2. Juni 172*.

Ihr habet wohl geglaubt, liebe Tante, dass ich schon tot sei, als Ihr so

viele Monde keinen Brief von mir erhieltet. Zum Unglück bin ich noch am

Leben. Ich will ruhig alles erzählen, was vorgefallen ist. Jacques ist

nicht da, möge Gott ihm seine Bosheit vergeben, wie er uns von den Ränken

Satans erlöst hat. Am 22. Mai kam ich mit einem Kinde, einem Knaben,

nieder. Aber, allgütiger Gott, was war das für ein Kind: ganz behaart war

es, ohne Augen, mit deutlich sichtbaren Hörnern auf dem Kopfe. Man

fürchtete für mein Leben, als ich mein Kind zu sehen bekam. Mein Kind, wie

schrecklich! Desungeachtet wurde beschlossen, es nach dem Ritus der

heiligen katholischen Kirche zu taufen. Während des heiligen Sakramentes

fing das für die Taufe vorbereitete Wasser zu dampfen an, es erhob sich ein

fürchterlicher Gestank, und als die Anwesenden, nachdem der ätzende Dampf

sich verzogen hatte, die Augen wieder öffnen konnten, erblickten sie im

Taufbecken, statt des Kindes, einen grossen schwarzen Rettich. Mögen wir

vor den Ränken Satans verschont bleiben. Könnet Ihr Euch den ganzen Kummer,

das ganze Entsetzen und die Freude darüber vorstellen, dass wir nicht

völlig ins Verderben gestürzt worden sind. Als man mir alles erzählte, was

in der Kirche vorgefallen, war ich wie wahnsinnig. Bei uns wurde eine Messe

gelesen und jeden Tag wird mit geweihtem Wasser gesprengt. Für mich werden

Gebete um Austreibung böser Geister gelesen. Père Vital riet meinen

Organismus vom bösen Samen zu reinigen . . . . . . . . . . . . . . . . . .

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ihr würdet mich

nicht wiedererkennen, liebe Tante, so habe ich mich in dieser Zeit

verändert. Nicht jeden trifft ein solches Unglück. Aber Gott erhalte alle,

die ihre Zuversicht auf ihn setzen. Lebet wohl usw.

Eure Euch liebende

Claire Valmont.

* * * * *

Geschichten(#41305) · 第 51 / 73 题