Es führte zu weit, allen diesen Bildungen nachzugehen. Aber es ist
wenigstens noch darauf hinzuweisen, daß die Einzeldurcharbeitung dieses
wichtigen Schmuck- und Baugliedes denn auch im echt germanischen
Sinne erfolgt, d. h. in der oft einfachsten natürlichen Kerbtechnik,
im bescheidensten Aufundab der Oberflächenbewegung, unter Anwendung
einfacher oder vielfältiger Konturierung, Rippung des Flechtwerks, der
Schleifen und Knoten, des Netzwerks, der Tierornamentik, der stärksten
Phantastik, schließlich wirklicher figürlicher Reliefs, die Jagd, Kampf
und Zeremonie darstellen.
Gewisse Gestaltungen der letzten Art werden da typisch, so das bei den
Langobarden früh und spät übliche Adlerkapitell, das seine letzten
Sendlinge selbst nach Deutschland schickte, wo Barbarossa es wie so
manche andere langobardische Form (Flechtwerke) z. B. in Gelnhausen
nochmals aufleben läßt.
[Illustration: Abb. 51. Quedlinburg. Kapitell der Wipertikrypta.]
Einer ganz besonders eigenartigen Gestalt der germanischen Säule darf
hier nicht vergessen werden, die so absolut deutlich den Stempel
ihrer Entstehung aus dem Holzbau an sich trägt: der Säule mit dem
„Pilzkapitell“. Diese Form ist ganz unverkennbar direkt von der
Drehbank und aus dem Holzbau einfach übernommen und findet sich wohl
zuerst bei dem ältesten völlig original-deutschen gewölbten Steinbau
der alten Kapelle der Königspfalz der Ludolfinger in Quedlinburg (wie
man glaubt) jetzt Wipertikrypta genannt (Abb. 51). Von da mag sie nach
Werden und Essen in Westfalen, wie an den Rhein gewandert sein; auch in
England bei den Angelsachsen tritt sie auf.
[Sidenote: Säulenschaft]
Die Schäfte der Säulen verlieren im allgemeinen wenig vom antiken
Schmucke. Sie werden anfänglich gerne noch kanelliert, häufiger
aber gewunden, nicht nach der römischen feineren Manier, sondern
in der gewohnten Tauform grob und derb, manchmal gar doppelt in
entgegengesetzter Richtung, also zopfartig. Der Schaft ist meist
zylindrisch, die Verjüngung fehlt zuerst, tritt aber in der Spätzeit
seit den Karolingern um so kräftiger auf. Seit dem 9. Jahrhundert
pflegen die meist kurzen glatten Säulen sich fast kegelförmig nach
oben zu verdünnen; diese Erbschaft übernimmt dann der romanische Stil.
[Sidenote: Pfeiler und Pilaster]
Bei Pilastern und Pfeilern läßt sich öfters, obwohl sie nicht häufig
vorkommen, ein ganz ähnliches Prinzip der Durchbildung verfolgen,
getreu dem Grundsatze der holzmäßigen Bearbeitung. Die Gliederung
erfolgt auch hier streng in der vierkantigen Masse der Urform, aus
der das stützende Gebilde herausgehauen werden soll. Das Kapitell
wird bei den Ostgoten eingekerbt, bei den Westgoten einfach zurück-
und eingesetzt. Wird die Vorderfläche des Pilasters oder Pfeilers
geschmückt, so wird die gewünschte Figur einfach in sie hinein
gegraben. Merida gibt uns in seinen charakteristischen westgotischen
Bautrümmern hierfür die klarsten Beispiele. Manchmal sind in die Mitte
der Pilasterflächen noch kleinere Halbsäulen vertieft eingesenkt.
Diese Formen bieten uns merkwürdigste Analogien mit den Bildungen
der deutschen Renaissance im Holzbau (Hildesheim) (Abb. 46). Für uns
Deutsche, die damit von Jugend auf vertraut sind, ist die für Spanier
und andere so merkwürdige ja unverständliche Gestalt jener Pfeiler in
Merida denn gar nichts fremdes. Nur ebenso merkwürdig als erfreulich
bleibt für uns, daß germanische bildende Kunst hier tausend Jahre
früher in so weit entferntem Lande in anderem Baustoffe zu fast genau
den gleichen Neubildungen gelangt war. Einen Schimmer der Ewigkeit,
einen winzigen Beweis für die Unvergänglichkeit und Unsterblichkeit des
einmal der Rasse innewohnenden künstlerischen Charakters mag ein so
auffallendes Beispiel uns wieder einmal empfinden lassen.
Mit der Stütze aufs engste verwachsen, direkt von ihr abhängig,
erscheint nun ein neues Prinzip, ein anderes bauliches Glied, ganz
unbedingt aus dem Zimmermannsarsenal herüber genommen und zu neuer
bedeutsamer Rolle berufen.
Es ist dies das auf der Stütze -- der Säule -- liegende längere
Steinstück, welches bestimmt ist, die Dünne der Säule, die eine oft
vielfach dickere Mauer zu tragen hat, auszugleichen, die dickere Mauer
auf die dünne Säule zu übertragen. Dies vor allem in dem Falle, daß ein
Doppelbogen mitten von einer Säule getragen werden soll.
[Sidenote: Kämpferstein]
Diese architektonische Form ist eine früher unbekannte; eine wirkliche
Neufindung, die wir dem Eintritt der Germanen in die Baukunst
danken. Und das Vorbild des bezeichneten Steinstückes ist das im
Zimmermannswesen von uralter Zeit her gebräuchliche Sattelholz, das
seinerseits im Holzbau eine völlig gleichartige Aufgabe zu erfüllen hat.
Der abgeschrägte Kämpferwürfel über der Säule, den die byzantinische
Baukunst bereits kennt, hat gleiche Bestimmung, ist aber durchaus
von quadratischem Grundrisse und wohl dem Steinbau entsprossen, eine
Umbildung des Gebälkekropfs über der Säule; jedenfalls fügt er sich
seinem Wesen nach völlig in die Steinarchitektur ein. Nicht so der
über dem schmalen Kapitell quer zur Mauerrichtung liegende lange
Steinbalken, der eine auf dieser oblongen Grundfläche lagernde Last
aufzunehmen hat; er trägt durchaus den Stempel seiner Herkunft aus
dem Holzbau an sich, was nachdrücklich dadurch bestätigt wird, daß
er vor dem Eintritt der holzbauenden Germanen in die Kunst nirgends
nachzuweisen ist (Abb. 52).
Dieser lange Kämpferstein vermittelt also den Übergang vom Kapitell
zu dem darauf lastenden viel breiteren Bogen und erscheint bei den
Langobarden am frühesten, verbreitet sich aber rasch. Die Nachbildung
der ursprünglichen Holzform, ganz nach dem Muster des einfach
rechteckigen Sattelholzes (Abb. 59), finden wir in S. Miguel de Lino
bei Oviedo in Spanien als Bogenträger über einer Halbsäule (Abb. 126).
Selbst in verhältnismäßig später Zeit (etwa 810) ist das Vorbild noch
immer so deutlich, daß wir unbedingt annehmen müssen, der Holzbau habe
dort neben dem Steinbau damals noch in hoher Blüte gestanden und sei in
diesem Falle wie überhaupt in dem Formentum dieser ganzen Kirche nur
einfach im Stein nachgeahmt worden. Aber schon viel frühere Beispiele
seiner Anwendung zeigen uns den Übergang zur richtigen tektonisch
gestalteten Steinarchitektur, indem der rechteckige hohe Klotz
durch Abschrägung der überflüssigen unteren Ecken in die Trapezform
übergeführt und damit ein neues architektonisches Element geschaffen
ist, welches später in der romanischen Zeit die größte Verbreitung
gewann, z. B. in den Kreuzgängen geradezu ein charakteristisches Moment
für diese Baukunst geworden ist.
Jenes aus dem Holzbau in den Steinbau übertragene Sattelholz, der
Kämpferstein, gewinnt im Laufe der fortschreitenden Formenbildung
mannigfache und reiche Gestaltung; aber alle die hier wirksamen
Grundformen sind bereits zu langobardischer Zeit gegeben. So die
Trapezform, die Segmentform und andere, bis zur Auskehlung der zwei
Winkel, die auch im „romanischen“ Stil eine verbreitete immer deutsche
gut nationale Form bleibt.
Die tragende kurze Säule bedarf hier eigentlich keines Kapitells, wie
ihre frühesten dem Holzstil noch ganz nahestehenden Beispiele zeigen.
Erst der Schematismus des entwickelten romanischen Stiles reißt die so
eng zusammen gehörigen Teile: Stütze und Kämpfer wieder auseinander.
Vorher bildet der Kämpferstein das eigentliche Kapitell der Säule.
Von den Urbildungen des obengenannten Baugliedes sind die
langobardischen und die angelsächsischen von besonderem Interesse.
