DER kleine Prinz war immer schon blaß, hemmungslos und manchmal direkt
verrückt gewesen. Er -- vielmehr seine hochgeborene Frau Mama -- hatte
ein recht stattliches Vermögen von rund vier Milliarden Dollar, als sie
herüberkamen mitgebracht. Die Kindheit sollte er wo in Florida verbracht
haben, als er aber knapp sechzehn war, da wäre es nicht mehr mit ihm
auszuhalten gewesen. Jede Woche schlug er mindestens einen Sklaven mit
seiner eigens konstruierten Peitsche zu Tode. Jede Woche brüllte er, er
wolle ein Land haben, er wolle herrschen, König sein. Er wolle Menschen
kneten, auf Städte seine Hand legen. Da hätte man sich gegen Europa
eingeschifft -- natürlich auf der eigenen Jacht -- und jetzt auf einmal
sauste ein scharlachrotes Auto durch die Straßen Kölns.
Also sprachen die bauchigen Stadtväter und manche munkelten noch
anderes: »Ja, gewiß, die ganze Überfahrt habe er Fieber gehabt -- er sei
überhaupt blind -- wie er in Antwerpen ans Land stieg -- er habe noch
nie den Namen Köln gehört -- habe er plötzlich geschrien >Köln! Köln!<
-- er sei allein vorausgejagt -- in 1½ Stunden bis Lüttich, dann mit dem
Aeroplan hierher -- die Mutter weint immer -- er hat das ganze Domhotel
nur für sich gemietet -- -- siebenmal war er schon beim Bürgermeister
gewesen -- --«. Die Uhrketten wackelten bedenklich und fast jeder strich
sich unruhig-blinzelnd über das Haar, bis sich ein behaglicher Schnalzer
im Munde formte: ». . . nun, und die kleine Schwester -- sie ist
vierzehn-einhalb -- na, dort im Süden -- ich bitte, man sagt . . .« Wie
jetzt Adjunkt Keppel dazutrat, machte man fast eine Gasse (Der Mann
konnte Two-step tanzen wie ein junger Gott): »Ich habe eben das
Scharlachene über die Rheinbrücke sausen gesehen . . .« »Oh, wohin,
glauben Herr Adjunkt . . .« Dieser strich sich den englischen
Schnurrbart -- es ist wahr, er war schon zweimal verheiratet, erst 30,
ein Verhältnis soll er auch haben -- der Kerl -- na, der Kerl sprach
jetzt: »Man redet von ganz eigenartigen Dingen. Ich mit meinen
Beziehungen zum Magistrat kann aber bestimmt sagen, er hat sich nach
Berlin direkt an S. M. gewandt. Deutschland braucht Geld wie ganz
Europa. Die Sozial- und Militärrevolution zehrt noch immer an unserm
Gebein. Nun man hat ja -- Gott sei Dank -- diesen blutigen Scherzen ein
entsprechendes Ende bereitet . . .«
(Finanzrat Müller, »der rote Müller«, räusperte sich scharf) . . . »aber
Sie wissen, unser Handel und Wandel liegen noch arg danieder. Also kurz
und gut, der kleine Prinz will unsere Stadt mit Gebiet bis zum
Siebengebirge und bis Elshausen samt Bonn und Gladbach als eigenes
Gebiet käuflich erwerben.«
Die Münder der Großstadtvertretung blieben weit offen, daß die
Rachenmandeln sichtbar wurden und nur ein kleines, scharf gepfauchtes
»Unmöglich« zur Luft konnte . . . . . . . .
Das scharlachene Auto sauste unterdessen quer durch das verwüstete
Deutschland mit 200 km Stundengeschwindigkeit. Der Prinz und Claire
schauten etwas höhnisch über die Schlachtfelder des alten Europa. Der
Prinz hatte seine mädchenhaften, dünnen Beine zu sich auf den Sitz
gezogen und die rechte Hand spielte mit dem Haar seiner wundervollen
Schwester, himmelblaue Augen brannten wie traurige Sterne aus dem
durchsichtigen Gesicht, hinter dem noch immer das Fieber wohnte, in die
Gegend, in der der Frieden mit dem Grausen rang. »Ich werde es bekommen
. . . Ich muß.«
»Bedenke, eine Großstadt . . . du bist krank . . . wie kamst du auf
Deutschland? Denke, Paris, London, dort ist Leben . . .«
»Ich habe dir doch oft von der Nacht erzählt, wo unsere Inga starb. Ich
bin nicht mehr der dumme Prinz . . . ich bin . . .« Sein Mund wurde
gelangweilt und er zog die Vorhänge herunter. »Noch eine Stunde bis zur
Haupt- und Residenzstadt.« Das Schwesterlein öffnete den Pelz, unter dem
sie nackt war, und gab ihrem Körper die hingebende Linie. Sie legte sich
sanft zu dem Bruder, dessen Augen für Momente unfiebrig und ein wenig
glücklich wurden. Eine Zwerg-Angorakatze, die sich schläfrig-schnurrend
erhob, vervollständigte die Familienszene . . . . . . . . . . . . . . .
. . . .
Der Prinz überfuhr drei Personen, bevor er zum Hotel Adlon gelangte.
Nichtsdestoweniger wurden noch drei Leute im Gedränge »Unter den Linden«
erdrückt und die Polizei hatte alle Hände voll zu tun, die Ordnung
aufrecht zu erhalten. Die Aufregung in der ganzen Stadt stieg noch, als
man erfuhr, der Kaiser habe sich entschlossen, seine Hoheit den Prinzen
Alvio di Santa Rocco noch heute zu empfangen. Der Prinz selbst war heute
nichts weniger als erregt, er ging oben im Salon des Hotel Adlon, eine
Zigarette nach der andern rauchend, etwas träumerisch auf und ab,
streichelte bald Claire, die kandierte Früchte essend am Sofa lag, bald
das Katerchen, er pfiff den Gassenhauer der Saison und schüttelte mit
kindlicher Gebärde seine schwarzen Haare. Dann fuhr er fabelhaft elegant
und liebenswürdig durch die Menschenmenge zum königlichen Schloß. Hinter
ihm ritt ein livrierter Affe, der 10-Markstücke in das heulende Gedränge
warf. Im königlichen Schloß blieb Alvio nicht lange. Er war direkt in
die Privatgemächer geführt worden und niemand hatte gehört, was dort
verhandelt wurde. Nach zehn Minuten verließ er zu Fuß das Schloß. Der
Kammerdiener fand über dem Schreibtisch den alten Kaiser mit Tränen in
den Augen, noch die Feder in der Hand, verstört und doch wieder
begeistert wie von einem ganz unbegreiflichen Ding. Dies erfuhr aber
niemand. Ganz Berlin, ganz Deutschland, die ganze Welt wurden aber nach
einer halben Stunde von der Kunde in Erstaunen und Bestürzung versetzt,
daß die Stadt Köln samt Gebiet mit Bonn und Gladbach um eine Milliarde
Dollar in den Besitz und die Herrschaft des Prinzen Alvio di Santa Rocco
gelangt sei. Da hatte damals kein Parlament drein zu reden, denn das war
seit den Junikämpfen 1925 endgültig abgeschafft. Nur den Zeitungen
konnte man es nicht verbieten, über den Stammbaum der Santa Roccas zu
schreiben, ihre Beziehungen zu den europäischen Höfen. »Wie die Santa
Roccas zu ihrem Gelde kamen,« von Ignotus, »Alvio der einzige Erbe?«
usw. Und Rechtsgelehrte schossen vereint mit gewöhnlichen Historikern
wie Pilze aus der Erde, um die staatliche Stellung von »Libertia« von
vornherein festzunageln . . . . . . .
In Köln wollte man, als die ersten Nachrichten eintrafen, das Domhotel
anzünden. Die ganze Stadt drehte sich wie ein blödsinniger Gärungsstoff
um und um, strömte auf die Gassen. Die Studentenschaft von Bonn zog,
Fackeln in den Händen, vor das Bürgermeisteramt, Aufklärung heischend.
»Die Wacht am Rhein«, »Deutschland, Deutschland über alles« scholl aus
allen Straßenecken zum blutigen Abendhimmel, der Dom ließ seine Glocken
erklingen, von dem Gürzenichbalkon sprach ein roter Fleischhauer und
Patriot schnarrend auf den Rathausplatz hinunter. Nur das Militär und
die Polizei waren nirgends zu sehen. Es wurde langsam Nacht. Um zehn Uhr
versuchten fanatische Arbeiter, Studenten, Bürger, schwarz-rot-gold im
Herzen und Antlitz ins Domhotel einzudringen. Die Pforten waren
verschlossen, man begann dagegen zu rennen, die Fenster einzuhauen -- da
donnerte plötzlich eine Salve in die Reihen der Massen -- man wußte
nicht, woher -- niemand war zu sehen -- sie schien aus den Wänden des
schloßähnlichen Hotels zu kommen, die ganz eigentümlich porös aussahen.
Dann noch eine und wieder und wieder. Ein hundertstimmiges Gebrüll warf
sich über den Platz. Beine, Arme, Köpfe wirbelten sich zum Knäuel,
entballten sich in Blut und Geschrei und dann waren nur mehr Leichen am
Domplatz, darüber der Mond hinter gotischem Zierrat schwermütig und
deutsch aufstieg. Eine Arbeiterhand ballte sich, sank zurück, es ward so
still, daß man aus dem Hause ein Schluchzen hörte, das klang, als wäre
es nicht von dieser Welt. In den andern Stadtteilen wurde man noch
aufgeregter auf die Nachricht von dem Sturm und seiner eigenartigen
Abwehr. Man schrie nach Waffen, klopfte an Kasernen, die noch immer
verschlossen blieben. Es wurde elf, zwölf -- da, dreizehn Minuten nach
Mitternacht verstummte auf einmal das Gebrüll der Bürgerkehlen -- vor
dem Firmament, das ganz weiß wurde, erschien ein schwarzes Kreuz, das
bald verschwand. Die stahlglühende Weiße blieb und ließ vor den Augen
der angstgebärenden Mütter und schlotternden Männer einen großen Vogel
erscheinen, der sich als eine Etrich-Taube erwies und bis hundert Meter
über die Stadt hinabschwebte. Darin saß der Prinz mit Claire und spielte
mit den Scheinwerfern. Hierauf senkte sich ein Blütenregen von Gold,
Silber und Banknoten in die Taschen der Zugreifenden. Es ging noch
tiefer -- kein Schuß fiel -- kein Pfuiruf erscholl, als Alvio jetzt, nur
für die Nahstehenden vernehmbar zu reden begann. Die ihn aber hörten,
wurden ganz weich und gerührt. Sie gingen in ihre bürgerlichen Betten
und in ihren geschlossenen Reihen schritten mitten unter ihnen, lebendig
und nur etwas bleich, die am Domplatz gefallen waren . . . . . . . . . .
Vierzehn Tage hindurch blieb alles ruhig. Man sah den blassen Prinzen
mit seiner Schwester häufig auf der Gasse, in Hospitälern, in Kinos, wie
er zu den Leuten aus dem Volke redete, weich und mit fremden Akzent. Das
Domhotel war geräumt worden, sie lebten privat in einer schönen Wohnung
in der Kyffhäuserstraße. Die Gesellschaft riß sich um die beiden.
Einladungen wurden zwar angenommen, jedoch kam der Prinz zu einem Ball
oder zu einem Jour nur immer auf eine Viertelstunde, sprach wenig und
gemessen -- fast traurig. Nichts schien sich an der bestehenden Ordnung
geändert zu haben, deutsches Militär, deutsche Briefmarken. Am 15. Tage
lief durch die Zeitungen Europas ein Gerücht, man habe bei den
Scilly-Inseln in der Luft riesige Ballons von kastenartiger Gestalt in
großer Menge von Südwesten daherkommen gesehen. Bald meldeten London,
Ostende, Brüssel ähnliches. Am selben Tage wurde die gesamte Garnison
von Köln und Gebiet auf dem großen Exerzierplatz zusammengerufen. Um ½4
Uhr fuhr der kleine Prinz im scharlachroten Auto vor. Er nahm seinem
Diener ein kleines Sprachrohr aus der Hand, bestieg einen Schimmel und
ritt die Reihen ab. Er trug einen gewöhnlichen Reiteranzug und schaute
jedem ins Herz. Am Ende angelangt nahm er sein Sprachrohr aus der Tasche
und redete leise und weich hinein -- es hörte es aber jede brave,
niederdeutsche Soldatenseele -- »Soldaten, der Krieg ist Sünde. Mein
Reich ist ein Reich des Friedens und der Zufriedenheit. Geht zu euren
Frauen, die auf euch warten, und lebt euer Leben dem Glück, das auf euch
harrt. Lebt wohl. Und jeder bekommt für Säbel und Uniform, die er am
Gürzenich abgibt, 1000 Mark.« Wie Alvio »Frauen« sagte, wurde seine Hand
beweglich und fuhr zitternd durch die Luft, das Wort wurde in den Hirnen
der Uniformierten ganz lebendig und sie fühlten etwas Weiches, das ihnen
ums Herz ging. Dann stoben sie auseinander. Nur _einer_ holte sich die
1000 Mark nicht: Friedrich Bachmann, der fünfzigjährige, geschlechtslose
Feind dieser Welt. Am selben Abend gingen bei Deutz 800 Kastenballons
nieder, deren jedem 800 schwarze Männer entstiegen. Sie hatten riesige
Hände und kleine Köpfe. Der Prinz fuhr sofort zur Landungsstelle, Claire
war mit ihm. Er lachte über das ganze Gesicht, ließ sich von den 800
Führern Rechenschaftsberichte ablegen, die er zerknüllt zu Boden fallen
ließ, drückte jedem vertraulich und selbstverständlich die Hand. Am
Schalter aller Bahnhöfe von Köln und Umgebung wurden jedoch an diesem
Abend die letzten Fahrkarten nach dem »Auslande« ausgegeben. Denn am
nächsten Morgen prangte in handgroßen Lettern ein Manifest an allen
Straßenecken, jeder Mensch hielt es in Händen, lachte darob, weinte ein
wenig, schlug sich die Schenkel. In jedem Restaurant lag es auf jedem
Tisch, jedes Lebewesen wurde von einem erdrückenden Gemisch aus Geilheit
und Traurigkeit befallen, die zum Ausbruch drängten. Das Manifest
lautete also:
»Bürger, Menschen, Männer und Frauen!
Ihr werdet leicht einsehen, daß die bisherige Staats- und Lebensform,
die diese Welt in ihrer Gänze beherrschte, der größte und schrecklichste
Irrtum war, den ein Teufel ersinnen konnte. Ihr werdet es um so leichter
können, da ihr ja in vorhergegangener Revolution, in Kriegsgreuel an
Blut, Mord und Unbehagen, die noch in euren Hirnen haften, Beispiele und
Belege, letzte Konsequenzen dieser Raison vor euch habt. Weniger leicht
werdet ihr wissen können, wie aus diesem Wust, dieser Maschine hinaus.
Nun, der Angelpunkt des Leidens ist die Unter- und Überordnung, die
Pflicht, das Muß. Ich sehe gar nicht ein, warum nicht jeder tun soll,
was er will. Ich stelle euch in meinen fast hirnlosen, aber gutmütigen
Sklaven die Arbeitsmaschine vor, die euch schneller und besser Luxus und
Lebensunterhalt verschaffen wird, als ihr es könnt. In eurem Herzen
werden aber Jahrtausende lang an das Rad gebundene Energien frei. Mein
Vermögen, mein Geld ist imstande, euch zu dem zu führen, das euch
dienenden, schwitzenden Menschen unerreichbar und darum Sünde schien:
zur Schrankenlosigkeit. Ihr habt Jahrtausende hindurch, seit ihr zu
eurem Schaden den Tierleib verlassen, an unerfüllten Wünschen laboriert.
Seht, ich bringe euch Erfüllung aller eurer Wünsche. Laßt euren Trieb
Gesetz werden, es wird euch nicht gereuen. Denn daß ihr nicht hungert,
dürstet oder friert, dafür sorge ich. Umarmt eure Frauen und die eurer
Nächsten, mordet, brennt, stehlt, zerstört -- aber bitte, nur nicht
diese jahrhundertalte Langeweile und Lüge. Ehrlichkeit ist die Tugend
der neuen Religion, die ich euch bringe. Sucht sie in Bibliotheken,
Betten, Gotteshäusern, Turnsälen, jeder als sein, aber nur sein Herr.
Ihr Frauen aber, denen die größte Lust zu schenken gegeben wurde, öffnet
weit eure Arme, denn eine ganze Welt will darin vergessen, wie dumm sie
war.« Dann kamen noch einige technische Anordnungen, daß man
folgerichtig sich von der andern Welt abtrennen müsse, daß jedem so und
so viel Arbeitsmaschinen zur Verfügung stünden, daß Alvio der Nachfolger
Christi sei. Am Schlusse hieß es dann: ». . . und jeder hat sich wie in
besserer Urzeit in gleicher Weise sein Leben selbst zu machen, Frauen
selbst zu holen und nur die Arbeitslosigkeit trennt ihn von Königen und
Göttern. Sie müssen herrschen und führen. Ihr sollt nur _leben_. Lebt!«
Da lief, wie gesagt, manche Brille an, manche Züge verfinsterten sich
unwillig: so ein Wahnsinn . . . Doch es bohrte sich auch bei Mann und
Frau hie und da die Hand fester in eine gepolsterte Fauteuillehne: ». .
. wenn, ja wenn -- --.«
Am selben Nachmittag -- es war Juni und schrecklich heiß -- stellten
sich die Arbeitsmaschinen -- Neger von dem Gute auf Florida -- bei arm
und reich in gleicher Weise ein -- am selben Nachmittag ging der Prinz
mit Claire durch die Straßen und forschte in den Herzen. Am nächsten
Tage starben in Köln und Umgebung dreitausend Personen am Schlagfluß. Zu
tief war in ihnen der Wurm der Pflicht gesessen und hatte das schöne
Gebäude benagen wollen, das ihnen der Satan gebaut.
Die ganze Welt blickte nun auf die Rheinlande -- ein Gemurmel der
Mißbilligung durchzog die Presse, man sprach von »Irrsinn«,
»Bubenstreichen«. Auf einmal konnte man sich nicht mehr in Verbindung
erhalten, da es hieß, der Verkehr mit dem Lande »Libertia« sei technisch
unmöglich. Viele Leute verlangten jetzt bewaffnete Intervention.
In der Stadt Köln ereignete sich aber in den nächsten 16 Tagen noch
immer nichts Erwähnenswertes. Allerdings auffallend erschien ein
gewisses zwangloseres Benehmen der Einwohner. Tanzunterhaltungen,
Sommerfeste, die gegen zwei Uhr in ein wüstes Getümmel verliefen, dem am
nächsten Tage Duellforderungen, Selbstmorde folgten, gehörten nicht mehr
zu den Seltenheiten. Dabei war die Laune der Bevölkerung eine übertolle
zu nennen, die Sterblichkeit ging zurück, die Neger funktionierten
tadellos. Es standen jetzt häufig Gewitter am Himmel, die sich oft in
Hagelschauer entluden, wobei rötlich-weiße Körner niedergingen. In der
Nacht dann, wenn die keuschen Sterne sich wieder verdutzt blicken
ließen, schlichen kleine Gestalten, wie Kaulquappen, an den Häusern hin,
hinauf die Treppen, schlüpften durch das Schlüsselloch, setzten sich in
die armen Hirne der Schläfer. Sie schienen dem Prinzen ganz ferne zu
stehen und auf eigene Faust zu operieren. Der war schon am 17. Juli mit
seinem Palaste bei Brühl fertig geworden. Er wurde bei allen Redouten
und Maskenfesten gesehen, als rosaroter Page verkleidet reizte er durch
sein sinnloses Trinken und Küssen die Gesellschaft zu einer ungewollten
Ausschweifung, die in der Gestalt von Alkoholvergiftungen in den besten
Familien unpassende Blüten trieb. Die Frucht schien reif. Vielleicht
durch den Widerspruch der Geistlichkeit, die noch immer gegen die
Arbeitslosigkeit wetterte, angeregt, erschien eines schönen Julisonntags
nach dem Hochamt im Dom Alvio auf der Kanzel und sprach zum Volk. Er
begann: »Jedem seine Meinung in Ehren . . .« Aber jetzt wäre es Zeit. Er
lüde sie alle zu sich aufs Schloß. Dann stieg er hinunter und ging
geradeswegs in der Menschenmenge auf Dr. Halb zu, den schönsten Mann der
ganzen Rheinprovinz. Der Prinz lächelte und klopfte dem gewesenen
Ministerialbeamten auf die Schulter. Die Leute wurden schon aufgeregt
und drängten sich warm und fest aneinander -- in ihren Mienen standen
Angst und Würdelosigkeit. Hände tasteten und griffen, Füße wollten
zueinander, durch den gewaltigen Raum schlich auf einmal nur mehr ein
dummes, armseliges »Dominus vobiscum . . .« -- dann sprangen die großen
Türflügel auf. Die Orgel begann einen Two-step zu spielen, die Priester
am Altar erstarrten, die Menge drängte gegen das Tor. Der Platz draußen
war rosengeschmückt und durch die Sonnenglut gingen zwei Herren im
Jackett auf ein bildschönes Mädchen zu, das ihrer augenscheinlich
harrte. Der eine Herr machte eine einladende Geste mit der rechten Hand.
Hierauf flammte in der schwarzen Masse der Gläubigen ein Schuß auf, der
ziemlich gewaltsam von den gotischen Hochsäulen zurückgeworfen wurde,
man sah, wie einer eine Frau aufhob und forttragen wollte, die Altäre
zitterten. Das Chaos der Gemeinsamkeiten brach los. Scham war tot und
die lebendigen Rosen waren Brautbett der Fürsten und Gemüsemädchen.
Inzwischen fuhr Claire mit dem schönen Dr. Halb in himmlischer Nacktheit
in das Schloß der Lüste. Der blasse Prinz ging aber am Domplatz auf und
ab, auf und ab und seine Haare hingen feucht in die Stirn. Er konnte das
Begattungsgebrüll nicht vertragen und hatte sich Wattestöpseln in die
Ohren gesteckt. Als die Gräfin Balthes auf ihn zurannte -- der Rock
zerrissen und um den Mund Blut -- ließ er sich in ihr Haus zerren. »Mich
hat noch keiner gehabt -- du -- du --.« Ihre Lenden boten sich ihm
schamlos dar. Er ging zum Erker und schaute zum Domplatz hinunter. Er
grinste: »Ich habe Fieber.« Und dann: »Liebst du mich?« Die Gräfin
sprang ihm an den Hals. Er wurde ganz sanft. Eine Wolke war vor die
Sonne gezogen. Aus dem Nebenzimmer -- oder war es über ihnen? -- klang
Gepolter umfallender Sessel, Klirren von Gläsern, Ächzen. Am Domplatz
floß Blut. Ein Haus in Deutz hatte zu brennen begonnen, und schwarze
Maschinen trugen Verwundete, Bewußtlose ins Spital. Der Himmel war gelb
vor Weh und Geilheit. Der drinnen streichelte höflich und erlöserhaft
der Gräfin Haar und beugte sich zu ihr. Er flüsterte ihr ins Ohr: ». . .
und hätten der Liebe nicht.« Er unterließ es auch nicht, sie dabei im
Nacken zu krauen. »Du -- weißt du, meine Schwester ist die Schlange.«
Worauf die Gräfin aufheulte und schwarz im Gesicht ward. Sie krümmte ein
wenig ihre aristokratischen Fingerspitzen und war tot . . . Der Prinz
bedeckte sie mit einem Tuch und fuhr mit seinem Auto nach Brühl. Dort
erschoß er den schönen Dr. Halb, wie er gerade aus Claires Schlafzimmer
kam. Er selbst legte sich zu ihren Füßen hin und schlief bald ein. Sie
aß kandierte Früchte und lächelte lieblich wie ein von Gott besoldeter
Engel . . . Alle Hirne hatten sich anders eingestellt, die Temperatur in
aller Adern stieg auf 39,6°. Das Banner der Zügellosigkeit flatterte
über die Dächer. Daß Handel und Industrie nicht lahmlagen, hatte man nur
den trefflich funktionierenden Negern zu verdanken, die stets an ihrem
Platz waren. Sie waren unentbehrlich. Fast wie Alvio, der mit dem
scharlachroten Lieblingsauto von Ort zu Ort, von Gasse zu Gasse fuhr. Er
stieg aus, sprach da und dort ein Wort, legte den Frauen die Hand auf
die Augen, daß sie weinten. »Also übermorgen«, sagte er jedem, »das
Fest. Ihr kommt doch?« Und die verwirrt schlagenden Herzen, die Hirne,
in denen der Wahnsinn saß, schnappten ein »Ja.« Denn der Bann, der von
ihm ausging, hielt sie alle. Manche -- besonders Professoren, ehemalige
Offiziere und andere Ehrenmänner -- begannen zu zittern, und aus allen
ihren Poren brach Schweiß. Die Geistlichkeit hatte sich scharf gegen ihn
gewehrt. Er aber versprach Messen, ließ goldene Kruzifixe, Meßgewänder
in die Pfarreien tragen, daß sie schwiegen. Im niedern Volke hatte die
Syphilis scharf um sich gegriffen. Der Prinz ging zu jedem Kranken hin
und siehe -- man wurde gesünder, fast gesund, wurde weiter gepeitscht.
Tag und Nacht. Haus und Gasse und Herd und Kirche und Bett waren eins.
Wo man müde war, schlief man ein. Das Pflaster war weich und gab nach,
die Luft zart und schwül. In der Nacht hing ein Gestirn am Himmel, hell
wie die Sonne, nur viel röter. Am 38. Juli fand unter Massenbeteiligung
das Hochamt der Lust im Kölner Dom statt. Claire vereinigte sich mit dem
Prinzen, die Erde dröhnte. Sonst schien der Kosmos keinen entsprechenden
Anteil zu nehmen. Da war das Ausland schon bedeutend lästiger, das
telegraphisch sich erkundigte, anklopfte an die Türen von »Libertia.«
»Wir wollen ihnen das Evangelium des Lebens bringen«, sagte der schlanke
Keppel, Privatsekretär des Prinzen und Two-steptänzer.
»Noch ist es nicht an der Zeit. Nach dem Fest.« »Wo willst du übrigens
so viel Tausende in diesem Schloß bewirten?« »Warte . . .«
Ja, im Schloß herrschte eine fieberhafte Erregung. Alles wurde mit
Blumen, Düften und Tieren geschmückt. Der blasse Prinz ging oft tagelang
nicht aus seinen Zimmern. Eines Tages hörte seine Mutter, die jetzt
heiterer geworden war, ihn seufzen. Sie selbst durfte nicht eindringen,
darum schickte sie Claire hinein. Claire -- ja, kennt ihr Claire? --
manchmal ist sie euch sicher schon begegnet, Claire, die Schlanke,
Claire mit den verschleierten Augen, Claire, die Schlange -- nun, Claire
bog sich, als sie bei der Tür stand, ein wenig rückwärts und der Prinz
lächelte wieder und nahm sie fröhlich hin. »Ach, wär' ich geblieben doch
in meinem Garten« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. . . . . .
In dem Lande der Wollust rüstete sich unterdessen alles zum großen Fest.
Kinder, die damals zur Welt kamen, wuchsen in Stunden so groß, wie sonst
in Jahren. Und nur einer ging seines Wegs: Bachmann, der die Welt haßte.
Vor dessen Haus fuhr aber zwölf Stunden vor Beginn des Gelages Prinz
Alvio vor und erwürgte ihn höchsteigenhändig . . . . . . . . . .
Der Palast war in drei Trakten erbaut. Die beiden Seitentrakte waren für
die Privatgemächer bestimmt, in der Mitte erhob sich das goldene Haus
des Festes. Sein Grundriß war ein Dreieck, aus sich verjüngenden,
viereckigen Sälen gebildet. Der Rest bestand aus unregelmäßigen Gängen
und Gemächern, die stets verschlossen blieben. Am Vorabend des großen
Tages erschien ein feuriges Transparent am Nachthimmel, auf dem stand:
»Alle, die ihr _gesund_ seid, kommt!« Am nächsten Tage startete man nach
Brühl hinaus. Im Aeroplan, im Auto, zu Fuß, im Marathonlauf. Die Frauen
von den Männern getragen, geführt, geschleppt. Ihre Lippen höhnisch und
siegessicher. Die Negermaschinen waren zurückgeblieben, um die Städte
und Kranken zu bewachen. Als man um ½6 vor Brühl anlangte, fuhr der
Menge schon Alvio und Claire entgegen. Der Palast würde erst um 2 Uhr
nachts geöffnet. Dann bekam man ein Fußballmatch zu sehen, die
siegreiche Mannschaft wurde bei 2:1 von der Menge zertrampelt. Um 8 Uhr
kam von einem der benachbarten Hügel Musik, vorher noch nie gehörte,
unfaßbare, den Begierden zu sanft -- man schrie, warum hat man uns
hierher gebracht? -- einen Rechnungsrat traf vor Ärger der Schlag. Doch
mußte man sich notgedrungen beruhigen, da um 9 Uhr alle, wo sie saßen
und lagen, friedlich einschliefen. Der Prinz -- im Frack, die Orchidee
im Knopfloch, -- stieg mit Claire zwischen den Körpern umher und
kitzelte dicke Beamtensgattinnen. Um 2 Uhr erwachte man, sah die Türen
offen und fühlte sich merkwürdig rein. Man betrat den Palast. Der erste
Saal war wie ein Garten -- große, gelbe Sonnenblumen, eine Märchenmusik
-- Katzen, Papageien, Löwen, Tiger und Schlangen, alles furchtbar
friedlich und harmlos. Ein kleines Mädchen, das erst vor sechs Stunden
zur Welt gekommen war, rief: »schau, wie das Paradies.« Die Menschen
benahmen sich auch etwas ungeschickt, zertraten Blumenbeete, flirteten
blöd herum und wollten schließlich tanzen. »Tanzen, ja, tanzen bitte!«
Die Mäderln drängten sich um den Arrangeur, der grün und zwerghaft war.
»Wo ist der Prinz?« »Der Prinz und seine Schwester warten auf Sie im
letzten Saal. Kommen Sie nur.« Der nächste war schon etwas salonhafter.
Einige waren allerdings zurückgeblieben und sprachen mit kindlichen
Zwergantilopen, aber die andern -- ich bitte, das war ein flottes
Gehüpfe. Es wurde da gleich etwas heißer. Der feurige Cymbalwalzer --
bald war die frühere Temperatur erreicht. Und dann weiter und weiter von
Saal zu Saal. Hinter den Vorwärtsstürmenden wurde es dunkel und ging der
blaßmachende Tod. Verwandlung auf Verwandlung um sie, in ihnen. Da waren
sie nackt und nur ein mattes Holzfeuer vom Kamin schien über stöhnende,
verschlungene Glieder, aus der Luft kamen flüsternde Stimmen. Dort
rasten sie zwischen überhellen Spiegeln dahin, fingen sich -- in
Tierfelle gehüllt -- Lichtkaskaden, schrille Schreie -- und dann sahen
sie sich plötzlich auf dem Parkett des letzten Saales.
Die Mauern waren von Muscheln, und es brannte ein einziger Luster voll
Kerzen. Sie sahen sich als Nonnen, und dort die Herren hatten einen
Frack an, statt der Blume aber eine riesige Kreuzspinne im Knopfloch.
Gemessen die Bewegungen und fast steif. Still. Still. Die Musik schwieg,
man starrte sich an. Still. Es waren hier nur mehr wenige.
Repräsentanten, schöne, kraftvolle Männer, süße, schlanke Frauen. Ein
aschblondes Mädchen rief: »Wo sind die andern?« Still. Ganz leise gingen
die Tore hinter ihnen auf. Alles lag hellblau in der Reihe der Säle da.
Still. Sie drehten sich wieder. Die Kreuzspinne begann zu kriechen und
kroch, wenn sie sich faßten, den Frauen unter das schwarze Nonnengewand.
Von oben tropfte Blut, das vom Himmel kam, denn das Dach war auf einmal
fort und alles war leer. Still. Der Prinz trat unter sie. Er hielt eine
kurze Ansprache. Um seinen Mund ringelte sich eine Schlange. Er war sehr
schrecklich anzuschauen, denn seine Augen waren nur weiße Lichter.
Hinter ihm kam es jetzt schwarz und unermeßlich durch die Säle des
Todes, mit großen Händen. Ein klirrendes Orchester aus Blech und
Furchtbarkeit wurde vernehmbar. Die Hände wollten zupacken, der Prinz
grinste. Der Schrecken trieb die Menschen durcheinander -- jagte sie
wieder zusammen. »Hier -- du --« Die Nonnengewänder flogen, die Spinnen
hatten sich auf die Frauenbrüste gesetzt und sogen Blut, die Köpfe
wuchsen ineinander. Die Neger warfen sich unter sie wie mähende Sicheln.
»Du -- nein -- ich will dich -- dich -- nimm mich -- trag mich fort --«
Die gelben Augen der Schwarzen waren schon nah. . . . da rief eine große
und traurige Stimme: »Ich bin der Weg, die Wahrheit und . . .« Der Tod
trat in den Saal . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. . . .
Das Weltbewußtsein rüttelte sich nach einiger Zeit schweißbedeckt aus
seinem Fiebertraum und suchte den Satan weiter in Erdbeben,
Eisenbahnunglücken und Gehirnkrankheiten, nur nicht in der Liebe.