[Illustration: Abb. 28. Bronzebeschlag. Brüssel.]
[Sidenote: Tierornament]
Wo Kerbschnitt und ähnliches nicht ausreichen, oder da, wo etwas
anderes geboten erscheint, greift der Nordländer doch immer wieder
zu Verwandtem aus seiner einfachen Umgebung. Da sind Flechtwerke
verschiedensten Musters ganz gegeben, aber auch die Tierwelt (Abb. 27),
die des Menschen Dasein umgibt und bestimmt, wird hier einbezogen. Doch
nicht etwa im Sinne einer Nachbildung der Natur, sondern wieder nur
zur bloßen Flächenverzierung, wie sie sich eben gibt. Das Tier zeigt
einen Kopf, einen oder ein Paar Füße, und sein Leib wird hin und her
gewunden wie der einer Schlange; oftmals aus mehreren gleichen Tieren
zusammen zu einem verschlungenen Flechtknäuel geballt bedeckt
dann das Muster wie ein Teppich das vorhandene Feld, und nicht selten
kann nur ein ganz geübter Blick herausfinden, daß hier überhaupt
Tierleiber vorhanden oder gemeint sein sollen; das unbefangene Auge
sieht das Ganze zunächst als ein reines Flechtwerk, höchstens als ein
Gewinde von Schlangen an, das die gegebene Fläche füllt (Abb. 28, Tafel
X). Wo dann aber an Spitzen und Enden wirkliche Körperteile einmal
auftreten, da sind sie wieder durch Linien, Kerbschnitte u. dgl. so
stark zerschnitten und geschmückt oder bedeckt, daß man sie kaum mehr
als das, was sie ursprünglich waren, erkennt.
Bei dem durch die Tierleiber gebildeten Flechtwerk kommt als weiteres
ornamental wirkendes Mittel die Einfassung mit doppeltem Umriß, die
Konturierung, hinzu, die auch der einfachsten Zeichnung eine bestimmte
Stilisierung und eine sichere dekorative Wirkung verleiht. Diese
Konturierung wird bei dem nordischen Tierornament zum unentbehrlichen
Hilfsmittel.
[Illustration: Abb. 29. Germanische Münze, Hängebrakteate. Nach Salin.]
Aus solcher Gepflogenheit bilden sich dann lauter herkömmliche Typen,
ein Stil, eine Manier, die so weit von aller Natur entfernt ist,
daß, wie es scheint, dem Germanen mit der Zeit die Fähigkeit oder
wenigstens der Wille, die Natur selber noch irgendwie richtig zu
sehen und nachzuahmen, verloren geht. Es gibt im Kunstgewerbe oder
der Kunst bei ihnen geradezu keine Darstellung des Natürlichen mehr
-- weder des Menschen, noch des Tiers, noch des Baumes --, alles ist
Flächenverzierung geworden für das Messer des Holzschnitzers oder das
Eisen des Zimmermannes. Und deshalb können wir von einer eigentlichen
bildenden Kunst im heutigen Sinne in bezug auf jene Stämme in jenen
Zeiten überhaupt nicht sprechen; sie existierte eben einfach nicht als
Versuch der Nachbildung von irgend etwas vor Augen stehendem.
Auch ein tieferer Sinn oder eine Bedeutung ist in jenen künstlerischen
Bildungen nirgends zu finden; sie waren sich eben Selbstzweck als
beliebiges Gewebe von Formen, das sich in herkömmlicher Weise über ein
gegebenes Feld breitete.
[Sidenote: Reliefstil]
In merkwürdigster Art bestätigt sich dies in den seltenen und rein
zufälligen Fällen, wo der Germane zu einer Darstellung von irgend
etwas Lebendem sich veranlaßt sah. So z. B. an seinen ältesten
Münzen. In den nördlichen Ländern war von alters her südliches Geld
im Verkehr, insbesondere byzantinisches des fünften Jahrhunderts bis
zu den Zeiten Justinians. -- Der Fall aber trat zuletzt öfters ein,
daß der Nordländer sein aufgehäuftes Gold münzen mußte, weil die
kursierende Münze zu sparsam war. Da wurde denn die gerade erwünschte
und verbreitetste Münzsorte einfach nachgebildet, doch nur so
andeutungsweise, daß eben eine allgemeine Ähnlichkeit des Produkts
erzielt wurde; die Umschrift wurde in ein paar Strichen gestümmelt
angedeutet, und es ist ganz spaßhaft, etwa in einem Grabe späterer
Zeit eine Justinian-Goldmünze und ihre in wirklichem Sinne barbarische
Nachbildung, ebenfalls in Gold, nebeneinander vorzufinden.
Hierbei macht sich frühzeitig die besondere Eigentümlichkeit
bemerkbar, daß der Germane, wie ja selbstverständlich, den Reliefstil,
besonders den der Münze, absolut nicht begriff und die Nachbildung
nun so herstellte, daß er die Modellierung nicht wie üblich, sondern
einfach in erhabenen Linien, wie durch aufgelegte Schnüre oder
Drähte, bezeichnete (Abb. 29). So ergab sich eine ganz merkwürdige
Manier der Darstellung des Menschen, die sich allmählich völlig zum
Stil ausbildete und den germanischen Völkern lange eigentümlich
blieb; -- auch als ihre Könige endlich anfingen, eigene Münzen zu
prägen, verharrten sie getreu bei der Nachbildung der römischen und
byzantischen Vorbilder, und erst ganz zuletzt finden wir schwache
Versuche zur Porträtdarstellung des Königskopfes, doch vorwiegend
in römischer Art der Aufmachung. Alle aber in jenem eigentümlichen
Bindfadenrelief.
Spielt hierzu die nordische Gepflogenheit der Konturierung
selbstverständlich eine erhebliche Rolle, so ist sie doch nicht
allein maßgebend, wie Salin dies meint. Jedenfalls erstreckt sich die
durch bindfadenartige Linien bewirkte Zeichnung bis ins Innerste der
Darstellungen, beschränkt sich keineswegs auf den Umriß.
Als ein ganz besonders charakteristisches Beispiel hierfür mag hier
die so merkwürdige Art einer Verzierung in Relief erwähnt sein, deren
sich der westgotische Baumeister an den beiden das Portal flankierenden
Zierplatten an der Kirche S. Miguel de Lino bei Oviedo bediente. Er --
oder der König -- wünschte offenbar diese beiden etwa 2½ m hohen und
½ m breiten Platten mit irgendwelchen figürlichen Reliefs geschmückt
zu sehen. Aber es war keinerlei Übung, ja keinerlei Motiv oder Gedanke
für den Gegenstand vorhanden. Da griff man zu der merkwürdigen
Auskunft, ein elfenbeinernes spätrömisches Konsular-Diptychon, das
sich noch feststellen läßt, so gut als es ging nachzubilden, und zwar
je anderthalbfach, da die Fläche zu hoch war. Und so wurde auf jeder
Seite des Portals in den flachen Stein diese Darstellung, die oben den
thronenden Konsul zwischen zwei Beamten, darunter eine Zirkusszene,
Christen zwischen Löwen, -- und ganz unten wieder der Konsul auf einem
Stuhle, auf jeder Seite ganz gleich -- roh kopiert; wieder in jenem
ganz flachen Bindfadenrelief, welches den Gegenstand kaum erkennen
läßt. Bei alledem ist die Wirkung eine gute und monumentale; man wird
leicht an zwei geschnitzte Schiffplanken denken, zwischen denen man
hindurchgeht (Abb. 30, Tafel XII).
Eine Reliefplatte völlig ähnlichen Stiles ist im Museum zu Capua
vorhanden (Abb. 31); wie es scheint, einen Heiligen mit Nimbus
darstellend, der einen Stab in der Hand hält, das reiche Faltenwerk
seines Kleides in parallelistischer Anordnung von nahe verwandter
Behandlung. (Nach Cattaneo aus dem 8. Jahrhundert.)
[Illustration: