DER JUNITAG

IN der Wohnung des Sektionschefs von Hornische standen die Möbel schwer

und altbraun herum und es roch nach Schmerzen. Die Doktoren sagten: »Man

hat alles getan -- man muß lindern«. Frau Alwine von Hornische zeigte

sich gefaßt. Sie linderte und ging herum wie eine böhmische

Krankenschwester. Oft richtete sich noch Sektionschef Otto von Hornische

mit dem Kaiserbart im Bett auf, fluchte laut und warf seine Spuckschale

mitten ins Zimmer und schrie und ward rot: »Die Alte hinaus . . . mein

Mädel . . .« und der Rest wurde von einem quälenden dumpfen

Schmerzenslaut unterdrückt. Dann hieß es »Das Mädel muß heraus --

Krankenatmosphäre -- Tante Frieda . . .«

Das Mädel war die siebzehnjährige Tochter. Sie hieß Gretel und hatte

Augen, grau, jungfräulich und zum Weinen unschuldig. Auch sonst war sie

hübsch und schlank. Es ist eigentlich von ihr nur zu sagen, daß sie

siebzehn Jahre und ein Mädchen war. Sie hatte noch nie geküßt.

***

In Tante Friedas Wohnung hatte der Dämon der Zeit die Makart-Buketts

mitzunehmen vergessen, und man ahnte von ferne Reifrockzeit und

Familienblätter. Gretel langweilte sich hier äußerst. Jeden Tag kam Mama

herüber und erzählte. Gretel wandte sich roh ab und dachte: »Wenn nur

der Alte schon . . .« Und Tante Frieda erzählte viel von Bismarcks Frau,

die sie einmal gekannt zu haben vorgab. Es war ihr alles zuzutrauen.

Gretel war ein Sportsmädel, wie es sie trotz versichernder Feuilletons

der Presse und trotz Semmeringtouren doch wirklich gibt. Sie riß die

Fenster auf und sah sich nach einer Tennispartie um. Tante Friedas Villa

lag in Hietzing . . . . . .

Es war ein gesegnetes warmes Frühjahr. Gretel fragte plötzlich: »Du

Tante, was für einem Herrn gehört denn die Villa dort drüben?«

»Hoflieferanten Schneider Striberny. Mein seliger Mann hat immer . . .«

»Ja und der sitzt immer am Fenster dort bei den Büchern . . .«

»Ah nein -- das -- das ist nur ein Gast von ihm. Ich glaube

Geschichtsprofessor -- -- krank gewesen -- eigentlich verwandt mit euch

-- -- -- wohnt sonst in Ottakring so -- Ja Gymnasialprofessor . . .«

Gretel lachte: »Sitzt immer bei die Bücher; bei so einem schönen

Wetter.« Der Mensch dort drüben schaute auf. Gretel nickte: »Ja Sie

mein' ich.« Dann spitzte sie den Mund und wollte pfeifen. Tante Frieda

verwies es ihr. -- -- -- -- -- -- Gretel war seit einiger Zeit müd,

abgespannt. Sie ging nicht mehr zu den Tennispartien. Beim Essen blickte

sie auf, und ein Knödel hing gedankenvoll an ihrer Gabel . . .

»Der erste Mai ist heute. Und schon so warm. Man sollte etwas anstellen

heute.« Sie streckte sich, daß man die weiche Biegung ihres Körpers sah.

»Ich werde wieder hinein zu den Eltern fahren . . .« Tante Frieda putzte

die schwere Brille. Sie murmelte etwas von: ». . . armer Vater . . .

ringt . . . sowieso nicht lange . . .« Plötzlich fragte Gretel: »Was ist

denn mit meinem interessanten Geschichtsprofessor?« »Wieder zu Hause

. . . Ottakringerstraße.« Dann kamen Wiener Tascherln herein und das

Obst. Gretel steckte sechs Kirschen auf einmal in den Mund und dachte

sich etwas . . . . . . .

Um halb Drei setzte sie ihren schicken Hut auf. »Ich geh spazieren

. . .« Draußen war alles grün in der Allee und Vögel sangen. »Warum

nicht?«, dachte das Mädchen und »es is a Hetz . . .« Von der

Hausmeisterin drüben bekam sie gewünschten Bescheid: »Ja, also jetzten,

gnä' Fräul'n, bei saner Familie, Ottakringerstraße 157 im vierten Stock«

. . . . . . . . . . . . .

Die feiertägliche Elektrische fuhr durch die staubige Vorstadt. Ihr

Läuten und das Pfeifen und das Tönen der Trompete und »ja, ja, steigens

nur ein, wir fahren nach Dornbach« -- alles schlängelte sich die nicht

angestrichene Wand des verklebten, blinzelnden Zinshauses hinauf. Denn

es war eine Haltestelle knapp vor dem Tore . . . Oft fluchte darüber

Ludwig Hunner und sah von seinen Pandekten in die Gulyasduft und Staub

tragende Viertestockluft. Die Knaben nannten ihn Hunzer. Er hatte ein

Gesicht wie ein lyrischer Lustmörder oder wie ein Revolutionär aus

Traurigkeit. Er war irgendwie mit reichen, mächtigen Leuten wie

Hornische und so verwandt. Der Reichtum war wie ein süßriechender Kelch

an ihm vorüber gegangen. Er war in seiner Jugend ein Aufwühler und etwas

verrückt und also am Wege liegen geblieben. Jetzt loderte sein

Fanatismus in Büchern aus Schweinsleder mit Bücherskorpionen und

zusammengebraunten Seiten auf. In seinem Hirn glühten und verfielen noch

immer Welten. Doch die Hand schrieb »nicht genügend« und über seine

gigantische Nase war das Gefängnis einer Brille gelegt. Die Augen waren

erloschen. Er hatte eine Gattin, welche nicht abließ, ihn »Luschi« zu

rufen und ihm Kinder zu gebären. Sie liebte ihn, und er hatte sie aus

Wut einmal gegen wen Andern geheiratet. Jetzt war ihr Leib reizlos, und

Ludwig Hunner ging an ihr bröckelnd und fluchend zugrunde. Siehe, auch

jetzt rief sie es wieder herein: den Schlachtruf ihres Lebens: »Luschi,

der Kaffee wird kalt.« Und inzwischen schoß der achtjährige Sohn Jonas

mit einer Luftpistole an die Wand. Ludwig Hunner aber exzerpierte gerade

mit seiner kleinen zerschmetterten Schrift etwas über den

dreißigjährigen Krieg und brüllte hinein wie zehn Löwen und seine Stimme

kam noch immer aus einem feurigen Krater: »Ich komme sofffort!« Da

läutete es draußen . . .

»Ja natürlich ist das eine unglaubliche Keckheit -- Aber ich hab mir

gedacht, wir sind eigentlich verwandt. Und wissen Sie -- ich langweil

mich sooo -- und ich hab Sie bei den Büchern sitzen gesehen und ich hab

mir gedacht, Sie langweilen sich auch. Nicht? . . .« Sie schwieg und

ihre Augen blieben an den waldigen Augenbrauen Ludwig Hunners haften.

Dieser brachte kein Wort hervor. Seine klobigen Hände zerknitterten

irgend ein Papier. Er war eigentlich in dem

»Dem-Herrn-Direktor-Vortrittlassen-ins-Konferenzzimmer« ein feiger

Philister geworden. Aus dem Nebenzimmer kam der Kaffee gekrochen;

eindringlich und braun.

»Wissen Sie . . . also man tut oft etwas Plötzliches mit siebzehn. So

ganz etwas Plötzliches.« Sie . . . stand auf und in ihrem Innern dachte

sie schon »So ein Blödsinn.«

»Ich könnte auch gehn.«

»Aber nein« -- er wurde lebhaft. Er nahm sie bei der Hand. »Eigentlich

ist das ein großes Glück . . . habe immer auf so etwas Plötzliches

gewartet als ich jung war.« Seine Stimme versank. Er führte Gretel ins

Speisezimmer. -- -- »Also, Emmy, das Fräulein war so lieb und hat sich

uns anvertraut. Sie ist ohne nähere Verwandte« -- er log aus Angst --

Gretel zuckte spöttisch mit den Mundwinkeln -- »ohne Verwandte und hat

sich gedacht, wir werden uns ihrer annehmen. Wir werden ihr in Zukunft

immer unser bescheidenes Heim zur Verfügung stellen.« Noch nie hatte er

so lang und so weltmännisch mit seiner Frau geredet. Diese zwinkerte

Gretel prüfend an, rief dann kreischend etwas von einer neuen Tasse in

die Küche, verwies der kleinen Inga das Nasenbohren und der Anfang war

gemacht . . . Ludwigs Glut war schon längst Zucht und Beherrschung

geworden. Er war dabei allerdings ein wenig um die Theatralik und das

Gepränge der gesprochenen und gehandelten Tat gekommen. Doch nun

entzündete er sich, wie er mit einem so fremden, andern, neugierigen und

selber angestaunten Individuum über den siebenjährigen Krieg sprach und

Alt-Ägypten und Napoleon. Er fuhr sich mit der Hand einige Male über die

Haare, die ungekämmt waren, und schob das kleine Mizzerl ganz aufgeregt

beiseite, als sie sich auf seinen Schoß setzte und voll starren Staunens

auf die weißen Mädchenhände Gretels blickte . . . Es war sieben Uhr

geworden. Die Bücherdeckel erglänzten im letzten Sonnenstrahl. Gretel

unterhielt sich geradezu. Sie dachte immer »Komisch -- sehr komisch

. . .« Es kam über das Staubmeer ein Duft. Dann zündete Emmy die

Petroleumlampe an. Gretel ging. Sie ging über die Stiege und lachte über

das ganze Gesicht. Sie dachte . . . »Komisch . . . sehr unterhaltend --

also Napoleon hätte nicht mit Metternich sprechen sollen in Dresden und

Amenhotep war der erste, der . . .« Sie lachte laut heraus und stieg

fast in einen H2-Wagen ein, der sie nie nach Hietzing gebracht hätte.

Oben trank Ludwig Hunner ein Glas Wasser in einem Zug aus, richtete

seine aus der Fassung gebrachte Krawatte und rief dann ins Nebenzimmer

»Emmy, unser Abendspaziergang!« Worauf er mit Kind, Kegel und Gattin in

irgend einen Dr. Karl Lueger-Jubiläumspark ging, der rhachitische Kinder

und staubige Reifen ahnen ließ -- -- -- -- -- --

Es gefiel Gretel von Hornische in der Ungewaschenheit und Stilwidrigkeit

des staubigen Kleinbürgertums herumzurühren. Sie ahnte auch irgendwo

einen Brand, etwas Außerordentliches unter diesen Abzahlungsmöbeln. Sie

kam öfter im Mai in die Ottakringerstraße. Sie sagte ganz offen zu Tante

Frieda: »Ich gehe zu armen Verwandten. Aber laß mich mit deiner blöden

Tennispartie aus.« Sie starrte die Hände Ludwig Hunners an, die die

Hände eines Bergarbeiters waren. Ihre Neugierde wuchs; sie drehte sich

im Nachmittagsschein vor dem Fenster und legte ihren Kopf auf die Hände.

Und es erwachte die kleine Bestie in ihr. Ludwig Hunner aber sprach laut

und deutlich. Er sprach jetzt von seinen Wünschen und Ambitionen. Gretel

blinzelte. In muffigen Ehegebührsumarmungen, bei Kind und Nachttopf und

hängenden Brüsten war in Ludwig jeglicher erotische Sinn abgestorben.

Nur manchmal nahm er ein Stück Monatsgehalt und lebte sich aus. Trotz

allem sah sein ästhetisches Auge, wie unglaublich gut diese Linie war,

wenn sie sich bog, und die Hüften waren schlank und aufreizend. Er mußte

auch lächeln; »Warum lachen Sie?« »Ich dachte, daß es eigentlich sehr

komisch und sehr nett von Ihnen ist.« »Was denn?« »Daß Sie zu uns

kommen.« Seine Stimme bebte. Später sah er ihr nach, gelehnt an seine

älteste Tochter Karla, die dreizehn Jahre war, und zittrige Haarsträhnen

krochen über ihr Gesicht. Gretel kehrte sich um und winkte herauf. Ihr

Kleid leuchtet wie roter Mohn. Ein Gewitter-Windstoß fuhr Ludwig in die

Haare, die er sich am nächsten Tage schneiden ließ . . . Er ließ sich

auch den Schnurrbart abnehmen . . . Vater von Hornische rang noch immer.

Tante Frieda meinte, die Besuche müßten aufhören. Gretel ging jetzt

justament hin und fast jeden Tag. Gretel kam einmal unvermutet gegen

Abend noch einmal. Sie hatte ihr Tascherl vergessen. Sie sah Ludwig

nicht am Arbeitstisch. Aber über seiner Schreibmappe thronten, unten

angeschwärzt und umgekehrt, zwei Röllchen. Dies wirkte furchtbar

komisch. Sie mußte auch sehr lachen. Als Ludwig hereinkam und die Szene

erkannte, bekam er einen guten Zorn, einen Bubenzorn, und warf die

Röllchen mitsamt den 40 Heller-Imitations-Knöpfen in die

Ottakringerstraße hinab und schrie ein ordinäres deutsches Schimpfwort.

Gretel staunte. Aber Emmy mußte vier Tage hindurch Manschetten annähen,

trotz ihrer Schwangerschaft -- -- -- -- -- -- -- -- --

In dem Hause und der Wohnung Ottakringerstraße 157 gab es viele Dinge

und es war eine bewegte, kreischende Symphonie des Mittelstandes und der

Arbeit. Es gab enge, verschrumpfte Drehstiegen mit unheimlichen, offenen

Gasflammen, die zischten und pfauchten. Und einen Hof, in dem plötzlich

in der Mittagsglut der Mehlspeisendüfte wandernde Sänger auftauchten und

ihr Lied aufsteigen ließen, das da gewöhnlich ging: »Hupf mein Mäderl!«

Vorn spielten Rotznäschen und schwarze Finger am Trottoir, das Risse

hatte, mit undefinierbaren Kugerln. Und Klopfbalkons und Gerüche

sämtlicher Kuchen Wiens. Da war eine Köchin mit stets aufgesprungenen,

roten Armen, die jeden Dienst bei Hunners verrichtete. Sie roch aus dem

Mund. Stühle waren vorhanden, die wackelten, und halbtrockene Windeln im

Gangerl und fünf Kinder und der Knabe war gewalttätig und schlug Lärm.

Ferner Nachttöpfe, die sehr begehrt waren, und ein Bett, das nie gemacht

war, und Flüche und Häuptelsalat, worin eine Raupe umherkroch, und

Mizzerl kreischte dann: »Schau, Máma, ein Vieeech!« und Zinnsoldaten am

Boden zerstreut und ein Kübel mitten im Zimmer und an den Wänden Stiche

aus der »Gartenlaube« und die gelbe, häßliche Uhr ging um eine

Viertelstunde zurück und Berge, Berge von Büchern und Scripten und

Heften, beklexten und halbvoll geschriebenen. Und »Pápa, darf ich heut

in den Zirkas gehn?« und »Emmy, heute ist Konferenz, gib den Schlußrock

heraus!« und der Ehrenteller bei Tisch war auch schon gesprungen und die

Lotti hat sich einen Schiefer eingezogen. Über allem aber thronte,

frisch und herrlich, Gretel von Hornische . . . . . . . . .

Mama spannte sie hie und da zu kleinen Dienstleistungen an. Trotzdem

lächelte sie und kam weiter hin. Sie gingen auch manchmal zusammen nach

Dornbach hinaus in den Wald -- -- -- Es war ein warmer Mai -- -- --

Einmal gingen Gretel und Ludwig mit der kleinen Marie. Plötzlich sagte

diese: »Geh, Vater, geht's voraus -- ich hab da so viel schöne Veigerln

gesehn!« Sie bückte sich und pflückte. Gretel lachte und sie gingen zu

zweit weiter. Ludwig fuhr sich am Hemdkragen herum und etwas sagte in

ihm: »Du bist verliebt.« Er aber erklärte, daß der Tag herrlich sei.

Gretel lachte und war neugierig. Da sagte er: »Das Kind ist gescheit«,

und küßte Gretel auf den Mund. Sie küßte ihn wieder und beide bluteten

dann ein wenig. Am Rückweg fragte Gretel, ob sie wirklich verwandt

seien, und sagte dann: »Da sind Sie ja mit Kinskys verwandt. Wir sind es

nämlich.« Sie freute sich, daß sie doch nicht nur die glutvollen Lippen

einer Feuerseele geküßt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

. .

Es war Juni. Es war bereits heiß. Wenn Gretel jetzt kam, ließ sie sich

die Hand so von innen küssen und den Nacken und sie sagte möglichst

kühl: »Gut, daß du rasiert bist!« Es war aber auch in ihr Juni . . .

Ludwig Hunners Philisterherz zerschmolz zu dem heißen Steinkern seiner

einstigen Jugendlichkeit. Wieder türmten sich die Gedanken und lauerten

auf die Tat. Seine Seele hielt die Zügel und den Atem an . . . . . . .

Arbeiter sangen, Elektrische und Automobile rasselten, es leuchtete

drüben über dem Wienerwald. Die Luft war schwer. Im Speisezimmer

flackerte das Petroleumlicht und der Aufschnitt stand auf dem Tisch.

Gretel war heute auch zum Abendessen da; weswegen Mizzis neues Barterl

vorhanden war und man es Jonas verbot Nägel zu beißen. Das ganz Kleine

weinte, weil es Angst vor Gewittern hatte. Emmy stand nun auf; sie war

gelb und, wie gesagt, wieder einmal in der Hoffnung. Ihr Leib war

gedunsen und sie sah wie ein Traumbild Goyas aus. Sie stand auf und

wankte hinein und man hörte sie erbrechen. Mizzerl lief ihr nach und die

andern Kinder bekamen Angst und rannten aus dem Zimmer. Ein Bierglas war

umgefallen und der Zylinder der Lampe knackte. Ludwig saß da, starr wie

ein Stier. Gretel aber rief, flötete, sang: »Küß mich!« Er sprang auf,

hob sie, trug sie aufs Sofa, riß ihr die Bluse auf und küßte sie auf die

kleinen, zarten Brüste und den Lilienhals. Sie biß ihn und flüsterte

sommerhaft und mädchenglutend: »Ich liebe dich!« Es weinte aber ein

kleines Kind nebenan. Ein Donner schreckte die beiden auf und Emmy rief:

»Also vorwärts, zu Tisch, Kinder!« Und man versetzte sich zurück in die

Gefilde der Bürgerlichkeit und Gretel erklärte, sie sei beim

Uhraufziehen an einem Nagel hängen geblieben und schade um die schöne

Bluse. Die alte Uhr ging aber wirklich plötzlich. Unten sang man: »Trink

ma no a Flascherl . . .« und Jonas gab fest und knabenhaft seiner

Meinung Ausdruck, er esse keine Dürre nicht. -- -- -- Obwohl es gegen

Schulschluß ging, war Ludwigs starre und strenge Observanz doch so

geschwunden, daß er sich um das Gymnasium gar nicht kümmerte. Er holte

jetzt Gretel in Hietzing oft ab, sie gingen in einen Wald hinter der

Einsiedelei. Es war vier Uhr und durch Blätter kam weiße Hitze und sie

küßten sich. Das siebzehnjährige Mädchen war älter und wieder frischer

als der Mann und ihre Leidenschaft sah Ziele. »Seltsam, daß ich mich in

dich verliebt hab« und »wenn mein Vater stirbt, läßt du dich scheiden,

wir heiraten. Oder ich ziehe in die große Wohnung und ich werfe Mutter

hinaus und du wirst mein Geliebter. Übrigens habe ich da jetzt eine sehr

nette Tennispartie gefunden, vielleicht lasse ich dich fallen . . .« Da

wurde dann sein Gesicht zerrissen und gewaltig und sie bekam Angst.

Manchmal dachte sie: »Ich liebe ihn wirklich, sicher, und es ist meine

erste Liebe und seine Küsse sind Glut-Küsse, ah . . . Aber ich bin eine

Jungfrau und muß klug sein.« Und: »Sollte ich nicht plötzlich

verreisen?« Denn oft war es ihr, als wüchse seine Schwerheit und Trauer

über sie hinaus, sie wollte sich verkriechen und, als er einmal brutal

wurde -- nur einmal -- und sie auf einem Spaziergang in ein

Stunden-Hotel zerren wollte, schrie sie so laut, daß Passanten stehen

blieben und er ohne Gruß fortstürzte . . . Denn sein Inneres war ohne

Weg und Form. Er torkelte zwischen Entschlüssen und Taten hin und her

wie ein Betrunkener. Er kaufte sich einen Revolver; er wollte sich in

die Donau werfen. Er wollte ganz schlicht und einfach eine Ehescheidung

einleiten. Er wollte Gretel nicht mehr sehen. Er wollte mit ihr fliehen.

Er wollte vieles . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

. . . . . . .

Am Abend des 26. Juni sagte Gretel ihm an der Gartentür in Hietzing

adieu und, daß sie morgen wahrscheinlich nicht kommen könne, denn ihr

Vater liege in Agonie. Ludwig sagte: »Gute Nacht, mein Liebling!« und

war ganz weich. Wolken zogen über seinen Weg, als er heimging . . . . .

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

(Seine Frau kränkte sich schon lange und hatte auch Szenen gemacht.

Ludwig sagte immer: »Aber laß doch!« und »gardez les enfants!« Tante

Frieda ihrerseits schüttelte nur den Kopf und in Hietzing lächelte man)

. . .

Da kam der 27. Juni. Es war schon am Morgen heiß und man ahnte, dies sei

ein Tag der Züchtigung und der Glut. Doktor Schwalbenschwanz hatte sich

um ½9 in der Ottakringerstraße eingestellt, hatte »Hm, hm« gesagt und

die gnädige Frau werde gegen Abend niederkommen und die Hebamm', ja, ja,

er werde schon alles ordnen. (Die Kinder waren schon seit drei Tagen bei

den Großeltern mütterlicherseits.) Ludwig ging mit großen, idiotischen

Schritten in seinem Zimmer auf und ab. Er schlug bald die Geschichte der

Kolonial-Entwicklung auf, bald die Chronika der Stadt Nürnberg. Dann

setzte er sich, strich sich über die Haare, lächelte befriedigt. Wurde

unruhig, zerspitzte einen roten Bleistift und band sich einen neuen

Schlips um. Zu Mittag warf er mit einem gewaltigen Aufbrüllen die

Köchin, die ihm einen »falschen Hasen« hereinbrachte, zur Türe hinaus

und aß überhaupt nur ein Stück Semmel und ein wenig Kirschen. Um ½3 Uhr

ging er dann zu seiner Frau hinein, streichelte sie und sagte, er sei

gleich wieder zurück, er müsse sich nur ein Buch besorgen. Hierauf ging

er zum Thermometer im Hof, konstatierte, daß es 26 Grad im Schatten

habe, nickte mit dem Kopf und nahm aus einer Lade den Browning. Dann

bestieg er die Tramway, nahm sich eine 20-Umsteigen und fuhr über den

Gürtel gegen den Parkring. Ja, ihr Vater war heute dort gestorben und er

mußte sie sehen, heute sehen, gerade heute. Er fuhr im hintern Beiwagen.

Neben ihm troff ein bläulicher Mann von Fusel und Schweiß. Die Fenster

waren offen. Man sah die grünen Kastanienbäume und das aufgerissene

Pflaster unserer Stadt. Die Blätter waren hie und da gegelbt von der

Hitze, und die Arbeiter hatten das Hemd offen und zeigten die zottige

Brust. Dort sprachen zwei mit Rackets von einem Tennistournier. Um die

Ecke der Märzstraße zog ein Knabenhort und die Trompete klang schrill.

Am Getreidemarkt hatte ein Roß gescheut. Leute liefen hin und her, Wache

war da. Ludwig richtete sich auf und, als er einen umgestürzten

Streifwagen sah, dachte er nur: »Ah, ja -- ganz klar.« Im Palais

Hornische sagte man ihm dann, da er sich für einen Abgesandten des

Tennisturniers ausgab -- er hatte etwas von Gretel gehört und benützte

diese unwahrscheinliche Ausrede -- »Ach, ja, gewiß« -- und der Portier

blickte von oben herab -- ja, der gnädige Herr sei gestorben -- das

gnädige Fräulein könne natürlich nicht zum Tennisspielen kommen -- sie

sei aber zu Verwandten nach Dornbach oder so, um ihnen die Nachricht

mitzuteilen. Ludwig lachte ihm ins Gesicht und klopfte ihm mit seiner

gewaltigen Hand auf die Schulter und floh dann fort. Rannte zur nächsten

Elektrischen und dachte -- »Ah -- ah -- sie mußte mich auch sehen -- nun

ja, 26 Grad -- morgen sind Wahlen.« Einer sprach von Schuhmeier und

Lueger selig . . . . . Gretel war vom Sterbebett -- es sah unordentlich

und gar nicht wie ein Paradetod aus -- es war zu sommerlich, um im Bett

zu sein -- sie war also unter irgend einem Vorwand weggestürzt. Sie

rannte zu Fuß über den Gürtel, sie wußte nicht, was sie wollte, sie

mußte ihm etwas sagen, sie zitterte, es flimmerte ihr vor den Augen. Nur

heraus aus dieser Dumpfheit, dieser Krebsluft. Sie wollte mit ihm einen

Ausflug nach Rodaun machen. »Das geht aber nicht, man darf sich nicht

kompromittieren.« Sie seufzte. Keine Wolke war am Himmel. Sie kaufte

sich Gefrorenes und verzehrte es trällernd. »Herrgott -- die Sonne ist

was Schönes!« Auf der Stiege trafen sie sich dann . . . . . . . . . . .

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Warum packst du mich so roh an der Hand?« Er zog sie in sein Zimmer.

»Du -- ah -- du!« Die Rouleaux waren herabgelassen; es war bräunlich im

Zimmer. »Küß', ja, küß' mich!« Sie waren ans Bett getaumelt. Er zerrte

an ihrem Haar, an ihrem Kleid. In seinem Gesicht stand mit großen

Zeichen die Sommerwut der Hunde zu lesen. »Nein -- du laß -- schau -- es

geht doch nicht s« Jetzt war etwas Schwärzliches da. Sie schlug ihm den

Revolver aus der Hand. »Bist du wahnsinnig? -- aah -- mit Gewalt?!« Sie

rüttelte an der Türe, die versperrt war. »Du -- Du« Ihre beiden

Schultern bebten vor Erregung. Er stand breit da wie ein brunftendes

Tier. Sie sprang ihm mit den Händen ins Gesicht. »Du Prolet -- du

Kot-Mensch!« Sie kratzte. Er packte sie bei den zarten Handfesseln und

schleuderte sie zu Boden. Einen Augenblick wimmerte sie, dann ein Schrei

-- doch er sprang an ihre Gurgel und schleuderte sie hin und her. Jetzt

war nur mehr Lachen, ihr Lachen, ihr triumphierendes Lachen da. Es

sprang von den Büchern herab, von der Wand herab in sein Hirn . . . . .

. . . . . . . . . . . .

Da erwürgte er sie.

Das zerstörte Idyll: Novellen · 第 6 / 9 题