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Buches.
Wilhelm Hauffs
sämtliche Werke in sechs Bänden
Mit einer biographischen Einleitung
von _Alfred Weile_
Neu durchgesehene Ausgabe
:: :: in neuester Rechtschreibung :: ::
Sechster Band.
A. Weichert Verlag, Berlin NO.⁴³, Neue Königstr. 9.
Märchen.
Inhaltsverzeichnis.
Seite
Märchen als Almanach 5
Die Karawane 10
Die Geschichte von Kalif Storch 12
Die Geschichte von dem Gespensterschiff 23
Die Geschichte von der abgehauenen Hand 33
Die Errettung Fatmes 48
Die Geschichte von dem kleinen Muck 64
Das Märchen vom falschen Prinzen 80
Der Scheik von Alessandria und seine Sklaven 102
Der Zwerg Nase 110
Abner, der Jude, der nichts gesehen hat 138
Der Affe als Mensch 148
Die Geschichte Almansors 171
Das Wirtshaus im Spessart 184
Die Sage vom Hirschgulden 189
Das kalte Herz. Erste Abteilung 209
Saids Schicksale 232
Die Höhle von Steenfoll 270
Das kalte Herz. Zweite Abteilung 296
Märchen als Almanach.
In einem schönen fernen Reiche, von welchem die Sage lebt, daß die
Sonne in seinen ewig grünen Gärten niemals untergehe, herrschte von
Anfang an bis heute die Königin Phantasie. Mit vollen Händen spendete
diese, seit vielen Jahrhunderten, die Fülle des Segens über die Ihrigen
und war geliebt, verehrt von allen, die sie kannten. Das Herz der
Königin war aber zu groß, als daß sie mit ihren Wohltaten bei ihrem
Lande stehen geblieben wäre; sie selbst im königlichen Schmuck ihrer
ewigen Jugend und Schönheit stieg herab auf die Erde; denn sie hatte
gehört, daß dort Menschen wohnen, die ihr Leben in traurigem Ernst,
unter Mühe und Arbeit hinbringen. Diesen hatte sie die schönsten Gaben
aus ihrem Reiche mitgebracht, und seit die schöne Königin durch die
Fluren der Erde gegangen war, waren die Menschen fröhlich bei der
Arbeit, heiter in ihrem Ernst.
Auch ihre Kinder, nicht minder schön und lieblich als die königliche
Mutter, sandte sie aus, um die Menschen zu beglücken. Einst kam
Märchen, die älteste Tochter der Königin, von der Erde zurück. Die
Mutter bemerkte, daß Märchen traurig sei, ja hie und da wollte es ihr
bedünken, als ob sie verweinte Augen hätte.
»Was hast du, liebes Märchen,« sprach die Königin zu ihr; »du bist seit
deiner Reise so traurig und niedergeschlagen, willst du deiner Mutter
nicht anvertrauen, was dir fehlt?«
»Ach! liebe Mutter,« antwortete Märchen, »ich hätte gewiß nicht so
lange geschwiegen, wenn ich nicht wüßte, daß mein Kummer auch der
deinige ist.«
»Sprich immer, meine Tochter,« bat die schöne Königin, »der Gram ist
ein Stein, der den einzelnen niederdrückt, aber zwei tragen ihn leicht
aus dem Wege.«
»Du willst es,« antwortete Märchen; »so höre: du weißt, wie gerne
ich mit den Menschen umgehe, wie ich freudig auch zu dem Aermsten
vor seiner Hütte sitze, um nach der Arbeit ein Stündchen mit ihm zu
verplaudern; sie boten mir auch sonst gleich freundlich die Hand zum
Gruß, wenn ich kam, und sahen mir lächelnd und zufrieden nach, wenn ich
weiter ging; aber in diesen Tagen ist es gar nicht mehr so!«
»Armes Märchen!« sprach die Königin und streichelte ihr die Wange, die
von einer Träne feucht war. »Aber du bildest dir vielleicht dies alles
nur ein?«
»Glaube mir, ich fühle es nur zu gut,« entgegnete Märchen, »sie lieben
mich nicht mehr. Ueberall, wo ich hinkomme, begegnen mir kalte Blicke;
nirgends bin ich mehr gern gesehen: selbst die Kinder, die ich doch
immer so lieb hatte, lachen über mich und wenden mir altklug den Rücken
zu.«
Die Königin stützte die Stirne in die Hand und schwieg sinnend.
»Und woher soll es denn,« fragte die Königin, »kommen, Märchen, daß
sich die Leute da unten so geändert haben?«
»Sieh, die Menschen haben kluge Wächter aufgestellt, die alles, was aus
deinem Reich kommt, o Königin Phantasie! mit scharfem Blicke mustern
und prüfen. Wenn nun einer kommt, der nicht nach ihrem Sinne ist, so
erheben sie ein großes Geschrei, schlagen ihn tot oder verleumden ihn
doch so sehr bei den Menschen, die ihnen aufs Wort glauben, daß man
gar keine Liebe, kein Fünkchen Zutrauen mehr findet. Ach! Wie gut
haben es meine Brüder, die Träume, fröhlich und leicht hüpfen sie auf
die Erde hinab, fragen nichts nach jenen klugen Männern, besuchen die
schlummernden Menschen und weben und malen ihnen, was das Herz beglückt
und das Auge erfreut!«
»Deine Brüder sind Leichtfüße,« sagte die Königin, »und du, mein
Liebling, hast keine Ursache, sie zu beneiden. Jene Grenzwächter
kenne ich übrigens wohl; die Menschen haben so unrecht nicht, sie
aufzustellen; es kam so mancher windige Geselle und tat, als ob er
geradeswegs aus meinem Reiche käme, und doch hatte er höchstens von
einem Berge zu uns herübergeschaut.«
»Aber warum lassen sie dies mich, deine eigene Tochter, entgelten?«
weinte Märchen. »Ach! wenn du wüßtest, wie sie es mir gemacht haben;
sie schalten mich eine alte Jungfer und drohten, mich das nächste Mal
gar nicht mehr hereinzulassen.«
»Wie, meine Tochter nicht mehr einzulassen?« rief die Königin, und Zorn
erhöhte die Röte ihrer Wangen. »Aber ich sehe schon, woher dies kommt;
die böse Muhme hat uns verleumdet!«
»Die Mode? Nicht möglich!« rief Märchen. »Sie tat ja sonst immer so
freundlich.«
»Oh! Ich kenne sie, die Falsche,« antwortete die Königin, »aber
versuche es ihr zum Trotze wieder, meine Tochter; wer Gutes tun will,
darf nicht rasten.«
»Ach Mutter! wenn sie mich dann ganz zurückweisen, oder wenn sie
mich verleumden, daß mich die Menschen nicht ansehen oder einsam und
verachtet in der Ecke stehen lassen?«
»Wenn die Alten, von der Mode betört, dich gering schätzen, so wende
dich an die Kleinen; wahrlich, sie sind meine Lieblinge, ihnen sende
ich meine lieblichsten Bilder durch deine Brüder, die Träume, ja, ich
bin schon oft selbst zu ihnen hinabgeschwebt, habe sie geherzt und
geküßt und schöne Spiele mit ihnen gespielt; sie kennen mich auch
wohl, sie wissen zwar meinen Namen nicht, aber ich habe schon oft
bemerkt, wie sie nachts zu meinen Sternen herauflächeln und morgens,
wenn meine glänzenden Lämmer am Himmel ziehen, vor Freude die Hände
zusammenschlagen. Auch wenn sie größer werden, lieben sie mich noch,
ich helfe dann den lieblichen Mädchen bunte Kränze flechten, und die
wilden Knaben werden stiller, wenn ich auf hoher Felsenspitze mich zu
ihnen setze, aus der Nebelwelt der fernen blauen Berge hohe Burgen und
glänzende Paläste auftauchen lasse und aus den rötlichen Wolken des
Abends kühne Reiterscharen und wunderliche Wallfahrtszüge bilde.«
»O die guten Kinder!« rief Märchen bewegt aus. »Ja, es sei! Mit ihnen
will ich es noch einmal versuchen.«
»Ja, du gute Tochter,« sprach die Königin. »Gehe zu ihnen; aber ich
will dich auch ein wenig ordentlich ankleiden, daß du den Kleinen
gefällst und die Großen dich nicht zurückstoßen; siehe, das Gewand
eines Almanach will ich dir geben.«
»Eines Almanach, Mutter? Ach! -- ich schäme mich so vor den Leuten zu
prangen.«
Die Königin winkte, und die Dienerinnen brachten das zierliche Gewand
eines Almanach. Es war von glänzenden Farben, und schöne Figuren
eingewoben.
Die Zofen flochten dem schönen Märchen das lange Haar; sie banden ihr
goldene Sandalen unter die Füße und hingen ihr dann das Gewand um.
Das bescheidene Märchen wagte nicht aufzublicken, die Mutter aber
betrachtete sie mit Wohlgefallen und schloß sie in ihre Arme: »Gehe
hin,« sprach sie zu der Kleinen; »mein Segen sei mit dir. Und wenn sie
dich verachten und höhnen, so kehre zurück zu mir, vielleicht daß
spätere Geschlechter, getreuer der Natur, ihr Herz dir wieder zuwenden.«
Also sprach die Königin _Phantasie_. Märchen aber stieg herab auf die
Erde. Mit pochendem Herzen nahte sie dem Ort, wo die klugen Wächter
hausten; sie senkte das Köpfchen zur Erde, sie zog das schöne Gewand
enger um sich her, und mit zagendem Schritt nahte sie dem Tor.
»Halt!« rief eine tiefe rauhe Stimme. »Wache heraus! Da kommt ein neuer
Almanach!«
Märchen zitterte, als sie dies hörte; viele ältliche Männer von
finsterem Aussehen stürzten hervor; sie hatten spitzige Federn in der
Faust und hielten sie dem Märchen entgegen. Einer aus der Schar schritt
auf sie zu und packte sie mit rauher Hand am Kinn: »Nur auch den Kopf
aufgerichtet, Herr Almanach,« schrie er, »daß man ihm in den Augen
ansieht, ob er was Rechtes ist oder nicht.« --
Errötend richtete Märchen das Köpfchen in die Höhe und schlug das
dunkle Auge auf.
»Das Märchen!« riefen die Wächter und lachten aus vollem Hals. »Das
Märchen! Haben Wunder gemeint, was da käme! Wie kommst du nur in diesen
Rock?«
»Die Mutter hat ihn mir angezogen,« antwortete Märchen.
»So? Sie will dich bei uns einschwärzen? Nichts da! Hebe dich weg,
mach, daß du fortkommst!« riefen die Wächter untereinander und erhoben
die scharfen Federn!
»Aber ich will ja nur zu den Kindern,« bat Märchen; »dies könnt ihr mir
ja doch erlauben?«
»Läuft nicht schon genug solches Gesindel im Land umher?« rief einer
der Wächter. »Sie schwatzen nur unseren Kindern dummes Zeug vor.«
»Laßt uns sehen, was sie diesmal weiß,« sprach ein anderer.
»Nun ja,« riefen sie, »sag an, was du weißt; aber beeile dich; denn wir
haben nicht viel Zeit für dich.«
Märchen streckte die Hand aus und beschrieb mit dem Zeigefinger
viele Zeichen in die Luft. Da sah man bunte Gestalten vorüberziehen;
Karawanen, mit schönen Rossen geschmückte Reiter, viele Zelte im Sand
der Wüste; Vögel und Schiffe auf stürmischen Meeren; stille Wälder und
volkreiche Plätze und Straßen; Schlachten und friedliche Nomaden: sie
alle schwebten in belebten Bildern, in buntem Gewimmel vorüber.
Märchen hatte in dem Eifer, mit welchem sie die Bilder aufsteigen ließ,
nicht bemerkt, wie die Wächter des Tores nach und nach eingeschlafen
waren. Eben wollte sie neue Zeichen beschreiben, als ein freundlicher
Mann auf sie zutrat und ihre Hand ergriff. »Siehe her, gutes Märchen,«
sagte er, indem er auf die Schlafenden zeigte, »für diese sind deine
bunten Sachen nichts; schlüpfe schnell durch das Tor, sie ahnen dann
nicht, daß du im Lande bist, und du kannst friedlich und unbemerkt
deine Straße ziehen. Ich will dich zu meinen Kindern führen; in meinem
Hause geb' ich dir ein stilles, freundliches Plätzchen; dort kannst
du wohnen und für dich leben; wenn dann meine Söhne und Töchter gut
gelernt haben, dürfen sie mit ihren Gespielen zu dir kommen und dir
zuhören. Willst du so?«
»O, wie gerne folge ich dir zu deinen lieben Kleinen; wie will ich mich
befleißen, ihnen zuweilen ein heiteres Stündchen zu machen!«
Der gute Mann nickte ihr freundlich zu und half ihr über die Füße der
schlafenden Wächter hinübersteigen. Lächelnd sah sich Märchen um, als
sie hinüber war, und schlüpfte dann schnell in das Tor.
Die Karawane.
Es zog einmal eine große Karawane durch die Wüste. Auf der ungeheuren
Ebene, wo man nichts als Sand und Himmel sieht, hörte man schon in
weiter Ferne die Glocken der Kamele und die silbernen Röllchen der
Pferde; eine dichte Staubwolke, die ihr vorherging, verkündete ihre
Nähe, und wenn ein Luftzug die Wolke teilte, blendeten funkelnde Waffen
und hellleuchtende Gewänder das Auge. So stellte sich die Karawane
einem Manne dar, welcher von der Seite her auf sie zuritt. Er ritt
ein schönes arabisches Pferd, mit einer Tigerdecke behängt, an dem
hochroten Riemenwerk hingen silberne Glöckchen, und auf dem Kopf des
Pferdes wehte ein schöner Reiherbusch. Der Reiter sah stattlich aus,
und sein Anzug entsprach der Pracht seines Rosses; ein weißer Turban,
reich mit Gold gestickt, bedeckte das Haupt; der Rock und die weiten
Beinkleider waren von brennendem Rot, ein gekrümmtes Schwert mit
reichem Griff an seiner Seite. Er hatte den Turban tief ins Gesicht
gedrückt; dies und die schwarzen Augen, die unter buschigen Brauen
hervorblitzten, der lange Bart, der unter der gebogenen Nase herabhing,
gaben ihm ein wildes, kühnes Aussehen. Als der Reiter ungefähr auf
fünfzig Schritte dem Vortrab der Karawane nahe war, sprengte er sein
Pferd an und war in wenigen Augenblicken an der Spitze des Zuges
angelangt. Es war ein so ungewöhnliches Ereignis, einen einzelnen
Reiter durch die Wüste ziehen zu sehen, daß die Wächter des Zuges,
einen Ueberfall befürchtend, ihm ihre Lanzen entgegenstreckten. »Was
wollt ihr?« rief der Reiter, als er sich so kriegerisch empfangen
sah. »Glaubt ihr, ein einzelner Mann werde eure Karawane angreifen?«
Beschämt schwangen die Wächter ihre Lanzen wieder auf, ihr Anführer
aber ritt an den Fremden heran und fragte nach seinem Begehr. »Wer
ist der Herr der Karawane?« fragte der Reiter. »Sie gehört nicht
_einem_ Herrn,« antwortete der Gefragte, »sondern es sind mehrere
Kaufleute, die von Mekka in ihre Heimat ziehen, und die wir durch die
Wüste geleiten, weil oft allerlei Gesindel die Reisenden beunruhigt.«
-- »So führt mich zu den Kaufleuten,« begehrte der Fremde. »Das
kann jetzt nicht geschehen,« antwortete der Führer, »weil wir ohne
Aufenthalt weiterziehen müssen und die Kaufleute wenigstens eine
Viertelstunde weiter hinten sind; wollt Ihr aber mit mir weiterreiten,
bis wir lagern, um Mittagsruhe zu halten, so werde ich Eurem Wunsch
willfahren.« Der Fremde sagte hierauf nichts; er zog eine lange Pfeife,
die er am Sattel festgebunden hatte, hervor und fing an, in großen
Zügen zu rauchen, indem er neben dem Anführer des Vortrabs weiterritt.
Dieser wußte nicht, was er aus dem Fremden machen sollte, er wagte
es nicht, ihn geradezu nach seinem Namen zu fragen, und so künstlich
er auch ein Gespräch anzuknüpfen suchte, der Fremde hatte auf das:
»Ihr raucht da einen guten Tabak,« oder: »Euer Rapp hat einen braven
Schritt,« immer nur mit einem kurzen »Ja, ja!« geantwortet. Endlich
waren sie auf dem Platz angekommen, wo man Mittagsruhe halten wollte.
Der Anführer hatte seine Leute als Wachen ausgestellt, er selbst hielt
mit dem Fremden, um die Karawane herankommen zu lassen. Dreißig Kamele,
schwer beladen, zogen vorüber, von bewaffneten Führern geleitet. Nach
diesen kamen auf schönen Pferden die fünf Kaufleute, denen die Karawane
gehörte. Es waren meistens Männer von vorgerücktem Alter, ernst und
gesetzt aussehend, nur einer schien viel jünger als die übrigen, wie
auch froher und lebhafter. Eine große Anzahl Kamele und Packpferde
schloß den Zug.
Man hatte Zelte aufgeschlagen und die Kamele und Pferde ringsumher
gestellt. In der Mitte war ein großes Zelt von blauem Seidenzeug.
Dorthin führte der Anführer der Wache den Fremden. Als sie durch den
Vorhang des Zeltes getreten waren, sahen sie die fünf Kaufleute auf
goldgewirkten Polstern sitzen; schwarze Sklaven reichten ihnen Speisen
und Getränke. »Wen bringt Ihr uns da?« rief der junge Kaufmann dem
Führer zu. Ehe noch der Führer antworten konnte, sprach der Fremde:
»Ich heiße Selim Baruch und bin aus Bagdad; ich wurde auf einer Reise
nach Mekka von einer Räuberhorde gefangen und habe mich vor drei Tagen
heimlich aus der Gefangenschaft befreit. Der große Prophet ließ mich
die Glocken eurer Karawane in weiter Ferne hören, und so kam ich bei
euch an. Erlaubet mir, daß ich in eurer Gesellschaft reise, ihr werdet
euren Schutz keinem Unwürdigen schenken, und so ihr nach Bagdad kommet,
werde ich eure Güte reichlich belohnen, denn ich bin der Neffe des
Großveziers.« Der Aelteste der Kaufleute nahm das Wort: »Selim Baruch,«
sprach er, »sei willkommen in unserem Schatten. Es macht uns Freude,
dir beizustehen; vor allem aber setze dich und iß und trinke mit uns.«
Selim Baruch setzte sich zu den Kaufleuten und aß und trank mit ihnen.
Nach dem Essen räumten die Sklaven die Geschirre hinweg und brachten
lange Pfeifen und türkischen Sorbett. Die Kaufleute saßen lange
schweigend, indem sie die bläulichen Rauchwolken vor sich hinbliesen
und zusahen, wie sie sich ringelten und verzogen und endlich in die
Luft verschwebten. Der junge Kaufmann brach endlich das Stillschweigen.
»So sitzen wir seit drei Tagen,« sprach er, »zu Pferd und am Tisch,
ohne uns durch etwas die Zeit zu vertreiben. Ich verspüre gewaltig
Langeweile, denn ich bin gewohnt, nach Tisch Tänzer zu sehen oder
Gesang und Musik zu hören. Wißt ihr gar nichts, meine Freunde, das
uns die Zeit vertreibe?« Die vier älteren Kaufleute rauchten fort
und schienen ernsthaft nachzusinnen, der Fremde aber sprach: »Wenn
es mir erlaubt ist, will ich euch einen Vorschlag machen. Ich meine,
auf jedem Lagerplatz könnte einer von uns den andern etwas erzählen.
Dies könnte uns schon die Zeit vertreiben.« -- »Selim Baruch, du hast
wahr gesprochen,« sagte Achmet, der älteste der Kaufleute; »laßt uns
den Vorschlag annehmen.« -- »Es freut mich, wenn euch der Vorschlag
behagt,« sprach Selim, »damit ihr aber sehet, daß ich nichts Unbilliges
verlange, so will ich den Anfang machen.«
Vergnügt rückten die fünf Kaufleute näher zusammen und ließen den
Fremden in ihrer Mitte sitzen. Die Sklaven schenkten die Becher wieder
voll, stopften die Pfeifen ihrer Herren frisch und brachten glühende
Kohlen zum Anzünden. Selim aber erfrischte seine Stimme mit einem
tüchtigen Zuge Sorbett, strich den langen Bart über dem Mund weg und
sprach: »So hört denn _die Geschichte von Kalif Storch_.«
Die Geschichte von Kalif Storch.
1.
Der Kalif Chasid zu Bagdad saß einmal an einem schönen Nachmittag
behaglich auf seinem Sofa; er hatte ein wenig geschlafen, denn es war
ein heißer Tag, und sah nun nach seinem Schläfchen recht heiter aus.
