Der Morgen und ein tiefer Schlaf brachten die Beruhigung, welche die
Trostworte nicht gebracht hatten. Im Köpfchen der zärtlichen Phyllis
tauchten heiterere Gedanken und Pläne auf. Sie erklärte Nektanebes genau,
wie er zum Hause des grausamen Pankratius gehen und die täuschende
Nachricht erfinden solle, dass ihr Tod bereits eingetreten sei; dabei
sollte er beobachten, um es ihr mitzuteilen, wie dessen schönes Gesicht mit
dem unwandelbaren Hauche von Langeweile sich verändern werde, wenn er ihm
zur Bestätigung seines Berichtes den angeblich in den Falten der Gewänder
der Ertrunkenen gefundenen Zettel und den gestreiften Schleier übergeben
werde. Sie klatschte in die Hände, als sie den Abschiedsbrief beendet
hatte, und drängte voll Erregung und Freude den Alten zu Eile. Der Bote
musste nicht wenig Strassen durchwandern, ehe er das kleine, aber
wohleingerichtete Landhaus des Pankratius erreichte. Als man den alten
Fischer zu ihm hineinführte, war der junge Herr des Hauses damit
beschäftigt mit einem hochgewachsenen Knaben in himmelblauem leichtem
Gewande Ball zu spielen. Als er hörte, dass der Brief von Phyllis komme,
deren Garten sich zum Flusse hinabzieht, fragte er, ohne das Siegel zu
erbrechen und seine dunklen eingelegten Locken ordnend: »Hat dich die
Herrin selbst gesandt?«
»Nein, aber es war ihr Wunsch diesen Brief in deinen Händen zu sehen.«
»Es ist ohne Zweifel ihre Handschrift, lasset sehen, was dieses liebe
Schreiben uns bringt.«
Ein Lächeln umspielte noch die Lippen des Jünglings, als er den letzten
Brief des Mädchens zu lesen begann, aber allmählich verfinsterte sich seine
Stirn, die Brauen hoben sich, die Lippen pressten sich zusammen und seine
Stimme klang erregt und rauh, als er, den Brief in sein Gewand bergend,
fragte: »Ist es Wahrheit was in diesem Briefe steht?«
»Ich weiss nicht, was die arme Herrin geschrieben hat, aber dieses, das
habe ich mit eigenen Augen gesehen« -- und er liess jetzt den geschickt
erfundenen, übrigens zur Hälfte der Wahrheit entsprechenden Bericht vom
angeblichen Tode der Phyllis folgen. Der Schleier, von dem Pankratius
bestimmt wusste, dass er dem Mädchen gehöre, überzeugte ihn vollends von
der Wahrheit der traurigen Erfindung, und nachdem er den Fischer, reich
belohnt, entlassen hatte, kehrte er zerstreut zum Ballspiel mit dem
hochgewachsenen Knaben zurück, das ihn täglich zwischen Bad und Mahl zu
beschäftigen pflegte.
Phyllis hatte sich hinter der niederen Tür versteckt und wartete lange auf
die Rückkehr ihres Wirtes, während sie den Arbeiten in den Gemüsegärten
zusah, bis die Sonne schon begann unterzugehen und die Schwalben schreiend
ganz niedrig dahinschossen, dass sie mit den Flügeln fast das stille Wasser
streiften. Endlich hörte sie das Geräusch der Kiesel, die unter den Füssen
des bergansteigenden Alten hinunterrollten.