Zwölftes Kapitel

Eines Morgens befahl mir Signor Ambrosio mich anzukleiden und ihm in die

nächste Kirche zu folgen. Er sagte mir:

»Aimé, ich werde Euch ein grosses Geheimnis enthüllen, welches das Glück

Eures Lebens werden kann; vorher jedoch muss ich Gewissheit haben, dass Ihr

dieses Geheimnis niemand verraten werdet, deshalb werdet Ihr mir vor dem

Altar ein Schriftstück vorlesen, das ich bei mir in der Tasche trage.«

Die gewisse Feierlichkeit, mit der diese einleitenden Worte vorgetragen

wurden, die halbdunkele Kirche mit ihren wenigen Betern, der erste Ausgang

nach ziemlich langer Zimmerhaft, das alles hatte mich selbst in gehobene

Stimmung versetzt. In der Kirche, beim Altar, wo die ewige Lampe vor den

geweihten Gaben des heiligen Abendmahles brannte, las ich das Folgende:

»Ich, Jean, Aimé, Ulysse, Bartholomé schwöre vor unserem Herrn Jesus

Christus, seiner heiligen Mutter, der heiligen Jungfrau Maria und allen

Heiligen, ewiges Schweigen darüber zu bewahren, was ich vom ehrenwerten

Signor Ambrosio, Pietro, Ieronymo Scalzarocca erfahren werde, und niemand,

weder Bruder, noch Vater, noch Sohn, noch Mutter, noch Schwester, noch

Tochter, noch Onkel, noch Neffen, noch sonst einem Verwandten oder einer

Verwandten, keinem Freunde, keinem Manne und keiner Frau dasselbe eröffnen,

noch mit mir selber, weder mündlich noch schriftlich darüber sprechen, auch

nicht sagen werde: »ich könnte etwas erzählen, wenn ich nicht durch ein

Versprechen gebunden wäre«, oder: »ich weiss etwas«, oder andere

Andeutungen machen werde. Möge Gottes Strafe mich, als einen Eidbrüchigen,

treffen, möge ich der Seligkeit des Paradieses verlustig gehen, wenn ich

diesen Schwur nicht halte, den ich vor den geweihten Gaben des heiligen

Abendmahles, dem unbefleckten Leibe des Herrn, leiste, am Tage der

Märtyrer, der Päpste Clytus und Marcellinus, im Monat Aprilis, am

sechsundzwanzigsten Tage, zu Venedig. Amen. Das zu halten gelobe ich, Jean,

Aimé, Ulysse, Bartholomé. Und alles das ist wahr, wie die ewige Seligkeit

der gerechten Seelen und die ewigen Martern der reuelosen Sünder wahr sind.

Amen, amen, amen.«

Wir gingen schweigend nach Hause. Nachdem Signor Ambrosio mich in ein

kleines dunkeles Zimmer, eine Art Ablegeraum, geführt hatte, zündete er

eine Laterne an. Ich erblickte eine ganze Kette von Rädern, Hebeln, Achsen,

die allem Anschein nach auf irgendeine geheime Art mit dem Nebenzimmer in

Zusammenhang gebracht waren. Die alte Ursula setzte diese Räder mit grosser

Anstrengung mittels eines Griffes in Bewegung, wobei ihr der Schweiss in

Strömen von der Stirn floss. Ambrosio begann wieder mit einer gewissen

Wichtigkeit auf dem pockennarbigen Gesichte:

»Höre, Aimé, ich teile mein grösstes Geheimnis mit dir. Siehst du, diese

ganze Anlage ist ein Schritt zum grossen Perpetuum mobile; jedoch der

letzte Schritt ist noch nicht getan. Noch fehlt dem grössten Werke des

menschlichen Genius die Krone. Den Leuten aber, deren Spott kleinmütig

macht, will ich das Werk bereits in der äusseren Gestalt seiner künftigen

Vollkommenheit zeigen. Einstweilen ersetzen deshalb meine eigenen Hände,

die schwachen Arme dieser alten, mir ergebenen Frau, und von jetzt ab auch

die deinen, mein Sohn, den ewigen Stoss der Bewegung.« Er umarmte mich

begeistert, während die schweisstriefende Ursula leise stöhnte.

Bald hatte ich alles erfahren: die Signorine, Bianca und Catharina, waren

Hellseherinnen, die täglich von Signor Scalzarocca in magischen Schlaf

versenkt wurden, der bekanntlich die menschlichen Fähigkeiten so

wundersamer Weise schärft. Diese ihre Fähigkeit benutzte Scalzarocca zu

Wahrsagungen und zur Beantwortung von allen möglichen Fragen. Ausser dieser

Beschäftigung und der mit dem Perpetuum mobile, trieb er noch Alchemie, zu

welchem Zwecke er sich täglich für zwei, drei Stunden ganz allein, selbst

ohne mich, den er doch in die Elemente der Magie und der Stellung des

Horoskopes einzuführen begonnen hatte, in ein entlegenes Zimmer zurückzog.

Ich kam selten aus dem Hause. Bald musste ich das Perpetuum mobile drehen,

bald sass ich bei den Damen oder las im Albertus Magnus.

Geschichten(#41305) · 第 33 / 73 题