hellern und hellern Wachseins zur andern mußt du

steigen, wenn du den Tod überwinden willst, dessen Rüstzeug: Schlaf, Traum

und Betäubung sind.

Schon die unterste Sprosse dieser Himmelsleiter heißt: Genie; wie erst

sollen wir die höheren Stufen benennen! Sie bleiben der Menge unbekannt und

werden für Legenden gehalten. -- Auch die Geschichte von Troja galt

jahrhundertelang als Sage, bis endlich einer den Mut fand -- und grub

selber nach.

Auf dem Wege zum Erwachen wird der erste Feind, der sich dir

entgegenstellt, dein eigner Körper sein. Bis zum ersten Hahnenschrei wird

er mit dir kämpfen; erblickst du aber den Tag des ewigen Wachseins, der

dich fernrückt von den Nachtwandlern, die da glauben, die seien Menschen,

und nicht wissen, daß sie schlafende Götter sind, dann verschwindet für

dich auch der Schlaf des Körpers und das Weltall ist dir untertan.

Dann kannst du Wunder tun, wenn du willst, und mußt nicht wie ein

wimmernder Sklave demütig harren, bis es einem grausamen Götzen gefällig

ist, dich zu beschenken oder -- dir den Kopf abzuschlagen.

Freilich, das Glück des treuen, wedelnden Hundes: einen _Herrn_ über sich

zu kennen, dem er dienen darf -- dieses Glück wird für dich zerschellen, --

aber frag' dich selbst, würdest du als der Mensch, der du jetzt noch bist,

mit deinem Hunde tauschen?

Laß dich nicht abschrecken durch die Angst, das Ziel in _diesem_ Leben

vielleicht nicht erreichen zu können! -- Wer unsern Weg einmal betreten

hat, der kommt immer wieder auf die Welt in einer innern Reife, die ihm die

Fortsetzung seiner Arbeit ermöglicht, -- er wird als »Genie« geboren.

Der Pfad, den ich dir weise, ist besät mit wundersamen Erlebnissen: Tote,

die du im Leben gekannt hast, werden vor dir aufstehen und mit dir reden!

-- Es sind nur Bilder! -- Lichtgestalten, glanzumflossen und beseligend,

werden dir erscheinen und dich segnen. -- Es sind nur Bilder --

Hauchformen, von deinem Körper ausgesendet, der unter dem Einfluß deines

verwandelnden Willens den magischen Tod stirbt und aus Stoff zu Geist wird,

gleich wie starres Eis, vom Feuer getroffen, sich in formenballenden Dunst

auflöst.

Erst wenn du alles Kadaverhafte von ihm abgestreift hast, kannst du sagen:

jetzt ist der Schlaf für immer von mir gewichen.

Dann aber ist das Wunder vollbracht, das die Menschen nicht glauben können,

-- weil sie, durch ihre Sinne betrogen, nicht begreifen, daß Stoff und

Kraft dasselbe ist, -- jenes Wunder: daß, wenn man dich auch begräbt, keine

Leiche im Sarge liegt.

Dann erst, nicht früher, wirst du Wesenhaftes vom Schein trennen können;

wem du _dann_ begegnest, kann nur einer sein, der vor dir den Weg gegangen

ist. -- Alle andern sind Schatten.

Bis dahin bleibt es ungewiß auf Schritt und Tritt, ob du das glücklichste

oder das unglücklichste der Wesen wirst. -- Aber fürchte dich nicht --:

noch ist keiner, der den Pfad des Wachseins betreten hat, auch wenn er in

der Irre ging, von den Führern verlassen worden.

Ein Merkmal will ich dir sagen, an dem du erkennen kannst, ob eine

Erscheinung, die du hast, wesenhaft ist oder ein Trugbild: Wenn sie vor

dich tritt und dein Bewußtsein ist getrübt, und die Dinge der Außenwelt

sind für dich verschwommen oder verschwunden, dann traue nicht! Sei auf der

Hut! Es ist ein Stück von dir. Wenn du das Gleichnis nicht errätst, das es

in sich birgt, ist es nur ein Gespenst ohne Bestand -- ein Schemen, ein

Dieb, der von deinem Leben zehrt.

Die Diebe, die die Kraft der Seele stehlen, sind schlimmer als die Diebe

der Erde. Sie locken dich wie Irrlichter in die Moräste einer trügerischen

Hoffnung, um dich in der Finsternis allein zu lassen und für immer zu

verschwinden.

Laß dich durch kein Wunder blenden, das sie scheinbar für dich tun, durch

keinen heiligen Namen, den sie annehmen, durch keine Prophezeiung, die sie

aussprechen, auch nicht, wenn sie in Erfüllung geht, -- sie sind deine

Todfeinde, von der Hölle deines eignen Körpers ausgespien, mit dem du um

die Herrschaft ringst.

Wisse, daß die wunderbaren Kräfte, die sie besitzen, deine eignen sind, --

von ihnen entwendet, um dich in Sklaverei zu erhalten; -- sie können nicht

leben, außer von _deinem_ Leben, aber wenn du sie überwindest, sinken sie

zu stummen, gehorsamen Werkzeugen herab, die du nach deinem Willen

handhaben kannst.

Unzählig sind die Opfer, die sie unter den Menschen gefordert haben; lies

die Geschichte der Visionäre und Sektierer und du wirst erkennen, daß der

Pfad der Beherrschung, den du wandelst, mit Totenschädeln bedeckt ist.

Die Menschheit hat sich unbewußt eine Mauer gegen sie gebaut: -- den

Materialismus. Diese Mauer ist ein unfehlbarer Schutz, -- sie ist ein

Sinnbild des Körpers, aber sie ist zugleich auch eine Kerkermauer, die den

Ausblick hemmt.

Heute, wo sie langsam zerbröckelt und der Phönix des innern Lebens aus

seiner Asche, in der er lange Zeit wie tot gelegen, mit neuen Schwingen

wieder aufersteht, regen auch die Aasgeier einer andern Welt die Flügel.

Darum hüte dich. Die Wagschale, in die du dein Bewußtsein legst, zeigt dir

allein an, wann du Erscheinungen trauen darfst; je wacher es ist, desto

tiefer neigt sie sich zu deinen Gunsten.

Will dir ein Führer, ein Helfer, oder ein Bruder aus einer geistigen Welt

erscheinen, so muß er es können, auch ohne dein Bewußtsein zu plündern; du

darfst, wie der ungläubige Thomas, deine Hand in seine Seite legen.

Es wäre ein Leichtes, den Erscheinungen und ihren Gefahren _auszuweichen_:

-- du brauchst nur zu sein wie ein gewöhnlicher Mensch. -- Aber was ist

damit gewonnen? Du bleibst ein Gefangener im Kerker deines Leibes, bis der

Henker »Tod« dich zum Richtblock schleppt.

Die Sehnsucht der Sterblichen, die Gestalten der Überirdischen zu schauen,

ist ein Schrei, der auch die Phantome der Unterwelt weckt, weil eine solche

Sehnsucht nicht rein ist -- weil sie Habgier ist statt Sehnsucht, weil sie

»nehmen« will in irgendeiner Form, statt zu schreien, um das »geben« zu

lernen.

Jeder, der die Erde als ein Gefängnis empfindet, jeder Fromme, der nach

Erlösung ruft, -- sie alle beschwören unbewußt die Welt der Gespenster.

Tu du es auch. Aber: bewußt!

Ob es für Jene, die es unbewußt tun, eine unsichtbare Hand gibt, die die

Sümpfe, in die sie geraten müssen, in Eilande verzaubern kann? Ich weiß es

nicht. Ich will nicht streiten, -- -- aber ich glaub's nicht.

Wenn du auf dem Wege des _Erwachens_ das Reich der Gespenster durchquerst,

wirst du allmählich erkennen, daß es nur Gedanken sind, die du plötzlich

mit den Augen sehen kannst. Das ist der Grund, weshalb sie dir fremd und

wie Wesen erscheinen; denn die Sprache der Formen ist anders als die

Sprache des Gehirns.

_Dann_ ist der Zeitpunkt gekommen, wo sich die seltsamste Wandlung

vollzieht, die dir geschehen kann: aus den Menschen, die dich umgeben,

werden -- Gespenster werden. Alle, die dir lieb gewesen, werden plötzlich

Larven sein. Auch dein eigner Leib.

Es ist die furchtbarste Einsamkeit, die sich ausdenken läßt, -- ein Pilgern

durch die Wüste, und wer die Quelle des Lebens in ihr nicht findet,

verdurstet.

Alles, was ich dir hier gesagt habe, steht auch in den Büchern der Frommen

jedes Volkes: das Kommen eines neuen Reiches, das Wachen, die Überwindung

des Körpers und die Einsamkeit, -- und doch trennt uns von diesen Frommen

eine unüberbrückbare Kluft: sie glauben, daß ein Tag naht, an dem die Guten

in das Paradies eingehen und die Bösen in den Höllenpfuhl geworfen werden,

-- wir _wissen_, daß eine Zeit kommt, wo Viele erwachen werden und von den

Schlafenden getrennt sein wie die Herren von den Sklaven, weil die

Schlafenden die Wachen nicht begreifen können, -- wir wissen, daß es kein

Böse und kein Gut gibt, sondern nur ein 'Falsch' und ein 'Richtig'; -- sie

_glauben_, daß »wachen« ein Offenhalten der Sinne und Augen und ein

Aufbleiben des Körpers während der Nacht sei, damit der Mensch Gebete

verrichten könne, -- wir _wissen_, daß das »Wachen« ein Aufwachen des

unsterblichen Ich's bedeutet und die Schlummerlosigkeit des Leibes eine

natürliche Folge davon ist; -- sie _glauben_, der Körper müsse

vernachlässigt werden und verachtet, weil er sündig sei; wir _wissen_: es

gibt keine Sünde, der Körper ist der Anfang, mit dem wir zu beginnen haben,

und wir sind auf die Erde herabgestiegen, um ihn in Geist zu verwandeln; --

sie _glauben_, man solle mit dem _Leib_ in die Einsamkeit gehen, um den

Geist zu läutern; wir _wissen_, daß zuerst unser _Geist_ in die Einsamkeit

gehen muß, um den Leib zu verklären.

Bei dir allein steht es, deinen Weg zu wählen -- ob unsern oder jenen. Es

soll dein freier Wille sein.

Ich darf dir nicht raten; es ist heilsamer, aus eigenem Entschluß eine

bittere Frucht zu pflücken, als auf fremden Rat eine süße auf dem Baume --

hängen zu sehen.

Nur mach's nicht wie die vielen, die da wohl wissen, es steht geschrieben:

'Prüfet alles und das Beste behaltet' -- aber hingehen, nichts prüfen und

das -- Erstbeste behalten.«

* * * * *

Die Seite war zu Ende und das Thema brach ab.

Hauberrisser glaubte nach einigem Suchen, den anschließenden Teil gefunden

zu haben. Der Unbekannte, an den das Schriftstück gerichtet war, schien

sich zu dem »heidnischen Wege der Gedankenbeherrschung« entschlossen zu

haben, denn der Verfasser der Rolle fuhr auf einem neuen Blatt, das die

Überschrift trug:

=Der Phönix=

folgendermaßen fort:

»Mit dem heutigen Tage bist du aufgenommen in unsere Gemeinschaft und ein

neuer Ring in der Kette, die von Ewigkeit zu Ewigkeit reicht.

Damit erlischt mein Amt und geht in die Hände eines Andern über, den du

nicht sehen kannst, solange deine Augen noch der Erde gehören.

Er ist unendlich fern von dir und dennoch dicht in deiner Nähe; er ist

nicht räumlich von dir getrennt und dennoch weiter weg als die äußersten

Grenzen des Weltalls; du bist von ihm umgeben, wie ein Mensch, der im Ozean

schwimmt, von Wasser, aber du nimmst ihn nicht wahr, -- so wie der

Schwimmer das Salz nicht schmeckt, das das Meer durchdringt, wenn die

Nerven seiner Zunge tot sind.

Unser Sinnbild ist der Phönix, das Symbol der Verjüngung -- der sagenhafte

ägyptische Adler des Himmels mit rotem und goldenem Gefieder, der sich in

seinem Nest aus Myrrhen verbrennt und immer neu aus der Asche ersteht.

Ich habe dir gesagt, der Anfang des Weges ist der eigene Körper; wer das

weiß, kann jeden Augenblick die Wanderung beginnen.

Ich will dich jetzt die ersten Schritte lehren:

Du mußt dich vom Leibe trennen, aber nicht, als wolltest du ihn verlassen:

-- du mußt dich von ihm lösen, wie jemand, der Licht von Wärme scheidet.

Schon hier lauert der erste Feind.

Wer sich vom Körper _losreißt_, um durch den Raum zu fliegen, der geht den

Weg der Hexen, die nur einen gespenstischen Leib aus dem groben, irdischen

herausgezogen haben und auf ihm wie auf einem Besen zur Walpurgisnacht

reiten.

Die Menschheit hat sich aus richtigem Instinkt eine Brustwehr gegen diese

Gefahr errichtet, indem sie ein Lächeln über die Möglichkeit solcher Künste

bereit hält. -- _Du_ brauchst als Schutz den Zweifel nicht mehr -- _du_

hast in dem, was ich dir gegeben habe, ein besseres Schwert. Die Hexen

glauben, auf dem Sabbat des Teufels zu sein, und in Wirklichkeit liegt ihr

Körper bewußtlos und starr in der Kammer. Sie vertauschen bloß die irdische

Wahrnehmung gegen eine geistige -- sie verlieren das Bessere, um das

Schlechtere zu gewinnen; -- es ist ein Ärmerwerden statt ein Reichersein.

Schon daraus siehst du, daß es nicht der Weg des Erwachens sein kann. -- Um

zu begreifen, daß du nicht dein Körper bist, -- wie die Menschen von sich

wähnen, -- mußt du erkennen, mit welchen Waffen er kämpft, um die

Herrschaft über dich zu behaupten. -- Jetzt stehst du freilich noch so tief

in seiner Gewalt, daß dein Leben erlischt, wenn sein Herz aufhört zu

schlagen, und du in Nacht versinkst, sobald er die Augen schließt. Du

glaubst, du könntest ihn bewegen, -- es ist eine Täuschung: nein, er bewegt

sich und nimmt nur deinen Willen zu Hilfe. Du glaubst, du schaffst

Gedanken: nein, er schickt sie dir, damit du meinst, sie kämen von dir, und

alles tust, was er will.

Setz' dich aufrecht hin und nimm dir vor, kein Glied zu rühren, mit keiner

Wimper zu zucken und regungslos zu bleiben wie eine Bildsäule, und du wirst

sehen, daß er haßentbrannt augenblicklich über dich herfällt und dich

zwingen will, ihm wieder untertan zu sein. -- Mit tausend Waffen wird er

auf dich losstürzen, bis du ihm wieder erlaubst, sich zu bewegen. -- An

seiner grimmigen Wut und der überstürzten Kampfesweise, mit der er Pfeil

auf Pfeil auf dich abschießt, kannst du ersehen, wenn du schlau bist, wie

bange ihm um seine Herrschaft sein muß und wie groß deine Macht, daß er

sich so vor dir fürchtet.

Aber es steckt dabei noch eine List von ihm dahinter: er will dich glauben

machen, daß hier, im äußern Willen, die Entscheidungsschlacht um das

Szepter geschlagen wird; nein, es sind nur Scharmützel, die er dich, wenn's

sein muß, gewinnen läßt, um dich dann um so tiefer unter's Joch zu beugen.

Diejenigen, die solches Geplänkel gewinnen, werden die ärmsten Sklaven --

sie dünken sich Sieger und tragen auf der Stirn das Schandmal: 'Charakter'.

Deinen Körper zu bändigen, ist nicht der Zweck, den du verfolgst. Wenn du

ihm verbietest, sich zu bewegen, so sollst du es nur deshalb tun, damit du

die Kräfte kennen lernst, über die er gebietet. Es sind Heerscharen, fast

unüberwindlich durch ihre Zahl. Er wird sie gegen dich in den Kampf

schicken, eine nach der andern, wenn du nicht nachläßt, mit dem so einfach

scheinenden Mittel des Stillsitzens: zuerst die rohe Gewalt der Muskeln,

die beben und zittern wollen, -- das Sieden des Blutes, das dir den Schweiß

ins Gesicht treibt, -- das Hämmern des Herzens, -- das Frösteln der Haut,

bis dein Haar sich sträubt, -- das Schwanken des Leibes, das dich

durchfährt, -- als habe die Schwerkraft die Achse verändert, -- sie alle

kannst du besiegen, -- scheinbar durch den Willen -- dennoch ist es nicht

der Wille allein: es ist in Wahrheit bereits ein höheres Wachsein, das

unsichtbar hinter ihm steht in der Tarnkappe.

Auch dieser Sieg ist wertlos; selbst, wenn du Herr würdest über Atmung und

Herzschlag, wärest du nur ein Fakir -- ein 'Armer' auf deutsch.

Das grüne Gesicht: Ein Roman · 第 23 / 38 题