Er rauchte aus einer langen Pfeife von Rosenholz, trank hie und da
ein wenig Kaffee, den ihm ein Sklave einschenkte, und strich sich
allemal vergnügt den Bart, wenn es ihm geschmeckt hatte. Kurz, man sah
dem Kalifen an, daß es ihm recht wohl war. Um diese Stunde konnte man
gar gut mit ihm reden, weil er da immer recht mild und leutselig war,
deswegen besuchte ihn auch sein Großvezier Mansor alle Tage um diese
Zeit. An diesem Nachmittag nun kam er auch, sah aber sehr nachdenklich
aus, ganz gegen seine Gewohnheit. Der Kalif tat die Pfeife ein wenig
aus dem Mund und sprach: »Warum machst du ein so nachdenkliches
Gesicht, Großvezier?«
Der Großvezier schlug seine Arme kreuzweis über die Brust, verneigte
sich vor seinem Herrn und antwortete: »Herr! ob ich ein nachdenkliches
Gesicht mache, weiß ich nicht, aber da unten am Schloß steht ein
Krämer, der hat so schöne Sachen, daß es mich ärgert, nicht viel
überflüssiges Geld zu haben.«
Der Kalif, der seinem Großvezier schon lange gern eine Freude gemacht
hätte, schickte seinen schwarzen Sklaven hinunter, um den Krämer
heraufzuholen. Bald kam der Sklave mit dem Krämer zurück. Dieser war
ein kleiner, dicker Mann, schwarzbraun im Gesicht und in zerlumptem
Anzug. Er trug einen Kasten, in welchem er allerhand Waren hatte.
Perlen und Ringe, reichbeschlagene Pistolen, Becher und Kämme. Der
Kalif und sein Vezier musterten alles durch, und der Kalif kaufte
endlich für sich und Mansor schöne Pistolen, für die Frau des Veziers
aber einen Kamm. Als der Krämer seinen Kasten schon wieder zumachen
wollte, sah der Kalif eine kleine Schublade und fragte, ob da auch noch
Waren seien. Der Krämer zog die Schublade heraus und zeigte darin eine
Dose mit schwärzlichem Pulver und ein Papier mit sonderbarer Schrift,
die weder der Kalif noch Mansor lesen konnten. »Ich bekam einmal diese
zwei Stücke von einem Kaufmann, der sie in Mekka auf der Straße fand,«
sagte der Krämer, »ich weiß nicht, was sie enthalten; euch stehen sie
um geringen Preis zu Dienst, ich kann doch nichts damit anfangen.«
Der Kalif, der in seiner Bibliothek gern alte Manuskripte hatte, wenn
er sie auch nicht lesen konnte, kaufte Schrift und Dose und entließ
den Krämer. Der Kalif aber dachte, er möchte gern wissen, was die
Schrift enthalte, und fragte den Vezier, ob er keinen kenne, der es
entziffern könnte. »Gnädigster Herr und Gebieter,« antwortete dieser,
»an der großen Moschee wohnt ein Mann; er heißt Selim der Gelehrte,
der versteht alle Sprachen, laß ihn kommen, vielleicht kennt er diese
geheimnisvollen Züge.«
Der gelehrte Selim war bald herbeigeholt. »Selim,« sprach zu ihm der
Kalif, »Selim, man sagt, du seiest sehr gelehrt; guck einmal ein
wenig in diese Schrift, ob du sie lesen kannst; kannst du sie lesen,
so bekommst du ein neues Festkleid von mir, kannst du es nicht, so
bekommst du zwölf Backenstreiche und fünfundzwanzig auf die Fußsohlen,
weil man dich dann umsonst Selim den Gelehrten nennt.« Selim verneigte
sich und sprach: »Dein Wille geschehe, o Herr!« Lange betrachtete er
die Schrift, plötzlich aber rief er aus: »Das ist Lateinisch, o Herr,
oder ich laß mich hängen.« -- »Sag, was drin steht,« befahl der Kalif,
»wenn es Lateinisch ist.«
Selim fing an zu übersetzen: »Mensch, der du dieses findest, preise
Allah für seine Gnade. Wer von dem Pulver in dieser Dose schnupft
und dazu spricht: ~Mutabor~, der kann sich in jedes Tier verwandeln
und versteht auch die Sprache der Tiere. Will er wieder in seine
menschliche Gestalt zurückkehren, so neige er sich dreimal gen Osten
und spreche jenes Wort. Aber hüte dich, wenn du verwandelt bist, daß du
nicht lachest, sonst verschwindet das Zauberwort gänzlich aus deinem
Gedächtnis, und du bleibst ein Tier.«
Als Selim der Gelehrte also gelesen hatte, war der Kalif über die
Maßen vergnügt. Er ließ den Gelehrten schwören, niemand etwas von dem
Geheimnis zu sagen, schenkte ihm ein schönes Kleid und entließ ihn. Zu
seinem Großvezier aber sagte er: »Das heiß' ich gut einkaufen, Mansor!
Wie freue ich mich, bis ich ein Tier bin! Morgen früh kommst du zu
mir. Wir gehen dann miteinander aufs Feld, schnupfen etwas weniges aus
meiner Dose und belauschen dann, was in der Luft und im Wasser, im Wald
und Feld gesprochen ward!«
2.
Kaum hatte am andern Morgen der Kalif Chasid gefrühstückt und sich
angekleidet, als schon der Großvezier erschien, ihn, wie er befohlen,
auf dem Spaziergang zu begleiten. Der Kalif steckte die Dose mit dem
Zauberpulver in den Gürtel, und nachdem er seinem Gefolge befohlen,
zurückzubleiben, machte er sich mit dem Großvezier ganz allein auf
den Weg. Sie gingen zuerst durch die weiten Gärten des Kalifen,
spähten aber vergebens nach etwas Lebendigem, um ihr Kunststück zu
probieren. Der Vezier schlug endlich vor, weiter hinaus an einen Teich
zu gehen, wo er schon oft viele Tiere, namentlich Störche, gesehen
habe, die durch ihr gravitätisches Wesen und ihr Geklapper immer seine
Aufmerksamkeit erregt hätten.
Der Kalif billigte den Vorschlag seines Veziers und ging mit ihm dem
Teich zu. Als sie dort angekommen waren, sahen sie einen Storchen
ernsthaft auf und ab gehen, Frösche suchend und hie und da etwas vor
sich hinklappernd. Zugleich sahen sie auch weit oben in der Luft einen
andern Storchen dieser Gegend zuschweben.
»Ich wette meinen Bart, gnädigster Herr,« sagte der Großvezier, »diese
zwei Langfüßler führen jetzt ein schönes Gespräch miteinander. Wie wäre
es, wenn wir Störche würden?«
»Wohl gesprochen!« antwortete der Kalif. »Aber vorher wollen wir noch
einmal betrachten, wie man wieder Mensch wird. -- Richtig! Dreimal
gen Osten geneigt und ~Mutabor~ gesagt, so bin ich wieder Kalif und
du Vezier. Aber nur ums Himmels willen nicht gelacht, sonst sind wir
verloren!«
Während der Kalif also sprach, sah er den andern Storchen über ihrem
Haupte schweben und langsam sich zur Erde lassen. Schnell zog er die
Dose aus dem Gürtel, nahm eine gute Prise, bot sie dem Großvezier dar,
der gleichfalls schnupfte, und beide riefen: ~Mutabor!~
Da schrumpften ihre Beine ein und wurden dünn und rot, die schönen
gelben Pantoffeln des Kalifen und seines Begleiters wurden unförmliche
Storchfüße, die Arme wurden zu Flügeln, der Hals fuhr aus den Achseln
und ward eine Elle lang, der Bart war verschwunden, und den Körper
bedeckten weiche Federn.
»Ihr habt einen hübschen Schnabel, Herr Großvezier,« sprach nach langem
Erstaunen der Kalif. »Beim Bart des Propheten, so etwas habe ich in
meinem Leben nicht gesehen.«
»Danke untertänigst,« erwiderte der Großvezier, indem er sich bückte;
»aber wenn ich es wagen darf, möchte ich behaupten, Eure Hoheit sehen
als Storch beinahe noch hübscher aus denn als Kalif. Aber kommt, wenn
es Euch gefällig ist, daß wir unsere Kameraden dort belauschen und
erfahren, ob wir wirklich Storchisch können?«
Indem war der andere Storch auf der Erde angekommen. Er putzte sich
mit dem Schnabel seine Füße, legte seine Federn zurecht und ging auf
den ersten Storchen zu. Die beiden neuen Störche aber beeilten sich,
in ihre Nähe zu kommen, und vernahmen zu ihrem Erstaunen folgendes
Gespräch:
»Guten Morgen, Frau Langbein, so früh schon auf der Wiese?«
»Schönen Dank, liebe Klapperschnabel! Ich habe mir ein kleines
Frühstück geholt. Ist Euch vielleicht ein Viertelchen Eidechs gefällig
oder ein Froschschenkelein?«
»Danke gehorsamst; habe heute gar keinen Appetit. Ich komme auch wegen
etwas ganz anderem auf die Wiese. Ich soll heute vor den Gästen meines
Vaters tanzen, und da will ich mich im stillen ein wenig üben.«
Zugleich schritt die junge Störchin in wunderlichen Bewegungen durch
das Feld. Der Kalif und Mansor sahen ihr verwundert nach. Als sie
aber in malerischer Stellung auf einem Fuß stand und mit den Flügeln
anmutig dazu wedelte, da konnten sich die beiden nicht mehr halten;
ein unaufhaltsames Gelächter brach aus ihren Schnäbeln hervor, von dem
sie sich erst nach langer Zeit erholten. Der Kalif faßte sich zuerst
wieder: »Das war einmal ein Spaß,« rief er, »der nicht mit Gold zu
bezahlen ist. Schade! daß die dummen Tiere durch unser Gelächter sich
haben verscheuchen lassen, sonst hätten sie gewiß auch noch gesungen!«
Aber jetzt fiel es dem Großvezier ein, daß das Lachen während der
Verwandlung verboten war. Er teilte seine Angst deswegen dem Kalifen
mit. »Potz Mekka und Medina! Das wäre ein schlechter Spaß, wenn ich ein
Storch bleiben müßte! Besinne dich doch auf das dumme Wort, ich bring'
es nicht heraus.«
»Dreimal gen Osten müssen wir uns bücken und dazu sprechen: Mu -- Mu --
Mu --«
Sie stellten sich gegen Osten und bückten sich in einem fort, daß ihre
Schnäbel beinahe die Erde berührten. Aber, o Jammer! Das Zauberwort war
ihnen entfallen, und so oft sich auch der Kalif bückte, so sehnlich
auch sein Vezier Mu -- Mu -- dazu rief, jede Erinnerung daran war
verschwunden, und der arme Chasid und sein Vezier waren und blieben
Störche.
3.
Traurig wandelten die Verzauberten durch die Felder, sie wußten gar
nicht, was sie in ihrem Elend anfangen sollten. Aus ihrer Storchenhaut
konnten sie nicht heraus, in die Stadt zurück konnten sie auch nicht,
um sich zu erkennen zu geben, denn wer hätte einem Storchen geglaubt,
daß er der Kalif sei, und wenn man es auch geglaubt hätte, würden die
Einwohner von Bagdad einen Storchen zum Kalifen gewählt haben?
So schlichen sie mehrere Tage umher und ernährten sich kümmerlich
von Feldfrüchten, die sie aber wegen ihrer langen Schnäbel nicht gut
verspeisen konnten. Zu Eidechsen und Fröschen hatten sie übrigens
keinen Appetit. Denn sie befürchteten, mit solchen Leckerbissen sich
den Magen zu verderben. Ihr einziges Vergnügen in dieser traurigen Lage
war, daß sie fliegen konnten, und so flogen sie oft auf die Dächer von
Bagdad, um zu sehen, was darin vorging.
In den ersten Tagen bemerkten sie große Unruhe und Trauer in den
Straßen. Aber ungefähr am vierten Tage nach ihrer Verzauberung saßen
sie auf dem Palast des Kalifen, da sahen sie unten in der Straße einen
prächtigen Aufzug. Trommeln und Pfeifen ertönten, ein Mann in einem
goldgestickten Scharlachmantel saß auf einem geschmückten Pferd,
umgeben von glänzenden Dienern. Halb Bagdad sprang ihm nach, und alle
schrien: »Heil Mizra, dem Herrscher von Bagdad!« Da sahen die beiden
Störche auf dem Dache des Palastes einander an, und der Kalif Chasid
sprach: »Ahnst du jetzt, warum ich verzaubert bin, Großvezier? Dieser
Mizra ist der Sohn meines Todfeindes, des mächtigen Zauberers Kaschnur,
der mir in einer bösen Stunde Rache schwur. Aber noch gebe ich die
Hoffnung nicht auf. Komm mit mir, du treuer Gefährte meines Elends,
wir wollen zum Grab des Propheten wandern, vielleicht daß an heiliger
Stätte der Zauber gelöst wird.«
Sie erhoben sich vom Dach des Palastes und flogen der Gegend von Medina
zu.
Mit dem Fliegen wollte es aber nicht gar gut gehen, denn die beiden
Störche hatten noch wenig Uebung. »O Herr,« ächzte nach ein paar
Stunden der Großvezier, »ich halte es mit Eurer Erlaubnis nicht mehr
lange aus, Ihr fliegt gar zu schnell! Auch ist es schon Abend, und wir
täten wohl, ein Unterkommen für die Nacht zu suchen.«
Chasid gab der Bitte seines Dieners Gehör; und da er unten im Tale
eine Ruine erblickte, die ein Obdach zu gewähren schien, so flogen sie
dahin. Der Ort, wo sie sich für diese Nacht niedergelassen hatten,
schien ehemals ein Schloß gewesen zu sein. Schöne Säulen ragten unter
den Trümmern hervor, mehrere Gemächer, die noch ziemlich erhalten
waren, zeugten von der ehemaligen Pracht des Hauses. Chasid und
sein Begleiter gingen durch die Gänge umher, um sich ein trockenes
Plätzchen zu suchen; plötzlich blieb der Storch Mansor stehen. »Herr
und Gebieter,« flüsterte er leise, »wenn es nur nicht töricht für
einen Großvezier, noch mehr aber für einen Storchen wäre, sich vor
Gespenstern zu fürchten! Mir ist ganz unheimlich zumut, denn hierneben
hat es ganz vernehmlich geseufzt und gestöhnt.« Der Kalif blieb nun
auch stehen und hörte ganz deutlich ein leises Weinen, das eher einem
Menschen, als einem Tiere anzugehören schien. Voll Erwartung wollte er
der Gegend zugehen, woher die Klagetöne kamen; der Vezier aber packte
ihn mit dem Schnabel am Flügel und bat ihn flehentlich, sie nicht in
neue unbekannte Gefahren zu stürzen. Doch vergebens! Der Kalif, dem
auch unter dem Storchenflügel ein tapferes Herz schlug, riß sich mit
Verlust einiger Federn los und eilte in einen finsteren Gang. Bald
war er an einer Tür angelangt, die nur angelehnt schien, und woraus
er deutliche Seufzer mit ein wenig Geheul vernahm. Er stieß mit dem
Schnabel die Tür auf, blieb aber überrascht auf der Schwelle stehen.
In dem verfallenen Gemach, das nur durch ein kleines Gitterfenster
spärlich erleuchtet war, sah er eine große Nachteule am Boden sitzen.
Dicke Tränen rollten ihr aus den großen runden Augen, und mit heiserer
Stimme stieß sie ihre Klagen aus dem krummen Schnabel heraus. Als sie
aber den Kalifen und seinen Vezier, der indes auch herbeigeschlichen
war, erblickte, erhob sie ein lautes Freudengeschrei. Zierlich wischte
sie mit dem braungefleckten Flügel die Tränen aus dem Auge, und zu dem
großen Erstaunen der beiden rief sie in gutem menschlichem Arabisch:
»Willkommen, ihr Störche, ihr seid mir ein gutes Zeichen meiner
Errettung, denn durch Störche werde mir ein großes Glück kommen, ist
mir einst prophezeit worden!«
Als sich der Kalif von seinem Erstaunen erholt hatte, bückte er sich
mit seinem langen Hals, brachte seine dünnen Füße in eine zierliche
Stellung und sprach: »Nachteule! Deinen Worten nach darf ich glauben,
eine Leidensgefährtin in dir zu sehen. Aber ach! Deine Hoffnung, daß
durch uns deine Rettung kommen werde, ist vergeblich. Du wirst unsere
Hilflosigkeit selbst erkennen, wenn du unsere Geschichte hörst.« Die
Nachteule bat ihn, zu erzählen, der Kalif aber hub an und erzählte, was
wir bereits wissen.
4.
Als der Kalif der Eule seine Geschichte vorgetragen hatte, dankte sie
ihm und sagte: »Vernimm auch meine Geschichte und höre, wie ich nicht
weniger unglücklich bin als du. Mein Vater ist der König von Indien,
ich, seine einzige unglückliche Tochter, heiße Lusa. Jener Zauberer
Kaschnur, der euch verzauberte, hat auch mich ins Unglück gestürzt.
Er kam eines Tages zu meinem Vater und begehrte mich zur Frau für
seinen Sohn Mizra. Mein Vater aber, der ein hitziger Mann ist, ließ ihn
die Treppe hinunterwerfen. Der Elende wußte sich unter einer andern
Gestalt wieder in meine Nähe zu schleichen, und als ich einst in meinem
Garten Erfrischungen zu mir nehmen wollte, brachte er mir, als Sklave
verkleidet, einen Trank bei, der mich in diese abscheuliche Gestalt
verwandelte. Vor Schrecken ohnmächtig, brachte er mich hierher und
rief mir mit schrecklicher Stimme in die Ohren: ›Da sollst du bleiben,
häßlich, selbst von den Tieren verachtet, bis an dein Ende, oder bis
einer aus freiem Willen dich, selbst in dieser schrecklichen Gestalt,
zur Gattin begehrt. So räche ich mich an dir und deinem stolzen Vater.‹
Seitdem sind viele Monate verflossen. Einsam und traurig lebe ich als
Einsiedlerin in diesem Gemäuer, verabscheut von der Welt, selbst den
Tieren ein Greuel; die schöne Natur ist vor mir verschlossen, denn ich
bin blind am Tage, und nur, wenn der Mond sein bleiches Licht über dies
Gemäuer ausgießt, fällt der verhüllende Schleier von meinem Auge.«
Die Eule hatte geendet und wischte sich mit dem Flügel wieder die Augen
aus, denn die Erzählung ihrer Leiden hatte ihr Tränen entlockt.
Der Kalif war bei der Erzählung der Prinzessin in tiefes Nachdenken
versunken. »Wenn mich nicht alles täuscht,« sprach er, »so findet
zwischen unserem Unglück ein geheimer Zusammenhang statt; aber wo
finde ich den Schlüssel zu diesem Rätsel?« Die Eule antwortete ihm: »O
Herr! auch mir ahnet dies; denn es ist mir einst in meiner frühesten
Jugend von einer weisen Frau prophezeit worden, daß ein Storch mir
ein großes Glück bringen werde; und ich wüßte vielleicht, wie wir uns
retten könnten.« Der Kalif war sehr erstaunt und fragte, auf welchem
Weg sie meine. »Der Zauberer, der uns beide unglücklich gemacht hat,«
sagte sie, »kommt alle Monate einmal in diese Ruinen. Nicht weit von
diesem Gemach ist ein Saal. Dort pflegt er dann mit vielen Genossen
zu schmausen. Schon oft habe ich sie dort belauscht. Sie erzählten
dann einander ihre schändlichen Werke, vielleicht, daß er dann das
Zauberwort, das ihr vergessen habt, ausspricht.«
»O, teuerste Prinzessin,« rief der Kalif, »sag' an, _wann_ kommt er,
und wo ist der Saal?«
Die Eule schwieg einen Augenblick und sprach dann: »Nehmet es nicht
ungütig, aber nur unter _einer_ Bedingung kann ich euren Wunsch
erfüllen.« -- »Sprich aus! Sprich aus!« schrie Chasid. »Befiehl, es ist
mir jede recht.«
»Nämlich ich möchte auch gerne zugleich frei sein, dies kann aber nur
geschehen, wenn einer von euch mir seine Hand reicht.«
Die Störche schienen über den Antrag etwas betroffen zu sein, und der
Kalif winkte seinem Diener, ein wenig mit ihm hinauszugehen.
»Großvezier,« sprach vor der Tür der Kalif, »das ist ein dummer Handel,
aber Ihr könntet sie schon nehmen.«
»So?« antwortete dieser, »daß mir meine Frau, wenn ich nach Hause
komme, die Augen auskratzt? Auch bin ich ein alter Mann, und Ihr seid
noch jung und unverheiratet und könnet eher einer jungen schönen
Prinzessin die Hand geben.«
»Das ist es eben,« seufzte der Kalif, indem er traurig die Flügel
hängen ließ, »wer sagt dir denn, daß sie jung und schön ist? Das heißt
die Katze im Sack kaufen!«
Sie redeten einander gegenseitig noch lange zu, endlich aber, als der
Kalif sah, daß sein Vezier lieber Storch bleiben als die Eule heiraten
wollte, entschloß er sich, die Bedingung lieber selbst zu erfüllen. Die
Eule war hocherfreut. Sie gestand ihnen, daß sie zu keiner besseren
Zeit hätten kommen können, weil wahrscheinlich in dieser Nacht die
Zauberer sich versammeln würden.
Sie verließ mit den Störchen das Gemach, um sie in jenen Saal zu
führen; sie gingen lange in einem finsteren Gang hin; endlich strahlte
ihnen aus einer halbverfallenen Mauer ein heller Schein entgegen.
Als sie dort angelangt waren, riet ihnen die Eule, sich ganz ruhig
zu verhalten. Sie konnten von der Lücke, an welcher sie standen,
einen großen Saal übersehen. Er war ringsum mit Säulen geschmückt und
prachtvoll verziert. Viele farbige Lampen ersetzten das Licht des
Tages. In der Mitte des Saales stand ein runder Tisch, mit vielen
und ausgesuchten Speisen besetzt. Rings um den Tisch zog sich ein
Sofa, auf welchem acht Männer saßen. In einem dieser Männer erkannten
die Störche jenen Krämer wieder, der ihnen das Zauberpulver verkauft
hatte. Sein Nebensitzer forderte ihn auf, ihnen seine neuesten Taten zu
erzählen. Er erzählte unter andern auch die Geschichte des Kalifen und
seines Veziers.
»Was für ein Wort hast du ihnen denn aufgegeben?« fragte ihn ein
anderer Zauberer. »Ein recht schweres lateinisches, es heißt
_~Mutabor~_.«
5.
Als die Störche an ihrer Mauerlücke dieses hörten, kamen sie vor Freude
beinahe außer sich. Sie liefen auf ihren langen Füßen so schnell dem
Tore der Ruine zu, daß die Eule kaum folgen konnte. Dort sprach der
Kalif gerührt zu der Eule: »Retterin meines Lebens und des Lebens
meines Freundes, nimm zum ewigen Dank für das, was du an uns getan,
mich zum Gemahl an.« Dann aber wandte er sich nach Osten. Dreimal
bückten die Störche ihre langen Hälse der Sonne entgegen, die soeben
hinter dem Gebirge heraufstieg; »_~Mutabor~_!« riefen sie, und im Nu
waren sie verwandelt, und in der hohen Freude des neugeschenkten Lebens
lagen Herr und Diener lachend und weinend einander in den Armen. Wer
beschreibt aber ihr Erstaunen, als sie sich umsahen? Eine schöne Dame,
herrlich geschmückt, stand vor ihnen. Lächelnd gab sie dem Kalifen
die Hand. »Erkennt Ihr Eure Nachteule nicht mehr?« sagte sie. Sie war
es; der Kalif war von ihrer Schönheit und Anmut so entzückt, daß er
ausrief: es sei sein größtes Glück, daß er Storch geworden sei.
Die drei zogen nun miteinander auf Bagdad zu. Der Kalif fand in seinen
Kleidern nicht nur die Dose mit Zauberpulver, sondern auch seinen
Geldbeutel. Er kaufte daher im nächsten Dorfe, was zu ihrer Reise
nötig war, und so kamen sie bald an die Tore von Bagdad. Dort aber
erregte die Ankunft des Kalifen großes Erstaunen. Man hatte ihn für
tot ausgegeben, und das Volk war daher hoch erfreut, seinen geliebten
Herrscher wiederzuhaben.
Um so mehr aber entbrannte ihr Haß gegen den Betrüger Mizra. Sie zogen
in den Palast und nahmen den alten Zauberer und seinen Sohn gefangen.
Den Alten schickte der Kalif in dasselbe Gemach der Ruine, das die
Prinzessin als Eule bewohnt hatte, und ließ ihn dort aufhängen. Dem
Sohn aber, welcher nichts von den Künsten des Vaters verstand, ließ
der Kalif die Wahl, ob er sterben oder schnupfen wolle. Als er das
letztere wählte, bot ihm der Großvezier die Dose. Eine tüchtige Prise,
und das Zauberwort des Kalifen verwandelte ihn in einen Storchen. Der
Kalif ließ ihn in einen eisernen Käfig sperren und in seinem Garten
aufstellen.
Lange und vergnügt lebte Kalif Chasid mit seiner Frau, der
Prinzessin; seine vergnügtesten Stunden waren immer die, wenn ihn der
Großvezier nachmittags besuchte; da sprachen sie dann oft von ihrem
Storchenabenteuer, und wenn der Kalif recht heiter war, ließ er sich
herab, den Großvezier nachzuahmen, wie er als Storch aussah. Er stieg
dann ernsthaft, mit steifen Füßen im Zimmer auf und ab, klapperte,
wedelte mit den Armen, wie mit Flügeln, und zeigte, wie jener sich
vergeblich nach Osten geneigt und Mu -- Mu -- dazu gerufen habe. Für
die Frau Kalifin und ihre Kinder war diese Vorstellung allemal eine
große Freude; wenn aber der Kalif gar zu lange klapperte und nickte und
Mu -- Mu -- schrie, dann drohte ihm lächelnd der Vezier: er wollte das,
was vor der Tür der Prinzessin _Nachteule_ verhandelt worden sei, _der
Frau Kalifin_ mitteilen.
* * * * *
Als Selim Baruch seine Geschichte geendet hatte, bezeigten sich die
Kaufleute sehr zufrieden damit. »Wahrhaftig, der Nachmittag ist uns
vergangen, ohne daß wir es merkten, wie!« sagte einer derselben,
indem er die Decke des Zeltes zurückschlug. »Der Abendwind weht
kühl, wir könnten noch eine gute Strecke Weges zurücklegen.« Seine
Gefährten waren damit einverstanden, die Zelte wurden abgebrochen,
und die Karawane machte sich in der nämlichen Ordnung, in welcher sie
herangezogen war, auf den Weg.
Sie ritten beinahe die ganze Nacht hindurch; denn es war schwül am
Tage, die Nacht aber war erquicklich und sternhell. Sie kamen endlich
an einem bequemen Lagerplatz an, schlugen die Zelte auf und legten
sich zur Ruhe. Für den Fremden aber sorgten die Kaufleute, wie wenn er
ihr wertester Gastfreund wäre. Der eine gab ihm Polster, der andere
Decken, ein dritter gab ihm Sklaven, kurz, er wurde so gut bedient,
als ob er zu Hause wäre. Die heißeren Stunden des Tages waren schon
heraufgekommen, als sie sich wieder erhoben, und sie beschlossen
einmütig, hier den Abend abzuwarten. Nachdem sie miteinander gespeist
hatten, rückten sie wieder näher zusammen, und der junge Kaufmann
wandte sich an den ältesten und sprach: »Selim Baruch hat uns gestern
einen vergnügten Nachmittag bereitet, wie wäre es, Achmet, wenn Ihr uns
auch etwas erzähltet, sei es nun aus Eurem langen Leben, das wohl viele
Abenteuer aufzuweisen hat, oder sei es auch ein hübsches Märchen.«
Achmet schwieg auf diese Anrede eine Zeitlang, wie wenn er bei sich im
Zweifel wäre, ob er dies oder jenes sagen sollte oder nicht; endlich
fing er an zu sprechen:
»Liebe Freunde! Ihr habt euch auf dieser unserer Reise als treue
Gesellen erprobt, und auch Selim verdient mein Vertrauen; daher will
ich euch etwas aus meinem Leben mitteilen, das ich sonst ungern und
nicht jedem erzähle: _Die Geschichte von dem Gespensterschiff_.«
Die Geschichte von dem Gespensterschiff.
Mein Vater hatte einen kleinen Laden in Balsora. Er war weder arm noch
reich und einer von jenen Leuten, die nicht gern etwas wagen, aus
Furcht, das wenige zu verlieren, das sie haben. Er erzog mich schlicht
und recht und brachte es bald so weit, daß ich ihm an die Hand gehen
konnte. Gerade als ich achtzehn Jahre alt war und er eben die erste
größere Spekulation machte, starb er, wahrscheinlich aus Gram, tausend
Goldstücke dem Meere anvertraut zu haben. Ich mußte ihn bald nachher
wegen seines Todes glücklich preisen, denn wenige Wochen hernach
lief die Nachricht ein, daß das Schiff, dem mein Vater seine Güter
mitgegeben hatte, versunken sei. Meinen jugendlichen Mut konnte aber
dieser Unfall nicht beugen. Ich machte alles vollends zu Geld, was mein
Vater hinterlassen hatte, und zog aus, um in der Fremde mein Glück zu
probieren, nur von einem alten Diener meines Vaters begleitet, der sich
aus alter Anhänglichkeit nicht von mir und meinem Schicksal trennen
wollte.
Im Hafen von Balsora schifften wir uns mit günstigem Winde ein. Das
Schiff, auf dem ich mich eingemietet hatte, war nach Indien bestimmt.
Wir waren schon fünfzehn Tage auf der gewöhnlichen Straße gefahren,
als uns der Kapitän einen Sturm verkündete. Er machte ein bedenkliches
Gesicht, denn es schien, er kenne in dieser Gegend das Fahrwasser nicht
genug, um einem Sturm mit Ruhe begegnen zu können. Er ließ alle Segel
einziehen, und wir trieben ganz langsam hin. Die Nacht war angebrochen,
war hell und kalt, und der Kapitän glaubte schon, sich in den Anzeichen
des Sturmes getäuscht zu haben. Auf einmal schwebte ein Schiff, das
wir vorher nicht gesehen hatten, dicht an dem unsrigen vorbei. Wildes
Jauchzen und Geschrei erscholl von dem Verdeck herauf, worüber ich
mich, zu dieser angstvollen Stunde vor einem Sturm, nicht wenig
wunderte. Aber der Kapitän an meiner Seite wurde blaß wie der Tod.
»Mein Schiff ist verloren,« rief er, »dort segelt der Tod!« Ehe ich ihn
noch über diesen sonderbaren Ausruf befragen konnte, stürzten schon
heulend und schreiend die Matrosen herein: »Habt Ihr ihn gesehen?«
schrien sie, »jetzt ist's mit uns vorbei!«
Der Kapitän aber ließ Trostsprüche aus dem Koran vorlesen und setzte
sich selbst ans Steuerruder. Aber vergebens! Zusehends brauste der
Sturm auf, und ehe eine Stunde verging, krachte das Schiff und blieb
sitzen. Die Boote wurden ausgesetzt, und kaum hatten sich die letzten
Matrosen gerettet, so versank das Schiff vor unseren Augen, und als
ein Bettler fuhr ich in die See hinaus. Aber der Jammer hatte noch
kein Ende. Fürchterlicher tobte der Sturm, das Boot war nicht mehr
zu regieren. Ich hatte meinen alten Diener fest umschlungen, und wir
versprachen uns, nie voneinander zu weichen. Endlich brach der Tag
an. Aber mit dem ersten Anblick der Morgenröte faßte der Wind das
Boot, in welchem wir saßen und stürzte es um. Ich habe keinen meiner
Schiffsleute mehr gesehen. Der Sturz hatte mich betäubt, und als ich
aufwachte, befand ich mich in den Armen meines alten treuen Dieners,
der sich auf das umgeschlagene Boot gerettet und mich nachgezogen
hatte. Der Sturm hatte sich gelegt. Von unserm Schiff war nichts mehr
zu sehen, wohl aber entdeckten wir nicht weit von uns ein anderes
Schiff, auf das die Wellen uns hintrieben. Als wir näher hinzukamen,
erkannte ich das Schiff als dasselbe, das in der Nacht an uns
vorbeifuhr, und welches den Kapitän so sehr in Schrecken gesetzt hatte.
Ich empfand ein sonderbares Grauen vor diesem Schiffe. Die Aeußerung
des Kapitäns, die sich so furchtbar bestätigt hatte, das öde Aussehen
des Schiffes, auf dem sich, so nahe wir auch herankamen, so laut wir
schrieen, niemand zeigte, erschreckten mich. Doch es war unser einziges
Rettungsmittel, darum priesen wir den Propheten, der uns so wundervoll
erhalten hatte.
Am Vorderteil des Schiffes hing ein langes Tau herab. Mit Händen und
Füßen ruderten wir darauf zu, um es zu erfassen. Endlich glückte es.
Noch einmal erhob ich meine Stimme, aber immer blieb es still auf dem
Schiff. Da klimmten wir an dem Tau hinauf, ich als der jüngste voran.
Aber Entsetzen! Welches Schauspiel stellte sich meinen Augen dar,
als ich das Verdeck betrat! Der Boden war mit Blut gerötet, zwanzig
bis dreißig Leichname in türkischen Kleidern lagen auf dem Boden,
am mittleren Mastbaum stand ein Mann, reich gekleidet, den Säbel in
der Hand, aber das Gesicht war blaß und verzerrt, durch die Stirne
ging ein großer Nagel, der ihn an den Mastbaum heftete; auch er war
tot. Schrecken fesselte meine Schritte, ich wagte kaum zu atmen.
Endlich war auch mein Begleiter heraufgekommen. Auch ihn überraschte
der Anblick des Verdeckes, das gar nichts Lebendiges, sondern nur so
viele schreckliche Tote zeigte. Wir wagten es endlich, nachdem wir in
der Seelenangst zum Propheten gefleht hatten, weiter vorzuschreiten.
Bei jedem Schritte sahen wir uns um, ob nicht etwas Neues, noch
Schrecklicheres sich darbiete. Aber alles blieb, wie es war. Weit und
breit nichts Lebendiges, als wir und das Weltmeer. Nicht einmal laut zu
sprechen wagten wir, aus Furcht, der tote, am Mast angespießte Capitano
möchte seine starren Augen nach uns hindrehen, oder einer der Getöteten
möchte seinen Kopf umwenden. Endlich waren wir bis an eine Treppe
gekommen, die in den Schiffsraum führte. Unwillkürlich machten wir dort
Halt und sahen einander an, denn keiner wagte es recht, seine Gedanken
zu äußern.
»O Herr,« sprach mein treuer Diener, »hier ist etwas Schreckliches
geschehen. Doch, wenn auch das Schiff da unten voll Mörder steckt, so
will ich mich ihnen doch lieber auf Gnade und Ungnade ergeben, als
längere Zeit unter diesen Toten zubringen.« Ich dachte, wie er, wir
faßten ein Herz und stiegen voll Erwartung hinunter. Totenstille war
aber auch hier, und nur unsere Schritte hallten auf der Treppe. Wir
standen an der Türe der Kajüte. Ich legte mein Ohr an die Türe und
lauschte; es war nichts zu hören. Ich machte auf. Das Gemach bot einen
unordentlichen Anblick dar. Kleider, Waffen und anderes Geräte lagen
untereinander. Nichts in Ordnung. Die Mannschaft oder wenigstens der
Capitano mußten vor kurzem gezecht haben, denn es lag alles noch umher.
Wir gingen weiter von Raum zu Raum, von Gemach zu Gemach, überall
fanden wir herrliche Vorräte in Seide, Perlen, Zucker usw. Ich war vor
Freude über diesen Anblick außer mir, denn da niemand auf dem Schiff
war, glaubte ich alles mir zueignen zu dürfen, Ibrahim aber machte mich
aufmerksam darauf, daß wir wahrscheinlich noch sehr weit vom Lande
seien, wohin wir allein und ohne menschliche Hilfe nicht kommen könnten.