Abb. 39. Langobardisches Ornament aus Sirmione.]

[Illustration: Abb. 55. S. Miguel de Lino. Säulenfuß.

(Phot. J. Laurent y Cie., Madrid.)]

[Sidenote: Parallellinien als Ornament]

Zu allediesem aber noch eine besondere Bemerkung von größter

Wichtigkeit. Die neue Ornamentik bringt zu den bisher genannten

Grundformen und Gedanken noch einen bis dahin ganz unbekannten: den der

Linienparallelität. Hat schon in dem dreisträhnigen Flechtwerke der

Langobarden und Franken dieser neue Grundsatz einen starken Ausdruck

gefunden, insofern als jede Ornamentlinie in drei nebeneinander

laufenden Linien sich ausspricht, so herrscht die Parallelität auch

sonst oft sehr stark. Jede beliebige Linie kann durch mehrere mit ihr

gleichlaufende betont und verstärkt werden, wo es paßt; Deckplatten

der Kapitelle, Blätter, Flächen jeder Form, kurz alles, was es irgend

zuläßt, wird einfach durch parallele Rinnen gerippt und so gegliedert

(vgl. Abb. 46, 47, 120). Die doppelte und dreifache Wellenlinie wird

jetzt zum reinen Ornament. Die Konturierung, einfach oder doppelt, ja

dreifach, wirkt in gleicher Weise, wie ja die Verdoppelung des Umrisses

schon im ältesten nordischen, besonders dem Flecht- und Tierornament,

eine gewichtige Rolle spielte.

Diese Eigentümlichkeit macht sich übrigens auch auf Gebieten geltend,

wo man es weniger erwarten würde. So in ganz merkwürdiger Weise bei der

Einzelbehandlung des Blattwerkes, wofür ja, wie bemerkt, fast nur die

Blätter des Weinstockes, sodann die Blätter an den Kapitellen in Frage

kommen. Diese werden in eigentümlicher Art gerippt, geschlitzt und

modelliert, die sich bald der Erinnerung einprägt und bei Langobarden,

Franken und Westgoten gleichmäßig sich wiederfindet (Abb. 75). Aber

auch schon bei den Ostgoten tritt sie auf, selbst schon im Goldschmuck

dieses Volkes aus der Völkerwanderungszeit. Nach dem 8. Jahrhundert

scheint diese Behandlungsweise zu verschwinden.

[Illustration: Abb. 40. Fränkische Quaderbehandlung.]

Diese Freude an paralleler Musterung und Rippung der Flächen geht so

weit, daß selbst Quader- und anderes Steinwerk damit überzogen wird. Am

meisten bei den Franken, bei denen besonders Steinsärge innen und außen

in dieser Manier die bemerkenswertesten Musterungen zeigen (Abb. 40).

[Sidenote: Andere Formen]

Fügen wir dazu noch die allerlei geometrischen Figuren, so die Drei-

und Vierecke, die die Masse des neuen Formenschatzes mehren, so

erweitert sich das Gebiet um ein ganz beträchtliches. Mäanderartige

Flächenverzierungen entwickeln sich daraus, manche gewiß aus antiken

Anregungen, andere ebenso sicher ohne diese Hülfe nur aus der einfachen

Kombination geknickter geometrischer Linien. Gewisse unendlich

verbreitete Randzieraten (Abb. 8) sind vielleicht aus dem auch in der

Antike bekannten Zopf- oder Flechtband entstanden, aber in ihrer

Umgestaltung ganz neuartig und echt nordisch geworden und nicht wieder

zu erkennen.

Zuletzt sei auch der Bogen- und Arkadenfries angeführt, der erstere

in einfacher und in doppelt sich überschneidender Form (Abb. 53), wie

ihn die Germanen von alters her liebten. Dessen Einführung in die

größere Ornamentik, zuletzt in die Architektur, ist denn wohl ihnen

zuzuschreiben.

Kreuze aller Art, Sterne, blumenartige Gestalten, Rosetten,

auch Palmblätter, anderseits krabbenartige Gebilde längs der

Kanten (Abb. 41; vgl. Abb. 68), entschieden die Vorläufer der

gotisch-mittelalterlichen so gebräuchlichen Randzierden an Wimpergen,

vervollständigen das Arsenal dieser Richtung.

[Illustration: Abb. 41. Ravenna. Ciboriumgiebel.]

[Sidenote: Figürliches]

Das Figürliche aber, besonders das Menschliche, ist, wie bemerkt,

ungemein selten. Es macht fast den Eindruck, als ob hier ein

künstlerisches Unvermögen bestimmend gewesen sei, oder wenigstens

eine große Unbehilflichkeit, die den Germanen gebot, von der

Darstellung des Lebendigen Abstand zu nehmen. Wo diese denn doch

versucht ist, fällt der Versuch im allgemeinen unbefriedigend aus,

ist das Ergebnis wirklich oft ein recht „barbarisches“, besonders

verglichen mit der herrlichen Skulptur der Antike, auch der spätesten

(vgl. Abb. 101, Tafel XXVII). Die Jahrtausende solcher Tradition,

auf der größten Kunstblüte aller Zeiten beruhend, waren eben den

Nordländern nicht gegeben, und so beschränkten sich in dieser Beziehung

die eingewanderten Künstler auf das äußerste. Erst eine aus der

Völkervermischung entstehende neue Bevölkerung hat sich langsam wieder

solche Wege bahnen können, und fast ein halbes Jahrtausend dauerte

es, bis sie neue bildhauerische Werke von künstlerischer Bedeutung zu

schaffen vermochte.

Immerhin aber ist auch jenen wenig geglückten Leistungen der Germanen

auf diesem Gebiete, der Langobarden, der Franken und anderer

germanischer Völker, geschickte Flächeneinteilung und Musterung, ganz

geschlossene teppichartige Wirkung und ernster Charakter im Rahmen des

Gegebenen nachzurühmen, wenn auch, wie in Cividale am Pemmoaltar, die

Verhältnisse z. B. der Arme und Hände zum Körper, die Gesichtsbildung

und anderes wahrhaft erschreckende Monstrosität zeigen. Es sind eben

die allerersten tastenden Versuche, die überall einen wirklich ganz

kindheitlichen Charakter tragen, der sich beispielsweise darin äußert,

daß auf dem Evangelistenrelief des Baptisteriums in Cividale der

Lukasochse im Profil doch auf der Stirn mit zwei Augen nebeneinander

dargestellt ist.

Auch diese Keime sind von Wert und Bedeutung für uns; dabei ist, wie

bemerkt, die Eigenart der Wirkung solcher Arbeiten eine fesselnde

und merkwürdig sichere, was immer wieder darauf hinweist, daß die

technische Seite ihrer Behandlung auf einer lange geübten und erprobten

handwerklichen Übung beruht.

Die Holzbaukunst.

Wenn nun hier auf dem Gebiete der Kleinkunst und der Dekoration

überall die Grundlage hindurchschimmert, welche durch eine bereits zu

bedeutender Entwicklung und Blüte gelangte Holzkunst gegeben war, wenn

Handwerksübung und Gewohnheit die Sonderart auf alle anderen Gebiete zu

übertragen strebten, so ist ganz naturgemäß die altgermanische Baukunst

selber, von der in der Hauptsache dies Buch handeln soll, zuerst eine

reine Holzbaukunst gewesen und auch in gewissem Sinne lange geblieben.

Wenigstens ist es sicher, daß, soweit selbst das ausgeprägteste

germanische Steinbauwerk der fortgeschritteneren Zeit irgendeine

besondere Eigentümlichkeit seiner Kunstformen aufweist (wie das nie

fehlt), solche stets und immer nur zu erklären ist durch Zurückgreifen

auf die vorhergegangene Holzbauweise und die Beziehung zu ihr, wenn

auch manchmal, wie bei den Gewölben, nur im negativen Sinne.

Leider ist uns von den Originalwerken in Holz aus jener Zeit so gut

als alles, selbst jedes Bruchstück, verloren gegangen, wie das in der

vergänglichen Natur des Materials liegt, dessen Dauer in baulicher

Verwendung im Norden höchstens achthundert Jahre zu erreichen scheint.

Und doch haben wir Zeugnisse genug dafür, daß jene verschwundene

Kunstweise eine gründlich durchgebildete und bedeutsame war, vielleicht

noch mehr, als wir es heute ahnen, wohl am meisten, wie es scheint,

gleich nach dem Emporsteigen der germanischen Völker auf dem Gebiete

der Kleinkunst.

[Sidenote: Älteste Zeit]

Die Holzbaukunst der ältesten Zeiten bis nach Tacitus ist ja sicher

in der Hauptsache eine reine Nutzbaukunst gewesen und geblieben,

wie das mit Gewißheit auch aus der sehr primitiven und bescheidenen

Lebensweise unserer Vorfahren hervorgeht. Die Spuren der älteren

Wohnungen, die sich hie und da vorfinden, bestätigen dies; nicht minder

die Darstellungen germanischer Siedelungen auf den Siegesdenkmälern der

Römer, wie der Trajan- oder Mark-Aurel-Säule.

[Sidenote: Blockhaus]

Von Wohnhäusern in Skandinavien bis zur Wikingerzeit haben sich

erhebliche Spuren erhalten; sie waren oft von merkwürdig bedeutenden

Abmessungen, bis 40 m lang, unten mit dicken Steinwällen eingefaßt;

darüber das Dach ohne innere Decke; der Fußboden war die platte Erde,

inmitten befand sich die Feuerstelle, der Herd, dessen Rauch durch

eine Öffnung im Dach abzog. Später bestanden auch die Wände aus Holz,

entweder aus dicht liegenden oder aufrechtgestellten Stämmen oder

weiter gestellten und verbundenen mit Zwischenfeldern (Fachwerk), die

mit Flechtwerk und Lehm gedichtet wurden. Meist trugen innere Pfosten,

manchmal gar in zwei Reihen angeordnet, das Dach, bisweilen befand sich

vor der Türe ein schützender Vorbau; das Dach war mit Schilf, Stroh,

Torf oder Ähnlichem gedeckt; Fenster kommen erst spät auf. Viele dieser

Bauwerke scheinen nicht eckig, sondern an den Winkeln abgerundet,

oft fast von eiförmigem Grundrisse gewesen zu sein; auch die Häuser

der Germanen, die die Mark-Aurel-Säule zeigt, sind meist rund, aus

dicht nebeneinanderstehenden Stämmen errichtet, die durch Flechtwerk

verbunden sind. Diese Technik, die eine Art des Blockhausbaus

darstellt, hat sich lange erhalten, und die älteste Holzkirche in

England, die noch steht, zeigt solche Wandbildung.

Das heute noch, besonders im Norden, gebräuchliche Bauen aus liegenden

Balken mag eine etwas jüngere Entwicklung darstellen. Jedenfalls haben

wir aber in diesen drei Gestalten: dem Fachwerkbau, dem stehenden

und dem liegenden Blockbau die drei ältesten Arten des germanischen

Holzbaues vor uns.

[Sidenote: Fachwerk]

Was das eigentliche Fachwerk anlangt, so muß dieses im engeren

Deutschland am meisten verbreitet gewesen sein, vor allem in der noch

jetzt gebrauchten Weise, daß das Gerüste des Baus richtig verzimmert

mit offenen Fächern zuerst fertig aufgestellt wurde, dann die Fächer

geschlossen wurden, und zwar meist mit starkem Flechtwerk, das dann von

beiden Seiten mit Stroh- oder Haar-Lehm dicht verputzt werden mußte.

Oder die Fächer wurden -- bei besseren Bauwerken -- mit gespundeten

Bohlen ausgefüllt, liegend oder stehend, sogar mit richtigem Täfelwerk.

Erst diese Art gab die Grundlage zu einer künstlerisch wertvolleren

Ausbildung; Balken, Ständer, Schwellen, wie das das Gefach ausfüllende

Bohlen- und Täfelwerk konnten geschnitzt und gekerbt, besonders sich

eignende Teile auch, wie große und kleine Stützen, auf der Drehbank zu

Säulen gedreht werden; zuletzt wurde vieles oder alles bemalt.

In dieser letztbeschriebenen Art sind noch heute die wenigen

Stabkirchen Norwegens, die sich aus dem früheren Mittelalter gerettet

haben, hergestellt und geschmückt und geben uns daher wenigstens

in etwas eine Vorstellung von jener älteren Baukunst, wenn auch

der Formalismus und das einzelne der Stabkirchen gegenüber der uns

bekannten originalen Formenwelt der Germanen bereits starke Umbildung

in mittelalterlichem Geiste aufweisen. Immerhin sind sie hinter

ihrer Zeit um einige Jahrhunderte zurückgeblieben und erscheinen uns

sozusagen fast als die letzten fossilen Überreste aus jener längst

vergangenen Epoche unserer Vergangenheit.

[Sidenote: Geschichtliche Nachrichten]

Doch schon allein die Verse des Venantius Fortunatus, Bischofs von

Poitiers, die er um 560 schrieb, als er unsere damals neu aufblühenden

Städte am Rheine, Mainz, Köln und andere, bewundernd besuchte, geben

uns in dieser Richtung vollgültiges Zeugnis:

Weg mit euch, mit den Wänden von Quadersteinen! Viel höher

Scheint mir, ein meisterlich Werk, hier der gezimmerte Bau.

Schützend verwahren vor Wetter und Wind uns getäfelte Stuben,

Nirgends klaffenden Spalt duldet des Zimmermanns Hand.

Sonst nur gewähren uns Schutz das Gestein und der Mörtel zusammen,

Hier aber bietet ihn uns freundlich der heimische Wald.

Luftig umziehen den Bau ins Gevierte die stattlichen Lauben,

Reich von des Meisters Hand, spielend und künstlich geschnitzt.

Ganz offenbar hat der dichtende Bischof Gebäude genug gesehen, die

in der oben beschriebenen Art erbaut waren; die Umgebung dieser

Holzgebäude mit Lauben -- wie er sagt, auf allen vier Seiten -- spricht

dafür, daß es freistehende Häuser waren, die ihm besonders auffielen;

Beispiele von späteren doch auch schon alten Lauben sowohl an der

Giebel- wie an der Langseite der Holzhäuser sind auch heute noch genug

vorhanden.

Außer dieser Art gelegentlicher Nachrichten haben wir aber noch ganz

bedeutsame und wichtige gleichzeitige Beschreibungen von Hauptwerken,

anderseits auch wirkliche Dokumente, die uns über den Umfang des

Holzbaus bei den Germanen während und nach der Völkerwanderung

wertvollen Aufschluß geben. Da sind vor allem die uralten Gesetzbücher

der Germanen, wie die lex Visigotorum, die lex Salica, die leges

Alamanorum, Baiuwariorum, die auf die Sitte des Holzbaus eingehende

Rücksicht nehmen. Von den Burgunden erzählt Socrates Scholasticus,

daß sie zur Zeit, da sie noch am Rheine saßen, alle Zimmerleute

gewesen seien, was natürlich nicht ganz wörtlich zu nehmen ist, aber

doch besagt, daß jeder verstand, sich seinen Holzbau zu errichten.

Aus allem geht außerdem hervor, daß die Germanen überall noch in

Gehöften wohnten, in denen sich die Wirtschaftsgebäude, Ställe,

Speicher, Scheunen, auch wohl Küche und Keller, selbst Bienenhäuser,

um das Hauptwohnhaus gruppierten, zu dem öfters noch eine getrennte

Frauenwohnung trat. Gärten schlossen sich an; alles war von einer

Umhegung, selbst von Mauern und Gräben eingefriedigt. -- Aber auch

städtische Wohnhäuser gab es, wo eben geschlossene Städte waren,

darunter mehrstöckige, mit Treppe, hölzernem Söller und verschiedenen

Räumen (Metz); bei den Franken nicht selten selbst solche mit Kapelle

und Baderaum; doch hier wohl das Erdgeschoß schon aus Stein, nur die

Obergeschosse aus Fachwerk errichtet.

Nicht nur einfache Wohn- und Wirtschaftsgebäude, sondern auch die

Paläste jener Zeit, die Königshallen und selbst die Kirchen wurden

in Holz errichtet. Als Einhard in Steinbach seine noch stehende

steinerne Basilika bauen will, spricht Ludwig der Fromme (815) in der

Schenkungsurkunde von Grund und Boden von der seither dort vorhanden

gewesenen „basilica lignea modica constructa in Michlinstad“. -- Es war

eine kleine Holzkirche dort gewesen, und es ist annehmbar, daß jede der

ältesten Steinkirchen im Norden an die Stelle einer vorhergegangenen

hölzernen getreten ist.

Auf der dem 9. Jahrhundert angehörigen Frankenburg, tief im Wald ob

Rinteln gelegen, deren Mauern ein bis zwei Meter hoch noch stehen,

fand man im Schutte der dem Palas gegenüberstehenden ziemlich kleinen

Burgkapelle zahlreiche Stücke gebrannten einstigen Lehmbewurfes ihrer

oberen Wände, in dem sich das Flechtwerk der Fächer deutlich abgeprägt

hatte. Demnach muß der eigentliche Aufbau der Kapelle aus Holzfachwerk

bestanden haben, dessen Gefache mit verputztem Geflecht ausgefüllt

waren. -- Das ganze kleine Schloß wurde offenbar nachher durch Brand

vernichtet.

Auch lignea moenia werden bei Jordanies erwähnt, nach neueren

Ausgrabungsergebnissen nicht etwa bloß bretterne Zäune, sondern starke

Befestigungen aus doppelten hölzernen Spundwänden mit Pfosten, deren

Zwischenraum mit Erde ausgestampft war.

Widukind barg seine Schätze in hölzernem Schatzhause vor den Franken;

zahllose historische Nachrichten bestätigen die Alleinherrschaft des

Holzbaus in der Zeit bis zur Einführung des Christentums wie ihre

nachher wenig geschmälerte Fortdauer bis tief ins Mittelalter. -- In

Frankreich zur Merowingerzeit werden die bedeutenden Holzkirchen zu

Thiers (bei Gregor von Tours), zu Tongres, die hölzerne Kathedrale

zu Reims gerühmt. Von der zu Tongres lautet der Ausdruck: de tabulis

ligneis levigatisque.

Auch an Stelle des Straßburger Münsters stand zuerst eine hölzerne

Bischofskirche.

[Sidenote: Holzpalast des Attila]

Eine der für uns wichtigsten Beschreibungen finden wir in der durch

Priscus gegebenen seiner Gesandtschaftsreise zu Attila und seines

Besuches bei diesem gewaltigen König in seiner Burg in Nieder-Ungarn.

Es ist zweifellos, daß diese nicht von Hunnen gebaut, sondern durch

Germanen, wohl Mösogoten, errichtet war und ein getreues Bild bot der

damals bestehenden germanischen Königsburgen.

Aus des Priscus Beschreibung geht hervor, daß die gesamten

Baulichkeiten aus Balken und bearbeiteten Brettern bestanden und durch

hölzerne, nicht nur zum Schutze, sondern auch zur Zierde errichtete

Zäune umfaßt waren; der die innere Königsburg einschließende besaß

Türme. Inmitten befand sich die eigentliche Königshalle, umgeben

von den Frauenwohnungen. Diese Bauwerke waren teilweise aus schön

bearbeiteten Balken, die an den Enden ineinandergefügt waren

(also in liegendem Blockbau), teils aus geschnitzten und zierlich

zusammenverbundenen (also im Charakter des hochnordischen sogenannten

Reiswerks) hergestellt.

Die Königshalle, inmitten gelegen, offenbar auf dem höchsten Punkte,

vor der sich der Thingplatz ausbreitete, war nach jener Beschreibung

eine mächtige, quergestellte Holzhalle, zum Speise- und Festraum

bestimmt, an deren Rückseite dem Eingang gegenüber sich der erhöhte

Sitz Attilas befand. Ringsum Sitzbänke oder Lager an den Wänden;

hinter dem Thron des Königs auf weiterer Erhöhung sein mit Teppichen

verhülltes Lager. -- Das Ganze entspricht genau der überall bei den

Germanen üblichen Anordnung der Königshallen, sowohl der in alten

Berichten erwähnten, wie der noch ganz oder teilweise erhaltenen zu

Naranco, Aachen, Goslar. -- Nur die hier gerühmte üppige Ausstattung

mit Teppichen muß der Hunnensitte angehören. Die Germanen schmückten

ihre Wände gerne mit aufgehängten Waffen und Trophäen aus Jagd und

Krieg.

[Sidenote: Nordische Königsburgen]

[Sidenote: Königshallen]

Ganz genau jener Anordnung entsprach nach erhaltenen Nachrichten auch

die der ältesten nordischen Königsburgen, ja zeitlich wohl einige

Jahrhunderte jünger, doch offenbar ganz die gegen Ende des ersten

Jahrtausends überall übliche widerspiegelnd. -- So ließ König Olaf der

Heilige 1016 einen neuen Königshof bei Drontheim erstehen an Stelle

des von Olaf Trygvasen vor 1000 errichteten ersten. Inmitten vieler

Gebäude die lange Königshalle (Hirdstofa), diesmal mit Eingängen an den

beiden Enden; mitten an der langen Wand war des Königs Thronsessel.

Dieser Platz war, da die lange Front der Halle wie immer nach Süden

zu schaute, an der Nordseite. Ringsum an den Wänden die Plätze der

Ehrengäste und Mannen des Königs.

Der folgende Königshof zu Saurlid (Drontheim) des Königs Magnus des

Guten (1070) bestand ebenfalls aus einer Gruppe von Holzbauten; ganz

allein die Halle errichtete der König aus Stein, was so unerhört war,

daß bei Fertigstellung dieser Halle Magnus’ Nachfolger sie dem heiligen

Gregor zur Kirche weihen ließ.

Da des Königs Sitz zwischen Säulen stand, so ist anzunehmen, daß Reihen

solcher längs beider Langseiten liefen, innen das Dach zu tragen; um

so gewisser, als solche Hallen oft große Abmessungen besaßen. Davon

erzählen altisländische Berichte; so von einer Gasthalle, die 105 Ellen

lang, 14 Ellen breit und hoch war; Gebäude von solcher Größe bedurften

natürlich innerer Stützen.

Die angelsächsische Halle Heorot, im uralten Heldensang von Beowulf

gefeiert, die Hirsch- oder Hornhalle (Hornsele), errichtete, wie

das Gedicht erzählt, König Hrodgar am Abhange seines Burgberges,

weit über Land und Meer schauend. Dem Eingang gegenüber des Königs

Hochsitz, ringsum Bänke, inmitten die Hochsäule (Kaiserstiel?), eine in

angelsächsischen Bauwerken verbreitete mittelste Holzstütze, die wohl

beweist, daß die hierbei notwendige Form des steilen Daches nach allen

Seiten abgewalmt gewesen sein muß und eine mittlere Spitze oder gar

turmartigen Aufbau (nach Art der nordischen Holzkirchen) besaß.

Daß der hier geschilderte oder zum Vorbild genommene Bau der reinste

Holzbau war, geht auch aus der Bezeichnung hervor, daß er von innen und

außen mit Eisenbändern kunstvoll umschmiedet war, also offenbar eiserne

Verbindungsteile seiner horizontalen Hauptschwellen besaß; sollte man

sich ihn nach Art der ältesten englischen Holzkirche (Greenstead) aus

aufrechtstehenden Balken in Blockbau gefügt zu denken haben, so war

diese Horizontalverbindung nicht minder unentbehrlich, wie die ältesten

Bilder (Mark-Aurel-Säule) solche durch Geflecht hergestellt andeuten.

[Sidenote: Baulicher Wortschatz des Vulfilas]

Zuletzt finden wir den vollgültigen Beweis dafür, daß auch die

südlichsten germanischen Stämme reine Holzbaukunst pflegten, in dem

Wortschatze des Vulfilas (318-87), bei dem das Volk in gezimmerten

Holzhäusern lebt, aus Balken und Brettern mit Giebeln hergestellt; daß

es sich um ausgebildete Bauweise von höheren Ansprüchen handelt, geht

aus dem Vorhandensein von Dorf und Stadt, von Garten und Hof, Haus,

Scheune, Vorratshaus und Schatzkammer, sogar Halle und Turm hervor. --

Zimmer und Kammer, Säulen, Tür, Fenster, Vorhänge, auch Bett, Lager mit

Kissen, Stuhl und Tisch, selbst Öfen sind wohlbekannt, -- nur nicht

das Mauern. Alles Werk wird vom Zimmermann mit der Axt aus Bauholz

gezimmert, selbst der biblische Eckstein.

[Illustration: Abb. 42. Von einem Eimer aus Hemmoor.]

[Illustration: Abb. 43. Salzburg. Kamin.]

Für seine Langobarden spricht König Rothari in seinem Edictus ebenfalls

von den Häusern als von Holzbauten in Fachwerk und mit Schindeln

gedeckt.

[Sidenote: Ältestes Bild eines Hauses]

[Sidenote: Älteste Reste von Zimmermannsarbeiten]

Vielleicht das älteste originale und wirkliche Bild einer deutschen

Behausung solcher Art finden wir auf dem silbergetriebenen Reifen eines

Eimers, den man zu Hemmoor im Hannoverschen fand. Ich habe versucht,

die Zeichnung dieses wie es scheint auf einer Warft von Feldsteinen

stehenden Blockhauses mit seiner Laube und seinem Schilfdache hier

etwas verständlicher zu machen (Abb. 42). Auf ähnliche Vorfahren mag

das westpreußische Haus zu Koslinka bei Tuchel hindeuten. Einige Reste

von Zimmermannsarbeiten sehr hohen Alters lassen sich in Spanien noch

nachweisen. So ist der Dachstuhl mehrerer asturischer Kirchen um 820

noch ursprünglich, der von Santullano in Oviedo, S. Adriano de Tuñon.

Da sind starke Dachbalken mit Rundbogenfriesen und Rosetten in Linien

geschmückt, Dachgesimse als gewundene Schwellen auf Balkenköpfen

liegend u. dgl. noch vorhanden; alles von absolut trefflicher Technik

und klarer Formbehandlung. Von uralten Zimmermannsgepflogenheiten

sprechen die eichenen Kaminüberdeckungen der karolingischen Salzburg

bei Kissingen, die spätestens dem 11. Jahrhundert entstammen, wohl das

älteste noch vorhandene deutsche Zimmerwerk. Die kluge und geschickte

Holzkonstruktion mit ihren Überblattungen (Abb. 43) beweist, daß man

auch damals immer noch in etwas schwierigen Fällen zum Balkenholz und

der vertrauten und bewährten Axt griff, um die Aufgabe sicher zu lösen.

Der gewaltige sandsteinerne Mantel der Feuerstätte ruht noch heute nach

vielleicht 900 Jahren sicher auf den eichenen Schwellen. Heute wunderts

einen wohl, Holz über dem Feuer zu finden, und man bedenkt nicht, daß

noch bis gestern in der niedersächsischen Heide jede Feuerstatt mit

einem Mantel aus gekreuzten Hölzern abgedeckt war, daß auch von jeher

das heilige Herdfeuer der Germanen mitten im Holzhause frei unterm

Dache brannte.

[Illustration: Abb. 44. Altertümliche Motive im deutschen Holzbau.]

[Sidenote: Alte Überlieferungen im mittelalterlichen Holzbau]

Und sehen wir unsern heimischen Holzbau näher an, wie er erst seit

dem dreißigjährigen Kriege langsam erstarb, so finden wir in ihm

eine Fülle uralter aber unsterblicher Motive, die bis dahin immer

und unaufhörlich das formale Rüstzeug des deutschen Zimmermanns

gebildet hatten (Abb. 44). Der gewundene Taustab, den wir als

Randverzierung oder Leiste seit den ältesten Zeiten des Germanentums

in seinem Ornamentenschatz angewandt finden, verschwindet erst im 17.

Jahrhundert; nicht minder die halben und ganzen Räder oder Fächerformen

des Holzbaus der deutschen Renaissance, denen wir bereits in der Zeit

der Völkerwanderung in Mengen begegnen. Balkenköpfe, wie sie uns

mit ebensolchen Rosetten geziert auf Schritt und Tritt in unseren

Harzstädten auffallen, treffen wir in Stein schon bei den Westgoten,

offenbar doch nur eine reine Nachbildung von hölzernen.

Flechtwerke aller Art, besonders zopfartige Friese, wie sie den

Langobarden so geläufig waren, haben sich -- immer nur im Holzbau --

bis ins 17. Jahrhundert an der Weser und am Harz gehalten, verbunden

mit jener eigentümlich charakteristischen Schmucktechnik, die wir von

alters her kennen, in vertieften Linien, Hohlkehlen, Stäbchen oder

einfach gekerbt. Ein Balken, wie der aus Rinteln, könnte uns in Stein

ganz gut tausend Jahre früher bei den Franken begegnet sein; fränkische

Steinkonsolen in Kerbschnitt, wie sie uns das Clunymuseum bietet, kann

man sich ebensoviel später vom deutschen Zimmermann zu jenem Balken

passend angefertigt denken.

Dazu zeigt sich uns eine Fülle der gewundenen Stabmotive in der

deutschen Zimmermannskunst als ein nie verschwindendes stets lebendiges

Erbteil der alten germanischen Holzkunst. Auf diesem so bescheidenen

Gebiet offenbart der Zimmermann immer aufs neue eine erstaunliche

Vielfältigkeit seiner Erfindungskraft und Gedanken. Merkwürdig ist es

dabei, daß gerade die ehrwürdigsten deutschen Städte, in denen noch

Holzbauten in nennenswerter Zahl erhalten sind, sich auf diesem Gebiete

als die reichsten erweisen; Gandersheim, Quedlinburg, Halberstadt

und andere uralte Sitze der Holzbaukunst sind dafür bezeichnende

Beispiele. -- Offenbar ist hier die Überlieferung der ältesten Formen

am mächtigsten geblieben.

[Illustration: Abb. 45. Steingesimse im Holzstil.]

[Sidenote: Profilierung und Einzelbildung im Holzstile]

Nicht minder entscheidend aber für unsere Erkenntnis der frühesten

deutschen Baukunst ist die Behandlung von Gesimsen und Profilen. Ihre

Gestaltung in der Antike ist bekannt genug. Man erinnere sich nur

daran, daß diese vorwiegend aus dünnen Platten bestehenden Gliederungen

weit vorspringen und meist gleichzeitig zum Wasserabtropfen bestimmt,

also unterhöhlt, in scharfen Linien die Fläche durchschneiden, tiefe

Schatten werfend, trennend und begrenzend.

Die älteste germanische Baukunst verzichtet dagegen im allgemeinen

durchaus auf solche Gesimse, kennt vielmehr fast nur eingegrabene

Linien, Kehlen, Stäbe u. dgl. zur Gliederung der Vorderflächen

liegender Steinbalken (Abb. 45). Ganz genau dasselbe finden wir in

unserem alten Holzbau (Abb. 44). Insbesondere die Horizontalbalken

werden durch längslaufende Kehlung geschmückt und gegliedert; wo sie in

der Fläche liegen, nur auf der Vorderseite; vorspringende manchmal auch

um die Kante.

Die hier angewandten Profile sind denn ausschließlich Hohlkehlen und

Stäbe nebeneinander mit scharfen oder schrägen Kanten dazwischen; der

Schlüssel zu der Sonderart der Profilierung, deren sich die alten

germanischen Bauleute, auch im Stein, überall bedienten.

Für die aufrechten Balken verzichtet der Zimmermann von jeher meist auf

Gliederung, sofern es sich nicht gerade um Ecken handelt. In diese aber

setzt er rechtwinkelig eingreifend gerne besondere Stäbe, gewundene

oder gekerbte, oder auch kleine Säulchen ein. Die sogenannte Falzsäule

(vgl. Abb. 44).

Ist es dann erstaunlich, wenn wir im Süden schon bei ganz frühen

germanischen Zierwerken in Stein an den Ecken die Falzsäule anstatt des

römischen Pilasters wiederfinden? -- So an westgotischen Sarkophagen

in Toulouse (Abb. 46). -- Und ist es dann merkwürdig, wenn uns von dem

Auftreten der Germanen an im Süden Europas auch sonst so häufig als

Brechung der Ecke die Falzsäule begegnet, die dann im romanischen Stile

geradezu herrschend auftritt? Überall findet man in der Folge dann

kleine Säulen in Winkel und Ecken gestellt, diese ausfüllend, als neues

Motiv in der Baukunst, wo bis dahin die große und kleine Säule nur

freistehend oder angelehnt angewandt wurde.

Welche Ausbreitung auch dies in der romanischen Zeit gewonnen hat, ist

bekannt. --

Gliederung und Schmuck, die dem aufrechtstehenden Balken ausnahmsweise

zuteil werden, hat unsere Holzbaukunst ebenfalls in seine Vorderfläche

hineingraben müssen und so ganz eigentümliche Gestaltungen

hervorgebracht, die in überraschendster Weise mit mancherlei

Steinarbeiten der Westgoten die allernächste Verwandtschaft zeigen

(Abb. 46). In Merida besonders finden sich hierzu die merkwürdigsten

Analogien.

Die Kopfbänder, das unentbehrliche Rüstzeug der alten und späteren

Zimmermannskunst, sind in vielfältigen Anklängen in der alten

Steinkunst vorhanden. Auch mancherlei verwandte Formen sind nicht

anders zu deuten; vor allem aber die beim Holzbau so nötigen

Sattelhölzer, querliegende kurze Balken über den Stützen (vgl. Abb.

126). Gerade von diesen geht die Neubildung bisher unbekannter

wichtiger Strukturteile aus.

Bleiben wir auf diesem Wege der Betrachtung, so werden uns die

besonderen Eigentümlichkeiten der alten Bauwerke der Langobarden,

Westgoten, Franken und anderer Stämme, durch die sie sich von den ihnen

vorhergehenden der Römer und der Byzantiner unterscheiden, rasch klar

und verständlich. -- Daß die Germanen überall, wo sie den Steinbau

aufnehmen mußten, sich zunächst nach dem Vorbilde der vorhandenen

Bauwerke richteten, war ja selbstverständlich genug. Ganz offenbar

gingen sie auch gewissermaßen zaghaft oder äußerst vorsichtig an

solche Aufgaben heran, vor allem, wenn es sich um Bögen und Wölbungen

handelte, deren technische Grundsätze ihnen neu sein mußten. So konnten

die selbständigen Einfügungen und Umwandlungen, die sie vorzunehmen

hatten, zunächst nur bescheidene und wenig bemerkbare sein, ehe sie

zu einer eingreifenden Umgestaltung des Gegebenen gelangten. Überall

aber darf getrost dieser Prozeß, der in der Baukunst doch zuletzt

so beträchtliche Folgerungen ergab, als der der Herstellung von

Steinbauwerken durch gewesene Zimmerleute aufgefaßt und müssen seine

meisten Eigentümlichkeiten so erklärt werden.

Einzelformen in der Baukunst.

Von besonderem Interesse ist hier naturgemäß die Gestaltung der

Stützen: der Pfeiler und Säulen, wie sie in der germanischen

Steinbaukunst auftreten.

[Sidenote: Nachahmung der Antike]

Es ist nur selbstverständlich, daß das erste auf diesem Gebiete die

einfache Nachahmung der in der Antike üblichen Stützformen sein mußte,

da es sich überall, in Italien wie in Spanien oder sonst, um Bauwerke

in eroberten römischen Provinzen handelt.

Den Fortschritt gegenüber dieser bloßen Nachahmung brachte erst die

allmähliche „Barbarisierung“ der alten Formenwelt, in dem Laufe der

Entwicklung zuletzt zu einer selbständigen und wertvollen Umbildung und

Differenzierung führend, die uns hier ja hauptsächlich beschäftigt.

[Sidenote: Umbildung im Sinne des Zimmermanns]

Für die Bildung der Säulen und Stützen im allgemeinen tritt aber sofort

ein neuer Grundsatz in Kraft, der im Holzstil begründet diese Umbildung

beschleunigen mußte.

Die Technik des Zimmermanns besteht darin, daß das Holz in bestimmten

durch gerade Flächen rechtwinklig begrenzten Formen (Balken) für seine

Verwendung hergerichtet wird. Soll eine künstlerische Durchbildung

nachfolgen, so muß diese Ausgestaltung natürlich innerhalb der Grenzen

des vorhandenen Körpers vor sich gehen; das Ergebnis darf und kann also

nirgends die Begrenzungsflächen des Balkens überragen, da sonst ein

Aufleimen oder Zufügen von mehr Holz an solchen Stellen erforderlich

wäre. -- Diese Forderung bringt sofort einen starken Zwang, zugleich

eine Art Stilisierung mit sich (Abb. 46).

[Illustration: Abb. 46. Germanische Stützenformen.]

Während früher Schaft, Kapitell und Fuß der Säule aus verschiedenen

Stücken, oft verschiedenem Material, hergestellt wurden, und ein jeder

Teil in den dafür passenden Abmessungen gestaltet werden konnte,

mußten sich jetzt alle drei Teile sozusagen in einen Kasten schmiegen,

wurden sie aus einem einzigen rechteckigen Klotz gefertigt. Dabei

büßten Kapitell und Basis ihre starken Ausladungen und Vorsprünge ein.

Ja selbst verkümmerten in vielen späteren Fällen diese Teile bis zu

vollständigem Verschwinden.

Bei viereckigen Stützen geschah ganz dasselbe: die vorhandene

rechteckige Masse mußte alles hergeben, was an Vorsprüngen erforderlich

war.

So wird auch für die Basis ohne weiteres die oben bei den

Zimmermannsarbeiten erwähnte einfache Profilfolge von Hohlkehlen und

Stäben herrschend, die schließlich sich in eine einfache Ringelung ohne

Ausladung, aus flachen Wülsten und Hohlkehlen bestehend, zusammenzieht.

Dem Kapitell geschieht teilweise ganz gleiches. Es wird ebenso aus der

Masse des vorhandenen Körpers herausgeholt, also ungemein flach in

jeder Ausladung, nur ein oberer geschmückter Teil des Schaftes. Ja es

wird sogar so weit hinter den Schaft zurückgesetzt, daß die gewünschte

und beabsichtigte Ausbildung aus der Masse wieder herauskam. In Spanien

haben die Westgoten besonders in dieser Richtung merkwürdige Muster

und Formen geschaffen; sei es aus dem runden, sei es auch aus dem

viereckigen Körper, wohl auch mit abgerundeten Ecken.

Wo die Verhältnisse es mit sich bringen und die antike Tradition ganz

erloschen ist, also im Laufe späterer Entwicklung, ist es, wie bemerkt,

nicht einmal selten, daß Fuß und Kapitell überhaupt ganz verschwinden,

so daß nach Art reiner Zimmermannskonstruktion nur eine einfache Fuß-

und Deckplatte auftreten; besonders bezeichnend sieht man das wohl bei

Doppelsäulen, so in Spanien an den Bauwerken der letzten Westgotenzeit

(Sta. Cristina de Lena), auch in Italien bei den Langobarden ist

ähnliches zu finden (Ascoli).

[Sidenote: Kapitell]

Da aber das Kapitell in der Antike bis dahin eine der künstlerisch

bedeutungsvollsten Rollen gespielt hatte, jedenfalls in der Reihe der

architektonischen Einzelheiten kaum entbehrlich schien, so wurde es

zunächst natürlich meistens in alter Weise beibehalten, nur langsam

umgebildet. Der Prozeß ist hier wie stets der gleiche: anfänglich

scheinbar getreues oder möglichst angenähertes Nachbilden der antiken

Form -- ein Bestreben, das immer von neuem wieder auftaucht noch bis im

10. und 11. Jahrhundert, ja gelegentlich noch später -- in der Folge

erst vorsichtige dann gründliche Umformung im herrschenden Sinne, das

heißt im Holzstil (Abb. 47).

Das macht sich freilich infolge des Mangels der notwendigen Technik

schon gleich von Anfang an insoweit geltend, als die Mittel zu

genauem Nachbilden überhaupt nicht ausreichten. Zuerst in einer

sehr merkwürdigen Weise an den Nachahmungen der Blätterkapitelle.

Die Blätter werden nur umrandet, die Rippen eingraviert, die Stiele

gerippt; der Linien-Parallelismus tritt als Dekoration an die Stelle

natürlicher Bildung; kurz, der Holzschnitzer findet sich bei Nachahmung

der klassisch vollendeten Blätter und Ranken mit seiner ihm geläufigen

oft ungefügen Manier ab, die dabei ihrerseits des Reizes nicht

entbehrt. Es gibt an der Moschee zu Cordoba westgotische Kapitelle,

die solchen aus der deutschen Renaissancezeit zum Verwechseln ähnlich

sehen. Man sieht: die gleiche Aufgabe führt bei Stammesgenossen noch

nach einem Jahrtausend zu gleichen Lösungen.

[Illustration: Abb. 47. Kapitelle auf Grund der korinthischen

Grundform.]

[Illustration: Abb. 48. Kapitelle von freier Grundform.]

Bei Kapitellen aus römischer Zeit war öfters der Umriß des Blattes

bloß im Rohen vorgearbeitet geblieben, die feine Durchführung und

Ausarbeitung verschoben und unterlassen worden. Dies machte sich der

Holzkünstler zunutze, indem er das nur angedeutete Blatt mit seinem

Überfall der Blattspitze einfach zum Vorbild nahm. Der Blattüberfall

erschien dann als ein scharfer eckiger Haken. Solche nur einfach

vorgearbeitete Flächen zeigende Kapitelle mit Hakenblättern wurden

dann geradezu herrschender Geschmack und scheinen sich bis ins 10.

Jahrhundert in unveränderter Anwendung gehalten zu haben, sind

aber sicher schon im sechsten nachweisbar. Sie sind derb mit dem

Schnitzmesser angelegte Zimmermannskapitelle geworden, die freilich

noch ungefähr die Massenverteilung der korinthischen zeigen, trotzdem

den bewußtesten Holzstil aussprechen. Das Gebiet solcher Kapitelle ist

sehr groß, von Sachsen über Spanien und Italien, selbst bis nach Afrika

hinüber ins Vandalenland, wo sich schon frühzeitig ganz bestimmte

Repräsentanten reinsten Holzstiles vorfinden, bei denen sogar auch die

Drehbank auf die Formen eingewirkt zu haben scheint.

In Toledo zeigen uns die in Sta. Cruz vermauerten Kapitelle der

westgotischen Basilika von Sta. Leocadia merkwürdig ausgearbeitete

Hakenformen.

Der weitere Fortschritt der Kapitellentwicklung zeitigt nun eine

vielgestaltige Menge von Grundformen (Abb. 48). Langsames Abweichen von

der zuerst erstrebten antiken Gestalt, wobei sich auch wunderlichste

Umbildungen des so charakteristischen jonischen Kapitells hervortun,

bis zur Erfindung des rein tektonischen Würfelkapitells, das in seiner

eigentlichsten Ausbildung freilich erst dem deutschen frühromanischen

Stil vorbehalten geblieben sein wird. Aber die Vorstufen dazu, die

nicht minder der Drehbank ihren Anfang zu verdanken scheinen, sind

schon uralt.

Jedenfalls ist das eigentlich neue und fruchtbringende in diesen

Arbeiten in der Richtung zu finden, die schon das byzantinische

Trapezkapitell eingeschlagen hatte: in der Vermittelung des viereckigen

Kapitellklotzes oder seines Oberrandes zu dem runden Schafte durch

irgendwelche Übergänge. Als einfachste Form erscheinen hierbei zunächst

die durch zuerst langsames dann stärkeres Abrunden der oberen scharfen

Ecken hervorgebrachten Überführungen, die oft in primitivster Roheit,

oft in fein motivierter Durchbildung auftreten. Manchmal wird der

Übergang durch Ornament verdeckt.

Auch das langobardische in die nordisch-germanische Backsteinkunst

übergegangene Trapezkapitell von S. Lorenzo in Verona gehört hierher.

Nicht minder aber die zahllosen echt germanischen Versuche, den

Übergang durch einfaches Auskehlen der Ecke, zuerst ins Achteck, dann

ins Rund zu erzielen; eine Form, die als dem Würfelkapitell ebenbürtig

zu bezeichnen und erstaunlich fruchtbar gewesen ist.

Ferner ist höchst anziehend die jüngste dieser Gestaltungen, die

Becherform als Kapitell auf dem Halse der Säule, bei der die

überstehenden Ecken der Vierecksdeckplatte durch irgendwelche

Eckauswüchse, Knöpfe, Schnecken, auch gar Menschenköpfe getragen

werden. Eine im Charakter urnordische Erfindung von oft

wildphantastischer Wirkung.

Man könnte ungeheure Musterkarten solcher Erfindungen jener kurzen

Jahrhunderte zusammenstellen von einem gegenüber den immerhin

begrenzten antiken Kapitellformen erstaunlichen Ideenreichtum,

der dadurch sich vervielfältigt, daß die verschiedensten jener

Grundgedanken miteinander kombiniert werden.

[Illustration: Abb. 49. Ingelheim. Kapitelle.]

Ferner fügen sich zu diesen Grundformen die merkwürdigsten

Ausgestaltungen. So anstatt des Akanthusblattes, wenn es sich

einmal darum handelte, die für solche Blätter vorgesehene Fläche

(Hakenblätter) wirklich auszuarbeiten, eine Durchbildung zu oft höchst

malerisch angeordneten Einzelblättern. Dafür bezeichnend sind die

beiden prächtigen aus der Pfalz zu Ingelheim stammenden Kapitelle in

Mainz (Abb. 49), von ganz außerordentlich interessanter Wirkung und

Behandlung, die auch einem völlig modernen Künstler wohl Freude machen

können. Diese Eigenart hält sich bis ins 10. Jahrhundert (Quedlinburg).

Hier (Ingelheim) tritt aber auch noch der obere Rand der Blätter stark

wulstig als eine Art Arkade, Bogenfries auf, und bezeichnet wieder

einen neuen Gedanken, der öfters zur Durchbildung gelangt (Aquileja)

(Abb. 50).

[Illustration: Abb. 50.

Die älteste Kunst, insbesondere die Baukunst der Germanen von der Völkerwanderung bis zu Karl dem Grossen · 第 50 / 114 题