6. Dezember 172*.

Es ist wahr, dass ein Unglück niemals allein kommt! Mama bemerkte gestern

meine Taille und fing an mich auszufragen und ich gestand alles. Ihr könnt

Euch Mamas Kummer, Papas Zorn vorstellen. Er schlug mich ins Gesicht und

sagte: »Ich habe nie geglaubt, eine Dirne zur Tochter zu bekommen«, dann

ging er fort und warf die Tür zu. Mama tröstete sich unter Tränen selbst,

so gut sie konnte. Wie Ihr mir fehlet, liebe Tante, Eure Liebkosungen, Euer

Rat. Jetzt gehe ich nirgendwohin aus und ich werde keine Gelegenheit haben

Euern Mantel einzuweihen. Aber schrecklicher, als alles, ist, dass Jacques

unsverlassen hat. Ich bin überzeugt, dass er sich in seine Stadt aufgemacht

hat, um den Segen seiner Eltern zu erbitten; wie dem aber auch sein möge,

er ist nicht da, und meine Langeweile und Niedergeschlagenheit wird durch

seine Abwesenheit nur noch grösser. Mir scheint, dass alle von meiner

Schande wissen, und ich fürchte mich ans Fenster zu treten; ich nähe ohne

zu rasten, obgleich es mir jetzt schon schwerfällt lange gebückt zu sitzen.

Ja, eine schwere Zeit ist für mich gekommen. Wie das Lied singt:

»Plaisir d'amour dure qu'un moment,

Chagrin d'amour dure toute la vie.«

Lebet wohl usw.

Eure Euch liebende

Claire.

Geschichten(#41305) · 第 50 / 73 题