Dreizehntes Kapitel

Eines Morgens, während unserer Beschäftigungen, sagte mir Ambrosio ernst

und aufrichtig, dass er uns bald verlassen werde und mich mitnehmen könne,

dass die beiden Damen jedoch mit der alten Ursula nach Ferrara ziehen

sollten. Er, Scalzarocca, selbst werde von einem deutschen Herzog, als

astrologischer Rat und Maitre de plaisir an dessen Hof geladen und in den

nächsten Tagen träfen die Abgesandten des Herzogs ein, um ihn abzuholen.

Hierauf entfernte er sich ins Laboratorium. Da Ursula die Maschine drehte,

so benutzte ich die freie Zeit, um einem Duett der Damen, die auf dem Sofa

sassen, zuzuhören. Meine Träume von der bevorstehenden Reise, von

Elixieren, Horoskopen, von Geld, von in der Ferne winkender Grösse wurden

durch einen fürchterlichen Knall unterbrochen, der das ganze Haus

erschütterte.

»Was ist das?!« riefen beide Damen, vom Sofa aufspringend, aus.

»Das war oben!« entgegnete ich, erbleichend.

»Zu Hilfe! Der Herr, der Herr!« schrie Ursula, die in der Tür zum

Ablegeraum erschien. Ich befahl ihr zu schweigen und eilte die Treppe

hinauf an die verschlossene Tür:

»Signor, Signor! Was ist mit Euch geschehen?« rief ich und trommelte mit

den Fäusten an die Tür, hinter der nur ein atemraubender Geruch

hervorquoll. Ausserstande, die eisenbeschlagene Tür aufzubrechen, stieg ich

auf einen Stuhl und sah durch das Fenster im Rauche, der das ganze Zimmer

erfüllte, Signor Ambrosio am Boden ausgestreckt daliegen. Das Fenster

einschlagen, durch das ätzender Qualm herausdrang, und ins Zimmer springen,

war das Werk eines Augenblicks. Scalzarocca lag mit verbranntem Gesicht,

ganz in Rauch gehüllt, neben einer gesprungenen Retorte, er war ohne

Zweifel tot. Es wurde an die Tür geklopft und als ich von innen mit dem

Schlüssel öffnete und hinaustrat, flüsterte Ursula entsetzt:

»Die Abgesandten des Herzogs!«

Ich war nahe daran, in Ohnmacht zu fallen, aber plötzlich erfüllte

Entschlossenheit meinen Verstand mit kalter Ruhe. Ich verschloss die Tür,

befahl Ursula zu schweigen und stieg wichtig und langsam die Treppen zu den

rosigen jungen Deutschen hinunter.

»Ihr seid vom Herzog Ernst Johann nach mir gesandt?« fragte ich ruhig. Die

Deutschen verbeugten sich und begannen gleichzeitig:

»Wir haben die Ehre mit . . .?«

»Ja, Ihr sprechet mit dem berühmten Ambrosius, Petrus, Hieronymus

Scalzarocca.«

»Aber, ehrenwerter Herr, man sagte uns . . . machte uns auf Eure Jahre

aufmerksam . . . .«

»Am Tage der heiligen Jungfrau Praxedis, den einundzwanzigsten Juli, werde

ich fünfundvierzig Jahre alt werden,« sagte ich würdevoll und lächelte

träumerisch vor mich hin. Als ich den zweifelnden Blick der Deutschen

gewahrte, fügte ich, auf die an der Tür herumstehende Ursula weisend,

hinzu: »Diese Frau wird Euch meine Worte bestätigen. Dem Weisen

erschliessen sich alle Geheimnisse der Natur, und selbst die Jahre haben,

wie Gift und Verleumdung, keine Macht über ihn.«

Die Deutschen hörten mit halboffenem rosigem Munde ehrfurchtsvoll zu,

während der ätzende Rauch aus Scalzaroccas Laboratorium in einem feinen

Streifen sich an der Oberlage hinzog.

Geschichten(#41305) · 第 34 / 73 题