Abb. 30. S. Miguel de Lino. Portalpfeiler.
(Phot. J. Laurent y Cie., Madrid.)]
Erst spät tritt der Versuch ganz plastischer Menschendarstellung in
die Wirklichkeit; die sechs Frauengestalten an der inneren Westwand
das Oratoriums zu Cividale (vgl. Abb. 104, Tafel XXIX) sind davon die
letzten heute noch gebliebenen Zeugen. Es ist dabei aber zweifelhaft,
ob wir die +Ausführung+ dieser Figuren nicht byzantinischen
Stukkateuren zuschreiben müssen, wenn auch sicher der künstlerische
Gedanke ein damals in germanischen Landen verbreiteter war. In den
Ruinen der Kirche zu Disentis (Schweiz) fanden sich zahlreiche
Bruchstücke einer ähnlichen Dekoration.
[Sidenote: Malerei]
So können wir von einer national-germanischen plastischen Kunst von
Bedeutung für jene Zeiten nicht wohl reden; mit der Malerei steht es
nicht viel anders. Soweit über ihre Werke uns etwas überliefert ist,
mag es sich wohl immer um fremde Künstler gehandelt haben; so bei
der Ausmalung der Paläste der Langobardenkönige (der Theudelinde zu
Monza), Karls des Großen und Ludwigs des Frommen (Ingelheim). -- Nur
aus noch späterer Zeit ist auch nur geringe Spur vorhanden: ein paar
kümmerliche Reste religiöser und dekorativer kirchlicher Malereien; --
das Bedeutendste bleibt die Ausmalung der Klosterkirche zu Münster in
Graubündten und der Kapelle von Goldbach am Bodensee, die wir als noch
karolingisch annehmen, wie vielleicht die der Kirche zu Oberzell auf
der Reichenau. -- Aber diese Werke, so wichtig sie sind, müssen ebenso
wie die gesamte figürliche Miniaturmalerei der Zwischenzeit doch nur
als ein bescheidenes Fortleben der italienischen und byzantinischen
betrachtet werden und zeigen uns höchstens vereinzelt im Dekorativen
und Ornamentalen germanische Züge. Erst mit Abschluß der karolingischen
Zeit und der langsamen Entstehung jener neuen Kunst, die wir die
„romanische“ zu nennen pflegen, gewinnt die Malerei neue und auch
nationale Kraft und Gestaltung.
[Illustration: Abb. 31.
Relief aus Capua.
(Nach Cattaneo.)]
Das einzige ganz erhaltene und völlig beglaubigte Werk auf dem Gebiete
solcher Ausstattung eines fränkischen Baues ist das schöne Mosaikbild
in der Kuppel der Apsis der Kirche zu Germigny-des-Prés. Es stammt
aus dem Jahre 806 und stellt zwei große Engel dar, die mit ihren
Fittigen die Bundeslade decken, auf der zwei ganz kleine Seraphim
stehen. Der Gegenstand scheint in der südlichen und östlichen Kunst
nicht bekannt, die Wirkung -- auch die farbige -- ist großartig
und ernst. Ob hier das Werk eines Franken in italienischer Technik
vorliegt, oder ein südlicher Künstler es im Norden geschaffen, läßt
sich nicht entscheiden. Jedenfalls aber ist es uns köstlich als das
älteste sichere figürliche Gemälde im germanischen Norden. Die Aachener
Münsterkuppel besaß einst auch ein solches aus gleicher Zeit; es ist im
18. Jahrhundert vernichtet worden. Die noch vorhandene sehr schwache
Abbildung ergibt, daß es von rein südöstlicher Herkunft gewesen sein
wird.
* * * * *
So sind wir in bezug auf die Würdigung der künstlerischen Durchbildung
an den Werken der Kleinkunst der Germanen in der Völkerwanderungszeit,
wie an denen ihrer Baukunst, hauptsächlich auf die einer
Flächenbehandlung im Sinne reiner Holzkunst angewiesen und genötigt,
diesen Standpunkt dauernd beizubehalten.
[Sidenote: Wesen des germanischen Ornaments]
Es ist notwendig, nochmals darauf hinzuweisen, was das sagen will.
Das Griechen- und Römertum bildete jeden Gegenstand -- Gebäude wie
kunstgewerbliches Objekt -- als ein künstlerisches Gesamtbild aus,
sah es bereits vor seiner Entstehung als fertiges, geschlossenes
und organisches Gebilde im Geiste vor sich. Der griechische Tempel
ist ein rein künstlerischer Gedanke an sich, der sich über seinen
praktischen Zweck unendlich weit erhebt. Ein durchaus anderes ist es
aber, jeden Gegenstand zuvor technisch ganz fertigzustellen und ihm
dann erst sein künstlerisches Gewand zu verleihen. Oder auch zahllose
Gegenstände -- wie die nordischen Spangen -- in einer fast identischen
Form zu bilden und ihnen innerhalb dieser feststehenden Form ihre
Verzierung zukommen zu lassen. Wenn man gegenüber dem unübersehbaren
Heere solcher bronzenen Langspangen der Germanen, die, abgesehen von
geringen Abstufungen, sich so sehr ähnlich sind, nur etwa eine kleine
Zahl aus Pompeji stammender Bronzelampen aufstellt und in Vergleichung
zieht, so wird man staunen über die große Welt künstlerischer Ideen,
die sich bei letzteren offenbart, gegenüber der nicht wegzuleugnenden
Einförmigkeit des germanischen Schmuckgegenstandes. Nur im kleinen,
auf dem bescheidenen Raum des gegebenen Umrisses erst findet sich eine
nicht geringe Fülle verschiedenartigster Behandlung des alten Themas.
Es liegt uns ja auch ferne, unsere Kleinkunst in dieser Richtung etwa
als gleichwertig neben die antike stellen zu wollen, wo die Ergebnisse
der Arbeit reichstbegabter glücklicher Völker von Jahrtausenden vor uns
treten, während sich bei uns nur zeigt, was ein eben erwachendes junges
Volk, das sich selbständig zu machen strebt, in wenigen Jahrhunderten
errang.
Aber dafür ist es nicht wenig. Und es ist ja +unser+ Eigenstes, +unser+
künstlerisches Erbteil, dem wir heute endlich gerecht werden wollen,
nachdem uns ein Jahrtausend lang oder länger nur allein das Fremde als
bedeutend und wert erschienen ist. Von diesem Standpunkte aus wächst
sein Wert für uns ins Große.
[Sidenote: Entstehung des Zellenglases]
Um wieder auf die Technik der Holzbearbeitung zurückzukommen, von der
wir ausgingen, möchte ich eine Vermutung aussprechen, die, wie ich
denke, nicht unbegründet sein mag. Wenn die schmückende Behandlung
der gegossenen Schmucksachen deutlich erweist, daß sie ihren Ausgang
von Kerbschnitt (vgl. Abb. 25, Tafel X) oder ähnlicher Zierweise,
jedenfalls vom geschnitzten Holzmodell genommen hat, so möchte es
mit dem bei den Germanen überall so beliebten Zellenglasschmucke
oder Steinschmucke in Zellen auf Edelmetall sich ebenso verhalten.
Dieser tritt, wie vor allem an den Waffen zu sehen ist, mit Vorliebe
an Friesen und Bändern auf. Und dann erinnert er auf das lebhafteste
an ein in der Holzschnitzerei, besonders an Möbeln, in zahlreichen
Fällen von alters her vorkommendes Fries- (Abb. 32) oder Bandmotiv,
welches hier nach einem alten Muster abgebildet ist. Denkt man sich
die Holzfarbe noch hell, etwa gelbbraun, und die Tiefen mit roter
Farbe ausgefüllt, wie man das Bemalen des Holzes von jeher bei den
Germanen liebte (Tacitus erwähnt es bereits), so ist die Wirkung
ganz überraschend ähnlich, ja fast übereinstimmend. Diese Art von
Kerbtechnik ist uralt; die der in Zellen gesetzten Steine kennen
wir vor dem 5., höchstens dem 4. Jahrhundert kaum. Sie kann daher
recht wohl aus jenem andern oft gesehenen Vorbilde zu so allgemeiner
Beliebtheit sich entwickelt haben. Jedenfalls paßt sie vorzüglich
in diesen Kreis und würde sich, so aufgefaßt, direkt den aus der
Holzbearbeitung entstandenen Zierformen anschließen.
[Illustration: Abb. 32. Kerbschnitt einer deutschen Truhe.]
