XLIII

Abb. 159. Trier. Frankenturm.

(Phot. Gary, Trier.)]

Diese beiden steinernen Wohnhäuser werden uns also wohl in ihrer so

unendlich einfachen Anlage die älteste Form von solchen Gebäuden in

Deutschland darstellen und sind von höchstem Interesse, wenn auch

vielleicht erst in der karolingischen Zeit entstanden. Ihre Formgebung

entspricht denn auch noch völlig der der allerersten Anfänge unserer

Steinbaukunst.

[Sidenote: Germigny-des-Prés]

Ein Bau ganz besonderer Art aber steht noch in Frankreich, eine kleine

doch hoch merkwürdige Kirche, wenn auch gänzlich „restauriert“, doch

auch so ein charakteristisches Werk, das wir seiner Art nach immer noch

als fränkisch-merowingisch bezeichnen dürfen, wenn es auch erst 806,

also zur Zeit Karls des Großen, erbaut ist: die schöne Zentralkirche zu

Germigny-des-Prés bei Orleans. Theodulf, Bischof von Orleans erbaute

und stattete sie aus; sie galt als ein besonders schönes Werk nach dem

Muster der Palastkirche zu Aachen, mit der sie aber gar nichts gemein

hat, als die Zentralität des Grundrisses. Die Reste ihrer Ausstattung

beweisen uns, daß der Bau tatsächlich über das Gewöhnliche hinausging;

leider hat die unverständige Herstellung 1867 fast die ganze Kirche

erneuert und sie eines bedeutenden Teiles ihres historischen Wertes

beraubt. Trotzdem ist genug geblieben, um das einstige bedeutsame Werk

auch in seinem verschwächten Abbild schätzen zu können.

Die Grundrißanordnung (Abb. 160) ist eine seit der Zeit der Römer oft

vorkommende: ein viereckiger Mittelraum (Kuppel oder Turm), auf dessen

Seiten vier kurze Tonnengewölbe quer aufstoßen; die übrigbleibenden

Ecken sind hier mit kleinen Kuppeln überwölbt. Dazu kommen vier Apsiden

von hufeisenförmigem Grundriß auf den vier Seiten; auf der Ostseite war

die Apside früher noch von zwei kleineren flankiert.

Es ist nicht wahrscheinlich, daß die verschwundene westliche als

Eingang diente; in meinem Herstellungsvorschlag sind zwei Eingänge zu

deren Seiten angenommen. Später wurde hier ein kurzes dreischiffiges

Langhaus angebaut.

Ob der Mittelraum, der sich zu einem Turme erhebt, früher auch eine

Kuppel besaß, ist nicht mehr zu wissen; auf Grund baulicher Reste

glaube ich es nicht.

Die allgemeinen Grundzüge der Anlage haben zwar wie selbstverständlich

nichts spezifisch Germanisches, scheinen vielmehr eher nach Osten zu

deuten; indessen ist darauf hinzuweisen, daß das Motiv der Stützung

des Mittelraumes durch gegengestellte Quertonnen an germanischen

Kirchen mit Vorliebe gebraucht und sogar zu einem bedeutungsvollen

System entwickelt ist; so hervorragend in S. Miguel de Lino in Spanien

und später in Aachen. Daher ist seine Verwendung auch hier nicht ohne

Bedeutung. Ferner ist die Anordnung von drei hufeisenförmigen Apsiden

im Osten nebeneinander, wie es scheint, nur germanischen Kirchen

eigen: S. Miguel de Escalada bei Leon (Spanien), Disentis und Münster

(Schweiz). So bietet sich schon im Grundrisse mehreres von Bedeutung;

das eigentlich Wichtige liegt aber im Formalen.

[Illustration: Abb. 160. Germigny-des-Prés. Grundriß.]

Zunächst in der konsequenten Durchführung des Hufeisenbogens, sodann in

der Holzmäßigkeit aller Gesimse und der höchst eigenartigen Behandlung

der Stützen; schließlich noch in der Durchführung einer reichen

Ausschmückung in Stuck.

Es bietet übrigens die Kirche einen in ihrer Art bedeutenden Eindruck

und eine räumlich vortrefflich wirkende Abstufung (Abb. 161); der

zentrale Innenraum ist ein überraschend schöner und weihevoller,

ausgezeichnet in den Verhältnissen und der Durchführung; und wenn ein

großer Teil des Schmuckes, vor allem der Stuckteile, leider erneuert

ist, so ist die Wirkung des Ganzen unzweifelhaft doch noch ungefähr

die alte (Abb. 162). Reste der originalen Stukkaturen sind im Museum

zu Orleans aufbewahrt und gestatten einigermaßen eine Würdigung der

ursprünglichen Behandlung.

Was uns im Innern besonders auffällt, ist die außerordentlich

selbständige Behandlung des Details, das in vieler Hinsicht sich der

spanischen Art nähert, von der antikisierenden der karolingischen Zeit

sich aber ebensosehr entfernt.

[Illustration: Abb. 161. Germigny-des-Prés. Schnitt.]

[Illustration: Abb. 162. Germigny-des-Prés. Chorbogen.]

Die vier Bögen, von denen der Mittelturm getragen wird, ebenfalls

hufeisenförmig, ruhen auf Kämpfern, die nur nach der Bogenseite

vorspringen, ebenso wie die acht Bögen, die die Wände mit den vier

Pfeilern verbinden. Das ist eine besondere Eigentümlichkeit jener

Zeit, auch meist der karolingischen Bauweise, vielleicht dadurch

veranlaßt, daß diese Gesimse dazu dienten, die hölzernen Lehrbögen für

die Einwölbung der Bögen zu tragen. Die Kämpfer (Abb. 54) sind ganz

charakteristisch germanisch; auf dichten Reihen kleiner Klötzchen oder

Konsolchen ruhend haben sie an ihrer Vorderfläche Flechtwerk oder eine

Nachahmung kleiner gedrehter vertieft eingelassener Baluster, also

richtiger Drechslerarbeit. Das erscheint auch in der gleichzeitigen

angelsächsischen Baukunst. An den Außenwänden sind die Kämpfer einfach

profilierte Klötze von der Breite der Bögen und ruhen auf vorgestellten

freien Säulen. Dies erinnert lebhaft an das Bogenauflager in S. Miguel

de Lino (Abb. 126). Im Chorbogen stehen an dieser Stelle je zwei viel

kleinere Säulchen. Die vier Tonnengewölbe der Arme öffnen sich oberhalb

der mittleren Bögen mit einer kleinen dreiteiligen Arkade auf je zwei

Säulchen nach dem Mittelraum zu, dorther Licht empfangend. Diese Arkade

erinnert lebhaft an die späteren romanischen; die Säulen tragen hier

auch den schweren sattelholzartigen Stein als verbreitertes Auflager

für die tiefen Bögen, dessen Profilierung wieder eine völlig holzmäßige

ist. Die Gruppe ist von einem Wandblendbogen auf Pfeilerecken

eingefaßt, im Stockwerk darüber befindet sich ein Rundbogenfenster auf

jeder Seite.

[Illustration: Abb. 163. Germigny-des-Prés. Details.]

Das Innere der Chorapsis zeigt unten zwei Nischen, sowie neuerdings

drei Fenster. Die Nischen dürften sich wiederholt haben, auch die

anderen Apsiden werden ursprünglich fensterlos gewesen sein. Über

den Fenstern der Altarnische läuft eine vorgesetzte Zwerggalerie auf

kleinen Säulchen.

Alle Säulen zeigen ohne Ausnahme höchst besondere Kapitellbildung,

die nur ausnahmsweise entfernt an die korinthische erinnert: Blätter

an den vier Ecken, kleine Ranken, meist aber Rippungen und Riefungen

der Flächen, schräg oder gerade; kurz eine wieder völlig holzmäßige

Behandlung, der der gleichzeitigen Kapitelle von S. Tirso in Oviedo

und Adriano zu Tuñon verwandt (Abb. 163). Die Basen meist mehr als

Ringelung aufgefaßt.

Oberhalb der vier Apsidenbögen befinden sich noch Fenster, rundbogig,

nur das östliche rechteckig, zur weiteren Beleuchtung des Schiffes

dienend. Andere scheinen ursprünglich gefehlt zu haben, was der inneren

Lichtwirkung sicher bedeutend zustatten kam.

Eine einst vorhandene alte Tür nach Norden ist leider verschwunden;

eine Aufnahme von Bouet 1867 gibt uns aber davon eine Vorstellung; ihre

Umrahmung bestand aus drei ganz holzmäßig profilierten Steinbalken, von

denen der Sturz schräg in Dachform geschnitten war.

Was aber die Kirche einst besonders zierte und ihr den höchsten Glanz

gab, wovon auch noch erhebliche Reste vorhanden sind, das war ihre

reiche dekorative Ausstattung, die durch einen Brand gegen Ende des 9.

Jahrhunderts, wohl von den Normannen angelegt, zuerst stark beschädigt

wurde. Ein alter Chronist erzählt:

„Hier erbaute Abt und Bischof Theodulf eine Kirche so wunderbarer

Arbeit, daß in ganz Neustrien kein Werk gefunden wurde, das diesem ehe

es verbrannt wurde, verglichen werden durfte. Denn die ganze Basilika

in Bogenwerk (= Wölbung) errichtend, verschönerte er ihr Inneres mit

Blumenschmuck aus Gips und Mosaiken und ihr Pflaster mit marmornem

Bildwerk, daß die Augen der Schauenden sich an solch schönem Anblick

kaum ersättigen konnten.“

In der Tat sind hiervon immer noch bemerkenswerte Spuren vorhanden;

bei der Herstellung der Kirche ist der Stuck meistens, manchmal

willkürlich, erneuert, doch gibt die Herstellung wenigstens in der

Hauptsache ungefähr den alten Zustand wieder.

Zunächst sind die oberen Fenster des Mittelturmes mit Halbsäulchen und

einer reichen Archivolte in Stuck eingefaßt, die aus einem Tauband

mit ringsum laufenden Ornamenten besteht (s. Abb. 65). Das Gesims,

auf dem diese Halbsäulen ruhten, fehlt heute. Das Einzelne ist in

der Behandlung oft kerbschnittmäßig. Die kleinen dreifachen Arkaden

darunter mögen solchen Zierat ebenfalls besessen haben, denn ihre

Bögen sind nur verputzt gewesen. Das viereckige Ostfenster über dem

Chorbogen hatte ebenfalls eine mehrfach geknickte Stuckbekrönung; vor

allem aber ist die Chorapsis reich geschmückt. Die unteren Nischen

sind mit langgestrecktem noch originalem Blattwerk gefüllt, Bögen,

Gesimse und Zwickel bis zur Wölbung ornamentiert. Reste in Orleans

erweisen, daß alles dies der alten Dekoration nachgebildet ist. Unter

dem Putz hat man bei der Herstellung dann jene obere Zwergsäulengalerie

aufgefunden, deren Bogenflächen mit den Resten ornamentaler Mosaiken

-- aufstrebende Ranken -- gefüllt sind; das Gewölbe aber ist mit einem

ganzen Mosaikbild bedeckt.

Dieses früher bereits erwähnte Gemälde ist für uns von

außerordentlicher Bedeutung: das einzige seiner Art aus karolingischer

Zeit in germanischen Landen. Sicher nahe verwandt mit den einst in

Aachen vorhanden gewesenen (Abb. 164, Tafel XLIV).

[Illustration:

Die älteste Kunst, insbesondere die Baukunst der Germanen von der Völkerwanderung bis zu Karl dem Grossen · 第 97 / 114 题