Teures Tantchen, ich wünsche Euch von ganzem Herzen Glück zu Eurem
Geburtstage (es ist doch schon das neunundsechzigste Lebensjahr, in das Ihr
tretet!) und wünsche Euch ihn mit weniger dunkeln, weniger gemischten
Gefühlen zu begehen, als ich sie eben habe. Ach, Tante, Tante. Ich bin so
gewöhnt Euch alles zu schreiben, dass es mir viel leichter fällt Euch ein
Geständnis abzulegen, als Père Vital, unserem Beichtvater, den ich doch
bloss einige Monate kenne. Wie soll ich beginnen? Und womit? Ich zittere,
wie ein kleines Mädchen, und nur die Erinnerung an Euer liebes, gutes
Gesicht, das Bewusstsein, dass ich für Tante Rosalie immer noch dieselbe
kleine Claire bin, verleiht mir Mut. Entsinnet Ihr Euch, dass ich Euch von
Jacques Mobert schrieb, nun also, Tante, ich liebe ihn. Erinnert Euch an
Eure Jugendzeit, an Regensburg, an den jungen Heinrich von Monschein und
geht nicht zu streng ins Gericht mit Eurer armen Claire, die dem Zauber der
Liebe nicht widerstanden hat . . . . Er hat versprochen Vater alles zu
sagen und mich nach Weihnachten zu heiraten, aber zu Hause argwöhnt niemand
etwas und bitte verratet mich nicht. Wie mir leichter geworden ist, seit
ich Euch gestanden habe. Ich liebe besonders seine Augen, die so gross
sind, wenn er küsst, und dann pflegt er sich mit den Augenbrauen an meine
Wangen zu reiben, was bezaubernd angenehm ist.