welcher nachher Drachenstern oder Schweifstern genannt wird, »von Süden
hergekommen und über die Erde dahin gefahren sei, und daß er dieselbe
habe vernichten wollen[A]. Im Süden verheerte er die Erde gänzlich;
alles wurde mit einer Schwärze, wie mit einer Nacht, überzogen.
Glutheißes Wasser fiel auf die Bäume herab, welche in dem Augenblicke
verdorreten und bis zur Wurzel hin verbrannten. Die Erde selbst wurde
verbrannt, und bestand noch kaum. Dennoch aber behielten Sonne und
Mond ihren Lauf. Gegen die Planeten kämpfte der Naturfeind furchtbar«
(welches wohl nichts weiter heißt, als er machte sie unsichtbar) »und
wollte der Welt Zerstörung bringen, und Rauchwolken stiegen aus den
Feuern aller Orten empor. Neunzig Tage und neunzig Nächte dauerte dieser
Kampf. Hierauf wurde der Naturfeind geschlagen und zurückgeworfen.
Blitze kamen nunmehr vom Himmel herab, und Tropfen von ungeheurer Größe
fielen auf die Erde, und mannshoch bedeckte das Wasser die ganze Erde.«
[Anmerkung A: Bun-Dehesch +VII.+ und _Rhode_ über den Anfang unserer
Geschichte und die letzte Revolution der Erde. S. 17. 18.]
Das _Zend-_ oder _Urvolk_ lebte zu dieser Zeit in Eeri-ene[A], das ist,
in dem gelobten, glücklichen Eeri oder Ari, seinem Urlande glücklich,
weil es hier immer Sommer war. Plötzlich aber brach (als Wirkung des
Naturfeindes) der Winter in die Welt, welcher anfänglich gelinde war und
nur 5 Monate dauerte, wodurch der Sommer 7 Monate lang war. Bald darauf
aber wuchs er zu 10 Monaten hinan, und nur zwei blieben für den Sommer
übrig (wie es jetzt in Tibet und auf dem Hochlande Asiens überhaupt
der Fall ist). Nun verließ das den Ackerbau liebende Volk sein hohes
gebirgiges Urland, und zog in niedrigere, wärmere Länder hinab. Dieser
Zug geschah unter seinem Anführer Dsjemschid, dem Sohne Vwengham's, und
ging über Sogdho, Meru, Balkh u.s.w. bis in die Provinz Ver, Per oder
Persis, wo er die Burg Ver, d.h. Persepolis, erbauete, und da, wo dieses
Volk hinkam, fand es weder Thiere des Hauses, noch des Feldes, weder
Menschen, noch Hunde, noch Geflügel.
[Anmerkung A: Die Sylbe _ene_ bedeutet _glücklich_.]
Dieß sind demnach die Sagen oder Erzählungen auch der Zend-Avesta, dem
heiligen Buche der Hindu und Parser, welche deutlich lehren, daß eine
klimatische Veränderung mit der nördlichgemäßigten Zone vorgegangen
sei--daß ein Schweifstern oder Komet diese große Veränderung
hervorgebracht, und daß ein Volk der Erde diese große Revolution erlebt
habe.
In diesem Urlande, welches Eeri-ene-veedjo, das eigentliche reine Eeri
oder Ari, genannt wird, stand unter _Vwengham_, dem Vater _Dsjems_
(Dsjemschids), der Prophet _Heomo_ (Hom) auf, und verkündigte das
Lichtgesetz _Ormuzd_ mit folgenden Worten:
»Durch Izeds[A] des Himmels habe ich
Gerechter Richter _Ormuzd_,
Im reingeschaffenen, berühmten Eeri
_Lebendige Wesen versammelt_.«
»Im reingeschaffenen, berühmten Eeri
Hat König Dsjemschid,
Haupt der Völker und Heerden,
_Lebendige Wesen versammelt_.«
»Mit himmlischen Izeds bin ich
Gerechter Richter _Ormuzd_
Im reinen, berühmten Eeri gewesen
Unter _begleitender Versammlung lebendiger Wesen_.«
»Mit himmlischen Menschen
Ist König Dsjemschid
Im reinen, berühmten Eeri gewesen,
In _Begleitung versammleter Wesen_[B].«
[Anmerkung A: Geister, Engel der Alten.]
[Anmerkung B: Zend-Avesta von Kleuker Bd. +I.+ S. 114.]
Durch Ormuzd Lichtgesetz demnach und durch feierliche Gebete bewogen,
vereinigten sich die einzelnen Stämme des Urvolks zu einem Volke unter
dem Könige Dsjemschid, und verließen unter seiner Anführung, auf Ormuzd
Befehl, das rauhe Urland, und zogen gegen Mittag hin, um sich bessere
Wohnsitze zu suchen. Dieser Zug wird im folgenden Liede also
beschrieben:
»Dsjemschid herrschte! Was seine erhabene Zunge befahl, geschah eiligst.
Ihm und seinem Volke gab ich Speise und Verstand und langes Leben, ich
der ich Ormuzd bin. Seine Hand nahm von mir einen Dolch, dessen Schärfe
Gold, und dessen Griffel Gold war. Darauf bezog der König Dsjemschid
dreihundert Theile der Erde; diese werden mit zahmen und wildem Vieh,
mit Menschen, Hunden und Geflügel, und rothglänzenden Feuern erfüllt.
Vor ihm sahe man in diesen Lustgegenden weder zahme noch wilde Thiere,
noch Menschen, noch rothflammende Feuer. Der eine Dsjemschid, Sohn
Vwenghams, ließ alles daselbst werden.«
Diesem Liede folgen hierauf noch fünf andere Lieder von eben demselben
Inhalte, weswegen ich solche hier weggelassen habe.
Die Gründe, aus welchen das Urvolk sein Urland verließ und andere Länder
besuchte, sind eben so, wie ich sie vorhin angeführt habe, im ersten und
vierten Bruchstücke genau angegeben worden. Und eben so findet sich im
Bun-Dehesch, einem Buche, welches in der Pohlvischen Sprache geschrieben
ist, und eine Sammlung[A] von verschiedenen Aufsätzen über die
Schöpfung, den Kampf zwischen Ormuzd und Ahrimann, dem bösen Wesen,
über die reinen und unreinen Thiere, über die Bewegung der Sonne und
das dadurch bewirkte Jahr u.s.w., Uebersetzungen und Auszüge aus den
Zendschriften, und jene oben angeführte furchtbare Beschreibung von der
schrecklichen Zerstörung der Erde durch den Drachenstern enthält.
[Anmerkung A: Diese Sammlung scheint zu der Zeit entstanden zu sein,
als die Zendschriften anfingen unverständlich zu werden, weswegen
man kurze Auszüge aus jenen starken Büchern machte, und solche für
das Volk in die Landessprache (die Pohlvische) übersetzte.]
Was nunmehr die Aechtheit, wie auch das hohe Alter jener Erzählungen
anbetrifft, so ist beides von Herrn Rhode in Breslau in dem kleinen
Werke: »Ueber das Alter und den Werth einiger morgenländischen Urkunden,
in Beziehung auf Religion, Geschichte und Alterthumskunde, Breslau
1817,« gründlich bewiesen und gehörig dargethan worden, indem er
1) gezeigt hat, daß die gegenwärtigen Zendschriften dieselben, oder
doch Bruchstücke von denselben heiligen Schriften sind, welche die
alten Parser vor der Zerstörung ihres Reiches durch Alexander besaßen.
2) Hat er solches aus dem Inhalte selbst hergeleitet, indem in demselben
nichts vorkommt, was auf spätere Zeiten hindeutet, sondern vielmehr ein
Religionssystem enthält, in welchem die Keime aller später in Asien
aufgeblüheten Religionen enthalten sind.
Da demnach die Aechtheit und das hohe Alter jener Zendschriften dadurch
bewiesen worden ist, so können wir auch jenen Erzählungen über die
große Veränderung der Erde, durch den Naturfeind veranlaßt, ihre
Glaubwürdigkeit nicht absprechen, welche sie außerdem noch, wegen
ihrer Eigenthümlichkeit, an sich tragen; denn
1) Ihre Auswanderungsart geschah, nach der Denkungsart der alten Völker,
auf den Befehl Gottes, weicht aber darin von der der spätern Völker
ab, daß sie nicht von einem Andrange eines andern Volks, oder aus
Lüsternheit nach fremden Ländern, oder aus Raubsucht, sondern nur von
der klimatischen Veränderung ihres Landes, dem eingetretenen, 10 Monate
lang dauernden Winter veranlaßt worden ist.
Dieß war die Ursache, weshalb jenes Volk sein Hochland verließ, nach
Süden hinab zu den angeführten Ländern zog, und da, wo es hinkam, fand
es weder Menschen, noch zahmes Vieh.
2) Stimmt dieser Zug mit der geographischen Lage der Oerter vollkommen
überein. Denn er ging von dem Hochlande, an beiden Seiten des Flusses
Gihin oder Oxus, in den engen Pässen desselben, hinab. Hier wurde
zuerst am rechten Ufer das Stufenland Sogdho, und am linken Moore oder
Meru besetzt. Von hier ging der Zug nach Balkh oder Baktra, wo die
Zend-Avesta scheint aufgeschrieben worden zu sein. Und so kam er
nach manchem Hin- und Herstreifen nach Ver, Per oder Persis. Und wenn
sich nun auch ein Theil dieses Zuges nach Indus oder Armenien wandte,
so blieb doch von jetzt an Persis der Hauptsitz dieses Volkes, wo
Dsjemschid, wie schon oben angeführt ist, die Burg Persepolis erbauete,
deren Trümmer noch jetzt auf einer Anhöhe zwischen den in Persis
entspringenden Flüssen Medus und Araxes liegen.
Jetzt bleibt mir nur noch übrig zu beweisen, daß _Eeri-ene_ oder das
gelobte glückliche _Eeri_ oder _Ari_ kein anderes Land, als das jetzige
Tibet sei. Der Beweis dafür liegt aber ganz deutlich in der Anführung
des Berges _Albordy_, woran die ganze Mythologie dieses Volkes geknüpft
ist, und den die Ausleger der _Zend-Avesta_ vergebens am Kaukasus
gesucht haben. Denn fast auf allen Seiten der Zendschriften wird
angeführt, daß der _Albordy_ in _Eeri-ene_ liege. Und in einer alten
Zendschrift dieses Urvolkes heißt es mit dürren Worten also:
»Von den Gewässern _Albordy's_, wo _Ormuzd_, der Gott dieses Volks
und _Mithra_, der Lucifer, wohnen, kommt ein Strom herab, der nur mit
Schiffen zu befahren ist, und Samen, Fruchtbarkeit in die Oerter von
_Meru_ und _Sogdho_, welche sich danach sehnen, bringt.«[A]
[Anmerkung A: Zend-Avesta Bd. 2. S. 222.]
Nach der geographischen Lage dieser beiden Oerter kann dieser Strom auch
kein anderer, als der Oxus sein, weil nur dieser zwischen beiden Oertern
hinabfließt und schiffbar ist, und unter der Schneedecke des Albordy
entspringt.
Da nun diese Angaben in der _Zend-Avesta_ die Lage des Urlandes so
deutlich bezeichnen, und welche dazu noch durch die Sagen der Hindu und
Chinesen unterstützt werden, so kann man wol an der Richtigkeit der
angeführten Lage dieses Landes keinen Augenblick zweifeln. Außerdem
ist in ganz Asien kein Land dazu geeignet, ein Volk vor einer solchen
mächtigen Revolution, wie die oben angeführte war, wodurch höchst
wahrscheinlich die ganze Oberfläche der Erde mit Meeresfluthen bedeckt
und die ganze lebende Schöpfung vernichtet worden ist, zu schützen,
als diese Hochebene von Tibet, indem solche über 8000 Fuß über der
Meeresfläche erhaben liegt[A], und dabei Berge hat, welche weit die
Höhe eines Chimborasso's in Amerika, der 20,148 Pariser Fuß hoch ist,
übertreffen. Denn der weiße Berg oder _Tschumulari_ dieses Landes hat,
nach der trigonometrischen Messung des Lord _Teigmouth_, welche vor
einigen Jahren geschehen ist, eine Höhe von 27,552 englische Fuß;[B] ein
anderer Gipfel dieses Gebirges, auf welchem jenes hervorragt, ist, nach
der Messung des Majors _Crawford_, 25,000 englische Fuß hoch, -- und so
sind noch zwei andere Gipfel des Gebirges dieses Landes da, welche mit
einer Höhe von 23-24000 Fuß emporragen, wobei es nur zu bedauern ist,
daß man die Höhe des _Albordy_ nicht gemessen hat.
[Anmerkung A: Ritter's Erdkunde 1. Th. S. 566.]
[Anmerkung B: Diese machen 26,000 Pariser Fuß aus.]
Diese hohen Gebirge sind demnach höchst wahrscheinlich das Asyl dieses
Volkes gewesen, auf welchen es sich gegen die mächtigen Meeresfluthen
geschützt hat. Indessen werden diese dasselbe nicht dagegen geschützt
haben, wenn der Schweifstern, welcher von Süden herkam, sich hier mit
der Erde vereinigt hätte, weil alsdann die Wasserfluthen über die
höchsten Spitzen dieser Gebirge würden dahingeströmt sein.
Aus der vorhin angeführten Angabe aus der _Zend-Avesta_ über die Höhe
des Wassers, welches auf die Erde fiel, und das Land hier, auf dieser
Hochebene, die 8000 Fuß hoch ist, mannshoch bedeckte, folgt, daß solches
über 8000 Fuß hoch, vom Meere an gerechnet, die Länder hin und wieder
muß bedeckt haben, und daß daher der Schweifstern sehr nahe der Erde muß
gekommen sein, weil er sonst solches nicht hätte bewirken können. Und
da durch ihn die klimatische Verfassung dieses Landes und auch die der
ganzen nördlichen gemäßigten Zone verändert worden ist, so muß er sich
auch irgendwo mit der Erde, und zwar auf ihrer nördlichen Hälfte,
vereinigt haben. Auffallend ist hierbei, daß durch die vielen
Landspitzen und Vorgebirge an der südlichen Seite von Asien und Afrika,
und durch die Bildung der Gestalt dieses Erdtheils, wie auch durch die
von Amerika, ein solcher Fluthenzug, der einstens von Süden nach Norden
hingegangen und dem Laufe des Kometen gefolgt ist, bestätiget wird.
Daher haben schon längst die Geologen einen solchen Zug in der
angegebenen Richtung aus der eben angeführten Gestalt und Bildung jener
Erdtheile angenommen, und dabei die Behauptung aufgestellt, daß durch
diesen die großen Landthiere aus Süden nach Norden, in unsere gemäßigte
Zone, wo sie begraben liegen, geführt worden wären, wie ich schon oben
angeführt und mit Gründen hinlänglich, wie ich glaube, widerlegt habe.
Auf diese Weise stimmen demnach die Naturerscheinungen mit den Sagen
und Erzählungen der heiligen Bücher der Hindu und Parser überein, und
bestätigen dadurch die in denselben angeführte große Revolution der Erde
und zugleich das Dasein eines Urvolkes oder eines Volkes vor derselben,
welches diese große Veränderung erlebt hat.
Wie lange nun aber dieses Urvolk auf der Erde gelebt und wie weit es
sich auf derselben ausgebreitet habe, darüber können wir zwar nichts
Bestimmtes, aber doch Vermuthungen aufstellen, welche einen nicht
geringen Grad von Wahrscheinlichkeit für sich haben. Was das Alter
dieses Volkes anbetrifft, so erhellet aus den Religionsbegriffen
desselben, welche die Zendschriften enthalten, daß die Verfasser
derselben in dem dritten Jahrtausend nach der Erschaffung des
Menschengeschlechts zu leben glaubten. Hiermit stimmen auch die
Chronologien der neuen Perser überein, ob sie gleich unter sich und
in Ansehung der Geschichte von den Zendbüchern sehr abweichen, welche
jenen Zeitraum von der Schöpfung der Menschen bis auf _Zoroaster_, dem
Verfasser der _Zendbücher_, der unter dem Könige von Iran, _Veschtasp_,
lebte[A], selten über 3000 Jahre setzen. Und dieser Zeitraum für das
Zendvolk ist nicht zu lang, wenn wir auf die Ueberreste von Kenntnissen,
besonders in der Sternkunde, welche die ältesten Völker unserer
gewöhnlichen geschichtlichen Nachrichten gehabt und als Heiligthümer
verehrt, und die sie, wie ich gleich im Anfange angeführt habe, nur von
dem Urvolke können erhalten haben, hinblicken.
[Anmerkung A: Wie lange _Dsjemschid_ und seine Nachkommen in der
Burg von Ver oder Per (Persis) geherrscht haben, ist aus den
Zendschriften nicht zu ersehen. Indeß werden in denselben _Athvian_
und sein Sohn _Feridun_ genannt. Dieser hatte mehre Kinder, welche
unter sich uneins wurden, und das große Reich in zwei Reiche, in
_Tur_ und _Ari_ (_Iran_) theilten, welche durch den Fluß _Oxus_ von
einander getrennt wurden. In _Iran_ war _Veschtasp_ der fünfte
König, welcher nach neuern Persischen Schriftstellern seine Residenz
nach _Balkh_ oder _Baktra_ verlegte, um näher den Grenzen von Tur
zu sein. Dieß baktrische Reich wurde zuletzt von den Assyrern
unterjocht, von welchem Zeitpunkte an unsere gewöhnlichen
geschichtlichen Nachrichten erst anheben. Da in den Zendbüchern
keine Erwähnung von dieser Unterjochung geschieht, auch nicht die
geringste Anspielung auf die großen Städte Ninive oder Babel in
denselben gemacht wird, und die Namen der beiden Völker, Meder und
Perser, obgleich die Nachbarn in Tur und Indien häufig in denselben
vorkommen, nicht erwähnt werden, so folgt daraus doch wol, _daß die
Verfasser der Zendschriften in dem alten Baktrischen Reiche müssen
gelebt haben, und die Geschichte ihres Volks von der Zeit erzählen,
ehe solches von den Assyrern unterjocht worden ist_. Mehres hierüber
in _Rhode's_: »Ueber das Alter und den Werth der morgenländischen
Urkunde, S. 36 u.s.w.«]
Und wenn dies Urvolk in dem Besitze solcher Kenntnisse war, wie die
des Thierkreises voraussetzen, und denselben erfunden hat, wie solches
höchst wahrscheinlich ist, weil es ihn von keinem andern Volke hat
erhalten können, und dabei die Länge des Sonnenjahres kannte, wie aus
der _Zend-Avesta_ erhellet, auch Sonnen- und Mondfinsternisse berechnen
konnte, wie die Berechnungen der Braminen beweisen, die solche nur von
ihm können erhalten haben; so muß es eine geraumvolle Zeit auf der Erde
gelebt haben, um durch mühsame Beobachtungen des Himmels, und durch
angestrengtes Nachdenken über den Lauf der Welten an demselben nach und
nach dahin gekommen zu sein.
Wie weit sich aber dieß Volk vor der letzten großen Revolution auf der
Erde ausgebreitet habe, darüber findet man in der _Zend-Avesta_ keine
Belehrung.
* * *
Ehe ich aber die Resultate der Religionsbegriffe der Parser und Hindu,
welche aus dem Urvolke ausgegangen sind, anführen kann, muß ich zuvor
von den Schriften beider Völker Folgendes bemerken: Was zuerst die
Zendschriften der Parser anbetrifft, so sind diese zwar voll von
historischen Begebenheiten, aber sie enthalten durchaus keine Anspielung
auf die großen Begebenheiten bei und nach der Assyrischen Unterjochung,
sondern stellen das Zendvolk als selbstständig und eins unter einem
eingebornen König lebend dar. Hieraus folgt demnach, daß die Abfassung
sämmtlicher Zendschriften vor den Zeitpunkt der Eroberung des Staats
durch die Assyrer gesetzt werden muß. Denn durch die Assyrische
Unterjochung hörte die Existenz jenes Staats und jenes Volkes auf, und
wurde in drei Satrapien, Baktra, Medien und Persis getheilt. In Medien
bildete sich durch die Einmischung der assyrischen Sprache das Pehlvi
oder die Pehlvische Sprache, und in Persis durch Einmischung indischer
Dialekte, das Parsi. Nach Abschüttelung des Assyrischen Joches wurde
unter den Meder-Königen das Pehlvi _Haupt-_ und _Hofsprache_, und nach
Cyrus trat das Parsi an die Stelle.
In dieser Hinsicht, wie wir sehen, sind die Zendschriften schon sehr
wichtig für die frühere Geschichte, aber ihr Werth vergrößert sich noch
durch die Darstellung des Religionswesens in dem frühesten Alterthume.
Das Zendvolk, dessen Schriften wir eben erwähnt haben, ist mit den alten
Hindu, sowol wegen des ursprünglichen Vaterlandes, als auch durch seine
Sprache, wie _Anquetil du Perron_ bewiesen hat, nahe verwandt; daher
müssen auch die Religionen beider Völker, wenn sie auch als Sekten von
einander abweichen, viel Gemeinsames mit einander haben. Die Quellen,
woraus wir das Religionssystem der Hindu schöpfen, sind die Veda's[A],
welche von den Braminen eben so heilig gehalten werden, wie die Perser
ihre Zendschriften halten. Außerdem gleichen sie denselben sowol in
Ansehung der Form, weil sie aus Gebeten, Hymnen und Gesprächen zwischen
einem _Seher_ und der Gottheit, wie in der _Zend-Avesta_, bestehen, wie
auch in Ansehung der Gegenstände der Verehrung, indem die Hymnen und
Gebete, wie in der _Zend-Avesta_, an die Sonne, den Mond, das Feuer,
Wasser u.s.w. gerichtet sind. Und selbst der Ton, in welchem die Gebete
u.s.w. abgefaßt sind, hat in beiden Schriften die überraschendste
Aehnlichkeit. Außer diesen Veda's haben die Hindu noch das Gesetzbuch
des _Menu's_, welches aber, wie Herr _Rhode_ gründlich gezeigt hat,
nicht so alt ist, wie die Veda's sind; und endlich besitzen sie noch die
Fragmente aus dem _Shastak_ des Brahma, welche _Holwell_ bekannt gemacht
hat[B], und die von _Kleuker_ und _Rhode_ für ächt gehalten und zu den
ältesten indischen Schriften gezählt werden.
[Anmerkung A: Die besten Nachrichten über die Veda's verdanken wir
Colebrooke.]
[Anmerkung B: Holwell's merkwürdige Nachrichten von Hindostan &c.
übersetzt von Kleuker, 1ster Bd.]
Aus allen diesen Quellen lassen sich demnach die Hauptsätze der ganzen
Religion beider Völker ziemlich vollständig herleiten, wie solches von
Herrn _Rhode_ in den nachstehenden Sätzen geschehen ist, und woraus man
deutlich ersiehet, daß diese Sätze die Grundpfeiler aller geoffenbarten
Religionen sind:
1) Es ist ein ewiges, höchstes, nothwendiges, heiliges, allmächtiges
Wesen, Brahma, oder _Zervane Akerene_, d.i. der Ewige, Anbeginnlose
genannt, von dem alles, was da ist, seinen Ursprung, in dem alles seinen
letzten Grund hat.
2) Das unendliche Wesen brachte im Anbeginn mehre große göttliche Wesen
hervor, denen es so viel von seiner Größe, seinen Eigenschaften, seiner
Macht und Herrlichkeit mittheilte, als möglich war.
3) Eins oder mehrere der erstgeschaffenen Wesen fielen durch Mißbrauch
ihrer Freiheit von ihrem Schöpfer ab, wurden böse, und Urquell alles
Bösen in der Welt.
4) Das unendliche Wesen beschloß nun, die sichtbare materielle Welt
durch seine ersten Machthaber schaffen zu lassen, und sie wurde
geschaffen.
5) Der Zweck der Schöpfung der Körperwelt ist kein anderer, als durch
sie die von ihrem Schöpfer abgefallenen Wesen wieder zurückzuführen, sie
wieder gut, und dadurch alles Böse auf ewig verschwinden zu machen.
6) Der Ewige hat zur Dauer der Körperwelt einen Zeitraum von
zwölftausend Jahren bestimmt, welcher in vier Zeitalter abgetheilt ist.
In dem ersten Zeitalter herrscht das gute (erhaltende) Princip allein,
im zweiten wird das böse (zerstörende) Princip schon wirksam, doch
untergeordnet; im dritten herrschen beide gemeinschaftlich; im vierten
hat das Böse (zerstörende) die Oberhand, und führt das Ende der Welt
herbei.
7) Die Regierung der Welt hängt zwar im Allgemeinen von dem unendlichen
Wesen ab, das alles nach seinem Rathschlusse und in seiner Weisheit
bestimmt; die besondere Verwaltung ist aber zunächst dem ersten großen
Wesen und von diesem wieder einer Menge vermittelnder Wesen, Erzengeln,
Engeln und Schutzgeistern übertragen, die einander zu- und untergeordnet
sind, und in denen sich oft Naturwesen und Naturkräfte nicht verkennen
lassen.
8) Die Seelen der Menschen sind vom Anfange der Schöpfung an,
als geistige, selbstständige, freihandelnde Wesen vorhanden. Sie
müssen sich blos auf der Erde mit einem Körper vereinigen, um eine
Prüfungswanderung, im Kampfe gegen das Böse, zu machen. Nach dem Tode,
wo sie ewig fortleben, werden die Guten in den Wohnsitzen der seligen
Geister, dem Himmel, belohnt; die Bösen hingegen in den Wohnungen der
Teufel, der Hölle, gestraft.
9) Was den Menschen ihren Kampf auf der Erde erschwert, sind die Devs,
Teufel oder bösen Geister, welche sie Tag und Nacht umlauern, um sie zum
Bösen zu verführen. Aber der Schöpfer hat sich des schwachen Menschen
erbarmt, und ihm seinen Willen in einer, von erleuchteten Propheten
schriftlich verfaßten Offenbarung kund gethan. Befolgt der Mensch diesen
Willen seines Schöpfers, so gewinnt er dadurch Kraft, nicht allein den
Verführungen der Teufel zu widerstehen, sondern sich auch schon durch
Heiligkeit in diesem Leben zu einer innigen Vereinigung mit der Gottheit
zu erheben.
10) Im letzten Zeitraume, gegen das Ende der Welt, wo das böse Princip
die Oberhand hat, und das Gute ganz von der Erde zu verschwinden
scheint, wird Gott den Menschen einen Erlöser senden, der dem Bösen
wehrt, Religion, Tugend und Gerechtigkeit wieder herrschend macht,
und das Reich der bösen Geister zerstört, indem er das Reich Gottes
verherrlicht.
11) Sind nun die zur Weltdauer bestimmten zwölftausend Jahre verflossen,
so wird die Erde durch Feuer vernichtet werden, aber eine neuere schöne
Erde tritt an ihre Stelle[A]. Aus diesen Religionssätzen, wovon sich
Spuren in den Religionen aller asiatischen Völker und auch bei denen,
welche in andern Erdtheilen wohnen, vorfinden, wie auch aus der Kenntniß
des Thierkreises, der von dem Urvolke erfunden und von da überall
ausgegangen ist, weswegen wir ihn fast bei allen Völkern der Erde
vorfinden, und wo er in Ansehung der Folge der Zeichen ganz unverändert
geblieben ist, folgt doch wol, daß alle Völker der Erde von dem Urvolke
müssen ausgegangen sein, und diese Kenntnisse zugleich mitgenommen
haben.
[Anmerkung A: Diese Sätze, wenn auch nicht alle, wurden in den
Schulen der alten Philosophen als Geheimnisse gelehrt und dem Volke
vorenthalten, wie solches auch von den Essenern geschah, wovon sich
ein Theil mit dem Philosophiren über diese Sätze, ein anderer aber
mit der darin liegenden Sittenlehre beschäftigte. S. Richter's
Christenthum und die ältesten Religionen des Orients, 1819.]