Abb. 14. Tournai. Aus Childerichs Grab.]

In süddeutschen Gräbern fand man hölzerne gedrehte Leuchter, die den

Gebrauch von einer Art Kerzen bezeugen.

[Sidenote: Schiffe]

Hatte man einen Seehelden zu bestatten, so liegt denn dieser mit all

seinem Schmuck, seinen Waffen und Beigaben gar mitten im Schiffe. Die

bekannte Sitte der späten Wikinger, ihre toten Seekönige mit dem, was

ihnen lieb und wert war, auf sein Seeschiff zu setzen und dieses, wenn

es ins Meer trieb, den Flammen zu übergeben, scheint keineswegs so

verbreitet gewesen zu sein, als man annimmt. Vielmehr hat sich eine

verhältnismäßig große Zahl von Toten, die in der geschilderten Art

im Erdboden in ihren Schiffen begraben sind, vorgefunden. Darunter

finden sich reichgeschnitzte Fahrzeuge, deren schlanker und scharfer

Bau und erstaunlich gediegene Schiffbautechnik die Bewunderung der

Gegenwart erregen. Die bekanntesten sind die von Gokstad und Oseberg.

Die ältesten waren ohne Mast und Segel, nur mit Ruderern bemannt, deren

Schilde als vielfarbiger Schmuck in langer Reihe ihren Bord zierten.

[Sidenote: Begräbnis König Harald Hilvelands]

Zuletzt noch gedenken wir der Erzählung eines altnordischen Sängers vom

Begräbnis des Königs Harald Hilveland: „Am Tag nach der Schlacht von

Brâvalle befahl der König Ring, den Leichnam König Haralds aufzuheben

und ihm das Blut seiner Wunden sorgsam abzuwaschen; dann sollte er

auf den Wagen gelegt werden, auf dem der Held im Kampfe gestanden

hatte. Nachher wurde ihm ein Hügel getürmt und Harald auf dem edlen

Renner dorthin geführt, der ihn im dichten Schlachtgetümmel getragen

hatte. Das Roß wurde da getötet, und König Sigurd gab dem Toten

seinen eigenen Sattel, indem er sagte, er überlasse es ihm, ob er in

Walhalla einreiten oder einfahren wolle. Und ehe der Grabhügel sich

schloß, lud König Sigurd seine Großen und Krieger ein, Ringe und schöne

Waffenstücke in das Grab zu werfen.“

Wenn auch dieser Bericht nicht unbedeutend jünger ist als die Zeit,

die uns hier beschäftigt, so spiegelt er doch allzu getreu die

uralte nordische Art der Heldenbestattung wider, als daß wir ihn als

Ergänzung zu dem oben Geschilderten missen dürften. Jedenfalls, wie

uns hier diese Sitte in später heidnischer Zeit entgegentritt, blieben

anderseits auch die christlichen Goten, Franken, Langobarden noch lange

bei den alten Gepflogenheiten; es ist bekannt, daß bei germanischen

Völkern das Beigeben von Schmuck und selbst Waffen sogar bis ins

späteste Renaissancezeitalter noch geübt worden ist.

[Sidenote: Wichtige Gräberfunde]

Die Geschichte der hauptsächlichsten Gräber- und Schatzfunde ist von

großem Interesse; sie bestimmt zugleich den Beginn und die Entwicklung

der Würdigung und des Studiums dieser Kunsterzeugnisse. Erst auf sie

gestützt war man in die Lage gesetzt, in ihnen nicht nur Dokumente

hohen Alters, uralter Vormenschen, sondern solche einer eigenartigen

und bedeutenden Kultur und Kunst zu sehen.

[Sidenote: Tournai]

Die erste große auf unserem Felde epochemachende Entdeckung machte

man am 16. Mai 1653, als man in Tournai bei Bauarbeiten neben der

Kirche St. Brice auf das Grab des Königs Childerich I., des Vaters

Chlodowechs, stieß. Die Zahl und Kostbarkeit der gefundenen Schätze

war außerordentlich groß: Waffen des Königs, Axt und Speer und viele

verrostete Eisenreste, sodann ein Schwert mit Griff und Scheide,

besetzt mit Gold und rotem Gestein, ein ähnlicher Skramasax, der

Beschlag eines Kästchens, ein Pferdeschmuck in Gestalt eines goldenen

Ochsenkopfes, dreihundert goldene Bienen, eine goldene Nadel, Spangen,

Agraffen, Schnallen, Ringe, alles von Gold und meist mit roten Steinen

oder Glas besetzt; Goldfäden als Reste von Gewändern; eine Tasche mit

Goldbügel, reich mit Gold- und Silbermünzen gefüllt. Dieser Schatz

(Abb. 14, Tafel II) wanderte nach Brüssel, dann nach Wien, später kam

der größte Teil als Geschenk für Ludwig XIV. nach Paris und blieb

seitdem im Besitz der Nationalbibliothek, 1831 wurde er freilich durch

Diebe entwendet und auf der Flucht in die Seine geworfen, doch meist

wieder aufgefischt. Trotz vieler späterer blieb dieser Fund stets einer

der bedeutsamsten. Die Reste der beiden Schwerter sind in ihrem Schmuck

von Gold und Zellenglas in dieser Art noch immer das Schönste, was wir

von solchen kennen[2].

Die hier in größter Vollkommenheit auftretende eigentümliche

Schmucktechnik des „Zellenglases“ besteht darin, daß auf eine goldene

Platte aufrechtstehende goldene Rippen oder schmale Goldstreifen in

Mustern aufgelötet werden, welche Zellen oder Kästchen zwischen sich

freilassen, die dann durch Almandine, Granaten oder andere Edelsteine,

später durch prächtig gefärbtes Glas (verroterie) ausgefüllt wurden.

Unter den sehr dünnen durchsichtigen Plättchen der Steine oder des

Glases wurden gemusterte, meist gestreifte Goldblättchen (Folien)

eingelegt, deren Muster und Glanz durch den Stein durchschimmert. Das

Ganze hat nachher oft eine wunderbar glänzende Politur erhalten[3].

-- Die farbige prachtvolle Wirkung dieser Art von Juwelier- und

Goldschmiedearbeit ist von jeher höchlich bewundert worden; sie darf

als eine nur den Germanen eigentümliche bezeichnet werden und scheint

im Osten der germanischen Welt, bei den Goten am Schwarzen Meer ihren

Ursprung gefunden zu haben; dort tritt sie schon an Arbeiten des 3.

oder 4. Jahrhunderts auf; ihr Gebrauch blieb lebendig bis ins 10.

Jahrhundert und gewann inzwischen vielleicht nur an einer gewissen

Kraft und Gediegenheit. Es ist erstaunlich, daß, während andersfarbiges

Glas, weißes, grünes und blaues, wie solches insbesondere von den

Franken viel zur Abwechslung eingefügt wurde, heute meist völlig

verwittert, wenigstens unscheinbar geworden ist, das granat- oder

rubinrote sich überall bis heute unverändert leuchtend und prächtig

erhalten hat.

[Illustration:

Die älteste Kunst, insbesondere die Baukunst der Germanen von der Völkerwanderung bis zu Karl dem Grossen · 第 30 / 114 题