Der zertrümmerte Kreuzgang von St. Giorgio in Valpolicella bei Verona
(8./9. Jahrhundert) bietet uns davon eine ganze Musterkarte; einiges
auch S. Apollinare in Classe bei Ravenna in den +nicht+ byzantinischen
Bauteilen, wie Ravenna selbst an seinen zahlreichen echt germanischen
runden Backsteintürmen, die dem 7. bis 8. Jahrhundert angehören. --
Überhaupt sind die dicken Mauern der Türme, deren Ausbildung gewiß dem
Norden zuzuschreiben ist, das eigentliche Feld für die Säulchen mit
langen Kämpfersteinen, in den Kirchen die niedrigen Triforiengallerien
und Emporenöffnungen der starken Mittelschiffwände. So finden wir ganz
frühe Muster in Trier an den Frankentürmen (8./9. Jahrhundert),
im Inneren von Kirchen wohl am ersten bei uns in der Gernroder
Stiftskirche, wenn nicht schon früher in St. Michael in Fulda.
[Illustration: Abb. 52. Kämpfersteine.]
Selbst in Spanien mangelt es an Beispielen nicht, die sich übrigens
immer noch völlig an den reinen Holzstil, wie er in S. Miguel de Lino
sich zeigt, anlehnen. So in S. Pedro bei Zamora, wo Kämpfer und Säule
völlig in Eins zusammenwachsen, jener also an die Stelle des Kapitells
tritt (Abb. 141). Besonders charakteristisch ist dies dort mit der
Überleitung zum Hufeisenbogen verbunden. -- Eine Eigentümlichkeit, die
besonders dem beginnenden 9. Jahrhundert angehört; ganz ähnlich auch
in Germigny-des-Prés bei Orleans (806), wo allerdings die tragenden
Säulchen frei unter dem Querbalken stehen.
[Sidenote: Gedrehte Baluster]
Bedeutsam ist die in angelsächsischen Bauten häufige unverkennbare
Bildung der Säule als einer gedrehten balusterähnlichen Holzsäule, die
uns zeigt, daß wir in diesen Galerien eine uralte Einzelausbildung des
Holzbaus vor uns haben. Belege hierfür gibt es die zahlreichsten, nicht
nur in England.
[Sidenote: Galerien]
Die Galerieform tritt hierbei sofort hervor, sobald das Doppelfenster
zum dreifachen mit zwei Mittelsäulen wird; mit der Vermehrung der
Bögen wird dies immer deutlicher. So bei Kreuzgängen und dergleichen.
Das in der Renaissance so häufige Nebeneinanderreihen zahlreicher
gedrehter Baluster zu Brüstungen ist uns aus dem klassischen Altertum
nicht bekannt; wir dürfen vielleicht annehmen, daß die Holzkünstler der
Germanen dies Motiv zuerst anwandten und vielseitigsten Gebrauch davon
machten, mit und ohne Bögen.
In den Holzgalerien mit Bögen haben wir denn wohl auch den Ursprung
der Zwerggalerien zu suchen. Jeder europäische Holzstil zeigt uns
solche im kleinen von jeher im Gebrauche, schon im romanischen Stil, im
Altnordischen, selbst bei den Russen, bei uns und in den Niederlanden
bis in die späte Renaissancezeit hinein. Die Möbel, die Herrad von
Landsberg zeichnet, bestehen vorwiegend aus gedrehten Holzsäulen,
die oft zu solchen Galerien verbunden sind; aber nicht minder die
Bauernmöbel, besonders Stühle bis zum heutigen Tage. Hier ist von jeher
das Feld der Tätigkeit des Drechslers. Es kann natürlich nicht fehlen,
daß man uns da wieder an die späten Römer, so an die vorgesetzten
Säulchenreihen mit Bögen am Palast in Spalato erinnert. Doch vermögen
wir auf noch frühere Verbreitung des Bogengaleriemotivs bei den
Germanen zu verweisen, bei denen wir es als Ziermotiv schon an uraltem
Bronzebeschlag der Gürtel und des Lederzeugs antreffen (Abb. 8); selbst
an den Rücken der ältesten Beinkämme findet es sich von jeher und
bleibt hier bis ins frühe Mittelalter hinein üblich.
[Sidenote: Bogenfries]
Ganz besonders häufig tritt an dieser Stelle von jeher das ebenso
altertümliche Gebilde des Bogenfrieses auf, der Bogengalerie ohne
Säulchen; einfach, dann verdoppelt sich durchdringend, eines der
unsterblichen altgermanischen verzierenden Friesmotive[13], das in
Italien Ostgoten und Langobarden in die Baukunst herübernahmen. Als
steinerner Bogenfries hat es dann den ganzen romanischen Baustil
beherrscht und lebt heute noch (Abb. 53).
[Illustration: Abb. 53. Rundbogenfriese, langobardisch.]
[Illustration: Abb. 54. Germigny-des-Prés. Kämpfer.]
Aus der Langobardenzeit wie der frühen Angelsachsenzeit sind zahlreiche
Beispiele von Galerien mit Säulchen oder Pfeilern erhalten, die als
einfache Wandgliederungen oder Wandschmuck innen und außen angewandt
sind. Die Nachahmung des Holzstils ist hier ungemein deutlich. Spätere
gleichartige Nachahmungen in Dänemark. Karolingische Kämpfer in
Germigny-des-Prés zeigen uns das Motiv in kleinstem Maßstab (Abb. 54).
Nicht minder durchbrochene Fensterplatten in S. Miguel de Lino bei
Oviedo in Spanien, die aussehen, als ob sie nur mißverständlich in
Stein ausgeführt seien, statt durch den Drechsler und Tischler in Holz.
In geradezu überraschender Deutlichkeit sehen wir die gedrehten
Säulchen an dem so urgermanischen Portal des Turmes der Kirche zu
Monkwearmouth (s. Abb. 183). Kurze und fast faßartige vielgeringelte
Schäfte tragen ohne jedes Kapitell den holzmäßig gestalteten Kämpfer
unterm Bogen.
[Sidenote: Bogenkämpfer]
Bei dem genannten Portal fällt uns ferner auch das seitlich glatt
abgeschnittene Profil des Kämpfers auf. Auch das gehört zum
germanischen Rüstzeug in der Architektur. Der Kämpfer ist eben nichts
als das vorgeschobene einseitige Sattelholz, aus einem glatten Balken
hergestellt, folglich an den Seiten glatt. Am Portal der Kirche S.
Pablo zu Barcelona ist diese Qualität des Kämpfers bei den Germanen
noch in ganz unverhüllter Weise ausgesprochen (vgl. Abb. 52). Was ist
er da anderes, als ein ganz klar ausgebildeter Balkenkopf? -- Solche
Balkenköpfe in Stein haben sich in Spanien in mancherlei Mustern
erhalten. Besonders charakteristisch dürfte ein Beispiel im Museum zu
Sevilla sein, bei dem auch das Dübelloch für die unterstützende Säule
noch vorhanden ist.
Auch die Bildung des Kämpferprofils entsprach dieser Entstehung:
die einfache Abfasung, die Schmiege, ist noch karolingisch, erhält
sich dauernd in der gerade folgenden Zeit (so Tracy-le-Val, 11.
Jahrhundert). Zahlreiche andere Profilierungen, besonders reiche in
England geben die mannigfaltigsten Variationen der Grundmelodie,
andererseits die klarste Übertragung der Holzprofile in den Stein (Abb.
45).
[Sidenote: Säulenfüße]
Einen Blick noch werfen wir auf die Füße der Stützen. Natürlich kommen
hier die der säulenartig gebildeten am meisten in Betracht, da diese
einer Basis im Gegensatz zum Kapitell bedürfen.
Auch hier mangelt es nicht an Belegen dafür, daß ihre Fußbildungen
aus dem reinen Holzstil erwuchsen, wenn auch wohl von der antiken
Säulenbasis als Vorbild beeinflußt, doch sofort zur einfachen Ringelung
um das untere Schaftende umgestaltet. Jedenfalls immer sehr hoch und
ohne viel Ausladung, wie das das Drehen der Säulen in Holz und auch in
Stein aus vierkantigen Balken mit sich brachte.
Wie aber die dünne Holzsäule frei auf dem weichen Boden stehend durch
den Druck in diesen hineingepreßt würde, folglich einer bedeutenden
Verbreiterung ihrer Grundfläche bedarf, um den Druck zu verteilen,
diesen daher von alters her durch Unterlagshölzer in oft mehreren
Lagen überträgt, so finden wir bei freistehenden Steinsäulen in der
noch eigentlich germanischen Baukunst öfters eine starke Verbreiterung
nach einer oder mehreren Richtungen. So in S. Pedro (Prov. Zamora), S.
Miguel de Lino (Abb. 55, Tafel XIV), jünger, doch in gleichem Sinne,
in Fjenneslevlille Kirke in Dänemark. (Wie man ja den hohen Norden
hier in allen solchen Dingen oft fast um zwei Jahrhunderte hinter den
sonstigen Zeitläuften herhinken sieht. Es sind daher manche Formen der
skandinavischen Baukunst des 11./12. Jahrhunderts als noch denen der
karolingischen Zeit des Südens nahestehend zu bewerten.)
Was sich nun aber über die Vertikalstützen lagerte zum weiteren Aufbau,
das waren natürlich nach dem einfachsten Zimmermannssystem wagerechte
Balken. Die hölzernen haben sich freilich längst in Moder gelöst, von
den steinernen ist manches geblieben.
Im Steinbau trat ja rasch genug das Gewölbe, also zunächst der Bogen,
an die Stelle des Balkens. Aber ganz offenbar ist hier folgendes im
Anfange maßgebend gewesen und lange Zeit geblieben:
[Sidenote: Bogen]
Der nordischen Zimmermannskunst war das im südlichen eroberten Lande
auffallendste und bedenklichste in der Baukunst offenbar der Bogen mit
dem zentralen Steinschnitt, wie das in der Natur der Sache lag.
Hatte man bisher alle konstruktiven Schwierigkeiten, gewiß auch nicht
ohne Kühnheit, aus der Natur des Holzbaus heraus zu bewältigen gehabt
und gewußt, hatten Holzständer, Riegel, Langbalken, Schwellen und
schräg gestellte Sparren das Rüstzeug des Zimmermanns ausgemacht,
verbunden mit den dazu gehörigen Einzelheiten: Zapfen, Versatzungen,
Überblattungen u. dgl., mit Hilfsmitteln wie den früher genannten
Sattelhölzern, so war man plötzlich vor eine Aufgabe des reinen
Steinbaus gestellt, der in ganz fremdartiger Weise aus keilförmig
geschnittenen Steinstücken weite Bögen herstellte, mächtige
Spannweiten überbrückte. Man sah sich vor ganz entgegengesetzten
Konstruktionsprinzipien. Hatte man früher weite Räume zu bedecken,
so legte man starke Balkenhölzer darüber; genügten diese nicht, so
verzahnte und verband der Zimmermann zwei oder mehrere übereinander,
gewohnt, mit der schlanken und starken Langfaser des Holzes zu rechnen
und durch sie alles zu besiegen.
Und jetzt: ganz neue Anforderung, die durch das herrschende
Steinmaterial und den im Süden offenbar schon vorhandenen Holzmangel,
die Landessitte und die gewaltigen bereits bestehenden Denkmäler
in solcher Bauweise gestellt wurde! -- Die größte Umwälzung, die
denkbar war. Und eine Anforderung, das seit uralter Zeit Gewohnte,
ja die eigene Natur aufzugeben zugunsten zunächst höchst schwierig
erscheinender, jedenfalls mit Mißtrauen betrachteter neuer baulicher
Grundsätze.
[Sidenote: Türen und Portale]
Was sich da ergab, war folgerichtig. Bildete man häufig die Überdeckung
noch ganz zimmermannsmäßig, so blieb man auch in Fällen reicherer
Ausbildung gerne bei der horizontalen Steinbalkenüberdeckung, wo das
möglich war, so im kleinen bei Türen und Portalen. Hohe wagerechte
Stürze wurden über die senkrechten Stützen quer gelegt, wie wir
solche von den Westgoten noch zahlreich übrig finden. Aber auch
sonst, z. B. in Engelstadt (Rheinhessen), in völlig übereinstimmender
Weise. Gerade hier belehren uns die Bildungen der Türstürze auf das
eingehendste; einige spätere dänische sind besonders instruktiv, auch
in ihrer Dekoration, die z. B. durch flach eingegrabene Bögen erfolgt
(Bogenfries), ganz wie es an Holzschwellen bis ins späte Mittelalter
üblich war (Abb. 56).
Von Interesse ist hierbei die echt holzmäßige Überblattung oder
Ausklinkung des Sturzes der horizontal geschlossenen Türen, so in
Cividale, an S. Clemente in Rom, auch in Escomb in England.
[Illustration: Abb. 56. Türen mit geradem Sturz.]
Frühzeitig mußte man jedoch hier die Unentbehrlichkeit des
Entlastungsbogens über dem flachen Sturz erkennen, den bereits die
Römer gerne angewandt hatten, wenn man nicht, wie es öfters vorkommt,
den Sturz inmitten höher machte, ihm dachförmige Gestalt gab. Türstürze
dieser Form finden wir in Trümmern zahlreich aus der Langobardenzeit,
so in Brescia, Cividale, auch im Museum zu Köln ist ein solcher Rest
vorhanden, und von der uralten Kapelle zu Ronnenberg bei Hannover
(schon 524 erwähnt) dort noch die ganze Tür eingemauert (Abb. 57). Bei
den Langobarden ist diese Form besonders verbreitet; manchmal doch mit
Bogen darüber. In der Folge wird bei ihnen der entlastete Sturz zur
Regel: S. Anastasia zu Lucca; und zwar mittels Halbkreisbogen[14].
Damit ist das halbrunde Tympanon des Mittelalters geschaffen, einer der
allerfruchtbarsten künstlerischen Gedanken in der Architektur.
[Illustration: Abb. 57. Portale mit dachförmigem Sturz.]
War aber wirklich ein Bogen über Fenster oder Tür beabsichtigt, so
schnitt man diesen Bogen bis in die romanische Zeit hinein mit Vorliebe
aus einem hohen Steinbalken heraus, also wieder rein dekorativ,
eine formale Konzession, ohne in der Sache die Zimmermannsmäßigkeit
aufzugeben.
Auch diese Beobachtungen beweisen uns die ungemein große Vorsicht, mit
der die Germanen an den Bogenbau in Stein herangingen; dem Gewölbe
gegenüber verfahren sie in der Folge nicht weniger mißtrauisch und
tastend.
[Sidenote: Hakensteine der Bögen]
Ungemein deutlich spricht dies die viel angewandte Technik der
Hakensteine in den Bögen aus. Das ganze Theoderichmausoleum zu Ravenna
ist dafür ein Musterbeispiel (vgl. Abb. 82, Tafel XXI). Nicht nur die
sämtlichen Keilsteine der großen Tragebögen des Unterbaus haben solche
Haken, sondern selbst der flache Entlastungsbogen über dem Türsturz der
oberen Eingangstür besteht nur aus Hakensteinen. Bei den Römern ist die
Anwendung dieser Konstruktion selten, in solcher Konsequenz nirgends
nachweisbar, während sie an Westgotenbauten in Spanien ebenfalls oft
genug auftritt, besonders bei Schlußsteinen von Bögen. (Sta. Maria de
Naranco). Die Araber haben diese Gepflogenheit nachher übernommen,
insbesondere für scheitrechte Bögen.
[Illustration: Abb. 58. Werden. Bogenkonstruktionen.]
An dem letztgenannten westgotischen Bau, der noch der Mitte des 8.
Jahrhunderts angehören muß, zeigt sich die bedächtige Vorsicht, wenn
man will, Unsicherheit der germanischen Baumeister auch darin, daß
manche selbst durch Archivolten betonte Bögen immer noch als reine
Überkragungen konstruiert sind. Von richtiger radialer Druckverteilung
gar keine Rede[15]. Ganz verwandt ist die Bogeneinwölbung, wie sie in
Werden am Äußeren der Peterskirche auftritt (Abb. 58).
Der Bogen ist den Germanen zuerst eine bloß künstlerische Form, keine
folgerichtig durchgeführte Konstruktion. Daher auch die merkwürdige
Gepflogenheit, den Bogen, wenn es geht, aus +einem+ einzigen Stein zu
hauen; eine Sitte, die sich bis ins Romanische verlängert, freilich
auch im Syrischen (und Hellenistischen) hier und da vorkommt. Ein
Beispiel aber, wie bei S. Miguel de Lino, wo der Bogen auch an der
Außenkante der Peripherie folgt, also einen halben Ring bildet, dürfte
einzig dastehen; er ist sogar nachträglich in radialer Richtung
gerissen, wie das seine sichelförmige Gestalt erklärlich macht (Abb.
126).
[Illustration: Abb. 59. Holzkonstruktionen und Hufeisenbögen in Holz.]
[Sidenote: Hufeisenbogen]
[Sidenote: Ableitung des Hufeisenbogens aus dem Holzbau]
Kaum minder bezeichnend ist die Hufeisenform des Fenstersturzes
an einem Befestigungsturm in Caceres (Abb. 60). Unkonstruktiv in
herkömmlichem Sinne freilich; doch für unsere Untersuchung um so
deutlicher. Es bleibt eben der Bogen eine rein dekorative Bildung,
keine konstruktive; und der hier auftretende Hufeisenbogen stammt ja
erst recht aus dem Holzstil, wo er von früher Zeit an konstruktiv (Abb.
