Es ist wahr, dass ein Unglück niemals allein kommt! Mama bemerkte gestern
meine Taille und fing an mich auszufragen und ich gestand alles. Ihr könnt
Euch Mamas Kummer, Papas Zorn vorstellen. Er schlug mich ins Gesicht und
sagte: »Ich habe nie geglaubt, eine Dirne zur Tochter zu bekommen«, dann
ging er fort und warf die Tür zu. Mama tröstete sich unter Tränen selbst,
so gut sie konnte. Wie Ihr mir fehlet, liebe Tante, Eure Liebkosungen, Euer
Rat. Jetzt gehe ich nirgendwohin aus und ich werde keine Gelegenheit haben
Euern Mantel einzuweihen. Aber schrecklicher, als alles, ist, dass Jacques
unsverlassen hat. Ich bin überzeugt, dass er sich in seine Stadt aufgemacht
hat, um den Segen seiner Eltern zu erbitten; wie dem aber auch sein möge,
er ist nicht da, und meine Langeweile und Niedergeschlagenheit wird durch
seine Abwesenheit nur noch grösser. Mir scheint, dass alle von meiner
Schande wissen, und ich fürchte mich ans Fenster zu treten; ich nähe ohne
zu rasten, obgleich es mir jetzt schon schwerfällt lange gebückt zu sitzen.
Ja, eine schwere Zeit ist für mich gekommen. Wie das Lied singt:
»Plaisir d'amour dure qu'un moment,
Chagrin d'amour dure toute la vie.«
Lebet wohl usw.
Eure Euch liebende
Claire.