XLVI

Abb. 178. Fulda. S. Michael.

(Verl. Georg Ostertag.)]

[Illustration: Abb. 179. Chur. Silberne Kassette.

(Phot. Lang, Chur.)]

Hiermit sind die Bauwerke in Deutschland, die unsern Kreis noch

in etwas berühren, wohl annähernd erschöpft. Es bleibt noch auf

einige ganz frühe in der Schweiz hinzuweisen, die wohl meist von

langobardischen Meistern errichtet sein mögen.

[Sidenote: Disentis]

Zuerst die neuerlich aufgegrabene kleine Kirche zu Disentis in

Graubündten, von der ich schon gesprochen habe; ihre Erbauungszeit

fällt zwischen 670 und 789. Sie bestand aus einem rechteckigen Schiff,

an das sich östlich drei hufeisenförmige Apsiden anschlossen, ihre

ganz besondere Eigentümlichkeit aber darin, daß ihre Schiffswände, in

reichster Stukkatur geschmückt, in einem oberen Friese eine Unzahl

lebensgroßer Figuren in Relief enthielten, zum Teil bemalt, über einem

ebenfalls in Stuck hergestellten Sockel mit Füllungen und Rahmen in

verschiedenen Mustern geziert, gekreuzte, schachbrettartige und andere

Anordnungen zeigend und wie eine Art Gitterwerk erscheinend (s. Abb.

65); darüber ein schmaler Ornamentfries als Trennung von dem großen

Figurenfelde.

[Illustration: Abb. 177. Fulda. S. Michael. Äußeres.]

Die kleinen Fenster, wahrscheinlich sieben an der Zahl, also wohl

eines im Westen und je drei an den Langseiten, waren mit gerippten

Halbsäulchen und Taubändern, darüber hübschen Archivolten, umrahmt;

fast alle Ornamentik im klarsten Kerbschnittstile. Der Raum einst

sicher von höchst eigenartiger lebendiger Wirkung und -- außer mit dem

Oratorium zu Cividale, in der Choranlage mit S. Miguel de Escalada

(Abb. 118) und Münster -- mit keinem Werke jener Zeit irgendwie zu

vergleichen.

[Sidenote: Chur]

[Sidenote: Münster in Graubünden]

Im Bistum Chur finden wir noch in der bischöflichen Kirche zu

Chur selber Belege dafür, daß dort bereits im 8. Jahrhundert eine

stattliche Domkirche bestanden hat. Wenigstens sind, außer dem

reichen Kirchenschatze (Abb. 179, Tafel XLVI), zahlreiche Reste alter

marmorner Schranken echt langobardischen Stils noch vorhanden. Ganz

ähnlich im Kloster zu Münster (Graubünden), dessen Kirche ebenfalls die

drei hufeisenförmigen Apsiden auf der Ostseite zeigt. Die Kirche selber

aber war zur Karolingerzeit auf das reichste ausgemalt, wovon sich noch

Reste oberhalb der Gewölbe des 15. Jahrhunderts gerettet haben. Die

Kirche hat sonst nichts formal Bedeutsames mehr, als jene sehr schönen

Stücke von Marmorschranken mit allerlei Flechtwerk, merkwürdigerweise

hier zum Teil hoch nordischer Art, Tierverschlingungen, Drachen

u. dgl., wie sie uns nur noch in Metz vorkamen, sodann aber wieder

andere große Füllungen, die völlig übereinstimmen mit solchen zu

Cividale. Auch die obere Lehnenspitze eines marmornen Priesterstuhles,

giebelartig, mit Krabben besetzt, also rein langobardisch. Der Grundriß

mit den drei hufeisenförmigen Apsiden erscheint noch an mehreren

kleinen Kirchen jener Gegend. So nimmt die Schweiz in diesen Denkmälern

eine Zwischenstellung zwischen Spanien, dem langobardischen Italien und

dem fränkischen Norden ein.

Was wir sonst in den deutsch redenden Ländern für unsere Aufgabe noch

hierher zu rechnen haben, sind Werke der folgenden Zeiten, in denen

sich die alte germanische Tradition gegenüber den Mode und herrschend

gewordenen wechselnden Stilen in der Stille fortpflanzt. So finden sich

an romanischen Bauwerken eine Fülle alter Kunstgedanken, die nicht

sterben wollen; Flechtwerk und Ungeheuerwesen, Holzformen aller Art,

Kerbschnitt, Rippungen u. dgl. Wo die Volksseele sozusagen unbeobachtet

in stillen Winkeln ihr eigenes Gespinst wirkt, da erscheint längst

Begrabenes unvermutet immer wieder von neuem.

[Illustration]

[Illustration: DIE ANGELSACHSEN]

Jahrhundertelang schon hatten die in England herrschenden Römer

deutsche Krieger vom Festlande zum Schutz gegen Skoten und Pikten

verwendet, selbst im Lande angesiedelt. Um die Mitte des 5.

Jahrhunderts aber, da die vielen Hilferufe der Briten nach Rom ungehört

verhallten, rief König Guorthigirn in der letzten Not die Angelsachsen

zu Hilfe, die unter Hengist und Hors eingedrungen baldigst ein

germanisches Königreich in England, zunächst in Kent, aufrichteten.

Nicht lange, so herrschten Angeln und Sachsen, denen sich noch

Nordländer (Dänen und Jüten) zugesellten, über das ganze eigentliche

England; nur noch der Winkel im Südwesten blieb den keltischen Briten,

zum Teil bis zum heutigen Tag; Kelten haben sich auch in Irland und

Schottland als wichtiger Teil der Bevölkerung erhalten.

Das angelsächsische Reich, im Anfang des 7. Jahrhunderts zuerst in

keltischer Form christlich geworden, fiel dem römischen Katholizismus

seit 668 völlig zu, und von da an entfaltete sich auch eine neuere

Kultur, zunächst naturgemäß aus dem fernen Osten gekommen, sehr bald

aber durchaus germanisch geworden, in aufsteigender Entwicklung;

erst wieder unterbrochen durch die furchtbare Dänennot in der Mitte

des Karolingerjahrhunderts, der König Aelfred, der letzte Sprosse

altgermanischer Könige, erst am Schlusse des Jahrhunderts ein Ziel

zu setzen wußte. So wurde er zum eigentlichen Gründer des englischen

Königreiches. Wenn auch durch die Normannen erobert, doch langsam

wieder vorwiegend angelsächsich geworden, besteht es bis heute.

Die Baukunst aus der sächsischen Zeit ist, soweit Denkmäler von ihr

erhalten sind, nur kirchlich. Ihrem Charakter nach zuerst wie immer

Import aus dem römisch-griechischen Osten, entwickelte sie sich, wenn

auch in kleinen und bescheidenen Werken, mehr und mehr als ein Zweig

echt germanischer Kunst, um so klarer, als der Gang der Ereignisse den

Verkehr mit dem Osten unterbrach.

[Sidenote: Kleinkunst]

Die Kleinkunst übten die Angelsachsen wie die anderen germanischen

Stämme, sogar mit ganz besonderem Erfolge. Was die angelsächsischen

Gräber und andere Fundstätten gespendet haben, ist von hervorragender

Schönheit und Feinheit, in jeder Technik und Herstellungsweise, auch

in verschiedensten Metallen. Nur die den Franken und Süddeutschen

eigene Tauschierarbeit in Silber und Gold auf Eisen scheint zu

fehlen. Dagegen haben wir Spangen und Schnallen in Bronze, Silber und

Gold, auch mit Edelsteinen, Türkisen, Granaten, Perlmutter in Zellen

besetzt (Abb. 10, 18); Schmuckstücke in wechselnden und eigenartigen

Formen und von mannigfaltiger Bestimmung; so solche aus drei Nadeln

mit Zwischengliedern bestehend (Abb. 180, Tafel XLVII); Fibeln von

eigentümlichster Gestalt, alles beweisend, daß in der germanischen

gerade die angelsächsische Kleinkunst mit auf der höchsten Höhe stand.

In der Folgezeit blieb davon noch manches lebendig. Von dem sehr

schönen Juwel Aelfreds (Abb. 181, Tafel XLVII) sprachen wir schon

früher; es steht nicht allein; ein etwas älterer Ring Aethelreds und

anderes Verwandte gehören zu derselben künstlerischen Richtung.

Die Ornamentik bewegt sich gern auch in reinem Schling- und Flechtwerk,

nicht nur in nordischer Tiergestaltung, was man lange dem irischen

Einflusse zuschrieb. Aber es scheint, insonderheit seit Salins klaren

Darlegungen, ganz sicher, daß diese Art der Verzierung umgekehrt von

den Irländern der angelsächsisch-nordischen Kunstweise entnommen und

nachher besonders gepflegt worden ist. Die ursprünglich irischen

Formen, insbesondere S-förmige Motive, sogenannte Scrolls, sind unter

den so völlig verschiedenartigen germanischen sehr wohl herauszufinden.

[Sidenote: Manuskriptmalerei]

Gleiches gilt ohne jeden Zweifel von der berühmten englischen

Manuskriptmalerei, die sich seit dem 7. Jahrhundert so wunderbar

entwickelte. Die Eigenart der irischen Arbeiten, ihr wundervolles

Tier- und Schlingwerk und ähnliches, stimmt so völlig mit der als

angelsächsisch anerkannten, insbesondere aber auch mit der übrigen

nordischen Tierornamentik überein, die doch erheblich älter ist, daß

über das Verhältnis der Ableitung der „irischen“ Ornamentik in der

Hauptsache aus der germanischen kein Zweifel bestehen kann.

In Anbetracht dessen nun, daß gleichzeitig treffliche angelsächsische

Arbeiten derselben Art und desselben Charakters genug existieren,

dürfen wir Hauptwerke dieser Kunst, wie das Buch von Lindisfarne, von

Kells und so manches andere, die großenteils gar nicht in Irland selber

entstanden sind, getrost als unmittelbare -- im Sonderfall mittelbare

-- Erzeugnisse der angelsächsischen Kunst betrachten.

Es ist hier wohl der Ort, darauf hinzuweisen, daß auch die

festländische, insbesondere die karolingische Kunst auf dem Gebiete

der Bilderhandschriften Bedeutsames geschaffen hat. Freilich ist bei

ihr der Einfluß des Südens und Ostens ein sehr starker. Immerhin aber

auch des germanischen Westens, vor allem des so stark missionierenden

Angelsachsentums. Und so sind viele schöne Arbeiten etwas späterer

Zeit, von denen das Godescalc-Evangeliar Karls des Großen und das

goldne Buch in Trier als Beispiel genannt sein mögen, als Fortpflanzung

des im angelsächsischen Westen entstandenen ornamentalen Miniaturstils

zu bezeichnen, während freilich im figürlichen Wesen die östliche Ferne

die Schulung und die Vorbilder lieferte.

[Sidenote: Älteste Kirchen]

Theodorus aus Tarsus in Cilicien hatte in England das römische

Christentum eingeführt. So ist es kein Wunder, daß sein bedeutendster

Nachfolger, Bischof Wilfrid von Northumberland (um 670), der eine,

wie es scheint, glänzende Bautätigkeit für seine kirchlichen Zwecke

entwickelte, sich vorwiegend an die östliche Ferne hielt. Dieser

bedeutende Priester stellte die Kirche von York wieder her und deckte

sie mit Blei; erbaute eine neue große Kirche zu Ripon (von der die

Krypta noch vorhanden ist), eine besonders gerühmte zu Hexham, mit

Türmen, vielen Säulen und schönen Gemälden, „so daß diese Kirche nur in

Italien ihresgleichen fand“. Dieser letztere Ausdruck ist zu beachten.

[Illustration:

Die älteste Kunst, insbesondere die Baukunst der Germanen von der Völkerwanderung bis zu Karl dem Grossen · 第 102 / 114 题