II.

Karla hatte gemeinsam mit ihrem neuen Freunde eine Weinstube in der inneren

Stadt errichtet. Neben der deutschen Universität, wo die Studenten mit den

bunten Mützen vor dem riesigen Holztore standen, begann das Gassengewinkel.

Aus den niedrigen Einfahrten der Durchhäuser kam ein kühler Hauch und vor

den Gewölben der Kaufleute roch es nach feuchtem Filz und vermodertem

Leder. Auch reisende Händler nächtigten hier manchmal unter den

Laubengängen des Grünmarktes, die mit Schwämmen und frischen Beeren in die

Stadt gekommen waren und hier mit ihren Körben den Morgen erwarteten. Bei

Tag war da ein reges Leben. Auf den schmalen Fußsteigen drängten sich die

Menschen, die Trödler riefen mit singender Stimme ihre Waren aus und die

Fuhrwerke rasselten über das holprige Pflaster. In der Nacht verkroch sich

der Lärm hinter die trüben Scheiben der kleinen Tanzlokale, nur zuweilen

kam eine bezechte Gesellschaft des Weges oder ein Wachmann schlichtete, von

einem Kreise von Neugierigen umgeben, eine betrunkene Schlägerei.

Eine feurige Bogenlampe hing vor dem Weinhause in der schwarzen Gasse. Wenn

man aus den schlecht beleuchteten Häusern um die Ecke trat, stach einem das

Licht in die Augen und durch die Türe klang das gedämpfte Spiel des

Klaviers. Bei der Ausstattung der Räume hatte Karla den fruchtbaren und

eleganten Geschmack des jungen Nikolaus zu Rate gezogen, den man auch jede

Nacht unter ihren Gästen sah. Sie selbst hatte dann durch zügellose

Dissonanzen eine aufreizende und besondere Schönheit in das Ganze gebracht,

die ihrem Wesen entsprach und die sie nicht missen mochte. Zwar schüttelte

Nikolaus nachdenklich den Kopf, als er zum ersten Male das Zimmer betrat.

Der tiefe Ton der Tapeten ertrank in dem scharlachfarbenen Brande der

Portieren, und über den geliebten schwarzblauen Samt der Tischläufer und

Diwandecken hatte die Laune Karlas ein unruhiges und bizarres, blutrotes

Herzmuster gestickt. Aber das ungeschulte Temperament, das hier zu Worte

gekommen war, riß mit und bezwang. Und wenn Karla am Abende in einem

zigeunerhaft wilden Gesellschaftskleide, das ihre schöne Brust und ihre

Arme zeigte, das eigenwillige Haar durch eine Kette gefesselt, im Lichte

der elektrischen Lampen stand, dann quoll der Wein süßer in die

geschliffenen Kelche, und in der Musik war ein wunderbarer und betörender

Klang.

Aber das Entzückendste, das die Leute anzog und lockte, war Mylada.

Irgendwo hatte Karla dieses Mädchen entdeckt, dessen Herkunft niemand

kannte und die niemals zuvor in Prag gesehen worden war. Jetzt saß sie

jeden Abend in der Weinstube und ihr mageres Gesicht wurde nicht röter vom

Trinken. Sie trug ein einfaches und grünes Kleid, das ihren Leib wie ein

dünnes Hemd umhüllte und ihre kleinen und spitzigen Brüste sehen ließ. In

wenigen Wochen hatten sich alle Männer in sie verliebt. Sie hatte eine Art,

der niemand widerstand, die die Schweigsamsten zum Reden verführte und die

Verschlossensten gewann. Ihre hellen Augen, die sich beim Sprechen manchmal

umwölkten, konnten den Schwerfälligen bestechen, den Kapriziösen

berauschen, den Lasterhaften überwältigen. Sie war ein neuer und

aufrührerischer Trick in dem trägen Nachtleben der Stadt. Karla hatte sie

als Sängerin engagiert und hie und da sang sie vor den Gästen mit heller

Stimme zur Klavierbegleitung ein Lied. Deutsche Chansons, die in den

Tingel-Tangeln gerade aktuell waren, tschechische Volksweisen, wie sie die

Burschen vor den Türen der Vorstadt am Abende auf der Mundharmonika

bliesen. Aber der Reiz ihrer Person hatte nichts mit diesen Liedern zu tun.

Ein ungeahnter Zulauf brachte das Weinlokal Karlas in Mode. Eine schrille

Lustigkeit tobte hier in den Nachtstunden bis früh, schrie und stampfte und

lachte aus vollem Halse. Draußen auf der Gasse, wo das Bogenlicht brannte,

blieben die Passanten stehn und drückten sich neidisch in den Schatten. Der

süßliche Elan der Wiener Musik rief sie zurück, wenn sie vorübergegangen

waren und legte den Türgriff in ihre Hände. Die Lebensfreude, die drinnen

im Walzertakte lärmte, krallte sich um die Einsamen und zog sie in den

Lichtkreis der Lampe. Auch von den früheren Bekannten Karlas, die seit dem

Tode Doktor Konrads nicht mehr zusammengekommen waren, fanden sich viele

ein. Die blonde Ruschena kam und brachte einen dicken, blatternarbigen

Maler mit. Sie saß in einer Ecke, schlürfte den sauern österreichischen

Wein, den er spendierte und sah mit einem faden Lächeln in die Luft. Erst

gegen Mitternacht erschien gewöhnlich Nikolaus. Er kam im Frack und

seidener Weste von einem Abendbesuche, und Karla stellte den

weißgekapselten Sekt für ihn in den Kühler.

Es war nach einem heißen Tage, als Severin mit Zdenka die erste Visite in

der schwarzen Gasse machten. Über der Stadt zog unwillig ein Gewitter auf

und sie waren beide müde. Zdenka hatte Hunger und Durst und da schlug

Severin vor, einmal zu Karla zu gehn. Er hatte ihre Inserate in den

Zeitungen gelesen und hatte auch im Bureau von Mylada sprechen gehört. Es

war noch zeitlich am Abend und die Weinstube war leer. Nur der alte Lazarus

hockte zusammengekauert in einem Winkel und war betrunken. Er erkannte

Severin und begrüßte ihn winkend. Neben ihm saß Mylada in ihrem grünen

Kleide und hörte geduldig seinen Gesprächen zu. Ihre hellen Augen schauten

mit ruhiger Neugier zu Zdenka hinüber und streiften auch ihren Begleiter

mit einem kurzen Blick. Severin sah ihr gebannt in das kleine und magere

Gesicht. Ein erschrockenes Widerstreben hatte ihn gefaßt, als er beim

Eintreten den Buchhändler erblickte. Jetzt saß er still und verwandelt auf

seinem Platze und fühlte ungläubig den Stoß, der sein Blut beklommen und

schwer zum Herzen trieb, während er Mylada betrachtete. Ein sonderbarer,

ihm seltsam vertrauter Ausdruck in ihren Augen gab ihm zu raten. Zdenka

verstummte verlegen, als sie die Falte auf seiner Stirne bemerkte und wagte

es nicht, ihn zu stören. Erst als Karla in das Zimmer trat und ihm erfreut

die Hände schüttelte, wachte er auf und besann sich. Sie setzte sich neben

ihn auf den Diwan und begann flüsternd von Lazarus zu sprechen. Jeden

Abend, wenn er sein Geschäft gesperrt hatte, kam er zu ihr und betrank

sich. Aber er blieb nicht lange. Wenn sich nach dem Theater die ersten

Gäste versammelten, ging er nach Hause.

Und Karla erzählte, wie er manchmal in der Betrunkenheit sinnlose Reden

führe und weine:

Oft schlägt er mit den Armen um sich wie ein Vogel, der zu fliegen versucht

und krächzt wie ein Rabe. Und dann schreit er wieder nach seiner Tochter --

-- --

Severin wurde bleich. Wie eine Vision sah er den Abend vor sich, wo die

Jüdin ihm in der dunklen Gasse begegnet war und ihn verjagte. Er erinnerte

sich nicht mehr an ihre Worte; aber er sah ihren Leib, den die Mutterschaft

entstellte und zitterte. Er stand auf und ging zu dem Berauschten hin.

Guten Abend, Lazarus! -- sagte er -- Wie geht es Susanna?

Seine Stimme klang spröde vor Angst und er wunderte sich in demselben

Augenblicke, daß er den Mut hatte, zu fragen.

Der Alte stierte in den Wein, ohne den Kopf zu rühren.

Severins Gang in die Finsternis: Ein Prager Gespensterroman · 第 22 / 54 题