59) und dekorativ -- letzteres an den Portalen -- auftritt. Da ist er
auch notwendig, denn er ist ursprünglich nur eine Verspannung zwischen
vertikalen Ständern und bedarf des unteren Hakens anstatt der Spitze
zur Konsistenz; eine Form wie A ist technisch unmöglich wegen der
scharfen Spitze. Der aus dem Holzbau übernommene Hufeisenbogen ist in
der germanischen Frühzeit auch im Steinbau überall verbreitet, vor
allem als dekorativ wirksame Form. Am meisten im Spanien der Westgoten,
in dem ihn die Araber vorfanden und wie er war übernahmen. Es waren in
diesem Lande in einer gewissen Zeit wohl alle die kleinen Basiliken
mit hufeisenförmigen Längsbögen versehen. Davon zeugen noch: Venta de
Baños, S. Miguel de Escalada, Souso, Lebeña, S. Pedro, in Frankreich
bei Orleans Germigny-des-Prés, Nachzügler gibt es in Italien bei den
späten Langobarden, und selbst bis ins 12. Jahrhundert hinein im
hohen Norden, wo z. B. Ripen (Dänemark) am Domportal das Hufeisen in
ausgeprägtester Art aufweist.
Der außerdem im 8. und 9. Jahrhundert häufige Halbkreisbogen mit
vorspringenden Stützen gehört hierher; er wird an Germanenbauten
in gleicher Weise ohne eigentliche konstruktive Begründung, wohl
als Ersatz für den Hufeisenbogen gebraucht. Vielleicht ist auf ihn
die oft vorkommende Anordnung zurückzuführen, eine dekorierende
Säule in den Bogen unten bis zum Kämpfer frei vorzustellen, was wir
sogar an vandalischen Bauwerken in Afrika (Tipasa) wie öfters an
westgotisch-spanischen (Tuñon), auch an angelsächsischen finden[16].
Ist es nun nicht zu leugnen, daß auch an einigen byzantinischen
Bauwerken und in Anatolien der Hufeisenbogen auftritt, freilich noch
seltener, als manche der oben aufgezählten ebenfalls vereinzelt im
Späthellenistischen vorkommenden Besonderheiten, so hat es doch
keinerlei überzeugende Kraft, wenn man aus der Gegenüberstellung der
Tatsache, daß der Hufeisenbogen bei den Germanen hundertfältig, bei
den Byzantinern ein halbes dutzendmal vorkommt, unbedingt schließen
will, daß gerade die letzteren die wirklichen Erfinder oder Verbreiter
der Form sein müßten. Es mag freilich heute ein wenig Gepflogenheit
sein, ihnen vor allem für jene Zeit die erste Erfindung jeglichen
neuen künstlerischen Gedankens, dessen sie sich gelegentlich bedienen,
zuzuschreiben, dagegen die Germanen von jeglicher Autorschaft auf dem
Gebiete der bildenden Kunst auszuschließen[17]. Warum ist nicht recht
einzusehen. Vielmehr scheint es berechtigt, da, wo eine bestimmte Form
massenhaft vertreten ist, eher ihren Ursprung zu vermuten, als da, wo
sie vereinzelt nachgewiesen wird.
An dieser Stelle mag die Einfügung angebracht sein, daß der später von
den Arabern in Spanien so viel gebrauchte Hufeisenbogen, der früher
als ihnen eigen betrachtet wurde, dies durchaus nicht, sondern ein
Erbstück war, das sie von den Westgoten übernahmen. Die Behauptung, daß
diese Bogenform westgotisch sei, mag heute noch bei manchem ein Lächeln
hervorrufen; sie ist darum nicht weniger wahr und in Spanien längst
anerkannt, weil überall dort unverkennbar hervortretend.
[Sidenote: Die Araber Erben der Westgoten]
Die Araber brachten aus ihrem Vaterlande -- vielmehr aus dem näher
gelegenen Nillande -- nur den hochgestelzten stumpfen Spitzbogen
auf dünnen Säulen mit. In Spanien fanden sie den Hufeisenbogen so
allgemein verbreitet, daß sie ihn sofort annahmen, wie ja ihre
dortige früheste Baukunst eine Sammlung verschiedenartigster fremder,
besonders westgotischer Motive zeigt, die erst langsam zu einem
Ganzen zusammenschmilzt. Auch dem Hufeisenbogen haben sie später
ganz neue Reize abgewonnen; insbesondere durch schrägere Richtung
des Fugenschnitts; ihr Bogen zeigt in der Folge die Radialfugen der
Steine nicht nach dem Kreismittelpunkt gehend, wie bei den Westgoten,
sondern nach einem viel tiefer, mindestens bis auf die Kämpferhöhe
hinabgelegten Mittelpunkt gerichtet. Das gibt dann einen erheblichen
Unterschied in der Wirkung[18].
Für die Nordländer mag also jene neue „Entdeckung“, daß der
Hufeisenbogen nordisch-germanisch sei -- wie er ja auch an den noch
erhaltenen ältesten nordischen Stabkirchen häufig erscheint --, nicht
minder überraschend sein, als es für mich z. B. die Antwort auf eine
Frage an Meister Velasquez in Madrid, den besten Kenner dieser Zeit,
gewesen ist, da er sagte: „Das charakteristischste und reichhaltigste
Werk der Baukunst der Westgoten in Spanien ist unzweifelhaft -- die
Moschee in Cordoba“. -- Das klang wunderlich, ist aber doch richtig.
Denn der älteste und Hauptteil der Moschee besteht aus den Resten
mehrerer westgotischer Kirchen Cordobas, die die Araber zu ihrem Neubau
zusammenfügten; freilich waren die meisten Säulenschäfte dieser Kirchen
schon älteren römischen Bauten entnommen gewesen.
[Sidenote: Dachsparrenstellung über Öffnungen]
Zuletzt ist hier zu erwähnen, daß an die Stelle der Bögen öfters noch
eine andere Form tritt, die in der späten Merowinger- wie in der
Karolingerzeit sehr beliebt ist: die Sparrenstellung. Ganz offenbar die
dem Zimmermann geläufigste Form +nicht+ horizontaler Überdeckung: die
Form des Daches.
Bei den verschiedensten Gelegenheiten macht man im 8./9. selbst bis
ins 10. Jahrhundert hinein davon Gebrauch. Klassizistische Archäologen
erklären zwar rundweg, dies sei weiter nichts als eine Degenerierung
der antiken Giebelform. Und wenn, wie z. B. bei S. Jean in Poitiers die
spitze Form mit Rundbogen wechselt (vgl. Abb. 147), so sei das nur eine
Wiederholung der Reihen von abwechselnden Rund- und Spitzgiebeln der
spätrömischen Baukunst insbesondere in Syrien. So richtig das natürlich
in einzelnen Fällen sein kann -- es besteht doch ein grundsätzlicher
Unterschied zwischen plastischen Giebelreihen, die oberhalb von
Nischen zu deren Schutze oder Schmuck aufgebaut wurden, und der
Zusammenstellung von Brettern und Balken, die einen Hohlraum dachförmig
nach oben abschließen.
Ferner mag man nicht vergessen, daß die antiken „Giebel“ doch auch
weiter nichts sind, als schräg zusammengestellte Sparren, also genau
auf dem gleichen Wege erzeugt. Wenn die Antike selber einst dies Motiv
aus dem Holzbau übernahm und ausbildete, warum sollten spätere Germanen
es sich nicht genau in derselben Weise erworben haben können, um so
mehr, als sie direkt aus dem Holzbau kamen. Wir nehmen einstweilen
dies für sie in Anspruch und vermeinen, z. B. die angelsächsische
Fenstergestaltung wie in Brigstock oder Deerhurst als ein bloßes
Plagiat nach antiker Giebelarchitektur nachzuweisen möchte nur einer
ganz gezwungenen Beweisführung ohne Überzeugungskraft gelingen können.
Jedenfalls finden wir bei den Germanen die Dachsparrenstellung weit
verbreitet und angewandt. Zur Überdeckung von Fenstern, Türen und
anderen Öffnungen, zur Entlastung von Stürzen, aber auch als Ersatz für
weiter gespannte Bögen, besonders bei blinden Arkaden. Am prächtigsten
an der merowinger Vorhalle zu Lorsch (s. Abb. 149), ähnlich noch spät
um den Nordwestturm der Kirche zu Gernrode. Vielleicht noch ottonisch
an der Fischbecker Stiftskirche, massenhaft an angelsächsischen Kirchen.
[Sidenote: Gewölbe]
An den Gebrauch der Bögen schließt sich unmittelbar der der Gewölbe.
Ihnen gegenüber verhält sich der Germane ähnlich skeptisch und
vorsichtig; nur selten macht er Gebrauch von ihnen, und dann beschränkt
er sich fast ausschließlich auf den der Tonnengewölbe, und zwar von
möglichst geringer Spannweite. Das Kreuzgewölbe kommt so gut wie nicht
vor; nur in der Karolinger-Zeit findet man es ganz vereinzelt (Aachen);
kaum minder selten das Kuppelgewölbe; doch sind dies so sehr Ausnahmen,
daß man der Regel nach weder Kreuzgewölbe noch Kuppeln vor dem Beginn
des 11. Jahrhunderts zu setzen braucht.
Das Theoderich-Grabmal ist dafür ein merkwürdiger Beleg. Sein
Erdgeschoß ist mit zwei sich kreuzenden Tonnen überspannt, was freilich
an der Kreuzungsstelle unvermeidlich eine Kreuzgewölbeform ergeben
mußte. Aber die Kuppel oben hat man weder in Wölbsteinen noch auch nur
in Stampfmauerwerk auszuführen unternommen, sondern, freilich gewiß
in Erinnerung an germanische Ursitte, über das Denkmal einen einzigen
riesigen Stein gelegt, den man kuppelförmig aushöhlte.
Später hat allerdings das Germanentum aus seiner so vorsichtigen
ausschließlichen Verwendung enger Tonnengewölbe immer noch sehr kluge
und wertvolle Gewölbekomplikationen zu entwickeln verstanden, von denen
aber erst unten zu handeln sein wird.
[Sidenote: Strebepfeiler]
Noch in einer anderen Richtung sind die Germanen für den Gewölbebau
fruchtbringend gewesen: man findet an ihren Bauwerken wohl zuerst
Strebepfeiler zur Aufnahme des Gewölbeschubs systematisch angeordnet
und ausgebildet, sowohl in Spanien als in Frankreich; eine Idee, die
als eine höchst wertvolle bis in späteste Zeiten fortlebend Großes
gewirkt hat.
[Illustration: Abb. 60. Fensterformen.]
[Sidenote: Fenster]
Die Ausbildung der Fenster und Türen, die schon oben gestreift ist,
förderte nicht minder eine Fülle eigenartiger Bildungen zutage. Wie
im Norden bei den hölzernen Stabkirchen die Fenster doch häufig im
Rundbogen geschlossen sind, so werden die kleinen Fensterchen an den
frühesten Germanenbauten in Holz, dann in Stein, wie ja auch italische
und byzantinische Kirchen es zeigten, bereits Rundbogen als oberen
Abschluß besessen haben. Der Sturz war anfänglich meist ein rundbogig
gehöhlter Stein, wie oben bereits ausgeführt ist (Abb. 60).
Bei Fenstern und Türen ist nun besonders in England die höchst
merkwürdige Beobachtung zu machen, daß eine Verbreiterung, wenn
notwendig, gerne nach unten, nach der Sohlbank oder Schwelle zu
erfolgt, so daß der Sturz nicht verlängert zu werden braucht. Ja
selbst eine Art Parabelform für die Fenster läßt sich da nachweisen.
(Goldbach, Escomb, Boarhunt.)
Auch der hufeisenförmige Abschluß der Fensternische, besonders nach
innen, ist nicht selten, weder in Spanien, noch in England oder
Frankreich. An den frühen Angelsachsenbauten besonders sind uns
mancherlei Muster dafür erhalten geblieben.
Nicht weniger eigenartig ist die oben erwähnte Abdeckung der
Fensteröffnungen durch zwei schräg gestellte Steinbalken: die
holzmäßige Form der Sparrenstellung. Sehr schön in dieser Anlage sind
die Doppelfenster zu Deerhurst; wie ich glaube die Originalform der
unrichtig restaurierten westlichen Emporenfenster des Aachener Münsters
gebend.
An die oben erwähnte Form der Entlastung über dem Fenster des Turmes
zu Gernrode sei hier erinnert, die ebenfalls die Sparrenstellung zeigt
(Abb. 60).
[Sidenote: Innere dekorative Fensterumrahmung]
Die schmalen Fenster jener Zeit sind öfters innen und außen stark
verschieden, innen meist reicher gestaltet, wie denn jene Zeit
etwaige Prachtentfaltung selten dem Äußeren zuwandte. So sind in
Germigny-des-Prés die Fenster oben -- vielleicht einst auch unten --
mit Halbsäulchen und reichen Archivolten in Stuck eingefaßt (vgl.
Abb. 65) -- in St. Jean zu Poitiers sind sie bereits durch in Ecken
eingesetzte Falzsäulchen flankiert, wie in der Folge so vielfach.
Es mag hier uns das allermeiste verloren gegangen sein. Denn wo steht
überhaupt ein kirchlicher Innenraum Altgermaniens noch unverletzt
aufrecht? -- -- Germigny-des-Prés ist seiner originalen Ausgestaltung
fast ganz beraubt, die meist durch schwächliche Nachbildung ersetzt
ist. Am meisten dürfte in S. M. in Valle in Cividale vorhanden sein, wo
wir die prächtigste Fensterumrahmung aus Stuck mit kräftigen Halbsäulen
und üppiger Bekrönung durch eine sehr schöne halbdurchbrochene
Archivolte noch in situ vorfinden (s. Abb. 104, Tafel XXIX). In
Disentis am Gotthard hat man aus den Trümmern der Kirchenruine
ebenfalls die Reste einst auf Halbsäulen sitzender Fensterarchivolten
herausgegraben, deren Formen hier mehr als sonst dem Holzstil
angehören[19] (s. Abb. 65).
[Sidenote: Fensterverschlußplatten]
Daneben könnten die Fensterverschlußplatten ein besonderes Kapitel
beanspruchen; die durchbrochenen Platten, mit denen die Fensterlöcher
nach außen gefüllt wurden, die die Glasfenster zu ersetzen hatten,
deren es damals für solche Zwecke gar zu wenige gab. Daher man die
Fensteröffnungen an sich so klein als möglich machte, um wenigstens
Sturm, Regen und Schnee nach Möglichkeit auszuschließen. Haut, Stoff
und anderes als Glasersatz verbot sich wohl bei Kirchen. Für den Süden
ist das Hilfsmittel, die Lichtöffnungen der Kirchen mit durchbrochenen
Marmorplatten zu schließen, bei der dortigen Lichtfülle und dem milden
Klima leicht verständlich und genügend. Dieses Material, dünn genug
geschnitten, ist überhaupt schon lichtdurchlässig, und so mochten
einige kleine Öffnungen, planlos oder ohne besonderen Anspruch auf
Zeichnung eingeschnitten, wohl schon genügen, um das Bedürfnis
nach Licht, das in den Kirchen ja viel geringer ist als sonst, zu
befriedigen.
Mit dem Vordringen der Germanen nach dem Süden werden diese Platten der
Gegenstand reicherer Ausgestaltung und Zierung. Die Barbaren übernehmen
zunächst den Gedanken ohne weiteres, verpflanzen ihn auch nach Norden;
in Frankreich, selbst in England sind solche Fensterplatten mit
reichem dichtem Gitterwerk nicht allzu selten. Aber der ganz weiße
durchscheinende Marmor fehlte im Norden, und so entstand das Bedürfnis
nach stärkeren Öffnungen von selbst, die dann, wo das möglich war, mit
Glas ausgefüllt wurden. Die Araber haben solche Fenstereinsätze aus
Gipsplatten, mit buntem Glas geschlossen, in Nordafrika noch heute viel
im Gebrauche[20].
Die Verbreitung solcher ganz reich verzierter Fensterplatten, die in
echt germanischen Schlingmustern, in Bogenfriesen und Arkadengalerien
mit Säulchen in reinem Holzstil -- kurz im ganzen uns bekannten
Zierwerk des Nordens durchgebildet sind, geht aber so weit, als die
Germanen zogen (Abb. 61). Sie sind bei den Vandalen in Afrika, den
Westgoten in Spanien, den Franken in Gallien, den Angelsachsen in
England, den Langobarden in Italien zu Hause[21]. In Deutschland und
weiter im Norden fehlen größere durchbrochene Fensterplatten dagegen
scheinbar ganz, wohl weil das Licht sonst nicht mehr ausreichte;
freilich könnte es seinen Grund auch darin haben, daß sie nach dem
8. und 9. Jahrhundert überhaupt nicht mehr vorzukommen scheinen, die
kirchliche Bautätigkeit in Deutschland aber erst damals begann.
Übrigens sind steinerne durchbrochene Verschlüsse für sehr kleine
Öffnungen (nicht Kirchenfenster) in Deutschland, später im 11. und
12. Jahrhundert, nicht ganz selten, insbesondere in Türmen, was die
Möglichkeit offen läßt, daß gleicher Gebrauch, dessen Dokumente
verschwunden sind, für Kirchenfenster vielleicht doch geübt gewesen
sein könnte.
In Dänemark finden wir bei Kirchenfenstern in romanischer Zeit übrigens
auch hölzerne durchbrochene Fensterplatten, für Glaseinsätze mit
Falz versehen, die auf ähnliche Fensterbildung schließen lassen. Auch
im angelsächsischen England werden durchbrochene Holzbretter als
Fensterverschlüsse erwähnt. Dies dürfte den Gedanken nahelegen, daß in
nordgermanischen Ländern früher vielleicht auch durchbrochene Holzläden
die Stelle von Fenstern versehen haben könnten.
[Illustration: Abb. 61. Ost- und westgotische, langobardische und
angelsächsische Fensterplatten.]
Was aus allen diesen Beobachtungen aber sicher übrigbleibt, zeigt
uns, daß die Germanen, die nach südlicheren Gegenden gewandert waren,
in der Herstellung solcher reich gestalteter, ja manchmal geradezu
üppiger Fensterplatten ein schönes Feld ihnen zusagender Zierkunst
gefunden und bestellt haben. Eine vielgestaltige Musterkarte davon
wäre leicht zusammenzustellen. Wenn dazu bemerkt wird, daß solche
durchbrochenen Platten ja auch im ganzen byzantinischen Reiche, in
Kleinasien, in Ägypten selbst um jene Zeit gebräuchlich gewesen sind,
so muß nachdrücklich wiederholt werden, daß dies an sich richtig, daß
aber die ganze reichere Durchbildung dieses interessanten Zierstückes
zu künstlerischer Wirkung, wie es scheint, den Germanen vorbehalten
geblieben ist. Langobardische, fränkische und angelsächsische,
vor allem aber westgotische Muster sind weitaus die schönsten und
bedeutsamsten ihrer Art. Die Übung dieser Völker in den phantasievollen
Arbeiten des Flechtornaments und ähnlichem bildete ja auch hierfür
trefflichste Schulung; nicht minder ihre Neigung von alters her, jede
Fläche mit flachem Schmuckwerk zu brechen.
Von besonderem Reize sind die (erneuerten) in den schlanken
hufeisenförmigen Fensteröffnungen zu Venta de Baños (Spanien).
Die wunderschönen Fensterplatten aber an S. Miguel de Lino in Spanien
zeigen uns sogar bereits völlig ausgebildete Maßwerke; diese im
Mittelalter so prächtig und glänzend durchgebildeten Zierstücke
der gotischen Fenster derart vorgefühlt, daß hier gar nicht viel
mehr hinzuzufügen bleibt. Auch die Fensterrose ist in vollständiger
Ausbildung da bereits vorhanden (Abb. 61).
Solche steinerne, durchbrochene Fensterplatten als Fensterausfüllungen
beschränkten sich dabei keineswegs auf kirchliche Gebäude. Auch an
reichen Profangebäuden sind solche nachgewiesen. So fand sich eine
sehr hübsche nahe bei S. M. de Naranco (bei Oviedo), sicher ein
Rest des von König Ramiro I. dort erbauten Wohnpalastes, den dieser
nach 842 in Verbindung mit einem Bade dort neben der Königshalle
errichtete. Diese Platte ist im Muster recht dicht, doch lassen sich
als charakteristische Form kleine Hufeisenfenster und Kreuze darin
nicht verkennen. Andere Platten zeigen geradezu offene Fensterarkaden,
sicherlich zum Ausblick geeignet oder bestimmt. So solche in Merida
in Spanien -- auch in Brescia eine ganz ähnliche. Die Breitenform
dieser Platten schließt scheinbar ihre Anbringung in Kirchenfenstern
aus; wir haben also auch in ihnen wohl profane Fensterplatten zu
sehen, wie eine solche sich -- noch jünger und interessant durch ihren
Kerbschnittschmuck -- am grauen Hause zu Winkel (Rheingau) vorfindet,
sicher dem ältesten steinernen Privathause der Germanen, das uns
erhalten ist.
Außerdem aber, auch wohl für diejenigen Fenster, die nicht in der
dargestellten Art ausgefüllt, sowie gewiß für solche, die mit Glas
geschlossen waren, sind frühzeitig äußere Fensterläden aus Holz oder
Stein gebräuchlich gewesen; jedenfalls zum Schutze gegen Regen, starke
Sonne und äußere Beschädigung. Wenigstens sind vorspringende Steine
mit vertikalen Löchern für die Zapfen der Läden nachzuweisen, so an S.
Giorgio in Valpolicella (Italien), bei S. Tirso in Oviedo (Spanien), in
beiden Fällen an der Ostapsis, aber auch sonst öfters; in Torcello sind
steinerne Läden noch vorhanden.
Es darf hier übrigens nicht vergessen werden, daß bereits sehr früh
nicht nur Glasfenster vorkamen, sondern selbst farbige erwähnt werden;
so von Venantius Fortunatus (560) bei der Anführung einer Kirche zu
Lyon, wo der Ausdruck „versicoloribus figuris“ von ihren Glasfenstern
gebraucht wird. Ähnliches wird damals von der Kathedrale in Paris
gerühmt. Es ist natürlich hier wohl nur an ornamentale Figuren zu
denken.
Wenn wir nun nochmals zu den +Portalen+ zurückkehren, so geschieht
dies, um die Anwendung gleicher Grundsätze und Übung, wie wir sie
soeben bei den Fenstern in Kraft treten sahen, auch bei ihnen zu
finden. Ich bemerkte schon, daß, besonders in rein germanisch
gebliebenen Gegenden, so bei den Angelsachsen, die Verbreiterung der
Öffnungen nach unten nichts ungewöhnliches ist.
[Sidenote: Portale mit Bögen]
Des +Tympanons+ und seiner Entstehung aus der Erhöhung des
Entlastungsbogens ist früher bereits gedacht, nicht aber des Schmuckes
dieses Bogens selber, der im 8./9. Jahrhundert von Bedeutung wird. Die
+Archivolte+ beginnt überhaupt als Zierteil interessant und wichtig
zu werden; besonders in der Außenarchitektur. Da sind geometrische
Verzierungen, Kerbschnittmuster, Bogenfriese, Ringelungen, Blattfriese,
Flechtfriese u. dgl. in Plastik nichts seltenes. -- Auch eine neue
Eroberung, die freilich in der spätrömischen Baukunst hier und da
bereits schwach angedeutet erscheint.
In Cividale in S. M. della Valle treffen wir im Inneren der Kirche
ein Portal bereits aus der Mitte des 8. Jahrhunderts, das uns ein
Muster üppigster Verzierung der Archivolte in Stuck bietet, den oberen
Fenstereinfassungen völlig entsprechend. Die ganze Art der Auffassung
gibt uns freilich einen Anklang an syrische oder byzantinische[22]
Bogenverzierungen (Jerusalem, goldne Pforte), doch ist das eigentliche
Wesen des ganzen Portals in Cividale völlig verschieden von dem
jener östlichen Bogenwerke, nicht minder die Verzierung durch das
wunderschöne Gewinde der Weinranke und das rein langobardische
Flechtwerk. Es kann diese Gestaltung vielleicht als das älteste
bekannte Beispiel einer richtigen Portalausbildung durch Einfassung
mit Säulen und Archivolte um ein vertieft liegendes, halbkreisförmiges
(hier ausgemaltes) Tympanon über einer Türöffnung mit wagerechtem
Sturze bezeichnet werden (Abb. 104). Was das romanische und gotische
Mittelalter aus diesen Grundzügen gemacht hat, ist bekannt.
An fränkisch-merowingischen Bauwerken finden sich außerdem in
Backsteinmosaik hergestellte bunte Bögen häufig; so am Portale der
Kirche zu Distré, dessen Bogendekoration sich oberhalb des großen
Westfensters der Kirche Basseoeuvre in Beauvais fast genau wiederholt.
Einzelne wollen alle solche farbig verzierten Bögen in spätere Zeit,
bis ins 10. Jahrhundert herabschieben. Dürfte dies schon im allgemeinen
nicht zutreffen, vielmehr das 8. hier richtig sein, so sind, selbst
wenn wir einige der uns erhaltenen Archivolten dieser Art wirklich
als etwas jünger zu betrachten haben sollten, dies ganz ohne Zweifel
dann Spätlinge und letzte Repräsentanten einer im 7.-9. Jahrhundert
bei fränkischen Bauten allgemein verbreiteten Zierweise; ganz ebenso
wie die mit Backstein durchschossenen Fenster- und Türbögen, die in
Frankreich überall schon viel früher, bei uns bis in die karolingische
Zeit vorkommen (vgl. Abb. 60).
[Sidenote: Flächenbehandlung]
Diese auf farbige Wirkungen berechnete Einfügung von Ziegellagen und
in Muster geschnittenen Plättchen um Fenster und Türen korrespondiert
genau mit der besonders in Frankreich so weit verbreiteten, überall
als merowingisch bekannten bunten Musterung der äußeren Flächen der
Bauwerke in verschiedenem Material und mannigfacher Lagerung. Ein
Nachleben der rein technischen, nie dekorativ gedachten Gepflogenheit
der Römer, ihre Mauern mit Flachschichten von Ziegeln zu durchziehen,
ihr Bruchstein- oder Stampfmauerwerk mit verschiedenartigem Verbande
des Mauerwerkes zu bekleiden, die von den germanischen Erben zu Zwecken
architektonischer und farbiger Gliederung ausgebaut wurde. Auch die
Langobarden haben davon ähnlichen Gebrauch gemacht.
[Sidenote: Mauertechnik der Römer]
Es kann als feststehend angesehen werden, daß niemals eine
mannigfaltigere Struktur der Mauermassen üblich gewesen ist, als
zu Zeiten der Römer, aber auch keine gediegenere, gegenüber dieser
Mannigfaltigkeit.
Wenn auch bereits die Ägypter und später dann in noch höherem Maße die
Griechen die Gediegenheit des Quaderbaus auf eine nie übertroffene Höhe
gebracht haben, was die Sorgfalt der Behandlung, die Genauigkeit der
Durchführung und des Steinschnittes anbelangt, so beschränkten sich
die Römer nicht hierauf, indem sie in besonderen Fällen einen fast
ebenso haarscharfen Fugenschnitt, eine annähernd gleiche Präzision der
Steinmetzarbeiten zu erreichen wußten und ihre Steinbauwerke trotz
der ungeheuren Größe des Reiches überall auf einer erstaunlichen Höhe
technisch vorzüglicher Durchführung zu halten verstanden, sondern sie
verbanden damit auch bei andersartiger Herstellung von Mauern eine
Vielartigkeit der Technik, die in Erstaunen setzt.
Insbesondere kommen hierbei Backstein-, Bruchsteinbau, Stampf- und
Gußmauerwerk in Verbindung mit Verblendung der Mauern in Betracht.
Fern von dem modernen Streben, die Mauermasse so dünn als möglich zu
machen, bildeten sie diese meist von gewaltiger Stärke, besonders
seitdem das Konkretmauerwerk allgemein üblich geworden.
Seit dieser Zeit wurden die Ecken, Einfassungen und tragenden Teile
meist verzahnt aus Ziegeln aufgeführt, manchmal aus Quadern, sodann
der innere Mauerkörper dazwischen in mörtelreichem Bruchsteinmauerwerk
oder ganz in Guß oder Stampfmörtel ausgefüllt, seine übrigbleibenden
Außenflächen aber mit meist kleinen, oft quadratischen, sehr regelmäßig
behauenen Hausteinen verkleidet, die in Format und Erscheinung etwa
an unsere Pflastersteine erinnernd nach hinten spitzer zulaufen.
Diese Verkleidung wurde entweder im Verband horizontal oder auch
schräg schachbrettförmig geschichtet. In letzterem Falle mußte die
Vorderfläche der einzelnen Steine natürlich genau quadratisch sein. --
Das „opus reticulatum“, wie man dies Mauerwerk nannte, war sehr üblich,
besonders als Untergrund für verputzte Wände. An die Stelle dieser
Behandlungsweise tritt auch wohl das „opus spicatum“, fischgrätenartig
gemauerte Steine.
Bei diesen verschiedenen Mauerverbänden liebte man es, in gleichen
Abständen zur horizontalen Abgleichung dünne Schichten großer
hartgebrannter Ziegel durchzuführen, die gewissermaßen zugleich als
Längsanker dienten. Solche verschiedenartige Behandlungsweise der
Mauern wirkt natürlich auf ihrer Fläche höchst farbig und malerisch
und verleiht noch heute den römischen Ruinen ihre ganz eigenartige
Physiognomie.
Natürlich kam dies mit dem Verfallen der römischen Bauwerke viel
stärker zur Wirkung, während es zu den Zeiten ihres Glanzes kaum in die
Erscheinung getreten sein mag. Denn jene Bauwerke waren der Regel nach,
je kostbarer sie waren, um so gewisser mit anderem Material verkleidet,
insbesondere mit Marmorplatten und dergleichen, oder auch mit dem
ausgezeichneten Putz der Römer, der in mehreren Lagen aufgetragen und
bemalt wurde.
Mit dem Verschwinden der kostbaren Verkleidung und dem Abfallen
des Putzes aber trat die merkwürdige Struktur dieser Mauern
höchst malerisch wieder zutage, und so benutzten insbesondere die
merowingischen Franken wie die Langobarden diese Vorbilder, um in
ähnlicher Weise ihre Steinbauwerke in der Fläche gleich bunt zu
gestalten.
[Sidenote: Übertragung auf germanische Bauten]
Die roten Ziegelschichten in der Horizontale wie in den Bögen
aller Art, die verschiedensten Behandlungsweisen der Quadermauern
sind insbesondere in Frankreich im 7. bis 10. Jahrhundert ungemein
verbreitet. Die Bekleidung der Mauern mit ganz kleinen Quadern mit
starken Fugen, „petit appareil“ genannt, charakterisiert die Bauwerke
jener Zeit geradezu, besonders wenn ihre Fläche nun mit Ziegelschichten
in verschiedener Entfernung, mit Bahnen von Fischgrätenmauerwerk, mit
allerlei Figuren, von Netzmauerwerk und dergleichen mehr durchzogen
sind. Die Hinzufügung von bunten Ziegelplättchen, die in verschiedenen
Mustern eingelegt wurden, von mehrfarbigen Steinen, selbst von Marmor,
steigerte diese Wirkung oft zu einer gewissen Pracht.
Auch der einzige bekannte Merowingerbau auf deutscher Erde, die Halle
zu Lorsch, zeigt an der Vorderfront seine Flächen mit einem übereck
gestellten Drei- und Sechseckmuster in roten und weißen Sandsteinen
überzogen, und in den Ruinen des dazu gehörigen einstigen Klosters
fanden sich noch viele Reste von farbigen vielgestaltigen Mosaikmustern
in Stein.
Der „Römerturm“ in Köln, ein runder Eckbau der alten Stadtmauer, ist
in seiner ganzen gebogenen Fläche überzogen mit den mannigfachsten
Friesen, Mustern und Figuren in verschiedenfarbigen Steinen, offenbar
das Werk von Franken erst des 6./7. Jahrhunderts, nicht etwa wirklich
der Römer. Es ist der gleiche Flächenschmuck, wie an den noch späteren
Kirchen in Frankreich, von Cravant, St. Genéroux und vielen anderen,
und zeigt die Freude an farbiger Erscheinung der Oberfläche der
Mauern, die ja hier im Lande wie in Italien bis ins 11. Jahrhundert
wirksam blieb. Man denke nur an die prächtige, noch ganz merowingisch
anklingende farbige Behandlung der Ostseite von Notre Dame in
Clermont-Ferrand oder an die freilich noch ältere, doch auch schon ins
Romanische übergehende Portalpartie von S. Michel de l’Aiguille zu Le
Puy.
An die früher beschriebene Rippung oder Riefung der Quaderflächen bei
den Franken sei hier nochmals erinnert.
[Illustration]
[Sidenote: Geringe Zahl der erhaltenen Bauwerke]
Was nun die Gebäude selber anlangt, die von jener Zeit noch berichten,
so sind sie, wie schon bemerkt und selbstverständlich ist, sehr selten
geworden; natürlich fast ausschließlich Kirchen und Kapellen. Von
Palästen und Königshallen ist hie und da, ganz vereinzelt, noch ein
Rest vorhanden, auch wohl ein Grabmal, von Wohnhäusern aber fast nichts
mehr. Den Kirchen ist hie und da die Pietät zustatten gekommen, die ja
alle solche Gebäude verhältnismäßig am wenigsten anzutasten gestattete.
Doch auch wieder hat jene Pietät oft am allermeisten vernichtet, da
sie mit Vorliebe an die Stelle gerade der ältesten und wertvollsten
Heiligtümer nachher, sei es in früherer oder späterer Zeit, größere
und reichere Bauwerke zu setzen strebte. So hat man noch im Beginn
des 18. Jahrhunderts zur Feier des 1000jährigen Jubiläums die Kirche
Winfrits zu Fulda abgebrochen und durch einen neuen prachtvollen Dombau
im Barockstil ersetzt, wie auch der Kölner Dom, die Notre-Dame-Kirche
zu Paris, ja wohl alle großen Kathedralen der alten Germanenstädte
an die Stätte ältester Heiligtümer getreten sind. Man muß es tief
beklagen, daß die Frömmigkeit, anstatt den neuen Dom neben dem alten
zu errichten, überall darnach strebte, ihn gerade genau auf die alte
geheiligte Stelle zu setzen, die seither das durch seine Vergangenheit
so unendlich wertvolle und ehrwürdige Bauwerk einnahm.
Daher ist uns kein einziges wirklich bedeutendes kirchliches Bauwerk
der Germanen aus der Zeit vor Karl dem Großen geblieben[23]; ja beinahe
keines, welches älter ist als das 11. Jahrhundert. Nur der Zufall
hat hie und da geholfen, wie in Beauvais, wo die neue Kathedrale so
ungeheuer und riesenhaft begonnen wurde, daß man am Chorbau anfangend
bis zum 16. Jahrhundert nur bis zum Querschiff gelangt ist, und das
Langschiff des alten Doms wenigstens, das nach Westen zu so lange noch
bleiben sollte, bis sein Platz beansprucht wurde, heute noch steht.
