2. Oktober 172*

Teures Tantchen, ich wünsche Euch von ganzem Herzen Glück zu Eurem

Geburtstage (es ist doch schon das neunundsechzigste Lebensjahr, in das Ihr

tretet!) und wünsche Euch ihn mit weniger dunkeln, weniger gemischten

Gefühlen zu begehen, als ich sie eben habe. Ach, Tante, Tante. Ich bin so

gewöhnt Euch alles zu schreiben, dass es mir viel leichter fällt Euch ein

Geständnis abzulegen, als Père Vital, unserem Beichtvater, den ich doch

bloss einige Monate kenne. Wie soll ich beginnen? Und womit? Ich zittere,

wie ein kleines Mädchen, und nur die Erinnerung an Euer liebes, gutes

Gesicht, das Bewusstsein, dass ich für Tante Rosalie immer noch dieselbe

kleine Claire bin, verleiht mir Mut. Entsinnet Ihr Euch, dass ich Euch von

Jacques Mobert schrieb, nun also, Tante, ich liebe ihn. Erinnert Euch an

Eure Jugendzeit, an Regensburg, an den jungen Heinrich von Monschein und

geht nicht zu streng ins Gericht mit Eurer armen Claire, die dem Zauber der

Liebe nicht widerstanden hat . . . . Er hat versprochen Vater alles zu

sagen und mich nach Weihnachten zu heiraten, aber zu Hause argwöhnt niemand

etwas und bitte verratet mich nicht. Wie mir leichter geworden ist, seit

ich Euch gestanden habe. Ich liebe besonders seine Augen, die so gross

sind, wenn er küsst, und dann pflegt er sich mit den Augenbrauen an meine

Wangen zu reiben, was bezaubernd angenehm ist.

Geschichten(#41305) · 第 48 / 73 题