Bei ruhiger und gründlicher Betrachtung zwingt sich uns solche
Erkenntnis immer stärker und überzeugender auf. Da ist es fast, als
ob wir die Urbilder der im Süden, in Spanien und Italien, gefundenen
Formen des 7. und 8. Jahrhunderts hier vor uns hätten, wenn auch
dies Nordische um 800 Jahre jünger ist. In der Tat bietet sich hier
der Schlüssel zum Verständnis jener Formen der germanischen Steinkunst
im Süden und Westen. Gelegentlich des näheren Eingehens auf den
nordischen Holzbau haben wir uns bereits über die Eigenart der Formen
des Zimmermanns verständigt; die Profile sind in die Balkenfläche
eingegrabene Kehlen und Stäbe, Nuten und Linien; nirgends vorspringende
Gesimse, wie sie der Steinbau zu bilden hat. Wir finden in Halberstadt
Sparrenköpfe profiliert und gekerbt, wie wir sie als Konsolen in Stein
in Sevilla und Leon antrafen. Wir sehen in Hildesheim die Vorderfläche
der Balkenständer geschnitzt mit eingetieften Halbsäulen und Hermen,
genau wie wir solche in Merida einst vorfanden. Wir haben in Göttingen
an der Vorkragung eines Holzhauses schräge Kopfbänder mit runden
Scheiben am Ende, die den eigenartigen hängenden Konsolen in S. M.
de Naranco ganz ungemein ähneln und uns diese erst als Holzformen
erkenntlich machen.
Wir sehen die gewundenen Taustäbe und ähnliche gedrehte Bildungen
als im Holzbau des Nordens seit dem 15. Jahrhundert in einem Umfange
allgemein angewandt, wie wir es nur noch etwa in S. Miguel de Lino,
siebenhundert Jahre früher, schauten.
Wir lernen aus den Werken so viel jüngerer Zeit, was eigentlich Holzbau
und Holzformen, was die Gedankenwelt des Zimmerers überhaupt sei, wir
sehen ihn mit Stemmeisen und Geißfuß sein Schnitzwerk auf glatter
Holzfläche auf Grund setzen, hineinkerben und ohne Mühe genau so
stilisieren, wie das die Langobarden des 8. Jahrhunderts in gleichem
Sinne in Stein vollführten. Das ist nicht Zufall, ist auch nicht allein
abhängig von Material, Überlieferung und Gewohnheit, das ruht auf dem
viel tieferen Grunde der Stammeseigentümlichkeit, die stets zu ihren
Ausgängen, stets zu gleichen künstlerischen Bildungen zurückkehrt.
Auch die nordisch-romanische Baukunst, zeitlich der ältesten Epoche
noch nahegelegen, ist selbstverständlich voll von Erinnerungen aus
ihr, um so mehr da, wo es sich um uralte Kulturstätten des Deutschtums
handelt, wo um jene Zeit wohl noch allerlei lebendig zu sehen war, was
in die Jugend unseres Volkes zurückreichte.
Es kann nicht Zufall sein, daß wir am Wormser Dom das älteste Turmideal
der Germanen, die Rundtürme, in so hoher Ausbildung antreffen,
noch weniger, wenn wir an einem dieser Türme Konsolendigungen
eines Rundbogenfrieses finden, die ohne weiteres uns die bekannten
Kopfendigungen der altgermanischen Fibeln ins Gedächtnis rufen (s.
Abb. 189). Oder wenn wir an einem Portal desselben Domes in der Stadt,
an die sich der älteste Sang des deutschen Volkes, das Lied von der
Nibelungen Not, heftet, über einem Portal reines langobardisches
Flechtwerk sehen, wörtlich genau so gebildet, wie solches aus dem 8.
Jahrhundert in Norditalien.
[Sidenote: Weltbürgertum und nationales Volkstum]
Was im Volke, im Stamme einmal lebendig ist, was zu künstlerischer
Verwirklichung drängt, ist ewig, unvergänglich. In nichts ist das
Weltbürgertum größer, als im Verständnis und Genusse der Kunstwerke;
im Allgemeinmachen der edelsten Geistesschöpfungen aus aller Welt für
alle Menschen. In nichts hat es so wenig Kraft, als in der Schaffung
für die ganze Welt gleichmäßig gültiger Kunstwerke. Ein Japaner kann
die fernsten Menschen entzücken, aber nur durch echt japanische
Kunstwerke, aus dem Geiste und der Art seines Volkes geschaffen. Das
ist die inwendige Welt, die einen Dürer und alle großen Künstler
erfüllte, die hinausstrebte ins Leben, in die Wirklichkeit.
Die Größten, die ihrem Stamme fremde bildende Kunst brachten, für den
Norden ein Thorwaldsen, ein Schinkel, selbst ein Semper, sie werden
langsam vergessen, sie sterben. Nur die bleiben lebendig, die ihres
Stammes reine Kinder sind; sie wachsen und werden immer größer.
[Illustration: Abb. 189. Konsolen vom Wormser Dom.]
Welcher Künstler des Westens hat seinem Namen so rasche Berühmtheit
erwachsen sehen, als der Japaner Hokusai? -- Seine Werke sind in der
ganzen Welt gesucht und geliebt.
Hätte der gelbe Maler in der ville lumière seine Lehrer gesucht, seine
künstlerischen Ziele gefunden und sie nach Hause gebracht -- wer wüßte
von ihm?
Wahre und dauernde Kunst kann nur aus Stammesart und aus echt
nationalem Wesen hervorfließen. Selbst Goethes des Universalmenschen
wirkliche Größe und Bedeutung beruht allein in seinem ursprünglichen
und gewaltigen nur universal gewordenem Deutschtum. Der Deutsche, der
Germane, der in eigenem Grunde unverrückbar fest wurzelt, kann hinauf
und heraus wachsen ins Allgemeine, in die ganze Welt hinein. Wer
diese edelsten Wurzeln abschneidet, um hinauszufliegen ins Weite, geht
der Kraft für ewig verlustig, die ihn und sein Künstlertum lebendig
erhielt; er fliegt in die Lüfte mit den Wolken und zergeht mit ihnen.
[Illustration: