Abb. 188. Haus in Osnabrück.]

Bei ruhiger und gründlicher Betrachtung zwingt sich uns solche

Erkenntnis immer stärker und überzeugender auf. Da ist es fast, als

ob wir die Urbilder der im Süden, in Spanien und Italien, gefundenen

Formen des 7. und 8. Jahrhunderts hier vor uns hätten, wenn auch

dies Nordische um 800 Jahre jünger ist. In der Tat bietet sich hier

der Schlüssel zum Verständnis jener Formen der germanischen Steinkunst

im Süden und Westen. Gelegentlich des näheren Eingehens auf den

nordischen Holzbau haben wir uns bereits über die Eigenart der Formen

des Zimmermanns verständigt; die Profile sind in die Balkenfläche

eingegrabene Kehlen und Stäbe, Nuten und Linien; nirgends vorspringende

Gesimse, wie sie der Steinbau zu bilden hat. Wir finden in Halberstadt

Sparrenköpfe profiliert und gekerbt, wie wir sie als Konsolen in Stein

in Sevilla und Leon antrafen. Wir sehen in Hildesheim die Vorderfläche

der Balkenständer geschnitzt mit eingetieften Halbsäulen und Hermen,

genau wie wir solche in Merida einst vorfanden. Wir haben in Göttingen

an der Vorkragung eines Holzhauses schräge Kopfbänder mit runden

Scheiben am Ende, die den eigenartigen hängenden Konsolen in S. M.

de Naranco ganz ungemein ähneln und uns diese erst als Holzformen

erkenntlich machen.

Wir sehen die gewundenen Taustäbe und ähnliche gedrehte Bildungen

als im Holzbau des Nordens seit dem 15. Jahrhundert in einem Umfange

allgemein angewandt, wie wir es nur noch etwa in S. Miguel de Lino,

siebenhundert Jahre früher, schauten.

Wir lernen aus den Werken so viel jüngerer Zeit, was eigentlich Holzbau

und Holzformen, was die Gedankenwelt des Zimmerers überhaupt sei, wir

sehen ihn mit Stemmeisen und Geißfuß sein Schnitzwerk auf glatter

Holzfläche auf Grund setzen, hineinkerben und ohne Mühe genau so

stilisieren, wie das die Langobarden des 8. Jahrhunderts in gleichem

Sinne in Stein vollführten. Das ist nicht Zufall, ist auch nicht allein

abhängig von Material, Überlieferung und Gewohnheit, das ruht auf dem

viel tieferen Grunde der Stammeseigentümlichkeit, die stets zu ihren

Ausgängen, stets zu gleichen künstlerischen Bildungen zurückkehrt.

Auch die nordisch-romanische Baukunst, zeitlich der ältesten Epoche

noch nahegelegen, ist selbstverständlich voll von Erinnerungen aus

ihr, um so mehr da, wo es sich um uralte Kulturstätten des Deutschtums

handelt, wo um jene Zeit wohl noch allerlei lebendig zu sehen war, was

in die Jugend unseres Volkes zurückreichte.

Es kann nicht Zufall sein, daß wir am Wormser Dom das älteste Turmideal

der Germanen, die Rundtürme, in so hoher Ausbildung antreffen,

noch weniger, wenn wir an einem dieser Türme Konsolendigungen

eines Rundbogenfrieses finden, die ohne weiteres uns die bekannten

Kopfendigungen der altgermanischen Fibeln ins Gedächtnis rufen (s.

Abb. 189). Oder wenn wir an einem Portal desselben Domes in der Stadt,

an die sich der älteste Sang des deutschen Volkes, das Lied von der

Nibelungen Not, heftet, über einem Portal reines langobardisches

Flechtwerk sehen, wörtlich genau so gebildet, wie solches aus dem 8.

Jahrhundert in Norditalien.

[Sidenote: Weltbürgertum und nationales Volkstum]

Was im Volke, im Stamme einmal lebendig ist, was zu künstlerischer

Verwirklichung drängt, ist ewig, unvergänglich. In nichts ist das

Weltbürgertum größer, als im Verständnis und Genusse der Kunstwerke;

im Allgemeinmachen der edelsten Geistesschöpfungen aus aller Welt für

alle Menschen. In nichts hat es so wenig Kraft, als in der Schaffung

für die ganze Welt gleichmäßig gültiger Kunstwerke. Ein Japaner kann

die fernsten Menschen entzücken, aber nur durch echt japanische

Kunstwerke, aus dem Geiste und der Art seines Volkes geschaffen. Das

ist die inwendige Welt, die einen Dürer und alle großen Künstler

erfüllte, die hinausstrebte ins Leben, in die Wirklichkeit.

Die Größten, die ihrem Stamme fremde bildende Kunst brachten, für den

Norden ein Thorwaldsen, ein Schinkel, selbst ein Semper, sie werden

langsam vergessen, sie sterben. Nur die bleiben lebendig, die ihres

Stammes reine Kinder sind; sie wachsen und werden immer größer.

[Illustration: Abb. 189. Konsolen vom Wormser Dom.]

Welcher Künstler des Westens hat seinem Namen so rasche Berühmtheit

erwachsen sehen, als der Japaner Hokusai? -- Seine Werke sind in der

ganzen Welt gesucht und geliebt.

Hätte der gelbe Maler in der ville lumière seine Lehrer gesucht, seine

künstlerischen Ziele gefunden und sie nach Hause gebracht -- wer wüßte

von ihm?

Wahre und dauernde Kunst kann nur aus Stammesart und aus echt

nationalem Wesen hervorfließen. Selbst Goethes des Universalmenschen

wirkliche Größe und Bedeutung beruht allein in seinem ursprünglichen

und gewaltigen nur universal gewordenem Deutschtum. Der Deutsche, der

Germane, der in eigenem Grunde unverrückbar fest wurzelt, kann hinauf

und heraus wachsen ins Allgemeine, in die ganze Welt hinein. Wer

diese edelsten Wurzeln abschneidet, um hinauszufliegen ins Weite, geht

der Kraft für ewig verlustig, die ihn und sein Künstlertum lebendig

erhielt; er fliegt in die Lüfte mit den Wolken und zergeht mit ihnen.

[Illustration:

Die älteste Kunst, insbesondere die Baukunst der Germanen von der Völkerwanderung bis zu Karl dem Grossen · 第 106 / 114 题