Achtes Kapitel

Ich hatte mich davon überzeugt, wie wenig ein Frauenkleid vor Zufällen

schützt, deshalb war ich zuallererst darauf bedacht das meinige

loszuwerden. Nachdem ich es sorgsam im Gebüsch an der Heerstrasse versteckt

hatte, begann ich, als wäre ich bis aufs Hemd ausgeraubt worden, laut um

Hilfe zu rufen, bis ein vorüberfahrender Bauer mich zu sich nach Hause

mitnahm und mir ein Paar alte Hosen und ein ahgetragenes Kamisol schenkte.

Beim Bauern traf ich einen Kaufmann aus Venedig, der gerührt von meiner

Lage und, glaub ich, auch von meinem Äusseren, mir vorschlug ihn nach

Venedig zu begleiten, um Verkäufer in seinem Laden zu werden. Obgleich ich

nicht die Absicht hatte mich lange mit diesem Gewerbe zu befassen, ging ich

doch auf seinen Vorschlag ein, in welchem ich eine Möglichkeit erblickte

nach Venedig zu kommen, wohin es mich zog, wie einen echten Grafen Gozzi.

Die Reise bot ausser den unbekannten Städten nichts Interessantes, denn

Vivarini reiste bescheiden, ja geizig, und liess mich zudem keinen Schritt

weit von sich. Das alles machte den Entschluss in mir reifen ihn bei der

ersten Gelegenheit zu verlassen. In Venedig kam noch das Gezänk einer alten

Haushälterin, schlechtes Abendessen und das tagelange Herumstehen vor den

Ladentischen des halbdunkelen Warenlagers dazu. Schliesslich erklärte ich

dem Signor, dass ich ihn verlasse, er murmelte etwas von Undankbarkeit der

heutigen Jugend, aber eigentlich war mein Abgang ihm ziemlich gleichgültig.

Ich hatte schon vorher mit dem Gondoliere Rudolfino verabredet, dass ich,

als sein Gehilfe, zu ihm in Dienst treten werde. Ich vertauschte das

ruhige, aber langweilige Leben bei Vivarini gegen das armselige eines

Ruderknechtes, das jedoch mehr Möglichkeiten zu unerwarteten Begegnungen

bot. Und in der Tat verhüllte so manches Mal die dunkele Nacht oder der

Vorhang des »Felze« das Glück des jungen Gondoliere und der Dame, die sich

von ihm rudern liess, aber es gab nicht einen einzigen Fall, der

irgendwelche ernstere Folgen nach sich gezogen hätte.

Geschichten(#41305) · 第 29 / 73 题