Karla hatte gemeinsam mit ihrem neuen Freunde eine Weinstube in der inneren
Stadt errichtet. Neben der deutschen Universität, wo die Studenten mit den
bunten Mützen vor dem riesigen Holztore standen, begann das Gassengewinkel.
Aus den niedrigen Einfahrten der Durchhäuser kam ein kühler Hauch und vor
den Gewölben der Kaufleute roch es nach feuchtem Filz und vermodertem
Leder. Auch reisende Händler nächtigten hier manchmal unter den
Laubengängen des Grünmarktes, die mit Schwämmen und frischen Beeren in die
Stadt gekommen waren und hier mit ihren Körben den Morgen erwarteten. Bei
Tag war da ein reges Leben. Auf den schmalen Fußsteigen drängten sich die
Menschen, die Trödler riefen mit singender Stimme ihre Waren aus und die
Fuhrwerke rasselten über das holprige Pflaster. In der Nacht verkroch sich
der Lärm hinter die trüben Scheiben der kleinen Tanzlokale, nur zuweilen
kam eine bezechte Gesellschaft des Weges oder ein Wachmann schlichtete, von
einem Kreise von Neugierigen umgeben, eine betrunkene Schlägerei.
Eine feurige Bogenlampe hing vor dem Weinhause in der schwarzen Gasse. Wenn
man aus den schlecht beleuchteten Häusern um die Ecke trat, stach einem das
Licht in die Augen und durch die Türe klang das gedämpfte Spiel des
Klaviers. Bei der Ausstattung der Räume hatte Karla den fruchtbaren und
eleganten Geschmack des jungen Nikolaus zu Rate gezogen, den man auch jede
Nacht unter ihren Gästen sah. Sie selbst hatte dann durch zügellose
Dissonanzen eine aufreizende und besondere Schönheit in das Ganze gebracht,
die ihrem Wesen entsprach und die sie nicht missen mochte. Zwar schüttelte
Nikolaus nachdenklich den Kopf, als er zum ersten Male das Zimmer betrat.
Der tiefe Ton der Tapeten ertrank in dem scharlachfarbenen Brande der
Portieren, und über den geliebten schwarzblauen Samt der Tischläufer und
Diwandecken hatte die Laune Karlas ein unruhiges und bizarres, blutrotes
Herzmuster gestickt. Aber das ungeschulte Temperament, das hier zu Worte
gekommen war, riß mit und bezwang. Und wenn Karla am Abende in einem
zigeunerhaft wilden Gesellschaftskleide, das ihre schöne Brust und ihre
Arme zeigte, das eigenwillige Haar durch eine Kette gefesselt, im Lichte
der elektrischen Lampen stand, dann quoll der Wein süßer in die
geschliffenen Kelche, und in der Musik war ein wunderbarer und betörender
Klang.
Aber das Entzückendste, das die Leute anzog und lockte, war Mylada.
Irgendwo hatte Karla dieses Mädchen entdeckt, dessen Herkunft niemand
kannte und die niemals zuvor in Prag gesehen worden war. Jetzt saß sie
jeden Abend in der Weinstube und ihr mageres Gesicht wurde nicht röter vom
Trinken. Sie trug ein einfaches und grünes Kleid, das ihren Leib wie ein
dünnes Hemd umhüllte und ihre kleinen und spitzigen Brüste sehen ließ. In
wenigen Wochen hatten sich alle Männer in sie verliebt. Sie hatte eine Art,
der niemand widerstand, die die Schweigsamsten zum Reden verführte und die
Verschlossensten gewann. Ihre hellen Augen, die sich beim Sprechen manchmal
umwölkten, konnten den Schwerfälligen bestechen, den Kapriziösen
berauschen, den Lasterhaften überwältigen. Sie war ein neuer und
aufrührerischer Trick in dem trägen Nachtleben der Stadt. Karla hatte sie
als Sängerin engagiert und hie und da sang sie vor den Gästen mit heller
Stimme zur Klavierbegleitung ein Lied. Deutsche Chansons, die in den
Tingel-Tangeln gerade aktuell waren, tschechische Volksweisen, wie sie die
Burschen vor den Türen der Vorstadt am Abende auf der Mundharmonika
bliesen. Aber der Reiz ihrer Person hatte nichts mit diesen Liedern zu tun.
Ein ungeahnter Zulauf brachte das Weinlokal Karlas in Mode. Eine schrille
Lustigkeit tobte hier in den Nachtstunden bis früh, schrie und stampfte und
lachte aus vollem Halse. Draußen auf der Gasse, wo das Bogenlicht brannte,
blieben die Passanten stehn und drückten sich neidisch in den Schatten. Der
süßliche Elan der Wiener Musik rief sie zurück, wenn sie vorübergegangen
waren und legte den Türgriff in ihre Hände. Die Lebensfreude, die drinnen
im Walzertakte lärmte, krallte sich um die Einsamen und zog sie in den
Lichtkreis der Lampe. Auch von den früheren Bekannten Karlas, die seit dem
Tode Doktor Konrads nicht mehr zusammengekommen waren, fanden sich viele
ein. Die blonde Ruschena kam und brachte einen dicken, blatternarbigen
Maler mit. Sie saß in einer Ecke, schlürfte den sauern österreichischen
Wein, den er spendierte und sah mit einem faden Lächeln in die Luft. Erst
gegen Mitternacht erschien gewöhnlich Nikolaus. Er kam im Frack und
seidener Weste von einem Abendbesuche, und Karla stellte den
weißgekapselten Sekt für ihn in den Kühler.
Es war nach einem heißen Tage, als Severin mit Zdenka die erste Visite in
der schwarzen Gasse machten. Über der Stadt zog unwillig ein Gewitter auf
und sie waren beide müde. Zdenka hatte Hunger und Durst und da schlug
Severin vor, einmal zu Karla zu gehn. Er hatte ihre Inserate in den
Zeitungen gelesen und hatte auch im Bureau von Mylada sprechen gehört. Es
war noch zeitlich am Abend und die Weinstube war leer. Nur der alte Lazarus
hockte zusammengekauert in einem Winkel und war betrunken. Er erkannte
Severin und begrüßte ihn winkend. Neben ihm saß Mylada in ihrem grünen
Kleide und hörte geduldig seinen Gesprächen zu. Ihre hellen Augen schauten
mit ruhiger Neugier zu Zdenka hinüber und streiften auch ihren Begleiter
mit einem kurzen Blick. Severin sah ihr gebannt in das kleine und magere
Gesicht. Ein erschrockenes Widerstreben hatte ihn gefaßt, als er beim
Eintreten den Buchhändler erblickte. Jetzt saß er still und verwandelt auf
seinem Platze und fühlte ungläubig den Stoß, der sein Blut beklommen und
schwer zum Herzen trieb, während er Mylada betrachtete. Ein sonderbarer,
ihm seltsam vertrauter Ausdruck in ihren Augen gab ihm zu raten. Zdenka
verstummte verlegen, als sie die Falte auf seiner Stirne bemerkte und wagte
es nicht, ihn zu stören. Erst als Karla in das Zimmer trat und ihm erfreut
die Hände schüttelte, wachte er auf und besann sich. Sie setzte sich neben
ihn auf den Diwan und begann flüsternd von Lazarus zu sprechen. Jeden
Abend, wenn er sein Geschäft gesperrt hatte, kam er zu ihr und betrank
sich. Aber er blieb nicht lange. Wenn sich nach dem Theater die ersten
Gäste versammelten, ging er nach Hause.
Und Karla erzählte, wie er manchmal in der Betrunkenheit sinnlose Reden
führe und weine:
Oft schlägt er mit den Armen um sich wie ein Vogel, der zu fliegen versucht
und krächzt wie ein Rabe. Und dann schreit er wieder nach seiner Tochter --
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Severin wurde bleich. Wie eine Vision sah er den Abend vor sich, wo die
Jüdin ihm in der dunklen Gasse begegnet war und ihn verjagte. Er erinnerte
sich nicht mehr an ihre Worte; aber er sah ihren Leib, den die Mutterschaft
entstellte und zitterte. Er stand auf und ging zu dem Berauschten hin.
Guten Abend, Lazarus! -- sagte er -- Wie geht es Susanna?
Seine Stimme klang spröde vor Angst und er wunderte sich in demselben
Augenblicke, daß er den Mut hatte, zu fragen.
Der Alte stierte in den Wein, ohne den Kopf zu rühren.