[Sidenote: Sonderart der Tierornamentik]
Was die oben berührte Ornamentik aus Tierleibern, die sich zu einer Art
Flechtwerk vereinigen, im einzelnen anlangt, so hat P. Salin in einem
wundervollen Werke deren Rätsel zu lösen gesucht und verstanden. Es
ist prachtvoll zu sehen, wie eine große Völkergruppe unentwegt viele
Jahrhunderte an der Erfindung und Ausbildung dieser Zierweise arbeitet
und sich müht, bis eine in ihrer Art einzigartige und als fertig, ja
vollkommen zu bezeichnende daraus geworden ist. -- Bis schließlich
aber die einfachen Grundtiere zu Gewürm und Fabelwesen werden, halb
Schlange, Drache und wieder nur Ornament. Und in ihren mannigfachen
Verschlingungen und in ihrer künstlerischen Durchführung gelangen
diese Bildungen schließlich zu einem Raffinement, zu einer Vollendung,
zu einer ornamentalen Höhe, die sie in gewisser Hinsicht als den
vorzüglichsten Flächenornamenten aller Zeiten ebenbürtig erscheinen
lassen (Abb. 27). Die Grundsätze der Behandlung werden allmählich
ganz besondere, und neue wie uralte Üblichkeiten, z. B. die antike
Symmetrie, sind dabei längst überwunden; dafür tritt eine eigenartige
Eurhythmie, eine gebundene Bewegung, an ihre Stelle. Und darum dürfen
wir mit Recht auf dies Werk unserer Vorfahren stolz sein, und von
diesem Gesichtspunkte aus haben auch sie damals wenigstens auf einem
Gebiete der Kunst Klassisches geschaffen.
Es ist hier unumgänglich, nochmals auf die Massenverteilung, auf die
eigentümliche rhythmische Art dieser Zierkunst einzugehen.
[Sidenote: Eurhythmie und Bewegung statt der Symmetrie]
Wie mehrfach bemerkt, kennt der Germane jene absolute Symmetrie, die
die südliche Kunst teilweise beherrscht, insbesondere die Baukunst,
durchaus nicht. Wenigstens nicht als maßgebend. Sie herrscht nur in den
allgemeinen Massen und der Gruppe.
[Illustration: Abb. 33. Svastika und Triskele.]
[Sidenote: Hakenkreuz]
An ihre Stelle aber tritt die Wiederholung derselben Zeichnung, nicht
ihr Spiegelbild. -- Das dürfte am deutlichsten hervortreten in jenem
im hohen Norden so ungeheuer weit verbreiteten Ziermotiv, das sich
zugleich einer tief symbolischen Bedeutung erfreut, dem Hakenkreuz oder
der Svastika. Sie mit der Triskele oder dem Dreibein zusammen (Abb.
33) bildet sozusagen die Lösung, den Schlüssel zu den allermeisten
runden Ornamenten des Nordens. Denn an die Stelle des gleichmäßigen
und allseitig symmetrischen Sterns, der im Norden so selten ist,
der Rosette und ähnlicher ruhender Gestalten tritt jetzt außerdem
das sich drehende Rad, die Turbine, das Sonnenrad und wie man diese
gleichgedachten Formen alle benennen mag.
Man sieht in der Svastika ein uraltes Symbol der Sonne, des Lebens und
ähnlicher Begriffe. Ihre Verbreitung ist eine große; nicht nur bei
der arischen Rasse; doch hier besonders häufig war das Zeichen bei
den alten Germanen überall zu finden. -- Von ihm aus oder wenigstens
in ganz gleichem Sinne, nach seinem Muster, pflegt das germanische
Rundornament gebildet zu werden, wie in einer stillen oder heftigen
Bewegung befindlich. Es ergeben die Abbildungen besser, als es mit
Worten gesagt werden kann, wie solche Ornamente entstehen, indem nach
einer Seite gerichtete Ornamentstücke rings um das Zentrum wie in eine
Reihe aneinandergesetzt werden zu festem Zusammenschluß, doch nicht von
radial, sondern kreisförmig strebender Bewegung.
[Illustration: Abb. 34. Nordisches Tierornament.]
Dieses eigentümliche Wesen geht durch die gesamte Verzierungskunst der
Nordländer hindurch; es ist wie eine Drehung im bestimmten Sinne, die
nicht aufgehalten noch gehemmt werden kann.
Während das antik symmetrische Ornament sich in seiner nach der
Mitte zusammen oder von der Mitte nach den Seiten laufenden
entgegengesetzten -- negativen und positiven -- Bewegung in sich
selbst aufhebt, zur absoluten Ruhe bringt, geht jenes andere von
einem Punkte der Verzierung anfangend immer weiter, immer in gleicher
Richtung vorwärts. Und nur da kehrt sein Lauf naturgemäß in sich
selbst zurück, wo er sich um einen Mittelpunkt bewegt oder in
entgegengesetzter Richtung durch sich selber kriecht (Abb. 34).
Es mag hier erwähnt werden, daß dazu häufig eine ganz ursprüngliche
und unbekümmerte naive Behandlung und Durchbildung tritt, die von
der Strenge, um nicht zu sagen Pedanterie der Antike ungemein weit
entfernt ist. Da das Ornament eben nur Zierat ist und sein soll, so
kommt es tatsächlich auf ein haarscharfes Durchstudieren und minutiöses
Einpassen gar nicht so sehr an. Das Zierende hat keinerlei struktive
Aufgabe, ist mit Halten und Tragen nirgends beauftragt oder belastet,
hat eben nur zu füllen und zu schmücken.
[Illustration: Abb. 35. Aix. Flechtornament.]
Darum behält alles einen naturwüchsig frischen Charakter, eine
Ungezwungenheit und Sorglosigkeit, die keinen Augenblick sich darüber
grämt, ob das einmal gewählte und begonnene System auch genau auskommt.
Vielleicht dürfen wir gerade darin eine nicht zu verachtende Erkenntnis
des Wesens der Sache erblicken, die um so mehr der malerischen Seite
zustatten kommend dem künstlerischen Organismus jedenfalls nirgends zum
Schaden gereicht.
[Sidenote: Flechtwerk]
Ein naheverwandtes Gebiet betreten wir, wenn wir uns dem in den
späteren Jahrhunderten der zu besprechenden Zeitspanne so ungemein
verbreiteten Flechtwerke zuwenden. Es ist nicht zu erkennen, wie
diese Art des Flächenschmuckes entstanden sein mag, jedenfalls
dürfen wir sie als ein Mittelding zwischen der rein geometrischen
Kerbschnittverzierung und dem lebendigen Bedecken der Fläche mit einem
Durcheinander kriechenden Tier- und Schlangengewimmels betrachten (Abb.
35, 36). Es vereinigt die gewissermaßen mechanisch-kristallinische
Natur der ersteren mit der lebendigen Plastik des zweiten. Daß es an
beliebig vielen Vorbildern dafür nicht mangelte, dafür sorgte schon die
Baumwelt, das Gebüsch und das Niederholz im Verein mit dem Bedürfnisse
zur technisch praktischen Anwendung des Flechtens für alle möglichen
Zwecke.
[Sidenote: Ursprung]
Man hat sich vielleicht unnütz den Kopf darüber zerbrochen,
welches Ursprunges das Flechtwerk wohl sein möge; besonders, da
man mit Verwunderung bemerkte, daß es zu einer gewissen Zeit sich
herrschend über ganz Europa verbreitete, und zwar gerade seit der
Völkerwanderungszeit. Diejenigen, die dieser mächtigen Bewegung, vor
allem ihren Veranlassern, den germanischen „Barbaren“, jeden Einfluß
und Wert für die Kunst streitig machen, weisen bei dieser Gelegenheit
natürlich darauf hin, daß schon bei den Römern, ja Griechen und
Assyriern, geflochtene Bänder als Friese oder ähnlich auftreten, und
finden in seiner Ausbildung nichts neues noch bedeutsames.
[Illustration: Abb. 36. Narbonne. Westgotisches Ornament.]
Das ist jedoch keineswegs zuzugeben. Ein Jahrtausende bereits in
Übung befindlicher Ornamentstreif, der ohne jede Änderung als Fries
gelegentlich immer wieder angewandt zu keinerlei Fortbildung Anlaß
gab, einfach völlig erstarrt, der antike Zopf und Knoten, wie er
z. B. in römischen Mosaiken so oft erscheint, hat für unsere Frage
offenbar keinerlei Bedeutung. Es ist eben doch ein ganz Neues, was
hier plötzlich machtvoll auftritt und in wenigen Generationen sich die
gesamte Kulturwelt erobert, dieses Flechtwerk, die Bandornamentik,
welche in den mannigfachsten Anwendungen und Umbildungen sich über
schmale und breite Flächen, Friese und Felder, in jeder nur möglichen
Technik und Anwendung ergießt, ganz offenbar eben zu diesem Zwecke
und bewußt an der Stelle jedes anderen üblichen Schmuckes gebraucht.
Wo man in der Antike und später Pflanzen und andere Ornamente aller
Art, Feldereinteilungen, aber nicht minder auch Figuren und Reliefs
bis zu der vielgestaltigsten und wertvollsten Durchbildung anwandte,
überall da verbreitet sich jetzt die neue, so viel anspruchslosere und
ursprünglichere Schmuckweise. Schmal und breit, als Fries oder Feld,
als Füllung, eckig und rund. Und, wo sich doch noch ein anderes Motiv
einmal hineinzumischen wagt, pflanzlicher oder gar figürlicher Art, da
ist dieses der Art und Erscheinung des Flechtwerkes so angenähert, daß
es kaum anders wirkt oder aussieht.
[Illustration: