François war verstimmt, er hatte aufgehört zu trinken, wurde noch frömmer,
als er es schon immer gewesen, lag oft im Bett, und unsere
freundschaftlichen Gespräche, vor denen ich die Angst verloren hatte,
während die Neugier immer lebhafter wurde, schienen ihn nur wenig zu
zerstreuen. Mit zärtlicher Sorge suchte ich sein Leid zu mildern. Einmal
stieg ich, um etwas zu holen, in das obere Stockwerk und fand François auf
dem Treppenfenster sitzen. Die Kleiderbürste lag neben ihm, er war in
Gedanken versunken und schien die Landschaft nicht zu sehen, auf die seine
Augen gerichtet waren. Aus dem Fenster konnte man die roten Dächer der
niedrigeren Gebäude überschauen, ein Stückchen der Seine schimmerte in der
Ferne, über ihr blaues Wasser schossen Boote mit vom starken Winde
geschwellten Segeln vorüber, am anderen grünen Ufer stand eine Reihe grauer
Häuser, Vogelschwärme zogen unter dem wolkenlosen Himmel dahin. Ich rief
François an.
»Bist du müde?« fragte ich, in sein blasses Gesicht blickend.
»Ja, ich kann nicht mehr länger so leben! . . . Und ich wollte dir das
schon längst sagen, Aimé, der du jetzt mein einziger Freund und Genosse
bist: weisst du woran ich die ganze Zeit denke, was mich beunruhigt und
mich immer bleicher werden lässt?«
»Vielleicht bist du jetzt erregt und sagst es mir lieber hernach?«
»Nein, es ist einerlei, ich habe beinahe schon meinen Entschluss gefasst.
Siehst du,« der Marquis machte eine Pause und fuhr schneller und im
Flüsterton fort. »Ich bin der einzige und legitime Sohn des Herzogs -- er
ist reich, aber du siehst wie er mich behandelt, schlechter, als einen
Lakai. Später wird das Geld, sowieso, mir gehören, wenn ich es vielleicht
nicht brauchen werde. Das Leben meines Vaters wird sich in nichts ändern,
wenn er nicht mehr dieses mir bestimmte Geld bewachen wird. Und so habe ich
denn beschlossen es selbst schon jetzt zu nehmen.«
»Du willst deinen Vater bestehlen?« rief ich aus.
»Wenn du willst -- ja!« und er begann wieder darüber zu reden und bat mich,
ihm behilflich zu sein.
»Dann werden wir fliehen müssen?«
»Wir müssen fliehen; wie ich dir dankbar bin für dieses >wir<!« sagte er
lebhaft und wurde rot.
Erregt liess ich mich auf den Stufen der Treppe nieder und hörte seinen
Plänen von einer Flucht nach Italien zu.
»Aber zuerst muss man zu Suzanne Bache, das kann morgen am Abend oder am
Tage, nach der Messe, geschehen. Ich werde dem heiligen Christophore eine
Kerze stiften, damit alles glatt ausgeht.«
»Wird es Ihnen nicht leid tun, Ihren Vater zu verlassen?« fragte ich,
aufstehend, um nach unten zu gehen.
»Leid tun? Nein, mir ist jetzt alles gleichgültig, so kann ich nicht leben;
ausserdem werden Sie ja mit mir sein?«
»Gewiss!« sagte ich und stieg die Treppe hinunter.