Abb. 80. Ravenna. Fries am Theoderich-Grabmal.]

Hierauf nun wuchtet jener riesige Kuppelstein in flacher Wölbung von

zwölf eigentümlichen Henkeln oder durchbrochenen Haken umgeben, deren

Vorderflächen die Namen der Apostel tragen. Man hat gemeint, daß sie

zum Heben des Steines gedient hätten, was technisch kaum möglich

scheint; andere glauben, daß sie an byzantinische Kuppelansätze,

wie sie (später) bei der Sophienkirche in Konstantinopel auftreten,

anklingen sollten. Vielleicht -- da sie in ihrer Art doch ganz einzig

sind, verdanken sie einem Einfall des Architekten ihre Entstehung,

etwa angeregt durch die um jene Zeit in Ravenna übliche Dachdeckung

monumentaler Gebäude. Ein Blick auf die Mosaikdarstellung der Stadt

Ravenna und des Palatiums in S. Apollinare nuovo (Abb. 85) scheint uns

zu sagen, daß diese Deckung nicht gleichmäßig eben, sondern in Streifen

eingeteilt war, daß in gleichen Entfernungen voneinander erheblich

erhöhte Kanten fast dachlukenartig die ebene Fläche der Dächer

durchbrachen, auch an Kuppelbauten, die, wenn sie dort im Maßstabe

richtig dargestellt sind, ganz die gleiche Form unserer Haken mit

Giebel- und Satteldach aufweisen.

[Illustration: Abb. 79. Ravenna. Theoderichdenkmal. Oberes Zehneck.]

Von Kunstformen ist nicht viel vorhanden; alles strebt nach

monumentalem Einklang. Das einzige wirkliche Ornament ziert jenen

Fries im Hauptgesimse: das berühmte Zangen- oder Scherenornament;

aufrecht stehende, mehrfach gerippte Dreiecke, deren Spitzen durch

Ringe mit mittlerem Punkte gefaßt sind; die Füße sind durch schräge

in enge Spiralen auslaufende Bänder verbunden, darunter ein holzmäßig

eingegrabenes Profil (Abb. 80, Tafel XX).

Gar viel ist über diesen Fries schon gestritten worden; meist hat man

es als ein degeneriertes lesbisches Kyma oder etwas ähnliches erklärt,

die Spiralen für einen ausgearteten Mäanderlauf.

Vor allem ist aber die höchst eigentümliche einfache Technik der

Herstellung auffallend und bezeichnend, die völlig dem altnordischen

Kerbschnitt, der in die ebene Fläche gegraben wird, angehört,

gleichzeitig sich in lauter Parallellinien gefallend, wie sie später

die Langobarden z. B. wieder in ihrem vielfachen Geriemsel und

Flechtwerk anwandten, wie sie schon an zahllosen Bronzespangen der

Völkerwanderungszeit erscheinen.

Und jene Dreieckform mit dem Kreis an der Spitze ist eine in der

altgermanischen Zierwelt weit verbreitete und nicht seltene. Wir finden

sie an nordischen und südlichen Spangen (Abb. 81), an Bronzeschmuck

(Armbändern u. dgl.), aber auch an dem herrlichen Stücke des

Goldharnisches (vgl. Abb. 15, Tafel III), den man 1859 einige hundert

Schritte vom Mausoleum bei der Darsena vergraben fand.

[Illustration: Abb. 81.

Die älteste Kunst, insbesondere die Baukunst der Germanen von der Völkerwanderung bis zu Karl dem Grossen · 第 63 / 114 题