IDYLLE

BAUER zenterte und Fischera konnte unhaltbar einsenden, eine halbe

Minute später pfiff der Schiedsrichter ab: der Länderwettkampf

Österreich-Ungarn war für ersteres 4:2 siegreich entschieden. Ein

ungeheures Gebrüll durchdrang die Maienlüfte, die Menge warf sich ins

Spielfeld, um ihre besonderen Fußballlieblinge auf den Schultern

hinauszutragen. Das Logenpublikum eilte zu seinen Autos. »Ja, Josef,

fahren Sie direkt nach Haus.« Frank Merten half seiner kleinen Frau in

den Wagen. Die beiden sprachen anfangs kein Wort. Frau Herma hatte ihre

rechte Hand über ihre müden Augen gelegt, die andere aber lag sehr

kindlich in der des großen, breitschultrigen Mannes, der ihre Finger

einzeln und sorgfältig liebkoste. Auf den Gassen weiter draußen gegen

Lainz und Mauer waren die obligaten roten Blusen, in denen die Mädchen

unserer Stadt steckten, und die Wiesen sah man voll Sonntags und

Papierln. Die Grünheit des Tiergartens schien freundlich herüber, Sonne

war da. Frank Merten sagte: »Weißt du, Liebling, wir haben heute viele

Menschen gesehen -- bei Renskys war es eigentlich ganz nett -- und jetzt

das Match.« Herma dehnte die vom Sitzen steifen Glieder: »Ja -- du --

vier Besuche . . . aber beim Ländermatch das Geschrei hab ich so gern.«

Er steckte ihr ein Schokoladebonbon in den Mund und sie machte die Augen

wieder zu. »Du, Hermelein, ich habe heute wieder den blödsinnigen

Liebes-Tag. Am Abend haben wir heute keinen Menschen draußen -- zwar,

die Randolfis warten schon lange auf eine Einladung -- --« Als sie dann

vor ihrer Rodauner Villa ausgestiegen waren und das Auto war

fortgeschickt -- sie gingen Hand in Hand zwischen Taxushecken dem Hause

zu -- lächelte sie ganz plötzlich und zeigte ihre Zähne: »Schick auch

die Diener weg außer dem Karl. Heute haben wir Mond. Wir wollen allein

sein im Garten, nicht Bubi?« Als sie in die Halle traten, kam der Diener

Karl schon auf sie zu. »Etwas Neues?« »Nichts, Euer Gnaden. Das heißt

ein Mann war da, ein Gartenbursche von Scaldonettis drüben, glaub' ich.

Er hat das gebracht.« Karl wies auf einige schmutzige Tücher, unter

denen die Pfoten eines Bullys hervorschauten. »Hat man ihn endlich

gefunden -- ja, aber so -- wer hat ihn denn?« Dr. Merten machte ganz

bestürzte Kinderaugen. »Die Lausbuben, die Pülcher, mit Schrot -- wann i

die derwisch.« Frau Herma war über die Fetzen gebeugt und sprach einige

Worte zu dem toten Hundekopf. Dann richtete sie sich auf: »Na, armes

Vieh . . . Erinnerst du dich, Tante Blanca hat es zu Ostern vor einem

Jahr -- -« Ihr Mann aber war schon ins Schlafzimmer vorausgegangen. Sie

sagte noch zum Karl: Ȇbrigens sagen Sie den Leuten, es kommt heute

niemand her. Sie können alle weggehen, auch die Fanny. Es ist doch

Kaltes da und Obst? -- ja, also decken Sie auf der Veranda auf.« »Ich

möcht schön bitten, Euer Gnaden, meine Tante hat heut ihren 60.

Hochzeitstag gefeiert und wir sind alle beim »Schneider« unten -- --«

»Gut, gehn Sie halt auch. Aber machen Sie alles nett. Ein paar Blumen zu

Tisch. Und wenn Sie weggehn, machen Sie beide Türen gut zu.«

Drinnen im Badezimmer hatte Frank schon das verschwitzte Hemd von sich

geschleudert, den Kopf unter die Brause getan und pustete gewaltig.

Herma fuhr auch recht schnell und gewandt aus ihrer Straßentoilette.

»Hast du die Lisie schon weggeschickt?« schrie er ins Schlafzimmer

hinein, »soll ich dir helfen?« Da flog auch schon die gnädige Frau mit

der Schnelligkeit ihrer zweiundzwanzigjährigen Beine ins Badezimmer und

küßte Frank oft und stürmisch ins nasse Gesicht. Sie lachte unausgesetzt

über ein Haar, das ihm von seinem Scheitel so komisch wegstand, wofür er

sie hinterrücks mit der Douche überraschte. Hierauf trockneten sie sich

zusammen in einem schneeweißen Badetuch ab. »Du, Nunnerl, ich zieh mir

den Smoking an. Du, geh, nimm auch dein hellblaues.« »So üppig? Aber du

mußt einen niedern Kragen haben, wo du wie ein Gymnasiast ausschaust.«

»Ich -- Gymnasiast?« Er straffte seinen Oberarmmuskel. »Schon gut.« Sie

fuhr ordnend über seine Augenbrauen . . . . . . . . . .

Beim »Hellblauen« mußte er allerdings hinten mithelfen, Sie sah hübsch

aus vor dem offenen Fenster -- weiter drüben war ein blühender

Kirschbaum in letzter direkt kitschiger Abendröte. »Ich glaube das mit

dem Bobby war der Aushilfskoch, der mit mir so -- war -- du warst auch

etwas roh.« »Ach was, so ein frecher Hund -- überhaupt brauchen wir

keine Riesen im Haus.«

»Euer Gnaden, es ist serviert.« »Also gut, gnädige Frau?« Frau Herma

hing sich förmlich in ihres Mannes Arm ein, sie gingen durch ein paar

Zimmer, die dunkel lagen, auf die Veranda. Der Tisch war voll Goldregen

und alles sehr appetitlich. Nachdem sie auch Karl entlassen, liefen sie

noch einmal zum Rosenbeet hinunter und Frank steckte der gnädigen Frau

zwei Rosen ins Haar, er selbst befestigte sich eine im Knopfloch. Dann

lächelten sie sich in die Augen und als von einer auf der Gasse

vorbeiziehenden Menschengruppe Ziehharmonikaklänge heraufkamen, tanzten

sie einen Walzer mitten im schönen Rasen. »Du, der Herr Rubek wird

schimpfen --« Er hob sie und trug sie freudig zu Tisch. Die

Abendschatten waren ganz lang geworden und eine Frühlingsnacht ließ

Schleier von den Bäumen flattern. »Weißt du, -- aber zum Essen muß man

etwas sehn.« Frank stellte eine rote Lampe auf den Tisch, in deren Licht

alles sehr freundlich zu ihrem Herzen kam. Dann aß man mit jugendlichem

Appetit: Hummer und Mayonnaise, kaltes Händel und Roastbeef. Der Bursche

hatte auch nicht den Champagner vergessen, ein Stöpsel flog in die Luft,

sie tranken aus gewechselten Gläsern und er sagte: »Nunnerl, ich hab

dich so lieb s« Er breitete die Arme weit. Bei den Erdbeeren wurde es

dann ganz schön. Der Mond kam rot und lieblich wie eine Blüte über die

Ebene, so daß sie die Lampe verlöschen und sich auf seinen Schoß setzen

mußte. Die Erdbeeren rochen fabelhaft nach Wald und den warmen

Lichtungen, auf denen sie gewachsen. Herma zerzupfte mit ihren Zähnen

die Knopflochrose und schaute in das starke Gesicht ihres Mannes. Sie

waren so nah -- sie küßten sich. Der Horizont mit Stadtlichtern und

einer geahnten Weite schien sich um sie in lieblichem Ringelreihen zu

schließen -- von dem Ginster dort sang die Nachtigall eines Dichters und

der Springbrunnen war der Friede. Der Mond stieg -- »Weißt du, Buberl,

damals, als ich --« Ihr Arm hatte sich zu seinem Herzen geschlichen und

hielt ihn ganz. Die Zigarette war ausgegangen. »Weißt du, daß wir

glücklich sind?« -- -- Der Kies war wie Elfenbein und jetzt war ein

Wind, der die Silberpappeln an der Einfahrt zittern machte, das Einzige,

das zu leben schien. Die beiden atmeten und träumten. »Weißt du, wir

sind im Himmel.« Eine Karaffe auf dem Tisch nickte ihren gleich

schauenden Augen zu, Goldregen kam zu ihnen. Der Mond stieg und ließ

Musik in ihr Herz. Ihre Körper wurden warm aneinander wie eine schöne

Flamme. Frank summte leise eine Melodie. »Schau, Hermelein, hole deine

Mandoline aus dem Herrenzimmer.« »Oh, was für eine gute Idee . . .« Sie

biß ihn in das Ohr und fort war sie wie eine Katze. Er ließ die Arme von

dem Fauteuil herabhängen und blies heitere Wolken von der neu

angezündeten En A' Ala dem Mond ins Gesicht. Drinnen warf scheinbar beim

Herunternehmen der Mandoline die gnädige Frau das Konsoltischerl um.

Pum. Pum. Nein, es war wieder still. »Wo das Mäderl nur bleibt?« Im

Ginster raschelte es. Frank erhob sich -- »sie hat wieder nicht Licht

gemacht --« und trat in die Türe. Er wollte das »Elektrische« anzünden,

das aber scheinbar nicht funktionierte und durchmaß deshalb im Dunkeln

den nicht allzu großen Raum. »Weißt du, Mäderl, wir werden --« Da sah

er, nachdem er die nächste Tür geöffnet, im süßen Mondschein eine weiße

Hand, weiter nichts mehr. Denn ein furchtbarer Schatten fiel wie der

eines Tieres von hinten über ihn, würgte ihn, ließ ihn nicht sich

umdrehen, zog ihn zu Boden. Seine Hände spreizten sich -- »Jetzt gilt's

-- Leben -- Herrgott --« -- ganz rohe pfauchende, laute Stimmen. Etwas

kollerte er von sich und dann kam eine Spitze durch die Smoking-Brust

und tat weh. Er schlug hart mit dem Kopf auf, hörte noch, wie Kasten

aufgerissen, zersprengt wurden, ein Wimmern, schwere Schritte. Dann

stürzte sein Himmel ein, rote Kugeln schossen vor seinen Augen hin,

seine Hand hob sich, sank zurück . . . . .

Die Raubmörder verließen das Haus, nachdem sie sämtliches Bargeld samt

Pretiosen im Gesamtwert von rund 300000 K an sich gebracht und das Licht

verlöscht hatten, über die hintere Mauer des Gartenkomplexes, bestiegen

ein Auto und fuhren nach Italien, um sich gegen Brasilien einzuschiffen

. . . . . . . . . . . . .

Dort drinnen schien aber der Mond noch immer auf einen frühlinglich

gedeckten Tisch und gepflückten Goldregen. Nur das Blut, das in die

Dielen sickerte und dann dick ward, war seinen heiteren Blicken neu. Und

als er auf die entstellten Leichen der Liebenden schaute, die durch ein

weites, verwüstetes Zimmer getrennt waren, zog er eine Wolke vor sich

und weinte . . . .

Das zerstörte Idyll: Novellen · 第 8 / 9 题