I.

Langsam war wieder der Sommer gekommen. Unmerklich ging eine Woche nach der

andern an dem Leben Severins vorbei, ohne sein Herz aus der Erschöpfung

aufzurütteln, in die es seit dem Ende des Winters geraten war. An dem

Abende, wo er in Not und Tränen in der Stube Zdenkas weilte, glaubte er

nicht mehr an den Frieden. Und nun war eine wundersame Stille in ihm, die

seine Sinne schärfte und in der er lächelnd wie ein Mensch nach einer

schweren Krankheit ging. Eine zärtliche Aufmerksamkeit wachte in ihm auf,

mit der er die Welt und ihre tausend Kleinigkeiten wie ein Fremder

betrachtete, dem alles neu war und der immerwährend staunte. Der Morgen

weckte ihn täglich aus einem langen und gleichmäßigen Schlaf und die Sonne

stieg heiß und glänzend in sein Fenster, wenn er die Augen öffnete und sie

geblendet wieder schloß; oder der warme Regen pochte an die Wand seines

Zimmers, der die Luft draußen mit süßen Dämpfen füllte und den er so

liebte.

Mit Zdenka war er jetzt immer beisammen.

Er fürchtete sich, so oft ihn die Erinnerung an den Winter überraschte und

seine Liebe suchte bei ihr um Hilfe. Mit einer kindlichen Andacht genoß er

ihre Gemeinschaft, die sie wieder wie früher an den Sonntagen zu den

Erholungsplätzen der Stadt und der Vorstädte führte. In den Biergärten

saßen sie mitsammen bei den Konzerten der Militärkapellen, die nacheinander

Stücke aus Verdi und Wagner, Wiener Operettenschlager und den Traum eines

Reservisten spielten. Die Blätter der Kastanienbäume spannen ein grünes

Oberlicht in der Höhe und warfen schaukelnde Sonnenflecken auf die

Tischtücher, an denen noch die Feuchtigkeit und der Geruch der

Wäschekammern haftete. Severin sah Zdenka in das schöne Gesicht und führte

mit der Trägheit des Rekonvaleszenten die Zigarette zum Munde. Die Stimmen

der Leute, die an den Nebentischen schwätzten, taten ihm wohl. Aus den

Bruchstücken der Gespräche, die zu ihm drangen, sprach das geregelte,

behaglich erstickte Tempo eines Lebens zu ihm, an das er sich beglückt

verlor.

Der Sommer hatte die Stadt in diesem Jahre, wie es ihm schien, ganz

besonders verwandelt. Er spürte ihren Blutlauf noch immer im eigenen Leibe,

aber es ängstigte ihn nicht mehr. An den Nachmittagen, bevor er Zdenka aus

dem Kontor abholte, ging er durch die sonnigen Gassen. Er sah den Männern

zu, die das Pflaster besprengten und freute sich, wenn aus den schadhaften

Wasserschläuchen kleine Fontänen aufsprangen oder wenn sich hinter den

zerstäubten Tropfen ein farbiger Regenbogen entzündete. Am Franzenskai

blühten die Akazien. Severin setzte sich auf eine Bank am Rande des Ufers.

Unter ihm floß die Moldau und ein Segelboot trieb langsam den Mühlen zu.

Ein Schwarm von abenteuerlichen Wolken zog über den Himmel und bedeckte

zeitweilig die Sonne.

Severin kannte dieses Bild aus seiner Knabenzeit. Damals hatte er manchmal

mit dem Vater unter den Akazien des Kais auf die Tante Regina gewartet.

Eine muffige Erinnerung dämmerte schläfrig in seinem Gehirn und das

finstere Zimmer im Erdgeschosse tauchte wieder vor ihm auf, das die Tante

mit dem alten Fräulein bewohnte. Dort war er immer gerne zu Besuche

gewesen. Hinter den weißen Tüllvorhängen des Fensters hing ein

Wetterhäuschen und vor seiner Türe stand ein Männchen mit einem Regenschirm

aus rotem Blech. Das alte Fräulein war krank, und der Krebs fraß an ihrem

gebrechlichen Körper. Auf dem Bethlehemsplatze hatte sie eine kleine Trafik

gepachtet, eine hölzerne Bude im Winkel der Häuser, wo sie den Tag über

Zigarren verkaufte. In der Wohnstube, die sie mit der Tante Regina teilte,

war beständig ein seltsames Gemisch von Gerüchen nach Kellerluft und

verdorrten Fronleichnamskränzen, nach Weihrauch und dem trockenen Duft der

Tabakvorräte. Für Severin hatte das alles einen besonderen, von kindischen

Ahnungen durchzitterten Reiz. Aus dem Zimmer der Tante, das mit

Heiligenbildern und geweihten Kerzen, mit zerlesenen Gesangsbüchern und

Korallenkreuzen gefüllt war, nahm seine Seele die erste Inbrunst mit nach

Hause, von der seine Kindheit heimgesucht wurde.

Ein wenig von dieser Inbrunst regte sich wieder in Severin. Er sah die

Kleinseite am jenseitigen Ufer des Flusses und die Karlsbrücke, über die

die Ordenspriester in langen Röcken paarweise wie Schüler gingen. Etwas von

der Stimmung der Nepomuktage war noch in der Luft zurückgeblieben, die

ruhig über das Wasser strich und die welken Blüten der Moldauakazien vor

seine Füße kehrte. Auf der Brücke stand noch das Holzgerüst mit den

gläsernen Lampen vor der Statue des Märtyrers, wo die Landleute aus den

Dörfern alljährlich zusammenkamen, um ihren Schutzpatron zu verehren.

Severin gedachte der fieberhaften Erwartung, die das Fest des böhmischen

Heiligen in seine Kindheit getragen hatte. Am Vorabende des Johannistages

war er mit dem Vater zum Ufer gepilgert, wo sich die Menschen schon seit

Stunden stauten. Beim Einbruche der Dunkelheit wurde hier ein Feuerwerk

abgebrannt und die dünnen Raketen stiegen mit leisem Geknatter senkrecht

zum Himmel. Unten schwammen die lichterbehängten Boote auf dem Flusse, und

vor dem Altare des heiligen Nepomuk beteten die Bauern auf der Brücke.

Severin war schon seit Jahren in keiner Kirche gewesen. Die Glut seiner

Jugend hatte sich in blinden und lässigen Schwärmereien verbraucht. Aus der

Müdigkeit, die ihn hielt und von der er sich absichtslos von einem Tag in

den anderen tragen ließ, kam nun die alte und lange vergessene Sehnsucht

seiner Knabenseele herauf. Die Nachmittagssonne hatte aus dem Dufte der

Akazien und dem Atem des Flusses einen warmen Dunst gekocht, dessen leise

Fäulnis ihn erregte. Auf dem Gehsteig des Ufers ging eine Waisenschule

spazieren und die gleichgekleideten Mädchen unterhielten sich flüsternd.

Eine vermummte Nonne geleitete sie und ihre jungen Augen sahen unter der

Kapuze einen Augenblick lang zu Severin herüber. Es waren graue und fromme

Augen, mit einem Stern in der Mitte, so wie Tante Regina sie gehabt hatte.

Unschlüssig stand er auf und suchte in den Taschen seines Rockes nach einer

Zigarette. Ihm gegenüber glänzte die Firmatafel der Bibelgesellschaft im

Licht. Vor vielen Jahren hatte er hier einmal in den Schulferien für

billiges Geld eine heilige Schrift gekauft. Er behielt sie nicht lange; sie

ging ihm verloren, wie die meisten Bücher, die er besaß. Er dachte nur

daran, weil er heute wieder den Wunsch nach den schweren, vom Alter

nachgedunkelten Berichten der Testamente und nach der hellen Weisheit der

Evangelisten spürte.

Vor dem Monumente des Kaisers Franz spielten die Kinder im Sande. Ein

weißbärtiger Greis mit einem grünen Augenschirm und einer verbogenen Brille

bot klebrige Zuckerstangen feil und Brezeln mit Salz und Mohn. Severin

kaufte den Rest seiner Ware und verteilte ihn unter die Kinder. Der Alte

trug vergnügt den leeren Korb nach Hause; die Dienstmädchen auf den Bänken

rückten zusammen und kicherten.

Eine weiche und beseligende Ergriffenheit nahm von Severin Besitz, die mit

den lange verblaßten Dingen seiner Schulzeit verwoben war. Seine Gedanken

tasteten vorsichtig in diese Welt zurück, in den naiven Zauber der

Schulkapelle, zu dem scheuen Gefühl, wenn er die kühlen Kommuniontücher mit

den Fingerspitzen berührte. Die Musik der Maiandachten fing an in seinem

Innern zu klingen, wenn die Orgel sich mit dem Gesange der Marienlieder

vereinigte und draußen, wo der Lindenbaum vor dem geöffneten Kirchenfenster

wuchs, laut und mit bebender Kehle ein Vogel zwitscherte.

Er war über die Brücke gegangen und hatte das goldene Kruzifix mit dem Hute

gegrüßt. Unversehens stand er vor dem Portal der Niklaskirche. Ihre grüne

Kuppel funkelte über den Dächern, und auf den Stufen vor dem Tore lag grell

und brennend das Licht. Severin trat ein. Aus dem farbigen Dunkel sahn ihn

die steinernen Gesichter der Bischöfe an und seine Schritte widerhallten an

den Säulen. Die Kirche war leer, nur eine schwarze Frau kniete unweit der

Türe. Sie wandte sich um, als er eintrat und er erkannte die Nonne vom

Ufer. Ihr Gesicht war weiß und unter der Kapuze brannten die Augen. Severin

kniete neben ihr und betete laut: Gegrüßet seist du Regina! Und es war ihm,

als ob über ihren Mund hinter den gefalteten Händen ein erschrockenes

Lächeln ginge.

Severins Gang in die Finsternis: Ein Prager Gespensterroman · 第 21 / 54 题