Abb. 104. Cividale. S. Maria in Valle. Stuck der Westseite.]

Als Eingang auf der Westseite öffnet sich eine große viereckige Tür mit

mächtigem Entlastungsbogen darüber; dieser Bogen wiederholt sich an den

beiden Langseiten.

Die die Chorwand stützenden Cipollinsäulen haben weiße Marmorkapitelle

und Füße; dicht hinter jeder steht eine ganz gleiche nur etwas dünnere,

deren Füße heute im erhöhten Marmorboden stecken. Vor der Ostwand

stehende viereckige Pfeiler tragen mit den Säulen zusammen die beiden

Steinbalken, auf denen die drei Tonnengewölbe ruhen. Diese Steinbalken

sind antik römische reichgeschmückte Architrave, über den Steinpfeilern

noch auf zwischengeschobenen antiken Marmorkonsolen aufliegend. Die

römischen Architrave waren nicht lang genug, sind daher am Ende nach

der Kirche zu durch angefügte glatte Steine verlängert.

Die südlich aus dem Altarraum in die Sakristei führende Tür ist mit

glatten Marmorbalken eingefaßt, die nach Zimmermannsweise an den Ecken

ineinander geblattet sind; eine Marmortäfelung umgibt noch heute

den Altarraum; im Schiff ist die einst vorhandene durch ein schönes

gotisches Gestühl verdrängt, aber der Marmorfußboden zeigt inmitten, wo

er sichtbar ist, noch das alte opus sectile, Muster aus zugeschnittenen

Marmorstücken.

Die breite Westtür ist ebenfalls mit Marmorbalken umfaßt; der Sturz ist

reich verziert mit einem Flechtbande, darüber einem Ornamentfriese, der

durch S förmige aneinander gereihte Ornamente mit Lilien und Träubchen

dazwischen gebildet wird.

Vor ihr im Westen befand sich ohne Zweifel eine Vorhalle von gleicher

Breite wie die Kirche, mit zwei Säulen. Die zwei dahin gehörigen

Kapitelle ganz gleicher Form, wie die im Chore, liegen noch nahe im

Kloster.

Was die ganz besondere Eigenart des Ganzen ausmacht, seine

künstlerische Bedeutung bedingt, das ist die reiche Stuckdekoration der

Innenwände, die auf der Westseite noch vortrefflich erhalten ist (Abb.

104, Tafel XXIX), und deren Spuren sich an den übrigen Wänden verfolgen

lassen.

Zunächst erhebt sich über dem Sturz der rechteckigen Türe ein großer

Entlastungsbogen, der mit seinen Stützen eine flache Nische um die

Öffnung bildet. Um diesen Bogen entfaltet sich nun jener berühmte

Zierkranz aus Stuck, teilweise durchbrochen und mit einer völlig

freien Spitzenkante abschließend; er ruht auf zwei dicken Halbsäulen,

ebenfalls aus Stuck, mit nachgeahmten korinthisierenden Blattkapitellen.

Der Bogen gliedert sich in einen fast völlig durchbrochenen Rankenfries

mit Trauben und Weinblättern, umgeben von je zwei schmalen mit Rosetten

besetzten und von Perlenschnüren eingefaßten Bändern. Ringsum dann eine

breite völlig frei gearbeitete und durchbrochene Ornamentkante, die

wie eine Spitze den Bogen umsäumt, bestehend aus aneinander gereihten

bogenförmigen Teilen, zwischen denen blattähnliche Spitzen sitzen,

gerieft wie die bekannten Flechtbänder jener Zeit. Darüber zieht

wagerecht ein etwas vorgewölbtes horizontales Friesband (einst um die

ganze Kirche herum), bestehend aus zwei einfassenden Doppelstäbchen,

dazwischen aneinander gereihten achtspitzigen Blüten.

Auf diesem verzierten Gesimsband aber steht der prachtvollste Fries

seiner Art: inmitten ein Fenster, dessen Umrahmung im verkleinerten

Maßstabe den unteren Türbogen wiedergibt, auf zwei Halbsäulchen

ruhend ein halbrunder Ornamentfries -- diesmal ein rein nordisches

germanisches Flechtband -- gesäumt von einer ähnlichen durchbrochenen

Spitzenkante wie unten, aus Ranken und Spitzblättern dazwischen

bestehend; zu beiden Seiten aber je drei heilige Jungfrauen in

stärkstem Relief überlebensgroß gebildet im faltenreichen Gewande

feierlich einherschreitend. Von ihnen sind die beiden dem mittleren

Fenster am nächsten stehenden einfacher gekleidet und mit das Haar

verhüllendem Kopftuche versehen, nonnenartig; sie erheben nur ihre

Hände in beteuernder Gebärde; die vier anderen aber, deren Antlitz sich

nach der Altarseite richtet, tragen Kronen auf dem Haupte, Kränze und

Kreuze in den Händen.

Über ihren Häuptern läuft ein gleiches Gesimsband wie unter ihnen.

Die Nordwand enthält noch die Fortsetzung der Gesimse, sowie die

Reste einer der westlichen genau entsprechenden Säulenumrahmung mit

Archivolte und Spitzenkranz um die zwei Fenster, auch die Spuren der

einstigen gleich prachtvollen Bogenumrahmung um die untere Wandnische,

wie sie an der Eingangsseite noch vorhanden ist. Kurz, Nord- und

Südseite besaßen einst ganz dieselbe prächtige Stuckausschmückung wie

die Westseite noch jetzt, nur daß bei ihnen je zwei Fenster in dem

großen Friese vorhanden waren.

So haben wir hier in Stuckrelief genau die gleiche figürliche großartig

feierliche Ausschmückung, wie wir sie an Theoderichs des Großen

Hofkirche zu Ravenna fanden, dort aber in Mosaik ausgeführt.

An der vierten Wand, der Wand über den drei Chorbögen, haben wir uns

den Abschluß zu denken, und zwar, da wir hier eine Marienkapelle vor

uns haben, wird an dieser Wand ganz ebenso wie in Ravenna die Mutter

Gottes auf einer Stufe über dem höheren Mittelbogen, von je zwei großen

Engeln zu jeder Seite bewacht, gethront haben; denn diese Gruppe bildet

auch zu Ravenna den Schluß des Jungfrauenzuges, wie Christus den der

Märtyrer.

Von der feierlich großartigen Wirkung dieses Innenraumes in seiner

ursprünglichen Ausstattung (Abb. 105) kann man sich nur schwer noch

eine richtige Vorstellung machen; da schon heute der bescheidene

Rest der Westwand bei jedem einen unvergeßlichen mächtigen Eindruck

hinterläßt. Ohne merkbare Stilisierung in rein natürlicher Bildung,

doch in vollkommenster Weise aufeinander gestimmt, ist das Ganze vom

schönsten Gleichmaß.

Die Wirkung wird heute durch das später eingezogene Kreuzgewölbe

erheblich beeinträchtigt. Dieses dürfte der Wende zum 13. Jahrhundert

angehören und muß gleichzeitig mit dem Wiederaufbau der offenbar

größtenteils eingestürzten Südmauer, die damals zwei neue Fenster,

schwach spitzbogig, erhielt, entstanden, kann jedenfalls nicht älter

sein.

[Illustration: Abb. 105. Cividale. S. M. in Valle. Ursprünglicher

Zustand. Durchschnitt.]

Vorher hatte der Raum einen offenen Dachstuhl oder eine flache Decke;

eher wohl das erste. Wodurch der Einsturz der Südmauer, natürlich

zugleich des Daches, damals verursacht sein mag, ist kaum zu vermuten;

jedenfalls aber zerstörte er die Südmauer fast vollständig und riß wohl

auch den gesamten Stuckschmuck der Ost- und Nordwand mit sich hinab;

zugleich wohl auch einen Teil der Ostmauer des Schiffes, denn auch

diese scheint oberhalb teilweise erneuert. -- An einen Brand ist nicht

wohl zu denken, da dieser den gesamten Stuck zerstört haben würde, auch

Brandspuren fehlen.

Aber die oben ringsum laufenden hölzernen Mauerschwellen sind noch

großenteils hinter den Gewölben erhalten und in den Schildbögen

sichtbar, sicher einst die Auflager der horizontalen Dachbalken

abgebend; auch ist leicht zu erkennen, wie man die Gewölbeanfänge

unten ohne besondere Rücksicht zwischen die älteren Stukkaturen hat

einschneiden lassen.

Die Kapitelle der vier Chorsäulen sind nun in ihren Formen mit denen

des Baptisteriums im Dom so genau übereinstimmend, daß man sie als

aus denselben Händen hervorgegangen ansehen muß: frei nachgebildete

korinthische, doch mit eigentümlich buschig-stachligem Blattwerke, wie

es scheint einem östlichen Bildhauer angehörig; genau dahin gehören,

wie bemerkt, auch die zwei noch im Kloster liegenden.

Sehr wohl zu beachten, obwohl leicht zu übersehen, sind die letzten

Reste von Stuckornamenten über den Säulen der Chorwand, die die antike

Ornamentik der römischen Architrave und Friese, wo sie aufhörte, in

ihrer Art fortsetzten und endigten. Diese Restchen sind der bündigste

Beweis der Originalität des ganzen Baues in seiner jetzigen Anlage, wie

dafür, daß auch die Ostseite des Schiffes in gleicher Weise geziert

war, wie die Westseite es noch ist.

Vor den Säulen läuft die alte Schranke quer durch die Kirche als

Abtrennung der ursprünglich nur um eine Stufe erhabenen Chorpartie;

über den beiden den mittleren Durchgang einfassenden schlanken Pfeilern

mit Kapitellen, die denjenigen der Säulen wieder genau entsprechen,

noch der Chorbalken (trabes doxalis) querliegend, vielleicht sogar noch

mit seiner ersten Bemalung an der Rückseite.

Kurz, wir haben eine Anlage von vollkommener Einheit vor uns: die Türen

mit Marmor eingefaßt, die Stützen, Architrave und die Schranken von

Marmor, ebenso Fußboden und Sockel, alles übrige in Backsteinmauerwerk

hergestellt, verputzt und mit prächtigem Stuckschmucke ausgestattet

und durchgebildet, darüber ein offener Dachstuhl oder eine horizontale

Holzdecke. Die vier Säulenkapitelle und Säulenschäfte übereinstimmend

gearbeitet, auch die Pfeiler im Chor, ebenso die Schranken mit Pfeilern

und Kapitellen, wie die zwei Kapitelle im Kloster, die zu der nie

fehlenden Vorhalle unentbehrlich waren.

Wenn aber noch ein Beweis für die ursprüngliche Einheit der Anlage

mangelte, so ist er in den Resten der ersten Malerei gegeben, die in

den vier Ecken neben den großen Bögen wie in dem großen Tympanon über

der Tür noch wohl zu erkennen sind. Sie zeigen sechs Apostelfiguren

in Säulenarchitektur wohl erkenntlich, rechts der Tür die Inschrift:

Sc.... arcus. Also vielleicht die vier Evangelisten und in den zwei

anderen Ecken Petrus und Paulus.

Diese Malerei ist so unverkennbar byzantinischen, d. h. östlichen

Charakters und dürfte unter keinen Umständen unter das 8. Jahrhundert

herabgehen, in Stil und Behandlung genau übereinstimmend mit den

ältesten Malereien von Sta. Maria antiqua zu Rom (um 750), daß ihre

Anwesenheit, die die architektonische Einteilung haarscharf ergänzt und

mit ihr völlig aus einem Gusse ist, unwiderleglich die Ursprünglichkeit

der gesamten Komposition von Stein, Mauerwerk, Putz, Stuck und Malerei

dartut.

In der Lünette des Portalbogens zeigt sich ebenso ursprünglich,

in großartig aufgefaßter Malerei, Christus zwischen zwei Engeln,

das heilige Buch in der linken Hand, mit der rechten segnend. --

Baugeschichtliches Interesse erregt die genaue Übereinstimmung des

oberen Frieses auf dem Marmorsturz der Eingangstür mit der Verzierung

des dachförmigen Steinsturzes einer Tür in der Sakristei, wo die

obengenannten bildhauerischen Reste der alten Klosterkirche aufbewahrt

sind. Da sehen wir dieselbe eigentümliche nicht gerade langobardisch

aussehende Ornamentzusammenstellung zwischen unverkennbar germanischem

Steinornament, das der Zeit um 740 angehört.

Wenn nun dasselbe Zierwerk wieder im Inneren unseres Oratoriums

auftritt, in Verbindung mit einem ebenfalls germanischen Flechtfries,

so muß es auch dort dieser Zeit, vielleicht gleicher Hand angehören.

Jedenfalls nun haben wir im Tempietto ein geschlossenes Werk des 8.

Jahrhunderts vor uns, dem der Name der Herzogin Peltrudis, wie es

scheint, mit Recht anhaftet, und ein Werk, in dem die künstlerische

Fähigkeit jener Art und Zeit in gewisser Hinsicht gipfelt. Unter allen

Umständen einen unter langobardischer Herrschaft für Langobarden

und nach ihren Schönheitsbegriffen, und zwar mit solchen Mitteln

und Ansprüchen errichteten Bau, daß auch fremde Hilfskräfte mit in

Anspruch genommen werden mußten. Der Plan in seiner einfachen und

doch auffallenden Grundform freilich scheint in germanischen Ländern

nicht ungewöhnlich, wie denn die um dieselbe Zeit zu Capua errichtete

kleine Michaeliskirche hierin mit dem Oratorium so genau übereinstimmt,

selbst in den Maßen, daß wir bestimmte Beziehungen beider Bauwerke zu

einander annehmen müssen. Nur daß dort, vielleicht später hinzugefügt,

eine mittlere Apsis und zwei seitliche große Nischen die Chorpartie

abschließen, die auch von einer Krypta unterfangen ist; und daß nur

zwei Säulen im Chor stehen, statt vier wie in Cividale[41].

Auch mit den spanischen Oratorien (Sta. Christina de Lena) hat die

Anordnung in Cividale gewisse Verwandtschaft, während der sonst so

ausgiebige Orient hier versagt.

Dagegen müssen die eigentlichen technischen Ausführer des Werkes zum

Teil aus dem Osten gekommen sein, denn Säulenkapitelle, auch die

Behandlung des Stuckes in vielen Teilen, sowie die ursprüngliche

Bemalung weisen dorthin.

Doch geschah die Ausführung nicht ohne Mitwirkung langobardischer

Künstler, wie andere Einzelheiten beweisen, so der Sturz der Türe, die

rein nordischen Flechtwerke der Fensterarchivolte; auch das Motiv der

Weinranke war bei den Langobarden ungemein beliebt.

Nicht minder ist das Friesband mit den achtstrahligen Blumen

bei Germanen verbreitet gewesen; es zieht durch Frankreich und

das westgotische Spanien (s. Abb. 108) bis nach Nordafrika ins

Vandalenreich. Von Interesse ist das technische Raffinement, welches in

die Mitte der Blüte überall eine weiße mit gefärbtem (grünem, blauem,

rotem) Wasser gefüllte kleine gläserne Flasche oder Blase setzte,

auch ein Hinweis mehr dafür, daß einst die ganzen Stukkaturen farbig

behandelt waren.

Aber die Hauptsache, die grundlegende künstlerische Idee der

Ausstattung dürfen wir Germanen zuschreiben. Nicht umsonst erinnert

der Fries wallender Jungfrauen so sehr an den in Theoderichs Hofkirche

zu Ravenna; nicht umsonst ist für dieses mächtige künstlerische Motiv

im gesamten hellenistischen Orient kein Vorbild zu finden -- wie schon

für den ganzen Bau und seinen Grundplan. So wird es hier kaum anders

sein können, als bei dem charakteristischsten Bauwerke der Ostgoten,

Theoderichs Grabmal: der künstlerische Grundgedanke ein germanischer;

die Werkleute vorwiegend Italiener, Griechen und andere Ostleute; doch

auch in der Ausführung öfters das germanische Element an die Oberfläche

durchbrechend.

Was uns aber dies Bauwerk für die gesamte germanische Bau- und

Dekorationskunst des nordischen Frühmittelalters noch besonders wichtig

macht, ist die Erkenntnis des Umstandes, daß es als die Quelle jener

bedeutsamen Stuckkunst betrachtet werden darf, die im 8., 9., 10. bis

ins 13. Jahrhundert reichend in nordischen Landen sich entfaltete (Abb.

65).

Hatten wir schon in Brescia in der Krypta von S. Salvatore einfachere

doch verwandte Stuckornamentik, insbesondere Friese und Archivolten

gefunden, so scheint die überreiche Ausstattung der neuerdings

ausgegrabenen Kirche zu Disentis in Graubündten eine Fortbildung des in

Cividale Geleisteten gewesen zu sein. Auch ein einfacher rechteckiger

Raum mit einer dreifachen Chorpartie (diesmal aus drei hufeisenförmigen

Apsiden bestehend) zeigte die Kirche ihre Fenster mit Säulchen

und Archivolten in Stuck umrahmt, dazwischen aber einen ungeheuer

reichen Fries von Relieffiguren in Lebensgröße, über einem Sockel von

eigentümlichen Feldern und Flechtmustern, alles in Stuck und nachher

bemalt. Die Kirche war etwa aus derselben Zeit wie die Kapelle zu

Cividale.

Fensterumrahmung und sonstiger ähnlicher Schmuck in Stuck findet sich

in der fränkischen Kirche zu Germigny-des-Prés bei Orleans (806),

späterer (936) zu Quedlinburg im Grabe Heinrichs I.; in den folgenden

Zeiten lebt in den bekannten großen Stuckreliefgestalten in Goslar,

Halberstadt, Hildesheim, Drübeck jener prachtvolle künstlerische

Gedanke der Germanen in Italien wiederholt auf.

Wenn uns sonst von den einst zahlreichen Werken des langobardischen

Volkes kaum etwas anderes als reiche und feine Trümmer ihres Schmuckes

und ihrer Ausstattung übrig blieben, wenn es uns selbst schwer wird,

ihr Werk aus der Menge des in der folgenden mittelalterlichen Zeit,

der lombardisch-romanischen, geschaffenen herauszuschälen, so bleibt

zuletzt doch unleugbar bestehen, daß wir auch in dem verhältnismäßig

wenigen uns davon Erhaltenen doch eine Fülle von echt germanischer

Eigenart finden, aber auch von Keimen, von künstlerischen Ideen und von

Anfängen, auf denen das Werk der folgenden Zeit ruht und sich aufbaut.

Dies gilt nicht nur für Italien, sondern auch für Frankreich, die

Schweiz, Deutschland, wohin aus der Lombardei zahlreiche Wege führten

und viele Sendboten das im Süden gefundene und vorschreitende Neue in

der Kunst hinüber trugen.

Selbst zu den spanischen Westgoten scheinen die Langobarden

künstlerische Beziehungen unterhalten zu haben; wenn in vieler Hinsicht

starke Unterschiede sich geltend machen, so zeigt sich doch mancherlei,

das für einen Einfluß langobardischer Kunst in Spanien spricht, während

eine Rückwirkung von dort aus nach Italien weniger zu bemerken ist.

So hat die Kunst der alten Langobarden höchst Wertvolles zum

Gesamtbilde, das uns beschäftigt, beigesteuert, wenn auch Forschung und

steigende Erkenntnis die tatsächlich ihnen angehörigen noch vorhandenen

Werke auf eine erheblich geringere Zahl beschränkt hat, als man früher

annehmen zu dürfen glaubte.

[Illustration]

[37] Trabes doxalis (vergl. Abb. 99, Taf. XXVI).

[38] Wir kennen einen gleichzeitigen Herzog Orso von Friaul, also

einen Langobarden.

[39] Vielleicht Umbildung von Theodahad, und nicht lateinisch, wie es

den Anschein hat.

[40] Mitteilung des Grafen Ruggiero della Torre in Cividale.

[41] Besonderheiten zeigt das sehr einfache und verfallene Capuaner

Kirchlein sonst nicht, so daß wir von einer näheren Behandlung

absehen können.

[Illustration: DIE WESTGOTEN]

Das Volk der Goten hatte sich nach seinen Wohnsitzen in Ost- und

Westgoten geteilt; unter dem Ansturm der Hunnen waren die letzteren

lange vor den Ostgoten von dannen gezogen und hatten sich unter König

Athanarich, dann Alarich I. nach erbitterten Kämpfen in Griechenland

und Italien weiter gen Sonnenuntergang gelegene Gebiete gesucht;

zuerst in Südfrankreich, wo Narbonne und Toulouse ihre Hauptstädte

wurden. In ersterer Stadt hatte schon Athaulf, des so früh gestorbenen

Alarich I. Nachfolger, mit Galla Placidia sich vermählt. Aber wie

früher erwähnt, wurde durch Chlodowech und der Franken verschlagene und

gefährliche Staatskunst das Westgotenvolk langsam über die Pyrenäen

nach Spanien gedrängt und behielt von Frankreich nur Septimanien, die

Ecke im südlichsten Osten bis zur Provence. Dafür fiel ihnen ganz

Spanien anheim, aus dem die Vandalen nach Nordafrika gewichen waren;

das Land der nordwestlich sitzenden Sueben wurde dem Westgotenreiche

einverleibt, nachdem die letzten römischen Garnisonstädte von Leovigild

mit stürmender Hand erobert waren (567) und dieser von Barcelona die

Residenz nach Toledo verlegt hatte, nach der Mitte der Halbinsel.

Iberier und Römer verschwanden, die letzten Küstenbesitzungen wurden

den Byzantinern entrissen, ein scheinbar homogenes neues Reich baute

sich auf, dessen Oberschichten wenigstens rein germanisch waren und wie

es scheint auch bis zum Untergange des Reiches (711) blieben. Reine

Westgoten erhielten sich im Norden (in Asturien) in ihren Nachkommen

bis zum heutigen Tage, wie im Volk noch übliche germanische Vornamen

beweisen[42]. Ja noch heute wird im Dom zu Toledo Sonntags ganz früh

eine „westgotische“ Messe gelesen; natürlich nicht nach arianischem,

sondern nach katholischem Ritus, doch in der alten Form, wie sie seit

Recareds I. Übertritt zum Katholizismus (586) üblich war.

Starke und schwache Könige folgten aufeinander, darunter manche

erhabene und würdige Gestalt, von Eurich und Leovigild an bis zu

Chindasvinth und Wamba, Sisibut und Svinthila. 711 brach das durch eine

immer wachsende Priesterherrschaft jeglichen Haltes beraubte Reich

unter den Streichen der Araber zusammen.

Doch manches bedeutende Werk war in jenen zwei Jahrhunderten

entstanden, mancher große Bau erwachsen; prachtvolle germanische Städte

waren an die Stelle der Provinzialhauptstädte der Römer getreten. So

Sevilla, Cordoba, Merida, Valencia, Barcelona, jenseits der Pyrenäen

Toulouse, Narbonne, Arles, Aix und so viele andere. Wirkliche Festungen

krönten wie Burgen hochragende Felsrücken, so Carcassonne und Toledo,

geeignet den Königshort sicher zu bergen. Noch heute ist die Cité der

erstgenannten Stadt, die freilich die frühe Zeit der französischen

Gotik mit jenem zweiten wundervollen Mauerkranz umgab, ein in Europa

einziger unvergleichlicher Anblick: ein doppelter Befestigungsgürtel

mit den malerischsten Türmen und Toren um eine langgestreckte

felsige Höhe, dessen innerer Kranz teilweise noch unverletzt die

Befestigungskunst der Westgoten in bedeutendster Form zeigt.

Mauerumgürtete Städte und Burgen auf ragendem Gipfel sind seitdem in

germanischen Landen die Wahrzeichen geblieben, wie schon die gotische

Sprache (Vulfilas) die Stadt baurgs, ihre Umwallung bibaurgeins

(Beburgung) nennt.

[Sidenote: Geschichtsschreiber]

Von baulichen Taten erzählen die gleichzeitigen Schriftsteller viel,

so Apollinaris Sidonius, Isidor von Sevilla, Ildefons und Julian von

Toledo, Fridigern und andere. Schon der erstgenannte spricht vom

Palast Theoderichs II. in Toulouse, da gelegen, wo heute noch das

„Kapitol“ der Stadt sich erhebt, mit reichen Hallen, die im Innern

durch Vorhänge, nach außen mit Schranken geschlossen waren -- also

wohl mit durchbrochenen Gittern von Stein oder Erz. Seitdem erstand

ein neues Palatium in Toledo, der Schwerpunkt des politischen Lebens,

wo der König Gericht hielt und Audienzen erteilte, wo der Adel und die

allzu mächtige Geistlichkeit waltete. Andere Palatia und Villae gab

es zahlreiche, so in Arles, wo König Eurich, in Barcelona, wo Athaulf

starb; einen mächtigen Herrschersitz bildete Narbonne, die Hauptstadt

und Residenz in Septimanien. Da war reiches Leben und Pracht; in den

Königshallen, die nirgends gefehlt haben werden, stand seit langem

des Königs Thron; der Herrscher trug oft reichen Ornat anstatt der

sonst den Westgoten bis zuletzt eigentümlichen Pelzgewänder, auch eine

prächtige Krone auf dem Haupte, wie solche oft später in den Kirchen

als Weihgeschenke im Original (oder Abbild) aufgehängt wurden. So

wollen die Araber in den Kirchen zu Toledo die Kronen von 25 Königen

erbeutet haben. -- Der Rebell Paulus, der sich in der Provinz jenseits

der Pyrenäen gegen Wamba empört hatte, beraubte das Skelett des

heiligen Felix der ihm von Rekared I. gestifteten Weihekrone, um sich

als Gegenkönig damit zu schmücken.

Von solchen Kronen und ähnlichen Kunstschätzen fand sich, wie früher

erzählt, in Guarrazar bei Toledo noch eine Menge in einem Priestergrabe

geborgen, dabei ein Szepter, Gürtel, Gefäße, Lampen, eine Eucharistie

in Gestalt einer Taube und andere aus Gold und Edelsteinen hergestellte

Prunkgegenstände.

Feste, wie in späterer Zeit, waren schon damals an der Tagesordnung

-- selbst die heute noch so geliebten Stiergefechte --, wie denn schon

im 6. Jahrhundert ein Bischof Eusebius von Tarraco (Tarragona) wegen

seiner Leidenschaft für solche gestraft wird.

* * * * *

Die Schriftsteller melden aber außerdem auch von vielen neuen und

großen Bauwerken der westgotischen Könige; von Kirchen wie der

berühmten Basilika der heiligen Leokadia, die König Sisibut zu Toledo

erstehen ließ (612), von Klöstern, wie dem Agalia genannten vor Toledo,

weit gerühmt im Lande; die Stadtmauern Toledos wurden von König Wamba

neu aufgebaut, Leovigild baute ganze Städte, so Recopolis am oberen

Tajo zu Ehren seines Sohnes Recared, Victoriacum im Norden; Wamba

einen Ort seines Namens; die Stiftungen von Kirchen und Klöstern, die

aufgezählt werden, sind zahlreich.

Die Literatur gibt uns also ein ungemein reiches Bild des neu

Geschaffenen.

[Sidenote: Cordoba Moschee]

Von dem allen sehen wir allerdings heute gar wenig mehr. Die Araber

haben allzu gründlich aufgeräumt, die Kirchen zerstört oder wenigstens

in Moscheen umgewirkt, so eingreifend, daß da kaum etwas mehr vom

ursprünglichen Bestande zu finden ist. Trotzdem konnte ein bekannter

spanischer Verständiger mir sagen: der bedeutendste bauliche Rest der

Westgotenzeit in Spanien ist -- die Moschee zu Cordoba! Ein paradox

klingendes Wort, da diese Moschee doch auch als die bezeichnendste

bauliche Tat der alten echten Araber auf spanischem Boden, als eines

der orientalischsten Werke in Europa angesehen wird.

Doch ist es richtig: die Moschee besteht in ihren ersten und

originalsten Teilen aus den Resten mehrerer westgotischer Kirchen, und

große Stücke ihrer Architektur sind einfach von daher übertragen; nicht

nur die Säulen (s. Abb. 46), sondern auch das Hufeisenbogenwerk, das

die Obermauern trägt, alte Fenstergitter und dergleichen Steinarbeiten,

vielleicht sogar die Reste des alten Holzplafonds, wie denn Cordoba in

seinen Mauern noch zahllose Trümmer westgotischer Baukunst birgt.

Die alten Kapitelle in der Moschee zeigen uns ganz nordische Umbildung

der korinthischen Kelchform, oft in solch eigentümlicher Weise, daß

man Arbeiten der deutschen Renaissance zu sehen vermeint. Die Kämpfer,

in der Form anklingend an die byzantinischen Kapitellaufsätze, sind

doch mit eigentümlichem germanischem Ornament bedeckt von Geflecht,

Kerbschnitt oder ähnlichem Zierwerke, oft verstümmelt, die Kreuze

weggehauen, doch die Grundformen wohl erkennbar und deutlich.

Auch ein riesiges Weihwasserbecken von länglich rechteckiger Form steht

noch beim Eingang; die pfeilerartige Stütze in rein geometrischem

Kerbschnitt in Rosetten und Friesen völlig verziert, das Kreuz wieder

halb weggehauen (s. Abb. 70).

Nicht zu vergessen bleibt immer, daß der Hufeisenbogen von den

Arabern aus der westgotischen Verlassenschaft übernommen, nicht etwa

mitgebracht wurde, wie auch manches andere künstlerische Motiv. Schon

an spätrömisch-westgotischen Grabsteinen kommt er in Gesellschaft des

germanischen Kristallschnittes häufig vor (Abb. 106).

[Illustration: Abb. 106. Leon. Museum. Römisch-westgotische Grabsteine.]

Darum wissen wir auf den ersten Blick westgotische und älteste

spanisch-arabische Architektur nur schwer auseinander zu halten.

* * * * *

[Sidenote: Merida]

Auch Merida, die alte Hauptstadt Lusitaniens (einst die prächtige

Augusta Emerita), war berühmt durch ihre vielen Kirchen und stattlichen

Bauwerke; die Chronik Roderichs sagt, daß sie zu dessen Zeit (713 fiel

sie den Arabern in die Gewalt) 84 Tore, 5 Schlösser und gar 3700 Türme

gehabt habe. Ist dies auch phantastische Ausschmückung, so wird man

immerhin auf eine umfassende Bautätigkeit in westgotischer Zeit in

Merida schließen müssen. Die ganze trümmerreiche Stadt steckt heute

noch voll von Resten aus jener Zeit, wenn auch die Araber unter Musa

nachher dort eine glänzende Hauptstadt rein orientalischen Charakters

erstehen ließen. Allerdings war schon den Westgoten das riesige dortige

Römerwerk, von dem noch jetzt Tempelreste, Theater, Zirkus, Brücken und

Aquädukte übrig sind, ein bequemer Steinbruch gewesen; trotzdem muß

zu ihrer Zeit hier eine ganz neue Art von Bautätigkeit sich entfaltet

haben, an deren Werken uns die besondere Stilisierung auffällt,

deren Ausläufer wir, da Merida die Hauptstadt auch des westgotischen

Lusitaniens blieb, bis nach Lissabon hin finden.

Davon sind vor allem die mannigfaltigen Reste von Steinarbeiten im

Museum Zeugen. Darunter fallen gewisse Stützen auf, Pilaster, in

deren Vorderfläche kleinere Halbsäulen hineingetieft sind, aus deren

vierkantiger Masse der Schmuck, Blätterkränze der Kapitelle, Zierat

jeder Art so herausgearbeitet ist, daß die Plastik überall nur durch

Vertiefung des Grundes in den ursprünglich glattvierkantigen Stein

erreicht ist.

Ganz zu verstehen ist dies merkwürdige Verfahren nur dann, wenn wir

uns die glatten Steinbalken, wie die Balken eines Fachwerkbaus,

bereits in die Wand hinein vermauert denken und uns weiter vorstellen,

daß der Bildhauer nun erst den Schmuck in die Fläche des Pfeilers

hinein zu hauen hatte. So sind die Steinpilaster des 6. Jahrhunderts

in Merida manchen Holzständern der geschnitzten Fachwerkbauten

des 16. Jahrhunderts in Hildesheim und anderwärts völlig ähnlich.

Vielleicht das merkwürdigste Beispiel für den holzgeborenen Charakter

der germanischen Steinarchitektur, und der schärfste Beweis für die

Konstanz der künstlerischen Richtung innerhalb der Rasse.

Auch an verschiedenen anderen Gestaltungen reich ist das in Merida an

Resten noch Vorhandene. So sehen wir allerlei Freistützen, gewundene

Säulen mit Kapitellen, die in holzmäßiger Umgestaltung noch die

römischen Vorbilder nachzuahmen suchen, aber auch vierkantige Pfeiler,

deren Flächen von eigentümlich geformten Kreuzen eingenommen werden,

und deren Kapitell reine Holztechnik ausspricht (s. Abb. 46), --

eine Stütze, die ähnlich auch in Toledo daheim ist. Dann aber Reste

von Schranken (cancelli), den gleichzeitigen langobardischen in

Italien (Aquileja) sehr nahe verwandt, die mit einer Einteilung in

quadratische, mit Tiergestalten gefüllte Kassetten geschmückt sind,

darüber Muscheln in Bögen und Dreiecken; alles rein vertieft in die

Fläche, wie wir es aus dem Osten kennen.

Andere Bauteile finden wir in jüngeren Bauwerken vermauert; so höchst

stattliche Türpfeiler in der berühmten, in gegenwärtiger Gestalt aber

den Arabern angehörigen Wasserkunst im alten Alcazar (El Conventual

[Abb. 107, Tafel XXX]).

Wieviel einst aber da vorhanden gewesen sein mag, ist kaum mehr zu

ahnen. Die arabischen Eroberer plünderten und verschleppten die

kostbareren Teile der Bauwerke über weite Gegenden; ihre Schriftsteller

erzählen Wunderdinge von der Marmorpracht und anderen Herrlichkeiten,

die sie vorfanden.

Es wird vor allem gerühmt die große Hauptkirche, Sta. Maria (Sta.

Hierosolyma genannt), wegen ihrer Größe und Pracht, der Ort vieler

Konzilien; außerdem die Basilika St. Eulalia (in romanischer Zeit

wieder aufgebaut); ein großes Baptisterium bei J. Joh. Baptista,

zahlreiche andere Kirchen, Klöster, Hospize, Krankenhäuser, Schulen.

[Illustration:

Die älteste Kunst, insbesondere die Baukunst der Germanen von der Völkerwanderung bis zu Karl dem Grossen · 第 81 / 114 题