Es ist freilich ein kleines Gebäude, arm und unansehnlich, besonders
neben jenem riesigsten Bauwerk, das die Gotik je sich zu bauen
unterfing, und deshalb basse oeuvre genannt, doch für uns immer noch
von hervorragendem Werte.
Die Arabersturmflut hat leider in Spanien das meiste zerstört, was
sie vorfand, wo gerade in jenem seither still gewordenen Lande die
Bedingungen für eine Erhaltung solcher Werke eher gegeben gewesen
wären. Immerhin ist dort einiges in ganz vergessenen Ecken des Landes
noch in verhältnismäßig recht gutem Zustande übrig.
[Sidenote: Bescheidenheit der erhaltenen Bauten]
Was die wenigen erhaltenen Bauwerke nun selber anlangt, so ist es
beinahe selbstverständlich, daß wir in ihnen nicht große Leistungen,
Typen und Marksteine der Baukunst zu finden hoffen dürfen. Vielmehr
ist es gerade durch ihre Stellung als die erster Lebens- und
Kunstäußerungen bisher hier untätig gebliebener junger Stämme auf dem
Gebiete des Steinbaus gegeben, daß wir in solchen Werken nur tastende
Versuche auf unbekanntem Boden für seither nicht gekannte Bedürfnisse,
für ein neues Dasein in neugegründetem Reiche zu sehen haben. Dazu
sind die bedeutsamsten wichtigsten und reich ausgestatteten Werke alle
längst verschwunden; es blieben uns eben keine Kathedralen, sondern
fast nur Dorfkirchen. Daher müssen wir uns dahin bescheiden, daß wir
an dieser Stelle nicht ganze Systeme von Grundrissen und Aufbauten
wie wichtigeren Anordnungen näher entwickeln, wo es sich ja doch kaum
um mehr handeln kann, als um Keime einer künftigen Kunst, die aus
diesen Versuchen und aus der Übertragung der mitgebrachten Kenntnisse
in Holzbau und Kleinkünsten auf die neuen Materialien, Aufgaben und
Gestaltungen erst im Laufe weiterer Jahrhunderte zu großen Leistungen
gelangte.
Auch an Größe sind sie meist sehr bescheiden. Es liegt nahe genug, daß
die neuen Herren in ihren Bedürfnissen noch sehr anspruchslos waren und
auch technisch nicht Größenverhältnisse erstreben durften, wie sie den
Römern alltäglich waren.
So sind die ältesten germanischen Kirchen fast stets eher Kapellen, ja
oft winzig; es scheint, als ob die Hauptmasse der Andächtigen sich vor
den Türen versammelt hätte; es gibt selbst Kirchlein, die ringsum offen
waren (S. Peterskapelle in Helmstedt).
Immerhin werden wir bei der Besprechung der noch vorhandenen Bauwerke
und ihrer Ausstattung wie der einzelnen Kleinwerke, die wir in noch
verhältnismäßig größerer Zahl und in vielen Resten vor uns sehen,
doch Gelegenheit genug haben zu bemerken, daß überall ein origineller
Geist und eine eigene Art des Geschmackes tätig war, daß wieder andere
und anders begründete Ansprüche und Bedingungen auf ihre Gestaltung
einwirkten und diese beeinflußten, und zwar in einem neuen Sinne und
im Geiste einer weiteren Entwicklung oder einer Auffrischung des
bereits vergangenen und versunkenen Lebens des südlichen Europas.
Ist ja doch die Völkerwanderung zu dem Ausgangspunkte einer völligen
Erneuerung der südeuropäischen Völker geworden, und hat sich erst aus
dieser neuen Völkermischung jener wunderbare Aufschwung, jene geistige
Höhe ergeben, die von Italien, Frankreich, Spanien aus ein weiteres
Jahrtausend lang Europa mit den herrlichsten neuen Taten und Geschenken
beglückte, an denen ja auch Deutschland in seiner Weise teilnahm.
Nur die Balkanhalbinsel und Byzanz haben an dieser Erneuerung nicht
teilgehabt und sind seitdem aus dem Kreise der geistig tätigen Länder
Europas ganz ausgeschieden, nachdem Byzanz nur mühsam noch eine Reihe
von Jahrhunderten ein greisenhaftes Dasein aufrechterhalten hatte.
[Sidenote: Bauliche Einzelheiten]
[Sidenote: Dach]
In bezug auf die architektonische Durchbildung des Baukörpers der
kirchlichen und profanen Bauwerke jener Zeit bleibt uns noch einiges
nachzuholen. Zunächst der Hinweis darauf, daß den hauptsächlichsten
Schutz des nordisch-germanischen wie des antiken Gebäudes gegen die
Unbill der Witterung das Dach verleihen mußte; daß aber das nordische
Dach naturgemäß hier viel mehr zu leisten hatte als das im Süden,
daher von jeher steiler getürmt wurde. Seit der Zeit des Eintritts
der Germanen in die Baukunst ist dann das steilere Dach bewußte und
beabsichtigte neue Eigentümlichkeit, insbesondere dann auch des
späteren nordischen Kirchenbaus geworden.
[Illustration: Abb. 62. Keltische und deutsche Hausurne.]
Ein Blick auf die ältesten Hausurnen bereits belehrt uns, daß das hohe
Dach von Urzeiten her bei den Germanen heimisch war; die berühmte
Urne von Aschersleben mit ihrer steil emporsteigenden Schilfdeckung,
gegenübergestellt einer keltischen (Abb. 62), zeigt uns sozusagen
schon in der Dachneigung die Rasse. Das blieb so; ein wichtiges
Betätigungsfeld für den Zimmermann. Offener Dachstuhl über dem ältesten
Hause wie über der Halle und den kirchlichen Räumen forderte sein
ganzes Können heraus; davon ist ja nichts erhalten, aber die spärlichen
Reste der früheren Holzdeckung in der Moschee in Cordoba, die offenen
Dachstühle altchristlicher Kirchen bis zu dem farbigen, gewiß auf
frühere zurückweisenden von S. Miniato zu Florenz läßt uns allerlei mit
Sicherheit voraussetzen, was da einst üblich und vorhanden gewesen sein
muß.
Von S. Eutrope zu Tours wird der reichgeschnitzte Dachstuhl gerühmt;
andere Kirchen, wie die Kathedrale von S. Martin zu Tours, besaßen noch
Holzdecken, gemalte oder gar vergoldete, darunter.
Nicht weniger im Profanbau; die großen Königshallen wie die Wohnhäuser
hatten von jeher offene Dächer, durch deren Mittelöffnung der Rauch des
Herdfeuers abzog. -- Manches alte nordische Haus gibt uns noch heute
solchen Eindruck; nicht minder wohl der innere hölzerne Ausbau der
nordischen Hügelgräber, wie etwa der von König Gorms Grab bei Jellinge,
von dem sich noch geschnitzte und gemalte Holzplanken erhielten.
Die äußere Deckung des Daches geschah mit Stroh, Schilf, Rasen,
Schindeln oder Ziegeln, letzteres in den südlicheren und vorher römisch
kultivierten Gegenden, natürlich in Anlehnung an das dort Übliche. St.
Vincent zu Paris[24] besaß sogar vergoldetes Kupferdach.
[Sidenote: Türverschlüsse]
War oben die Rede von Fenstern und Türen, so fand sich dort nicht
Gelegenheit, auch von dem Verschlusse der letzteren zu reden.
Vorgeschichtliche Hausurnen (Abb. 62) schon zeigen uns das Holztor,
mit mächtigem Riegel oder Holzschloß versehen; solcher Schutz der
Türe war im Norden von jeher unentbehrlich. Miniaturen und alte
Manuskripte lehren uns denn, daß die an unseren romanischen Kirchen
üblichen Holzplankentore mit schweren Eisenbändern schon früher in
Merowingerzeiten, wenigstens im 9. und 10. Jahrhundert vorkamen, was
dafür spricht, daß, wenn wir an jenen öfters uraltertümliche Formen
finden, wir späte Nachwirkung viel älterer Tradition vor uns haben.
Geschnitzte Türen aus isländischen und norwegischen Kirchen, die ins
11. Jahrhundert zurückreichen, deuten ebenfalls auf uralte Vorbilder im
Norden.
Drei sehr ehrwürdige geschnitzte Holztüren von großem Reichtume sind
uns sogar noch erhalten; zuerst die feine gewiß langobardische des
San Bertoldo in Parma. Davon sind erhebliche Reste im dortigen Museum
vorhanden, die uns die so charakteristisch germanische Flachschnitzerei
und Kerbung auf Rahmen und Füllungen, alles überziehend, in einem
wahren Prachtwerke vorführen (Abb. 63).
[Illustration: