Abb. 15. Ravenna. Goldharnischreste.
(Phot. Emilia.)]
Mit dem beschriebenen Funde waren zum ersten Male die Blicke der
kunstgeschichtlich interessierten Welt auf jene bisher als barbarisch
geltende Zeit gelenkt, und mußte ihr zunächst wenigstens eine besondere
Art und künstlerische interessante Technik zugestanden werden.
[Sidenote: Pouan]
In Pouan bei Troyes fand man ferner 1842 ein Grab mit reichem Inhalt,
ähnlich wie in Tournai, das man dem Theoderich II., König der
Westgoten, zuschreibt, vor allem darin ein schönes Schwert mit reichem
Griff, ähnlich dem des Childerich, Dolch, Halsring, Armring, Fibeln,
alles in Gold mit Zellenglas, sowie einen Ring mit dem Worte „heva“[4].
Reiche Funde machte man in Italien.
[Sidenote: Ravenna]
Als Arbeiter 1854 bei Ravenna in der Nähe des Theoderich-Mausoleums
einen Bestatteten in ungeheuer reichem Goldharnisch, von anderen
Schätzen umgeben, ausgegraben hatten, von welchen Kostbarkeiten man
den unredlichen Findern leider nur noch einige karge Reste (Abb. 15,
Tafel III) abjagen konnte, glaubte man diese Reliquien Theoderich dem
Großen selber (oder vielleicht Odovaker) zuschreiben zu dürfen. Auch
sie sind in der bekannten Goldzellenart auf das reichste mit Granaten
geschmückt, soweit sie nicht mit Filigran bedeckt sind.
An ihnen ist die Zellenmusterung von besonderem Interesse und ganz
eigenartig nordisch; so kommt in ihr das Zangenornament und Ähnliches
vor, Formen, die man an dem wohl gleichzeitigen Theoderich-Mausoleum in
Plastik wiederzufinden glaubt. Die Zellenverzierung tritt hier sogar
stark gewölbt als Rundstab auf. -- Man hält diese Reste für Teile des
Harnischs und vielleicht des Helms.
[Illustration]
[Sidenote: Cividale]
Seit jenen Funden mehrten sich die Ergebnisse beträchtlich. In
Cividale stieß man 1874 tief unterm Pflaster eines Platzes auf den
Steinsarkophag eines langobardischen Großen, wie man glaubt, des
Herzogs Gisulf († 611), des Neffen Alboins. Er enthielt weniger als
jene Gräber, doch außer den Waffen einigen Schmuck (Abb. 16, Tafel IV),
Fibeln, ein goldenes Kreuz auf der Brust des Toten, eine Kristallkugel,
eine Glasflasche mit Wasser und dergleichen Kleinsachen mehr.
[Sidenote: Castel Trosino]
[Sidenote: Nocera Umbra]
Vorher schon hatte man bei Cividale mehrere Langobardenfriedhöfe
gefunden, die besonders an Schmuck reich waren (Abb. 17, Tafel V).
Später aber folgten die Grabungen von Castel Trosino bei Ascoli (1893)
und Nocera Umbra (1898), wo man ganz große Totenfelder aufdeckte[5].
Man ist nicht sicher, ob die letztere Stätte nicht noch Ostgoten
angehören kann, doch schreibt man gewöhnlich beide Nekropolen den
Langobarden zu.
Besonders reich in der Ausstattung war die Totenstätte von Nocera
Umbra; an Waffen, Schilden und Fibeln (vgl. Abb. 9, Tafel I) fand man
da wirkliche Prachtstücke; ihre Verwandtschaft mit den später in Castel
Trosino in einer mächtigen Zahl von Gräbern vorgefundenen Gegenständen
ist übrigens so groß, daß doch angenommen werden darf, daß die
Bestatteten beider Kirchhöfe Angehörige desselben Stammes waren, und
nur, daß der Kirchhof zu Castel Trosino zeitlich etwas jünger sein
dürfte.
Hier stehen wir vor einer ganzen Welt reichster Kleinkunst; vor Schutz-
und Trutzwaffen aller Art, von Gefäßen in Ton, Glas und Metall, von
Resten der Kleidung, von Schmuck für Frauen und Männer, auch von
Pferdegeschirr, Zäumen und Sätteln. Charakteristisch ist das Material,
vorwiegend entweder Bronze oder Gold mit Edelsteinen, natürlich mit
Ausnahme der Klingen und Speerspitzen. Die goldenen Schmuckstücke sind
oft mit Filigran oder auch ganz mit Zellenglas besetzt.
Man findet bei den Männern häufig Lanzen mit breitem Blatt und Messer
(Sax), der Schild befindet sich meist außerhalb des Grabes; die zwei
schönsten Schwerter haben nordischen Typus, wie die in Wallstena in
Gotland gefundenen, goldenes Gefäß mit Granaten besetzt; in einigen
Frauengräbern traf man kurze Schwerter, bei Knaben Bogen und Pfeile.
Andere Nekropolen hat man in Civezzano, Testona, Piedi Castello,
Dercolo und sonst noch in Italien aufgedeckt. Im erstgenannten Dorfe
stieß man auf die Reste eines langobardischen Großen in einem hölzernen
eisenbeschlagenen Sarge, dessen Schmuck erstaunlich ganz an spätere
schon mittelalterliche Eisenarbeiten erinnert.
Den langobardischen Gräbern sind als besondere Beigabe für die
Männergräber kleine Kreuze aus Goldblech eigen (vgl. Abb. 16, Tafel
IV), die den Toten auf die Brust gelegt wurden; scheinbar mit der
Schere aus einer dünnen reich gemusterten geprägten Goldplatte
ausgeschnitten, oft ohne Rücksicht auf das Muster. Es sind dies höchst
charakteristische und eigenartige Gegenstände, die man sonst wenig fand.
[Sidenote: England]
Wie in der Natur der Sache gelegen, sind die Grabfunde weiter im Norden
in den germanischen Stammlanden noch viel ergiebiger gewesen. Sowohl
Deutschland wie Skandinavien, nicht minder England besitzen zahlreiche
Gräberfelder aus der für uns in Frage kommenden Zeit. Das letztere
Land bietet uns aus solchen Funden schöne angelsächsische Arbeiten von
besonders geschmackvoller Form und reichster Bildung mit ungewöhnlich
verwickelten Linienverschlingungen in Tier- und Bandverzierungen (Abb.
18, Tafel VI). Ein ganz eigenartiges jüngeres Schmuckstück ist uns
dort in König Aelfreds Juwel (Knopf eines Zepters?)[6] erhalten, aus
Gold mit Filigran gefertigt, von etwa herzförmiger Gestalt, unten in
einen Delphinkopf auslaufend, auf der Vorderseite das Bild des Königs
in Schmelz eingelegt, zwei Blumen in den Händen tragend (Abb. 181).
Ringsum am Rand die Schrift: Aelfred mec heht gewyrcan· (A. ließ mich
machen.)
[Sidenote: Deutschland]
Von den reichen deutschen Gräberfeldern jener Jahrhunderte sind die
im Westen meist fränkisch, da längs des Rheines die Uferfranken
wohnten, deren Kultur sich noch weiter nach Osten erstreckte, besonders
mainaufwärts. Von Worms bis Bonn ist eine ungeheuer große Zahl solcher
Friedhöfe gebreitet, deren Schätze besonders die mittelrheinischen
Museen füllen, so die in Worms, Mainz, Wiesbaden, Bonn.
[Illustration: