In süddeutschen Gräbern fand man hölzerne gedrehte Leuchter, die den
Gebrauch von einer Art Kerzen bezeugen.
[Sidenote: Schiffe]
Hatte man einen Seehelden zu bestatten, so liegt denn dieser mit all
seinem Schmuck, seinen Waffen und Beigaben gar mitten im Schiffe. Die
bekannte Sitte der späten Wikinger, ihre toten Seekönige mit dem, was
ihnen lieb und wert war, auf sein Seeschiff zu setzen und dieses, wenn
es ins Meer trieb, den Flammen zu übergeben, scheint keineswegs so
verbreitet gewesen zu sein, als man annimmt. Vielmehr hat sich eine
verhältnismäßig große Zahl von Toten, die in der geschilderten Art
im Erdboden in ihren Schiffen begraben sind, vorgefunden. Darunter
finden sich reichgeschnitzte Fahrzeuge, deren schlanker und scharfer
Bau und erstaunlich gediegene Schiffbautechnik die Bewunderung der
Gegenwart erregen. Die bekanntesten sind die von Gokstad und Oseberg.
Die ältesten waren ohne Mast und Segel, nur mit Ruderern bemannt, deren
Schilde als vielfarbiger Schmuck in langer Reihe ihren Bord zierten.
[Sidenote: Begräbnis König Harald Hilvelands]
Zuletzt noch gedenken wir der Erzählung eines altnordischen Sängers vom
Begräbnis des Königs Harald Hilveland: „Am Tag nach der Schlacht von
Brâvalle befahl der König Ring, den Leichnam König Haralds aufzuheben
und ihm das Blut seiner Wunden sorgsam abzuwaschen; dann sollte er
auf den Wagen gelegt werden, auf dem der Held im Kampfe gestanden
hatte. Nachher wurde ihm ein Hügel getürmt und Harald auf dem edlen
Renner dorthin geführt, der ihn im dichten Schlachtgetümmel getragen
hatte. Das Roß wurde da getötet, und König Sigurd gab dem Toten
seinen eigenen Sattel, indem er sagte, er überlasse es ihm, ob er in
Walhalla einreiten oder einfahren wolle. Und ehe der Grabhügel sich
schloß, lud König Sigurd seine Großen und Krieger ein, Ringe und schöne
Waffenstücke in das Grab zu werfen.“
Wenn auch dieser Bericht nicht unbedeutend jünger ist als die Zeit,
die uns hier beschäftigt, so spiegelt er doch allzu getreu die
uralte nordische Art der Heldenbestattung wider, als daß wir ihn als
Ergänzung zu dem oben Geschilderten missen dürften. Jedenfalls, wie
uns hier diese Sitte in später heidnischer Zeit entgegentritt, blieben
anderseits auch die christlichen Goten, Franken, Langobarden noch lange
bei den alten Gepflogenheiten; es ist bekannt, daß bei germanischen
Völkern das Beigeben von Schmuck und selbst Waffen sogar bis ins
späteste Renaissancezeitalter noch geübt worden ist.
[Sidenote: Wichtige Gräberfunde]
Die Geschichte der hauptsächlichsten Gräber- und Schatzfunde ist von
großem Interesse; sie bestimmt zugleich den Beginn und die Entwicklung
der Würdigung und des Studiums dieser Kunsterzeugnisse. Erst auf sie
gestützt war man in die Lage gesetzt, in ihnen nicht nur Dokumente
hohen Alters, uralter Vormenschen, sondern solche einer eigenartigen
und bedeutenden Kultur und Kunst zu sehen.
[Sidenote: Tournai]
Die erste große auf unserem Felde epochemachende Entdeckung machte
man am 16. Mai 1653, als man in Tournai bei Bauarbeiten neben der
Kirche St. Brice auf das Grab des Königs Childerich I., des Vaters
Chlodowechs, stieß. Die Zahl und Kostbarkeit der gefundenen Schätze
war außerordentlich groß: Waffen des Königs, Axt und Speer und viele
verrostete Eisenreste, sodann ein Schwert mit Griff und Scheide,
besetzt mit Gold und rotem Gestein, ein ähnlicher Skramasax, der
Beschlag eines Kästchens, ein Pferdeschmuck in Gestalt eines goldenen
Ochsenkopfes, dreihundert goldene Bienen, eine goldene Nadel, Spangen,
Agraffen, Schnallen, Ringe, alles von Gold und meist mit roten Steinen
oder Glas besetzt; Goldfäden als Reste von Gewändern; eine Tasche mit
Goldbügel, reich mit Gold- und Silbermünzen gefüllt. Dieser Schatz
(Abb. 14, Tafel II) wanderte nach Brüssel, dann nach Wien, später kam
der größte Teil als Geschenk für Ludwig XIV. nach Paris und blieb
seitdem im Besitz der Nationalbibliothek, 1831 wurde er freilich durch
Diebe entwendet und auf der Flucht in die Seine geworfen, doch meist
wieder aufgefischt. Trotz vieler späterer blieb dieser Fund stets einer
der bedeutsamsten. Die Reste der beiden Schwerter sind in ihrem Schmuck
von Gold und Zellenglas in dieser Art noch immer das Schönste, was wir
von solchen kennen[2].
Die hier in größter Vollkommenheit auftretende eigentümliche
Schmucktechnik des „Zellenglases“ besteht darin, daß auf eine goldene
Platte aufrechtstehende goldene Rippen oder schmale Goldstreifen in
Mustern aufgelötet werden, welche Zellen oder Kästchen zwischen sich
freilassen, die dann durch Almandine, Granaten oder andere Edelsteine,
später durch prächtig gefärbtes Glas (verroterie) ausgefüllt wurden.
Unter den sehr dünnen durchsichtigen Plättchen der Steine oder des
Glases wurden gemusterte, meist gestreifte Goldblättchen (Folien)
eingelegt, deren Muster und Glanz durch den Stein durchschimmert. Das
Ganze hat nachher oft eine wunderbar glänzende Politur erhalten[3].
-- Die farbige prachtvolle Wirkung dieser Art von Juwelier- und
Goldschmiedearbeit ist von jeher höchlich bewundert worden; sie darf
als eine nur den Germanen eigentümliche bezeichnet werden und scheint
im Osten der germanischen Welt, bei den Goten am Schwarzen Meer ihren
Ursprung gefunden zu haben; dort tritt sie schon an Arbeiten des 3.
oder 4. Jahrhunderts auf; ihr Gebrauch blieb lebendig bis ins 10.
Jahrhundert und gewann inzwischen vielleicht nur an einer gewissen
Kraft und Gediegenheit. Es ist erstaunlich, daß, während andersfarbiges
Glas, weißes, grünes und blaues, wie solches insbesondere von den
Franken viel zur Abwechslung eingefügt wurde, heute meist völlig
verwittert, wenigstens unscheinbar geworden ist, das granat- oder
rubinrote sich überall bis heute unverändert leuchtend und prächtig
erhalten hat.
[Illustration: